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Full text of "Zeitschrift für Philosophie und philosophische Kritik"

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Bois, GOOgle 


B.Per. 





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Zeitſ chrift 


Philoſophie un philoſophiſche 
Kritik, 
im Vereine mit mehreren Gelehrten 


gegründet 


von 


Dr. 3. H. Fichte md Dr. H. Ulrici, 


redigirt 
. von 
Dr. phil. Auguft Krohn, 
Profeffor der Pphiloſophie zu Kiel, 
und 


Dr. phil. Falkenberg, 


Vreichor der Philofophle in Yena. 


Reue Folge 
Schsundadhtzigker Sand. 


Salle, 
€. E. M. Pfeffer (R. Strider) 
1885. 


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Inhalt. 


Die Grundbegriffe der Roral. Die Realität der mora- 
tifhen Handlungen. Bon Dr. Julius Ratban. . . . 
Bille oder Phantafie? Kritiſche Parallele zur Würdigung der 
Bhiloſophie A. Schopenhauer's. Bon 3. Frobfhammer. . . 
Barum hat der Raum drei Dimenfionen? Bon Jul. 
Diderleiin. . 2 oo 
Das Unendlide in der Ausdehnung. Sein Begriff und feine 


Gtägen geprüft von C. IH. Ifentrahe, Pfarrer... . . . 
Rraufe’s Aeſthetik. Bon Eduard von Hartmann . . . 
Recenfionen. 


Rannd, P.: Die Lehre des Arioteles von der tragiſchen 
Katyarfis und Hamartia. Karldrube und Leipzig. Reuther. 
1883. 86 &. Bon Dr. Bernhard Ritter... ... 

Suthe, Berner: Begriff und Aufgabe der Metaphyſit 
(oogle) des Arioteles. Reippig, Teubner, 1884. 4° 
15 Geiten. Don Demfelben . 2 2220 ren 

Dr. Alois Geigel, Profeffor der Medicin an der Univerfität 
Würzburg: Weber Wiffen und Glauben. Leipzig. C. 8. 
W. Bogel, 1884. 82 Seiten. Bon Dr. G. Reudeder. . 

Rew eingegangene Shriften . . 22 2 2 200 
Bibliographie »- oo 20er 


Das Unendlice In der Ausdehnung. Geln Begriff und feine 
Stügen geprüft von C. Ih. Ifentrahe, Pfarrer. (Schluß.). 
Ueber den Zufammenhang Boileau’s mit Descartes. 
Bon Dr. Karl Heinrih von Stein, Privatdozent der Philos 
foppie an der Univerfität Berlin... oo 222 20.. 
Der protagoreifhe Senfuallsmus und feine Um- und 
Fortbildung durd die fofratifge Begriffsphilofophie. 
Don Dr. EEE en 


Seite 


130 


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135 
140 
140 


145 


Datzeu d Google 


Die Grundbegriffe der Moral. 
Die Realität der moralifhen Handlungen. 


Don 
Dr. Zulins Nathan. 


Es if eine merkroürbige, aber dennoch vielfach beftätigte 
Thatſache, daß in denjenigen Epochen der Geſchichte der Menſch⸗ 
heit, welde in Bezug auf die Entwidelung der menfchlichen 
Intelligenz, des Gewerbes und der Technik, des wiſſenſchaftlichen 
Borfchens und Denkens zu ben glänzenbflen gehören, felten bie 
moralifhe Entwidelung der Rationen ſonderliche Fortſchritte 
gemacht hat, ja nur zu oft muß der Hiftorifer Fonftatiren, daß 
gerade in nen Zeiten ber wichtigften und epochemachendſten 
Erfindungen und Entdedungen die nationale Entfittlihung ihren 
Anfang nimmt. In einem engen, leicht erflärlihen Zufammen- 
bange ſteht mit diefer Thatfache die Beobachtung, daß auch 
die philofophifche Moral während jener Zeiten wenig bearbeitet 
wird, ober wenn bad Leptere dennoch der Fall ift, Richtungen 
fich geltend machen und Anhänger finden, bie verſteckt oder offen, 
bewußt oder unbewußt die Exiſtenz, die Realität moralifcher 
Handlungen beftreiten, fofern dieſe legteren als fpecifiih von 
den natürlichen Handlungen verſchieden befinirt werben. 

Der Moraliſt hat daher, wie der Metaphpfifer die Vers 
pflihtung die Realität des Objects zu beweifen, bevor er 
es unternimmt basfelbe zum Gegenſtande feiner Forſchung zu 
nehmen. 

Der berühmte Naturforfcher Brehm ſtieß auf feiner Reife 
durch Abefiynien auf eine Herde von Pavians, die von Hunden 
verfolgt wurden. Ein Meiner junger Pavian war beim Paſſiren 

eitfär. f. Fhlfof. u. vbilol. Aritit. 00, Ei. 1 


2 Julius Rathan: 


eines Thalabhanges auf der Flucht allein zurüdgeblieben und 
wurde von ben wüthenden Hunden umringt. Da flürzte plöplich 
-auf den Hülferuf des jungen Thieres ein alter, ftarfer Pavian 
ben bereitö erflommenen Thalabhang herab und trug mitten 
durch die belfenden Hunde hindurch das junge Thier von bannen. 
Darwin will diefe Handlung, die im Thierreiche von Müttern 
ihren gefährdeten Jungen gegenüber gewiß nicht fo felten voll⸗ 
führt wird, als Heroismus bezeichnen, und fie verdiente unter 
allen Umftänden dieſe Bezeichnung, wenn die unbewiefene Vor⸗ 
ausfegung richtig wäre, daß die Handlung an fih, bie aclio 
losgetrennt von ihren Motiven und Zweden das Welen des 
Moralifhen ausmacht. Daß diefes aber keineswegs der Hall 
if, dafür if jeme angeführte Thatſache ſchon ein indirecter 
Thatſachenbeweis. Doch man fönnte mir einmwenden, daß ich 
ebenfalls eine unbewieſene Vorausfegung mache, fobald ſich 
nicht ſtreng erweiſen läßt, daß die Natur einer Handlung nie⸗ 
mals dieſelbe zu einer moraliſchen mache. 

Wenn die Natur einer Handlung wirklich das Weſen des 
Moraliſchen begruͤndete, welche Handlungen muͤßten dann wohl 
unter den Begriff des Moraliſchen ſubſumirt werden? Müßte 
ein Betruͤger, welchet durch Boͤrſenluͤgen Millionen ſich ers 
ſchwindelte, nicht moraliſch handeln, wenn er tauſend Mark 
einem der Verzweiflung nahen Familienvater ſchenkt? Offenbar 
wäre er in dieſem Falle ein moraliſch Handelnder. Wäre der 
Dieb nicht ein ehrliher Mann, der mit feinem Eomplicen die 
Beute zur Hälfte theilt, obwohl er der ftärkere if und eine 
Strafe ihn nicht erreichen fann, weil er fih im Auslande bes 
findet? Gewiß er müßte als ein grundehrlicher Mann bezeichnet 
werden. Karl Moor hätte Recht in diefem Falle ſich jammernd 
zu beflagen darüber, daß Räubertreue, Räubertapferkeit, Räubers 
heldenthaten nicht als ſolche anerkannt werben von den tintens 
kleckſenden Philiſtern. 

Wer wird angefichts ſolcher Conſequenzen noch zweifeln, 
daß die Natur einer Handlung nie das Weſen des Moraliſchen 
ausmachen koͤnne? Gewiß Keiner. Doch wenn die Handlung 


Die Grundbegriffe der Moral. 3 


an ſich weder ald moralifh noch als unmoralifch bezeichnet 
werben fann, fo ift es vielleicht ber effectus, die Wirkung, 
welche bie Handlung als moralifc kennzeichnet. 

Nehmen wir es an, machen wir den Sag zum Princip ber 
Moral, daß jede Handlung, deren effectus das Glüd Anderer 
erhöht oder demſelben nicht ſchadet, auf Koften bes eigenen 
Stüdes moralifd) genannt werden müfle. Handelt in biefem 
Sale ter Börfenfchwindfer, welcher durch fein Geſchenk eine 
ganze Familie vom Untergange rettet, nicht moralifh? Offen» 
bar Ja. Die Ratur der Handlung und ber effectus koͤnnen 
fomit das Weſen des Moralifhen nicht begründen. Es giebt 
feine Handlung, die für ſich betrachtet oder um ihrer Wirkung 
willen moralifch genannt werben dürfte ohne Gefahr zu laufen 
die Confequenzen der petitio prineipii unter allen Umftänden 
ablehnen zu müflen. Kant behauptet zwar, daß es Handlungen 
reſp. volitiones gebe, die an ſich und daher unter allen Ums 
ſtaͤnden unmoraliſch feyen, doch das angeführte Beifpiel „lügen. 
haft verſprechen“ widerlegt feine Behauptung. Wenn ein Arzt 
feinem Batienten abfichtlic die Unwahrheit fagt, weil er ſicher 
weiß, daß die Angft des Kranken die mögliche Heilung in Brage 
ſtellt oder zum wenigften das Ietale Ende frühzeitig herbeiführt, 
wer wird biefen Act ald Unmoralität bezeichnen? If es nicht 
gerade die Pflicht des Arztes das Leben feines Patienten zu 
erhalten, zu verlängern, unb nicht geflifientlich zu verkürzen? 
Man kann ohne Einfhränkung fagen: der Arzt lügt, weil er 
fügen fol in dieſem Falle. 

Bir fönnen jeht mit wiflenfchaftlicher Strenge behaupten, 
daß Darwin’d Bezeichnung für jene berichtete Handlung des 
Bavians eine unbegründete if; denn die veranlaffenden Motive 
der Handlung, welche noch zu berüdfichtigen wären, ändern an 
der aufgeftellten Behauptung Nichts, da fie ja ſaͤmmtlich nur 
finnlicher Natur, Gefühle, Triebe feyn können. Wenn wirklich, 
mur ſolche Handlungen möglich wären, bann müßte man aller» 
dings zugeftehen, daß moralifd Handeln nur eine beftimmte Art 
des egeiftifchen, des natürlichen Handelns fey, daß zwiſchen 

1* 


4 Julius Nathan: 


moralifhem und natürlichem Handeln nur ein grabueller, fein 
fpecififcher Unterſchied beftehe, doch das ift keineswegs ber Ball, 
wie ed die Analyfe des folgenden Beifpield erhärten wird. 

Die Auftralier haben feinen Begriff davon, daß ein natür⸗ 
licher Tod das Leben eines Menfchen beenden koͤnne. Wenn 
daher ein Mitglied ihres Stammes durd eine Krankheit hinweg⸗ 
gerafft wird, fo find fie überzeugt, daß es das Opfer eines 
Zauberd geworben ift, und die Anverwandten bes Berftorbenen 
betrachten es als eine heilige Pflicht den Todten zu rächen, 
indem fie eine ober mehrere Berfonen eines anderen Stammes 
ermorden. Dr. Landor, welder ald Beanıter in einer Provinz 
des weftlichen Auftraliend thätig war, befaß eine Farm, auf der 
er mehrere Eingeborene befchäftigte. ALS Einer derfelben feine 
Frau in Folge einer Kranfheit verlor, zeigte er ſogleich feinem 
Herm an, daß er verreifen müfle, um einen fern wohnenden 
Stamm aufzufuchen und eine biefem letzteren angehörige Frau 
zu töbten, da dieſes feine heilige Pflicht fey, deren Erfüllung 
er feiner verftorbenen Frau ſchulde. Dr. Landor drohte dem 
Eingeborenen mit Tebenslänglicher Gefängnißftrafe, wenn er fi) 
ein ſolches Verbrechen zu Schulden fommen laſſe. Der Mann 
blieb in Bolge deſſen einige Monate ruhig auf der Farm, aber 
fein Gefundheitözuftand verfchlünmerte ſich täglich, er beklagte 
ſich weder fchlafen zu fönnen noch Appetit zu haben, und er 
gab an, daß der Geift feiner verftorbenen Frau täglich zu ihm 
fomme, weil er fie nicht durch Tödtung eines andern Weibes 
gerächt habe. Dr. Landor drohte mit Todesſtrafe, nichtsdeſto⸗ 
weniger verſchwand der Eingeborene für länger al8 ein Jahr 
und fehrte darauf volfändig gefund wieder zurüd. Die zweite 
Brau des Eingeborenen erzählte aledann dem Dr. Lantor, daß 
ihr Mann einen andern Stamm aufgefucht und eine Frau des⸗ 
felden umgebracht habe. 

Wenn wir nun biefe Handlung auf ihre Motive hin ges 
nauer zergliedern, fo muß zugeftanden werden, daß der Wilde 
durch die mannigfachften Motive zu ihrer Ausführung genöthigt 
wurde. Jener Wilde morbet, weil er bie allgemeine Schmach 


Die Grundbegriffe der Moral. 5 


fürchtet, bie feine Brüder auf ihn Häuften, wenn er den Mord 
unterließe. Gr wird ferner beftimmt zu der That durch die 
Achtung, welche er der allgemeinen Anficht zollt, durd bie 
Gewohnheit und den in jedem Menfchen regen Rahahmungss 
trieb; denn immer hat er feine Mitbrüber in ähnlicher Lage in 
derfelben Weife handeln fehen. Bor Allem aber, und das if 
das punctum saliens, volbringt der Auftralier diefe That, biefen 
gemeinen Mord, als nadte Tharfache betrachtet, weil er bie 
Ueberzeugung bat, er folle morden; er mordet beftimmt durch 
die Idee, daß die That gefchehen müffe, weil fie gefchehen foll, 
weil fie ein moraliſcher, ein guter Act if. 

Es ift gewiß eine richtige Bemerkung, wenn von darwini⸗ 
Rifcher Seite behauptet wurde, man fönne bier gleichfam die 
Entfiehung des Gewiflensbifles beobachten; doc es ift von ents 
fcheidender Wichtigkeit richtig zu analyfiren und den Werth der 
einzelnen beſtimmenden Bactoren richtig zu würdigen. Die Furcht 
vor Schmad und Schande erzeugt gewiß, fo lange bie That 
noch nicht geſchehen if, Unruhe und Schmerz in der Bruſt des 
Thäters; aber niemals wird ſich hieraus der Gewiſſensbiß ent⸗ 
wideln, dad deprimirende Bewußtfeyn der eigenen Schlechtigkeit, 
des eigenen moralifchen Unwerths, fo lange das Individuum 
der Anficht iR durd die Unterlaffung des Mordes feine Pflicht 
verlegt, oder gar Pflichtverlezung vermieden zu haben. Genau 
dasfelbe gilt von der Achtung, welche dad Individuum der all» 
gemeinen Anſicht entgegenbringt. Wie oft ereignet es ſich im 
altäglihen Leben, daß ein charactervoller Mann der öffentlichen 
Meinung Widerſtand leiften muß, daß er durch fein Pflichtgefuͤhl 
befimmt Handlungen ausführen muß, die ihn der Menge in 
einem falfchen Lichte erfcheinen laffen, durch die er der Laͤcher⸗ 
lichkeit, der Schmähung und Beſchimpfung Adler anheimfält. 
Ein folder Mann wird gewiß beunruhigt ſeyn, er wird ſchmerz⸗ 
lich die Colliſion von Pflicht und vox populi empfinden, aber 
niemals wird er von Gewiſſensbiſſen gepeinigt werden, fo lange 
in ihm die Ueberzeugung beftcht, daß er fo handeln mußte um 
der Pflicht willen. 


6 Julius Rathan: 


Auch der Nachahmungstrieb, die Gewohnheit etwas oft 
und immer Geſchehenes nicht allein zu unterlaffen, der Schmerz 
um den Berluft der Frau fönnen in dem Auftralier nur den 

. Drang zur Bolführung des Mordes erzeugen, und mittelbar 
können dieſe Bactoren ein Gefühl ver intenfiuften Unluſt er⸗ 
zeugen, wenn jener Drang, jener Trieb gewaltfam von außen 
her niebergehalten wird. Niemals aber können diefe pfychologis 
fen Phaͤnomene die Urfachen oder erften Anfänge jenes ruhe 
fofen Untufgefühld abgeben, das im Individuum durch den 
ungünftigen Ausfall ber ſittlichen Selbſtbeurtheilung in Hinficht 
auf ein beſtimmtes Geſchehniß erzeugt wird. Nur der Umſtand 
alein, daß der Auftralier die Volbringung jenes Mordes als 
feine heilige Pflicht betrachtet, nur dieſer Umſtand macht bie 
Unterlaffung der That zur Urſache des Gewiſſensbiſſes. Aller» 
dings complicirt ſich dieſes pſychologiſche Phänomen, wie in 
den meiften Faͤllen, fo auch hier mit anderen zur Vollbringung 
bed Mordes antreibenden Motiven, doch mit dem Wefen des 
Gewiſſensbiſſes haben jene auf bdenfelben Effect Hinzielenden 
pſychiſchen Phänomene nichts gemein; in dynamifcher Hinficht 
fann man fie unbedenklich als gleichartige erklären, in genetifcher 
Hinſicht niemals. 

Das Gewiſſen des Einzelnen fann mit vollem Rechte in 
darwiniftifcher Weife als das Echo der allgemeinen Anficht über 
fitrlich gute und ſchlechte Thaten definirt werden; denn die 
Materie, der Inhalt deflelden hat offenbar diefen Urfprung; 
und nur bierdurd wird es erflärbar, warum biefer Gewiſſens⸗ 
inhalt bei den Individuen verfchiedener Racen, Bölfer und 
Culturſtufen fo verfchieden, fo bizarr, fo widerſpruchsvoll ift, 
wie es dad angeführte Beifpiel erhärtet. Doch das Gewiſſen 
ſelbſt, die Selbſtbeurtheilung beftimmter Handlungen in Hinficht 
auf ihre moralifhe oder unmoralifhe Natur, die Form bes 
Gewiflens, wenn ich fo fagen darf, if niemals dadurch ent» 
fanden, daß die Allgemeinheit, der Stamm, das Volk beſtimmte 
Handlungen als moralifh gut oder ſchlecht betrachtete; denn 
jene Anfiht der Allgemeinheit iſt ſchon bie Bolge des Volks⸗ 


Die Grundbegriffe der Moral. 7 


gewiſſens, und wir find zu der Frage gezwungen, wie jene 
Anficht der Allgemeinheit entftanden fey. ine derartige Theorie 
leidet an einem circulus vitiosus, fle erflärt die Entftehung des 
individuellen Gewiſſens nur durch die Annahme eines vors 
handenen Bold» AllgemeinsGewiflens, während doch die Ents 
Rebung des legteren wiederum nur dur die Annahıne beö 
vorhandenen individuellen Gewiſſens erflärhar iſt. 

Der Gewiſſensbiß, welchen das Unterlafien einer beftimmten 
Handlung bei einem beftimmten Individuum erzeugt, ift daher 
ein fiheres Zeichen dafür, daß jene Handlungen für das Ins 
dividuum eine moralifche, eine fubjectiosmoralifhe iR. Die 
Eriſtenz des Gewiſſensbiſſes als pfychiihen Phänomens, bie 
ſelbſt der entſchiedenſte Materialiſt nicht wegleugnen kann, iſt 
ein Thatſachenbeweis dafür, daß von den Individuen Hand⸗ 
lungen vollzogen werden, deren Motive zum Theil durch die 
fittliche Selbſtbeurtheilung des Handelnden geſetzt werben, und 
ſolche Handlungen müflen als ſubjectiv-moraliſche unter allen 
Umfänden bezeichnet werden. 

Der Aftronom muß zur Erklärung der Tages: und Jahres⸗ 
zeiten u. ſ. w. die Annahme machen, daß die Erde und bie 
übrigen Planeten fi um die Sonne bewegen, daß die Geſtirne 
in beflimmten geometrifchen Biguren ſich bewegen, und nur durch 
diefe Annahme wird es ihm möglich bis auf Secunden genau 
den Aufgang der Geftime auf Jahrzehnte hinaus zu berechnen. 
In derſelben Rage befindet ſich auch der Ethiker, er muß zur 
Erklaͤrung des Gewiſſensbiſſes die Annahme machen, daß dur 
die fittliche Selbfbeurtheilung die Handlungen der Menfchen 
bewegende Motive gelegt werden, daß bie fittliche Selbſtbeur⸗ 
theilung eine im Seelenorganismus vorhandene Function ſey, 
und durch dieſe Annahme vermag der Ethifer, fobald er bie 
moralifhe Beſchaffenheit und die moralifhen Anfchauungen 
eines Individuums fennt, im Voraus das Eintreten von Ges 
wiſſensbiſſen zu berechnen. Die Realität von Handlungen, 
welche unter ihren Motiven auch ſolche moralifcher Natur haben, 
ÄR daher über allen Zweifel erhaben. Freilich ob die durch die 


8 Zulius Rathan: 


fittliche Selbfbeurtheilung gefegten Motive für fi allein im 
Stande find Individuen zu moraliſchen Handlungen zu bes 
Rimmen, wann und unter weldyen Umftänden fie nicht aus 
reihen, das feſtzuſtellen iſt nicht die Sache des Ethikers fondern 
des Pſychologen. 

Eine ganz andere Brage if es, ob fubiectiv. moralifche 
Handlungen auch objectiv-moralifche find; daß fie nicht immer 
bierauf Anfpru machen können, beweift ſchon der in Brage 
ſtehende Hall. Denn fein Bernünftiger wird behaupten, daß 
die Ermordung einer unfchuldigen Frau wegen des Verluſtes 
ber eigenen eine objectiv» moralifche Handlung fey. 

Das Wefen der fubjectio-moralifhen Handlung befleht 
daher nicht in dem Inhalt, in der Natur der Handlung oder 
deren Effect, fondern lediglich in der Geneſis des Motive. 
Daher fommt ed auch, daß Handlungen, welche zu beſtimmten 
Zeiten der Entwidelung des Menſchengeſchlechts ſubjectiv / mora⸗ 
liſche waren, jegt fubjectiv-unmoralifhe find oder als indiffe⸗ 
tente betrachtet werben, weil bie fittliche Beurtheilung biefer 
Handlungen von Seiten der Individuen eine andere geworden 
iſt; ich erinnere in biefer Hinſicht unr an die frühere und 
jegige Beurtheilung der ertremen Askeſe, der Wittwenver- 
brennung u. ſ. w. 

Da nun den Handlungen der übrigen organiſchen Weſen 
nie gleichartige oder aͤhnliche Motive zu Grunde liegen, weil 
ſelbſt bei den intelligenteſten, mit Urtheilsvermoͤgen ausgeſtatteten 
Thieren nur eine utilitariſtiſche, niemals aber eine ſittliche Selbſt⸗ 
beurtheilung Statt hat, ſo kann mit Beſtimmtheit behauptet 
werben, daß die fubjectio-moralifchen Handlungen nur von 
Menfchen volljogen werben können, daß fie menſchliche Hand⸗ 
lungen im engeren Sinne feyen. 

Die fubfectiosmoralifche Handlung if ſomit erſtens durch 
die Geneſis der moralifchen Motive characteriſirt, zweitens durch 
den Umftand, daß die intendirte Handlung von dem handelnden 
Individuum umter den Begriff des Moralifchen, deren Unter 
laffung aber unter den Begriff des Unmoralifchen fubfumirt 


Die Grundbegriffe der Moral. 9 


wird, gleichviel, was auch immer das einzelne Individuum 
unter dieſen Begriffen fich denken mag. 

Eine zweite wichtige Frage iſt es, ob bie bei den übrigen 
Drganismen vorhandenen pſychiſchen Anlagen, auch wenn fie 
ale entwidelungsfähige betrachtet werden, worüber man ja 
reiten ann, in einem beflimmten Entwidelungsftadium jene 
Drganismen befähigen würden fubjectiv»moralifhe Handlungen 
zu vollziehen. 

Darwin giebt ohne Zögern zu, daß der Menſch allein ein 
moralifches Weſen fey, er iſt jedoch ber Anſicht, daß dieſes 
Privileg die nothwendige Bolge feiner großen intellectuellen 
Meberlegenheit fey; er hält fomit den moralifhen Sinn oder 
die fittliche Selbſtbeurtheilung für eine durd bie natürliche Ente 
widelung der Organismen erzeugte Acquifition, der befonbere, 
nur ber menſchlichen Seele eigene Anlagen nicht zu Grunde 
liegen. Der Menſch befigt allein die Bähigfeit feine Handlungen 
mit ihren vorhandenen oder zufünftigen Motiven zu vergleichen, 
fie zu billigen oder zu mißbilligen, er allein überlegt und ver⸗ 
gleicht in jedem Augenblide, das was er thut, mit dem, was 
er hätte thun fönnen, er vermag daher auch nad gefchehener 
That jedesmal zu beurtheilen, ob fein Handeln die gefelligen 
Triebe, welche ſich beftändig regen und daher auch fein innerſtes 
Weſen ausmachen, verlegt hat, indem er fi von einem un⸗ 
geRümen, aber nur augenblidlich ſich regenden Triebe beftimmen 
ließ. Die Thiere hingegen, felbft die hoͤchſten Arten, welche 
durch ihre Handlungen ohne Zweifel erfennen laflen, daß fie 
Gedächtnis, Phantafie, Aufmerkfamfeit, ja ſelbſt Ueberlegung 
befigen, bleiben in ihrer Intelligenz von der Macht des Inſtincts 
beherrſcht, fie verlieren fich in bie vorhandenen Zinnedempfin- 
dungen, und ihr Denfen vermag ſich niemals, wie dad menſch⸗ 
lie, Zufunft und Vergangenheit in gleicher Weife wie bie 
Gegenwart zum Gegenftand feiner Thätigfeit zu nehmen. Es 
iR daher leicht zu erkennen, warum nur der Menfch als intellis 
gented Wefen jenen heftigen, unabläffigen Schmerz, den Ges 
wiſſensbiß zu empfinden vermag, fobald er ſich bewußt wirb 


10 Julius Rathan: 


gegen jene Triebe fich aufgelehnt zu haben, die durch die ein⸗ 
ſtimmige Anfiht aller feiner Genoſſen als unabweisbare gekenn⸗ 
zeichnet find, und am deren Richtbefriedigung er durch fein 
Gedaͤchtniß unabläffig erinnert wird. 

Wenn ber Gewiſſensbiß wirklih, wie Darwin meint, die 
Bolge des Verftoßes gegen die Gefelligfeitötriebe wäre, dann 
müßte man allerdings zugeben, daß lediglich die Hohe intellectucle 
Entwidelung des Menfchen die Entftehung jenes Phänomens 
bedinge; denn Gefelligfeitötriebe, fyınpathifche Gefühle, Selbſt⸗ 
beherrſchung u. ſ. w. befigen auch viele Thiere, wie es und eine 
forgfältige Beobachtung der Thierwelt gelehrt hat. Jedoch diefe 
Theorie iſt unhaltbar; benn jenes angeführte Beifpiel ift ſchon 
der eclatantefte Gegenbeweis. Der Auftralier wurde von Ges 
wiffensbiffen geplagt, weil er einen Mord nicht ausgeführt 
hatte. Wer wird in dem vorliegenden Falle e8 wohl wagen zu 
behaupten, daß die Begierde nach der Ermordung einer freinden, 
unfhuldigen Frau wegen des natürlichen Todes der eigenen 
irgend jemals das Product eined Geſelligkeitstriebes feyn könne 
bei einem menfcplichen Individuum? Gewiß Keiner. Berner 
lehrt uns die Beobachtung der Thierwelt, daß Gefeligfeitätriebe 
und hohe Inteligenz in gar keinem thatſaͤchlichen Eonnex ftehen, 
geſchweige denn in einem caufalen. Denn viele Infekten und 
Vögel von niedriger Intelligenz leben gefellig, erzeugen relativ 
hoch entwidelte Geſellſchaftsverhaͤliniſſe (Bienen, Ameifen, niedrige 
Meeresorganismen, Vögel), während ber größte Theil der ins 
tellectuell und fomatifh hoch entwidelten Raubfäugethiere und 
Raubvögel feine Spur eined Gefelligkeitötriebes erkennen laffen. 
Wenn diefe Triebe wirklich die Duelle des moralifchen Handelns 
wären, dann müßte man bie Göttin „Natur“ einer unverzeih⸗ 
lichen Caprice befchuldigen, indem fie bieje wichtigfen aller, 
Triebe launiſch dem niedrigen Infect ſchenkte, während fie dies 
felben den volllommenſten Organismen in der Thierreihe vers 
fagte. Die Gefelligkeitötriebe erfchaffen allerdings das Medium, 
die gefellige Welt, innerhalb deren die moraliſchen Handlungen 
allein gebeihen und ſich entwideln Fönnen, fie find fomit die 


Die Grundbegriffe der Moral. 1 


conditiones sine qua non ihrer Entſtehung, aber fie find nur 
die conditiones ber moraliſchen Handlungen, nicht deren causae. 
Schaͤffle hat Unrecht mit feiner Behauptung, man könne bie 
focialen Ordnungen nicht aus beflialen Dafeynsfämpfen erklären; 
denn die Gefelligfeitötriebe und die aus ihnen ſich entwidelnden 
Kämpfe find die wichtigſten Bedingungen für die Entwidelung 
und Erxiſtenz der focialen Ordnungen, doch aud Darwin if 
entſchieden im Unrecht mit feiner Behauptung; denn er identifls 
cirt causa und conditio in fehlerhafter Weiſe. 

Jedoch nicht die gefelligen Triebe allein find angeblich 
die Duelle der menfhlihen Moral, fondern vor Allem bie 
hohe Intelligenz. Darwin erläutert diefen Gedanfen auf recht 
draftifche Weife. 

Diejenigen Schwalben, welche zu fpät gebrütet haben, bes 
finden fid) in einer großen Verlegenheit, fobald die Zeit ihrer 
jährlichen Wanderung herannaht. Die Mutterliebe und ber 
- Wandertrieb regen ſich beide gleich mächtig und fämpfen mit 
einander während einiger Tage. Der Bogel fliegt unruhig hin 
und her, er kann zu feinem Entſchluſſe kommen, ob er bleiben 
oder jeine theure Brut verlaffen fol, die noch zu ſchwach if 
ihm zu folgen. Jedoch in einem Augenblide, wo er feine 
Jungen nicht fieht, fliegt er davon und ift verſchwunden. So— 
bald nun die Schwalbe am Ziele ihrer langen Wanderung ans 
gefommen ift, erlifcht der Wandertrieb; welche Gewiſſensbiſſe 
würden fie nun peinigen und ihr Ruhe und Raft rauben, wäre 
fie mit einer der unfrigen ähnlichen Intelligenz ausgerüftet, 
würde fie unaufhörlih an ihre Jungen denen mäflen, die im 
Rorden hilfslos zurüdgeblieben find und durch Hunger und 
Kälte einen gewiflen Untergang finden! Gie würde es felbft 
nicht verfiehen, wie fie im Stande war, ihre Brut dem fihern 
Untergange preiszugeben, ebenfo wie eine Mutter untröftlich 
bleiben würde, wenn fie in einer großen Gefahr ihrer Kinder 
Xeben geopfert hätte, um ſich zu retten. 

Diefes Beifpiel iſt ein recht glücklich gewähltes, doch die 
daraus gezogenen Folgerungen find ſaͤmmtlich falfche. Die mit 


12 Julius Rathan: 


menſchlicher Intelligenz ausgeftattete Echwalbe wird am Ziele 
ihrer Wanderung gewiß an ihre Jungen denfen müflen; ihr 
fbarfes Denken und Beobachten wird ihr die Gewißheit geben, 
daß die Brut dem nordifchen Winter nothwendigerweife zum 
Opfer fällt, fie wird darüber vom heftigken Seelenſchmerz ges 
peinigt werden; benn die Liebe zu ben Jungen, der Trieb für 
die hilfsloſe Brut zu forgen find unzweifelhaft Geſelligkeits⸗ 
triebe, deren Verlegung heftiges Unluſtgefühl zur Bolge hat; 
doch welcher Gefelligkeitötrieb könnte wohl das Material abs 
geben, aus dem felbft das fpeculatiofte Denken der Schwalbe 
den Begriff des moralifh Guten und Schlechten, den Begriff 
der Pflicht abfirabiren könnte? Es giebt feinen derartigen 
Geſelligkeitsrieb. Das Denken endlich als formale Thätigkeit 
— um biefe handelt es ſich ja nur — iſt doch gewiß erſt recht 
nicht im Stande jene Begriffe zu erzeugen; denn es erzeugt ja 
nach der Anficht der firengen Empiriften aus ſich felbft über 
haupt nichts. Die Schwalbe könnte ſich offenbar doch nur 
Gewiffensbiffe wegen ihres Handelns machen, wenn in ihr 
das Bewußtfeyn vorhanden wäre, daß die begangene That, das 
Verlaſſen der Brut eine moraliſch fehlechte war, daß fie vers 
pflichtet war mit ihrer Brut zu leben oder zu ſterben. Mithin 
wird eine mit menſchlicher Intelligenz ausgeftattete Schwalbe in 
dem vorliegenden Falle den heftigften Seelenſchmerz empfinden, 
doch von Gewiflensbiffen wird fie nie gepeinigt werden; denn 
weber die äußere, noch die finnliche innere Grfahrung birgt 
Elemente, aus denen dad Denken bie moralifhen Begriffe ges 
winnen fönnte, wie es etwa aus jenem Erfahrungsmaterial 
die Begriffe des Nüglichen und Schädlihen, des Großen und 
Kleinen u.f.w. abſtrahirt, indem es die einzelnen durch das 
Gedaͤchtniß firirten Anfhauungen und Wahrnehmungen vers 
arbeitet. 

Die gefelligen Triebe find alfo ebenfowenig ald bie Ins 
telligenz für ſich allein geeignet als Erklaͤrungsprincipien für 
die Entſtehung und dad Wefen der moralifhen Begriffe und 
des Gewiſſensbiſſes zu dienen, noch viel weniger find bie Übrigen 


Die Grundbegriffe der Moral. 13 


im Thierleben auftretenden Triebe hierzu geeignet, wie einftimmig 
auch von den Materialiften zugegeben wird, man muß baber 
nothwendigerweiſe eine befondere Duelle für die Entſtehung 
jener Begriffe und ber mit ihnen zufammenhängenden pſychiſchen 
Bhänomene annehmen, die ich für's Erſte als die fittliche Selbſt⸗ 
beurtheifung bezeichnet habe, da wir vorläufig außer Stande find 
etwas Genaueres über dieſes ‘Problem anzugeben. 

Wenn man daher auch zugeben wollte oder müßte, daß 
bie Thiere diefelben intellectuellen Anlagen und Triebe befäßen, 
welche dem Menfchen eigen find, wenn man ferner auch zus 
geben müßte, daß biefe Anlagen der Thiere entwickelungsfähig 
feyen, fo fönnte man dennoch behaupten, daß ein Thier nie: 
mals in irgend einem Entwidelungfabium dahin gelangen wirb 
menfchlihe, d. h. fubjectio-moralifhe Handlungen auszuführen. 
Es ift fomit jegt nachgewieſen, daß die Ethif eine vollfommen 
berechtigte Geiſteswiſſenſchaft if, weil fie nicht nur ein logiſch 
mögliches, fondern auch practifch mögliches Object und nicht 
unmögliche Phantaftereien behandelt. Der Ethifer fann fi 
ruhig auf ben Boden des Atheiften und bed Materialiften 
Aellen, ohne dadurch außer Stande gefeßt zu werben, dem 
Gegner die practifche Möglichkeit und Realität moralifcher Hand» 
lungen, infofern fie fpecififch von den natürlichen Handlungen 
verſchieden find, freng zu erweifen; benn die Eriſtenz ber ſub⸗ 
jectio-moralifhen Handlungen ift ein durch das pſychiſche Phäs 
nomen des Gewiſſensbiſſes bezeugtes Factum, befien Nachweis 
von jeglichen ſyſtematiſchen Principien unabhängig iſt. 

Die Ethit iſt eine wiſſenſchaftliche Theorie des moraliſchen 
Handelns im Allgemeinen und der moraliſchen Handlungen und 
Ideen im Befonderen. Wie der Aſtronom bie Himmelslkoͤwer 
nad Entſtehung, Weſen, Wirkfamfeit und endlihem Schidfal 
zu begreifen fucht, fo muß der Ethiker die in ber Geſchichte der 
Menſchheit wirffam gemefenen und noch wirkfamen Ideen in 
Bezug auf Entftehung, Weſen, Wirkſamkeit und Schidfal zu 
erforfchen fireben, fein Sternenhimmel iſt die gefammte Menſch⸗ 
beit als moralifche betrachtet, feine Firferne, Planeten, Kometen 


14 3. Frohſchaumer: 


And die Hiflorifchen und moralifhen Ideen. Riemals if fie 
eine Wiflenfhaft von willkuͤrlich erdachten Normen, Ideen und 
Idealen, fie giebt nur Geſete über practiſch mögliche ober 
wirklich exiſtirende Phänomene, doch dad Individuum kann biefe 
Sefege als die Normen feines Handelns betrachten. Anders 
verhält es fich freilich mit den objectio-moralifchen Handlungen, 
fie können nur als Bonfequenzen metaphyfifcher Ariome, viel- 
leicht gar theologifcher Kehrfäge gefolgert werben; fie find wie 
die vollfommene, metaphyſiſche Wahrheit ein Ziel, nad) dem 
wir freben dürfen, ob wir es jemals erreichen werden, wer 
weiß es. Dieſes Syſtem der objectin-moralifchen Handlungen 
tann nur einen Theil der Metaphyſik ausmachen, oder wenn 
dieſes Iegtere nicht möglich if, einen Theil der Theologie ald 
theologifhe Moral. 
Berlin, im September 1883. 


Wille oder Phantafie? 
Kritifhe Parallele zur Würdigung der Philofophie 
A Schopenhauers. 
Bon 
3. Frohſchammer. 


Nicht um eine eingehende Kritif ber gefammten Schopens 
hauer'ſchen Philofophie nach allen ihren Theilen handelt es fi) 
im Folgenden, fondern hauptfächlich um eine Eritifche Beleuchtung 
der Principienlehre berfelben in Bergleihung mit dem Princip, 
das ich felbft geltent gemacht und zur ſyſtematiſchen Entwidlung 
einer Weltauffaffung refp. zur Erflärung des Weltproceſſes zu 
verwenden verfucht habe. 

Eingehender Kritik, befonders in Rüdficht auf ihren Peſſi⸗ 
mismus, if bie Philoſophie Schopenhauer’8 ſchon oft unterzogen 
worden und es iſt nicht fehr ſchwierig, Widerfprüche und Uns 
richtigkeiten aller Art, fowohl dem Ganzen al im Einzelnen 
nachzuweiſen. Faßt man nur bie vier Bücher des Hauptwerfes: 


Bille oder Phantaſie 7 15 


„Die Welt ald Wile und Borftelung* in’s Auge, fo zeigt fih 
dieß fehon, denn biefelben ftehen nicht blos mit einander nicht 
in confequentem foftematifhen Zufammenbang, fondern find mit 
einander in Disharmonie, fie machen fogar einander mit ihrem 
Inhalte geradezu unmöglich. Im erften Buche nämlich vertritt 
Schopenhauer befanntlic den (Kanl'ſchen) erfenntnißtheoretifchen 
Idealismus, der über den Subjectivismus des Erkennens nicht 
binausfommen fol zur Gewißheit einer objectio » bafeyenden, 
realen Belt, fondern nur zum Object für ein Subject. Im 
zweiten Buche aber wird ein entſchiedener Realismus behauptet, 
infofern der blinde Wide, bie ziellofe Strebenskraft als das 
eigentlidy Seyende, als das objective, reale Wefen (Ding an fih) 
behauptet wird. Eine Behauptung, die nach dem erfien Buche 
unmöglidy ift, da die Erfenntniß -Organe feine objective Realität 
befunden follen, fonderu eben nur Dbjecte für ein Subject. 
Schopenhauer will freilich dieſes reale Wefen oder Grundprincip 
des Dafeyns im Selbſtbewußtſeyn entdedt haben; allein das 
. Selbſtbewußtſeyn ift nach ihm ja doch auch nur ein Hirn⸗ 
berußtfeyn, wie dad Bewußtfeyn von der finnlichen Welt, und 
kann alfo wohl nicht mehr Objectivirät bezeugen, als das 
Sinnenbewußtfeyn, da es eben auch nur als Affection des 
Gehirns und formale Wiflen, nicht als die Sache ſelbſt auf 
gefaßt werben kann — bei ibealiftifcher Erfenntnißtheorie. Um⸗ 
gefehrt, wenn dad Selbſtbewußtſeyn ein reales Grundweſen 
fundgibt und bezeugt, dann ift fein entfcyeidender Grund mehr 
da, der Wahrnehmung der Dinge mittelft der Vorſtellungen obs 
iective Realität abzufprehen. Außerdem aber bezeugt, wie noch 
näher zu erörtern ſeyn wird, dad Seldftbewußtieyn unfer Weſen 
nicht als Wille oder nicht blos als Wille, fondern zunädft als 
Wiffen, eben als fi felbft und feine Tätigkeiten wiſſendes 
Wefen, damit dann allerdings auch ald wollendes Seyn, als 
Wine, aber audy als fühlendes, ald Gemüth. — Das britte 
Buch des Schopenhauer'ihen Hauptwerkes ift bekanntlich eine 
Turagefaßte Aeſthetik, oder vielmehr eine Ideenlehre mit einiger 
Annäherung an Platon's Ideen. Diefe Lehre nun geht feined- 


16 3. Frohſchammer: 


wegs aus bem erfien und zweiten Buche hervor ober aus Einem 
von beiten, fondern ift nur fo zu fagen äußerlich hinzugefügt 
und ſtimmt mit feinem von beiden überein. Die Ideen find 
nämlich offenbar nicht ald bloße Vorſtellungen aufzufafien im 
inne Scopenhauers, wenn fie auch thatfählih aus Vor⸗ 
ftellungen hervorgegangen und eigentlich abftracte Begriffe find. 
Sie werben aber ald reale Wefen oder Mächte betrachtet, als reine 
vollfommene Wefenheiten, deren Wahrnehmung den Menfchen der 
bloßen Erſcheinungs⸗ (Vorflellungs-) Welt entrüdt (wenigftens 
inomentan) in ein höheres objectives, reales Gebiet. Eben fo 
wenig aber ſtimmt dieſe Ideenlehre mit dem zweiten Buche übers 
ein, denn aus bem blinden, ziellofen, unglüdfeligen Willen und 
Streben als Grundprincip und »Wefen des Dafeyns fann dieſes 
Idealreich unmöglich ftammen und noch weniger deſſen adaͤquater 
Auodruck ſeyn, ſondern ſteht vielmehr in Disharmonie damit 
und erſcheint als ein Produkt aus einer andern Grundwurzel 
des Dafeynd als einem blinden, blindftrebenden Willen. — 
Was endlich das vierte Buch des genannten Werkes betrifft, 
fo kann dasſelbe als ber ethifche Theil des Spftems, betrachtet 
werden, wie eben Ethif bei der blinden Willendlehre und in 
Verbindung mit der peffimiftiihen Weltauffaffung noch möglich, 
iſt. Auch diefer Theil geht keineswegs confequent aus ben brei 
ambern hervor und if weder mit dem erften noch bem britten 
vereinbar — ja nicht einmal mit dem zweiten, mit der Willend- 
lehre und dem Peſſimismus. Denn wenn das Wefen der Welt 
blindes, unerſaͤitliches Willensſtreben if, aus dem die Unfeligs 
keit des Daſeyns hervorgeht, fo ift es vergeblich ſich von biefem 
Streben ober vom Willen zum Leben zu befreien, da das Wefen 
fich nicht ſelbſt aufheben kann und das Befreienwollen eben auch 
wieder ein ſolches Streben iſt und Unfeligkeit begrünbet.- Was 
aber das ethifche Verhalten Andern gegenüber betrifft, bie Huͤlfe⸗ 
leitung und Förderung aus Mitleid, fo hat man ſchon mit Recht 
darauf hingewiefen, daß nah Schopenhauer's Grundlehre ein 
foldyes Berhalten eigentlich ungeeignet und unberechtigt fey, da 
dadurch eine Börberung des unberedhtigten, zur Unfeligfeit führen« 


Wille oder Phantafle? 17 


den Willens zum Leben bei dem Nächten flattfinde und alfo 
dieſes Mitleid mit ihm nur fein Unglüd verlängert ober ver» 
größer. — So verhält es ſich ſchon mit den verfchiedenen 
Theilen des Schopenhauer’ihen Syſtems. Aber au innerhalb 
diefer einzelnen Theile ſelbſt findet ſich wiederum Disharmoni⸗ 
ſches und Unhaltbares in Fülle, worauf näher einzugehen hier 
nicht zu unfrer Aufgabe gehört, da es ſich hier, wie bemerft, 
bauptfählih um Schopenhauer’8 Principienlehre handelt, d. h. 
um die Richtigkeit und Haltbarkeit feines Grundprincips, "des 
Willens und um die Möglichkeit refp. Unmöglichkeit, den Welt 
proceß aus biefem Princip in feinen verfchiedenen Stufen, Mos 
menten und Geftaltungen zu erklären. Diefe Unterfuhung wird 
zeigen, daß von Schopenhauer das Richtige in dieſer Beziehung 
nicht erfannt fey und daß die Nothwendigkeit beftche, nad) einem 
andern Grunbprineip zu forfhen, das an fic richtiger und halts 
barer fey und eine lichtoollere, confequentere Erflärung des Welt 
proceſſes ermöglide. Und indem ich dabei das Princip berüds 
fichtige und vergleihend darſtelle, das ich ſelbſt als das richtige 
geltend zu machen fuchte, geftaltet fi die Unterfuhung und 
Darftelung zu einer kritiſchen Parallele beider Principien und 
Spfeme zur Würdigung der Philofophie Schopenhauer's. 


I. 


Schon bei Fichte und Schelling finden ſich fehr ſtarke Ber 
tonungen bes Willens, ald ob diefer das eigentliche Grundwefen 
und Princip des Dafeyns ſey. Ohne Zweifel hat Schopen- 
bauer davon Anregung erhalten zur Aufftellung feiner Grund⸗ 
lehre; allein die eigenthümliche Modifikatjon, die er der Aufs 
faffung des Willens als Grundweſens ded Dafeynd gab, die 
Blindheit, Irrationalität und Grundloſigkeit als Haupteigen- 
ſchaften desſelben, if ficher fein Eigentfum, ſtammt von ihm 
felber. Und zwar von ihm felber im eigentlichen Sinne, infofern 
fie feiner fubfectiven peffimiftifhen Stimmung oder Gemüthsart 
und feinem ungebändigten, ruhelofen Begehren oder Willens⸗ 
ftreben entſprach, oder vielmehr barin ihre Quelle finden konnte. 

Beitkär. f. Phllof. m. vbil. Aritit, oe. Band, 2 


18 3. Frohſchaumer: 


Er ſelbſt indeß will diefen Willen ald Brincip und reales Wefen 
des Dafeyenden (vielmehr Vorgeſtellten, oder der Erſcheinungs⸗ 
welt) durch nähere Betrachtung des menfchlihen Selbftbewußt- 
ſeyns entdedt haben. In diefem nämlich offenbare ſich das 
eigentliche Wefen des Menfchen als ein lauteres Wollen und 
Streben, ala Wille zum Leben, wofür alle andern Geiftesfähig« 
feiten oder Gehirnfunctionen nur als Mittel erſcheinen. Diefen 
im Menfchen entdedten Willen, als ruhes und zielfofes Streben 
trägt nun Schopenhauer aud auf die Natur über, daher er von 
einem „Willen in der Natur“ fpricht, indem er zunaͤchſt darunter 
die organifchen ‘Principien oder das (zweckſtrebende) Organiſa⸗ 
tionsprincip verfteht, weiterhin aber alle wirkfame Naturkraft, 
alfo auch die nicht teleologiſch, ſondern rein nur mechaniſch 
wirkende Kraft in berfelben, insbeſondere die Gravitationskraft 
und die andern Bormen ber phyſilaliſch wirkenden Kräfte. Zu: 
legt alfo erfcheint diefer Schopenhauer’iche Wille, der dad Wefen, 
die Realität des Daſeyns ausmachen fol, ald nichts Anderes 
mehr, denn als die mechanifch in der Erfcheinungewelt wirkende 
phyſikaliſche Grundkraft des Dafeyns oder die continuirlich 
wirkende mechaniſche Bewegung, bie bloße causa efficiens in 
der Natur. Und zwar wird biefer fog. Wille zwar als an 
fich blind und grundlos bezeichnet, aber dennoch von ihm auch 
teleologiſches Wirken abgeleitet, während er andrerfeitd gar nicht 
als Caufalität aufgefaßt werden fol, fo daß derſelbe zugleich 
als irrational und als teleologiſch, als nicht-caufal und doc 
als Duelle alles caufalen Wirkens oder Gefchehens in ber Er 
ſcheinungswelt betrachtet wird. 

Wie unhaltbar diefe Schopenhauerihe Grundlehre vom 
Wien als Wefen und Urprincip des Dafeyns fowie deren Abs 
leitung oder Begründung fey, if ohne große Schwierigkeit zu 

zeigen. Es ift ſchon bemerft, daß biefer blinde, grundloſe Wille 
eigentlich nichts andres fey als die mechaniſch wirkende phyfifa- 
liſche Grundkraft des Univerfums, welche in Analogie gebracht 
ift mit dem ruhelofen, ungezügelten Begehren und Streben ber 
nicht von Vernunft und Einficht geleiteten menſchlichen Natur. 


Bille oder Phantafle? 19 


Bas aber das Finden dieſes Willens durch Analyfe des Selbſt⸗ 
bewußtſeyns betrifft, fo beruht basfelbe auf einer Taͤuſchung 
oder wenigfiens auf einer einfeitigen, mangelhaften Erforſchung 
desfelben. Das Selbſtbewußtſeyn offenbart dem Menfchen fein 
eigenes Weſen nicht als ein blindes, zielloſes Wollen und 
Streben, ſondern zunächft als lichte, erfennendes Seyn und 
Fühlen, dann aber allerdings auch als mwollendes, firebendes 
Weſen, das jedoch nicht als abfolut blind umd ziellos erfcheint, 
fondern mit Bewußtſeyn und Erkenntniß verbunden, wenn auch 
diefe ſtets mehr oder minder mangelhaft iR. Wie follte auch 
gerade das Selbſtbewußtſeyn des Menfchengeifted das Wefen 
von biefem als das Gegentheil von ſich felbft, als blinde, uns 
bewußte, dunkle Kraft offenbaren, da es doch als folche übers 
haupt weder Selbfibewußtfeyn haben ober ſich vor fi ſelbſt 
offenbaren fönnte, noch auch als ſolche aufgefaßt werben dürfte, 
wenn fie doch einmal Selbſtbewußtſeyn zu erlangen vermöchte! 
Endlich aber ift ja das Selbfibewußtfeyn nah Schopenhauer’s 
Lehre felbf nur Hirnbewußtfepn, gehört alfo im Grunde nur 
der Erfheinungswelt, der Welt ald bloßer Borftellung an und 
fann alfo das reale, objective Wefen der Welt fo wenig offen 
baren, als dad Sinnen» ober Weltbewußtfeyn, oder es kommt 
diefem umgekehrt ebenfo gut objectiver, realer Eharakter zu 
als jenem! 

Abgefehen indeß von biefer vermeintlichen Entbedung bes 
blinden Willens als Weſen und Realität der Welt im menſch⸗ 
lichen Selbſtbewußtſeyn, — ein blinder, ziellos ftrebender, irratios 
naler Wille fann in feinem Falle Grund und Wefen der Welt 
ſeyn. Wäre das ganze Dafeyn nichts als lauter Irrationalität, 
Unvernunft und blindes, zweckloſes Streben oder Wollen, dann 
allenfalls koͤnnte auch Urgrund und Weſen davon ald nichts 
Anderes, denn als blindes Seyn oder Streben aufgefaßt werden 
— wenn in biefem Falle überhaupt ein Auffaflen oder Erkennen 
möglich wäre! Da nun aber in ber Welt doch auch (nad 
Schopenhauer ſelbſt) Zwecmäßigfeit waltet, ibealed Schauen 

2» 


20 3. Srobfhammer: 


und vernünftiges Denken — und wäre dieſes auch nur auf bie 
Schopenhauer'ſche Philoſophie felbft befchränkt! fo if es unftatt- 
haft (fahlih unmöglih), dad Wefen ober ben Urgrund ber 
Welt als Unvernunft zu betrachten, von welcher nur durch eine 
Art Abfall Zweds und Ideegemäßheit fowie vernünftiges Denfen 
entfiehen konnte, Ein Abfall, der ja ſelbſt wieder als unmöglich 
erfcheint, weil dazu ein blinder Wille unfähig wäre, ein freier, 
ſelbſtſtaͤndig fich entfcheidender aber eben verneint wird. Außer- 
dem fol biefer blinde Urwille nad Schopenhauer zwar ale 
Kraft, aber nicht als Caufalität aufgefaßt werden, obwohl bie 
Rofflihe Erfheinungswelt, in welcher doch neben Zeit und 
Raum die Caufalität die Hauptrolle fpielt, nichts andres ſeyn 
fol als die Objectität des Willens, in welcher Zwecke erſtrebt 
und erreicht werben und fogar eine Sittlichfeit möglich iſt! 
Wiederum ein Knaͤuel ſich widerſprechender Beſtimmungen dieſes 
Grundprincipo! Kann dieſer Urwille nicht Cauſalitaͤt ſeyn, 
alſo nichts wirken, obwohl er Kraft iſt, ſo erſcheint er eigentlich 
als blos ſtoffliches Weſen, das von einem andern Princip, der 
Cauſalitaͤt verwendet wird zur Darſtellung der Erſcheinungs⸗ 
welt; dann aber hat diefed blinde Wefen feinen eigentlich prin- 
eipiellen Charakter mehr. Sol diefes Schopenhauer’fhe Ur: 
prindip wirklich in realer Beziehung ſtehen zur Erfcheinungswelt 
mit ihren organifhen Formen und geiftigen Thätigfeiten, und 
nicht eine bloße, leere Abftraction ohne reale Bedeutung fepn, 
fo muß es als wirfend, ſtrebend, dann aber auch ald Eaufalität 
aufgefaßt werden; wenn aber die, dann ift es auch mit andern 
Eigenſchaften oder Faͤhigkeiten auszuftatten als von Schopens 
bauer gefchieht, da dad Urprincip der Erfcheinungswelt dieſe 
wenigfiend in idealer Anticipation in ſich enthalten muß als 
hervorzubringende Wirkung. Selbft wenn die Welt nur Ers 
ſcheinung wäre mit ihren finnlichen und geiftigen Bildungen, 
müßte fie doch aud einen Grund haben und zwar einen realen, 
der entweder mit der in biefer Welt waltenden Caufalität iden⸗ 
tiſch waͤre, oder zwar von biefer verfchieden, aber doch in realer, 
wirkſamer Beziehung mit ihr flände, 


Wille oder Phantafie? 21 


Selbft aber wenn man einen dunflen, blinden, irrationalen 
BWeltgrund ald dad reale Wefen ded Daſeyns annehmen wollte, 
fo könnte man benfelben jedenfalls nicht ald Willen bezeichnen, 
da Wille ein fubjectived pſychiſches Vermögen ift und ohne 
Bewußtſeyn und größerer oder geringerer Erfenntnig von Willen 
feine Rede feyn kann. Wille ift nicht blinde, mechaniſch ſich 
bethätigende, dem Weſen nach irrationale Kraft, fondern viels 
mehr gerade dad Gegentheil davon, und fagt aus, baf ein 
Weſen das Stadium blos phyſikaliſchen Seyns und blinder Bes 
thätigung uͤberſchritten habe und fi infofern wefentlih davon 
unterſcheide. 

Endlich IR es auch durchaus unberechtigt, ſolch' ein Uns 
ding ohne Verſtand und ohne Ziel eines unaufhoͤrlichen blinden 
Wollens oder Strebend ald das Abfolute aufzufaflen oder geradezu 
an die Stelle der Bottheit zu fegen. Schopenhauer ſelbſt will 
dieß zwar nicht direct, da er vielmehr den baaren Atheismus 
vertritt, der an die Stelle der Religion treten oder bie „Volks⸗ 
metaphpfif” erfegen fol. Manche feiner Anhänger aber ſcheinen 
immerhin an biefes blinde Urprincip eine Religion anknüpfen zu 
wollen. Mit Unrecht; denn felbft wenn wir fold’ ein blindes, 
grundlofes Wefen annehmen könnten ald Grund der Welt und 
ihrer verſchiedenen Erſcheinungen, fo hätten wir fein Recht diefes 
für das Abfolute oder geradezu für bie Gottheit auszugeben. 
Dieß wäre fo unberedtigt, wie die unbedingte Leugnung des 
Goͤttlichen bei Schopenhauer ſelbſt als unberechtigt erfcheint, da 
die Begründung derſelben unmöglich if. Freilich haben wir 
anbererfeitd auch feine Mittel, die Gottheit oder das Abfolute 
an ſich wiſſenſchaſtlich zu erfennen, da wir doch nicht einmal 
die Welt in ihrer Unendlichkeit nad innen und außen, im 
Großen und im Kleinen zu erkennen vermögen, infofern nur 
ein Fleiner Theil davon uns zugänglich it — und felbft diefer 
bisher nur fehr unvollfommen ergründet werden konnte. Wir 
erfennen vom Abfoluten oder vom ewigen Urgrund des Daſeyns 
nur fo viel, als fi in der Erſcheinungswelt offenbart, alfo nur 
das ber Welt immanente Grundprincip, oder die Gottheit nur 


22 3. Frohſchammer: 


fo weit und nur in folder Beziehung, als fie fih in dieſer 
betätigt und offenbart. Diefe Berhätigung gefchieht durch 
äußere und innere Geftaltung, durch teleologifche und plaftifche 
Wirkfamkeit in Verbindung mit beftimmten, allgemeinen &e- 
fegen, die bei diefer Wirkſamkeit als feite Baſis dienen und 
als Mittel der Wirkſamkeit zur Zweck- und Ideerealiſirung. 
Diefelbe geſchieht nach unferer Erfahrung weltimmanent und uns 
abhängig von Außerer, d.h. anderweitige oder übernatürliher, 
wunderbarer Eimwirfung — obwohl allerdings der religiöfe 
Eultus von jeher eine ſolche als Hauptziel im Auge hatte und 
anftrebte und zum großen Theil ſelbſt bei den gebildeten 
Cultuwoͤlkern durch denfelben noch zu erringen fucht. Der relis 
gioͤſe Glaube hält daran fe, obwohl die Erfahrung ihn wider⸗ 
legt, da alle religiöfen Eultusacte den Naturlauf oder ſelbſt 
geſchichtliche Ereigniſſe nicht ändern, fondern die Raturgefege 
allenthalben walten und ihre Wirkungen nur durch Aufbietung 
anderer Natur» Urfadhen oder Wirkungen gehemmt oder gelenkt 
werben fönnen. Ob religiöfe Acte ftattfinden oder nicht, das 
ändert wenigftend am Außern Verlaufe nichts, wenn auch aller» 
dings pſychiſche Wirkungen dadurch hervorgebracht werden mögen. 
Ohnehin wollen ja die Gläubigen vielfach von der Gottheit fehr 
verſchiedenes, ja entgegengeſetztes wunderbares Eingreifen zu 
ihrem Bunften, wenn fie etwa in Beindfhaft gegen einander 
find oder fonft ihre Intereffen fih kreuzen. Die Gläubigen 
pflegen fich, wenn nicht erfolgt, um was fie in religiöfen Acten 
erflehen wollen, hinter die Unerforfchlichkeit der göttlichen Rath» 
fchlüffe zu flüchten und die Sache in Refignation der Gottheit 
anheimzugeben, indem fie fi) nothgedrungen dem natürlichen 
Verlaufe der Dinge fügen. Hiemit fomınt dann der Glaube zu 
dem nämlichen Belenntniß und Verhalten wie die wiſſenſchaft⸗ 
liche Forſchung, die Philofophie: nämlich zu dem der Verborgen⸗ 
heit, Unzugänglichfeit, des Nichtwiſſens und Nichtwiſſenkoͤnnens. 
Das Wefen des Abfoluten an fi iſt und verhült durch die 
Unermeßlichteit der Welt und den furchtbaren Entwicklungsproceß 
der Natur. In diefem aber nehmen wir, wie ſchon bemerkt, 


Wille oder Phantafie? 23 


neben der Gefegmäßigfeit und Rothiwendigfeit des Naturgeichehend 
noch das ideale Wirken eines teleologifchen und plaſtiſchen Ger 
Raltungd»Agend wahr, daß ſich mehr oder minder mit einer 
gewiflen Freiheit bethätigt, und in diefer beiden felbfiftändigem 
Zufammenwirfen verläuft der Weltproceh. Das Adfolute oder 
die Gottheit mag im Ganzen desſelben eine geheimnißvolle Eins 
wirfung ausüben, Die ſich etwa im menſchlichen Gemüthe ans 
kündigt, aber jedenfalls find die beiden Bactoren, der nothwendige 
und ber freie, in biefe geheimnißvolle Einwirkung ald ſelbſt⸗ 
Rändige aufgenommen, und nur ald ſolche können fie Gegen» 
Rand der wiſſenſchaftlichen Forſchung feyn, der naturwiſſenſchaft⸗ 
lichen wie der philofophifchen. Sonach fann die Philofophie 
nicht das Abfolute an ſich erfennen und noch weniger einen 
blinden, dummen, irrational wirkenden Willen als Welt» Wefen 
und »PBrincip behaupten, fondern dad Grundprincip des Welts 
proceſſes, das eigentlich thätige Princip offenbart fi in ber 
teleologiſchen und plaftiihen Geſtaltung des Dafeyns und ber 
äußerlichen und innerlihen (pſychiſchen) Entwicklung des Ges 
Ralteten. Es ift alfo ein anderes Grundprincip aufzufuchen 
als das Schopenhauer'ſche, und zwar ein ſolches, wie es ald 
geeignet erfcheint, diefe Wirkungen hervorzubringen. Als ſolches 
Princip wurde nun die Phantafle aufgeſtellt, aber in weiterem 
und tieferem Sinne, ald dem Worte gewöhnlich beigelegt wird. 
Bir haben dieß kurz zu erörtern. 

Um zu erfennen, daß nicht der Wille — weder ein fehen« 
der, nody weniger ein blinder — ald Welt-Wefen und »Brincip 
aufgefaßt werden Fönne, ift der einfachfte Weg die Beobachtung 
der unendlichen Geftaltungen, insbeſondere der organifchen und 
lebendigen Bildungen der Ratur; dann die Betrachtung des Ber 
ginnes und ber Entwidlung des geiftigen Lebens in der Menfchen» 
aefhichte. Das größte Problem, zu defien Erforſchung Raturs 
wiffenfchaft und Philoſophie zufammenzumirken haben, ift dad 
Dafeyn, refp. der Urfprung des Organifchen und des Pſychiſchen 
in der Natur. Dieß Problem wurde auch in der neueren Zeit 
vielfach erörtert und gab Anlaß zu dein großen Streite zroifchen 


24 J. Frohſchammer: 


Materialisnus und Idealismus, der beſonders um die Mitte 
diefed Jahrhunderts in Deutfchland geführt ward. Der Materias 
liomus wollte Leben und Geift einzig und vollftändig aus dem 
Stoffe, aus der Bewegung und verfchiedenen Lagerung der Atome 
erflären, während der Idealismus (und Spiritualismus) ein 
befonderes Princip für das Drganifche und Lebendige zur Ents 
ſtehung und Erhaltung für nothwendig erflärte. Die Sache ift 
nunmehr dahin gebiehen, daß bie bebeutendfien Naturforfcher 
den eigentlichen Materialismus mit feinen todten Atomen und 
deren mechanifcher Außerlicher Bewegung aufgegeben haben, in= 
fofern fie den materiellen Atomen außer den phyfifaliichen und 
chemiſchen Eigenſchaften oder Kräften auch noch bie (zunächft 
latente) Cigenfchaft der Empfindungsfähigfeit zuſchteiben, melde 
ſich bethätigt und offenbart, wenn die Bedingungen dazu erfüllt 
find. Damit iſt das blos Außerlihe, den Raum ausfüllende 
Seyn der Atome aufgegeben und find diefe zu Monaden er 
boben, d. h. zu legten Einheiten, die nicht blos äußerlich find 
wie die Atome, ſondern ein Inneres haben, alfo Weſen find, 
die fi von Innen aus eutwideln und zu höheren Stufen bes 
Seyns und Thätigfeynd gelangen können. Damit iR den letzten 
Einheiten des Dafeyns felbR ein inneres Princip zugetheilt, das 
fih als Organifations» und Lebensprincip bethätigt, während 
das Aeußere, ald Materie Erfcheinende, nur eine dienende Stelle 
als Mittel zu fpielen hat.) Damit iR der Materialismus 
. aufgegeben und der Idealismus angenommen, fodaß es fi nur 
noch um ‘Pluralismus und Monismus handelt, d.h. darum, 
ob urfprünglicy ſchon eine unendliche Fülle von beflimmten, in 
ſich abgefchloffenen (unzerftörbaren) Individualitäten anzunehmen 
feyen oder @in Urprincip, Eine Geftaltungs- oder Individualis 
ſationskraft, durch welche im unermeßlichen Weltproceß die In« 
dividuen, die Gattungen, Arten u. ſ. w. der Wefen gefegt werben 
als zeitlich vergängliche Einzeldinge, die aber dem Gefammt- 
zwede, ber Erreichung eines Zieled des Weltproceſſes dienen. 


*) Bol. des Berf. Schrift: Monaden und Weltphantafte. Münden 1879, 


Wille oder Phantafle? 3 


Diefe Wendung hat der Streit um Seyn oder Nichtſeyn eines 
organifchen Principe und Seelenweſens genommen und man 
fan infofern fagen, daß troß bed mechanifchen Momentes, das 
ter Danwinismus in die organifche Entwidlungslehre gebracht 
hat, dennoch die Philofophie, d. h. die idealiftifche Behauptung 
eined befonteren, eigenthümlichen Lebensprincips (fey es in ober 
über der Materie) den Sieg erhalten habe. 

Doch iR nun aber die Frage zu beantworten, die auch 
ſchon die Materialiften zu ſtellen pflegten, was denn biefes 
Drganifationd- und Lebenöprincip (möge ed pluraliftifch oder 
moniftifch gefaßt werden) eigentlich ſey, refp. ob es nicht ſelbſt 
wieder ein dunkles, unbeftimmtes x fey, durch defien Annahme 
man nicht Flüger geworden, da nur die Eine Dunfelheit durch 
eine andere erflärt werde. Um biefe Trage zu beantworten, if 
nöthig, die eigenthümlichen Wirkungen, die Erfheinungen und 
Thätigfeiten in den Raturbildungen in’6 Auge zu faffen, für 
welche die Urſache oder das wirfende Princip näher beftimmt 
werden fol. Die organifchen und die lebendigen Wefen nun 
find individuelle, innerlich und äußerlich mit ihren verfchiedenen 
Theilen teleologifch ineinandergreifende Gebilde der Ratur von 
eigenthümlicher, verſchiedener Förperlicher Form oder plaftifcher 
Geſtaltung. Das Princip muß alfo Fähigfeit oder Kraft ſeyn 
in der Ratur teleologifh und plafifch zu geftalten, gleichfam 
ein der Ratur immanenter Künftter — wie ſchon Arifiotele ans 
nahm.) Wollen wir und num Wirkensweiſe und Wefen biefes 
teleologifch und plaftifch wirkenden Princips einigermaßen zu 
Marem Verftändniß bringen und die Möglichkeit davon begreifen, 
fo vermögen wir dieß durch Beobachtung unſtes eigenen pſychi⸗ 
ſchen Lebens und Thätigfeyns, da wir dabei in umferer eigenen 
Seele eine Fähigkeit wahrnehmen, die auch in aͤhnlicher Weile 
wirft, teleologiſch und plaſtiſch; nämlich jene Seelenfähigfeit, 
bie wir als Phantafie bezeichnen. Diefe bildet in unferm Bes 


*) Bol. des Verf. Schrift: Weber die Principien der Ariſtoteliſchen 
Ppllofophle und die Bedeutung der Phantafie in derfeiben. Münden 1881. 


26 I. Sropfhammer: 


wußtſeyn (aus dem Unbewußten heraus) Formen, Bilder, Vor⸗ 
Rellungen, — wirft alfo infofern plafifh, und gibt Vorbilder 
als Ziele und Normen für das Thaͤtigſeyn, wirft infofern alfo 
teleologiſch. Es findet demnach eine volftändige Gleichartigkeit 
ober Analogie des Wirkens ftatt zwifchen dem organiſch wirkenden 
Princip in der Ratur und dem innerlich geflaltenden, vorftellen- 
ben, zielweifenden Wirken unferer Phantafie (die das Aeußerliche 
innerlich zu machen im Stande ift in Vorftellungen, wiederum 
auch Innerliches, Beiftiges in finnlichen Formen vorftellen und 
veräußerlihen kann). Der Unterſchied beſteht nur darin, daß 
das organifhe Naturprincip real oder im Realen wirkt, und 
infofern einen objectiven Eharakter zeigt, die fubjective Phantafies 
thätigfeit aber nur formal und fubjectiv bildet. Ich nannte 
daher jene objective oder real wirkende Bhantafie 
im Unterfchied von der fubjectiven und nur formal wirkenden 
Phantaſie als fubjective Seclenpotenz. Die zunaͤchſt nur ald 
Analogie erfcheinende Gleichartigkeit des Weſens und Wirfens 
erwies ſich bei näherer Betrachtung als ein Caufal» ja Subs 
Rantial»Berhältniß, infofern die fubjective Phantaſie von der 
objectio oder real wirfenden abflamınt, im Laufe des Entwids 
lungsoproceſſes der Ratur aus biefer zur Seele wurde, in weldyer 
wiederum dasſelbe Princip als freie Kraft in der Form der ſub⸗ 
jeetioen Phantafie erfcheint, wie dieß im grundlegenden Werfe 
zu zeigen verfucht wurde. *) 

Demgemäß ward die Phantafie ald Grundprincip 
des Weltproceffes aufgefellt und zu begründen geſucht — 
und zwar in ber boppelten Bedeutung als obiective, real wirkende 
und ald fubjective, nur formal bildende Phantafle; beide mit 
einem immanenten idealiſtiſchen Momente, d. h. mit der Tendenz 
zielſtrebend und ideerealificend zu wirken. Aus dieſem Princip 
iR unfres Erachtens weit befiminter und richtiger der Weltproceß 
mit al feinen Gebilden und Greigniffen abzuleiten oder zu er⸗ 


*) Die Bhantafie als Grundprincip des Weltproceffes. 
Münden 1877. Pl. Die Philoſophie als Idealwiſſenſchaft und Syſtem. 
Sur Ginletung in die Ppilofoppie. Münden 1884. 


Wille oder Phantafle? 37 


klaͤren, ald aus dem blinden Willen, den Schopenhauer annimmt; 
auch befier noch felbft dann, wenn dem Schopenhauer'ſchen 
blinden, irrationalen Willen noch (unbewußte) Vorſtellung beis 
gefügt wird, wie es verfucht worden if. Das Grundprincip 
des Welwroceſſes (die Menfchheit mit eingeſchloſſen) fann weder 
als unbedingt blind, frrational und unbewußt angenommen 
werden, noch auch — fo weit es ald weltimmanent wirkfam 
gedacht wird — als vollftändig rational, nothwendig wirkend 
und bewußt. Alſo weder blos mechaniſch wirkende Grundkraft 
noch blind firebender irrationaler Wille find als Urprincip ans 
zunehmen, weil daraus dad Teleologiiche, Rationale und Ideale 
des Dafeyns fowie das Bewußtſeyn nicht erklärt werden kann, 
das doc thatfächlich im Dafeyn ſich zeigt und geltend macht. 
Mber auch unbedingt Rationales und Bewußtes kann als dies 
Princip nicht gelten, da aus diefem dad Jrrationale und Un« 
bewußte, das nicht minder thatſaͤchlich if, fich nicht begreifen 
läßt. Die Phantaſie dagegen ald Grunpprincip faßt beides in 
fi, das Unbewußte und Srrationale ebenfo wie die Fähigkeit 
und Tendenz zum teleologifchen Wirken, zum Bewußtwerden und 
fubjectiver Bernunftbethätigung in der Geftaltung und Entwid» 
lung der Menfchheit. Sie birgt ein Moment der Freiheit, ja 
Willkür (Irrationalicät) in fi, aber in Verbindung wit der 
Macht und dem Streben teleologiſch, plaſtiſch und ideal Außer 
lich zu geftalten und innerlich individuell zu vertiefen zur Ems 
pfindung und zum Bewußtſeyn; — wobei das Gefepliche, Noth⸗ 
wendige des Dafeyns ald Mittel ded Wirken Verwendung 
findet. Selbft die fubjective Phantafie zeigt diefe Momente noch 
bei ihrer Bethätigung: den unbewußten, dunklen Grund aus 
dem heraus fie wirft zum Bewußtwerden und für dad Bewußts 
feyn, fowie dad Moment der Freiheit und felbft Wilfür, das 
durch Gefeg und Vernunft erft geleitet, geordnet werden muß, 
— verbunden mit der Tendenz des Idealiſirens. Aehnlich wirkt 
die objective oder reale Geftaltungspotenz oder bie fchaffende, 
gefaltende Welmphantafie, die inobeſondere als Generationds 
Potenz neue Individuen und Arten in unendlicher Mannich-⸗ 


28 3. Frohſchammer: 


faltigkeit ſchafft in der Natur, wie die ſubjective Phantafle die 
treibende Macht in der Geſchichte iſt. In ihr ſind alle jene 
Kräfte real gegeben und wirkſam, die fpäter im fubjectiven 
Geiſte als pſychiſche Vermögen ſich zeigen und thätig find, alfo 
allerdings auch ein Analogon des fpäter ald Wille erſcheinenden 
Vermögens, aber ebenfo aud des Verſtandes u.f.w. Doc 
alle diefe Kräfte noch unentwidelt, noch nicht ald Bähigfeiten 
eines Bewußt / Seyenden und Thätigen. Das Urprincip if 
demnach nicht blinder Wille, d. 5. Regation des Bewußtieynd 
und der Vernunft, wie Schopenhauer annimmt. Und felbft 
wenn man bemfelben noch Vorftelung (unbewußte) beifügt, 
genügt er nicht ald Princip. Blinder Wille und Borftellung 
fönnen zunächft gar nichts mit einander gemein haben, in feiner 
Weiſe harmoniſch oder irgendwie zufammenwirfen, da fie ganz 
heterogen find; man müßte nur die Vorſtellung noch mit 
Wirkenskraft ausftatten, alfo ihr felbft wieder eine Art Willen 
zufchreiben, fo daß man zwei Willen im Urprineip oder Urs 
weſen des Dafeyns hätte. Außerdem if eine unbewußte „Bor: 
ſtellung“ nicht moͤglich, denn Vorſtellung ift nur da, wo ein 
Subject fi) ein Object Außerlid) oder innerlich gegenüberflellt ; 
dazu iſt aber Bewußiſeyn nöthig, denn Vorſtellung iſt weſentlich 
Inhalt eines Bewußtſeyns und kann ſonſt nirgends vorkommen. 
Die ſog. unbewußte Vorſtellung (etwa im Gedaͤchtniß unbewußt 
ruhend) iſt ſelbſt erſt durch bewußte Geiftesthätigfeit gewonnen, 
muß alſo im Bewußtſeyn entſtanden ſeyn, ehe ſie in's Gebiet 
des Unbewußtſeyns der Menſchen-Natur mit der Fähigkeit 
allenfalls wieber in's Bewußtfeyn hereinzutreten, gelangen kann. 
Ohne dieß, ohne Entgegenftelung von Subject und Object und 
ohne Bewußtſeyn bringt es das Weltprincip nur zu Darftels 
lungen, nicht zu Borftellungen. Bei diefen ift das geftaltende 
Princip noch nicht als Subject dem Geftalteten gegenübergeftet, 
fondern ſtellt fi, real wirkend, in dieſem felbft dar, fo daß 
Subject und Object hier real Eins find, wie auf höherer Stufe, 
nad) der Trennung von beiden im Gebiete des Vorſtellungs⸗ 
lebens, beide wieder als Einheit (Subject: Object) erfcheinen im 


Wille oder Phantafle? 20 


Selbſtbewußtſeyn. Sol im Urprincip wirklich Wille und Vor⸗ 
ſtellung zugleich (wenigſtens der Anlage oder Potenz nad) fehn, 
fo müffen beide als Momente in einem dritten eingefchloffen feyn 
ober aus einer einheitlichen Wurzel entfpringen, woburd bie 
Vermittlung zwifchen beiden ſchon im Urprincip, ber objectiven 
oder Weltphantafie gegeben ift, wie fpäter im fubjectiven pfychi: 
ſchen Organismus (Menfchengeift) die fubjective Phantafle die 
jufammenwirfende Bethätigung der Seelenfräfte vermittelt. 

Wie man fi näher die Wirkfamfeit des Grundprincips 
dee Weltprocefied auch denfen möge, ob vollſtaͤndig dem Welt 
procefle immanent, oder auf theiftifchem Standpunft als urfprüng« 
liche fchöpferifche Macht der Gottheit, immer ift die Bethätigung 
desfelben nad Analogie der fubfectiven Phantafiethätigkeit zu 
denken oder vorzuftellen, d. h. als teleologifh und plaſtiſch 
wirkende, fonthetifhe Macht. Denn wird auch eine übers ober 
außerweltlihe Bottheit angenommen, fo bethätigt ſich biefelbe 
doc nur mit ihrer fchöpferifhen Kraft in der Geftaltung und 
Zortfegung der Bildungen, alfo als weltimmanente Schoͤpfungs⸗ 
und Erhaltungs-Macht in der Weife der objectio oder real 
wirfenden Phantafle. Eine nähere Erwägung ſolch' eines theiſti⸗ 
ſchen Schöpfungd.Actes läßt dieß unſchwer wahrnehmen; bie 
ſchoͤpferiſche Kraft mußte ja dabei durchaus ſich als eine bildende 
und Bernunft (Zweckmaͤßigkeit und Idee) realificende bethätigen, 
wenn organifche und lebendige Bildungen auch nur als Keime 
oder ganz primitive, einfache Formen entftchen follten, 

Man möchte nun wohl geneigt feyn gegen die Auffaflung 
des Urprincipe des Weltprocefies als objective, real wirkende 
Phantaſie einzumenden, daß dabei auch ein fubjectives, blos 
pinchifches Vermögen als reale, objective Macht aufgefaßt werde, 
wie bei Schopenhauer das fubjective pfychifche Vermögen des 
Wollens zur Allgemeinheit und objectiven Realität eined Grund» 
weſens des Dafeyns erhoben ſey. Wenn dieſes unberechtigt 
ſey, dann auch jenes. Dagegen aber iſt Folgendes zu bedenken: 
An ſich kann es nicht als unberechtigt erachtet werden, eine 
ſubjective pſychiſche Kraft zu verallgemeinern, d. h. das Grund⸗ 


30 3. Sropfhammer: 


prineip nach Art oder Analogie eines pſychiſchen Vermögens zu 
denken; ja der menfchliche Geiſt ift fogar darauf angemiefen, 
dieß zu thun, da ihm ein anderes, höheres Gleichniß nicht zu 
Gebote fieht. Die Religionen, auch die höchften konnten nicht 
anders verfahren, und haben ſich die Gottheit ober die Götter 
ſtets unter ber Form der menfchlichen Natur oder wenigftens 
des menfchlichen Geiſtes vorgeftelt. Die Philofophie verfuhr 
in ihrer Metaphyſik oder natürlichen Theologie ebenfalls nicht 
anders, und felbft abgefehen davon wird jegt allenthalden von 
objectiver, realer Vernunft, Vernunft im Dafeyn oder in ber 
Natur geſprochen, obwohl Vernunft urſpruͤnglich aud nur als 
ein ſubjectives pſychiſches Vermögen aufgefaßt wird. So auch 
fann man von objectiver oder realer Phantafte fprechen, fie als 
Grunbprincip des Weltprocefies betrachten, auch wenn fie urs 
fprünglih nur als fubiectioes Seelenvermögen erſcheint. (Sie 
war dieß übrigens zuerſt nicht einmal, denn unter Phantafle 
(garsacıa) verftand man zuerft die Außere Welt- Erfcheinung, 
das äußerlich Erfcheinende, dann die innere Erfcheinung oder 
Vorſtellung und endlich dad Vermögen aus ber Außeren Er- 
ſcheinung eine innere Erfheinung (Vorſtellung) zu bilden.) *) 
Dagegen den fubjectiven Willen kann man nit zum Welt 
prindip oder »Wefen erweitern obne ihn zugleich als Vermögen 
eines vernünftigen Geiſtes aufzufaſſen. Als blind und irrational 
iſt er fein Wille mehr, fondern blinde, ziellofe, hoͤchſtens noth⸗ 
wendig oder gefepmäßig wirfende Strebend> oder mechanifche 
Bewegungstraft, die dad Gegentheil vom Willen if, der 
nur mit Bewußtſehn und Einficht verbunden feyn fann. Der 
fubfeetioe (pſychologiſche) Wille und dieſes Schopenhauer’fche 
objective (metaphufifche) Weltwefen find alfo Gegenfäge und die 
Bezeichnung von dieſem ald „Mille“ iſt mißbräuchlid und uns 
berechtigt. Dagegen find die objective und fubjective Phantafie 
gleichen Weſens und haben gleiche Wirkensweile, fo daß die 


*) Bl. d. Verf. Schrift: Ueber die Principlen der Ariftotel. Philoſophle 
und die Bedeutung der Phantafle in derfelben. Münden 1881. 


Wille ober Phantafle? 3 


eine, bie fubjective, mit Recht den Namen für bie andere, bie 
objective, ergibt und umgekehrt dieſe ald Duelle oder Urſache 
von jener betrachtet wird. 


1. 


Wenn wir nun zur Unterfuhung übergehen, wie denn 
Schopenhauer fein Grundprincip zur Bildung einer Weltauf ⸗ 
faflung oder Welterflärung verwendet, fo läßt ſich ohne Schwierig« 
keit zeigen, daß nicht einmal feine eigene philoſophiſche Welt- 
auffaffung damit in Einklang ſteht oder ſich irgendwie daraus 
ableiten laͤßt, geſchweige denn daß bie Welt ſelbſt, die Ratur 
und Geſchichte mit ihren Erfcheinungen, Bildungen und Stre⸗ 
bungen fich daraus begreifen ließe. Wogegen ſich die Phantafle 
als immanentes Grundprincip des Weltproceſſes wohl eignet, 
den auffteigenden Raturproceß, die Entfiehung und Entwidlung 
der Raturbinge durch die fonthetifche und erzeugende Macht ob» 
jectiver Phantafie bis zur Menfchennatur hinauf zu erflären,*) 
ebenfo wie wiederum der hiſtoriſche Bildungsverlauf der Menſch⸗ 
beit mit al feinem geifigen Inhalt aus der fubiectiven Phan⸗ 
tafie (in Retem Zufammenmirfen mit der objectiven) wohl zu 
begreifen iſt. ) 

Die erſte und unmittelbare Offenbarung ober Darſtellung des 
metaphyſiſchen Weltweſens oder Willens findet nach Schopen⸗ 
hauer in den Ideen ſtatt, die noch erhaben ſind uͤber die Welt 
der Erſcheinung mit ihren Grundformen von Raum, Zeit und 
Cauſalitaͤt. Sie ſollen das Zwiſchenglied bilden zwiſchen dem 
metaphyſiſchen Grund» oder Urwillen und ber Erſcheinungswelt, 
die er allerdings ebenfalls als Objectität, alfo gewiſſermaßen 
unmittelbare Darftelung des Willens bezeichnet, nicht als defien 
Birfung. Bas unter den Ideen Schopenhauer’s eigentlich zu 
verſtehen ſey, iſt micht fehr klar zur Darſtellung gebracht. Sie 
ſollen die Platon' ſchen Ideen ſeyn; darnach wären fie das reine 

*) ©. die Phantafie als Grundprincip des Weltproceſſes. München 1877. 


S. neber die Geneſis der Menſchheit und deren geiſtige Catwictung 
in Religion, Sittlifeit und Sprache Münden 1883. 


32 3 Frohſchammer: 


Wefen ber Dinge an ſich, eigentlich alfo Adftractionen, in ihrem 
reinen Seyn (ohne die Vielheit der endlichen Darftellungen oder 
einzelnen Gegenſtaͤnde) betrachtet, Objecte reiner Schauung, 
intereffelofer Eontemplation. Anbrerfeits aber gilt Schopen- 
hauer’8 Lehre von den Ideen als feine Aeſthetik, und infofern 
Könnten diefe Ideen doch wiederum nicht ohne die finnlichen 
Bormen gedacht werben. Mag das eine oder andre oder beides 
zugleich ſeyn, jedenfalls können Schopenhauer's Ideen nicht als 
der unmittelbare und der Erfcheinungäwelt gegenüber abäquatere 
Ausdruck des metaphyfifchen Grundweſens oder Willens bes 
trachtet werden, da ber Wille als blind und ziellos firebend 
Duelle der Unfeligfeit bei ihm if, die Ideen dagegen ganz das 
Gegentheil davon, nämlich der einzige Grund ber Seligfeit, des 
Begluͤcktſeyns find, das dem Menfhen in diefem Dafeyn nur 
zeitweilig zu Theil wird. Demnach müffen diefe Ideen wefent- 
lich ein Gegenſatz vom Grundwillen und ganz andrer Ratur 
feyn als diefer und nichtd kann ſich fchroffer gegenüber fiehen 
als diefer Wille und diefe Ideen der Schopenhauer’fchen Lehre. 
Sie flammen in der That von der Erfcheinungswelt ab mit 
ihren Gegenflänten und Verhaͤltniſſen und find Erzeugniffe des 
menſchlichen Geiſtes felbft reſp. feiner Abſtractionskraft, d. h. 
des Verſtandes im Bunde mit der ſubjectiven Phantaſie, durch 
welche die abſtracten Begriffe der Erſcheinungswelt in die Sphäre 
des reinen Seyns ober vielmehr der reinen fubjectiven Gontems 
plation fo zu fagen hineingeſchwindelt find, — ohne daß auf den 
armen blinden Willen weiter Rüdfiht genommen wäre. Es 
beffert an der Sache nichts, wenn Schopenhauer die Idee ale 
ewiges Object für ein ewiges Subject bezeichnet, denn dieſes 
ewige Subject kann felbft nichts Reales feyn, da ber blinde 
Wille allein das Reale feyn fol und es kann daher ebenfo wie 
fein ewiges Object nur als ein Produkt der Adftraction bes 
tradhtet werden. Es ift dabei eben nicht blos der Gedanken: 
inhalt, fondern der ganze Denfact mit Subject und Object zur 
Abftraction, zu einem reinen beziehungslofen Gedanfending ges 
macht, zu reiner, abftracter Intuition. 


Bile oder Pantafle? 33 


Richt beſſer ſteht es um Schopenhauer'8 Lehre von der 
Erſcheinungswelt, oder der Welt als Borftellung. Als 
Srundformen und Principien oder wirkende Mächte berfelben 
bezeichnet er Zeit, Raum und Caufalität, welch' letztere er 
allein aus der Zwölfzahl der Kantfchen Kategorieen noch annimmt. 
Durch fie iſt die Erfcheinungswelt begründet, bie er als Ob» 
jectität ded Willens erklärt, während fie ihm doch auch wieder 
als bloße Vorftellung, d. h. nur ald Object für ein Subject 
gilt, für ein Subject, das felbft wiederum nur if als Object 
für ein Subject — fireng genommen in's Unendliche, fo ba 
man eigentlich nie weder zu einem eigentlich Vorftellenden noch 
zu einem Borgeftellten oder Object kommen könnte. In welchem 
Verhältnis nun diefe Erfheinungs- oder Vorflellungswelt zum 
realen Wefen der Welt oder zum Willen ſtehe, ift fehr unklar, 
wie ja überhaupt biefe ganze Weltauffaffung ſich immer wieder 
als ein Knäuel von Dunkelheit, Unmöglichkeit und Widerſpruch 
erweiſt. Als Urfache dieſer Vorftellungswelt darf der Wille 
nicht betrachtet werben, denn Urfache foll er ja nicht feyn, 
fondern nur Kraft. Andrerfeitd muß aber doch biefe Welt ver 
Erſcheinung als Objectität des Willens, deſſen unmittelbare 
Darſtellung ſeyn, nicht blos Schein. Dann muß auch die 
Cauſalitaͤt innerhalb dieſer Welt wiederum als Ausdruck des 
realen Willens gelten, der doch nicht Cauſalitaͤt ſeyn ſoll. 
Breitich, iſt das Cauſalverhaͤltniß in der Welt nur Vorſtellung, 
in der Borflellung eziflitend, dann eignet es dem Willen nicht, 
fondern iR Produkt der Vorſtellung oder eigentlich Imagination | 
Dann aber ift nur um fo dringender bie Frage zu flellen, woher 
denn die Vorftellung komme oder das vorftellende Subject, das 
ſich eigentlich, fein Object felber ſchaffen oder imaginiren muß? 
Die Borftellung fol nur Gehirnfuncion feyn, Produkt des 
Gehirns und alfo des Leibes, der felbft wieder ald Objectitär 
des Willens aufgefaßt wird. Diefer Leib aber mit dem Gehirn 
und feiner Function, der Vorſtellung, if, da er zur Erſcheinungs⸗ 
welt gehört, eben wieder ald Vorftelung aufzufaflen und wir 
haben wieder den eben erwähnten endloſen Zirkel. Was Raum 

geinat. f. Bpllof. m. yhilof, aruu. 08. Band. 3 


34 j 3 Sropfgammer: 


und Zeit betrifft, fo müflen fie ebenfalls als Borftelung aufs 
gefaßt werden und find in Bezug auf Urfprung und Wefen 
ebenfo bunfel, unerflärt und unverftändlich, wie die Eaufalität. 
Woher fie eigentlich faammen, wie ber blinde, an fi raum⸗ 
und zeitlofe Wille dazu komme feine Objectität in-Raum und 
Zeit zu zeigen, ober wie bie beides probucirende Vorftellung ent⸗ 
ſtehe, darüber ift weiter Fein Aufichluß gegeben. Die Bors 
ſtellung ift eben als Thatfahe aus der Erfahrung und aus 
Kants Kritit aufgegriffen ohne ihren Urfprung weiter zu ers 
klaͤren, wie der Wille in ähnlicher Weife gefunden und als 
einzige Realität erklärt if, obwohl die Welt auch ald Bor 
ſtellung bezeichnet wird und damit eigentlich überhaupt als uns 
real erflärt if, da von ihr aud) ald Wille nur durch Vorftellung 
gewußt werben fann. Als Borftellung, welcher nicht blos (idea⸗ 
liſtiſch) die Realität des Erfenntnißinhaltes verflüchtigt, fondern 
auch noch der reale Boden fo zu fagen unter den Füßen ent 
zogen iſt, infofern fein vorſtellendes Subject für die Vorſtellung 
da iſt, weil jedes angenommene Subject wieder nur ald Vor⸗ 
ſtellung aufgefaßt werden darf. Zeit und Raum werden auch 
noch ald principium individuationis aufgefaßt, obwohl fie Bor 
fellungs-Inhalt oder ⸗Produkt, und alfo bie Individuen auch 
nur Erſcheinungen in der Vorftellung find, d. h. die Individua⸗ 
liſation in der Vorftelung von Raum und Zeit vor fi gebt. 
Die Realität der Individuen als folder if demnach aufzugeben, 
obwohl Schopenhauer gerade im individuellen Selbftbewußtfeyn 
das eigentliche Weſen des Dafeyns, den Willen gefunden haben 
wid, und den Individuen, bie Selbfibewußtfeyn und Vernunft 
haben, bie Aufgabe für dad ethiſche Streben ſtellt, den Willen 
zum Leben, alfo die Realität des Individuellen aufzugeben, — 
was doch ein Borhandenfeyn eines individuellen realen Willens 
vorausfegt. Wiederum alfo ift hier Unbefimmtheit nicht nur, 
fondern geradezu Widerfprud. Das wahre principium indivi- 
duationis, das doch fo entſchieden fi kundgibt und bethätigt, 
die Generationsmacht (objective Phantafie) beachtet Schopens 
bauer faum trog feiner „Metaphyſik der Geſchlechtsliebe“, bie 


Wille oder Phantafle? 35 


größtentheils nur als Spielerei gelten Tann. " Wie aus ber Eins 
beit, als welche doch das reale Grundweſen des Daſeyns aufs 
gefaßt wird, die Vielheit und Verſchiedenheit der endlichen 
Dinge, der Arten und Individuen entfiche oder mit berfelben 
vereinbar fey, bleibt vollſtaͤndig unerflärt; denn wenn fie aus 
Raum umd Zeit abgeleitet wird, fo iR Raum und Zeit ſelbſt 
ja nur Vorſtellung; und was biefe urfprünglich if, und wie fie 
zum Willen flieht, woher fie ſtammt u. ſ. w., bleibt nicht blos 
umflar, fondern fie erfcheint mit al ihren Gebilden der Ers 
ſcheinungswelt als ein Widerfpruh mit bem Willen. Ein 
gleicher Widerſpruch iſt es auch, wenn Schopenhauer ein teleos 
logiſches Wirken in der Ratur annimmt und barauf fogar fehr 
großes Gewicht legt. Wie foll denn ber blinde Wille irgendwie 
ein teleologifche® Geſchehen oder Wirken begründen ober in einem 
ſolchen feine Darftelung ober fein erſcheinendes Seyn finden 
tönnen oder wollen? Ober, da er body nur ein Wille ift, ber 
nichts will, fondern nur blindlings wirkt ober frebt in ber Ratur, 
wie ſoll es gefchehen, daß bad, was an ſich ziellos wirft, in 
der Etſcheinung auf einmal teleologiſch ſich bethaͤtigt? Ober 
noch mehr: wie fol die mechanifch wirkende Macht des Willens 
wiederum auch ihre Ratur ändern und teleologiſch wirken? Und 
zwar fo, daß das teleologifche, alfo vom Wefen bes blinden 
Willens abgefallene Wirken das höhere if, während das mecha⸗ 
niſche, dem Weſen des Urmwillens mehr entfprechende in ber Er⸗ 
fheinungswelt als unvollfommener erfcheint, das feine Bedeutung 
erh durch die Zwedmäßigfeit des Geſchehens erhält? 

Es ficht kaum befier um Schopenhauer’8 Lchre von bem, 
was er ald Intelleet bezeichnet, worunter er Anſchauungs⸗ 
vermögen und Berftand, fowie Vernunft als Abftractionsfähig- 
keit (Begriffövermögen) verficht. Auch bdiefer wird zwar als 
Thatſache aufgegriffen und in feiner Thätigkeit vielfach treffend 
und in klarer Weife gefchilbert, bleibt aber in Urfprung, Weſen 
und Bedeutung nicht blos ganz unerflärt, fondern ſteht in al? 
diefen Beziehungen in birectem Widerſpruch mit dem Willen 
als Grundprincip, ja enthält einen Widerſpruch in ſich ſelbſt, 

32* 


36 I Frohſchammer: 


wenigftens in Bezug auf feine eigentliche Aufgabe und Ber 
deutung für das menfchliche Dafeyn. Was den Urfprung oder 
die Wurzel des Intellectes betrifft, fo verhält es ſich dabei wie 
bei der Vorſtellung. Er bat auch feinen Grund und Boden, 
da der Wille als blind, als zwei» und bewußtlos dieß nicht 
feyn fann, eine andere Grundlage oder Duelle aber nicht da if. 
So ſchwebt er alfo gleichfam in der Luft, ohne Kraft oder 
Eigenſchaft irgend eines bewußten denkenden Subjects zu ſeyn. 
Aehnlich iſt ja auch die Vorftellung da ohne ein Borftellendes 
Diefes ſelbſt ift ja Produkt der Vorſtellung, nicht umgekehrt, 
denn das Gehirn und ber Intellect, deſſen Ausdruck es feyn 
fol (obwohl es auch wieder als Objectität des Willens gilt), 
iſt nur Vorftelung der Vorftellung, bie felbft wiederum aus 
diefem Borgeftellten ſtammt u.f.f. Woher der Intellect kommt 
iſt demnach fo unffar und unerflärlidh, wie bieß, woher bie 
Vorftelung kommt, die doch eigentlich ibentifh mit der Er⸗ 
ſcheinungswelt feyn fol. Jedenfalls fann er nicht aus dem 
blinden Willen ſtammen, ba er feiner Ratur und Aufgabe nach 
deſſen Wefen und Wirken geradezu widerfpriht. Er muß alfo 
allenfalls gleich ewig mit biefem feyn; entweder von ihm ges 
trennt, dann haben wir flatt des fog. Monisınus einen feind- 
lichen Dualismus von zwei entgegengefegten Principien, beide 
gleih ewig und real, fowie in einem ewigen Kampfe mit ein« 
ander begriffen wie Finſterniß und Licht; oder beide find mit 
einander wefentli zur Einheit eines Principe verbunden, dann 
iR nicht mehr der blinde Wille allein das reale, wefenhafte 
Weltprincip, fondern Wille und Intellect zufammen. Beide 
aber können, wie ſchon früher bemerft, in ihrer reinen Actualität 
nicht unmittelbar mit einander verbunden ſeyn, da fie in ihrer 
Thaͤtigkeit verfchieden find, ſondern bedürfen einer ſynthetiſchen 
Macht oder eines einigenden Bandes. Dieſes wäre zu finden 
gewefen in ber fonthetifchen Macht der teleologifch -plaftifchen 
Geſtaltungskraft oder ber objectiven Phantafle, die Berfchiedenes 
zur Einheit verbindet, wie bie einheitliche Verbindung verfchiedens 
artiger Glieder des Organismus zeigt. — Könnte aber auch ber 





Wille oder Bhantafle? 37 


blinde Wille den Intellect hervorbringen, fo würde er für ſich 
damit nichts erreichen, und nicht blos das Gegentheil von ſich 
ſchaffen, fondern aud) eine feinem Wefen und Streben feindliche 
Macht hervorbringen. Denn das ift der Intellect nach Schopen⸗ 
hauer’fcher Auffaffung und außerdem noch in feiner Thätigfeit 
zum Widerſpruch mit fich ſelbſt beſtimmt. Zunaͤchſt nämlich 
ſchreibt Schopenhauer dem Intellect die Aufgabe zu, den indivi⸗ 
duellen Wefen zur Erhaltung und Förderung als Werkzeug zu 
dienen, es ihnen zu ermöglichen, fich im Daſeyn zu orientiren, 
das Röthige zu fuchen und zu finden, das Gefährliche zu 
vermeiden. Dieb gilt auch noch vom menſchlichen Intellect. 
Gleichwohl fol bei dem Menfhen der Intelleet auch wiederum 
ganz die entgegengefegte Aufgabe haben, nämlich bie, durch 
richtige Erfenntniß die Nichtigkeit des Daſeyns zu durchfchauen, 
dem Willen zum Leben entgegenzuwirken und benfelben ſchließlich 
ganz ober wenigſtens theilweife aufzuheben, flatt das Reben zu 
erhalten und zu fördern. Mit diefen beiden Aufgaben fleht 
außerdem noch eine britte Anſicht Schopenhauer's in Wider» 
ſpruch, nad) welcher dad Gehirn, alfo ber Ausbrud oder bad 
Zunctiondorgan des Intellectd nur eine Ueberwucherung wäre, 
als Gegenpol zu tem Geſchlechtsſyſtem als dem eigentlichen 
Ausdrud des Willens zum Leben. Sonach wäre der Intellect 
nun etwas recht eigentlich Accidentelles, kaum in das Zweck⸗ 
ſyſtem der Ratur, worauf Schopenhauer fonft fo viel Gewicht 
legt, nothiwendig „oder rationel Cingefügtes oder daraus als 
Hauptziel des Naturproceſſes Hervorgehendes. Eine Auffaffung, 
die alfo wiederum nicht zu der teleologifchen Naturbetrachtung 
paſſen fann und noch weniger zu ber Lehre von dem Ideen, 
deren Intuition doc ald das Hoͤchſte, Befte des Dafeyns gilt 
und die doch wohl durch den Intellect geſchieht, da Schopen- 
bauer feine andere, etwa ideale oder myſtiſche Faͤhigkeit des 
Geiſtes anzunehmen ſcheint. 

Wie die Schopenhauer'ſche Philoſophie für die Pſychologie 
überhaupt wenig geleiſtet hat, fo insbeſondere auch gibt ſie über 
die Empfindungen und Gefühle, deren Urfprung und 


38 3. Frohſchammer: 


Weſen kaum einen Auffchluß, obwohl gerade fie für eine peſſi⸗ 
miſtiſche Weltauffaflung von befonderer Wichtigkeit find, ba auf 
ihnen ale Begründung des Peifimismus beruht. Luſt ⸗ wie 
Schmerz« Empfindungen find nad Schopenhauer’s Grundlehre 
gleich unerklärlich, ja unmöglich. Sie können weder vom Willen 
noch von ber Borftellung oder vom Intellect kommen. Bom 
Willen nicht, da diefer blind, bewußt⸗ und ziellos feyn fol, dem⸗ 
nach weber einer Empfindung überhaupt, noch einer feynfollenden 
ober nichtſeynſollenden Empfindung, wie die Luft» und Schmerz» 
empfindung inhaltlich iR, fähig feyn fann. Die Vorftellung 
nit, da fie eben Vorſtellung der Erſcheinung if, nit Em⸗ 
pfindung, fowie der Intellect nur zu erfennen, nicht zu empfinden 
vermag. Eher möchte die Zmedmäßigfeit fih eignen zur Er⸗ 
Härung ber Möglichkeit und IThatfächlichkeit der Empfindungen, 
und zwar ber Luft» wie der Schmerzempfindungen, infofern biefe 
als Wahrnehmungen von Förderung oder Störung berfelben 
aufgefaßt werben fönnen. Aber die Zwedmäßigfeit ſelbſt iſt 
nur grundlos angenommen, folgt aus dem Grundprincip nicht, 
fondern fleht damit vielmehr in Widerfpruh. Und könnten aus 
dem Schopenhauerfchen Willensprincip und dem unaufhörlichen 
Willenöfireben wirklid Empfindungen entfliehen, fo müßten es 
wenigſtens lauter Ruftempfindungen ſeyn, fo daß ber Peſſimis⸗ 
mus durchaus unbegründet erſchiene. Luftempfindungen; denn 
iſt es das Weſen, bie Ratur des Willens, des einzigen Realen 
und Mächtigen im Dafeyn, immerfort zu fireben, fo kann fein 
Schmerz, feine Unfuft entfiehen, denn dieſes Streben kann gar 
nicht gehemmt ober gar aufgehoben werben, ohne daß ber Wille 
ſelbſt, alfo das abfolut Reale, in feinem Wefen (dad ja Streben 
iR) aufgehoben würde, was unmöglich ifl. Immer alfo dauert 
das Streben fort, das ziellofe Streben, denn felbk wenn ihm 
ein Hinderniß in den Weg gelegt wird, bleibt es als Streben 
beſtehen und das Hinderniß bebeutet für dasſelbe nichts, weil 
es eben nichts, d. h. fein Ziel erſtrebt, alfo an der Erreichung des⸗ 
felben nicht gehindert werben, demnach auch niemals unbefriebigt 
fepn, darüber aud feinen Schmerz empfinden ober betrübt ſeyn 


Wille oder Bhantafle? 3. 


ann, wie doch Schopenhauer annimmt. Ein Wefen, das immer 
feiner Ratur gemäß ſeyn oder wirken fann, muß, wenn es übers 
haupt der Empfindung ober bed Gefühle fähig if, immer Luſt 
eanpfinden ober freudig geſtimmt feyn, und ſonach fordert Schopen» 
bauer’s Wilensprincip vielmehr Behauptung bes Optimismus, 
anſtatt des Peſſimismus. Wird doch biefem letzteren gehuldigt, 
fo iR dieß ein Zeichen von Mangelhaftigkeit des Princips und 
der Ausführung des Syſtems dem Princiv gemäß, oder über 
haupt von willfürliher Verbindung widerſprechender Momente 
zu einer vermeintlichen Einheit. 

Diefelbe Mangelyaftigfeit der Auffaffung und Ausführung 
zeigt fich bei Schopenhauer in feiner Lehre vom Bewußtſeyn 
und Selbſtbewußtſeyn. Wie es dazu kommen Eonnte, iſt 
auch bei diefen pſychiſchen Erfcheinungen oder Zunctionen gar 
nicht weiter unterfucht, obwohl aus ber näheren Erforſchung 
gerade des Selbſtbewußtſeyns das Grundprincip, der Wille ent 
deckt ſeyn will. Die genetifche Forſchungs⸗ und Erflärungsweife 
iR ja überhaupt Schopenhauer's Sache nicht. Die Erklärung 
des Bewußtfeyns befteht nur darin, daß es als Eigenfchaft 
animalifcher Wefen bezeichnet wird und als Bethätigung des 
Intellects erfcheint, deſſen Sig oder Ausdrud felbft wieder das 
Gehirn ift, welches feinerfeitö wiederum Borftellung if, d. 5. 
nur iſt als Object für ein vorftellendes Subjet — in dem bes 
kannten Zirkel, von dem oben ſchon die Rede war. Der Zwed 
des Bewußtſeyns befteht, wie bei dem Intellect überhaupt, darin, 
ein Ausfunftömittel (unzayn) der Ratur zu feyn, um den leben⸗ 
den Weſen ven Lebensbedarf zu verfchaffen. Es erhellt daraus, 
daß dad Bewußtſeyn in gar feinem vernünftigen Zufammenhang 
mit dem Urwillen fteht, vielmehr im Gegenfag dazu, da dadurch 
das Einzelwefen, der Einzelwille erhalten wird — welcher, man 
weiß nicht wie und wodurch, vom Allwillen fi befondert hat. — 
Für das Selbſtbewußtſeyn iſt das Object, der Inhalt, das eigene 
Selbſt, näher: das eigene Wollen, worunter nicht blos die ent« 
ſchiedenen, zur That werdenden Willensacte und bie förmlichen 
Entſchluſſe, fondern auch alles Begehren, Streben, Wünfchen, 


40 3. Srobfhammer: 


Sehnen, Hoffen, Lieben u.f.w. gehört, fo daß bier die Aeuße⸗ 
rungen bes Gemüthes und bed Wollens größtentheild als iden⸗ 
tiſch erfcheinen. Im dieſem Selbſtbewußtſeyn nun flreift nad 
Schopenhauer dad Ding an fi, der Wile, bie eine feiner Er⸗ 
ſcheinungsformen, den Raum, ab und behält allein die andere, 
die Zeit, bei. Da nun in der bloßen Zeit feine beharrende 
Subftanz, wie die Materie, ſich anſchauen läßt, fo wird im 
Selbſtbewußtſeyn auch der Wille nicht als beharrende Subftanz 
angefehaut, fondern nur in feinen fucceffiven Acten, und bie 
Erkenntniß des Willens im Selbfibewußtfeyn iſt feine Ans 
ſchauung beflelben, fondern ein ganz unmittelbares Innewerden 
feiner fuceeffiven Regungen, fo daß das Subject den Willen 
doch eben auch nur wie die Außendinge erfennt an feinen 
Aeußerungen, ben einzelnen Affectionen und Willensacten, alfo 
auch nur als Erfheinung, wenn aud nicht als räumliche, 
fondern nur als zeitliche. Damit ift eigentlich die Behauptung 
wieder aufgehoben, daß im Selbſtbewußtſeyn der Wille ſelbſt 
wahrgenommen werde als Grundweſen bed Dafeyns, nicht als 
bloße Erſcheinung — worauf doch die ganze Schopenhauer’fche 
Weltauffaffung beruht. Wenn Schopenhauer dennoch behauptet, 
daß unfer Inneres feine Wurzel in dem hat, was nicht mehr 
Erſcheinung, fondern Ding an fi ift, daß unfer Ich deßhalb 
ein dunkler Punkt fey im Bewußtſeyn, und im biefer bunflen 
Wurzel unſtes Bewußtſeyns die Verfchiedenheit der Wefen aufs 
höre — fo wiberfpricht dieß dem Wefen und der Bedeutung bes 
Selbſtbewußtſeyns und dem Ich, da eben bie Selbfiheit, Selbſt⸗ 
ſtaͤndigkeit, fowie die Unterfchiedenheit von Anderm und auch vom 
Urgrunde ben Inhalt und bie Bedeutung des Selbftbewußtfeyne 
bildet. Wenn davon gefprochen wird, daß das helle Bewußt⸗ 
feyn ſtets nad) außen ſich richte, während es im Innern bunfel 
bleibe, fo wäre doch beftimmt zu fagen, wodurch benn biefes 
Außen“ felber fey? Nach der Grundlehre body nur durch Bor 
ſtellung nicht aus dem finftern Anſich der Dinge oder dem Ur: 
willen; bie Vorftellung aber geht doch felbft aus dem Innern 
des Subjects hervor, befonderd bei fo ibealiftifcher Erkenntniß⸗ 


Wille oder Phantafie? 41 


theorie, wie die Schopenhauer'ſche iſt, und alſo ſtammt die 
Helle draußen bei dem Weltbewußtſeyn oder im Bewußtſeyn 
des Räumlichen und Zeitlichen doch wieder aus dem finftern 
Immern! Außerdem aber, da biefes Innere auch Gegenftand 
des Bewußtſeyns im Selbftbewußtfeyn if, fo follte es doch auch 
hell feyn, nicht ein dunkler Punkt! Es ift in der That auch 
fo hell wie das Meußere, da auch die Acte, Thätigkeiten, Er⸗ 
ſcheinungen davon wahrgenommen werben, wie von ber Außen- 
welt, außerdem aber noch ein Thätiged, Wirkfames ald Selbſi, 
das mindeftens eben fo Har für die Erkenntniß iR, wie bie 
einheitlichen allgemeinen Kräfte der Wirkungen in ber Außern 
Erfheinungswelt! — Wenn als das Einheitliche im Bewußt⸗ 
feyn überhaupt ber Wille ald das Eine, Unmwandelbare, ſchlecht⸗ 
bin Identiſche bezeichnet wird, der das Bewußtſeyn ſelbſt zu 
feinen Zweden hervorgebracht, fo IR damit bie fonflige Grund⸗ 
Ichre Schopenhauer's vom Willen verlaffen, derzufolge er weber 
als Urfache betrachtet, noch bei feinem blinden, ziellofen Streben 
als zwedfegend aufgefaßt werden fol. — Der Wille if da ale 
Generationsmacht, als Individuationsprincip geltend gemacht, 
als allgemeines Gattungswefen, während font Raum und Zeit 
(obwohl nur durch Vorſtellung feyend), als principium indivi- 
duationis bezeichnet werben und babei ber Eine, einheitliche Wille 
nur wie ein getheiltes Stoffliches erfcheint diefem Individuations⸗ 
prindp gegenüber, deſſen Dafeyn und Wirken ſelbſt unerflärt 
bleibt und daher felbft auch einen principielen Charakter an ſich 
trägt. — Das Ih bezeichnet nad) Schopenhauer die Ipentität 
des Subjectd des Wollens mit dem erfennenden Subjert und 
fließt beide ein. Das Zufammenfallen beider ift ihm das 
+ Bunder za? Zkoxnv. Gleichnißweiſe ausgebrüdt bilde der Wille 
die Wurzel, der Intellect die Krone, der Indifferenzpunft beider, 
der Burzelftod, iſt das Ich, welches als gemeinfchaftlicher End» 
punft beiden angehört. Diefes Ich ift das in der Zeit identiſche 
Subject des Erkennens und Wollens, deſſen Identität eben das 
Hauptwunder des Dafeyns fey. Der Wille, der ſich ſelbſt Bor» 
ſtellung wird, ſey bie Einheit, die wir durch Ich ausrüden. 


42 3. Frohſchammer: 


Das Ich fey demnach Feine einfache, untheilbare, unzerftörbare 
Subſtanz, fondern es beflehe aus zwei heterogenen Beſtand⸗ 
theilen, einem metaphufifchen (Willen) und einem phyſiſchen 
Sntellect), einem unzerftörbaren und einem zerſtoͤrbaren. Der 
Intellect werde als bloße Function des Gehirns vom Untergang 
des Leibes mit getroffen, der Wille aber nicht, ber das Prius 
des Leibes fey. Dem gegenüber ift zu bemerfen, daß allerdings 
Intellect und Wille im Ich eine Einheit bilden, aber nicht zus 
gleich einen fchroffen Dualismus von Entgegengefegtem ober ſich 
Widerſprechendem, wie Licht und Finfternig, wobei noch dazu 
die lehtere das Subftantielle, Unvergängliche ſehn fol, erſteres 
aber nur das Meciventelle, Vergaͤngliche. Wie Schopenhauer 
den Willen auffaßt, ift er mit dem Intellect nicht in bie harmo⸗ 
nifche Einheit des Selbſtbewußtſeyns zu bringen, noch weniger 
ann jest auf einmal der Intellect (oder das Gehirn) mit feinem 
Licht als eine Function des blinden, finftern Willens hingenommen 
werben, wenn man nicht blos mit Worten fpielen will. Die 
Einheit von Wille und Intellect wird vielmehr durch die ſynthe⸗ 
tifche Macht der Cobjectiv-fubjectiven) Phantafie hergeftellt, durch 
welche der pfychifche Organismus mit verſchiedenen Kräften in 
ähnlicher Weife fi) bildet, wie der phyſiſche Organismus durch 
das organifche oder Lebensprincip Cobjective Phantafle) ſich ger 
ſtaltet. Eine Erklärung kann Schopenhauer aus feinem Grund» 
prineip weder vom Bewußtfeyn, noch vom Selbfibewußtfeyn und 
Ih in irgend einer Weife geben; er verbindet nur Unverein- 
bares, fucht fi mit einem Gleichniß über die Schwierigfeit 
binwegzuhelfen und flüchtet zulegt einfach zur Behauptung eines 
Wunders, d. 5. zum Verzicht auf Erklaͤrung bezüglich deſſen, 
was gerade das Wichtigſte iſt, das eigentliche Melträthfel, der — 
„Weltknoten“, von deſſen Berhältniß zum Entwidlungsproceß der 
Natur, die ganze Bedeutung des Daſeyns und dad Begreifen 
desſelben abhängig if. 

Es if zur Würdigung dieſer Philoſophie Schopenhauer’s 
unnöthig noch ausführlicher auf das Einzelne derſelben kritiſch 
einzugehen; nur einige Bemerfungen über bie Ethik desſelben 


Wille oder Phantaſie ? 43 


mögen noch beigefügt werben. Strenge genommen if mit 
Schopenhauer's Annahme vom blinden Willen als Grundweſen 
des Dafeyns, fowie mit feiner Lehre vom empirifchen (determis 
nirten) Willen (im Unterſchied vom freien intelligiblen Willen) 
eine eigentliche Ethik nicht wohl vereinbar, da fittliche Weſen 
und firtliche® Handeln dabei nicht möglich find. Wenn bas 
Dafeyn des Indivibuellen gleichſam als eine fittlihe Schuld 
betrachtet wird, fo geſchieht dieß ohne genügenden Grund. 
Denn wer fol die Schuld diefed individuellen Daſeyns tragen? 
Der blinde Wille ald Grundprindp wohl nicht, da er in feinem 
blinden Wefen und Streben nicht im wahren Sinne frei feyn, 
nicht fich abfichtlich individualiſiren, alfo gleichſam von ſich felbft 
abfallen und damit durch feine Trennung von der Einheit eine 
Schuld auf ſich laden konnte, die zudem nicht er ſelbſt, fondern 
das ſchuldbar ald Individuum Gefegte zu tragen hätte. Dieß 
könnte nur ungerechter Weife gefchehen, könnte alſo audy nicht 
weſentlich Schuld begründen, da biefes Individuum ſich nicht 
ſelber fegte, fondern ohne fein Zuthun gefegt wurde. Wie da 
von Schuld die Rede feyn könnte, iſt nicht abzufehen! Ebenſo 
wenig aber läßt fi bei dem Schopenhauerfchen Princip ein 
Ziel des fittlihen Strebend annehmen, da durch Sittlichfeit wie 
durch Unfittlichfeit ganz das Gleiche erreicht wird: dad Auf 
sehen in den allgemeinen Willen durdy Aufhören bed Bewußt⸗ 
fegn® und ded Individuums im Tode. Auch durch Nächſten⸗ 
liebe oder durch Mitleid, das Schopenhauer ald Princip ber 
Sittlichfeit geltend zu machen ſucht, iſt nichts zu erreichen. 
Die Hülfe und Lebenderleichterung, bie dem Raͤchſten gewährt 
wird, fördert ja nur den Willen zum Leben, der dad Grund» 
übel des Dafeyns feyn ſoll und ift alfo im Grunde vielmehr 
unfittlih und die Unſittlichkeit, das Nichtſeynſollen foͤrdernd, 
als es aufhebend oder vermindernd. Itgend eine poſitive 
ſinliche Volllommenheit iſt nad) Schopenhauerfher Weltaufs 
faffung zu erreichen ſchlechterdings unmöglich, nur negative 
Bedeutung kann das menfchliche Streben in biefer Beziehung 
haben, Berneinung, Aufhebung des Willens zum Xeben, um 


4 3 Frohſchammer: 


damit auch alles eigene Seyn und jede eigene Bebeutung zu 
verlieren. 

Bas endlich noch den Reffimismus Schopenhauer’s 
betrifft, fo wurde fchon oben darauf hingewieſen, daß berfelbe 
keineswegs durch fein Willensprincip begründet ſey, da aus 
dem blinden, ziellofen Streben gar feine Empfindung entftehen 
Tann, auf welche body bie peffimiftifche Weltauffaffung fich fügt; 
oder wenn Empfindungen daraus entftehen könnten, biefe nur 
angenehm, nicht ſchmerzlich ſeyn könnten, weil der raflofe Wille 
gar feine eigentliche Hemmung erfahren fann, da fein Wefen 
darin beſteht, immer zu fireben und dieß durch feinerlei Hinder⸗ 
niß aufgehoben werben kann (als bie eigentliche Subftanz des 
Dafeyns), eine Zielerreichung aber auch nicht gehindert und etwa 
dadurch Schmerz bereitet werden fann, da ein Ziel (bein Grund» 
wefen des blinden Willens gemäß) gar nicht angeftrebt wird. 
Wenn es dennoch zu einer peffimiftifchen Stimmung und Welt⸗ 
auffaffung gefommen ift, fo hat bie in der Zweckmaͤßigkeit und 
der damit begründeten Idealitaͤt des Daſeyns feine Duelle. 
Weil Zwede und individuelle Wienöftrebungen gehemmt werben 
können, und weil Ibealität und Tendenz ber Ibeerealifitung dem 
Dafeyn innewohnt, alfo ein Seynfollen, das durch Nichtſeyn⸗ 
ſollen geftört werben fann, darum wird die Unvollfommenheit 
und das Elend des Dafeyns empfunden und kann peffimiftifche 
Stimmung und Weltauffaffung entftehen. Wäre die Welt fo, 
wie fie nach Schopenhauer's Grundprincip feyn müßte, und wäre 
fie von Grund aus ſchlecht und elend, dann würde es über- 
haupt feinem Wefen moͤglich feyn, Unvolltommenes, Schlechtes 
zu empfinden und peffimiftifch zu fühlen und zu denken. 

Genug. Es if, glaube ich, hinreichend gezeigt, daß es 
mit der Begründung der Schopenhauer’ihen Willensphilofophie 
keineswegs zum Beften ftehe, daß dieſes Willensprincip willkür⸗ 
lich, grundlo® angenommen und benannt fey, und daß die ganze 
Weltauffaffung, die darauf gebaut if, nicht blos ber Elaren, 
genügenden Begründung entbehre, fondern auch aus lauter eins 
ander wiberfprechenden Stüden zufammengefept fey und keines⸗ 


Wille oder Phantaſie ? 45 


wegs als ein eigentliches Syſtem der Philoſophie betrachtet 
werden koͤnne, ſo viel Bedeutendes, Geiſtreiches auch im Ein⸗ 
zelnen in ihm enthalten iſt. Leſer, die wenig auf das Ganze 
ſehen, ſich hauptſaͤchlich oder ſogar ausſchließlich an das Einzelne 
halten, finden ſich allerdings durch die ſchoͤne Darſtellung und 
die Freiheit der Behandlung angezogen und oft gefeflelt. Diefem 
verdankt auch Schopenhauer's Philoſophie die große Popularität 
und Berbreitung, die fie erlangt hat, in Verbindung mit dem 
Peffimismus, welcher der Blafirtheit befonders zufagt umd zu 
einer Art Modeftimmung oder Mobekrankheit, gleihfam pſychi⸗ 
ſcher Epivemie geworben if. Fuͤr die Phitofophie ſelbſt kann 
durch Schopenhauer nicht im Entfernteften dad legte Wort 
geſprochen ſeyn und fernere Verfuche, und zwar auf ganz andern 
Grundlagen müffen daher als vollberechtigt anerfannt werben. 
Sehen wir nun, wie die Außeren und inneren Welt 
ericheinungen und der ganze Weltproceß fi aus dem Grund» 
princip, dad wir als Weltphantafte bezeichnen, ſich ableiten oder 
erflären laſſen. Wefen und Bethätigungsweife biefer if, wie 
ſchon bemerkt, aufzufaflen nach Analogie der fubjectiven Phantafle 
und kann daher durch biefe, bie jeber in fich felber erfährt, vor⸗ 
ſtellig oder verſtaͤndlich gemacht werden. Diefelbe iſt alfo als 
objective, real wirkende Bildungsemacht aufzufaſſen, deren ſyn⸗ 
thetifche Wirkfamteit fi) hauptſaͤchlich dur zwei Momente 
auszeichnet, durch das plaftifche und das tefeologifche. Beiden 
Momenten’ immanent iſt ein dritted, die Tendenz nämlich zum 
Idealen, zur Ipeerealifirung, wie ja auch der fubjectisen Phan- 
tafle ſolche Tendenz oder Neigung eigenthümlih iſt. Diefe 
BWeltphantafle nun mit diefer, eigenthümlichen Wirteneweife it 
als weltimmanentes Geftaltungsprincip anzunehmen ebenfo gut, 
wenn man fidh (wie oben ſchon bemerkt worden) auf theiſtiſchem 
Standpunkt lebend die Weltentſtehung als Werk eines perſoͤn⸗ 
lichen Gottes denkt, ald wenn man davon abfieht und rein nur 
den gegebenen immanenten Entwidlungsproceß in's Auge faßt 
und zu erflären verfucht. Auch bei ber theiſtiſchen Schöpfungs- 
lehre wirb ja nicht angenommen, baß ber perfönlidye Bott felbft 


46 3. Sropfgammer: 


als folder in bie Weltwerdung und den Weltproceß eingegangen 
fey, fondern man benft ſich dabei als wirkendes Princip den 
(emanenten) göttlichen Schöpfungslogos, das Schöpfungswort 
ober bie Kraft des Schaffens und Forterhaltens. Diefer 
Schöpfungslogos kann in feiner Wirkfamfeit auch nicht anders 
gedacht werben, benn als funthetifch wirfend, teleologifch und 
plaſtiſch geftaltend, indem er fi als Generationsmacht, gleiche 
fam als fecundäre Schöpfungsmadht zur orterhaltung unb 
Weiterentwidlung des Geſchoͤpflichen bethätigt, aͤhnlich wie wir 
es von ber Weltphantaſie behaupten müffen. Wir können alfo 
davon ganz abfehen, woher dieſe fhöpferifch wirkende, innerlich 
wie Außerlidy geftaltende Weltphantafte felber fey, da wir nur 
den immanenten Weltproceß ſelbſt in feinen wirkenden Kräften 
und Formen zu erforfchen fuchen, in ähnlicher Weife, wie die 
Phyſik das phyſilaliſche Geſchehen, die Bethätigungsweife und 
die Wirkungen der mechaniſchen Grundkraft zu erforfchen firebt 
und zu erfennen vermag, auch ohne daß fie darnach forfcht oder 
zu fagen vermag, woher und was biefe phyſilaliſche, mechaniſch 
wirtende Kraft (oder Wirkſamkeit) felber fey. 

Da uns bie Tiefe der Ewigkeit verſchloſſen oder unfaßbar 
iR, fo müflen wir eben von einem beftimmten Zeitpunkt und 
Zufand des Dafeyns, ber nothwendig einmal geweſen feyn 
muß, auögehen, um von da an die weitere Entwidlung zu er- 
forſchen, wo möglich zu begreifen. Rac Analogie der jegigen 
Gntwidlungsvorgänge, die flet6 mit dem Unbeflimmteren ber 
ginnen und zu immer flärferer Glieverung und Geſtaltung 
(Außerlih und innerlich) fortfchreiten, — müfjen wir von einem 
Zuftand von Unbefimmtheit und Formloſigkeit in der Ratur 
audgehen, in weldem jedoch die Principien fhon da, wenn 
aud in ihrer Bethätigung noch nicht zu beftimmter Offenbarung 
gefommen waren, — ober wenigftens von bewußten Weſen 
unfrer Art noch nicht erfannt werden konnten — ſchon deßhalb 
nicht, weil die Entwidlung noch lange nicht bis zu diefen ge⸗ 
diehen war. Das Geftaltungsprincip wirkte alfo da noch in 
einer. und nicht erfaßbaren, noch unbeftimmteren Weife, und bie 


Wille oder Phantaſie ? 47 


Rationalität und Idealitaͤt des Daſeyns war mehr noch potentiell 
als actuell, gleichſam nur erft feyend, doch ſchon lebendig das 
durch, daß fie in bie allgemeine Bildungsmacht (objective Phan⸗ 
tafie) aufgenommen waren. Der eigentliche, und erfaßbare Ent- 
widlungöproceg begann mit zwar nod) fehr unvollfommnen, aber 
doch ſchon in einer gewiſſen Indivibualifirung erfcheinenden Bil⸗ 
dungen von teleologiſchem und plaſtiſchem Gharafter, und alfo 
mit Anfängen deſſen, was wir als Speerealifirung bezeichnen 
können. Das allgemeine Geftaltungsprincip bethätigte fi dann 
hauptſaͤchlich in zwei Richtungen mit einer unendlichen düͤlle 
mannichfaltiger Bildungen, im Pflanzen» und im Thierreiche. 
Die höheren Geftaltungen wurden bedingt hauptfächlich dadurch, 
daß das Eine Princip ſich in die Zweiheit der Geſchlechter differen⸗ 
girte, buch deren Wiebereinigung die neuen Individuen nad) ihren 
befimmten Arten gefegt werden. Die Organismen felbft haben 
ſchon ein freies und ein nothwendiges Moment in fi; jenes 
iR bedingt durch das Gefaltungsprincip Cobjective Phantafie), 
diefeß durch bie allgemein wirkenden phyfifalifchen Gefege. Das 
her zeigen fi die Organismen in ihren Arten fowohl confant 
als veränderlih, und ift eine Entwidlung berfelden in einer 
Stufenreihe ſowie eine reihe Mannichfaltigkeit möglih. Bei 
den lebendigen Wefen, deren Entflehung wohl durch eine 
erfolgte ſtaͤrlere Goncentration der allgemeinen Geſtaltungs⸗ 
poteng und deren Wirfen unter günftigeren Umftänden veranlaßt 
war, ift das Princip der Geftaltung und des Lebens fchon uns 
abhängige, felbfiftändiger für ſich und wirft als empfindendes 
und bewegended Moment für Erhaltung und Förderung innerem 
Veduͤrfniß und Außeren Verhaͤltniſſen gemäß. Die Empfindung 
in die erſte fubjective Wahrnehmung (Selbſtwahrnehmung) des 
objectiv gegebenen teleologiſchen und idealen Waltens bes Princips 
in der Natur; in ihr findet ſich dieſes zuerſt ſelbſt, ſo daß ſie als 
Selbſtoffenbarung davon bezeichnet werden kann, als Inneres 
gegenüber dem koͤrperlichen aͤußeren Seyn. In den Sinnen 
tritt dieſes fo durch Concentration ſich erſchließende Innere mit 
der Außenwelt in Beziehung und ſchließt ſich dadurch nur um 


4 3 Srobfgammer: 


fo mehr als felbAftändige Inbivibualität ab. Da die ganze 
förperlihe Organifation mit ihren Bebürfniffen und Strebungen 
in den Umfreis der Empfindungen aufgenommen ift, fo erhöht 
fih in Verbindung mit ihr das Lebensprincip (oder bie alls 
maͤhlich zur Seele und fubjectiv werdende objective Phantafle) 
zum Trieb und Inſtinct. Der Trieb if eben nichts Anderes 
als das aus ber Gefammtorganifation mittelft der Empfindung 
hervorgehende Streben nad dem für bie Individualität und 
auch für die Art Nothwendigen und Börberlichen, während der 
Inftinet die Fähigkeit iſt, dieſes richtig zu fuchen und zu er» 
fenmen, ohne dazu einer befondern Unterweifung ober Abrichtung 
zu bebürfen. Auch Intelligenz und Gefühl zeigt ſich bei den 
höher organifirten Thieren, indem äußere, freinde Verhaͤltniſſe 
in richtiger Weife zu individueller pfychifcher Nachbildung ges 
btacht werben durch die Anfänge der fubjectiven Phantafie und 
indem eigene Zuftände nicht mehr unmittelbar real erfahren 
körperlich empfunden), fondern nur formal pſychiſch nachgebildet 
oder gefühlt werben.*) Aus dem Grundprincip alfo, das wir 
in Ermangelung eines paflenderen Wortes ald „Weltphantafie“ 
bezeichnen, ſcheint uns das ganze reiche Gebiet der organifchen 
und thieriſchen Geftaltungen in einer fletigen Entwidlung ab» 
geleitet werden zu fönnen — während aus einem blinden Willen 
abfolut nichts Teleologifches und Nationales oder Ideales ab» 
zuleiten iR, da er nicht blos das noch Undeftimmte, Unentwidelte 
von Allem ift, fondern vielmehr dad Gegentheil davon. Das 
Gebiet des Organiſchen und Lebendigen fann ihm daher nur 
willkuͤrlich, grundlos angehängt werden — was doch nicht ald 
Welterflärung gelten darf! Bei der Bethätigung der objectiven 
Phantafie im Naturproceß findet zugleich eine Explicatio im- 
pliciti flat, da fle teleologiſch⸗plaſtiſch wirkende Kraft if, und 
zugleich ein gewiſſes Schaffen in der Erzeugung immer neuer 
Individuen durch die Generationdfraft, die zwar nicht als abs 

*) Das Nähere in dem grundlegenden Werke: Die Phantafle als 
Grundprincip des Weltproceſſes. Münden 1877. Und: Monaden und 
Weltppantafle. Münden 1879. 


Wille oder Phantafle? 49 


ſolute, aber body als ſecundaͤre Schoͤpfungskraft aufgefaßt werben 
fann. Wenn von Explicatio impliciti die Rebe iſt, fo if dieß 
nicht fo zu verfiehen, als ob in der ſchaffenden ober geftaltenden 
Welwhantaſie alle Arten von Organismen, Pflanzen und Thieren 
ſchon implicite enthalten feyen und nur herauögefegt zu werben 
brauchten, fondern nur die Fähigkeit, al biefe Arten unter 
gewiſſen Umfländen hervorzubringen, iſt dem Grundprincip als 
immanent anzunehmen. Daher in der Hervorbringung eine Art 
Zufall oder Willküͤr ſich zeigt, wenigſtens fcheinbar, wenn auch 
freilich feine Wirkung ohne die entſprechende Urſache ſtattfindet. 
Treten die Verhaͤltniſſe dazu ein, dann werden gewiſſe Arten 
hervorgebracht ober umgeftaltet in continuirlicher Descendenz ber 
organifhen Weſen; ohne biefe Umftände hätte bie bildende, 
teleologifch-plaftifch wirkende Macht andere Außere und innere 
Geſtaltungen hervorgerufen. — Die Schwierigkeit bei diefem Ents 
widfungeproceh in der Ratur liegt bauptfächlidh darin, wie aus 
den blos ẽrganiſchen, rein teleologiſch/ plaſtiſchen aͤußeren Ges 
ſtaltungen, wie die Pflanzen ſie zeigen, empfindende Weſen 
hervorgingen; wie es geſchehen fonnte, daß bie teleologiſche und 
ideale (objective) Geſtaltung ſich ſelbſt wahrnahm, ſich in der 
Empfindung gleichſam „innen“ fand und inſofern aus dem obs 
jectiven Seyn in das fubiective überging. Hierin liegt aller» 
dings eine Schwierigkeit und ein Unbegreiflihes, indeß ift uns 
ein folder Borgang in täglicher Erfahrung gegeben un muß 
anerfannt werben als möglich, weil er thatfächlich ift, obwohl 
wir ihm nicht begreifen. Wir meinen den Uebergang aus dem 
unbewußten, blos wie pflanzlich ſich bethätigenden Zuftand des 
Schlafes in den des Wachens, der Empfindung, bes Bewußt⸗ 
ſeyns, Vorſtellens, Wollens u. ſ.w. Was hier bei dem Indie 
viduum täglich und gleichfam in Abbreviatur geſchieht KAdas 
fonnte auch im Ganzen des organiſchen Daſeyns in einem 
fangen Entwidlungsproceß gefchehen. Zwar ift das Erwachen 
zum Bewußtſeyn Bortfegung eines Bewußtfeynszuftandes vor 
dem Schlafe; indeſſen ein bewußter Zuftand geht auch bei dem 
Individuum nicht immer dem bewußtlofen (Schlaf) voraus, aus 
Seinac. f. Spllof. m. vbil. Kritik. oe. Band. 4 


50 3 Sropfhammer: 


dem das Bewußtſeyn wieder auftaucht. Im Kindesalter entſteht 
audy dad Bewußtſeyn nur fehr almählih, aus Unbewußtheit 
auftauchend, und wenn auch die Eltern des wie vegetativ bes 
ginnenden Kindes bewußte Weſen find, fo hat ihr Bewußtſeyn 
wenigſtens mit ber Generation nichts zu ſchaffen, kann babei 
weder pofitiv noch negativ irgend etwas wirken. Es wirft 
dabei bie fehaffende, teleologifch-plaftifhe Macht der objectiven 
Phantaſie, — freilich modificirt durch die Arten der Individuen, 
in welchen fie ſich zunaͤchſt rein objectio bethätigt, obwohl ein 
neues Subject daraus hervorgeht. Bezüglich des thatfächlichen 
Naturprocefjes mit feinen Hervorbringungen müffen wir an⸗ 
nehmen, daß bie fchaffende Weltphantafte die Potenz und die 
Aufgabe hatte, ſchon uranfänglich bie blos feyende Vernunft, 
die objective Zweckmaͤßigkeit, Rationalität und Ipealität bes 
Dafeyns allmählich zu einer fubjectiven zu erheben im ſchweren 
Entwidlungsproceß der Natur. Die erfte Erſcheinung hievon if 
die zu Anfang allerdings nur ſchwach auftretende Erfpfindunges 
fähigkeit, aus welder dann das pſychiſche Leben und Wirken 
mit ben verſchiedenen Momenten allmählich ſchon in ber Thier⸗ 
welt hervorgeht. 

Den großen Wendepunkt in dieſem Entwidlungäftufengang 
der Natur bildet die Entftehung der Menſchennatur und mit ihr 
der Beginn eines geiftigen, gefchichtlichen Lebens des Menſchen⸗ 
geſchlechts. Das nun, wodurch biefe Stufe der lebendigen 
Weſen erreicht und ein ganz neues, zum Theil über der Ratur 
erhabenes Gebiet des Daſeyns ermöglicht und gefhaffen wurde, 
iR nach unfrer Auffaffung die fubjective Phantafle, d. h. die 
Phantaſie, infofern fie nicht mehr obiectiv und real wirkt 
und ſich organiſch offenbart, fondern infofern fie eine Faͤhig⸗ 
feit und Function ber individuell gewordenen und zur Seele 
erhobenen ober verinnerlichten objectiven Phantaſie ik. Sie if 
freie, willfürlich bildende, aber auch nur formal, nicht mehr 
real (am Stofflichen) geftaltende Kraft oder Hähigfeit, die ſich 
an das Thatfächliche, an Gefep und Ordnung der Dinge wenig 
hält, wie dieß bei den Kindern und auch noch bei jugendlichen 


Wille oder Phantafle? 51 


Bölfern fidy zeigt, bei denen biefe Phantafte noch vorherrfcht. 
Dadurch daß fich diefe fubjective Phantaſie als frei wirkende Kraft 
erhebt über bem phyfiſch ⸗ pſychiſchen Organismus ift es möglich 
geworben, daß bie Menfchennatur ſich zur felbfftänbigen ‘Ber- 
fönlichfeit erhob, daß über dem phyftich-pfychifchen Organismus 
Äh noch ein geiftiger Organismus mit Selbſtbewußtſeyn (Ih) 
und Selbfibeftimmungöfraft bildete. Ein Organismus, ber fi 
ebenfalls als eine Einheit harmoniſch ineinandergreifenber (vers 
ſchiedener) Kräfte bethätigt in analoger Weiſe, wie der Körperliche 
pipchifche. Die Empfindungsfähigkeit von biefem erſcheint nun 
ald Gefuͤhlsvermoͤgen, Inſtinet und blos empiriſch thätige Ins 
telligenz als Intellect, d. h. Verfland und Vernunft, und bad 
Triebleben oder phyſiſch⸗ pſychiſche Streben iR potenzirt zum 
Bollen, zur Selbfbeftimmung nad) höheren Zielen und abs 
Aracten Grundfägen. Die fubjective Phantafle iſt bei Bildung 
dieſes geiftigen Organismus das eigentlich Wirkſame, Ber 
Rimmende, denn fie erweiſt ſich als freies Princip, in weldyes 
die objectiven Geſetze nur allmählich aufgenommen werben, wor 
durch der Verſtand fi) bildet, in weldem auch bie Ideen 
lebendig werben, alfo bie Vernunft entfleht und worin endlich 
bie wirkende Kraft als ſelbſtſtaͤndige Macht des Willens ſich 
beihaͤtigt. Wie die objective Phantafle den Stoff und bie phyſi⸗ 
laliſchen Kräfte in ſich aufnimmt und organiſch geftaltet troß 
ihrer fonftigen Eigenſchaften und Geſetze, fo werben dieſe Normen 
durch die fubjective Phantafie allmählich aufgenommen und geiftig 
organifirt, oder vielmehr ber Keim zum geiftigen Organismus 
durch diefe geiſtige Nahrung entwidelt, fo daß bie urfprünglidhe 
Freiheit oder Willfür zwar gehemmt und normirt wird (wie die 
objective Phantafle durch bie phyſikaliſchen Geſetze), aber auch 
die objectiven Geſetze oder bie blos objective mur ſeyende Ver⸗ 
nunft (im weiteften Sinne) zur lebendigen, felbfiftändig thätigen 
Geiſteskraft erhoben wird.*) 


9 Die nähere Darſtellung hievon in den oben genannten zwei Werken 
und in der Schrift: Die Ppilofophie ald Idealwiſſenſchaft und Syſtem. Zur 
Uinkeitung in die Philofophle. Münden 1884. 1 


52 J Sropfhammer: 


As ein Hauptmangel der Schopenhauerfdhen Philofophie 
pflegt ſtets hervorgehoben zu werben, — und mit Recht, — 
baß fle zum Begreifen ber geſchichtlichen Entwidiung der Menſch⸗ 
heit gänzlih unfähig, unbrauchbar fen (gleich orientalifchen 
Religionsfyflemen), daß überhaupt für fie die menſchliche Bes 
ſchichte kaum zu exiſtiren ſcheine. Nach dem Brunbprincip der⸗ 
ſelben iſt dieß auch ganz begreiflich und felöfiverfänblich, fo gut 
wie bei Spinoza's Subflanz mit ihren Attributen und Modi. 
Das Dafeyn felbft, die Menfchennatur und alfo auch bie 
Menſchengeſchichte iſt bei Schopenhauer eigentlich ein Nichtſeyn⸗ 
follendes, nur zum Aufheben Beſtimmtes, ohne weiteres Ziel, 
das zu erfireben wäre. Durch geſchichtliche Entwicklung der 
Völker, duch Eultur und geſchichtliche Leitungen aller Art wird 
alfo und fann nicht mehr errungen werben, als bie Ungebildeten, 
als die wilden Bölfer oder Individuen auch erreihen — bie 
Bernihtung ber Individualität, bie Aufhebung bed Willens 
zum Leben. Anders verhält es fh in biefer Beziehung mit 
der Weltphantafle ald Grundprincip des Weltproceſſes. Aus 
ihr, nach ihren beiden Formen und Bethätigungen als objective 
und fubfective Phantafle läßt ſich der geſchichtliche Proceß mit 
feinen Eigenthümlichfeiten, nach feinem Beginn, Berlauf und 
Ziel wohl erflären und begreifen. Durdy bie fubjective Phan⸗ 
tafte konnte das geiftige Leben allein beginnen, nicht durch Ber- 
Randesthätigkeit, deren die primitiven Menfchen noch nicht fähig 
waren, und bie aud ber Natur der Sache nach nicht die erfle 
feyn kann, da fie in Abftraction befteht und in Verbindung des 
Einen mit bem Andern fowie in logifcher Ableitung und Bers 
gleihung in. bejahenden und verneinenden Urtheilen. Dagegen 
mit Phantaflethätigfeit konnte das geiftige Leben ber Menſchheit 
beginnen, denn fie braucht nicht erft gebildet und beſonders ent⸗ 
widelt zu werden, fondern fann fi) ſogleich betätigen, ſobald 
fie Anregung findet — gleich ven Sinnedorganen. Durch fie alfo 
fammelt ſich zuerft ein allerdings nur formaler geiftiger Beſitz 
im Berußtfeyn, der bann burd) ben Intellect weiter verarbeitet 
werben fann. Die wichtigften Erfheinungen ober Bethätigungen 


Wille oder Phantafle? 53 


bes giftigen, biftorifhen Lebens der Menfchheit wurben ermög- 
licht und verwirklicht durdy die Phantafie als fundamentales 
Princip: die Religion in ihrer Entſtehung und Entwidlung, die 
Sittlihfeit und die Sprade. Die Religion nämlid wie bie 
Sittlichfeit wurden grundgelegt durch jenes menſchliche Grund» 
verhaͤlmiß, in das ſich die objective Phantafle ald Generation, 
macht erfchließt: die Familie mit ihrem Verhaͤltniß der einzelnen 
Glieder zu einander. Ebenfo die Sittlichfeit, das ethiſche Bers 
haͤlmiß. Die weitere Entwidlung aber, fowie die almähliche 
Beroolltommnung oder Spealifirung von beiden geſchah haupts 
fachlich durch die ſubjective, freiwaltende Phantafie, zu welcher 
dann bie BVerfandesthätigfeit und endlich auch die eigentliche 
Wiſſenſchaft Hinzutrat. Daß die Sprache ebenfalls Produkt’ der 
Bhantafte fey und zwar organiſch grundgelegt durch bie objective 
Phantaſie oder die phyſiſch⸗pſychiſche Organifation und‘ ent- 
widelt wie angewendet durch die fubjective, iſt unſchwer zu 
erfennen und auch faum zu beftreiten.”) Dieß Alles kann bier 
nicht näher ausgeführt, fondern nur angedeutet werden, ſowie 
auch die Bedeutung, welche die Phantafte für die Organifation 
und Gultur der menfchlihen Geſellſchaft hat, infofern fie ſich 
im Rechto/ und Staatöleben und in den focialen Verhältniffen 
beihätigt. Darauf beruht aud die Wichtigkeit diefes Principe 
in der Erziehung und in der Lehre von dieſer. IR Phantafle 
Grundprincip für ale Raturgeftaltungen überhaupt und ber 
menſchlichen Ratur insbefondere, fo ift felfiverftändlich, daß bie 
richtige Entwidlung diefer Natur hauptfächlic von der richtigen 
Anregung und Thaͤtigkeit berfelben bedingt iR, und bie richtige 
Entwidlung und gefunde Thätigfeit aller andern Geifteöfräfte 
hauptſaͤchlich hiedurch erzielt werden fann. Füuͤr Pädagogik wie 
für Bolitit iſt daher die richtige Erfenntnig des Weſens und 
der Bedeutung der Phantafle von größter Wichtigkeit, und es 
handelt fi nicht um eine blos theoretifche Trage bei der Unters 

) Das Nähere In des Derf. Werk: Ueber die Genefis der Menfch- 


beit und deren geiftige Entwidlung In Religion, Sittlichteit und Sprache. 
Minden 1883, 


54 3. Sroßfgammer: 


ſuchung darüber, ob Wille oder Phantafle das Grundprincip 
ober Grundweſen des Dafeyns und ber Menfchennatur fey. 
Auch im Gebiete der Religion fol ſich biefe Erkenntniß praftifch 
geltend machen, infofern in biefem @ebiete nicht der Wille, 
fondern die Phantaſie das hauptfächlicy ſich Bethätigende iR, fo 
daß die Bielheit und Verſchiedenheit religiöfer Auffaffung ber 
Dafeynderfcheinungen in der Menfchennatur refp. in der Grund⸗ 
potenz berfelden begründet ift und gegenfeitiged Ertragen, ja 
Anerfennung eigenartiger Bethätigung daraus zu folgern, Ins 
toleranz und Berfolgungefucht aber zu verurtheilen if. 

Auch die abnormen Erſcheinungen in ber menſchlichen 
Natur, die fih an Schlaf und Traumleben anfchließen, lafſen 
ſich aus der Phantaſie weit angemefiener, richtiger erfiären als 
aus bem blinden Willen, als befien Bethätigungen Schopen⸗ 
bauer fie auffaßt. Was endlich den Peſſimismus betrifft, den 
Schopenhauer fo energiſch vertritt und den er durch feine Lehre 
vom blindftrebenden Willen zu begründen fucht, fo wurde ſchon 
oben darauf hingewieſen, baß biefe Begründung unzureichend, 
ja illuſoriſch iſt, infofern dieſes ziellofe Streben des Willens 
gar feine eigentliche Hemmung weder im Allgemeinen noch im 
Befonberen erfahren kann, wenn body das ziellofe Streben feine 
Subſtanz if, — daher auch das Gefühl des Leidens und der 
Unfeligkeit nicht daraus abgeleitet werben kann. Die peffimi- 
ſtiſche Stimmung und das wirkliche Leiden im Dafeyn iſt viels 
mehr begründet in dem teleologifchen und idealen Streben des 
Dafeyenden und in ber Hemmung und Störung deöfelben. Denn 
ohne dieß könnte Volllommenheit und Unvollfommenheit, &lüd 
und Unfeligfeit nicht von einander unterſchieden und gar nicht 
wahrgenommen werben. Inſofern kann ber Beffimiemus viel» 
mehr durch die Phantafte als Grundprincip begründet werben. 
Aber ebenfo auch und mehr noch ber Optimismus. Die Phan- 
taſie im obfectiven wie im fubjectiven Sinne iR die Macht des 
Schaffens und begründet bie wahre, ja einzige Freude und Luft 
des Dafeyns, die Schaffensluſt und zwar objectiv als Genera⸗ 
tionspotenz, fubjectiv durch Schaffen und Bilden ſchon in den 


Wille oder Phantafie? 55 


gewöhnlichen Lebensgefhäften und insbeſondere in Kunft und 
Wiſſenſchaft. Diefe peffimififhe und optimififche Doppelnatur 
der Schaffensmacht oder Bhantafle befundet fih unter andern 
aud darin, daß wie die Erfahrung zeigt, oft, ia gewöhnlich 
diejenigen, welche bie hoͤchſte Schaffendluf 3. B. in genialen 
Werten genießen, auch wiederum gar fehr von peffimiftifhen 
Stimmungen (ihrer idealen Ratur und Richtung gemäß) heim⸗ 
gefucht werben. Die Phantafle if aber ewig jung und daher 
unerfhöpfliche Duelle ber Luft und Freude, weil Duelle des 
neuen Lebens, und Grund ber Jugend, bed Aufblühens, ber 
iugendlichen Kraft und Lebenöfreubigkeit für die Gegenwart, wie 
der Hoffnungen für die Zukunft. Sie iſt Duelle des Lebens, 
dem freilich Leiden und Tod in Ausficht fieht, und infofern bes 
gründet fie allerdings nicht reinen Optimismus, ſondern einen 
folgen, der ſtets mit ber Möglichkeit des Peſſimismus behaftet 
if; allein das Leben und ideale Wirken iſt doch die Hauptfache, 
ohne welde Leid und Tod nicht wäre und infofern Tann man 
dem Optimismus den Primat im Dafeyn nicht abfprechen, wenn 
er auch nicht einfeitig geltend gemacht werden kann. 

Zum Schluffe noch ein paar Bemerkungen über die gefchicht- 
liche Stellung beider in Frage Rehenden Principien und Syſteme. 
Belanntlih will Schopenhauer ber wahre Bortfeger reſp. Ver⸗ 
befferer ber Kant’ichen Philofophie feyn, und Kant if der einzige 
unter den neueren beutfchen Philofophen, dem er Anerkennung 
zollt und öfter überfhwängliche Lobfprüche fpendet, während er 
alle andern nicht blos geringfchägt, fondern fie oft mit Schmäs 
bungen überhäuft. Betrachtet man indeß die Sache näher, fo 
erſcheint die Berwandtichaft der Schopenhauer’fchen Philoſophie 
mit der Kant’ichen als fehr problematiih. Im Grunde if es 
nur ein Meiner Theil der „Kritit der ‚reinen Vernunft“, bie 
transſcendentale Aeſthetik“, d.h. die Lchre von Raum und Zeit 
ald apriorifhen Anſchauungsformen, bie er anerkennt, und auch 
dieſe nicht ohne bedenkliche Mobififation ded darauf gegründeten 
Cerfenntnißtheoretifchen) Idealismus. Dagegen die transſcenden⸗ 
tale Logik mit aM ihren ſchwierigen Erörterungen nebR ber Tafel 


56 3. Frohſchammer: 


der zwölf Stammbegriffe wird über Bord geworfen. Bon ben 
Stammbrgriffen bleibt nur die Kategorie „Eaufalität* fliehen als 
Seyns⸗ oder Werdens⸗ und Erfenntnipform des Dafeyns oder 
ber Erfcpeinungswelt. Auch die transfcendentale Dialektik findet 
nur geringe Anerkennung. Endlich Kanrs Ethik wird ganz ver- 
worfen unb befämpft, fo zwar, daß gerabe bad, was Kant mit 
Entſchiedenheit als moralifches Motiv zurüdweift, dad Mitleid, 
zum eigentlihen Princip der Ethik und Sittlihfeit erhoben wird. 
Dagegen macht Schopenhauer das zum Mittelpunkt feiner ganzen 
Philoſophie oder Weltauffaffung, was Kant als unerfennbar 
erklärt und bei Seite gelafien hat, dad „Ding an fi“, das er 
ohne Weiteres als Wille bezeichnet und für bad Grundweſen 
des Dafeyns erflärt. So if im Grunde wenig Kantides in 
Schopenhauer's Philofophie, noch weniger eine Berbefierung oder 
Tortbildung. Wenn es überhaupt für jeden neuen philoſophi⸗ 
ſchen Verſuch nöthig wäre, fih mit dem großen Namen Kant’s 
au beden, wie ein übertriebener Kantcultus zu verlangen fcheint, 
fo koͤnnte ich mit weit mehr Recht, wie mir ſcheint, bieß thun. 
Denn jeder, der die Kritik der reinen Vernunft nur einigermaßen 
fennt, weiß, daß bie fog. „productive Einbildungskraft“ eine 
Hauptrolle in derfelben fpielt, ja eigentlich ald das Factotum 
bei dem Erkenntnißproceß fidy geltend zu machen hat, indem 
fie Sinnlichkeit und Verſtand verbindet, die Anſchauungsformen 
mit den Kategorien vermittelt für die Erkenntniß innerhalb des 
Bewußtſeyns und Selbfibewußtfeyns (fowohl transfcenbental ald 
empiriſch).) Indem ich nun biefen Hauptfactor für bie Er⸗ 
kenntniß, welcher bei Kant zugleich als folder für die Erſchei⸗ 
nungswelt gilt, heraushob und als Princip bes GErkennens 
wie des Seyns (Werdend) auffaßte, könnte ich diefen Verſuch 
immerhin als Bortfegung ober Fortbildung der Kant ſchen Philos 
fophie geltend machen. Dieß um fo mehr, ald gerabe bie pro» 
ductive Einbildungsfraft dad gemeinſchaftliche Band if, weldyes 


*) Das Räpere hierüber in meiner Schrift: Ueber die Bedeutung der 
Cinbidungstraft in der Philoſophie Kant's und Spinoza's. Münden 1879. 


Bile oder Phantaſie? 57 


die font fo verſchiedenen brei Kritifen Kant's mit einander vers 
bindet und infofern als gleichartig erfcheinen läßt — wie ich 
dieß in der Schrift über die Bedeutung der Einbildungskraft 
in ber Philofophie Kants (und Spinoza's) zu zeigen verfucht 
habe. *) 


Barum bat der Naum drei Dimenfionen? 


Don 
Zul. Döderleim. 


Diefe Frage iR für die Wiffenfhaft ebenfo unumgaͤnglich 
als biöher ungelöß. Im Leben iſt «8 anerkannt und täglich) 
angewandt, daß jeder Begenfland im Raum, wie ber Raum 
felbR, drei Richtungen hat: Laͤnge, Breite und Höhe, wofür 
wir oft auch Tiefe, Dicke oder Stärke fagen, je nach dem Stande, 
den wir den Dingen gegenüber haben. So hat ein Haus, von 
außen betrachtet, die Ränge an ber Seite des Eingangs, bie 
Breite am der Rebenfeite und die Höhe vom Boden zum Dad. 
Dagegen hat ein: Saal die Breite dem Eintretenden quer gegen» 
über, die Richtung geradeaus heißt die Tiefe und die Höhe geht 
dis zur Dede. Eine Säule hat außer ber Höhe noch Stärke, 
bh Breite und Dide, ein Schacht aber Tiefe und Weite, in 
welcher wieder zwei Richtungen, Höhe und Breite, zu unter 
ſcheiden find. Immer alfo können wir drei und nur brei 
völlig auseinandergehende, d. h. im rechten Winkel ſtehende 
Dimenfionen oder Abmeflungen des. Raums in der Welt unter« 
ſcheiden. Warum? Das if die ſchwere Frage. 

Eine Frage iR und bleibt es, fo lange die Wiſſenſchaft bie 
Welt fennen und derfichen wil. Denn wiſſen wir nicht, warum 
der Raum drei Ausbehnungen hat, fo verſtehn wir weder das 
Ganze der Welt, weil es ebenfogut ganz anders feyn Fönnte, 


) BWerthvolle hiſtoriſche Beiträge zur Lehre von der Phantafle als 
Grundprindp des Weltvroceſſes gibt Ric. Dr. Friedrich Kirchner's Schrift: 
Ueber das Grundprincip des Weltproceſſes mit befonderer Berülfihtigung 
I Gropfgummer's. Cdthen 1882. 


58 3. Döderlein: 


entweber eine unermeßliche Scheibe ohne alle Dice ober ein 
unheimlicher Saal, in welchem nad allen Seiten ſich immer 
neue bioher verborgene Gemaͤcher nach unten und oben, nad 
innen und hinten aufthun, wo man nie wüßte, ob man auch 
nur den taufendften Theil des vermeintlichen Raumes gefunden; 
noch Könnten wir ſelbſt die einfachſten Geſetze für unfre Welt 
aufftellen, weil wir nie wüßten, ob wir nicht Dingen begegnen, 
wo al unfer Rechnen zu Schanden wird, wenn die Helm» 
hol tz'ſchen Wefen wirklich) nur zwei Dimenfionen haben ober 
Zoͤllner's Geifter aus ihrer vierten Dimenfion wirkten und 
Gauß' Krümmungsmaß bei zahllofen Mannigfaltigfeiten uns 
beftimmbar wird. Wollen wir je auch nur wiflen, daß von 
Punkt zu Punkt blos Eine Gerade möglich iR, fo müflen wir 
gewiß feyn, daß überall brei und nur drei Richtungen des 
Raumes fi finden, alfo ben zwingenden Grund der drei Aus» 
dehnungen erkennen. 

\ Dies iR jedoch biöher noch feinem ber vielerlei Erklaͤrungs⸗ 
verſuche gelungen. Zweierlei Erklärungen find benfbar. Der 
Grund der Dreiheit kann im Raum felbft liegen oder in 
unferm Sinn für die Größe des Raums. Jenes ald das 
ſcheinbar Ginfachere wurde zuerft verfucht; weil aber dad nicht 
gelang, auch diefes. Spinoza nennt bie extensio ſelbſt: quod 
ex tribus dimeusionibus constat, wodurch er ſich freilich den 
Beweis erfpart; Leibniz nennt bie Dreidehnung une necessits 
geometrique, weil nur brei Linien fi rechtwinklig ſchneiden. 
Hobbes findet dur Bewegung bes ‘Punktes bie Linie, durch 
ihre Bewegung bie Fläche, durch Bewegung ber Fläche den 
Körper und weiß dann nur, baß mehr Dehnungen nicht möglich 
find, weil der gebrehte Körper immer im felben Raume bleibel ? 
Kant verfuchte 1746 die drei Dimenſionen aus dem umgefehrten 
Quadrat ber Entfernungen zu erflären, bekannte ſich aber fpäter 
ſelbſt außer Stande, ihre Rothwendigfeit zu beweiſen. Hegel 
wollte fie aus ben brei Stufen ber Quantität, Schelling aus 
den drei Orundfräften der Ratur, Attraction, Repulfion und 
Rotation, ableiten. Ulrici leitet fie in feiner Logik aus den 


Barum hat der Raum drei Dimenflonen ? ” 


verſchiedenen Dertern im Raume ab, Shmig-Dümont in 
Avenarius’ Zeitfchrift 1878 wieder aus der Möglichkeit, durch 
einen Bunft drei Linien in rechten Winkeln zu ziehn, wie Leibniz. 
Allein alle diefe Berfuche begründen bie Dreiheit fo wenig, daß 
fie diefelbe immer ſchon vorausfegen. 

Daher verfuchten andere die Dreiheit der Dimenfionen aus 
anferm Sinn für ven Raum zu beweifen. Schon Gaſſendi 
behauptet, Bilder der ausgebehnten Welt könne nur ein dreifach 
außgedehnter @eift erfennen. Ebenſo nennt Gaus bie breis 
fache Mannigfaltigkeit unſres Raums eine Eigenthümlichkeit der 
menſchlichen Seele. Wundt will fie erflären aus Zeit, In⸗ 
tenfität und Oualität in uns ober aus bem gerablinigen Gons 
tinuum unfrer Inneroationsgefühle, ähnlich Riehl in Avenarius 
Zeitfchrift 1877 aus unferem Schneiden der ſchwarz / weißen 
Slächenempfindung — alles gewiß Feine genügenbe Erklärung 
der einfachen, im Leben fo felbfverftändlichen Richtungen in ber 
ganzen Welt, fo daß noch Liebmann in Avenarius 1877 
geſteht, bie Löfung fey bisher weder logiſch noch pſychologiſch 
gefunden. 

Sollte es denn aber fo ſchwer zu verſtehn ſeyn, warum 
der Raum gerade brei, nicht mehr noch weniger, Ausbehnungen 
vor unfern Augen haben muß, um ein offner Raum, eine ſolche 
allesumfaſſende Größe zu ſeyn, in welcher ſich die ſichtbaren 
Dinge frei als ſelbſtaͤndige in ſich geſchloſſene Gegenſtaͤnde unſrer 
Anſchauung darſtellen koͤnnen? Liegt nicht im Begriff und 
Nupen des Raums fo natuͤrlich die Dreiheit feiner Wege, 
daß eben darum jeder Menfch weiß, daß er, wo nur Raum if, 
nicht blos gerade aus und zuräd, fondern auch ebenfowohl 
rechts ober linfS, als, foweit es ben Raum betrifft, nach oben 
oder unten fi) wenden kann? Sollte biefe „naive” Welts 
anfchauung und Raumvorftellung nicht eine wohlbegrünbete und 
weſentlich nothwendige feyn oder ift fie etwa body nur Gewohn⸗ 
beit und Zufall? So viel die Philofophie auch gethan Kat, 
den einfachen Borfund und die große Wohlthat des Raumes 
ſchwer, faR zum Wiberwillen verwidelt, zu machen, fo weiß 


60 3. Döderlein: 


doch noch heute jedermann, was er unter Raum zu verfichen 
habe, und ebendamit, daß der Raum feine brei wohlunters 
ſchiedenen Dimenfionen ringe um und haben muß. 

Was heißt denn in ber Welt Raum? Wir meinen bamit 
nichts anderes, als äußere Größe, Der Raum if und bleibt 
eine Größe, ja eine „unendliche Größe“, wie felbft Kant ihn 
nennt und Wundt ausdrüdlich anerkennt, eine Größe, bie ſich 
ausbreitet und zwar nach allen Seiten ohne Ende und Grenze, 
und wahrlich nicht eine begrenzende unb beengende Fotm oder 
Schranke, wie er feit 1781 den meiften Gelehrten -zu gelten 
ſcheint. Schranfe iſt da, wo für und fein Raum if; fo wie 
die Schranke fält, iR Raum da. Alſo eine Größe if ber 
Raum, far möchten wir fagen: die. Groͤße, weil wir bei Größe 
zunächſt an bie befannte, offenbare, allen gleichwichtige Größe 
vor unfern Augen benken; wenn wir nicht wüßten, daß es body 
noch andere Größen gibt, die wir nicht als folche fehn, aber 
wohl denken und kennen müflen, Zahlengrößen und die eben» 
falls mathematifchen Größen der Kraft und Zeit, die jedoch alle 
viel verborgener und ſchwerer zu erfennen find ald der Raum. 
Darum dürfen wir getroft den Raum von dieſen allen unter» 
ſcheiden als äußere Größe, d. h. als die Größe, welche wir 
in der Welt außer und, unfern Sinnen, Augen, Händen und 
Gedanken gegenüber vor und finden. Mehr aber brauchen wir, 
wie mir ſcheint, nicht, um den geläufigen Begriff gegen alle 
Verwechslung mit ambern Begriffen fehzuftellen. Denn eine 
andere äußere Größe gibt es nicht, ald den Raum. Was fonft 
noch groß iſt vor unfern Augen, fey es ein Rieſe ober bie 
Berge oder der Himmel, find eben nur barum groß, weil fie 
mehr als andere Dinge an ber Groͤße des Raumes theilnehmen. 
Aber reine Größe ohne Schranke wie ohne befondere Eigen 
ſchaften für unfre Sinne iſt eben nur der Raum. Darum 
bleiben wir einmal dabei: Raum if Außere Größe und das 
wirb wohl jeder darunter verftehen. 

Sollten wir nun von diefer Begrifföbeffimmung aus nicht 
ebenfo leicht und ficher auch die Nothwendigkeit erfennen können, 


Barum hat der Raum drei Dimenfionen ? 6 


warum ber Raum gerade brei Ausbehnungen haben muß? 
Mir ſcheint es von felbft aus dem eben fehgeftellten Begriffe 
zu folgen. Heißt Raum äußere Größe, fo ift ber Raum bie 
zu allem Dafeyn um uns nothwenbige befannte Größe vor 
unfern Sinnen, die äußere Größe uns gegenüber. Dazu ges 
hören aber felbfiverfländlih breierlei ganz verſchiedene, weil 
ſich von einander ſcheidende, Richtungen oder Beweiſungen biefer 
Größe: 1. eine Ausdehnung ald Größe an ſich, 2, ein 
Ausbreiten biefer Größe zur Erfheinung für uns und 
3. das Bewähren biefer Erſcheinung als wirkliche Größe in 
der Welt gegen allen Zweifel des bloßen Scheine. Diefe 
drei ebenfo unzertrennlichen als ſcharf unterſchiedenen Größen 
im Raum find nichts anderes als bie dreierlei Verhaͤltniſſe, in 
denen der Raum als äußere Sroͤße zu ſich ſelber ſtehen muß, 
um für uns da zu feon, nämlich 1. Länge ober einfache Aus⸗ 
dehnung vom bloßen Punkt, ber nur.Grenze if, zur Größe 
einer Linie, 2. Breite oder Darftellung biefer Größe in einer 
Släche, wodurch fie erſt aus ſich heraustritt, alfo zur Wahr⸗ 
nehmung und Erſcheinung vor unfern Augen fommt, und endlich 
3. Stärfe, ſeys Tiefe ober Höhe ober Dicke. Diefe britte 
Dimenfion iſt ja erft die Größe bes Raums ald Gegenſtand 
unfred Gefühle, ald ein ebenfo felbftändiges Vorhandenſeyn wie 
wir find, es if bieienige Ausbehnung, woburd die äußere 
Größe als ein wirkliches Dafeyn unfrer Ausbehnung und 
Bewegung entgegenfommt und "gegenüberfieht, fey es als uns 
endliche Freiheit der Bewegung im offen Raum vber als 
undurchbringlicher Widerftand und unwiderſtehlicher Drud in 
feften Gebilden des Raums um und. 

So haben wir wohl mit Denknothwendigkeit die drei all- 
befannten, überall und jedem felbfiverftänblichen Ausbehnungen 
des Raumes aus feinem Zwed für und ald äußere Größe, in 
der ſich umfer Leben bewegt, erflärt: Größe verlangt die Länge, 
Erfpeinung verlangt die Breite und Wirllichkeit verlangt bie 
Stärfe ober Tiefe ded Raums. Ohne Länge wäre ber Raum 
gar nicht, ohne Breite wüßten wir nichts von ihm und ohne 


62 3. Diderlein: 


Höhe ober Tiefe ‘Könnten wir ihm nicht von unferm eignen 
Denfen und Gedanken unterſcheiden. Um ſich uns als Größe 
darzuftellen, muß er gerade biefe drei Dimenfionen haben. Diefe 
drei find aber au bie einzig nothwendigen Dehnungen 
des Raums ald äußerer Größe um uns. Jede neue Richtung 
bes Raums würde nicht blos zu feiner Darſtellung unnöthig 
feyn, fonbern einen ganz andern Begriff vom Raum verlangen, 
als daß er, wie jeßt, die Größe if, welche uns und alle ſicht⸗ 
baren Dinge umfaßt. Jene drei Dimenflonen bilden und er 
fülen den Begriff einer Außern Größe vollſtaͤndig und fertig; 
irgend eine „vierte Dimenfton” ober „idealer Raum” verlangte 
auch eine ganz neue Welt, in welcher ſich jegt unfichtbare Dinge 
unfern Augen ober neuen Sinnen darſtellten. 

Unfere Erklärung von Länge, Breite und Höhe bes Raums 
als nothwenbige Ausbehnungen derfelben äußern Größe, für ſich 
als Größe, für dad Auge ald Erfcheinung und für das Gefühl 
als wirklicher Gegenftand, läßt ſich aber leicht und fchön auf 
alle großen und Heinen Erfheinungen im Raum ans 
wenden, wodurch fih außer ber Einfachheit unfrer Erflärung 
auch bie von Kant gewuͤnſchte Deutlichkeit unfrer Begriffe ger 
nügend erweifen wird, 

Die erfte Ausdehnung des Raums if die Länge, d. h. 
die gerade Bervegung eines Punktes zu einem andern. Dies 
iſt die einfachſte und leichtefte Borftellung einer Größe, wo ein 
Punkt, der allein noch nichts ift, an dem alfo auch noch nicht 
erfannt, unterſchieden und gemefien werben fann, aus ſich her⸗ 
ausgehend einen Weg befchreibt und dadurch eine Linie bildet, 
wo wenigftens drei Punkte zu unterfcheiden find: Anfang, Mitte 
und Ende. Dies ift eine Größe, d. h. ein Gegenftand des Er⸗ 
fennens, fie hat und ift etwas, das wir und im Geiſt vorftellen 
Können, während ber Punkt nur Grenze iR, wo die Vorſtellung 
aufhört. Der kürzefte Weg zum Enbpunft, alfo das Maß ber 
Entfernung, ift natürlich bie Gerade, d. h. eine Linie, welche 
nur die Richtung zum Ziele hat, wie ber Blid des Auges; 
denn jebe neue Richtung macht außer dem Weg zum Ziele noch 


Barum hat der Raum drei Dimenfionen ? 63 


einen Weg zu biefem Wege nöthig, wie Th. von Barnbüler 
rihtig am Dreieck nachgewiefen hat. Die einfahfte und nothr 
wenbigfte Ausdehnung if alfo bie Länge, das erfte Maß bes 
Raums. 

Die Länge des Raums if überall unendlich, weil biefe 
erſte Ausdehnung der äußern Größe nothwenbig if, fo daß eine 
folge Größe gar nicht feyn kann, wenn die Länge irgendwo 
aufpört. Ich mag mir bie Linie der Erbachfe nad Rord und 
Süd verlängert denfen bis zum Polarflern und bem Außerften 
Südpol am Himmel, daß bort ober bier kein Raum mehr fey, 
diefe Gerade, fo weit ich nur will, immer wieber zu verlängern, 
fann ich mir darum gar nicht benfen, weil fonft mein Denten 
nicht blo8 von jenen nie gefehenen Himmelsregionen, fondern 
auch von der Erbachfe ſelbſt, ja von jeder Linie außer mir aufs 
bört; denn der Raum gehört fo nothwendig zum Denten, baß, 
wenn ich mir etwas denken follte ohne Raum, mein Denten 
überhaupt fein Denken mehr wäre. Solche unendliche Linien 
müfien aber überall möglich ſeyn durch jeden ‘Punkt und von 
iedem Punkt nad) jeder Seite; fonft könnten wir body wieder 
irgend wo etwas benfen, wo fein Raum wäre, ein rechte 
äronev. Alſo können wir bie Länge bes Raums nehmen, wo 
und fo lang wir wollen. 

Wir mögen uns jedoch im ganzen Weltraum Linien denken, 
fo viel wir wollen, von einer außer uns fegenden Größe, wie 
der Raum if, wüßten wir durch biefe bloßen Längen noch 
lange nichts, noch viel weniger könnten wir etwas im Raum 
ſehen ober fennen. Denn Länge if ein reines Gedanfenbild, 
eine gebachte Größe, die wir jebem Gegenſtand zuſchreiben 
möflen, aber nirgend allein finden, fondern nur an Anderem, 
md die längfte Linie, fo nah und bekannt, wie ber Aequator, 
oder fo hoch und wunderbar, wie bie Achſe des Himmels, if 
eben nur aus andern fichtbaren Dingen berechnet, ein geometris 
fer Ort, aber nirgend zu fehn; ja, wenn fie zu fehen wäre, 
wäre fie fchon feine Linie, keine reine Länge oder Bewegung eines 
Punktes mehr, fondern ein mit Lupe oder Fernrohr hundertmal 


6 J. Diderlein: 


vergrößerbarer Strih. Denn zum Sehen gehört außer ber 
Länge nothwendig auch Breite, 

Die zweite nothivenbige Ausbehnung des Raums, wie aller 
Dinge im Raum, if die Breite, Wie der Punkt, wo bie 
Größe nur in der Möglichkeit vorhanden if, durch die kleinſte 
Bewegung, bie er befchreibt, eine Linie bildet, woburd er erft 
eine Größe wird, fo wird bie Linie durch Fortbewegung aus 
ihrer Bahn eine Flaͤche, d.h. eine Größe von zwei Richtungen, 
nad denen fie fi ausdehnt, fey es durch Drehung um fd, 
wodurch ein Kreis, oder burdy Bortrüden aus feiner Lage, wor 
durch ein Viereck entſteht. Immer aber muß eine ber erfien 
Richtung ober ber Länge entgegengefepte völlig neue Ausdehnung 
Rattfinden, die wir Breite nennen, wo bie Größe eben nicht 
blos aus ihrem verfchloflenen Punkt heraußtritt, um eine Größe 

für ſich zu feyn, fondern wieder aus biefer Richtung ber ein« 
fachſten Größe hinausgeht in eine biefe urfprängliche Aus⸗ 
dehnung verlaffende Richtung, um auch eine Groͤße für andere 
zu ſeyn, d. h. ihre Größe vor ber Welt und unferem Geiſte 
auszubreiten, die in ihrer Länge enthaltene Größe vor unfern 
Augen zu entfalten, bamit wir fie ebenfo in uns als Größe 
wieberfpiegeln können. Denn Sehen heißt ja nichts anderes, 
als außer fi) wahrnehmen. Dazu gehört aber nothwendig eine 
äußere, von außen fi barftellende Größe. 

Solche Breite tritt und in allem Sichtbaren entgegen. Jeder 
Punkt, den wir irgendwo bemerfen, muß ſich bei näherer 
Unterſuchung als eine Flaͤche erweifen, wo nicht blos eine 
Ausdehnung von unten nach oben, d. h. von und weg in bie 
Gerne, fonbern eben, weil wir diefe fehen, auch eine Breite von 
lints nad) rechts zu finden iſt, wodurch der Punft mit feiner 
Ausdehnung unfern Augen erft bemerklic wird. Das Licht, 
als Selbſtoffenbarung einer Groͤße außer uns, kann nur dadurch 
unfer Auge erhellen, daß feine Strahlen nicht blos nacheinander 
in ber Länge, fondern mit- und nebeneinander als eine Fläche 
von irgend welcher Breite unferem Blid begegnen; benn unfre 
Sehkraft muß eben die ſich zerſtreuenden Strahlen erſt zu⸗ 


Warum hat der Raum drei Dimenflonen ? 65 


fammenfafien, um das Bild fo wieberzufpiegeln, wie es außer 
und iR. Selbſt die unermeßlich fernen Firſterne, bie auch 
Herſchels Tubus zu keiner Scheibe zu vergrößern vermag, 
würden uns völlig unbekannt ſeyn, wenn nicht ihr Lichtfern 
nach allen vier Seiten auöftrahlte, fo daß unfer Auge dadurch 
erſt den Punkt erfennt, wo biefe Sonnen zu finden find. Ale 
Farben find nur dadurch zu erfennen und zu unterfcheiden, 
daß fie fchmalere oder breitere, ſchnellere oder langſamere Wellen 
unfern Yugen entgegentreiben. Ohne biefe boppelte Ausbehnung 
des Wellenſchlags in der abwechſelnden Länge von Berg und 
Thal, wie der geringeren ober größeren Breite von Gelb, Roth 
und Blau, wüßten wir gar nicht, was Farbe iR. Selb der 
dunkle Raum muß für unfer Auge eine Breite von zwei 
Dimenfonen Haben, worin wir wenigſtens etwas zu entdeden 
fuhen ; daher die Pupille, welche ſich im Licht zufammenzicht, 
um bie Strahlen zu faflen, im Dunfeln ſich von felbft erweitert, 
um eine größere Flaͤche zu umſpannen. Zum Schen gehört 
alfo nothwendig die Breite bed Raums, 

Allein auch biefe beiden Ausbehnungen ber Länge und 
Breite geben no Keinen Raum, keine wirkliche, äußere, 
unferm Denken gegenüberfichende Größe. Ohne eine neue noch 
ganz andere Ausbehnung gäbe auch bie größte Flaͤche vor unſern 
Augen von unenblicher Länge und Breite body noch Feine Gewiß⸗ 
heit, nicht einmal die Vorftelung eined Raums außer uns. Jede 
Bild flaͤche iſt fa zunächk nur ein Bild und Schein auf unfrer 
Rephaut. Denken wir uns ruhig hinausſchauen in die unend- 
liche Welt, vom Säntiöfelfen über ben Bobenfee, von Proſecco 
über bie Adria ober vom Uferfand bei Madras hinauf in ben 
unbegrenzten Sternenhimmel, was wehrt und ben @edanfen, 
der und im Augenblid ergreifen Tann, daß das alles nur in 
unferm Auge, nur ein Erzeugniß unfrer aufgeregten Vorftellunges 
traft, alfo gar nichts Wirkliches, außer und Seyendes, fondern 
ein bloßes Spiegelbild unfres Innern fey? Und mehr, wenn 
wir dabei irre würben, wie es niemand einen Augenblick ſicher 
iR, ob wir und nicht biöher mit aller vermeintlichen Wirklichkeit 

Beitfär. f. Philef. m. pbilof. Aritit. 80, Band. 5 


6 I Diberlein: 


getäufcht; was, fage ich, bürgt und da für irgend eine Größe, 
wie ber Raum if, außer und um und? Die Zarbenpracht und 
der Formenreichthum mit allen ſchoͤnſten Flaͤchenerſcheinungen 
gewiß nicht; iſt ja doc alles, was wir auf ber Spiegelfläde 
noch fo beutlich wor uns fehn, dennoch nicht vor, fordern an 
und und hinter und und {fl doch der prächtigfie Regenbogen 
wie bie verlodendfte Zufterfcheinung in der Wuͤſte gerade da, 
wo fie erfcheinen, am wenigfien zu finden; fo Eönnten wir ja 
möglicherweife diefe Hohlfugeln vor unfern Augen mit unfern 
eignen Barben von innen malen und müßten wieder gar nichts 
von einer Äußeren Größe, bie wir Raum nennen, noch von 
irgend einer Welt aufer und. Alles Sehen kann eben Traum, 
Phantafe, Geſicht, Schein und Taͤuſchung ſeyn, dem nichts in 
der Wirklichkeit außer und entſpricht. Sol ein Raum feyn, 
wollen wir eine äußere Größe und gegenüber haben, fo muß 
die fichtbare Flaͤche auch eine Stärke haben, eine Geſtalt oder 
Körper von drei Dimenftonen feyn, wir müflen die Gegenftände 
Am Raum nicht blos mit ihrer Länge und Breite fehen, fondern 
in ihrer Stärke und Tiefe fühlen. 

Zu vollendetem Dafeyn umb bewiefener Wirklichkeit des 
Raums gehört chen endlich mod beittend bie Dimenflon ber 
Ziefe, fo genannt befonders im offnen Raum, als beffen Länge 
ober et ſte Ausdehnung wir, nach unfrer Geſtalt, gern bie Höhe 
annehmen, ald zweite aber immer bie fi) und barbietende 
Breite quer vor unfern Augen; bie dritte, von unfern Augen 
geradeaus ſich entfernende und in's Unenbliche verlierende Rich 
tung nennen wir ebenbarum bie Tiefe, als bie am augen» 
ſcheinlichſten die geheimnißvolle Unenblickeit und unergruͤndliche 
Verborgenheit auch biefer Außern Groͤße vor unfern Augen 
offenbart, aber ebendamit am deutlichſten die Gegenftändlichkeit 
und von umferm Borftellen völlig unabhängige Wirflicfeit des 
Raums vor Augen ſtellt und dem prüfenden Geiſt ind Angeſicht 
beweit. Denn biefer „Tieffinn“ fucht und prüft und findet an 
ber Größe des Raums wie feiner Erfheinungen das gerade 
Gegentheil des bloßen Vorſtellens im eignen Innern, nämlich 


Barım hat der Raum drei Dimenfionen ? 67 


das (Entgegenfommen ber äußern Größe ald einer ber unſten 
ſtrads entgegengefegten Ausdehnung, alfo einer Größe, bie in 
ihrer Unendlichleit fi ebenfo gewiß außer und in ber wirklichen 
Belt findet, ald wir und unſres endlichen Daſeyns und bes 
ſchraͤnkten Wirkungskreiſes in und bewußt find. Denn wirklich 
iR ja das, was eben nicht von unfrem eignen Thun und will 
kürlidyen Denken fein Dafeyn hat, fondern im Gegentheil ohne 
unſer Zuthun, auch wider umfer Wollen und Denfen durch feine 
enigegenfommende Ausdehnung von außen auf uns einmwirkt. 
Solche Einwirkung werben wir aber inne buch dad Gefühl, 
die Wahrnahıne eines Gegenftanded an und im Gegenſatz zur 
eignen Hervordringung eines Gebanfens in und. 

Solde Wirklichkeit des unendlichen Raums fühlen wir 
dur) dies Erſtreclen feiner ganzen Breite und Weite um uns 
in bie unergruͤndliche Tiefe dahinter und tieffte Berne von uns, 
foweit unfer Auge fpäht und unfer Denfen reicht. 

Diefer Tiefe des Raums werben wir zunaͤchſt gewahr durch 
die Möglichkeit unfrer eigenen Bewegung und bed Bewegens 
ber Dinge um und. Das Kind kennt bie Breite des Raums 
durch den erſten Blid des aufgehenden Auges und flaunt über 
jeden neuen Barbenglanz ; aber um das Schöne als fein bleiben, 
des Eigenthum zu haben, ſtredt es bie Hände darnach aus, 
und erſt wenn es bie Geſtalt ergreift und aus ber Gerne an 
ſich zieht, iſt es zufrieden, ein neues Gut zu beflgen. Diefe 
Bewegung gibt ihm das Gefühl der Herrfchaft über bie Dinge 
im Raum. Daher weiß es auch, daß das Sichtbare wirklich 
iR, weil es ihm aus der Tiefe enigegentommt. Diefelbe erſte 
Erfahrung ber Tiefe ber Luft macht Abbot's Hühnchen, das 
eben aus dem Ei ſchlupfend mit dem Schnabel eine Fliege er- 
haft. Am beutlichfien können wir unfer Gefühl für die Tiefe 
im Dunkeln beobadpten, wo wir nicht blos mit den Füßen 
vorfichtig jeden Tritt erproben, fondern zugleich mit ben Händen 
unfern Weg in feiner ganzen Breite im voraus prüfen, ob 
nicht der naͤchſte Schritt aus ber Tiefe des Raums und einen 
Anſtoß bringe. Dieſes Tappen bed Taffinns hi wohl der 

. 


68 3 Döderlein: 


greifbarfte Beweis, daß unfer Tieffinn nichts anderes iR als 
das Gefühl. 

Aber auch ohne Bewegung gibt uns bie bloße Ruhe das 
Gefühl der Tiefe des Raumes unter und. Das allernoths 
wenbigfte Erforberniß unſtes Lebens und Wohlfeyne im Raum 
if ja ein fefter Halt und ruhiger Widerſtand gegen unſte 
Heine Ausdehnung und die darum unwiderſtehliche Anziehung 
durch die unvergleichlich größere Erbe unter uns, ben wir eben 
an dem fichern Boden unter unfern Füßen haben. Dieſes wohls 
thuende uns felbfiverfändlich bünfende Gefühl eined Stand- 
punftes if ſelbſt der thatfächlichfte Beweis, wie nothwendig 
zu unferm Dafeyn bie Gewißheit der dritten Dimenfion gehört. 
Die beiden Dimenflonen der Länge und Breite genügen und 
feinen Augenblid, Der Spiegel des Meers, ein gläfernes Dach, 
ein morſches Brett if als Fläche gewiß groß genug, ben Fuß 
darauf zu ſehen, aber nur, um im felben Augendlid in bie 
Tiefe zu ſtürzen, weil biefe Flaͤche feine Tiefe, als Flaͤche feine 
genÄgende Stärfe hat, um unfrer Schwere zu widerſtehn. So 
nothwendig gehört zu unferm Wohlgefühl eine ſtarke Kraft, bie 
unferm Drud aus ber Tiefe des Raums entgegenfommt. Wo 
aber biefe Kraft verfchwindet, da verfchwindet nicht etwa bie 
Tiefe des Raums, oder verbunfelt fi) der Tieffinn, ba vers 
wanbelt fich vielmehr das gewohnte Wohlgefühl des Vertrauens 
auf bie entgegenfommenbe uns tragende Kraft im Raum in ben 
Schrecken ber alles verfchlingenden Tiefe vor und, in ben ver- 
zweifelnden Schwindel vor dem offnen Rachen des Abgrunds, 
ſey es bie 200° bed Münfterplateaus in Straßburg ober bie 
3000 m. des Matterhornd hinab. Der bloße Gedanke an 
ſolche Tiefe läßt und genug bie unentrinnbare Macht der britten 
Dimenfton im Raume fühlen. 

Die Tiefe des Raums erfahren wir aber auch vom fichern 
Stanbpunft aus durch bad Verkleinern eines entfernten 
Bildes und bie ſcheinbar geringere Schnelle der gleichen Bes 
wegung in ber Gerne. Beide Beweiſe der Entfernung in ber 
Tiefe können wir jedod nie mit ben bloßen Augen bemerken, 


Barum hat der Raum drei Dimenflonen ? 6 


fondern immer nur durch Vergleichen des fernen Anblids mit 
einem andern näheren merken. Das Kind greift nach feinem 
Hangball, auch wenn er feinem Händchen noch zu ferne ſchwebt. 
Erf, wenn es merkt, daß er nur dann zu faſſen if, wenn er 
größer erfcheint, ſchließt es leicht, daß er bei kleinerem Anblid 
in unerreichbarer Berne ſchwebt, daß alfo bie Welt vor feinen 
Augen eine Tiefe bat. Und woher wiffen wir, baß ber Jupiter 
mehr als 100,000 Milionen Meilen von uns entfernt iR, als 
durch Anwenden bed genug erprobten Geſetzes: Je Heiner eine 
Größe erſcheint und je weniger wir ihre Bewegung bemerken, 
um fo ferner ift fie von und? Selbſt der Sinn für dieſe un» 
denfliche Tiefe des Raums ik alfo im Grunde das Gefühl; 
denn woher fennen wir jenes Geſet, ald durch Beobachten des⸗ 
ſelben zuerſt an ben naͤchſten uns beruͤhrenden Dingen, zuletzt 
an ben fernſten Sternen bes Weltraums? Ohne handgreifliche 
Erfahrung auf Erden durch das Gefühl wüßten wir heute noch 
nit, ob der Himmel nicht eine gemalte Hohlkugel einige 
Meilen über und ſey. Nür die Erinnerung an das Kleiner 
werben befühlter Gegenflände durch Entfernen birgt und für 
die Wirklicgfeit der unerreichharen Ferne und Tiefe vor unfern 
Augen. 

Wir haben aber auch ein augenblidlices Gefühl und 
eigene Erfahrung von ber Berne der Geſtalten im Raum durch 
bie Doppelheit bes Anblids, fey es bei näheren Gegen⸗ 
Ränden durch bie Doppefftellung unfrer Augen, ſey es bei fehr 
fernen durch Berändern unfres Standpunkte. Gin Auge ſieht 
nur Slächen; auch der größte Saal, die längfte Straße, das 
weiteſte Land erfcheint dem einfachen Blid nur wie ein reiches 
Gemälde mit größeren und fleineren Figuren. Ob dieſe wirklich 
find ober nur flach aufgetragene Farben, prüft erſt das zweite 
Auge durch feinen veränderten Blick auf biefelden Geftalten. 
Erſcheint biefelbe Säule auch dem zweiten Auge genau vor dem⸗ 
felben Strich des YHintergrunds, fo iſts ein flaches Gemälde 
trog der taͤuſchendſten Figuren, wie Apelles’ Traube. Verſchiebt 
ih die Säulenlinie gegen dieſelbe Linie ber Hinterwand nur 


70 3. Döderlein: 


um ein Minimum, fo if bie Tiefe des Saald und damit bie 
Wirklichkeit de6 Baues bewiefen. Auf dieſem Unterſchied des 
Anbiids ruht ja allein die Täufchung des Stereoftop®, 
das den Eindrud ber Tiefe und Wirklichkeit durch den beppelten 
Blick der getrennten Augen nachahmt. Denn eben durch biefe 
Doppelanficht wird ber Gegenſtand im Raum ſchon nicht mehr 
blos ald Fläche gefchant, fondern vielmehr, wie mit Händen, 
von beiden Seiten gefaßt und ald Geſtalt von irgend einer 
Tiefe mit feinen brei Dimenfionen gefühlt. So iſt ſelbſt bei 
dieſem kunſtlichen Schauen der Tiefe im Raum der eigentliche 
Unterfcheidungsfinn, gegenüber dem bloßen Schein ber Breite, 
wieder dad Gefühl. Nicht anders aber iſts bei der Prüfung 
der unerreichbaren Fernen durch die Barallare, bie nichts 
anderes if, als bie möglichft verfchiedene Anſicht deſſelben 
Bildes durch Verändern des Standpunkte. Auch hier aber 
gründet ſich die Berechnung der Berne, alfo die Gewißhelt ber 
unergrünblichen Tiefe des Raums, zulegt doch wieder auf die 
Erfahrung an ben gefühlten Dingen in unfrer naͤchſten Nähe. 
Oder woher anders wüßten wir, baß Feiner erfcheinende Ge⸗ 
falten ferner find, als weil wir fie nicht mehr mit dem Gefühl 
erreichen ? 

Am allerdeutlichften, weil jeden Augenblick greifbar, if 
darum freilich die dritte Mannigfaltigfeit de6 Raums in ben 
feſten Dingen um uns, mit denen wir im Leben am meiften 
zu thun haben, wie unfer Leib, oder Nebenmenfchen, die Erde, 
auf der wir leben, wie alle irbifchen Güter. Ale folde Größen 
in unferm Raum müffen drei Ausvehnungen haben, alfo außer 
der Länge und Breite nothmwendig auch eine Höhe oder Stärke 
ober Dice; ſonſt find fie gar nicht, find Feine Gegenflände, 
an benen wir etwas haben, fondern nur Grenzen an andern 
Größen, feine Körper, ſondern hoͤchſtens Flächen oder Linien an 
Körpern. Auch das feinfe Blatt, wo unfer Auge nur die 
zwei Seiten finden kann, hat in Wahrheit ſechs Seiten, weil 
es zwiſchen beiden eine Dice befigen muß,. fonft würde unſer 
Finger augenblidtich die Flaͤche durchſchneiden, wie den Sonnen» 


Barum hat der Raum drei Dimenfionen ? 11 


Rreifen im dunklen Zimmer. Bei unfter Hand reden wir 
nur von der innern und äußeren Flaͤche, aber ohne bie ſtarken 
Knochen dazwiſchen hätten wir feine Hand. Jedes Haar muß 
feine Stärke in der Dicke haben, fonft iſt es nicht. Ein Haus 
hat außer Breite und Höhe, ohne die wir nicht eintreten könnten, 
au eine Tiefe vom Eingang bis zur Rüdfelte, ſonſt könnte 
niemand barin wohnen. Der regelmäßige Körper ift daher ber 
Würfel, wo die brei Richtungen im Raume deutlich unter 
ſchieden und gleichmäßig dargeftelt find. Am Würfel fehen wie 
darum auch am unausweichlichſten, wie nothwendig gerade brei 
Dimenflonen zum Daſeyn im Raume gehören. Was wäre eine 
bloße Seite des Würfeld mit ihrer Länge und Breite? Das 
tan niemand in bie Hand nehmen. Aber wo wollte er auch 
feine vierte Dimenfion unterbringen? Er müßte dazu einen 
ganz neuen, noch von feinem Menſchen entdeckten Raum haben. 
In biefer ſichtbaren Welt bebarf jedes Ding zum Dafeyn brei 
Richtungen und kann nur biefe drei haben. 

Aber woher find wir wieder biefer britten Dimenfion au 
ven feſten Gegenſtaͤnden auf unfrer Erbe und damit ihres wirt 
tigen Vorhandenſeyns gegenüber unferem bloßen Denten gewiß, 
als durch dad Gefühl und, was und mit ben Gegenftänden 
in Berührung bringt, die Bewegung? Ob ein heller Streifen 
im Zimmer ein Blatt Papier oder Mondlicht ſey, entſcheidet 
ſchnell ein Griff der Hand. Ob ein Fenſter offen ſey ober nur 
bie wafferflare Scheibe dein Auge täufche, ſagt dir bie leiſeſte 
Berührung mit der Zingerfpige. Wer ein Gefpenft zu fehen 
meint, ber greife es an, fo weiß er bald, ob es ein räumliches 
Befen ſey oder nicht. Was unterſcheidet eine Befuchökarte auf 
einen Teller gemalt von einer wirklichen, bie barauf liegt, als 
daß ich diefe in bie Hand nehmen fann und von beiden Seiten 
befühlen, jene nicht? Ja was gibt und bie felbfiverftänbliche 
Gewißheit unſtes Lebens im Leibe, ald daß wir uns jeben 
Augenblid felber fühlen, ſey's in behaglichem Wohlgefühl, ſey's, 
noch Rärker gegen alle Zweifel unfres Denkens, in empfindlichen 
Schmerzen? Da fühlen wir wohl, daß unfte Erſcheinung, die 


72 3 Döderlein: Barum hat der Kaum drei Dimenfionen? 


wir mit ihrer Länge und Breite ebenfo im Spiegel fehen, 
wahrlich aud eine wirkliche Tiefe Haben muß, aus welder uns 
ſolche Bewegungen entgegenfommen. 

Dies iR alfo das Kriterium des Dafeyns bei jedem Gegen⸗ 
Rand unfred Raumes; fühlen wir ihn, fo if er ba, Können 
wir ihn nicht fühlen, fo if er bloßer Schein. Die britte 
Dimenfion, welche erſt die Wirklichkeit einer räumlichen Größe 
macht, fennen wir nur durch bad Gefühl. Unfer Tieffinn 
if der Taffinn. 

So haben wir wohl an allen Erfheinungen im Raume 
gefehn, warum berfelbe brei und nur drei Dimenfionen hat; fie 
allein erfüllen den Zwed einer Außern Größe, in ber wir 
leben follen: Die Länge gibt unferm Denken erft den Begriff 
der Größe, die Breite bietet dem Auge bie Erſcheinung ter 
Größe und die Tiefe verbürgt unferem Gefühl die Wirklichkeit 
diefer Erfcheinung und flelt damit den Raum mit al feinen 
Erfcpeinungen unferem Geiſt als eine ebenfo wahrhaftige Welt 
gegenüber, ald wir uns felbft in uns finden. 

Dies, meine ich alfo, fey bie naͤchſte leichteſte Erklärung 
für die nothwendige Dreiheit der Dimenfionen aus uhferem 
dreifachen Sinn und Bebürfniß, eine Größe vor und zu haben, 
die wir benfen, ſchauen und fühlen koͤnnen; leugne aber bamit 
nit, daß eben biefer Dreiheit in unferem Sinn aud eine 
Dreipeit in jedem Seyn zu Grunde liegen fann und wird, 
die fo oft fchon vergeblich verfucht wurde, im Raume als 
nothwendig nachzuweiſen. Worin biefe Nothwendigkeit bei 
allem Seyn und Erkennen beficht, wodurch erft bie brei 
Dimenfionen ihre volle Klarheit finden fönnen, wenn erlaubt, 
ein ander Mal. 


€. Th. Iſenkrahe: Das Unendliche in der Ausdehnung. 73 


Das Unendliche in der Ausdehnung. 
Sein Begriff und feine Stügen 


geprüft von 
€. Th. Ifentrabe, 
Pfarrer. 


Vorbemerkungen. 

Vorliegende Arbeit will das aktual Unendliche aus dem 
Wege raͤumen durch den Nachweis, daß dasſelbe begrifflich 
widerſprechend und jeder Stuͤtze bar iſt. Jedoch denken wir 
hierbei nur an dad Unendliche in der Ausdehnung, nicht 
an das in der Vollkommenheit. Mit lehterm haben wir 
es nicht zu thun, und wir berückſichtigen dasſelbe nur inſoweit, 
als es (bei irriger Auffaſſung) jenem erſtern zur Stüge dient. 
Im Uebrigen aber faſſen wir den Begriff der Ausdehnung ganz 
allgemein, fo daß aud bie fog. „Intenfion* und bie „Bros 
tenfion® mit darunter fallen. 

Aus der Unmöglichkeit des bezeichneten Unenblichen ergibt 
fih eine Reihe fehr wichtiger Folgerungen. Insbeſondere wirb 
mit bemfelben die „anfanglofe Welt“ hinfällig: das if 
ber Hauptgrund, warum wir geglaubt haben, ben von Prof. 
Dr. Outberlet*) vor einigen Jahren wieder angeregten alten 


*) In feiner Schrift: Das Unendliche metaphuffh und mathematiſch 
beiragtet. Würzburg 1878. Die hohe Bedeutung biefer Schrift, melde 
wohl die eingehendſte und bedeutendſte Kundgebung für das aktual Unendliche 
{R, die in der Riteratur vorliegt, fordert, daß wir ihr eine befondere Hufe 
werkfamfeit zuwenden, zumal fle, foviel wir wiffen, eine irgend ausführliche 
Grwiderung bis jet nicht gefunden hat. Zwar find inzwiſchen mehrere 
Sqhriften über daB Unendliche erfchienen — wir nennen Du Boid-Reys 
mond, bie allgemeine Functionentheorie, Tübingen 1882, Dr. Freyer, 
Studien zur Metaphyſik der Differentialrechnung, Berlin 1883, Dr. Cohen, 
das Prinzip der Infinitelmale Methode und feine Geſchichte, Berlin 1883 — 
aber fie nehmen, auffallend genug, von der G.'ſchen Arbeit Feine Rotiz. Im 
Uehrigen Reben fie fowoßl mit ihr wie unter einander auf dem gleichen 
Standpunkte, ohne aber, was fehr zu bedauern iſt, fi} auf eine prinzipielle 
Redtfertigung desfelben einzulaffen. (Tenn dazu wäre doch eine Erörterung 
und iotiſche Begründung des Unendliäjfeitsbegriffes nötig, Die wir überall 
verniffen.) 


74 € Th. Ifenkrafe: 


Streit nicht auf fidy beruhen laſſen zu follen. Wo ein folder 
Preis zu erringen ſteht, darf mar die Mühe und das Mißliche 
bed Kampfes nicht ſcheuen. 

Dan hat in jünger Zeit viel Aufhebend gemacht von 
dem ſeitens einiger Phyſiler dem ganzen Univerfum in Ausfiht 
geftellten dereinſtigen „Wärmetob”, mit weldem bann ein alls 
gemeiner Stillſtand, eine „ewige Ruhe“ gegeben ſeyn würde; 
ſcheint Doch dieſe Entvedung im apologetifyer Hinfiht vom 
hoͤchſten Werte, da aus dem bereinftigen Ende, fo meint man, 
fich ein Schluß auf den nothwendigen Anfang ergebe. Aber iR 
denn biefer Schluß gerechtfertigt? Kann man aus bem Ende 
einer Linie ſchließen, daß fie aud einen Anfang habe? Hat 
ein periodifcher Dezimalbruch, weil er eine erſte Dezimalſtelle 
bat, deswegen auch ſchon eine legte? Kurz, die einfeitigen Uns 
endlichkeiten fowie überhaupt das Unendliche bieten hier eine 
fehr leichte und bequeme Ausflucht. Ein unendliches Univerfum 
befigt auch einen unendlichen Bewegungs» oder Kraftoorrath, 
der entweber niemals, ober body nur in einer unendlichen Zeit 
erfchöpft werben Tann; und wenn daher ber Ausgleichungs⸗ 
prozeß nach der Zufunft hin auch irgend einmal zu Ende ginge, 
fo forderte er doch für bie Vergangenheit eine unendliche, alfo 
amfanglofe Dauer. IR aber eine ſolche Dauer in ſich uns 
möglich, was braucht’ dann noch erft jener phyſikaliſchen 
mEntdedung“? Zudem find die „Entbefungen“ in der Phyſik 
mitunter fehr furzlebiger Natur. Es if noch gar nicht lange 
het, daß man dad Gegentheil der obigen Entdedung, nämlich 
„das Gefeg von der Erhaltung ber Kraft” ald eine groß⸗ 
artige Errungenfchaft feierte. 

Man legt ferner in gewiſſen Kreiſen noch einen großen 
Werth auf den ariftotelifch-thomiftifchen Beweis von ber Noth⸗ 
wenbigfeit eines primus motor, eined unbewegten Bewegers; 
Her Dr. Schneider 3.8. widmet bemfelben eine ſehr aus⸗ 
fuͤhrliche, begeifterte Bertheibigung.*) Aber hat biefer Beweis 

*) Natur, Bernunft, Goti. Gekrdnte Preisſchrift. Regensburg 1883. 
©.14—65. Rebenbel bemerkt dürfte der fragliche Beweis auf einer anti 


Das Unendliche in der Ausdehnung. 75 


nicht auch wieber feinen Rüdhalt in der Unmöglichkeit bes Uns 
endlichen, im der Unmöglichkeit einer unendlichen Reihe von 
Einzelmotoren? Diefe Unmöglichkeit muß alfo dargethan werben, 
und dann ergibt ſich wieder das Rämliche wie vorhin: ber 
Beweis iſt überfläffig. Man kann dann einfach fagen: eine 
anfanglofe Dauer als eine unendliche Reihe von Jahren, Jahr⸗ 
hunderten u.f.w. iſt in ſich widerſprechend, und fo gelangt 
man denn auf einfadyerem und Fürzerem Wege fogar noch weiter 
als durch den Beweis, nämlich nit nur zum primus motor, 
fondern auch zum creator. 

Nicht anders verhält es ſich mit bem zweiten thomiftifchen 
Beweiſe, wonach bie Reihe von Urfachen und Wirkungen auf 
eine erfle Urfache hinweiſt. Ohne den Nachweis von ber Uns 
möglichkeit einer unendlichen Reihe ift ber Beweis nicht fertig, 
mit biefem Nachweiſe aber ift er überflüffig. Der Ueberfluß 
iR nun freilich an fich nicht fo ſchlimm; wir müflen aber bes 
reiten, daß der notwendige Nachweis Überhaupt gelingt. 

Denn gelingen, wenigſtens vollfommen gelingen fann er 
nur dann, wenn es aud gelingt, dem befämpften Unenblichen 
feine Stügen zu rauben. Wer fih gemöthigt ficht, bier 
oder da Exiſtenzen gelten zu laffen, deren aktuelle Unendlichkeit 
er nicht befreiten kann noch beftreitet, der fann nicht umbin, 


autrten Borfellung vom Zrägheitögefep berufen. Ber nimmt denn heut 
iutage noch an, daß den Körpern ein einfeitiged Streben nad Ruhe innes 
wohne? ie fireben überhaupt ihren Zufand feftzubalten, ob ed num ber 
der Ruhe oder der Bewegung fey. Wie die ruhenden Körper nur durch 
äußern Zwang ihre Ruhe verlaffen, fo verlaſſen auch die bewegten nur durch 
Zwang ihre Bewegung, und daher Tann fowohl der eine wie ber andere 
Zuſtand der urfprüngliche feyn. Der Bewegung brauchte keine Ruhe 
verauszugeen. So lange die Körperwelt überhaupt eziftirt, Tann fle auch 
tn Bewegung geweſen fen, und wenn man nun mit dem 5. Thomas fagt: 
Mundum non semper fuisse sola fide tenetur ($. th. p.1. q0.46 art. 2), 
fo ergibt fi} der weitere Gap: mandam non semper motam fuisse sola 
de tenetor ganz won ſelbſt. Außerdem möchte es ſich fragen, ob nicht ber 
Am Bewelſe verwendete Sag, daß nur ein aktuell Bewegtes aktuelle Bewegung 
erjeugen Fönne, dem Schlußfage, der einen unbewegten Beweger poftulirt, 
wierfpriät. 


76 - ©. Th. Iſenkrahe: 


hinter feinen obigen „Beweis“ nachträglich ein Fragezeichen zu 
fegen. Im biefer Lage aber befindet ſich, fo ſcheint uns, ber 
b. Thomas und mit ihm viele alte und neue Gegner bes aftual 
Unendlichen. Um nur einen Punkt, die Zahl der möglichen 
Dinge, zu erwähnen, fo fhreibt darüber Gutberlet (a. a. O. 
©.9): „Dabei iR es und wahrhaft unbegreiflich, wie man jeht 
fo allgemein bie Möglichkeit einer aftual unendlichen Menge 
leugnet, wenn Ruiz in feinem claffifchen Werfe de scientia 
Dei .... behauptet, daß alle bebeutenbfien Lehrer (graviores 
quique doctores) darin übereinftimmen, daß bie von Gott er: 
tannte Menge aller möglichen Dinge aftual und categorematiſch 
unendlich fey, und bafür ben 5. Thomas, Al.v. Hales, 
Albertus Magnus ..... anführt.” So if ed, und barin 
fheint uns denn doch eine Inconfequenz zu liegen. Denn ob 
die gezählten Dinge moͤglich oder wirklich find: für ihre Zahl 
iſt das gleichgültig, ebenfo wie es gleichgültig if, ob bie 
gezaͤhlten Dinge in einem Caufalnezus zu einander ftehen 
ober nicht, 

Deshalb mußten wir es nothwendig ald unfere Aufgabe 
erachten, jenen Stügen ein befonderes Augenmerk zuzuwenden 
und zu zeigen, baß eine wirkliche Unendlichkeit in ihnen nicht 
vorliegt. Wir verfuchen dies in ben lepten 5 88 unferer Arbeit, 
die wir ber geneigten Aufmerffamfeit ber Leſer fpeziell empfehlen. 
Scheint ihnen das bort Gebotene ungenügend, fo würben fie 
uns fehr zum Danke verpflichten, wenn fie dasſelbe vervolls 
Rändigen ober berichtigen wollten. Insbeſondere gilt dies von 
den mathematifchen Ausführungen, bie ihrer Kürze halber viel- 
leicht noch manche Zweifel übrig laflen. Hoffentlich” aber if 
doch wenigſtens der richtige Weg gezeigt, auf dem nur weiter 
vorgegangen zu werben braucht. Für bie Verehrer des 5. Thomas 
ſey noch bemerkt, daß bas derſelbe Weg iſt, den der h. Lehrer 
andeutet mit den Worten: Geometer non indiget sumere ali- 
quam lineam esse infinitam actu, sed indiget accipere aliquam 
lineam finitam actu, a qua possit subtrahi quantum necesse 
est: et hanc nominat lineam infinitam. (S. th. p.I. qu.7 art.3.) 


Das Unendlie in der Ausdehnung. 77 


Im Uebrigen gehen wir nicht darauf aus, für unfere Anfichten 
und Argumente Dedung zu fuchen Hinter berühmten Namen. 
Wozu follte das dienen? In einer Brage, die wie faum eine 
andere vor dad Forum ber reinen Vernunft gehört, will eben 
Jeder felbft entſcheiden. Erwähnen aber dürfen wir wohl, daß 
heutzutage das aftual Unendliche nicht gar viele Verfechter 
mehr aufzumeifen hat. Auch Gutberlet beſtreitet dies nicht, 
vielmeht räumt er bie zunehmende Iſolirtheit feines Stand» 
punfted unummunben ein, da er von einer (ihm conträren) 
„berrfchenden Strömung“ fpricht, von der fih nur „nicht Ale 
binreißen laffen“. Wir unfererfeits überlaflen uns gern biefer 
Strömung und würden und freuen, wenn es gelingen fönnte, 
fie zu einer ganz allgemeinen zu machen. — 


51. Borbegriffe. 


1. Ausdehnung im vulgären Sinne biefes Wortes 
ſchreiben wir nur den fog. räumlichen Objekten, alfo Linien, 
Flaͤchen und Körpern, mathematifchen wie empirifchen zu; im 
techniſchen Sinne jedoch, der hier in Brage kommt, reden wir 
von Ausdehnung auch bei Zeitbeftimmungen wie Stunden, 
Jahren u.f.w., fowie weiterhin bei Zahlen, Zahlenreihen, 
Kräften, Geſchwindigkeiten, fleigerungsfähigen Eigenfchaften u.f.w. 
Suden wir nun das Gemeinfame an all biefen Dingen auf, fo 
ergibt ſich als ſolches eben die Steigerungsfähigfeit und als 
deren Grund bie Theilbarfeit. Man fann bei ihnen von 
einem Mehr oder Minder reden, kann fie ganz oder partiell in 
Betracht ziehen, das Eine gegen das Andere halten, kurz man 
kann fie theilen, wenn auch nur in Gedanken, und bie Theile 
vergleichen. Ebenfo kann man auch die Theile mit dem Ganzen 
fowie ein Ganzes mit einem andern gleicher Art vergleichen, 
und als das Refultat des einen oder andern Vergleiche ſtellt 
Ad dann ein gleiches, größeres oder geringeres Quantum 
heraus. Duantum if gleichbedeutend mit Größe; nur if zu 
beachten, daß lehterer Terminus aud für dad ausgedehnte Objeft 
felbR gebraucht wird, fo daß man alfo fagen kann: jede Größe 


78 C. Th. Iſenkrahe: 


bat ihre Quantum. Sol dad Quantum einer Größe beſtimmt 
werben, fo kann das nie abfolut, fondern immer nur relativ 
geſchehen, nämlich buch Vergleihung mit andern Größen 
gleicher Art, die hierbei al Maß dienen, weshalb man eine 
ſolche Bergleichung reip. Verhaͤltnißbeſtimmung Meffen nennt. 
Laßt ein Objekt fich oft ober fehr oft auf ein anderes auflegen, 
fo bezeichnet man letzteres als groß ober fehr groß und im 
Bergleih zu ihm jenes als Hein ober fehr Hein. Was man 
nun unter unendlich groß verſteht, ſoll hier noch nicht erörtert 
wetden, jedoch mögen bie Begriffe Ende, fowie bie verwandten: 
Grenze und Schranke hier ſchon fergeftellt werben. 

2. Als das „Ende“ eines ausgebehnten Gegenflandes gilt 
im gewöhnlichen Leben fein Iegter Theil, der Theil alfo, 
über welchen hinaus an dem Dinge feine weitern vorhanden 
find — man denke nur 3.2. an die „Enden“ eines Fadens, 
Seiles u. ſ. w. —, ald „Grenze“ dagegen das anliegende 
Obijekt, fo daß alſo die „Enden“ noch mit zu dem betreffenden 
Dinge gehören, die „Grenzen“ aber nicht mehr. Die „Grenze“ 
eined Gartens z. B. bildet ja bie ihn umfriedigende Mauer, 
die ſelbſt nicht mehr zu ihm gehört, fofern man nämlich unter 
Garten das Terrain oder Erdreich verfteht, auf welchem Etwas 
wachfen fann ; andernfalls würde das anfchießenbe, dem Nachbar 
gehörige Grunbfüd die Grenze bilden. Diefe vulgäre Begriffs⸗ 
beſtimmung folte auch im wiſſenſchaftlichen Sprachgebrauche 
immer ſtrenge feſtgehalten werden; es wuͤrden dann manche 
Irrungen vermieden, die jet durch die Verwechslung von uns 
enblih und unbegrenzt entfichen. Was kann es denn 
helfen, daß man einem auögebehnten Objekt feine „Grenzen“ 
nimmt und e8 fo zum „unbegrenzten“ macht — wird es dadurch 
auch ſchon unendlih? Gewiß nicht; durch bie Wegnahme eines 
fremden Objekted wird es felbft nicht größer. Nur das 
Eine if der Ball: es kann jetzt wach ſen, was es vorher nicht 
Tonnte, aber einfweilen iſt es noch wie es war. 

Bleihbebeutend mit ber „Örenze“ if die „Schranke“; auch 
fie iR cin fremdes Objekt, welches auf bie Größe des „bes 


Das Unendliche in der Ausdehnung. 79 


föränfien® feinen weitern Einfluß hat, als daß es deſſen 
Wachsthum verhindert. Der Unterfchieb zwifchen „Grenze“ und 
„Schranke“ liegt einzig darin, daß bei lehterer das Wachſen 
mehr ald ein intendirtes gefaßt wird. 

3. Das gefundene Verhaͤltniß zweier Größen zu einander 
wird auögebrüdt durd Zahlen, bie man ber ald Maßeinheit 
gebrauchten beifügt, um anzuzeigen, wie oft biefelbe hat aufs 
gelegt werben müflen. Zahlen And alfo Berhältnißbes 
Rimmungen, und zwar pure und genaue. Pure, denn 
fie beſtimmen nur das Verhaͤltniß an fi), ohne Etwas darüber 
auszufagen, ob bie verglichenen Objekte Linien, Flaͤchen ober 
was immer für Größen find, noch auch, ob in bem größern, 
alfo dem gemeflenen Objekte bie einzelnen Theile ungetrennt 
zuſammenliegen — wie in einer Linie von n Buß —, ober ge 
trennt — wie in einem Getreibehaufen von n Kömern —, ober 
endlich, ob fie nur gedanklich zufammengefaßt werben — wie 
die Meitenfteine an einer beftimmten Chauffeefirede. Genaue; 
denn eine ungenaue Berhälmißberimmung wäre 3. B. fchon 
gegeben in dem Ausbrude: größer ald a, und biefe Beſtimmung 
Ente ſchon ziemlich genau gemacht werben durch bie Beifügung 
anderer Berhältnifle, etwa: größer als a, aber Meiner ald a+b 
oder’ ald 2a u.f.w. Aber ein Berhältniß genau, erſchoͤpfend au 
beffimmen iſt die wefentliche und einzige Bunftion ber Zahlen. *) 
Selbſtredend muß, wie ſchon bemerkt, der beſtimmenden Zahl 
das betreffende Maß namhaft beigefügt werden, fo oft es ſich 
um das Berhältniß zweier concreter Größen hantelt; man muß 
dann z. B. fagen: 8 Fuß, 8 Pfund u. dgl.; fommt dagegen 
nur das Berhältniß an ſich in Betracht, fo teitt die Zahl allein 
auf. So brüdt bie Zahl 8 ein beftimmtes Groͤßenverhaͤlmiß 
aus, welches zum Gegenftande mathematifcher Calgebraifcher) 
Betrachtungen und Operationen gemacht, b. h. mit andern Ber 


*) Jede Erweiterung des Zahlbegriffs, die nicht auf die hier gegebene 
Definition fi zurüdfügren läßt, ſcheint ums naturwidrig. (Auch der 
h. Thomas definiert die Zahl in der angegebenen Weiſe: Numerns est multi- 
ted⸗ mensarsia per unum. Sum. th. p.1, gu. Vil art. IV.) 


80 €. Th. Ifenfrape: 


haͤltniſſen verglichen, combinirt und auf mannichfache Art mobi- 
fairt werben lann. Doch gibt es diefer Mobificationen weſent⸗ 
lich nur zwei, auf welche fi alle andern zurüdführen laſſen: 
Addition und Eubtraftion. Daß auf fie alle weitern Opera 
tionen, wie Multiplication, Divifion, Potenzirung u. f. w. 
zurüdführbar ſeyn müffen, Teuchtet ohne Weiteres ein, wenn 
man bebenft, baß an ben ausgebehnten Objekten, alfo an ben 
verglichenen Größen felbft auch nur zwei Veränderungen moͤglich 
find, die auf ihr Duantum Bezug haben: Vermehrung und 
Verminderung. Nehme ich von einer Linie, bie 8 Mapftüde 
enthält, eines weg, fo enthält der Reft jener Maßſtücke nur 
noch 7, was generell ausgebrüdt lautet: 8—-1—]7. Sepe ih 
die Wegnahme fort, bis ber Ref dem Weggenommenen gleich 
iſt, fo Habe ich die Linie halbirt, in 2 gleiche Theile zerlegt, 
und ber Mapftüde find nur noch A, generell: 8:2=4. Ent 
ſprechend iſt der Sachverhalt bei allen andern Operationen, bie 
"mit Zahlen vorgenommen werben fönnen. 

4. Wil man das Verhältnig zweier concreter Größen zu 
einander beftlimmen, fo wird es meiftens gefchehen, daß bie 
Heinere ſich nicht ohne Reſt auf bie größere auflegen läßt. Im 
dieſem Falle bleibt Nichts übrig, als ein gemeinfchaftliches Maß 
zu ſuchen und anzugeben, wie oft fi basfelbe auf beide’ aufs 
legen ‚läßt; fo wird alsdann das zu ermittelnde Verhaͤltniß 
zwar nicht bireft, aber body, was eben fo gut if, inbireft bes 
ſtimmt. Mitunter aber iſt auch dieſe indirefte Beftimmung nicht 
moͤglich, d. h. es gibt gar fein gemeinſchaftliches Maß, und die 
einfache Folge if alddann die, daß auch nicht angegeben werde 
Tann, wie oft ein ſolches ſich auflegen läßt. Diefer Fall tritt 
ein bei ben fog. incommenfurabeln Größen, beren Berhälmiß 
durdy die „irrationalen“ Zahlen beflimmt wird. Was wollen 
diefe Zahlen? Sie wollen angeben, wie oft dad nicht ezi- 
Rirende gemeinfhaftlihe Map ſich auflegen läßt! 
Wir fegen naͤmlich voraus, daß fie den Anſpruch erheben, jenes 
Berhältnig genau, erfchöpfend zum Ausbrud zu bringen. 
Mag man die Reihe der Dezimalftellen fortfegen fo weit man 


Das Unendliche in der Ausdehnung. si 


will, immer zählt man nur bie Häufigfeit der Auflage eines 
unrihtigen Maßſtückes. Zwar wird dieſes Mapftüd 
immer genauer, aber genau wird es niemals — eben darum 
heißen bie verglihenen Größen „incommenfurabel*. 

Aehnlich lieat die Sache überall da, wo zwiſchen zwei 
Groͤßen ein gemeinſchaftliches Maß zwar wohl exiſtirt, ſeine 
Anwendung aber verſchmaͤht wird. Haben wir z. B. zwei 
gerade Linien, von denen die eine laͤnger als die andere, aber 
fein genaues Vielfache derſelben iſt, fo findet man bekanntlich 
das gemeinfhaftliche Maß dadurch, daß man die Eleinere auf 
die größere, fo oft es geht, auflegt, dann ben Reft auf bie 
fleinere, ben wiederum bleibenden Reft auf den vorigen und fo 
fort, bis einmal Fein Reſt mehr übrig bleibt. Auf dieſe Weife 
wird dad gemeinfchaftliche Maß, wenn ed überhaupt ein ſolches 
gibt, auch immer mit Sicherheit gefunden: es iſt das zuletzt 
ohne Reft aufgelegte Mafftüd. Nun aber verfhmäht man oft 
biefe Methode dem Dezimalfyftem zu lieb und fucht das gemein» 
ſchaftliche Maß in der Weile, daß man, anftatt immer Reſt 
auf Ref zu legen, bei der erften Maßeinheit bleibt, dieſelbe 
aber immer zehnmal verkleinert, fo oft fie ganz aufgelegt einen 
Reſt liefert. Nehmen wir 3.8. an, Von den Linien fey bie 
eine 10, die andere 3 Fuß lang. Hier wäre das gemeinfchafts 
liche Map, 1 Fuß, bald gefunden, wenn man ben von ber 
erſten Auflage bleibenden Reft auf bie Hleinere Linie legte; er 
würde gleich ohne Reſt aufgehen. Verkleinert man hingegen 
jenen Ref in ber angegebenen Weiſe, indem man, was mit 
tem Ganzen nicht gelang, mit einem Zehntel verfucht, fo kommt 
man offenbar weber das zweite Mal, noch überhaupt jemals zu 
Ende, nie wird das gemeinfchaftliche Maß gefunden. Ob man 
nun saber dasſelbe nicht finden Fann oder nicht finden will, 
das iR fachlich ganz gleichgültig, in jedem Falle gebraucht man 
es nicht, umd man wäre daher berechtigt, den Bruch) 3,3333 ..... 
eben fo gut eine irrationale Zahl zu nennen, wie 3,14159 .... 
(für m, dad Verhaͤltniß des Kreisdurchmefiers zur Peripherie) 
oder LANA .... (für V®, das Werhäftniß einer von zwei 

Beitkte. f- Phllef. m. vhil. Kritit, a0. Band, 6 


8 & Th. Iſenkrahe: 


gleichen Katheten zur Hypotenuſe) u. dgl. Hier wie ba laſſen 
fich wohl die verglichenen Größen barftellen, aber ihr Verhältnis 
gelangt nie correft zum Ausbrud, mag man bie Reihe der 
Dezimalftellen fo weit verlängern als man will. 

Gehen wir nun zur Begriffsbeſtimmung des Unenblichen 
über, fo begegnet und zuerk das potential Unendliche. 


82. Das potential Unendliche 
iſt nicht dasjenige, um welches in der Unendlichkeitsfrage ber 
Streit ſich dreht, und es ift auch nicht abzufehen, wie rüdficht- 
lich feiner irgend eine fachliche Meinungöverfchiebenheit ob⸗ 
walten Fönnte; ber Sachverhalt iR bier eben zu Har. Und doch 
iR dieſer Hare Sachverhalt von großer, ja vieleicht allein ſchon 
entſcheidender Bedeutung für die ganze Streitfrage. 

1. Potential unendlih nennt man eine Größe, beren 
Wachothum Feine Schranke gefegt if. Dieſes Wachstkum kann 
nun gefaßt werben ald ein mögliches oder als ein wirkliches. 
Im erflern Falle kommt bie potentiale Unendlichkeit jeber end⸗ 
tichen Größe zu, fie mag fo groß ober Hein ſeyn wie fie will: 
iede Fann wachen reſp. wachfend gedacht werden; Niemand 
wird und eine endliche Größe präfentiten, von ber ſich fagen 
ließe, das fey bie legte, da höre das mögliche Wachfen auf. 
Diefe Thatſache ſteht feR und wird unferes Wiſſens auch von 
Niemanden beftritten. Sol daher mit dem in Rede ſtehenden 
Terminus eine beftimmte Klaffe von Größen bezeichnet werden, 
fo kann das Wachsthum nur al ein wirkliches gefaßt werben, 
fo daß man unter potential unendlichen Größen variabele ver- 
lebt, die in fleter Zunahme begriffen find und bleiben. Aber 
meiſtens wird dabei nicht an eine beffimmte Klaſſe von Größen 
gedacht, fondern bie Leugner ber (altual) unendlichen Größen 
wollen eben nur fagen, daß die Unendlichkeit ſich hier auf Die 
potentiale, alfo auf das flete Wachfenfönnen befchränft. Auf 
jeden Fall ſteht es fer, daß auch eine wirklich ſtets wachſende 
Groͤße niemals unendlich werden kann. Oder wird denn wohl 
eine abgeſchoſſene Flintenkugel, wenn fie auch in alle Ewigfeit 


Das Unendlide in der Ausdefnung. 83 


weiterfliegt, jemald eine unendliche Bahn beſchrieben haben? 
Rie und nimmer; fie felbft bildet ja das nie verfhwinbende 
Ende ihrer Bahn. Und fo ift es mit jeder wachſenden end⸗ 
lien Größe. Eine Summirung wie ata+ta..... mag noch 
fo fange fortgefegt werben, ein umenblicher Werth wird dabei 
nie herausfommen, da ja immer Endliches zu Enblihem hinzus 
gefügt wird. Richt anders geftaltet ſich die Sache beim Multis 
pliziren und Botenziren, wie denn aud im erfterwähnten Beis 
ſpiel die Geſchwindigkeit, mit ber die Kugel fliegt, für die 
Endlichkeit ihrer Bahn ganz gleichgültig if. Wir glauben das 
als evident bezeichnen zu dürfen und confatiren demnach, daß 
keine embliche Größe aus fi heraus zur Unendlichkeit an⸗ 
wachſen Tann; fol fie unendlid werben, fo darf nicht immer 
nur fie felb oder eine andere endliche Größe, fondern es muß 
gleich eine unendliche hinzugefügt werben. Ebenſo umgefehrt: 
ein Unendliches kann durch fortgefegte endliche Abnahme nie 
erſchoͤpft werben. 

Unfere Gegner dürfen daher hoͤchſtens ſolche Dinge ale 
unendlich anfegen, die fie für fertig, objektiv gegeben und von 
unferm Denken unabhängig halten, wie ben Raum, bie Zeit, 
die möglichen Dinge u. ſ. w., nicht aber ſolche, die wachſend 
entſtehen und zwar aus Endlihem — durch „unendliche Haus 
fung der Addition, wie z. B. a”. Denn biefer Ausbrud bes 
deutet ja in lepter Inflang nichts weiter ald atata..... r 
und es lann doch niemals durch Hinzufügung eines weitern 
a ber vorige endliche Werth zu einem unendlichen anwachſen. 
Anders wäre es, wenn durch jenen Ausbrud ein Werth ſymbo⸗ 
lifirt werben follte, der durch feine Häufung von a erreicht 
werden Farm. Ueber bie logiſche Berechtigung eines ſolchen 
„erreichbaren Grenzwerthes“ fann hier noch nicht entſchieden 
werden. Das Eine jedoch bürfen wir hier ſchon beifügen: 
jener unerreichbare Grenzwerth, der durch a” fymbolifirt werben 
fol, fönnte das eben fo gut durch b” ober burd eine andere 
endliche Größe, in endlos wachfender Steigerung gebacht; immer 
fann derfelbe nur fymbolifirt, nie ausgebrüdt, d. h. 

6* 


8 €. Th. Iſenkrahe: 


erfchöpfend bezeichnet werden. Ale dieſe Symbole repräfentiren 
das ſelbe Gedankenobjekt, und ed kann baher feinen Sinn 
und feine Berechtigung haben, a® von b® unterfheiben 
zu wollen, wie dad doch fo gebräuchlich if.*) 

2. Fragt man nun, wie es um bie potentiale Unendlichkeit 
nach der Seite ber Reinheit Hin fleht, fo ergibt fih da wohl 
eine gewiſſe Achnlichkeit, aber zugleih auch eine noch viel 
größere Verſchiedenheit. Während naͤmlich Größen beliebig ver 
mehrt werden können, koͤnnen fie nicht beliebig vermindert 
werben; während man mehr Hinzufügen kann als fie ſchon ent 
halten, fann man nicht mehr wegnehmen als ba if. Aber nur 
duch Wegnahme kann eine Größe verſchwinden, nicht durch 
Abnahme, fofern man nämlich unter Abnahme eine pars 
tielle Wegnahme verſteht; es liegt dann eben im Begriff, 
daß noch Etwas übrig gelaffen wird. Und fo ift es mit ber 
Divifion. Nur durch Subtraftion Fann eine Größe verfhwinden, 
nicht dur) Divifton; letztere kann immer weiter fortgefeßt werben, 
und eben hierin liegt die Aehnlichkeit zwifchen dem potential uns 
endlich Großen und Kleinen: hier if die Divifion unbefchränft 
wie bort die Addition, hier die Abnahme (nicht Wegnahne) wie 
dort bie Zunahme. 

Daß aber die Divifion grundfäglih nur eine partielle 
Wegnahme ift, kann nicht beftritten werden. Durch Divifion 
allein wird ja eine Größe nicht einmal Heiner, da alle Theile 
zufammen eben das Ganze ausmachen. Conventionell aber 
verſteht man unter Divifton zugleich eine partielle. Wegnahme. 


Der Ausbrud 3 3.2. will ja nicht nur fagen, daß a in 


3 gleiche Theile zerlegt, fondern auch, daß nur einer bavon in 
Rechnung gezogen werben fol. Zwei biefer Theile bleiben alfo 
unberüdfihtigt oder müffen von a abgezogen werben, um ben 


*) Bir werden fpäter fehen, wie diefe Unterſcheldung fich rechtfertigt. 
Man darf die Ausdrüde a®, b® u.f.w. nicht als aftual unendliche 
Werthe faſſen. Del. $5, 3 und $6, 2, 


Das Unendlice in der Ausdehnung. 8 


Berth 3 zu erhalten, und fo überhaupt. Nur durch biefe mit 


jeber Divifion verbundene Subtraftion wird bie bivibirte Größe 
Heiner, aber verſchwinden fann fie babei nicht, ba wenigfens 
einer der Theile fo gewiß zurüdbleiben muß, als die übrigen 
weggenommen werben. Daraus folgt, daß fein Duotient cors 
reft =0O gefegt werben Fann; die andern Bruchtheile müßten 
ja dann auch =0 fenn, d.h. es wäre gar nichts Dividirbares 
vorhanden gewefen, was dem Divifionggedanfen widerfpricht. 

Daß ferner, fo lange © nicht erreicht if, die Divifion forte 
gefegt werben kann, bürfen wir ebenfalls als evident bezeichnen. 
Welches Quantum muß denn eine Größe haben, bamit fie 
(gedanklich) dividitt werden könne? Gar fein beſtimmtes; es 
genügt, daß fie überhaupt eine Größe fey, denn als ſolche iſt 
fie ausgebehnt und deswegen theilbar. Wer ba glaubt, daß 
die gebankliche Theilbarkeit ausgedehnter Objefte irgenbivo eine 
Grenze habe, der überficht, daß „groß“ und „Hein“ nur relative 
Begriffe find. Wir gelangen durch Theilung niemals zu Obs 
ieften, bie an ſich Elein genannt werben könnten, fondern immer 
nur zu folhen, denen dieſe Bezeichnung im Vergleich zu andern 
zufommt; nun aber fann doch das Berhältniß eines Dinges 
zu andern von feinem Einfluß darauf feyn, ob ed an ſich 
theilbar ſey oder nicht. Die Theilbarkeit if eine abfolute 
Qualität, die nicht abhängig feyn kann von ber relativen der 
Reinheit oder Größe. 


53. Das aftual Unenblide, 
4. Das unendlih Große. Größen ohne Ende, ohne Grenze 
und Schranke 
Die Definition des unendlich Großen ift fehr ſchwankend. 
Ran findet fie in Faſſungen wie: ohne Ende, Grenze, Schranfe; 
was nicht größer gedacht werben kann; größer als jebe angebs 
bare, enbliche Größe; Grenzwerth für fletig wachſende Bariabeln ; 
108 nicht bis zu Ende (ganz) erwogen werben. kann (aus Mangel 
an Zeit). Roc andere fommen vor, aber fie dürften doch ſach⸗ 


86 €. Th. Iſenkrahe: 


lich in die eine oder andere der hier gegebenen zurückfallen. Auch 
dieſe freilich unterſcheiden ſich — was wir gleich hier bemerken 
wollen — nicht alle weſentlich, aber ihre Identitaͤt ſpringt doch 
nicht ohne Weiteres in die Augen, fo baß es nöthig feyn wird, 
fie gefondert in Betracht zu ziehen. 

1. Zu der Faſſung „ohne Ende” fey zunaͤchſt bemerkt, dag 
biefelbe auf jeden Hal nicht correlt if, da ja auch folde Ob⸗ 
jefte Anſpruch auf Unendlichkeit erheben, melde wirklich ein 
Ende haben, wie die von einem Punkte ausgehenden und „in's 
Unendliche“ verlängerten Linien, ober wie die „unendlichen“ 
Zahlen, die feine legte, aber doch eine erſte Einheit haben. 
Auch mit dem Plural „Enden“ wäre die Eorreftheit noch nicht 
hergeſtellt — man benfe nur an bie unendlichen Flaͤchen und 
Körper, die an ben begrenzten Seiten beliebig viele Enden 
haben —; es muß heißen: „ohne allfeitiges Ende“. Dann 
erft fallen al die gedachten Objekte, wie es ja ſeyn muß, unter 
den allgemeinen Begriff der Unendlichkeit, und man mag dann 
unter ihnen verſchiedene Klaſſen, Stufen ober Grade unter 
ſcheiden. Docd dies nur nebenher; unfere Behauptung geht 
dahin, bag nad) Feiner Seite hin wirkliche Endlofigfeit möglich 
iſt. Wir fagen: ausgedehnte Objekte haben nad) jeder Seite 
bin Enden; letztere inhaͤriren denfelben ganz wefentlih und 
Können nicht weggedacht werben. 

Wie fol man es denn z.B. anfangen, um von ber in A 
beginnenden, nad rechts hin über B, C u.f.w. hinaus in's 
„Unendliche“ gehenden geraden Linie AX nah X Hin bas 
Ende wegzubenten? Ja freilich, wenn man Ende und Grenze 
(Schranke) verwechfelt, dann if dies leicht. Grenzen find pofi- 
tioe Objekte, die man hin» und wegbenfen fann nad) Belieben, 
aber mit den Enden iR es ganz anders. Denke ich mir das 
Ende, alfo den legten — beliebig groß zu nehmenben — Theil 
bed Obieftes weg, fo wird dies, flatt unendlich zu werben, 
vielmehr no Fleiner. Ich muß es alfo mit Zufegen ver 
ſuchen. Aber man ficht gleich, daß das aud nichts nugt, 
wenn ich immer bloß Endliches beifüge; ich made dann nur 


Das Unendliche in der Ausdehnung. 8 


Ratt des alten Endes jedesmal ein neues. Sol ich zum Ziele 
tommen, fo muß ich gleich ein Unendliches beifügen. Aber 
was heißt dad? Es heißt: ich muß die Aufgabe ſchon gleich 
für gelöft erklären, die noch erft zu löfen if. Wozu denn jenes 
Unendliche noch er beifügen? Es genügt ia allein fchon! 
Um ein Unendlides in Gedanken beifügen zu fünmen, muß 
das ſelbe erſt gedanklich hergeftellt feyn, aber eben darin liegt 
ja gerade die Schwierigfeitl Wie made ich es dem, um von 
diefem „Unendlihen“ mir dad Ende mwegzubenten? Immer 
wieder bie alte Frage. 

Vieleicht wird ber eine oder andere unferer Gegner eine 
Vfung der Schwierigkeit barin fuchen, daß das fo ſchwer wege 
zuſchaffende Ende lieber gar nicht hingedacht wird, Das 
wäre fchon gut, wenn nur erft gefagt werben könnte, was 
man benn eigentlich ſich hinzuzudenlen hat. Leider aber lautet 
darauf bie Antwort: ein ausgedehntes Objekt, im vorliegenden 
Tal fpeziell eine Linie „ohne Ende“, Immer alfo ſtehen wie 
vor der Aufgabe, eine Linie zu denken und von ihr dad Ende 
wegzufchaffen. Denn man muß fih doch Etwas hindenken; 
bei obiger Löfung wird aber nur gefagt, was man fih nicht 
zu denken bat — das Ende. 

Umverfennbar liegt übrigens biefein Löſungsverſuch wieder 
die Verwecholung von Ende und Grenze (Schranke) zu Grunde. 
Die Grenze muß man fih, wenn fie vorhanden ſeyn fol, erſt 
hindenfen; aber was das Ende Ginbenfbares, d. h. Pofitives 
an ſich hat, das iſt ſchon gedacht mit dem Begriffe des 
Ausgebehnten. Jedes Ausgebehnte hat — den faktifchen Thei⸗ 
lungsgedanlen vorausgefegt — Theile an fi, und biefe Theile 
werben von ſelbſt dadurch zu „legten“, daß weitere nicht ges 
dacht werden. Es ift alfo fein pofitived Denfen nöthig, um 
die Enden herzuſtellen, fondern umgekehrt ein Richtvenfen, und 
«6 iR alfo widerfinnig, auf dem Wege des Nichtdenkens bie 
Enden gerade wegſchaffen zu wollen. Sollen fie weggefchafft 
werden, fo muß man es mit dem Denfen verfuchen und fehen, 
wie weit man kommt. 


88 € Th. Iſenkrahe: 


Bielleicht aber wird man einwenden: ſo iſt doch immer 
nur eine Schwierigkeit hier und noch kein Widerſpruch. Allein 
jeder denkende Menſch wird ſich doch uͤber das, was er benft, 
Rechenſchaft zu geben haben. Wenn ein Begriff ſich nicht logiſch 
analyſiren läßt, fo muß er fallen. Wie aber gelangen wir zum 
Begriff der unendlichen Größen? Wie z.B. zu bem ber uns 
endlichen Linin? Sage ich einem Punkte: bewege dich, fo 
liefert er mir den Begriff einer Linie; fage ich ihm: bewege 
dich eine beftimmte Zeit, fo erhalte ich eine beſtimmte Linie 
(wenn auch die Gefhwinbigfeit eine beſtimmte if); lafle ih 
ihn ſich immerfort bewegen, fo gewinne ich ben Begriff einer 
endlos wachſenden, aber immer endlich bleibenden Bariabeln. 
Wie gewinne ich nun ben Begriff einer unendlichen Linie? 
Kann benn ein Punkt mehr thun, als 1. fi) bewegen, 2. fi 
eine beflimmte Zeit bewegen und 3. ſich immerfort bewegen? 
Oder fol hier „Gottes Geift“ zu Hülfe genommen werden, ber 
die leptere Art der Bewegung, bie nie endende, fchon gleich 
ganz“ überfchaut? Aber fie wird ja nie „ganz“! Nur durch 
einen begrifflichen Widerſpruch kann man „ganz nehmen” wollen, 
was der Borausfegung zufolge nie „ganz“ wird. Auf bie bes 
griffliche Analyfirung der unendlichen Linien — ſowie überhaupt 
der unendlichen Größen — alfo wird man verzichten muͤſſen. 

Um aber ben eigentlichen Widerſpruch, der in biefen vor 
geblihen Groͤßen ‚liegt, deutlicher zu zeigen, empfehlen wir 
Folgendes der Beachtung. Denfen wir uns bie vorhin erwähnte 
Linie AX eingeteilt in lauter beſtimmte Streden, etwa in lauter 
Fuß, bezeichnet durch bie Punkte B, C, D u.f.w. Rad A hin 
iſt ber Zuß BA ber legte, bad Ende der Linie, nach der andern 
Seite hin aber nicht, weil BC auf ihn folgt. Auch diefer if 
nicht ber legte, weil CD über ihn hinausliegt, u.f.w. Jeder 
weiter folgende verhindert den vorigen ber letzte zu ſeyn, aber 
welcher von ihnen verhindert ſich felbft, der legte zu ſeyn? 
Keiner. Dazu muß immer ein weiterer fommen. Indem biefer 
aber fommt, befriedigt er zwar ein Bebürfniß, ſchafft aber 
zugleich ein neues, welches ſeinerſeits unbefriedigt bleibt, bis 


Das Unendliche in der Ausdehnung. 80 


einmal ein Fuß kommt, der auf ſich ſelbſt folgt, über ſich 
ſelbſt hinausliegt. Iſt das moͤglich? Rein; jedes ausgedehnte 
Obiekt kann größer werben als es iſt — es kann wachen — 
aber keines kann groͤßer ſeyn als es iſt. 

2. Damit verlaſſen wir die Definition „ohne Ende”. Daß 
die Definition „ohne Grenze” oder „Schranke“ ganz unbrauchbar 
iR, haben wir wieberholt gefagt. Yür die Größe reſp. für bie 
Endlichkeit oder Unenblichfeit eined Objektes iſt es ganz gleich⸗ 
gültig, ob fremde, anliegende Objekte, die jenes hoͤchſtens am 
Wachſen verhindern können, vorhanden find ober nicht. 

Doch vielfach wird ber Grenzbegriff anders gefaßt, ald hier 
angegeben. In der Mathematik verficht man gewöhnlich unter 
der „Grenze“ eined außgebehnten Objektes benjenigen Punkt 
oder Ort, bis zu welchem dasſelbe hinreicht, den es aber nicht 
überfchreitet,*) und im der. Philofophie gilt die Grenze als 
teined Negatioum, nämlich als das benfhare aber abweſende 
Mehr. Werfen wir alfo auch auf diefe beiden Faſſungen noch 
einen Bid. 

Rüdfichtlich ver erfien, mathematifchen Baflung erhebt fi) 
die Brage, wie der „Punkt“ oder „Ort“ eigentlich zu benfen 
ſey. IR das ein Theil des auögebehnten Objektes, oder ift es 
ein Theil des Raumes? Im erſten Falle deckt fih ber Grenz 
begriff offenbar genau mit dem oben aufgeflellten Begriff von 
Ende: es iſt der letzte — beliebig Hein zu denfende — Theil 
des betreffenden Dinges. Im andern Falle wird der Raum 
als eine ſelbſtſtaͤndige Realität gedacht, die Theile habe — eine 
Auffafiung, die wir nicht theilen Fönnen, (Bgi. 814.) Für die 
Frage übrigens, die uns hier befchäftigt, macht biefe Differenz 
nichts aus, wenn man nicht lieber fagen will, daß dadurch bie 
Sadye unferer Gegner noch verichlimmert wird. Denn diefe 
müffen jegt, um einer Größe, 3.8. der mehrerwähnten Linie AX, 
die Grenze zu nehmen, fie hinausreichen laſſen über den 


*) Bon den Grenzwerthen bei Bariabeln wird noch Befonders bie 
Rede ſeyn. 


%» © Th. Iſenkrahe: 


Raum! ES gibt ja keinen Punkt des Raumes, dem fle nur 
erreicht; alle erreichten !Bunkte werben au uͤberſchritten! 
Und wenn wir baher vorhin conftatixten, daß bie Objefte „ohne 
Ende* größer zu ſeyn prätenbiren als fie ſelbſt, fehen wir hier, 
daß bie „ohme Grenze“ größer feyn wollen ald ber Raum. 
Mebrigend aber läßt ſich biefer Grenzbegriff auch gar nicht durch⸗ 
führen. Derſelbe fußt auf dem Gedanken bes felbfifländigen, 
theilbaren Raumes. Alle Theile dieſes Raumes haben alfo 
auch wieder ihre Grenzen, und worin beftehen denn nun biefe 
Grenzen? Sind es auch wieder Punkte oder Orte, welche von 
den betreffenden Raumtheilen erreicht, aber nicht überfchritten 
werden? Dann gibt «8 alfo auch einen Raum bed Raumes, 
und bei ihm erhebt fich dann gleich bie nämliche Frage wieder. 
Die Grenzen ber Raumtheile mäflen alfo jedenfalls gefaßt 
werben, wie wir den Begriff des Endes gefaßt haben, als die 
legten Theile diefer Eingelräume, 

Nach dem philofophifchen Grenzbegriff muß man, um von 
einem ausgedehnten Objekt die Grenze wegzufchaffen, ſich das 
denkbare Mehr Hinzubenfen, wodurch man dann zu einem Objelt 
gelangt, weldes „nicht größer gebacht werden kann“. Damit 
iſt die am folgender Stelle zu beſprechende Definition bes Uns 
endlichen gegeben. Schon gleich hier aber möchten wir barauf 
hinweiſen, daß biefe Definition nicht brauchbar if. Ausgedehnte 
Objekte werben doch unzweifelhaft dann als enbliche zu gelten 
haben, wenn fie nach allen Seiten hin Enden, d. h. legte Theile, 
alfo Theile haben, über welche hinaus fie weitere nicht haben. 
Wenn fih nun einmal der Fall ereignen follte, daß weitere 
Theile nicht gedacht werden können — was folgt daraus? Dann 
find fie ganz gewiß auch nicht vorhanden, und das betreffende 
Objekt behält alfo nad) wie vor feine Enden. Uebrigens aber kann 
jener Fall auch gar nicht eintreten, wie wir weiter zeigen wollen. 


54. Größen, die nicht größer gedacht werben Fönnen. 


1. Worin hat e8 denn feinen Grund, wenn Größen nicht 
größer gedacht werben Fönnen? Vorgeblich darin, daß fie ale 





Das Unendliche in der Ausdehnung. A 


mögliche Bergrößerung ſchon haben, und daß es deswegen 
ein Widerſpruch ſey, ihnen noch eine weitere geben zu wollen, 
„Du fommft zu fpät“, ruft deshalb Gutberlet demjenigen 
zu, der ben Berfuch machen will, bie ſchlechthin unendliche 
Menge durch Addition, Multiplication u. ſ. w. noch zu vers 
mehren; „ale Operationen, die moͤglich find, wurden ſchon 
vorgenommen*“.*) Aber if dad benn wahr, daß fie wor 
genommen wurben? ebenfalls dann nicht, wenn noch eine 
möglih iſt, und deshalb läuft es auf eine petitio prineipii 
hinaus, wenn gefchloflen wirb: alle moͤglichen Operationen 
wurden vorgenommen, alfo if feine mehr möglih. Das Heißt 
doch wohl die weitern Möglichkeiten auf ben Grund hin aus 
ſchließen, daß fie ausgeſchloſſen feyen! Baktifch vorgenommen 
wurbe ja feine Operation, fondern ed wurde nur einfach gedacht, 
fie ſeyen alle vorgenommen — fie ſeyen zum Abſchluß gebracht 
trog ihrer Unendlichkeit. 

Es ift nicht möglich, einer Größe jede mögliche Vergroͤße⸗ 
rung zu geben. Diefer Sag fcheint widerfprechenb, zumal wenn 
man ihm folgende Fafſung gibt: man ann eine Größe nicht 
fo groß denken, als man fie venfen fann. Sofort aber wirb 
die Sache ſchon anders, wenn man fagt: man fann eine Größe 
nicht fo groß gedacht Haben, als man fie denken kann. Der 
Schein bes Widerſpruchs ift hier ſchon bedeutend gemildert, und 
er verſchwindet ganz, wenn der Gedanke die Faſſung erhält: 
iede Größe kann größer gedadjt werden. Diefer Cap iſt fogar 


*) Das uUnendliche, S. 44. Die angeführten Säpe bilden den Schluß 
des 5 8, der eine „allgemeine Skizzirung der aktual unendlichen Größe” 
geben will und alfo beginnt: „So können durch mich hindurch unendlich 
viele Linien nach den verſchiedenſten Seiten auf der Ebene des Horigontes 
gelegt werben, wieder unendlich viele durch die Ebene meines KHöhenkreifes 
und wieder unendlich viele in einer jeden von den unendlich vielen Ebenen, 
welche durch meinen Standpunkt hindurch gelegt werden kͤnnen. Run fann 
ich aber wieder meinen Standpunkt unendlich vielmal verändern...” &o 
weht ed denn noch mehrere Selten weiter. Immer aber if nur die Mede von 
dem, was geſchehen „Tann“, nirgends von Etwas, was wirklich gefchicht, 
während doch Größen nicht durch mögliche, fondern nur durch wirkliche Bes 
danken entfichen. Mögliche Gedanten liefern nicht einmal mögliche Größen. 


9 C. Th. Iſenkrahe: 


ganz evident, ſofern ſpeziell von endlichen Groͤßen die Rede iſt: 
jede endliche Groͤße kann wachſen, groͤßer gedacht werden. Iſt 
dies aber wahr und unbeſtreitbar, nun, fo duͤrfen wir wohl 
fragen: warum gilt berfelbe nicht von allen Größen? Worin 
liegt ber Grund für die Unmöglichkeit, einige — ober wenn 
man will, eine — größer zu denfen? Den Grund müſſen 
unfere Gegner uns angeben, aber es genügt doch offenbar nicht, 
wenn fie fagen: weil die Größen nicht größer gedacht werben 
koͤnnen, ober weil bie Möglichkeit des Größerbentens hier er» 
ſchoͤpft iR, oder weil alles mögliche Mehr ſchon gedacht if, 
was alles das Nämliche heißt. 

2. Außerdem aber leuchtet wohl gleich ein, daß bie er- 
wähnte Definition für die Mathematif gänzlich unbrauchbar if. 
Wenn ein Objekt erft dann unendlich it, wenn es nicht größer 
gedacht werben ann, was wirb dann aus bem fog. einfeitig 
unbegrenzten 2inien, Flaͤchen und Körpern? Die Linie AX 
ann ganz gewiß größer gedacht werden — man braucht nur 
bei A einen Heinen Theil zuzufegen — alfo ift fie nicht un⸗ 
endlich. If fie deswegen endlich? Oder liegt zwiſchen Endlich 
und Unendlich noch Etwas in der Mitte? Gutberlet unters 
ſcheidet zwifchen dem „ſchlechthin Unendlichen“ und dem, was 
nur „unter einer Rüdfiht” unendlich if, aber es muß doch 
einen Gattungsbegriff geben, ber beide Kategorien um⸗ 
faßt, und wie foll diefer nun lauten? Er darf nicht fo gefaßt 
werden, baß er bloß für das ſchlechthin Unendliche paßt. 
Faltiſch gefchieht dies aber auch in ber Mathematit nicht; 

"Niemand befinirt das Unendliche ald ein Objekt, welches „nicht 
größer gedacht werben Tann“, ſondern durchweg erhält die Defi- 
nition bie jegt weiter zu befprechende Baflung: „größer als jede 
angebbare enbliche Größe“. 

Um nun zum Schluffe den Wiberfprud im Begriffe ber 
unendlichen Groͤßen nad ber hier in Rede ſtehenden Faſſung 
praͤcis zu formulicen, fo fönnen wir fagen: ber Begriff „ Größe” 
fehließt die Vermehrbarkeit ein und ber Begriff „unendlich“ 
ſchließt fie aus. 








Das Unendliche in der Ausdehnung. 9 


55. Größer als jede angebbare endliche Größe. 


1. Rad) diefer bei den Mathematiten wohl allgemein übs 
lien Definition®) gehört es nicht zum Weſen der unendlichen 
Größen, daß fie fein Ende haben ober fein allfeitiges Ende, 
auch nicht, daß fie nicht größer gebacht werben können, fondern 
was fie zu unendlichen macht ift einzig und allein ihre Superio⸗ 
rität über alle endlichen Größen. 

Diefe Faffung hat offenbar ihre großen Borzüge vor ben 
beiden frühern. Es macht jegt Feine Schwierigkeit mehr, daß 
es umenblie Größen gibt mit einem ober mehrern Enden, 
fowie daß ein Unendliches größer iR ald das andere. Außer 
dem iſt jegt ein Ausbrud von Hinlänglicher Allgemeinheit ges 
funden, um alle möglichen Arten von ausgedehnten Objekten, 
die es gibt, zu umfaflen. Es bat ja nicht alles Ausgedehnte 
Enden. Bo ift 3. B. das Ende einer Kraft, eines Gewichtes, 
einer Geſchwindigkeit u.f.w.? Wenigſtens bat biefes Wort 
bier feine fo recht anfchauliche Bedeutung wie bei ben räums 
lichen Objehten, von benen es auch zunaͤchſt hergenommen 
wurde. Groß und klein aber find alle ausgebehnten Objekte, 
alle „Srößen*, und ed kann beöiwegen auch von zwei Gruppen 
die Rebe feyn, von denen alle, bie ber einen angehören, praͤ⸗ 
valiren über alle, die zur andern gehören. Und hiermit iR 
denn zugleich auch ſchon bie Definition für das unendlich Kleine 
gefunden; denn wie jenes, das unendlich Große generell über, 
fo ſteht dieſes, das unendlich Kleine generell unter dem Ends 
lichen. Auch in ihm find nämlid Abſtufungen zuläffig, fo 
gut wie im Endlichen und im unendli Großen, und erſt das 
Aderunterfie bed unendlich Kleinen, dad abfolute Nichts, bie 
Nut iſt von der Art, daß nichts Kleineres gebacht werden kann. 
Dem entſprechend denkt man ſich den Sachverhalt nad ber 
Seite des unendlich Großen hin; auch dort gibt es eine Größe 
— das „ſchlechthin Unendliche” oder dad „Bollgroße” — über 


S. unten 311, 2. 


13 C Th. Iſenkrahe: 


welche hinaus Nichts benfbar iſt, aber ſie bildet erſt den Ab⸗ 
ſchluß des ganzen Gebietes, gleichwie mit der Null das unend⸗ 
lich Kleine ſchließt, und — worauf es hier ankommt, — ihren 
Charakter als unendliche Größen erhalten beide Grenzwerthe nicht 
erſt aus ihrer Unvermehrbarfeit (Unverminderbarkeit), fordern 
aus ihrem Berhältniß zum Gebiet des Endlichen. 

Sachlich identifch mit der erwähnten Definition find bie 
Baffungen: was nicht bis zu Ende erwogen werden fann, uns 
ermeßbar groß u.a. Warum ift denm dad Unendliche umermeßr 
bar, warum kann e& nicht ganz erwogen werben? ben weil 
es größer iſt als das Endliche, welches gebanklich durchmeſſen, 
erwogen werben kann. Daher wird es genügen, wenn wir jene 
erfte Faffung näher in Erwägung ziehen. 

2. Wer die Definition des Unenblihen fo eng und aus 
ſchließlich, wie es bier gefchieht, an das Endliche anlehnt, ber 
iſt verpflichtet, zugleich über den Charakter bed fegtern genaue 
Rechenfchaft zu geben. Wann ift denn eine Größe endlich? 
Wenn fie allfeitige Enden hat? Dann hat das, was größer 
feyn will als alles Endliche, nicht alfeitige Enden. Oder 
wenn fie größer gebacht werben Tann? Dann kann dad Un- 
endliche nicht größer gebadjt werben. In beiden Faͤllen koͤnnen 
wit auf das bereitd Geſagte (8 3 und $&) verweifen. 

Da indeß die Definition des Unendlichen nicht auf das 
Unendlie an fich, fondern nur auf deſſen Größe ſich ftägt, 
fo genügt es, wenn nur leßtere befinirt werben fann. Aber 
das if eben fo wenig möglih. Wie groß find denn bie enbs 
lichen Größen? Beliebig groß? Dann find die unendlichen 
„groͤßer als beliebig groß", was feinen Sinn gibt. Ober find 
fe, wenn aud in ihrem eigenen Gebiete beliebig groß, doch 
immer „Heiner als alle unendlichen“? Dann wolle man bes 
achten, wie bie Definition der legten jegt Tautet, indem man 
für die endlichen Größen den gefundenen Werth einſtelt. Die 
unendlichen Größen find jegt ſolche, welche größer find als alle 
— bie Heiner find wie fie! Damit fagt man von ihnen nur 
aus, was von allen Größen gilt; alle find größer ald alle die 


Das Unendliche in der Ausdehnung. 9% 


Heiner find wie fie, m. a. W. man vernichtet das charakteriſtiſche 
Merkmal in dem Augenblide, wo man es ftatuict. 

3. Nichts deſto weniger if zugugeben, daß bie in Rebe 
ſtehende Definition einer richtigen Deutung fähig if, wenngleich 
fie zu dieſem Behufe der formellen Correltheit halber wohl einer 
Heinen Modification bedarf. Statt „größer ald jede angeb- 
bare enbliche Größe“ fage man „größer als jede angegebene“ 
— ber „Möglichkeit“ wird durd das Wort „iebe* genügend 
Nechnung getragen — und die Sache iR in Orbnung. Oder 
läßt ſich denn eine endliche Größe angeben, größer als melde 
fi) Feine angeben ließe? Niemand wird das behaupten. Freilich 
iR nun Hiermit noch keine Definition für das aftual Unendliche 
gewonnen, aber darauf kommt es ja auch nicht an; und will 
es fcheinen, daß bie Mathematif mit die ſem „Unendlichen“ 
und nur mit ihm vollfommen zurechtkommt. Wir werden bad 
des Nähern darzulegen noch Gelegenheit haben und verweilen 
bieferhalb auf $6 und $ 11, 2, 

Die angeführte Correktur iſt aber nicht einmal nöthig, falls 
gefagt werden darf, daß über jede angebbare endliche Größe 
hinaus voeitere endliche Größen angebbar oder möglich feyen 
— ein Ausdrud, der fi ja immerhin rechtfertigen läßt, wenn 
dabei auch nicht fo Mar hervortritt, daß bier Moͤgliches und 
Wirkliches fih gegenüberfichen (nicht Moͤgliches und Mög- 
liches). So fehreibt 3. ®. der franzoͤſiſche Philoſoph Martin, 
deſſen Standpunkt in biefer Frage von dem unferigen nicht 
weſentlich abweiht: „Au-delä des derniöres quanlit&s as- 


signables pour nous, il y & encore d’autres quantitss 
possibles, plus petites que tel infiniment petit, plus grandes 
que tel infiment grand .....**) 


®) "Lea sciences ei la philosophie, p.293. Menn IR. jedoch fortfäßrt: 
mess. MAIS MO0 aussi pelites que l'infniment petit absolu, qui est mul, ni 
— grandes quo Pinßeiment grand absolu, qui, n’stant ni maltipliable, ni 
dirisible, est impossible en laai que quentiis“, fo Lönnen wir ihm weder 
mach der einem moch nach der andern Geite hin folgen. Die Rull, das 
Rute, iR Reine Größe, weder eine große noch eine kleine, und darum aud 
Beine unendlich Meine. (ben fo widerſprechend if es, dem (abfolut) unendlich 


% C. TH. Ifenkrahe: 


86. Grenzwerth für ſtetig wachſende Bariabelen. 


Mit diefer Definition verhält es ſich wie mit der vorigen: 
fie iR widerfprechend, fofern fie das aktual Unendliche befiniren 
wid, läßt aber unter Preisgabe dieſes Unenblichen eine richtige, 
widerſpruchsloſe Deutung zu, mit der die Mathematif auch voll» 
tommen ausreicht. Sie fällt überhaupt ſachlich mit der vorigen 
zuſammen, und wir führen fie nnr deswegen fpeziel auf, um 
an ihr das Gefagte (8 5, 3) näher zu erläutern. 

1. Richt ale Grenzwerte für ſtetig wachſende Bariabeln 
erheben den Anſpruch auf Unendlichkeit. So if z. B. jeder 
Kreis und jede Kugel dem räumlichen Inhalt nad) Grenzwerth 
für alle eingefchriebenen Bolygone refp. Polyeder, deren Seiten 
tefp. Seitenflächen in fletig wachfender Zahl gedacht werben 
koͤnnen; fo ift ferner die Zahl 1 Grenzwert für den fletig 
wachfenden Dezimalbrudy 0,9999 ..... und bie Zahl 2 für die 
Reihe IH 74 4 +3 +. Im allen biefen Fällen if bie 
Variabele in ihrem Wachsthum einem Gefege unterworfen, 
welches fie zwingt, ftetS unter dem betreffenden Grenzwerth zu 
bleiben; fo fann 3.3. die legterwähnte Reihe den Werth 2 
nie erreichen, weil der an 2 nody fehlende Reſt ſtets nur halb 
beigefügt wird. Während aber das Wachsthum in den ans 
geführten Fällen überall ein verlangfamtes ift, könnte es auch 
ein conflantes feyn, wie bei der Reihe der natürlichen Zahlen 
1,2,3,4.... und ein befchleunigtes, wie bei der Reihe 
1+2+3+4 .... In den beiden lehtern Fällen läßt ſich 
keine endliche Größe als Grenzwerth angeben, und ba foll nun 
das Unendliche aushelfen; es fol der Grenzwerth feyn für alle 


Großen den Charakter der Quantität abzuſprechen und es dann doch noch 
„groß“, „größer ald ...“ zu nennen. „Mbfolut groß“ fowie „abfolut 
Mein“ find widerſprechende Begriffe, durch welche bie Bermehrbarteit refp. 
Verminderbarkeit zugleich gefept und ansgefchloffen wird. Und wir meinen, 
der Widerſpruch Täge auch ſchon glei am Tage, wenn man bedenkt, daß 
groß und Mein relative Begriffe find, die fofort zerflört werben durch das 
Wjetiv „abfohut“. 


Das Unenblihe in der Ausdehnung. ? 97 


conſtant und beſchleunigt wachfenden endlichen Variabeln. Das 
mit iſt aber offenbar das Unendliche nur wieder charakteriſirt 
als ein ſolches, welches groͤßer ſey als jede angebbare endliche 
Größe, und wir koͤnnen daher auf das Geſagte (8 5, 2) ver⸗ 
weiſen. Dazu kommt, daß, wie geſagt, in ben gedachten Fällen 
das befchränfende Geſetz des Wahsthums fehlt, 
ein Umftand, ber. gewiß Beachtung verdient. Denn durch biefes 
Geſeh wird ja in den erfierwähnten Fällen bie Grenze erft ges 
fhaffen, vie fonft nicht exiſtiren würde; nur ihm verdanfen 
Grenze und Grenzwerth ihre Eriftenz, und wo ift nun ber Um» 
Rand, dem ber „unendliche“ Grenzwerth feine Exiſtenz verdankt? 
Vielleicht wird man fagen, biefer Umftanb liege darin, daß bei 
den endlichen Bariabeln immer nur Endliches zu Endlichem 
hinzugefügt werbe und daher eine unendliche Größe nie heraus⸗ 
fommen fönne. Aber das iſt ja nur eine Behauptung; bie 
Trage bleibt: wie erklärt fich biefes „Richtfönnen“? d. h. 
wie erflärt es fi, baß es eine Größe gibt, bie durch Fein 
„endliches“ Wachothum erreicht werben Tann? Kür Unerflärs 
bares aber hat doch wohl die Mathematik, diefe reine Bernunfts 
wiffenfchaft, feinen Raum. 

2. Nur eine Erklärung ſcheint uns bier moͤglich, und das 
iR bie, welche wir vorhin fehon angedeutet Haben. Statt daß 
naͤmlich die Grenze fonft im Gefeh des Wachsthums begründet 
liegt, wird fie hier willkürlich gefegt. Man will bie 
betreffende Barlabele, die auch noch weiter anwachſen fönnte, 
nit weiter mehr in Betracht ziehen, man fledt ber 
jeweiligen Betrachtung eine Grenze, die fo fern ab liegt, als 
es ebem gerabe nöthig erfheint. 

Wer dieſes Verfahren etwa wunberlic finden follte, ben 
brauchen wir wohl nur daran zu erinnern, baß basfelbe ganz 
unvermeibli if. Man fann body nicht vorfchreiten bis zur 
„Außerften Grenze”, wo eine ſolche Grenze gar nicht vorhanden 
iſt! Hier muß bie Betrachtung — nicht gerade ba ober dort, 
aber — irgendwo Halt machen, falls bie in Rechnung zu 
ziehende Größe eine onftante ſeyn foll, wie dies ja nöthig if, 

Beitfer. f. vbul. m. Yhilof. Aritit. 00. vd. 7 


98 © Th. Ifentrape: 


um etwas Beftimmtes von ihr ausfagen ober ihr auch 
nur ein beſtimmtes, die ganze Rechnung hindurch andauerndes 
Symbol beilegen zu fönnen.*) Wäre man aber aud) an dieſe 
Ruͤdſicht nicht gebunden, wollte man ben Blick weiter ſchweifen 
laſſen und bie Bariabele auf ihrem ganzen Laufe verfolgen, 
was böte fi dann ber Betrachtung dar? Roch immer nichts 
Unendliches, fondern eben nur eine immer weiter wachfende 
aber fletS endlich bleibende Variabele. Wer biefer, indem er 
fie etwa „ganz“ nimmt, den Charakter einer unendlichen Größe 
beilegt, der alterirt offenbar ihren Begriff; fo lange fie wächk, 
iſt ſie endlich, und da fie der Vorausfegung zufolge zu wachſen 
nicht aufhört, Hört fie auch nicht auf, emblid zu feyn. Sie 
„ganz“ nehmen heißt fie „ausgewachſen“, nicht mehr wachſend 
denfen und alfo ihren Begriff zerftören. 

In dein gedachten Verfahren. liegt alfo gewiß nichts Auf⸗ 
fallendes. Daß aber auch faltiſch bie Mathematik nicht vor 
gibt, bis an die „aͤußerſte Grenze“ der Betrachtung vorzubringen, 
geht wohl zur Genuͤge daraus hervor, daß es ja üblich iſt, bei 
dem oo nicht fiehen zu bleiben; je nad Bebürfniß geht man 
weiter, multipfigitt und potenzirt dasfelbe und ſtellt fo bie vers 
ſchiedenen „Ordnungen“ bes Unendlichen ber, deren Zahl eine 
ganz unbeſchraͤnkte if. Freilich wird behauptet, daß man bei 
der „unendlichen“ Ordnung des Unendlichen ald dem „abfolut“ 
ober „ſchlechthin“ Unendlichen Halt machen müffe, aber das if 
doch nur reine Wilfür; fo gut id von (n®)® rede, fo gut 
Tann ich auch noch einige Stodwerfe oben brauf bauen. ine 
nothwendige Grenze if hier niemald gegeben, zumal ja auch 
offenbar (2n”°)® größer ift als das „ſchlechthin unendliche“ 
(a?)®, Außerdem Tiegt ein Widerſpruch darin, von „unendlich 
vielen” Ordnungen zu reden und body eine Tehte anzunehmen, 
über bie nicht binausgegangen werben bürfe. 

Hierdurch TOR ſich auch bie viel ventilitte Brage, ob der 
unenbliche Grenzwerth ald erreichbar ober ald unerreich⸗ 


*) Bol. Gutberlet a. a. D. ©. 54. 


Das Unendliche in der Ausdehnung. 9 


bar zu gelten habe. Diefe Frage iR nur dann ſchwierig, um 
nicht zu fagen unlösbar, wenn man jenen Grenzwerth ſich 
wirklich unendli denkt. Alsdann kann derfelbe weder erreichbar 
ſeyn noch unerreihbar; im erſtern alle flellt man das Endliche 
— bie endliche Bariabele, bei der im Wachſen immer nur End» 
liches zu Endlichem kommt — dem Unendlichen, dem erreichten 
Grenzwerte gleih, und im zweiten verliert man das Recht, 
einen Grenzwerth vom andern zu unterfcheiden, fowie weiterhin 
das Recht, über ben erſten „unerreichten“ Grenzwerth noch bins 
auszugehen durch Aufftellung ber weitern Ordnungen bes Un⸗ 
endlichen. Alle dieſe Inconvenienzen fallen weg, wenn man 
das altual Unendliche, mit dem fie ja allein verknüpft find, 
einfach preisgibt und den Sachverhalt fo auffaßt, wie wir es 
vorhin angegeben haben. Jeder Grenzwerth iſt dann unerreich⸗ 
bar und erreichbar zugleich; unerreichbar für bie jeweilige Bes 
trahtung, aber errei_hbar, wenn man ben Kreis ber Betrachtung 
weiter ausbehnt und zur folgenden Orbnung bed Unendlichen“ 
übergeht. Diefer Rame paßt dann freilich fehleht genug, aber 
wenn man darauf Gericht legt, fo Fann man ihn ja fallen 
laſſen und an Stelle des Infinitum das Indefinitum fegen, wie 
dies auch von Alters her ja ſchon viel gebräuchlich war, 


87. B. Daß unendlich Kleine, 


Die bisherigen Erörterungen fegen uns in ben Stand, über 
das unendlich Kleine rafcher binwegzugehen, zumal ber Sach⸗ 
verhalt Hier viel einfacher liegt ald an der andern Seite. 

1. Unter dem unendlich Kleinen verfieht man, wie ſchon 
bemerkt, eine Groͤße, weldye Kleiner iR als jede angebbare end⸗ 
liche. Wie das unendlich Große, fo lehnt ſich alfo aud das 
unendlich Kleine unmittelbar an bad Enblihe an. Ein felb- 
Rändiges, unabhängiges Merkmal ift Hier noch weniger aufs 
zufinden als beim unendlich Großen; benn während bei lepterm 
noch allenfalls gedacht werben koͤnnte an Groͤßen „ohne Ende“, 
fällt dieſe Möglichkeit beim unendlich Kleinen ohne Weiteres 
weg. Dasfelbe bedarf alfo zu feiner Definition weſentlich 

7* 


100 ©. Th. Iſenkrahe: 


wieberum ber Definition des Endlichen, und zwar muß dieſes 
feiner Größe nad) beftimmt werben — nur an bie Größe lehnt 
fi) ja das unendlich Kleine an. Wie groß aber if das End» 
liche? Wir haben hier wieder die naͤmliche Inconvenienz, bie 
nämliche Unmöglichfeit der Begrifföfaflung wie beim unendlich 
Großen. 

Sieht man aber von ber Beziehung des unendlich Kleinen 
zum Endlichen ab und läßt man erſteres ein ſolches ſeyn, 
welches „nicht Kleiner gedacht werben kann“, fo ſteht doch wohl 
fet, daß jede Größe Eleiner gebadht werben fann. Denn jede 
iſt theilbat — ohne die Theilbarkeit, auf ber dad Groß» und 
Kleinſeyn beruht, wäre fie eben Feine „Groͤße“. (Bol. 81,1 
und 82,2.) Nur bie reine Null, das Nichts, entfpricht ber 
Anforderung, bie an bad unendlich Kleine geftelt wird, ins 
fofern, als Hier eine Verkleinerung nicht weiter moͤglich if; 
dagegen läßt die Null das ambere Erforberniß des unendlich 
Kleinen, daß es nämlich body auch noch Etwas feyn muß, 
wiederum undefriebigt. Nur ein Etwas kann „Hein” und daher 
auch „unenblih Mein” feyn, während bie Null ald dad reine 
Nichts weder groß noch Hein iſt. Alfo das negative Merkmal 
— bie Unmöglichkeit der Verkleinerung — hat bie Null an ſich, 
das pofitive aber nicht, während umgefehrt jede Größe das 
pofitive an fi) hat ohne das negative. Beide Merfmale wider 
ſprechen fi; das unendlich Kleine will zugleich Etwas feyn 
und Nichts, Etwas um Flein, und Nichts um unendlich 
fein ſeyn zu fönnen. . 

2. Diefer Widerſpruch if jedoch mur dann vorhanden, 
wenn man das unendlich Kleine im aftualen, firengen Einne 
faßt; nichts Widerfprechendes, nichts Undefinirbares liegt mehr 
in ihm, wenn man ihm die Deutung gibt, die wir vorhin beim 
unendlich Großen näher barlegten, d.h. alfo, wenn man es 
faß als eine Größe, die Heiner iſt als alle diejenigen, bie man 
eben gerade in Betracht ziehen will. Und biefe leßtere Deus 
tung iſt auch unzweifelhaft diejenige, welche der mathematijchen 
Prazis zu Grunde liegt — bie Theorien lauten freilich viel- 





Das Unendliche in der Ausdehnung. 101 


fach andere. Denn es kann body nicht geleugnet werben, ba 
das unendlich Kleine bald ald Null, bald als Etwas behandelt 
wird — Gutberlet wei bied auch ſchlagend nah — und 
daß es einmal als unerreihbarer Grenzwerth gilt, während ein 
anbermal über biefen Werth hinweggeſchritten wird zu einer 
weitern „Orbnung*. Wie erflären ſich dieſe anfcheinenden 
Biverfprühe? Ganz einfach aus ber erwähnten Deutung. 
Was einmal unerreichbarer Grenzwerth ift, kann bei erweiterter 
Betrachtung überfehritten werben, und was in Wirklichkeit immer 
noch Etwas if, lann gleichzeitig als Null behandelt werden, 
da ber Zehler, der im Ieptern Kalle begangen wirb, fi ja nad 
Belieben herabmindern läßt auf ein „verſchwindend Feines“ 
Maß. Einzelne Theoretiter fcheuen ſich freilich, dieſen Fehler 
überhaupt zuzugeben, indem fie meinen, daß alsdann ein „arger 
Mißbrauch“ mit dem Gleichheitszeichen getrieben werde. Aber 
viel mehr ſollte man fidy body fcheuen vor ben Abfurbitäten, zu 
denen bie 2eugnung jenes Fehlers zwingt. So if es z. B. 
ohne jebe Frage ein Fehler, wenn man 0,33333 ..... correkt 
=; feßt; ber Dioifionsreft fann ja nie verfchwinden, mag 
man bie Reihe der Dezimalſtellen fo weit man will verlängern, 
Barum aber fol man dieſen Ref, der bei recht lange fort 
gefepter Divifion „umendlid Mein“ wird, nit = 0 fegen und 
alfo obige Gleichftellung vornehmen dürfen? Ein „arger* Miß⸗ 
brauch liegt darin jedenfalls nicht, da man ja nach freiem Bes 
lieben die Divifion fortfegen kann, bis ber Fehler nicht mehr 
arg iR. WIN man aber überhaupt feinen Fehler begehen, 
nun, fo unterlaffe man die Gleichſtellung oder führe ein bes 
ſonderes Zeichen ein für bie annähernde Gleichheit. 


58. Eonfequenzen bes aftual Unendliden. 


Haben wir uns bisher mit dem Begriffe des altual Uns 
endlichen befchäftigt, fo müffen wir jegt deſſen Conſequenzen 
etwas näher in's Auge faflen, ba biefe geeignet find, ben in 
jenem Begriffe liegenden Widerſpruch deutlicher an ben Tag zu 
dringen. Zu bem Ende betrachten wir zuerft bie unenbliden 


102 © Th. Iſenkrahe: 


Linien und dann die unendlichen Zahlen. Den unendlichen 
Flachen und Körpern brauchen wir feine beſondere Beachtung 
zu fchenfen, da fie von ſelbſt unmöglidy werben mit ben unends 
lichen Linien; beide wollen ja nad der Seite bin, nach welder 
fie Unendlichkeit beanfpruchen, auch unendliche Durchmefier Haben. 

1. Rüdfichtlic der an einer Seite beginnenden und nad 
der andern „in’® Unenbliche* gehenden Linien weift Tongiorgi 
auf einen Widerſpruch hin, beffen Löfung den Gegnern erhebs 
liche Mühe machen dürfte. Er denkt ſich eine gerade Linie, bie 
in X ihren Anfangspunft hat und von ba aus nach einer Seite 
bin in's Unendliche geht. „Danturne“, fo fragt er nun, „in 
eadem linea puncta, quae ab X actu infinite distent, an non? 
8i non dantur, linea est finita. Si dantur, adverte quaedam 
puncta ab X finite distare.e Cum ergo quaedam finite, 
quaedam infinite distent, profecto habetur in linea punctum 
aliquod, in quo ft transitus a finito ad infinitum; in eoque 
puncto erit distantia finita maxima, quae vel modicae cujus- 
libet extensionis additione evadit infinita. Haec autem absurda 
sunt.“*) Diefe Argumentation bat augenſcheinlich eine fehr 
große Tragweite, da fie ohne Weiteres auf alle Linien, Blächen, 
Körper und Zahlen, überhaupt auf alles Ausgebehnte fih an⸗ 
wenden läßt. Denn wenn bie gedachte Linie nicht unendlich iR, 
fo iſt fie endlich. IR fie aber endlich, fo wird fie dadurch nicht 
unendlich, daß man fie über X hinaus, wiederum „in’d Unends 
liche”, verlängert — auf biefer Seite wiederholt ſich ja das 
Nämlihe, die nämliche Unmöglichkeit, und zwei Endliche zus 
fammengenommen bilden eben nur wieder ein Endliches. Sind 
aber beide Hälften zufammengenommen endlich, fo find aud alle 
Blächen und Körper endlich, die fie zum Durchmeſſer haben. 
Und was bei ber Linie Bunfte find, das find bei Zahlen die 
einzelnen Einheiten. Selbft das fog. abfolut Unendlihe wirb 
jet Hinfällig, falls es als ausgedehnt gefaßt wird. Denn als⸗ 
dann ift es theilbar und es enthält alfo Einzelheiten, von denen 


®) Instit, philos., vol. IL ont. 349, 


Das Unendliche in der Ausdehnung. 103 


man nad) Belieben eine berausgreifen und zum Ausgangspunfte 
der erwähnten Betrachtung machen kann. Wohin man auch 
von ba aus ſich wendet, überall muß ein Uebeigang vom 
Endlichen zum Unendlichen ftattfinden, und dieſer Uebergang iſt 
unmoͤglich, da er fich vollziehen muͤßte durch einen endlichen 
donſſchrin 

Die Tongiorgiſche Dedultion iſt alſo von großer Trage 
weite, und wie ſoll ſie widerlegt werden? Eine direkte Antwort 
hat unſeres Wiſſens nur Gutberlet verſucht, der alſo ſchreibt: 
„Darauf iR zu erwidern, daß 1) bie Beweisführung logiſch 
nicht correlt iR; denn es if ein britter Ball möglich, daß nicht 
Bunfte, fondern nur ein Punkt von A (X) unendlich weit ab» 
che. Und gerade dies fönnten wir als thatfächlich annehmen; 
ein einziger Punkt, nämlich ber legte, und fein anderer vor ihm, 
fann unendlich weit von X entfernt feyn, und biefer muß uns 
endlich weit weggerüdt feyn, damit bie Linie unendlich) genannt 
werden fönne. Aber daranf wollen wir nicht beftehen, da man 
bei einer unendlichen Linie nicht von einem legten Punkte, bei 
einer unbegrenzten Ausbehnung nicht von einer Grenze, wie ber 
Bunft fie für die Linie if, ſprechen kann. Wir wählen alfo 
dad andere Glied der Diejunftion: Es gibt weber einen noch 
mehrere Punkte, die eine aftual unendliche Entfernung von X 
hätten; baraus folgt aber .2) nicht, daß die Linie endlich if; 
fondern gerabe wegen ihrer Unendlichkeit fann man feinen lepten 
Bunft angeben, und ber legte wäre doch erft derjenige, welcher 
eine unendliche Entfernung von X hätte.“ *) 

Diefe Widerlegung ift, wie man fieht, eine fehr künftliche, 
Um die Wahl des andern Gliedes der Disjunktion, wonach 
nämlih gar kein Punkt der Linie eine unendliche Entfernung 
von X hat, zu erleichtern, werben zuerſt bie vielen Punkte 
auf einen reduzirt. Aber warum können denn nicht viele 
Bunfte von X unendlich weit entfernt ſeyn? Die über ben 
Anfangöpunft der Unendlichkeit hinausliegenden Streden könnten 


) A. a. O. 6.17. 


104 ©. Th. Iſenkrahe: 


ja in bie zweite u.f.w. „Orbnung“ des Unenblichen verwiefen 
werben. Freilich wäre damit dad Ende des erfien Unenblicyen 
zugegeben, Aber daran kommt man ja body nicht vorbei; Hätte 
die erfte fein Ende, fo könnte bie zweite gar nicht beginnen, 
und es gibt doch fo viele, unendlich viele „Orbnungen“! Wer 
diefe vielen Orbnungen lehrt, der muß ſich nothgebrungen mit 
den Enden jeder einzelnen Orbnung abfinden. Doch dies nur 
nebenher. Was wir hauptfädhlidy zu moniren haben, iſt ber 
Umſtand, daß auf das eigentliche punctum saliens ber Schwierig. 
keit gar nicht eingegangen wird. Ob ber unendlich weit ent- 
fernten ‘Bunfte einer, zwei ober viele find, darauf kommt es 
ganz und gar nicht an, fondern nur barauf, wie der Ueber- 
gang aus ber Endlichkeit in bie Unendlichkeit fich erklären 
laſſe. Daß es hierbei auf die Vielheit der Punkte nicht an- 
tommt, geht ſchon daraus hervor, daß ja doch nur einer in 
Betracht gezogen wird, nämlih, wie Tongiorgi dies thut, 
ber legte endlich weit abfehende, über ben hinaus jeder 
(endliche) Zuwachs bie Unenblichfeit bewirkt, ober wie es auch 
geſchehen könnte, der erfie unendlich weit entfernte, von dem 
aus jede kleinſte Cendliche) Strede nach X hin in die Endlichkeit 
führt. Diefe Schwierigkeit aber, die Erklärung des Ueberganges 
in bie Unendlichkeit, loͤt Gutberlet nicht, vielmehr gibt er 
(durch die Leugnung eines unendlich weit abftehenden Punktes) 
zu, daß ein Uebergang in bie Unendlichkeit nicht ftattfindet! 
Gut, fo bleibt die vorgeblich unendliche Linie alfo endlih. Und 
zwar iR biefer Tegtere Schluß um fo mehr gerechtfertigt, als 
G. ja ſelbſt Cin der Mitte feiner Entgegnung) fagt: „Diefer 
muß unendlid weit weggerüdt ſeyn, damit bie Linie unendlich 
genannt werben könne.“ Gewiß, eine Linie, die feinen vom 
Anfangepunkt unendlich weit entfernten Bunft hat — auf 
welchen Grund bin will man die unendlid) nennen? Uebrigens 
wollen wir body auch nod bemerken, daß im Begriff einer 
„unendlichen Entfernung“ in ſich ſchon ein Widerſpruch liegt. 
Zu diefem Begriff gehörten ja zwei — reale oder gedachte — 
Objekte, bie entfernt find. Ober kann auch ein Objekt „ent 


Das Unendlihe in der Ausdehnung. 105 


ſernt“ feyn? Zwei Enden find alfo mit jeder „Entfernung“ 
begrifflich gegeben, und wenn man fie für unvereinbar mit ber 
Unendlichkeit hält, fo darf man gar nicht von „unendlichen 
Entfernungen“ reden. (Bol. 814,1.) 

Die in Rede ſtehende Debduftion richtet fich, wie man flieht, 
gegen alle Definitionen bes Unenblihen, wie immer fie lauten 
mögen ; auf keinen Fall kann ja zugegeben werben, daß aus 
zwei Endlihen fi ein Unendliches zufammenfegen laſſt. Um 
aber fpeziel die Enden nachzuweiſen, möchte folgende Be: 
trachtung gute Dienfte thun. 

Denen wir uns eine in A beginnende, nach rechte hin 
über B, C, D u.f.w. hinaus in's Unendliche gehende gerabe 
Linie. Die endlichen Etreden AB, BC, CD u. ſ. w. follen alle 
glei und zwar lauter Buß ſeyn. Jeden Buß benfen wir 
und nun wieder weiter abgetheilt in Zoll, den erften in bie 
Zollſtreden a, b, c, d, e ... m, ben zweiten in bie Streden 
a, b/, c', d', e'... m‘, den britten in a“, b“, c”... m“ u.f.w. 
Natürlich) fine der Fuß fowohl wie der Zoll unendlich viele, 
der legtern aber 12 mal foviel al jener. Wir wollen und nun 
an biefer Ungleichheit der unendlichen Mengen nicht foßen, 
fondern bloß auf die Eonfequenz achten, bie ſich daraus ergibt 
rüdfichtlich ber Enden ber einzelnen unendlichen Streden. Es 
find jegt ja unendlich viele Zoll vorhanden, welche bie Bes 
zeihnung a tragen, a, a‘, a”, a...., ebenfo unenblich viele 
von der Bezeichnung b, c u.f.w. Einſtweilen liegen bie vers 
fhiedenen a-Stüde, die b»Stüde u. ſ. w. getrennt von einanber, 
in jedem Zug ein Stüd, aber man fann fle ja auch zufammen- 
legen, und fo erhält man denn 12 unendlich lange Streden 
hinter einander, nämlid a, a’, a ..... ‚b, b‘, b“ ..... u. ſ. w. 
bis m, m‘, m" ..... Immer fängt die folgende an, wo bie 
vorige aufhört, Ende fließt fih an. Ende. Vielleicht 
wird man biergegen einwenden, diefe Arbeit ſey unausführbar, 
man fomme bamit nicht zu Ende. Nun gut, fo wollen wir 
und denn bie unendliche, unausführbare Arbeit erleichtern, und 
zwar gleich fo rabical, daß gar Nichte mehr davon übrig bleibt. 


106 €. Th. Ifentrape: 


Wir find naͤmlich ber Meinung, daß gleich ſchon der Gebante, 
von dem wir auögingen, ber Gedanke einer Linie von unendlich 
vielen Fuß Alles enthält, was nöthig if, um bie verſchiedenen 
Unenblichfeitö: Enden deutlich zu fehen. Ein Zoll ift gleich dem 
andern; was iſt alfo noch erft ein Umlegen nöthig? Wer ſich 
eine Linie denft von unendlich vielen Fuß, der denkt fi 12 mal 
unendlich viele Zoll in einer Reihe Hinter einander liegen, zwölf 
unendlidy lange Streden alfo, von denen jebe ihren Anfang und 
ihr Ende hat. Es muß möglich feyn, einmal, zweimal, breis 
mal, bis elfmal ein unenbliches Stud wegzunehmen, fo daß 
dann auch noch eines übrig bleibt. Und diefer Gedanfe birgt 
nun wieder eine neue Inconvenienz in fh. 

Wir fragen: zu welcher Ordnung des Unendlichen gehört 
die gedachte Linie? Rach Gutberlet vermuthlic zur erſten 
Ordnung, da gefagt wird: „z. B. if eine Linie, bie von bier 
nad Oſten gezogen wird, nach Often bin ohne Grenze, bier 
am Anfangöpunfte aber begrenzt. Sie Tann als Unendliches 
der erften Ordnung gelten. Aber von meinem Standpunfte aus 
tönnen fchon innerhalb eines endlichen Winfeld und zwar in 
verfelben Ebene 3.8. des Horigontes unendlich viele Linien nach 
verſchiedenen Richtungen gezogen werben, Dies gäbe ein Uns 
endliches der zweiten Orbnung. Run fönnen aber außer ber 
Ebene des Horigontes noch unendlich viele Ebenen burdy meinen 
Standpunkt gelegt werben. ine jede liefert wieder ein Unend⸗ 
liches der zweiten Orbnung. Alfo unendlich viele oo, d. h. 
©.002= 008, ein Unenbliches ber britten Ordnung u.f.w.”®) 
Wir glauben, daß die Rechnung fih anders geftaltet, und daß 
man beim Unendlichen ber unendlichen — ber letzten — Ord⸗ 
nung viel zu früh anlangt, che naͤmlich Alles untergebracht if, 
fo daß es für dad Weitere dann feinen Plag mehr gibt. Dben 
hörten wir ja, daß bie bei A beginnende unendliche Linie nicht 
bloß ein Unendliches ift, fondern viele Unendliche in ſich ſchließt. 
Wie viele aber? Wir hörten, daß fie durch eine Limalige 


) A. a. O. 6.6. 


Das Unendliche in der Ausdehnung. 107 


Wegnahme von Unendlichem nicht erfchöpft werben kann, unb 
da nun 11 eine beliebig angenommene enbliche Zahl if, fo 
können wir fagen, daß fie überhaupt durch feine endlich viels 
malige Wegnahme von Unendlichem zu erſchoͤpfen iſt. Sie iR 
alfo größer als endlid mal ©, und da > endlih =“, fo iſt 
fie ©.oo oder =? und gehört daher ber 2. Orbnung an. 
Das Naͤmliche läßt ſich aber auch nun wieder von jedem uns 
endlichen Theile von ihr fagen, und fo geht es dann weiter, 
bis bei biefer erfien halb⸗ unendlichen Linie ſchon glei das 
Unendliche der unendlichen Ordnung erreicht iſt! Freilich läßt 
ih die Linie, die wir bier als fo ſchwer erſchoͤpfbar hingeſtellt 
haben, auch ſchon gleich bei der erften Wegnahme von Unend- 
lichem erfchöpfen, wenn biefes nur groß genug if, aber wie 
groß muß denn dad richtige aktual Unendlihe, daß biefen 
Ramen verdienen fol, eigentlich feyn? 

Doch wir wollen noch einmal zu ben Enden zurückkehren, 
die, wie wir glauben, bei jedem Unenblichen unfchwer ſich nach⸗ 
weiſen laſſen. Zum Beweife follen uns die für die verſchiedenen 
Drbnungen des Unenblichen eingeführten Zeichen oo2, oo® u. ſ. w. 
dienen. Um bie Bedeutung biefer Ausbrüde zu verfichen, muß 
man fi erinnern, baß jede Potenz ſich auch barftellen läßt 
durch eine Addition. Statt 2° 5.8. kann auch gefagt werben 
2+2, flatt 3? auch 3+3+3, flatt 42 ebenfo A+A+A+A, 
Wird eine Zahl fo oft zu ſich ſelbſt adbirt, als fie Einheiten 
enthält, fo drüdt man das kurz dadurch aus, daß man fie 
in die 2. Potenz erhebt. Was heißt alfo o2? ES heißt 
++ ..... fo vielmal ald oo Einheiten enthält. Run 
fragen wir: mie if es denn eigentlich moͤglich, zu oo® zu ges 
langen, wenn co feine legte Einheit hat? Erſt dann fann ja 
die zur 3. Potenz erforberliche Addition beginnen, wenn bie 
zur 2. gehörige zu Ende if. So gehen wir ja auch bei ber 
Potenzirung von 2 zur 3, Botenz dadurch über, daß wir zur 
zweimaligen Addition, bei der Potenzirung von 3 dadurch, daß 
wir zur dreimaligen Addition u. ſ. w. noch weiter bie ent⸗ 
ſprechende Zahl von Additionen Hinzufügen. Immer muß bie 


108° €. Th. Iſenkrahe: 


in der Baſis enthaltene Reihe von Einheiten durch eine gleich 
lange Reihe von Additionen zuerſt erſchoͤpft ſeyn, ehe zur 
folgenden Potenz übergegangen werben kann, und es ift baher 
wahr, was wir vorhin fagten: hätte das Unendliche fein Ende, 
fo könnte von deſſen verfchiedenen Orbnungen nicht die Rebe 
ſeyn. Diefe fliegen fih fo an einander an ober wachfen fo 
aus einander heraus, wie bei einer gewoͤhnlichen endlichen Zahl 
der Zehner aus dem Einer, dad Hundert aus dem Zehner u. ſ. w., 
oder wie bei einer Rinie ber Fuß aus dem Zoll, bie Ruthe aus 
dem Fuß u.f.w.: überall nichts als Endliches und nichts als 
endliche Häufung. 

Noch recht viele Inconfequenzen liegen fi) anführen, in 
bie Der ſich verwidelt, der das Cbeiderfeitige) Ende des Unend⸗ 
lichen, ſpeziell ber unendlichen Linien leugnet. Der Kürze halber 
befehränfen wir aus auf folgende drei fehr nahe liegende. 

Für's Erſte nämlih iR man bei der gedachten Leugnung 
genötigt, Linien ober genauer: Längen zu flatuiren, bie ein 
ander weder gleich noch ungleich find. Denken wir und bie 
von A aus über B, C und D in’6 Unenbliche gehende Linie 
über A hinaus wieder in's Unenbliche verlängert, fo if A ent⸗ 
weber der Mittelpunkt der ganzen Linie, oder er iſt es nicht. 
Im erfien Balle find die beiden Hälften gleich, im zweiten un 
gleih, und es iR dann nothwendig eine länger, bie andere 
fürzer. Was heißt es nun aber, wenn gefagt wird, zwei gerade 
Linien feyen einander gleih? Doc wohl: fie würden auf ein⸗ 
ander gelegt ſich decken, d. b. die beiden Anfänge und die beiden 
Enden würden zufammenfallen. Gleich alfo können die beiden 
nicht gefegt werben, ſonſt Ratuirt man fofort das beiderfeitige 
Ende. Eben fo wenig aber können fie ungleich gefegt werben, 
denn dann ragt bie längere über das Enbe ber kürzern hinaus, 
und wenigftens legtere hat dann alfo Anfang und Ende. Beide 
Bälle, ber Fall der Gleichheit ſowohl wie der ber Ungleichheit, 
find alfo ausgeſchloſſen, und es bleibt nichts übrig, als ans 
zunehmen, bie zwei unendlichen Hälften ſeyen weder gleich noch 
ungleih. Das wäre nun nicht ſchlimm, wenn beide gar nicht 


Das Unendliche in der Ausdehnung. 19 


vergleichbar wären, d. h. nicht gleichartig oder nicht gleichartig 
genug; aber was fehlt ihnen hieran benn noch? Beides find 
inien, beides gerade, beides conftante und zum Weberfluß auch 
noch beides „unendliche“ Linien. Aber vielleicht find fie ihrer 
Unmblichfeit wegen nicht transportabel, fo daß fie nicht auf 
einander gelegt werben tönnen? Nun, fo wollen wir und benn 
bie Sache wieder erleidhtern und gleich denlen, die beiden Linien 
lägen ſchon auf einander; fo gut wir uns ja eine Linie denfen 
fönnen, die bei A anfängt und über B, C hinaus in's Unend⸗ 
liche geht, fo gut fönnen wir und auch deren zwei benfen, bie 
auf einander liegen und bei denen fidh dann in ber nämlichen 
Beife argumentiren läßt. 

Uebrigend aber — warum find denn bie unenblichen 
Größen inamovibel? Wir unfererfeitö finden gerade darin bie 
‚weite Inconvenienz, bie wir hier heroorheben wollten. Schneiden 
wir von ber umendliden Linie ABCD .... das vorderſte Stüd 
AB ab, fo ift fie ohne Zweifel verfürzt, und bie verfürzte Tann 
nit fo lang feyn wie bie unverkuͤrzte. Deshalb würde bie 
inie BCD ...., wenn fie bei A begänne, unmöglich fo weit 
reihen fönnen als fie jept reicht. Wir betonen zunächft dieſes 
„wenn“; benn das wirkliche Aufeinanderlegen ober Verſchieben 
iR ja nicht erft noͤthig, um das Gefagte mit Sicherheit ber 
haupten zu koͤnnen — die hierzu erforderliche Controle if ſchon 
geübt, nämlich an der endlichen Seite der Linie. Aber verſuchen 
wir nun auch das wirkliche Verfchieben; denfen wir und, um 
die Einreben möglichft abzufchneiden, fatt ber Linie einen körper 
lichen Faden von binlänglicher, alfo unendlicher Beftigkeit; dieſer 
Gaben werde mittelft einer dem Arbeitöquantum angemeffenen, 
alfo wieder unendlichen Kraft vorn angezogen: warum folgt er 
nicht, warum weicht er nicht eine Linie weit von der Stelle? 
Hängt er irgendwo fe? Es if das hier aud ein Ball, wo 
man nicht die Succeffivität, d. h. bie zeitliche Unvollendbarkeit 
der Ausführung vorfchügen kann; denn die Berfchlebung würde, 
wenn fie überhaupt von Statten ginge, eine gleichzeitige auf 
der ganzen Linie ſeyn. Wo if alfo das Hinderniß? Und 


110 €. Th. Iſenkrahe: 


warum iſt ebenſo nach der andern Seite hin nicht die geringſte 
Verſchiebung möglih? Für ben nöthigen „Plat“ an jener 
Seite bürgt ja gerade bie Enblofigkeit des Fadens; denn bie 
freie Bewegung wirb ben Körpern nur burch andere Körper bes 
hindert, bort aber Können ſolche nicht ſeyn. Hoffentlich werben 
unfere Gegner nicht fagen: ber Haben bewegt ſich nicht, weil 
er der Borausfegung zufolge Fein Ende hat und beshalb auch 
feines vorräden kann. Denn bier handelt es fih gerade barum, 
ob eine folhe Borausfegung zuläffig il, und ob man nicht 
beſſer daran thut, fie fallen zu laffen mit Rüdficht auf all das, 
was man fonft mit „vorausfegen“ muß. Borhin hörten wir, 
daß Linien vorausgefegt werben, bie weber gleich noch ungleich 
lang feyen, und bier fegt man einen ſchlechterdings unerfind» 
baren Grund für die Inamovibilität voraus. 

Drittens endlich möchten wir fragen: wenn bie unendlichen 
Linien Fein beiderfeitiges Enbe haben, wie fann man bann reden 
von gefchloffenen Figuren mit unendlichen Durchmeſſern? Wie 
3. B. von Kreifen mit unendlihem Radius? Ein folder Kreis 
hätte ja gar feine Peripherie, da in ihr body immer das Ende 
des Radius liegt.*) Glelchwohl fällt es uns nit ein, das 
wathematifche Verfahren tadeln zu wollen, wonach man ben 
Radius, wenn die Betrachtung es fordert, „unenblih groß“ 
werben läßt, aber wir fagen: dieſes Unendliche kann nicht im 
Sinne wirklicher Enblofigfeit genommen werben. 

2. Was nun bie aktual unendlichen Zahlen angeht, fo 
gibt es der mit ihnen verfnüpften Abfurbitäten fo viele und fie 
find fo augenfälig, daß ſelbſt umfere Gegner fi) meiſt davor 
zurüdziehen. Aber fie verfchanzen ſich bann gern Hinter dem 
unbefimmtern Wort „Menge“, weldyes in der That nicht wenig 


*) @alilet verwarf die Kreife mit unendlichem Radius auf dem 
Grund Hin, daß die Peripherie bei ihnen eine gerade Rinie ausmaden 
würde. (Mitgetfeilt bei Martin a.a.D. p. 303.) Diefe gerade Linie 
müßte bann freilich aud; wieder die wunderbare Eigenſchaft haben, daß ihre 
Pr Punkte von einem andern Punkt, dem Gentrum, glei weit 

aͤnden. 


Das Unendlide in der Ausdehnung. 111 


Schutz gewährt, da es recht geeignet if, jene grellen Wider⸗ 
ſprüche zu verdunfeln. Die „Zahlen” find, möchten wir fagen, 
ſeht offenherzig; fie machen gar fein Geheimniß daraus, daß 
fie eine legte Einheit haben — geben fie dieſe doch direkt felber 
an! Ja man barf fagen: fie nennen ſich eben nad biefer Ein- 
beit. Die Zahl 3 z. B. nennt fi nicht nach der erſten und 
weiten Einheit, welche fie doch beibe in ſich fchließt, fondern 
nad) ber folgenden umd letzten, und enthielte fie noch eine, fo 
würde fie ſich nad) dieſer benennen. Immer wird bie letzte 
Einheit expreß hervorgehoben und fo deutlich an's Licht geftellt, 
dag man ſich daran gewöhnt hat, in ber „Zahl“ geradezu ben 
Segenfag zum Unendlichen zu erbliden. Deshalb verlangt man 
ja von einer Bielheit, die unendlich feyn fol, daß fie „zahl- 
108“ fey, und fo begreift es fi dann, daß bie unenblichen 
Zahlen fo ziemlich allgemein fallen gelaffen werden. Bei einer 
„aabllofen Zahl“ tritt doch der Widerſpruch gar zu grell hervor, 
während eine „zahllofe Menge“ recht wohl möglich ſcheint, um 
fo mehr, da eine „Menge“ ohnehin ſchon groß if. Nichts 
deſto weniger fönnen wir über bie „aahllofe Menge“ kurz bins 
weggehen und‘ einfach auf das verweilen, was wir vorhin über 
die unenblichen Linien gefagt haben: biefe wollen. ja jedesmal 
eine unendliche Menge von Längeneinheiten enthalten, und daher 
fallen alle mit ihnen verknüpften abfurden Eonfequenzen zugleich 
der unemblichen Menge ſelbſt zur Laſt. Ober beffer gefagt ihr 
. allein; benn nicht in den Einheiten liegt ber Widerfpruch, 
fondern nur in ihrer unendlichen Menge. Nochmals aber heben 
wir ausbrüdtich hervor, daß die Mathematik wirklid unendliche 
Wengen nit kennt, was fie dadurch beweift, daß fie über 
ihre unendlichen Bielheiten hinausgeht in Höhere „Ord⸗ 
nungen ®. 
(Säluß folgt.) 


112 Ed. v. Hartmann: 


Krauſe's Aeſthetik. 


Von 
Eduard von Hartmann. 


Kraufe hat fih von Jugend auf mit Afthetifchen Spekulas 
tionen beſchaͤftigt. Die Hauptquelle feiner Afthetifchen Anfichten 
find die 1828—29 von ihm gehaltenen „Borlefungen über 
Aeſthetik“, welche nach feinem Heft von Hohlfeld und Wünfche 
herausgegeben find (1882), während ein forgfältig von Kraufe 
felbR zum Zweck des Dilktirens gearbeiteter Auszug unter dem 
Titel „Abriß der Aeſthetik“ von Leutbecher ſchon im Jahre 1837 
veröffentlicht wurde. Der „Abriß“ und bie „Borlefungen” 
haben genau das gleiche Inhaltöverzeichnig und verhalten ſich 
zu einander wie Paragraphen und Erläuterungen. Bon Krauſe's 
übrigen Werken find noch zum Vergleich heranzuziehen bie „Bor 
lefungen über die Grundwahrheiten ber Wiſſenſchaft“ (1828), 
welche eine Art Encyclopaͤdie barftellen, ſpeciell Abſchn. VIH, 
IX und XXI, welche bie Lehre von der Phantafle, den Be: 
griffen, den Ideen und ber Kunf behandeln. *) 

Kraufe if ein durchaus ſyſtematiſch angelegter Kopf von 
ungewöhnlicher Arbeitökraft; leider ift fein Syftematifirungstrieb 
zum pebantifchen Schablonifiren erftartt, und feine Neigung 
zur Verdeutlichung des Ausdrucks durch Reubildung von Worten 
bat ſich in eine abſtruſe Sprachreinigung und Sprachverzerrung 
veriret. Gluͤclicherweiſe fehließt der gebrudte Text der Vor⸗ 
lefungen über Aeſthetik ſich mehr ber gewöhnlichen Ausdruds- 
weife an, was wohl ben Herausgebern zu danken if. Bon 
den dialektiſchen Neigungen feiner meiften Zeitgenoflen iR Kraufe 
gänzlich frei, was ber Verſtaͤndlichkeit feiner Schriften fehr zu 
Statten kommt; aber bafür fehlt e& ihm auch an bem ſpekula⸗ 
tiven Tieffinn eines Scyelling, Hegel ober Weiße, und fein 
Gedankenkreis überfchreitet nach Abftreifung der bizarten Wort 

*) I citire den „Abriß“ nach SS, die „Borlefungen über Heftpetit” 


als V. mit der Seitenzahl, die „Borlefungen über die Grundwahrheiten der 
wiſſenſchaft“ ald Gr. mit der Seitenzahl. 





Kraufe’s Aeſthetik. 113 


bildungen nicht die Grenzen eines Rationalismus, wie er ſchon 
von Leſſing und Herder, wenn auch nicht in ſo ſyſtematiſcher 
dorm erreicht war. Krauſe iſt mit feinem unerſchuͤtterlichen, 
tindlich gläubigen Optimismus, feiner Schwaͤrmerei für den freis 
maurerifhen Humanitarismus, mit feinen bogmatifchen Grund» 
pfeilern des perfönlichen Gottes, der perfönlichen Unſterblich⸗ 
keit und der menfchlichen Willensfreiheit ein echtes Kind bes 
18ten Jahrhunderts. Wie bei Herder if die ganze Welt 
anfhauung religiöß verffärt und burchbrungen, wie bei Leffing 
fol der gefchaffenen Welt auch eine gewifle Immanenz in dem 
verfönlichen Gott gewahrt bleiben, weshalb Kraufe fein Syſtem 
Panentheismus nennt. Wenn es ihn nicht an jeder myſtiſchen 
Aer fehlte und bie rationaliftifche Schablone ſich überall vors 
drängte, könnte man Krauſe's Syſtem theofophifch nennen, weil 
alle Sphären unmittelbar auf den Gotteöglauben und bie Gott⸗ 
innigfeit als ihr Gavitationscentrum bezogen find. Während 
bie fpefulativen Dialektiker die Gefchichte ber Philofophie fördern 
dur ihr Aufwühlen ber auf dem Grunde ber bißherigen Ans 
fihten ſchlummernden Widerfprüche und mit ber Härte biefer 
BViverfprüche zum Theil vergebens, zum Theil erfolgreich ringen, 
läßt Kraufe die Probleme auf dem alten Fleck, indem er, blind 
gegen vorhandene Schwierigkeiten, durch fehablonifirende Ans 
orbnung von Gegenfägen unb durch bie Forderung, bie Syntheſe 
oder den „Verein“ derfelden als drittes Glied hinzuzudenken, 
alles gethan zu haben glaubt. Der Verftändlichkeit und Deut- 
lichkeit feiner Ausdrucksweiſe entfpricht darum auch nicht eine 
gleiche Klarheit des Gedankengehalts, ber vielmehr in vieler 
Hinficht ſchillernd und ſchwankend iſt. Seine ſcheinbare Origis 
nafität beruht wefentlih auf feiner fpracpbildenden Schemas 
tifirung und verſchwindet mit Abftreifung dieſes fremdartigen 
Gewandes. Seine gefchichtlihe Bedeutung beruht wefentlich 
darauf, bie geiftige Errungenfchaft der deutfchen Philofophie des 
18ten Jahrhunderts (vor Kant's Kritif der reinen Vernunft) nach⸗ 
träglich ſyſtematiſirt, und dadurch ben Völkern des 19ten Jahre 
hunderts beffer zugänglic) gemacht zu haben; u Verdienſt 
deliqt. f. Vbiloſ. m. philof. aritit. 0. Band. 


114 Ed. v. Hartmann: 


iſt nicht zu unterfchägen, namentlich Fonnten für eine ſolche 
Leitung die romaniſchen Voͤlker dankbar feyn, melden bie 
beutfche Philofophie des 19ten Jahrhunderts bis jegt noch ale 
etwas kaum Zugängliche® gegenüberftcht. 

An Vorgängern, bie mit ihm übereinftimmen, führt Krauſe 
vor allem Platon an (B. 90—94), demnaͤchſt Winkelmann al6 
modernen Platonifer (®. 99 — 106), und Kant als Begründer 
der ben Platonifchen Idealismus ergänzenden Lehre vom fub- 
jeftioen Eindrud des Schönen (B. 95— 99). Außerdem er 
wähnt er Plotin, Schelling, Hegel, (die Schellingianer :) 3.9. 
Wagner, Aſt und mehrere Andre (V. 8,10). Daß unter diefen 
„Andren“ audy Solger befaßt if, wird dadurch wahrſcheinlich, 
daß Kraufe ganz in Solger'ſcher Weife gegen bie Doppelheit 
von Urbild und Gegenbild im Schönen (B. 29, 148), gegen 
die Unterfielung polemifttt, daß das Schöne nicht ſchoͤn iR 
durch das, was es if, fondern durch das, was es bebeutet 
(®. 87, 346— 347); ebenfo teilt er mit Solger den Fehler 
von ber Idee des Schönen und ihrem Verhältnig zu ben andern 
hoͤchſten Ideen des Wahren und Guten (®. 118— 123), und 
von der Schönheit des Geiftes, bed Gemüthe "und der Seele 
(ganz abgefehen von feiner Vereinigung mit ber leiblichen, natür⸗ 
lichen Schönheit, alfo abgefehen von finnlicher Erfceinung) zu 
ſprechen (8. 158— 160). 

Grundlegend für Krauſe's Aeſthetik jedoch iſt das eingehende 
Studium Platon's geworden, von welchem feine lichwolle und 
gebrängte Analyfe der zerftreuten Platoniſchen Andeutungen über 
äfthetifche Fragen (V. 91— 9A) Zeugniß ablegt; weiter aus⸗ 
gebildet hat er nicht die Ideenlehre als ſolche, fondern einerfeits 
die formalen Beftimmungen Platon's über das obiektiv Schöne 
(Befegmäßigfeit, Symphonie und Symmetrie) und andererfeits 
den theofophifchen Zug ber Platoniſchen Auffaffung. Nebenbei 
iſt es für Kraufe charakteriſtiſch, wie er bie Platoniſchen und 
Plotiniſchen Andeutungen weiter ausführt, daß der Menfch um 
fo fähiger werde, dad Schöne zu empfinden und hervorzubringen, 
je mehr er bie innere Schönheit feiner Seele pflegt und je weiter 


Krauſes Aeſthetik 115 


er in ber Gotieserkenntniß und Religiofität gediehen iſt, und 
daß nichts mehr die Tugend und Frömmigkeit beförbere als bie 
Beſchaͤftigung mit dem Schönen, welche die Liebe zum Schönen 
wedt (B. 111—112, $ 88, 22); dharakteriftifch iſt dieß nämlich 
für feine Konfufion der Realität mit dem Afthetifhen Schein, 
von beren Begenfäplichkeit er Feine Ahnung hat. — Die uns 
Haren Auslaffungen Winkelmann's über dad Wefen des Schönen 
find Kraufe grade deshalb ſympathiſch, weil fie den theofophifchen 
Zug des Platonismus auffrifhen, wonach bie hoͤchſte Schoͤnheit 
in Gott und die Schönheit der endlichen Creaturen nur in ihrer 
Gotiaͤhnlichkeit liegt (®. 102, 156). 

An Kants Lehre zieht ihn eigentli nur bie negative She 
an, die Sonderung des Schönen von bem Gebiete ber realen 
Iuterefien und der finnlichen Luſt; das „unintereffirte Wohle 
gefallen“, welches durch das freie Spiel der Geiſteskraͤfte ent⸗ 
Reben fol, wird als der „fubjektive Begriff des Schönen” mit 
dem „objektiven Begriff des Schönen” zunaͤchſt Außerlich zus 
fammengefoppelt, weil bie Grfahrung biefe Berbindung bes 
objeftio Schönen mit dem fubjektiven Eindrud bed Schönen 
aufweift (®. 14—15, 20 — 21.) Es iſt aber Mar, daß ber 
fübjeftioe Eindrud des an und für ſich Schönen nicht als „fub- 


*) Der Bortlaut der Definitionen iſt folgender. a. Der fubjektive 
Begriff des Schonen: „Schön il, was Bernunft, Berftand und Phantafle 
in einem ihren Geſetzen entſprechenden Spiele der Thätigfeit befriedigend 
befhäftigt und das Gemüth mit einem unintereffirten Wohlgefallen und einer 
untntereffirten Reigung erfüllet“ ($ 10). b. Der objektive Begriff ded Schönen: 
„Shön if, was Einheit, Selbfiftändigkeit und Ganzheit hat und in der 
Einheit Bielgeit und Bereinheit oder Harmonie”, oder kürzer: „was eine 
srgamifeie Ginfeit iR“ (2.107). c. Der fubjeftiv-objeftive Dereinbegriff 
des Schönen: „Schön if, was organifch Eines ift, und den Geiſt auf eine 
feinen Gefepen gemäße Art befchäftiget und das Gemüth mit einem uninter« 
effixten Wohlgefallen und mit einer unintereffirten Reigung erfüllt“ (5 23); 
oder Bürger: „Schön iſt, was eine organiſche Einheit ift, und als ſolche den 
Menſchen, fofern diefer ebckfalls eine organifce Einheit IR, zu organiſcher 
Ipätigfeit anregt und bewegt“ ($ 28). Daß die lehtere Faſſung um vieles 
gu weit iR und das gange naturgemäße Leben im weiteſten Sinne umfpannt, 
bedarf Teines Nachweiſes. 

8* 


116 Ed. v. Hartmann: 


jeftiver Begriff“ des Schönen, ober ald Begriff des Schönen 
nad) feiner fubjeftiven Seite bezeichnet und dem objektiven Bes 
griff des Schönen nebengeorbnet werden fann. Der „fubjeftivs 
objektive Vereindegriff des Schoͤnen“ ift daher von vornherein 
eine Mißbildung, infofern er eine weſentliche Begriffsbeftimmung 
mit einer untergeorbneten Polgebeftimmung gleihwerthig zus 
fammenfaßt; obenein if die Rothwendigfeit diefer Verknüpfung 
aus feiner der beiden Beſtimmungen erfichtlich, fondern muß erft 
durch Rüdgang auf den gemeinfamen Grund beider gewonnen 
werden. Entweder iſt der „objektive Begriff des Schönen“ der 
ganze Begriff beffelben, dann muß der vorangeſchidte, ſubiektive 
Begriff des Schönen“ aus dem erfleren abzuleiten feyn; ober 
aber beide Beſtimmungen find für die Definition des Schönen 
gleich) unentbehrlich, dann liegt der wahre Begriff des Schönen 
eben nicht in einer diefer Beftimmungen, auch nicht in ihrer 
empirifchen Verknüpfung, fondern allein in bemjenigen Begriff 
des Schönen, welcher ſich als der Grund beider fowohl wie 
audy der Rothwendigkeit ihrer Verknüpfung erweiſt. 

Hiermit ift nun ſchon bie innere Zerfahrenheit und Uns 
Harheit ber Krauſe ſchen Aeſthetik aufgedeckt. Was Kraufe den 
„objektiven Begriff des Schönen“ nennt, iſt weit davon entfernt, 
bieß zu feyn, if vielmehr bloß eine Summe von abftraften for⸗ 
malen Beftimmungen und Bebingungen des Schönen; was er 
aber ben legten Grund des Schönen nennt, iR ber von ihm 
verfannte und entftellte Begriff des Schönen, mit dem er eben 
wegen feiner theoſophiſchen Entſtellung nichts Rechtes mehr ans 
aufangen weiß. Wo Kraufe feiner ethifhen Gefinnungswärne 
und religiöfen Gefühlsfhwärmerei den Zügel ſchießen läßt, 
geberdet er ſich als idealiſtiſcher Aeſthetiker in theofophifcher 
Draperie; wo er aber konkrete Folgerungen aus bem Begriff 
des Schönen für die Aefihetit ziehen will, da muß er biefen 
unfruchtbaren theofophifhen Begriff bes Schönen fehnell* mit 
dem „objektiven“, d. h. dem abſtrakt formafiftifchen vertaufchen, 
um nur irgend etwas Greifbares in Händen zu haben. Aus 
dieſem Schwanfen zwifchen zwei gleich falfchen Extremen fommt 





. Kraufe’s Aeſthetik. 117 


feine Aeſthetik nirgends heraus, weil fie ben Boden bed reinen 
Idealismus unter den Füßen verloren hat. 

Die Erflärung, daß das Schöne „die verwirflichte Idee, 
oder das belebte Ideal felbft“ if, findet fich nur ganz gelegentlich 
($ 12), ohne daß von berfelben weiterer Gebrauch gemacht wird. 
Die Lehre von den Ideen, welche Kraufe in den , Grundwahr⸗ 
heiten der Wiffenfchaft” (S. 139 — 156) ziemlich ausführlich und 
in wefentlicher Uebereinſtimmung mit dem abfoluten Idealismus 
vorträgt, findet in ben beiden Werfen über Aeſthetik gar Feine 
Berwerthung ; fonbern die Ideen werben hier in rein fubjeftivem 
Einne ald menfhlihe „Schauung” des abfoluten „Weſens“ 
und feiner „Wefenheiten“ (Grundeigenſchaften) gefaßt, dienen 
alfo nur als die Leitern, auf welchen das Bewußtſeyn zur 
Erfenntniß der perfönfihen Gottheit hinanklimmt. In ben 
„Grundwahrheiten“ find fie dieß zwar ebenfalls in erfter Reihe, 
aber dabei blickt doch gelegentlich noch ber abfolut idealiſtiſche 
Brundgedanfe hindurch, daß die in das wiſſenſchaftliche Bewußt⸗ 
ſeyn oder bie unflare Ahnung des Menfchengeiftes eintretenden 
Ideen auch abgefehen von ben Entfaltungsgefegen des zeitlichen 
Wiſſens für endliche Geifter am ſich felb find, und zwar alle 
organifch ober glievbaulich vereint in der Uridee ober Grunbidee 
des abfoluten Wefens (Gr. 148—149), und daß bie verfchiedenen 
Ideen alles Allgemeine, Befonbere und Einzelne, Ewige und 
Zeitliche, Sinnliche und Richtfinnliche in ſich enthalten, ober 
vielmehr find (Gr. 146, 149, 150). Aber dabei bleibt doch 
unflar, wie das abfolute Wefen fish zur abfoluten Idee verhält, 
ob bie Idee das Wefen ift, wie der abfolute Idealismus bes 
hauptet, oder ob die Idee vom Wefen gehabt wird und nur 
das Moment feiner Entfaltung zur inneren Mannichfaltigfeit 
tepräjentirt; Krauſe geht an biefem Scheidewege vorüber, ohne 
es aud nur zu merken. Thatfächlich fällt fein Theismus auf 
bie zweite Seite diefer Alternative, und daraus erflärt es ſich 
wohl auch, daß er praftifch von ber Idee und ben Ideen immer 
nur redet ald von menfchlihen „Schauungen“ des an ſich feyens 
den Weſens und feiner Wefenheiten. 


118 Ed. v. Hartmann: 


Man koͤnnte ſich benfen, daß bie abſtralt idealiſtiſche 
Aeſthetil ſich zu der theoſophiſchen Wendung gedraͤngt gefühlt 
babe durch das Beduͤrfniß, ihre Abſtraltheit durch Fortgang zu 
einem wahrhaft Konkreten, von der abſtrakten Idee zum perſoöͤn⸗ 
lichen Gott zu überwinden; wenn Schelling Recht hatte mit 
dem Sage, in ber Kunft feyen bie Götter dad, was in der 
Bhitofophie die Ideen, fo lag es ja mahe genug, bie wahre 
Schönheit in dem wahren lebendigen Gott, flatt in der ab 
Rraften Idee zu fuchen. ber von einem folden Gedanfen- 
aufammenhange findet ſich bei Kraufe feine Spur. Es if 
offenbar nur fein religidfes Gefühl, welches ihn dazu drängt, 
Gott die hoͤchſte Ehre in Allem, und darum aud ben ‘Preis 
der Schönheit (und Erhabenheit) zu ertheilen. Er hat ganz 
Recht, bei feinem Thun die beiden Vorwürfe einer ſchwaäͤrme⸗ 
riſchen phantaftifhen Myſtik und einer verenblichenden Berfinn, 
lichung Gottes gleichmäßig von ſich zu weiſen (®. 156— 158); 
fein Fehler liegt nicht in einer myſtiſch-phantaſtiſchen Verfinn⸗ 
lichung Gottes, fondern in einer intelleltualiſtiſch⸗rationaliſtiſchen 
Entfinnlihung der Schönheit. 

Kraufe hat feine Ahnung davon, daß das Schöne nur im 
aͤſthetiſchen Scheinen, nur im finnlihen Scheinen der Idee ent 
fleht, und ebenfowenig davon, daß die Idee als ſolche gar nicht 
in das menſchliche Bewußtſeyn eintreten kann; vielmehr glaubt 
er an eine über Phantafte und Begriff, Sinnliches und Richt⸗ 
finnliches gleichmäßig Hinausgehende „Schauung“ des wiſſen⸗ 
ſchaftlichen Bewußtſeyns (Gr. 137—1A7), an eine „reine Vers 
nunftfhauung“ des Menſchen von Gott, welche mit deſſen 
abfolutem Wefen zugleich feine „intellektuelle Schönheit” wahr 
nimmt, und bdiefelbe im „Bernunftgefühl“ ohne alle finnliche 
Reizung der Phantafle empfindet (B.158, 845). Die Phan- 
tafie giebt niemals die Schauung eines Urganzen, d. 5. Unends 
lichen, welche nur ein „überfinnlihes Schauen“ und vorhält 
(Gr. 137—138), und doch fol erft in der Uridee oder Grund: 
idee eines Urganzen die wahre Schönheit liegen. Dem ents 
ſpricht denn, auch die abfraft formaliftifche Erklärung ber goͤtt⸗ 


Kraufe’s Aeſthetil 119 


lichen Schönheit, welche den rationaliftifchen Zug ber ganzen 
Kraufe'ihen Philoſophie nicht verleugnet. Die Idee verhält fi 
zum Ideal als Urbegriff zum Urbilde (Gr. 553), als 
Begriff zum Phantafiefhema (Gr. 14A— 145); das Ideal iſt 
alfo ſelbſt ſchon ein bloß unvollfommener Repräfentant der Idee, 
bie ihrerſeits überfinnlich bleibt. Diefe richtige Erkenntniß bleibt 
aber bei Kraufe unfruchtbar, weil er in feinem intellektualiſti⸗ 
ſchen Nationalismus gar nit auf ben Schelling- Schopen- 
hauerfchen Gedanken kommt, daß die Idee als .folche jenfeits 
des menſchlichen Bewußtfeynd bleibt, und in ber trandcenbens 
talen aͤſthetiſchen Anſchauung oder in der „aͤſthetiſchen Idee“ 
nur implicite mit erfaßt wird, Wenn ber Künftler leibliche 
Schönheit bilden will, muß er zuerft wifien, worin dem Begriffe 
nad) leibliche Schönheit beſteht, ober die Idee derfelben haben, 
fodann aber auch ein Bild dieſes Begriffes oder ein Ideal vor 
Augen ſchweben haben (B. 341); ebenfo muß eine wahre, alfo 
überfinnliche Erkenntniß des Begriffs der Schönheit vorauss 
gehen, um Schönheit empfinden zu Fönnen (®. 335). In noch 
höherem Grade, als für das Empfinden und Bilden ber Schön. 
heit if für das theoretifche Erkennen derſelben bie theoretifche 
Erkenntniß der Ideen unentbehrliche VBorausfegung (4. B. für die 
Erlenntniß der Schönheit des Lebens bie vorgängige Erkenntniß 
der Idee des Lebens, für die Schönheit des Menfchen die Idee 
des Menfchen und der umtergeorbneten Ideen des menfchlichen 
Lebens, wie ber Gerechtigkeit, Liebe, Froͤmmigkeit u.f.w.); bie 
Theorie der Schönheit oder die Aeſthetik hat demnach „den 
ganzen Organiömus ber ewigen Ideen“ zu ihrer Vorausfegung 
und Grundlage (B. 125). Diefe Selbftcharakteriftit des Krauſe'⸗ 
ſchen Rationaliemus iR ſchon fo fehr Selbſtparodie, daß jedes 
weitere Wort darüber nur den Gindrud abſchwaͤchen koͤnnte. 

Es Handelt ſich Hier gar nicht um bie Frage nach der 
Wahrheit oder Unmwahrheit des Theismus. Der Theiſt, welcher 
die abfolute Idee ald Inhalt des göttlichen Selbſtbewußtſeyns 
anttlennt, kann ebenfo gut abfrakter oder konkreter Afthetifcher 
Ddealiſt ſeyn, wie ber Anhänger eines Panlogismus ober eines 


120 Ed. v. Hartmann: 


onfreten Monismus; ber Theiſt kann aber auch ebenfo gut 
aͤſthetiſcher Formaliſt ſeyn, wie ein pluralififcher Atheiſt. So 
lange die theiftifche Metaphyſik nicht als Erflärungsgrund für 
bie Afthetifchen Thatſachen verwerthet, alfo die Aeſthetik nicht 
theofophifch wird, hat die Kritif der Aefthetif gar feinen Grund, 
fh um die Wahrheit oder Unwahrheit des Theismus zu ber 
fümmern. Die theofophifche Aefhetit müßte aber auch dann 
Erttifch abgelehnt werben, wenn ber Theismus bie allein wahre 
Metaphyſik wäre, und zwar deshalb, weil fie nur die Wahl 
bat zwifchen zwei gleich irrigen Abwegen, ber Verſinnlichung 
Gottes und der Entfinnlihung des Schönen. Der erftere 
Abweg iR vom aͤſthetiſchen Standpunkt aus bei weitem ber 
erträglichere, benn er läßt wenigſtens bie finnliche Natur bes 
Schönen unangetaftet; der letztere erfcheint vom metaphyſiſchen 
und religiöfen Gefichtöpunft aus annehmbarer, muß aber von 
der Afthetifchen Kritik deſto entfchiedener verurtheilt werben. 

Daß Kraufe'd Stellungnahme in ben Afthetifchen Principien: 
fragen wefentlich durch religiöfe Motive bedingt fey, hat er ſelbſt 
mit hinreichender Deutlicfeit in dem Entwurf ber Vorrebe zu 
ber von ihm felbft beabfichtigten Herausgabe feiner Vorlefungen 
über Aefthetif außgefprochen. „Ein Hauptbeiveggrund, weshalb 
ich diefe Aeſthetik ausgearbeitet habe, beftcht darin, die Weſen⸗ 
ſchauung [die Botteserfenntnig] und bie Wefengliedbaufhauung 
[die Erkenntniß der Welt in Gott], die göttliche Wahrheit, 
welche auch die Grundlage der Schönheit if, auch einzuführen 
in bie Schönheltölchre, und dieſe Wiflenfhaft ganz von ber 
göttlichen Wahrheit durchbringen zu laſſen, damit rein göttliche 
Schönheit in der Kunft erreicht und bargelebt und bamit das 
Menſchheitleben auch mittelt der Schoͤnkunſt in ſich felbvoll« 
weſentlich, gottähnlich, gottinnig und gottvereint würde” (V. VID. 
Alfo zur größeren Ehre Gottes und zur Beförderung ber menſch⸗ 
lichen Religiofität muß bie Aeſthetik theofophifh werden, und 
die idealiſtiſche Definition der Schönheit" ald der verwirklichten 
Idee durch die theofophifche der Gottaͤhnlichkeit oder Gotteben⸗ 
bitplichfeit erfegt werben. Man mag diefe Motive aus prafti- 


Kraufe’s Aefthetik. 121 


ſchem Geſichtspunkt noch fo anerfennenswerth finden, jo muß 
man body einräumen, daß fie, vom äfhetifchen Geſichtspunkt 
aus betrachtet, nicht zur Sache gehören, außeraͤſthetiſch find. 
„Schönheit des Endlichen ift die am Enblichen erfeheinende 
Goͤttlichkeit oder Gottähnlichkeit” (V. 87). „Ein jedes Weſen 
und jedes Weſentliche ift ſchoͤn, was und inſoweit es in ſich 
ſelbſt frei und rein ein Ebenbild oder Gleichnißbild Gottes im 
Endlichen ift, und umgefehrt betrachtet: fofern etwas wahrhaft 
ſchoͤn ift, hat es die Göttlichfeit an fi, if es infofern ein 
endliches Ebenbild Gottes” (V. 86). ort allein if „das un 
bedingt und unendlich ſchoͤne Wefen, die Schönheit endlicher 
Dinge aber ein Abglanz göttlicher Weſenheiten“ (V. 86). Die 
abfolute Idee als Kunft ober als wirkende Urfache der Lebens» 
geſtaltung aufgefaßt iſt „bie Gefammtheit der werkthätigen 
Lebenskraft”; daher ift an fih nur eine Kunft, bie Kunft 
Gottes, in welcher alle menfchliche Kunf ſchon mitgedacht ift, 
und nur ein Künftler — Gott (Gr. 554). „Und zwar find bie 
endlichen Weſen gottähnlich nach ihrer eigenen Art und Stufe, 
vom Kryſtall und der Pflanze an bis hinauf zu dem Menfchen 
und der Menfchheit, welche ein im Endlichen vollftändiges Eben- 
bild ber Gottheit ſeyn follen und fönnen, indem fie auch bie 
moraliſchen Eigenſchaften Gottes, Weiöheit, Liebe, reine Güte 
und Gerechtigkeit, jedoch auf endliche befchränfte Weife dar⸗ 
zuſtellen vermögen” (8 22). Da Gott überfinnlicher Geift if, 
fo if die Oottesebenbildlichkeit an Geiftern und geiftigen Eigen» 
ſchaften jedenfalls größer als an körperlichen Dingen, alfo muß 
auch die Schönheit des Geiftigen größer feyn ald die Schönheit 
des Leiblihen. Aus religiöfen Motiven verwahrt ſich Kraufe 
gegen bie Auslegung, als ob die Schönheit ber erfcheinende 
Gott felbR, oder das zur Erfcheinungfommen Gottes ſelbſt fey, 
weil Gott als folder überhaupt nicht im Endlichen zur Er⸗ 
ſcheinung fommt, fonbern an und bei ſich felbft bleibt; aber bie 
Goͤttlichkeit, ober „Gottes Wefenheit mag wohl erſcheinen auf 
endliche Weiſe an endlichen Wefen, --- und eben dann find die 
endlichen Wefen ſchoͤn“, indem fie bie göttliche Wefenheit auf 


122 Ebd. v. Hartmann: 


enbliche Weife wirklich an fih haben und find, nicht bloß zu 
ihr hinzeigen ober an fie erinnern (V. 87). Hieraus ergiebt 
fi, daß der Ausdruck „Gottaͤhnlichkeit“ oder „Gottebenbildlich⸗ 
keit“ irreleitend und zu wenig fagend if, weil er das Schöne 
zu einem bloßen Abbild der urbildlichen Schönheit Gottes er 
niebrigt, was Kraufe ausbrüdlich abrwoehrt (V. 29, 148). Wenn 
die Dinge nur dadurch ſchoͤn find, daß Gottes Wefenheit oder 
Goͤttlichkeit in ihmen wahrhaft und wirklih if, fo if ihre 
Schoͤnheit nicht mehr bloß Gottaͤhnlichkeit, fondern weſenhafte, 
weſentliche Göttlichkeit im Sinne der Immanenz; dieſen Ge 
danfen offen zu befennen, wie Solger es thut, if aber Kraufe 
durch feinen Theismus verhindert, und er bleibt deshalb in 
einem widerfpruch&vollen Schwanfen zwifchen Schelling’fcher Ab⸗ 
bildlichleit und Solgerfcher Göttlichkeit des Schönen hängen. 

Barum wird num Gott die unbedingte, unendliche, hoͤchſte 
Schönheit zugefchrieben? Antwort: Weil in Gott ald dem all- 
umfaffenden Wefen bie vier möglichen Gebiete der Schönheit, 
göttliche, geiflig-vernänftige, natürlich: Teiblihe und vereinte 
geiſtig⸗ natürliche oder menfchheitlihe Schönheit organiſch vereint 
find zu einer unendlichen organiſchen Schönheit, von welder 
auch die Schönheit der einzelnen göttlichen Eigenſchaften (Weis 
heit, Güte, Liebe, Erbarmen, Gerechtigkeit u. ſ. w.) mit umfaßt 
iR (B. 156). Die hoͤchſte unendliche Schönheit fällt alſo nicht 
mit ber göttlichen Schönheit zufammen, fofern biefelbe im Gegen⸗ 
fag gegen die kreatuͤrliche Schönheit ſteht, fondern kann von 
Gott nur infofern ausgefagt werden, als er den Weſengliedbau 
und Wefenheitgliedbau (die Welt und bie in ihr vertretenen 
Eigenſchaften) mit in ſich begreift; ja fogar die eigenthumliche 
göttliche Schönheit kommt Gott nur zu, infofern er Gott if, 
alfo feine Wefenheiten oder Eigenfchaften, an denen diefe Schön, 
heit haftet, in Beziehung auf bie Welt entfaltet und in's Spiel 
fegt, nicht aber infofern er „Orweſen“, b. h. rein an ſich feyens 
bed trandcendentes Weſen if (V. VII. 

Hätte Kraufe damit Ernft gemacht, Bott nur ald das bie 
geiftige und materielle Welt in ſich ſchließende Wefen ſchoͤn zu 


Krafe's Aeſthetit. 133 


nennen, fo wäre bie abfirafte Schönheit des Geiſtes und ber 
geifigen Eigenfchaften ganz in Wegfall gefommen, weil bann 
die endlichen Geifter nur infofern ſchoͤn hätten heißen können, 
als fie auch Hinfichtlich ihres Verhaͤltniſſes zur finnlichen Ratur 
Gottes Ebenbilder find. Aber er konnte damit nicht füglich 
Ernſt machen, fo lange er die kreatuͤrliche Schönheit aus ber 
Gottebenbilblichfeit zu erflären fuchte, weil er fo lange eine urs 
bildliche göttliche Schönheit jenfeltd und vor aller freatürlichen, 
eine ewige, unbebingte, über dem Gegenfag von Ebenbild und 
Urbild ſtehende Schönheit (B. 148), nicht entbehren konnte. 
Diejenige göttliche Schönheit, durch Aehnlichkeit mit welcher bie 
Kreatur fhön werden fol, Tann unmöglich eine ſolche ſeyn, 
welche ihrerſeits ſchon wieder die freatürliche Schönheit als 
Glied und Bedingung ihrer felbft vorausfegt. Den babei ent⸗ 
Achenden Widerſpruch, daß die urbildliche göttliche Schönheit 
vor und jenſeits der Freatürlichen denn body nicht die unendliche, 
abfolute Schönheit feyn kann, daß alfo bad Urbild der end» 
lichen Schönheit auf diefe Weife ſelbſt zu einer relativen, uns 
volltommenen Schönheit wird, hat Kraufe gar nicht bemerft, 
Bir Iaffen ihn deshalb ebenfalls bei Selte und fragen weiter, 
worin bie urbildliche göttliche Schönheit im Begenfag gegen die 
aus ihr erft abzuleitende Freatürliche Schönheit‘ beftche. 

Die Antwort lautet: „weil die Orundwefenheiten ber Schöns 
heit bie göttlichen Grundweſenheiten felbft ind“, nämlich Einheit, 
Rannichfaltigfeit und Bereinheit oder Harmonie (8. 86). Mit 
andern Worten: Gott ift ſchoͤn, weil „beflen Wefenheit oder 
Gottheit eine unentlihe Vielheit und Mannichfaltfigfeit] von 
Eigenfchaften enthält, welche alle in ber Einen Wefenheit Gottes 
in ine Harmonie vereint find; fo zwar daß alle göttlichen 
Eigenfchaften, fo Gottes Altweisheit, Allliebe, Allguͤte, Als 
geredhtigfeit und Allmacht auf eigne Weiſe die Eine göttliche 
Weſenheit ausdrüden, und in ihrem Vereine zufammenflimmen, 
ohne fich zu befchränfen und endlich zu machen“ (8 22). Kraufe 
greift alfo Hier im Wefentlihen auf die ſchon bei Platon zu 
findende abfraft» formale Befimmung der Schönheit zurüd, 


124 Ed. v. Hartmann: 


welche barauf hinausläuft, daß fie harmonifche Einheit des 
Mannichfaltigen fey. ine Ableitung biefer Definition aus ber 
theoſophiſchen Definition des Schönen wirb babei nicht verfucht, 
fondern bie einzelnen Beftanbtheile dieſer formalen Beſtimmung 
werben aus ber Erfahrung aufgelefen und empiriih zufammen- 
gefügt (8 1120). 

Nun find aber nur zwei Fälle möglih. Entweder das 
Schöne ift darum ſchoͤn, weil es gottähnlidy if, dann muß aus 
dem Begriff der Gottähnlichkeit entwidelt werben, warum unter 
ben vielen Wefenheiten des göttlichen Weſens grade die eine: 
„barmonifche Einheit des Mannichfaltigen” Herausgegriffen, und 
als göttliche Schönheits-Wefengeit ober als Grundidee ber 
Schoͤnheit neben den übrigen Grundideen bezeichnet wird ($ 35). 
Oder aber dad Schöne iſt darum fchön, weil es harmonifche 
Einheit des Mannichfaltigen zeigt, dann ift es ſchoͤn wegen 
diefer formalen Beftimmtheit, gleichviel, welches der metaphyſiſche 
Urfprung berfelben ſeyn mag, alfo gleichviel ob ein Gott eriftirt, 
ober nicht, ob er ebenfalls biefe Eigenfchaft befigt ober nicht, 
und ob fomit dad Endliche ihm ähnlich iſt oder nicht. Ent⸗ 
weber iR dad Schöne darum ſchoͤn, weil es gottaͤhnlich iR, 
dann iR bie Schönheit nicht mehr eine befondere Wefenheit an 
Gott neben andern Wefenheiten, fondern feine Gleichheit mit 
ſich ſelbſt als Einem und Ganzem; ober aber dad Schöne ift 
darum fhön, weil es harmoniſche Einheit des Mannichfaltigen 
zeigt, dann iR es nur zufällig Gott in dieſer Eigenfchaft ähnlich, 
und jedenfalls nicht deshalb ſchoͤn, weil es ihm aͤhnlich ift, 
fondern weil es biejenige formale Beftimmtheit befigt, durch 
deren Befig auch er erft fehön werden Fann. 

Kraufe hat von diefer Alternative Feine Ahnung; er benugt 
je nad) Bedarf deren eine oder andere Seite. Wo es ſich darum 
handelt, das Schöne objektiv zu zergliedern und zu erörtern, 
hält er fi) an bie formaliftifche Berimmung; wo es ihm dars 
auf ankommt, ben Werth und die Würde der Schönheit und 
ber Kunft in's Licht zu rüden, greift er auf bie theofophifche 
Definition zurüd. Wie auf die formaliftifche Erklärung zurüd- 


" Rraufe’s Aeſthetit. 125 
gegangen werben mußte, um die Rüde ber theofophifchen Defini⸗ 
tion audzufüllen, d.h. um bie Frage zu beantworten, warum 
und inwiefern Gott dad Präpifat der Schönheit zuertheilt werde, 
fo muß auf die theofophifche Definition zurüdgegriffen werden, 
um bie Lüde der formaliftifchen zu füllen, d. 5. um die Brage 
zu beantworten, woher es fomme, daß bie harmonifche Einheit 
bes Mannichfaltigen den fubjektiven Eindrud ded Schönen, das 
unintereffirte Wohlgefallen hervorbeinge*) und für Geiſt und 
Gemüth des Menfchen unendlichen Werth und Würbe befige 
(8.83 —84, 87— 88). So wird man von einer Seite ber 
Alternative zur andern zurüdgefchieft und bleibt in biefem fehler- 
haften Kreislauf ſteclen. Wie Kraufe durch feinen Thelsmus 
verhindert iſt, mit der Immanenz der göttlichen Wefenheit im 
endlichen Schönen Ernft zu machen, fo if er durch feine idea⸗ 
liſtiſche Herkunft verhindert, die formaliſtiſchen Konfequenzen 
feiner objektiven abftraft formalen Definition bes Schönen zu 
ziehen und fühlt fi fogar gedrungen, gegen den Vorwurf des 
Gormalismus entfchiedene Verwahrung **) einzulegen (®. 125 
bis 136, $ 35). Haltlofes Schwanfen unter dem trügerifchen 
Deckmantel ſyſtematiſcher Gefchloffenheit und Feſtigkeit, — das 
iſt die Signatur der Kraufefchen Aeſthetik, wie feines Philo⸗ 
fophicend überhaupt. 

*) Die nähfe Antwort if allerdings, daf der Menſch ſelbſt als 
ertennendes Weſen fhön fey, d. h. in feinem Crkennen ebenfalld den Be⸗ 
Hmmungen der Cinheit, Manniäfaltigteit und Vereinhelt unterworfen fey 
(8.108), aber der weitere Grund für dieſe präftabilirte Harmonie iſt doch 
nur {m der gleichen Wefenheit des Gott» Schöpfers zu fuchen ($ 27). 

**) Diefe Verwahrung flüpt fi weſentlich darauf, daß die Schönheit 
eine Grundidee neben andern Grundideen in Gott fey, und deshalb nicht 
bloß zum Wie, fondern zum Was feines Seyns gehöre; dieſelbe wird hin⸗ 
fäig mit der Erwägung, daß ein bloßes (harmoniſches oder Diäparmonifdet) 
Verhaͤltniß zwifchen den Thellen oder Gigenfchaften eine® Geyenden, mag eb 
aus deſſen einbeitlichem Weſen entfpringen oder nicht, doch nimmermehr ald 
eine zu den übrigen neu hinzukommende Eigenſchaft oder Weſenheit noch 
einmal aufgezählt werden ann, alfo nur zu dem „Wie“ jener erfteren gehört. 
Ganz anders, wo es fih um das Verhältniß der Erfcheinung zum Weſen 
(oder der Form zum Inhalt) Handelt, welches zu dem Iepteren in der That 
mas Reued plnyubringt. 


126 Ed. v. Hartmann: 


Diefe Verurteilung im Allgemeinen barf nicht Kindern, 
anzuerfennen, baf Kraufe gerade nad) der formalen Seite hin 
fich ein entſchiedenes Verdienſt um bie Unterfuchung bes Bes 
griffs der Schönheit erworben hat (B. 21 — 83). Er unter 
ſcheidet als Theſis, Antithefis und Syntheſis die Beſtimmungen 
Einheit, Mannichfaltigkeit und Vereinheit (oder Harmonie). In 
dem erſten Gliede hebt er hervor a. bie eigentliche Einheit im 
engeren Sinne (Einheitlichkeit und Einzigfeit), b. Selbſtſtaͤndig⸗ 
keit (Unabhängigkeit, Seldftgenügfamfeit und Freiheit), c. Ganz 
beit (Gefchlofienheit, egtenfived Maaß ober beftimmte Größe, 
und intenfived oder Kraft-Maaf). Im dem zweiten Gliede 
befpricht er brei ben eben genannten korreſponditende Begriffs 
fpecififationen: a. bie Mehrheit oder Bielheit der lieber (ſowohl 
der Zahl nad) als der Art nad), b. die Mannichfaltigkeit im 
engeren Sinme ober die relative Selbfilänbigfeit ber Glieder 
gegeneinander, c. die Zufammenorbnung oder Ineinanberfügung 
der Glieder unter einander und ihre Unterorbnung unter das 
Ganze nad) Grenze, Form und Größe. Das britte Glied, bie 
Vereinheit ober Harmonie, beftimmt er (im Unterfchieb von 
ber einfachen urfprünglichen Einheit, von der bloßen Ueber 
einfimmung ober dem Einklang ber Glieder und von bem 
georbneten Zufammenhang der Glieder) näher als organiſche 
Einheit.) 

Um übrigens vor ber Ueberfchägung bes hiſtoriſchen Werths 
dieſer befonderen Seite der Kraufe'fchen Aefthetif zu warnen, 
ſcheinen folgende Bemerkungen am Platz. Erſtens find, wie 
Kraufe felbft bemerkt (B. 72), alle Aeſthetiker Über die harmo⸗ 
niſche Einheit des Mannichfaltigen als Erforderniß des Schönen 


*) In den „Grundwahrhelten der Wiſſenſchaft“ ©. 555 — 556 werden 
Die für das Schöne erforderlichen Cigenweſenhelten des Cigenleblich Befkimmten 
abwelchend angegeben ald: Weienheit, Gegenweſenheit, Vereinweſenheit; (in 
heit, @egeneinheit oder Vielheit und Vereinhelt; Gelbheit, Begenfelbpeit und 
Bereinfelbgeit; Gangheit, Gegenganzheit und Bereinganzheit. Man fickt, 
bier herrſcht die leere Schablone (A, BegensA und Berein=A) noch fouwerämr 
als in den „Borlefungen über Aeftetit". 


Kraufe’s Aeſthetil 127 


einig, fo daß ber Anfprud auf Originalität, ben Kraufe für 
feine Aeſthetik im Allgemeinen erhebt (V. VID, jebenfals für 
diefe Seite nicht zutrifft, woraus geſchloſſen werben muß, daß 
ſie ihm ſelbſt nur als eine Nebenfache erfchienen if. Zweitens 
fehlt Kraufe jedes Bewußtſeyn davon, daß es fich Hier nicht 
um das eigentliche innere Weſen des Schönen, fonbern nur um 
elementare formelle Borbedingungen beffelben handelt; vielmehr 
behauptet er mit biefen abftraften formalen Beftimmungen ben 
objeftioen „Begriff“ des Schönen erfchöpft zu haben und nur 
in Bezug duch bie weitere Brage nach bem metaphyſiſchen 
„Grunde“ des Schönen zu ben theofophifhen Erörterungen 
fortgebrängt zu werben (3. 83). Drittens vermißt man bei 
ihm jede Anbeutung darüber, daß jede ber aufgeführten fors 
malen Beftimmungen durch eine ihr entgegengefeßte eingefchränkt 
wirb, und daß erfi aus ber rechten Mitte, aus dem in jedem 
konfreten Schönen anders ausfallenden Kompromiß aller biefer 
®egenfappaare von formalen Befimmungen dad Schöne ers 
währt (wie dieß fpäter von Koͤſtlin trefflich durchgeführt iR). 
Viertens fucht man vergeblich nad) einem Hinweis darauf, daß 
alle diefe formalen Befimmungen nur deshalb Vorbedingungen 
der Schönheit find, weil fie bie elementarflen Forderungen des 
idealen Inhalts auf abäquates zur Erſcheinung Kommen find 
(wie dies von Hegel gezeigt worden if). Immerhin bleibt 
damit das geſchichtliche Verdienſt Kraufe's unangetaftet, daß er 
zum erſten Mal bie alte formale Beftimmung der Schönheit 
einer eingehenden Erörterung unterzogen bat, wennfchon biefe 
Erörterung für bie weitere Entwidelung der Aeſthetik ebenfo 
einflußlos geblieben iſt wie alle übrigen Afhetifchen Aufftellungen 
deſſelben. 

Die Unabhängigkeit, Selbfigenügfamfeit und Freiheit ober 
Selbfigefepgebung und Selbfizwedlichkeit des Schönen führt 
Kraufe zu der richtigen Unterfcheidung des freien Schönen von 
unfreiem, durch äußere, nicht äfthetifhe Zwede beſtimmtem 
Schönen (®. 25—26), welcher die Unterſcheidung von freier 
und müglicher ſchoͤnen Kunft entſpricht (Gr. 555). Aber weil 


128 Ed. v. Hartmann: . 


Kraufe nicht den Begriff des aͤſthetiſchen Scheins fennt, fehlt 
ihm bie Möglichkeit, diefe Unterſcheidung praftifch feſtzuhalten. 
Obwohl er einfieht, daß die Naturfhönheit unvollfommen if 
wegen ber Hemmung und Störungen, welche bie nur auf das 
Ganze hin arbeitende Naturfraft im Einzelnen erleidet, fo vers 
fennt er doch, daß die Schönheit in ber Natur nur eine ans 
haͤngende, unfrete Schönheit an Geftaltungen if, die in erfter 
Reihe einem realen, außeraͤſthetiſchen Zwecke dienen. Ebenfo 
verfennt er im Folge feiner Vereinerleiung bed Guten mit dem 
Schönen, daß das Schöne im praftifchen Leben nur beiläufig 
und nebenher verwirklicht werden kann, aber ben realen Lebens⸗ 
zwecken ben Vortritt zu laſſen hat, daß deshalb bie fehöne 
Lebenokunſt nur eine umfreie, verzierende Kunft ift und feines 
wegs als hoͤchſte Kunſt über die freien fchönen Künfte geftellt 
werden barf (Gr. 561, 555). Richt minder endlich verfennt er 
die Autarfie der Kunft, wenn er ihr zumuthet, die praftifch- 
humanitäre Gefammtbildung der Menfchheit (durch Belehrung, 
Rührung und Beflerung) als äußern hinzufommenden Zweck 
mit ihrer Selbſtzwecklichkeit zu vereinigen, und dem Dichter zu- 
muthet, diefe Vereinigung ſtets im Auge und im Herzen zu 
behalten (8 99, V. 304— 305). 

Kraufe unterfcheidet drei Stilarten in der Kunft: 1. ben 
hohen, rein idealifchen, göttlichen, antiken klaſſiſchen (4. B. der 
olympiſchen Götter), 2. den edlen, mittleren, mittelalterlidyen, 
tomantifhen Stil der zur Ipealität aufftrebenden Menſchheit 
G. B. die Schönheit der griechiſchen Halbgötter), 3. den niederen, 
gemeinen, modernet Stil des nach der ibeellen Freiheit der 
zweiten Stufe firebenden aber felbft biefe noch nicht erreichenden 
gewöhnlichen Menfchheit (3.8. die ideenlofen modernen Schaus 
friele) (B. 254— 256, 8 68). Hieraus folte man nun fchließen, 
daß die Kunft in der antiken Klafficität ihre Blüthe gehabt hat, 
und an Gottähnlichfeit, d.h. an Schönheit ſchon im Mittelalter 
weniger, in ber modernen Zeit am wenigften zu bieten hat, alio 
beftändig gefunfen ift biß auf eine Stufe, wo ber naͤchſte Schritt 
aus dem Getriebe des Schönen herausführt. Diefer (Hegel’- 





Kraufe’s Aefthetit. 129 


fen) Anſicht tritt aber als unvermittelter Widerſpruch an andrer 
Stelle bie entgegengefeßte (Weiße ſche) Meinung entgegen, daß 
bie moderne Poeſie höherartiger, inniger, tiefer und lebensreicher 
als die aller vorangegangenen Zeitalter ſey, weil jeßt der Orgas 
niömud der Ideen immer mehr in's Leben eintrete, und das 
Gefühl für das Ideegemäße und Ideewidrige immer feiner und 
Rörker werde, und daß zugleich der modernen Poeſie die weſent⸗ 
liche Funktion zufomme, die antife Klaſſicitaͤt und die mittels 
alterliche Romantit auf eigenfhöne Weife in ſich aufzunehmen 
und zu reproduciren (B. 303— 304, $ 97). Der nähfte Schritt 
führt nach diefer zweiten Anſicht nicht aus dem Gebiet des 
Schönen heraus, fondern grade erft auf die vollendete Höhe 
vollwefentlicher Schönheit, welche erft in dem lepten, jetzt erſt 
im Keimen begriffenen „Hauptlebenalter“ ber Menfchheit erreicht 
werden fönme (8 97). Diefe unvermittelten Widerfprüche ind in 
der ahnungsloſen Raivität ihrer Rebeneinanderftelung charalte⸗ 
riſtiſch für Krauſe's Behandlungsweiſe Fonkreterer Afthetifcher 
Fragen. 

Krauſe's Aeſthetik gehört im Ganzen bem abftraften Ideas 
lismus an, weil fie bie wahre und eigentliche Schönheit fenfeits 
der fonfreten finnlichen Erfheinung, ja fogar noch jenſeits des 
individuellen Geiftes in einer überfinnlihen Schönheit Gottes 
ſucht, von der alle irdiſche Schönheit nur ein unvolltommen 
ebenbilblicher Abglanz feyn fol, weil fie alle konkrete Schönheit 
von einer Idee der Schönheit ableitet, welche eine Wefenheit 
Gottes neben andern Ideen und Wefenheiten deſſelben ſeyn foll, 
mit fie alfo mit einem Wort in der Schönheit eine adftrafte 
transcendente Wefenheit ficht. Bei ihrer völligen Einflußloſig⸗ 
feit auf bie weitere Entwidelung der Aeſthetit erfcheint fie in 
noch höherem Grade ald die Krauſe'ſche Philofophie im Als 
gemeinen als ein uͤberſchuͤſſiger Seitenfproß ber beutfchen Speku⸗ 
lation, und verdient eine genauere Berüdfichtigung neben ben 
übrigen Leiſtungen ber ibealiftifchen Aeſthetik nicht ſowohl durch 
ihre pofitive Bedeutung als durch die negativen Lehren, welche 
die Kritif and ihr ziehen muß. Diefe Lehren gehen dahin, bag 

geuia⸗. fe Philof. m. phil. Aritit. 06, Band, 9 


130 Recenfionen. 


der abfrafte Afthetifche Idealismus eine unhaltbare Poſition ik 
und daß er, wenn er ed verfäumt, in ber Richtung auf dem 
Eonfeeten Idealismus hin ſich fortzubeiwegen, nothwendig auf 
theofophifche ober formaliſtiſche Abwege kommen muß. Bei 
Kraufe überwiegt der theofophifche Abweg, welder in gewiſſem 
Sinne, durdy die überfinnliche Transcendenz des Schönen, auf 
dann noch mit dem abftrakten Idealismus auf gleichem Boden 
bleiben würde, wenn er bie Beziehungen des Schönen zur Ideen⸗ 
Ichre abbraͤche. Man könnte ſich ebenſogut ein Ueberwiegen bed 
formaliftifchen Abwegs denken, bei welchem durch theoſophiſche 
Exfurfe eine gewiſſe mittelbare Beziehung oder Berwandtichaft 
zum abfiraften Idealismus erhalten bliebe, und in ber That 
befigen wir einen ſolchen Aeſthetiker in Zimmermann. Alle biefe 
und ähnliche Richtungen flimmen trog aller fonftigen Unter⸗ 
fhiebe darin mit einander überein, daß fie den Fonfreten Afthetis 
ſchen Idealismus gar nicht kennen oder doch feinen Gegenfap 
gegen den abftraften Idealismus verkennen, daß fie alfo nur 
darum auf Irrwege gerathen find, weil fie vom abflraften 
Idealismus abzulenfen dad mehr oder minder deutliche Beduͤrfniß 
fühlten, aber die offen ſtehende Richtung des wahren dortſchritts 
Überfahen oder mißfannten. 


Necenfionen. 

Manns, P.: Die Lehre des Arifioteles von der tragiſchen 
ig und Hamartia. Karloruhe und Leipzig, Reuther, 1883. 
©. 

In dieſer Zeitfehrift find wiederholt beachtenswerthe Bei: 
träge zur Loͤſung ber Katharſisfrage erfchienen ; ich erinnere nur 
an bie trefflichen Arbeiten von Ueberweg (B. XXXVI, p. 260 x. 
L, p.161c.). So treten wir nicht aus ihrem Rahmen heraus, 
wenn twir gelegentlich ber oben genannten Schrift Kurz auf die⸗ 
felbe eingehen — nicht um eine eigne Deutung berfelben zu 
geben, fondern um und zumächft zu der Deutung zu befennen, 
welche Sufemihl in der Einleitung zu feiner Ausgabe der ariftos 
telifchen Dichtfunft (I. Aufl, Leipz. 1874) unter gewiſſenhafteſter 


B. Manns: Die Lehre des Ariſtoteles x. 131 


Benugung des durch die vorhergegangenen Unterſuchungen ge 
wonnenen Materiald und fcharffinniger wie befonnener Vers 
werthung feiner genauen Kenntniß ber ariftotelifhen Schriften 
und Philofophie gegeben hat, fo weit ein befonnener Forſcher 
eine ſolche zu geben im Stande iſt. - Durch die Vorführung des 
leidenden tragifchen Helden erwedt bie Tragöbie in und tragi- 
ſche Furcht und tragifhes Mitleid, und zwar in fo hohem 
Grade, daß dadurch die natürlichen nasyauara Furcht und 
Mitleid während der Hingabe an bie Tragödie aus 
unferm Gemuͤthsleben ausgeſchieden werden, zaszuura, die 
nicht als „mitgebrachte wirkliche und beſtimmte Burdht- und 
Mitleidanfälle” zu verfichen find — denn dann wuͤrde fich bie 
ungeheuerliche Anficht ergeben, daß bie Tragödie nur auf im 
wirflihen Affekt befindliche Menfchen wirken Fönnte, — fondern 
ald jener mehr ober weniger auf dein Gemüthe aller Menfchen 
laſtende dumpfe Drud, ben Suſemihl nicht. ungeeignet als 
„Surhts und Mitleidsſtoff“ bezeidmet und Goethe nach feinem 
Velen im Fauſt (ed. Loeper, I, 291 2.) anſchaulich ſchildert. 
Das Wefen biefer Bewältigung der natürlichen za9yuaze durch 
bie tragifchen ſieht Suſemihl in dem Aufgehenlaffen des eignen 
Meinen Leides in dem Leiden der ganzen Menfchheit. Doc if 
die xagagaıg zunaͤchſt als rein Afthetifche Wirkung zu 
verſtehen. 

Ber die Begründung dieſer Ausführungen nachgepruͤft und 
kb diefelbe auf Grund diefer Prüfung zu eigen gemacht hat, 
wird natürlich mit einer gewiffen Spannung eine Schrift zur 
Hand nehmen, welche, wie die von Manns, uns eine wefentlich 
neue fung der Frage verſpricht (p. 1). Doch wird biefe 
Spannung bald einer gewiſſen Berwunderung barüber Plag 
machen, daß der Berfafler mit feinem gar fo leichten Geſchuͤtz 
die Poſition feiner Gegner nehmen zu können geglaubt hat. 
Auch died weiß er nicht einmal gefchict zu gebrauchen, indem 
er die Kritie der Anfichten Anderer mit feinen eignen Pofltionen 
fo dureinandermengt, daß es ſchwer if, letztere zuſammen⸗ 
 aufaffen. 


9 
| 


132 Rerenfionen. 


Manns will vor allem ben Gen. zwr Toovzwr nasy- 
udswv in der Tragdbiendefinition ald obiectivus befeitigen. Ihm 
iſt die Vorſtellung, die Tragödie reinige durch Furcht und Mits 
leid derartige Affefte, alfo auch Furcht und Mitleid, wie ja 
ſchon andern vor ihm, eine Müͤnchhauſiade. So fol denn ber 
genannte Gen. als subiectivus zu faſſen ſeyn, wie ſchon Tängf 
Weil (Ueber die Wirkung der Tragödie nach Ariſtoteles, Ver⸗ 
handlung der 10. Philologenverfammiung, Bafel 1848) hat 
nachweiſen wollen. Das beweife zunächft der Ausdruf nagnua, 
denn während nasos das dem Menſchen innewohnende Leid 
bezeichne, fey nasmua das Leidwirfende, als ſolches alfo uns 
möglich Objekt der Tragödie. Für biefe Faſſung werben einige 
Stellen und Analogien ind Feld geführt, fowie der Umftand, daß 
bei der gewöhnlichen Bebeutungannahme e8 unklar bleibe, ob der 
Gen. als subiectivus, obiectivus ober al Gen. der Trennung zu 
verfiehen fey, eine Unflarheit, die man body bei Ariftoteles nicht 
annehmen dürfe. Auch dad Pron. zosourwr beweife dasfelbe. 
Es nehme in dem Umfang ber nasnuara unverändert EAeog 
und 9640c auf, füge Gleichartiges zu Gleichartigem, und ba 
Neoc und Pößos durch dı« ald Mittel der Tragödie bezeichnet 
würden, müfle demnach der Begriff zasyuara nur foldye Mittel 
umfaffen. Die gangbare Anfiht, Ariftoteles habe die kathar⸗ 
tifche Wirfung der Kunft ald eine Art homoöopathiſche Kur aufs 
gefaßt, fen falſch, vielmehr denke er an eine allopathifche Kur, 
wie vor allem die Stelle im Gaſtmahl Plato's 215. 216 be 
weifen fol. So würden dann alfo die Worte der Definition: 
di’ &Mov xal Pößov negalvovoa zNy Tür Toiovzav nadnudınr 
xdIapoıw zu deuten feyn: die Tragödie bewirkt durch Erregung 
von Furcht und Mitleid die Reinigung (natürlich) des Menſchen), 
welche eben dieſe und entfprechende Affefte bewirken. Da nun 
fo der Begriff xdsapaıs völlig in der Luft ſchwebt, fucht 
Manns durch Eonjektur eine Deutung deöfelben zu gewinnen. 
Das Ergebniß ift, daß Furcht und Mitleid und die ähnlichen 
Affekte von den ihnen gerade entgegengefegten Affekten, Selbſt⸗ 
fucht und Uebermuth, den menfchlichen Geiſt reinigen follen. 


BP. Manns: Die Lehre des Ariſtoteles x. 133 


Die Tragöbie fol von der DAgıs zu owpgooven erziehen. Die 
Abhandlung über die axapri« müffen wir bei der Beſchraͤnktheit 
des Platzes als weniger wichtig übergehen. 

Die Ausführungen des Verfaſſers haben uns in unferer 
oben gefennzeichneten Stellung nicht einen Augenblick erfchüttert, 
und wir können und nur wundern, daß bie gerabezu nichts⸗ 
fagende Deutung der Definition, welche bei feinen Annahmen 
ſich ergiebt, ihn nicht in der feinigen erfchüttert hat. Die Ber 
bauptung (p. 36): „Wir fliehen alfo vor der Alternative: ent⸗ 
weber find Mittel und Gegenſtand ber tragif—hen Katharfis ein 
und badfelbe, was nur einem Muͤnchhauſen feine unüberfteigliche 
Schwierigfeit bietet, oder die nasnuara find nicht Object der 
Katharfis”, if falſch. Denn die Mittel find Fünftlerifche 
Affefte und der Gegenftand find natürliche Affekte, und 
für den Sag (p.77): „Es ift Fein wefentlicher Unterfchied in 
der Empfindung, ob ſich das Familiendrama im Haufe des 
Nachbarn in Wirklichkeit abfpielt, ober auf der Bühne vor dem 
Palafte de. Kreon“, wird Manns wohl fehwerlich auf die Zus 
ſtimmung Einſichtiger rechnen. — Wenn Manns erwiefen zu 
haben glaubt, daß ſich Ariftoteles die kathartiſche Wirkung ber 
Kunſt nad Analogie einer allopathifchen Kur vorſtelle, fo ift 
und das unbegreiflih. Die Stelle IT. 9,7 (1341b 36 1.) 
mag nicht die homöopathifche Kur behaupten, was wir Manns 
aber keineswegs zugeben — bie allopathifche behauptet fie gewiß 
nit, wie er felber zugeben muß. Der BVerfafler nimmt dann 
zu zwei platonifchen Stellen feine Zuflucht, die ebenfalls von 
der Heilung der Korybantiaſten ſprechen. Run kommt es body 
aber gar nicht darauf an, wie Plato fi) den Heilungsproceh 
vorgefellt hat, fondern nur barauf, wie es Ariftoteles gethan 
hat. Und zu allem Uebel behauptet die erfle Stelle ein homöo- 
pathiſches Verfahren (7900 — 791B), was ich nicht zu beweiſen 
brauche, da man dieſelbe nur vorurtheilöftei zu leſen braucht, um 
au biefem Refultate zu gelangen, und bie zweite fpricht überhaupt 
gar nicht von den Mitteln, fondern den Wirkungen ſelbſt. 
Bas mehr aus diefer Stelle herausgeleſen wird, ift Phantafle. 


134 Recenfionen. 


Und fo glaubt der Verfaſſer feine Anfiht „unmwiberlegbar“ 
(p- 30) bewieſen zu haben. 

Was fonft zur Erweifung des Gen. fubl. aufgeführt wirt, 
iR ebenfo unhaltbat. Hätte Manns den Sprachgebraud in 
Bezug auf na9og und nasıua erfhöpfend durchgeprüft, und 
es nicht bei einigen Stellen und Analogien wie vdanua und 
Adna bewenben Laflen, fo würde er wohl zu demfelben Refultat 
gekommen ſeyn, wie Bonig (Index, p. 554) „inter ndImua et 
nd9og non esse certum significationis discrimen“. Wenn er 
für feine Saffung von ndsnua als Infanz anführt, daß nur 
bei ihr jeder Zweifel über die Bedeutung des Gen. auögefchloflen 
fey, fo vergißt er, daß andere arifotelifhe Definitionen viel 
f&hlimmere Zweifel offen laffen; ich empfehle ihm die berühmte 
Seelenbefinition zu näherer Betrachtung. — Es wird alfo wohl 
nach wie vor bei der philologifch wie fachlich am naͤchſten Liegen» 
den Baffung des Gen. als obiectivus verbleiben. ‚ 

Sollen wir kurz die Arbeit des Verfaſſers cyarakterifiren, 
fo erfcheint fie und als das Probuft eines nicht unbedeutenden 
Scharffinns, doch von jener Art, die mit Vorliebe die gebahnten 
Wege vermeidet, um und über Stod und Stein und durch hals⸗ 
brecherifche salto mortale ziemlich zu eben demſelben Punkte zu 
bringen, zu dem wir auf bem gebahnten und graben Wege auch 
gekommen wären; benn wie wenig weicht doch fein durch Con⸗ 
jectur gefundened Endrefultat von dem Suſemihl'ſchen Cl. c. 
p. 59.) auf dem Wege ruhiger Erklärung ermittelten ab! 
Nur, wenn e8 Manns gelingt, feinen Scharffinn mit befonnener 
Würdigung des Gegebenen zu paaren, wird er für die Erklärung 
des Ariftoteled Erſprießliches leiſten. 

Jena. Dr. 8. Ritter. 


Quthe, Berner: Begriff und Aufgabe der Metaphyfif (voyLe) 
des Arifioteles. Leipzig, Teubner, 1884. 4°. 15 Seiten. 


Eine Mare Darftellung der einfchlägigen ariftotelifchen Ans 
fihten, doch ohne eigentlichen wifienfhaftlichen Werth mag die 


Alois Geigel: Ueber Wiffen und Glauben. 135 


Schrift denen empfohlen werben, welche fih mit dem ariflotelis 
ſchen Syſtem aus ferundären Quellen befannt machen wollen. 
Jena. Dr. B. Ritter. 


Dr. Alois Geigel, Profeffor der Medien an der Univerfität Würzburg: 
Heber BWiffen und Glauben. keipzig, 8. €. W. Bogel, 1884. 
82 Gelten, 

Der Berf. dieſes zierlich auögeftatteten Büchleins hat es 
unternommen, öffentlich zu fagen, was, wie er felbft im Vor⸗ 
wort erwartet, „allerwärts auf Feinde ſtoßen, Freunde faum in 
großer Zahl gewinnen wird. Wir wiffen nicht, mie feine 
eigenen Fachgenoſſen, die Raturforfcher, die eigenthümliche Art 
aufgenommen haben, in der er bie alte Frage um bad Vers 
haͤlmiß von Wiflen und Glauben fi zu löfen gefucht hat: bie 
Vertreter des „Glaubens“, katholiſche wie proteftantifche Theo⸗ 
logen, haben natuͤrlich allerdings beide, die erſteren im ge⸗ 
wohnten Ton fanatiſcher Zeloten, die letzteren mit ſchmerzlichem 
Bedauern uͤber des Verfaſſers befangenes Urtheil, gegen ſeine 
Bekaͤmpfung ber poſitiven Religion Front gemacht. ine wiſſen⸗ 
ſchaftliche Wuͤrdigung aber hat nicht nach dem Ergebniß einer 
Gedankenentwidlung zunächft zu fragen, fondern nach ihrer Ber 
grünbung. Doch che wir auf biefe Eritifch eingehen, wollen 
wir erſt das Wefentlihe von Geigel’8 Gedankengang wieder⸗ 
zugeben verfuchen, eine Aufgabe, die durch die eigenartige, ab» 
fichtlich aphorififhe, zwiſchen philofophifher Entwicklung und 
poetifcher Geſtaltung unficher ſchwankende Darftellung erheblich 
erſchwert wird. 

Geigel geht von dem richtigen Sage aus, daß die heilige 
Pflicht, die Wahrheit zu befennen, bie der Menfdy mit eigener 
Haftbarfeit ja gern erfüllen will, auch das unveräußerliche Recht 
einfließen müfje, zuvor ſich mit eigenen Augen zu überzeugen, 
wo denn nun und was benn in Wirklichteit die Wahrheit fey, 
bie er befennen fol. Rur was er wiffen kann, will ber freie 
Mann glauben und für diefen Glauben haften. Und weil von 
den pofitiven Religionen jede nur blinden Glauben verlangt, 


136 Recenfionen. 


Elarfehende, vernünftige Ueberzeugung aber für ihre Lehren nicht 
verlangt und nicht bieten fann, darum pochen wir ſchließlich um 
die Wahrheit bei une felber an. Außer allem Zweifel ik nun 
zunaͤchſt nichts als nur das eigne, unmittelbar gewiß em: 
pfundene, lebendige Daſeyn felbft. Anderes, andere Dinge 
koͤnnen zu allernaͤchſt nur als Zuftände des eigenen Daſeyns 
wahrgenommen werden. Unſer Wiſſen von dem Daſeyn einer 
Welt von Dingen iR daher nur ein nothwendiger „angeborener 
Glaube“, der feine ſichere Bürgfchaft einzig nur in der Gewiß⸗ 
beit des eignen Dafeyns bat. Ziemlich) unvermittelt Emüpft 
Geigel den Schluß daran, daß wir „folgerichtig“ in allen 
anderen Dingen genau fo geartete Weſen denken müffen, als 
wie wir und felber tennen, „mit ſich felber eins und einig, 
einfach untheilbar, unwanbelbar und ihres Daſeyns aus fid 
felber unmittelbar gewiß”, während Kraft und Stoff in Zeit 
und Raum nur deren Spiegelbilder ſeyen, bie ihre Geftalt und 
Oberfläche zeigen. 

Eine Mehrzahl unerfcaffener grundeinheitlicher Wefenheiten 
bilde fo alles Sinnendafeyns wahre Wirklichkeit, und fie find 
es, die unfre Ahnen ſchon als göttlihe Gewalten ahnungsvoll 
verehrten in den Afen. Aus ihrer Wechſelwirkung muß das 
unendliche, zu feinem Ende je fommende Werden hervorgebrochen 
fegn und wieder muß „ber Erfigeworbene“ ber ganzen Gattung 
des Gewordenen „Herr und Meifer ſeyn, unendlich mächtiger, 
gewaltiger als alle anderen, nad) ihm erft Gewordenen“, als 
der Eine Allvater, der nicht ald „unerfaßlich geiſterhafter 
Schattenriß“, wie der chriftliche Bott, fondern „nah Manned- 
art leibhaſtig, Fleiſch und Blut, mit voller ſinnlicher Gewißheit 
greifbar dort in Aſenheim“ zu denken ifl, „wo mit Leib und 
Leben Bott im Himmel hinaus in alle Sternenweiten, bis zur 
Männererde felber finnt und denkt“. Als ein „ewiges Werden 
nur, um immer vwieber zu vergehen“, Eennen wir dad Daſeyn. 
Aber „ewig und glüdfelig da ſeyn, das ift im Grunde der Wille 
iedes Lebens”. Daß es unvermeidlich mit dem Tode enden 
muß, „darüber Inirfcht das arme Leben und wollte lieber gar 


Alois Geigel: Weber Wiſſen und Glauben. 137 


nicht leben”. Eine feltfam neue Lehre, „hervorgegangen, feuchen- 
haft herangewachſen aus dem tiefen Abſcheu vor dem Dafeyn, 
der abgehaufte, an Luſt und Schmerz erſchoͤpfte Völker jenfeits 
ber Berge durch und durch ergriffen hatte“, rühmt fich jenes 
tiefe Sehnen alles Lebens befrievigen zu fönnen durch den von 
ihr verkünbeten „Mittler zwifchen den Sterblichen und dem ewig 
lebendigen, ſchrecklichen Gotte“. Aber die verfprochene Erlöfung 
von Uebel und Tob hat fie nie gebracht und konnte fie nicht 
bringen, nur verborben, „knechtiſch herrenfuͤrchtig“ hat fie den 
freien, Rolzen Mannesſinn gemacht. An die Stelle aller noth- 
wendig mißglüdenden Verſuche einer chriſtlichen Theodicee fegt 
Geigel folgende Ausführung: Aus ber .gleichen ewigen Noth⸗ 
wenbigfeit des Daſeyns, mit welcher unfer Leben wird, um zu 
ſterben, hat auch Allvater von Ewigkeit her werden müflen. 
In dem Maße nun, in welchem alles was da ift, weſenhaft 
und nothwendig eind mit feinem eigenen Wefen if, hat er auch 
Noth und Schuld von Allem zu theilen und zu tragen. Weil 
wir nicht Barmherzigkeit und Gnade, fondern Gerechtigkeit und 
Treue von ihm erwarten, fo vertrauen wir mit fefter Zuverficht, 
daß aud wir an feinem ewigen Leben Antheil nehmen. „Nie 
mals if die Ahnung deutfhem Sinne ganz erlofhen, daß auf 
Leben und Tod beichworene Gefolgſchaft Gott und Menfchen 
gegenfeitig bindet.” Zu unumfößlicher Gewißheit geht biefer 
Zuwerſicht freilich da6 ab, was auch fein Heiland bieten kann, 
der tharfächliche, greifbare Erfahrungsbeweis. Sittlich unabs 
weisbar notwendig ift ber Glaube, daß Leib und Leben einft 
zu ſchönerem Sinnendafegn auferftehen werde, wenn auch bie 
Trage nad Zeit, Ort und Hergang immer Sache einer uns 
fruchtbaren Reugier bleiben mag. Nur die Meinung fann mit 
einigem Grunde gewagt werden, daß Allvaters Leib und Leben 
felber auch zur Ruhe gehen und es wieder „heilige Schoͤpfungs⸗ 
nacht“ werden müffe, che alles Dafeyn fi verfüngt. Wie es 
fo allein denkbar erfcheint, geradefo muß es auch bie Liebe 
wollen, daß fie dereinft ihre Todten wieberfieht „in ganzer, heller 
Wirklichkeit Teibhaftig lebensvollen Daſeyns, nicht gefpenfterhafte, 


138 Recenflonen. 


weſenloſe Schatten". Ganze Männer weiſen daher, wie fie un 
verzagt auch das Leben zu verachten wiſſen, doch Feine von ben 
reinen Freuden zurüd, die das flüchtige Menfchendafeyn zu bieten 
vermag. — Man flieht, der Berf. hat und mit biefer Repriftis 
nirung und Deutung altgermanifchen „&laubens“ weit über die 
Grenzen des „Wiſſens“ hinausgeführt. Das Ganze feiner Ans 
ſchauung, die er der eingelebten hriftlichen mit bis zu „glühens 
dem Haß“ gefleigerten Widerwillen entgegenfegt, wurzelt in feinem 
Begriffe von „Wirklichkeit“, die er nur ald finnenfäliges, leib⸗ 
haftes Dafeyn anerkennen will. Freilich wird ed aud ihm uns 
möglich, dieſen Begriff in firenger Confequenz burdhzufähren, 
auch er muß „im legten Grunde auf nur vorausgefegten und 
gedachten Weſen (ven Afen) das ganze Sinnenbafeyn aufs 
erbaut“ fi denken (S. 31). Bolgerichtig müßte ihr unfinnliches 
Seyn als die wahre Wirklichkeit und als der Grund jedes finn- 
lichen Daſeyns anerkannt werden. Allein che wir überhaupt fo 
friſchweg daran gehen metaphyfifche Borausfegungen zu machen 
und ein „Denten über die Sinne hinaus” zu bethätigen, müßten 
wir doch erft über die Ratur und Leiftungsfähigfeit, über den 
Werth und die Zuverläffigfeit diefed „Denfens“ Genaueres er- 
mitteln als Geigel auf S. 5 und 6 feiner Schrift un bietet. 
Er weiſt da auf den umvermeiblihen Kreisgang bin, womit 
immer wieder nur das Denken felber feine eigene Berläffigkeit 
und bie Richtigkeit feiner Schritte prüfen und beurtheilen könne, 
fo daß ſchließlich nichts übrig bleibe ald „auf gut Gluͤd“ es 
immer wieber zu verfuchen, bis endlich ſich für die Wahrheit 
ein ſchlichter Ausbrud finde, der nothwenbig verftanden werde. 
Immerhin berührt Geigel mit diefer letzteren Wendung etwas, 
das fi für ein mögliches Kriterium anfehen läßt, woran wir 
vieleicht die Wahrheit eines Denkinhalts prüfen Fönnen. Und 
diefe Borausfegung müßte eine kritiſche Erfenntnißtheorie wiederum 
einer befonnenen Prüfung unterziehen; denn was hat nicht alles 
dem „gefunden Menfchenverftand“ ſchon als verſtaͤndliche Wahr⸗ 
heit eingeleuchtet, das hinterdrein mit derſelben Klarheit als Irr⸗ 
thum fidy herausſtellte? Jene Unterſuchung würde ſich dann 


Alois Beigel: Ueber Wiffen und Glauben. 139 


bald vor die Einficht geführt fehen, daß vor allem. Geigel’d 
Biffensbegriff einer Revifion bedarf, daß es bie „ſinnliche 
Gewißheit“, auf die er feinen Begriff von „Wirklichkeit“ fügt, 
überhaupt nicht gibt, und daß, wenn nicht ein „Wirkliches“ 
von unfinnlicher Art in und wäre, es zu einer „Gewißheit“ 
und einem „Wiſſen“ überhaupt nicht kommen fönnte, Eine 
richtigere Auffaffung vom Wefen des Wiſſens würde aber auch 
nothwendig zu welentlic anderer Anfchauung über ben meta⸗ 
phyſiſchen Hintergrund unſres Erfahrungshorizonts geführt Haben. 
An der chriflichen Deutung dieſes Hintergrundes if es beſonders 
ver kirchliche Gotteöbegriff, den Geigel ald einen „unerfaßbar 
geiſterhaften Schattenriß“ unverfländlich und ungenießbar findet. 
Und doch, was wir nad) Geigel's Darfielung ald das eigentlich 
Goͤttliche zu betrachten haben: die einzig unerfchaffenen, un: 
wanbelbaren Afen, find diefe felbft was andres ald eine Mehr» 
beit folder ſinnlich unfaßbarer, geifterhafter Schattenriffe? Bei 
fo völliger Unbeftimmtheit, in der ©. die Ratur jener „rund 
weſen“ beläßt, auf deren Wirkfamfeit doch alles Daſeyn und 
Werden beruhen foll, kann fi dad Denken unmöglich beruhigen. 

Des Berfaflere Widerwille gegen das Kirchliche Chriſten⸗ 
thum und feine Vertreter, ber von weiten Kreifen der modernen 
Bildung getheilt wird, gründet fih auf ethifche Motive. Im 
Ramen einer autonomijhen Moral im Sinne Kant’d fämpft er 
an gegen den „herrenfürdtigen” Knechtsdienſt, der in gläubigem 
Vertrauen auf den „Mittler“ auf jenfeitigen Lohn abſchielt. 
Aber freilich, eine befriedigende Löfung ded alten Gegenfages 
zwiſchen dem Eudämonismus in feinen wechfelnden Formen und 
ber Lehte von „der harten Wehrpflicht” vermag er und nicht 
zu bieten. 

Wenn wir aber auch weder mit der wiflenfchaftlichen Bes 
gründung noch mit den Hauptergebniffen des Berf. und einver⸗ 
Rauden erflären fönnen: Eines muthet uns wohlthuend an in 
feiner Schrift, der männliche Freimuth und bie rüdfichtölofe 
Wohrheitöliebe. Diefe wenigſtens muß jeder ehrliche Gegner 


als verläffigen Anfnüpfungspunft anerkennen. — 
fie apfungep Dr. Neudecker. 


140 Reu eingegangene Schriften. 


Nen eingegangene Schriften. 


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PER er, —X Press, 

Arster, Dr. 0 Dien und fein Verhaͤltniß nen (Ent 

etungeich "Gin Belrag yur Gefäläte Der Ratrmpbtlfenfte kei, 


® Bitter. 
erin, n & aan u. Brofeflor, Der lehte Grund der je, oder: 
v fi dai Me Dafeyn Gottes bewel — 1 Santo, Rorddeutfche ehe 
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saulis corpus et corporis se defendentis, cum indicio. Aureolam libellum, 
Philologis, Philosophie et Theologis seque commendabilem, post Adr. Tarae- 
bam graece denuo separalim edilum emendavit, annotavit et commenlariolo 
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Abu ig, (884. D5 & Sranfe. 8°. IV, 84 pp. 1.4 505 
—X ven Das, Cine Anleitung” zur Gelbferzieung. 
"88. @uttentag. 8°. VII, 362 pp- — 
F., — 
8°. 719 pp. 2.4 
Meisphpsicn nora CL Yelnsa. „4 Aetarn to Dam. Br Sean Noraticu, 
London, 1884. 8°. 200 Er 
Worell, 5. D., Manual of "History of Philosophy. London, Per RL 











rad, la bondad y ‚N Dallas, —8 del Fi 
Beats —V Rdf., Ein Bon om en an feine Berfehter und 


8, 
ne a Ba du Sr Deltag dur Beentmamung vo # 
—— wart. ae, Bio ® Bummhem. 
8, 54 


Smyth, N. TER Reality of Faith. London, 1884. 8°, 330pp. 7.4205 
Sommer, "90, Gewiffen und moderne Kultur. Berlin, 1884. ®. Rein, 


Biokes, G.4., The Objeerig of Traib, Landen, 1884. 8%. 4 
Temple, * Relstions beiween Religion and Beience. London, 1884. 


248 pj 
Taonpıen, 'D. G., System of Psychology. 2 vols. London, —E ne 


PH 18, Ki R., Myelogie des Chriſtenthums vom Standpunkte der Elia 

lehre. [burg 1. Br., i884. Herder. 

". Zus jet; Katar uns Uebernatur. —&& einer aututgeltihe 

® R, En ar des 19. inderts. 1. BD. 
Behmist und fe — —c Fa ha x a 








Drud der Heyuemanu'iben Buhdruderei (a Gale. 
(@. Frike & 7. Beya). 


Verlag von 0. E. M. Pfeffer (R. Stricker) in Halle a/d. &. 
Gregorii Palamae 


Arehiepiscopi Thessalonieensis 
Prosopopoeia 
animae accusantis corpus 
et 
corporis se defendentis, 
cum iudicio. 
Aureolum libellum 
Philologis, Kir Tumebum’ gr et ‚Thoologi seque commendabilem, 
lenuo separatim editum 
emendavit, —e— et *% eommentariolo instruxit 


Albertus Jahnius 
Academise Regiae Monscensis soc. ord. oet. 











— Ladenpreis M. 2,75. — 





Obige, ebenso geistreiche und originelle, als gelehrte Schrift 
des hellenisch und christlich-philosophisch hochge 
bildeten Byzantiners Gregorius Palamas, Erzbischofs von 
Thessalonich um 1880, wird von dem grossen Philologen Js. Casau- 
bon, der den Verfasser einen „sehr beredten Kirchen- 
vater“ nennt, alsein „goldenes Büchelchen “ bezeichnet. 
Die alte, schon von Demokrit, Theophrast und Plutarch berührte 
Streitfrage; ob die Seele mehr durch den Körper, oder dieser 
durch jene Schaden leide, wird hier in der personifizierenden Form 
einer Anklage der Seele wider den Körper, einer Selbstvertheidigung 
des letzteren und eines Schiedsgerichtsspruches „vortrefflich 
behandelt“, wie ebenderselbe Casaubon bemerkt. Im Stil nach 
den besten attischen Mustern abgefasst, enthält diese Schrift 
in der Sache einen Schatz hellenischer und christlicher 
Philosophie, sowie einen wesentlichen Beitrag zur sogen. 
Psychophysiologie. 

Die erste und bisher einzige Separatausgabe ist die äusserst 
gelten gewordene von Hadr. Turnebus, Paris 1558. Die 
Patrologia Graeca von Migne enthält zwar auch die 
‘Werke des Gregorius Palamas in 2 Bänden; der Preis ist jedoch 
80 fres. und die Prosopopoeia ist dort lediglich nach der fehler- 
haften, gelehrter Zuthat fast baaren Turneb’schen Ausgabe wieder 
abgedruckt. 

Dagegen bietet diese neue Ausgabe einen kritisch gereinigten 
Text, mit kritischen Anmerkungen, mit einem sprachlichen 
und sachlichen Commentar, dem sich drei reichhaltige Bei- 
gaben anschliessen. 


Ferlag von 0. E. M. Pfeffer (R. Stricker) in Halle a/d. 8. 














S. Methodii opera 


et 


S. Methodius Platonizans. 
Edidit 
Albertus Jahnius. 


Pars I. S. Methodii opera, recognits et nunc primum plena 
ac separatim edita. 

Pars IL S. Methodius Platonizans, sive Platonismus 88. Patrum 
Ecelesiae graece 9. Methodii exemplo illustratus. 





Herabgesetzter Preis M. 4.— (statt M. 12.—). 





Zum ersten Male hat der auf dem Felde der griechischen, 
speciell der platonischen und patristischen Literatur seit Dezen- 
nien thätige Herausgeber, im ersten Theile dieses Doppel- 
werkes, die nur zu wenig bekannten Schriften des heil. Metho- 
dius, dieses geistreichen Kirchenvaters, separat und kritisch 
gereinigt herausgegeben. 

Im zweiten Theile hat der Herausgeber an diesem 
Kirchenvater die Verschmelzung der höheren griechischen Bildung 
resp. der platonischen Philosophie mit der christ- 
lichen Theologie oder den sogen. Platonismus der 
Kirchenväter aufs Schlagendste nachgewiesen. Der Werth 
der Arbeit wird durch ein reichhaltiges Wort- und Sach- 
register erhöht. Besonders dient dieser zweite Theil als 
Anleitung und Fundgrube für das Studium sowohl Platons und 
der Platoniker als der Kirchenväter. 


Verlag von €. E. M. Pfeffer (R. Stricker) in Halle ajd.$. 


Philosophische Vorträge 


herausgegeben 
von der 


Philosophischen Gesellschaft zu Berlin. 


Neue Folge. I. Serie. 6 Hefte. 
Jede Serie cplt. M. 5,40. 


Serien - Ausgabe. Bei Subscription auf 6 aufeinanderfolgende 
Hefte einer Serie & Heft M. 0,90. 
Einzel-Ausgabe. Bei Einzel-Bezug & Heft M. 1,20. 


Die „Philosophischen Vorträge“ erscheinen jährlich 
in 6 Heften, welche eine Serie bilden. 
Es liegen vor: 
I. Serie: 

Heft 1. Frederichs, Prof. Dr., Ueber das realistische 
Princip der Autorität als der Grundlage des 
Rechts und der Moral. 

Heft 2. Michelet, Prof. Dr, Herbert Spencer’s System 
der Philosophie und sein Verhältniss zur deutschen 
Philosophie. — Rau, Rector, Ueber das Pricip 
des Schönen in der Kunst. 

Heft 3. Lasson, Prof. Dr., Die Entwickelung des 
religiösen Bewusstseins der Menschheit 
nach E. v. Hartmann, 

Heft 4. v. Kirchmann, Präsident, Ueber die Anwend- 
barkeit der mathematischen Methode auf 
die Philosophie. 

Heft 5. Kahle, Gerichts - Assessor a. D., A. 'Lasson’s 
Systemder Rechtsphilosophie in seinen Grund- 
zügen beurtheilt. 

Heft 6. Foeke, Dr., Ueber das Wesen der Seele. 

U. Serie: 

Heft 7. Dreher, Dr. Eugen, Ueber den Zusammen- 

hang der Naturkräfte. J 


Das Unendliche in der Ansdehnnng. 


Sein Begriff und feine Stügen 
geprüft von 
€. Th. Iſenkrahe, 
Baer, 


Gdhluß.) 
s 9. Gegneriſche Argumente. 

Die gegneriſchen Argumente find theils befenfiver, theils 
offenfiver Natur. Die erfiern wollen das aftual Unendliche bloß 
verteidigen gegen den Vorwurf bes Widerſpruchs, die zweiten 
aber gehen weiter und ehren den Borwurf um; die erflern 
nehmen für dasſelbe nur bie logiſche Möglichkeit, die andern 
aber auch die Wirklichkeit in Anſpruch. Die Argumente erfterer 
Art haben wir bereits, fo weit es uns nöthig ſchien, berüd» 
fichtigt; geheh wir alfo jeht zu den andern über. Des beflern 
Verſtaͤndniſſes wegen haben wir geglaubt, fie erſt am zweiter 
Stelle in Betracht ziehen zu follen. 

1. Dan bat geglaubt, die Erfenntniß des Endlichen ale 
ſolchen ließe ſich nur erklären aus ber vorausgehenden Erkenntniß 
des Unendlichen. So in größter Allgemeinheit die Ontologifen, 
welche überhaupt jede intellektuelle Erfenntniß bedingt feyn ließen 
durch das „natürliche Licht“, welches uns erfließe aus ber pers 
manenten Intuition gewifler goͤttlicher Attribute. Ohne indeß 
biefen ontologififchen Irrthum im Allgemeinen zu theilen, haben 
doch ſchon Manche den Gap aufgeflellt: wir würden das End» 
lihe als ſolches nicht erfaflen können, wenn wir nicht zuvor 
bie Idee des Unendlichen ſchon in uns trügen. Denn in Wahr⸗ 
heit ſey nicht das Enpliche, fondern das Unendliche pofitiv ; alfo 
laffe fi wohl aus dieſem (durch Regation) das Erolice abs 
leiten, aber nicht umgelehrt. .. 

Beige. f. Bhllef m. vbuei. aruu. 06. Bam. 10 


146 €. Th. Iſenkrahe: 


Dem gegenüber wird jedoch andererſeits mit Recht darauf 
bingewiefen, daß das Endlihe fein reines Negativum ſey, 
fondern außer dem negativen aud ein pofltives Moment ent» 
halte. Endlich iſt — wir reden von ausgedehnten Objeften — 
was einen legten Theil oder letzte Theile hat. (Bol. $ 1.) Hier 
iR der „Theil“ pofitio, und nur feine Eigenfhaft als „letzter“ 
geroinnt er durch eine Negation, nämlidy durch die Abweſenheit 
weiterer Theile. Diefe Regation if aber doch gewiß begrifflich 
teicht Herzuftellen; wie der Theile beliebig viele gemacht oder 
gebacht werden können, fo fönnen auch weitere Theile gedacht 
und bann negirt ober bei realen Dingen als fehlend erfannt 
werben. 

Wie nun bei vorſtehender Argumentation das Endliche 
zum Beweife für die Realität deö Unendlichen dient, fo benupt 
®utberlet zu biefem Beweife das potential Unendliche 
und das Ricyt6 ober gemauer die Null. 

2. Das potential Unendlihe fol naͤmlich a. ein aftual 
Unendliches gleicher Art vorausfegen und b. ein aftual Un, 
endliches begrifflich einfließen. 

a. Als jenes voraudgefegte altual Unendliche wird ders 
jenige unerfhöpflihe Borrath hingeſtellt, von welchem man 
vorgeblich „wegnimmt“, was man dem potential Unendlichen 
zutheilt, indem man legtereö ſucceſſto auszubenfen ſich bemüht. 
Darüber heißt es (S. 11): „Diefes ſ. g. potentiale Unendliche 
pflegt definirt zu werden: ‚Nicht fo viel, daß nicht mehr, nicht 
fo groß, daß nicht größer‘, oder mit Ariftoteles: ‚Won 
dem, mag man auch noch fo viel nehmen, immer noch etwas 
außerhalb bleibt‘. Aus diefen allgemein (?) angenommenen 
Erklärungen ergibt fi, daß das potential Unendliche nur ein 
Endliches und zwar von unbeftimmbarer Größe iſt. .. Die 
Unendlichkeit findet ſich alfo nicht in ihm, fondern außer ihm; 
denn da dem Geifte nach jeder endlichen Wegnahme z. ©. von 
der Ausdehnung immer noch unendlich viel wegzunehmen übrig 
bleibt, fo findet ſich das Unendliche ſtets außer dem vermehr⸗ 
baren, alfo außer dem potential Unenblichen. Zugleich ergibt 








Das Unendlie in der Ausbehnung. 141 


Rd aber daraus mit zwingender Nothwendigkeit, daß überall 
da, wo ein potential Unendlihed angenommen wird, aud ein 
aftuale® in derfeiben Gattung voraudgefegt werben muß“. Ja 
freilich, wenn trog aller endlichen „Wegnahme“ immer noch 
Eiwas „außerhalb bleiben“ fol, dann muß zuerft ein unend» 
tier, d. h. unerfhöpfbarer Vorrath vorhanden ſeyn. Aber ob 
diefer Fall vorliegt, dad if die Frage. Wir unfererfeits fennen 
weder eine real vorhandene „Ausdehnung“, noch eine real vor 
bandene „Menge“, noch eine Realität ber „möglichen Dinge“, 
au der unfer Denken nichts beizutragen hätte”) Und was das 
potential Unendliche angeht, fo faflen wir das hier negirte Ende 
zeitlich, d. h. wir denfen dabei an ein Objekt, welches zu 
wachſen nicht aufhört, ohne durch dieſes „enblofe” Wachſen 
jemals ſelbſt endlos zu werden, eine Auffaſſung, welche ihren 
vräcifen Ausdrucd in dem „sine fine finitum“ fängft gefunden 
hat. Außerdem glauben wir, daß gedachte Größen, gedachte 
Ausdehnungsobiefte nicht anders wachfen können als durch 
den Gedanken, ber fie ſchafft refp. vergrößert, fo daß wir 
widerfprechen müfjen, wenn ®utberlet weiter fagt: „Der 
Geiſt ſchafft fa beim Weiterdenken feine neue Ausdehnung, 
feine größere Menge, fondern erkennt fie bloß als obiektio 
möglih an.“ Daraus würde ja folgen, daß wir niemals eine 
actu wmendliche Ausdehnung ald „objektiv möglich anerkennen“ 
fönnten! Gewiß iR das feine ermünfchte Schlußfolgerung, ba 
dech für den Bereich des Moͤglichen aftuale Unendlichkeit in 
Anfprudy genommen wird. Die eigene Auffaffung vom Mög- 
lien drängt alfo dazu, das fucceffive Weiterdenken für mehr 
zu halten als eine bloße Möglich Segung: es if Verwirk⸗ 


*) Bir erkennen übrigens gern an, daß Gutberlet hier confequenter 
vorgeht ala viele Andere, welche das aftual Unendliche für unmöglich erklären 
und doch fehhalten am Der Unendlichkeit der von Gott erkannten „mäglichtn 
Dinger. (Bel. ©.9.) Ob diefen Dingen ein „ideales Seyn“, oder die 
„Tgifeng" zufommt: für ihre Zahl iR das ja gleichgüftig. Mir unfererfeits 
teuuen fein ideales Geyn (neben dem „Criſtiren“), fondern nur ideale 
Dinge. 

10° 


148 C. Th. Iſenkrahe: 


lichung von Moͤglichem. Der Geiſt ſchafft ſich die Obijekte, 
die er betrachten will. (Bgl. über dad Moͤgliche $ 13, 2.) 

b. Das in die Definition des potential Unendlichen eins 
neichloflene aktual Unendliche fol die „unendliche Vermehrbar⸗ 
keit“ ſeyn, die nicht ſelbſt wieder potential gefaßt werden fönne. 
Denn „fo gefaßt iR fein Begriff und feine Definition (die 
Definition des potential Unenblihen) unmöglich; benn dann 
muß Unendlich immer wieder durch unendlich vermehrbar erflärt 
werben, was zu feinem Ende führt. Es ift fodann die poten⸗ 
tiale Unendlichfeit = Unendlichkeit ber Bermehrbarfet = Uns 
endliche Bermehrbarkeit der Bermehrbarfeit = Unendliche Ber- 
mehrbarfeit der Vermehrbarkeit der Bermehrbarfeit u.f.w. Und 
wenn man fo die ganze Gwigfeit fortfahren würde, um ben 
Begriff des potential Unendlichen anzugeben, fo würde man nie 
bamit fertig werden...” (S.23.) Darauf erwidern wir, daß 
die Vermehrbarkeit gar feine fteigerungsfähige Eigenſchaft, alfo 
feine Größe iR; fie fann nur entweder vorhanden oder nicht 
vorhanden feyn. Groß ober Elein ift nur das Hinzufügbare 
Duantum, dad incrementum, weldes von der Vermehrbar⸗ 
keit ſelbſt ja wohl zu unterfceiden if. Faktiſch wird freilich 
diefe Unterfheidung nicht immer im Ausbrud hervorgehoben ; 
gäbe es 3. B. eine Zahl, zu der fih nur noch m Einheiten bei. 
fügen ließen, und eine andere, bie eines Zuwachſes von 2 a 
fähig wäre, fo würde man leptere vielleicht „vermehrbarer“ 
nennen, aber größer wäre doch in Wirklichkeit hier nur das 
Inerement 2 n. Bis hierher glauben wir feinen Widerſpruch 
befürchten zu müflen, und damit dürfte doch die obige Ein⸗ 
wendung ſchon erlebigt feyn. Die „unendliche Vermehrbarkeit“, 
in der eine begrifflihe Schwierigkeit liegen fol, fällt ja jet 
weg, und an ihre Stelle tritt die correctere Baflung: Vermehr⸗ 
barfeit um ein Unendliches. Oder iſt jegt bie begriffliche Ins 
convenienz noch immer nicht befeitigt?_ Jedenfalls bleibt doch 
feine weitere übrig, als daß man das potential Unendliche eben 
unenblid nennt, eine Bezeichnung, die auch uns ſchlecht genug 
gefält. Man wähle dafür lieber den alten Terminus: Indehi- 


Das Unendlide in der Ausdehnung. 149 


aitum oder sine fine Änitum und fage alfo: Größen find immer 
vermehrbar, die Bermehrung fann in alle Ewigkeit weiter gehen. 
Aber nun erhebt ſich die weitere Brage: um wieviel find fie 
denn vermehrbar? Wie groß iſt das hinzufügbare Quantum? 
Das heißt fragen nach der Größe eines möglichen, alfo nicht 
exiſtirenden Objektes. Was nicht exiſtirt, ift nicht, und was 
nicht iR, iſt auch weder groß noch Fein. Soll das hinzufüg- 
bare Quantum feiner Größe nach jegt ſchon beftimmt werben, 
che noch der fchaffende Gedanke ihm fein Daſeyn gegeben hat, 
fo fann nur gefagt werden: es ift „beliebig groß“, d.h. man 
fann ſoviel hinzufügen ald man will. 

Wir wollen an diefer Stelle eine Bemerkung zur Sprache 
dringen, die Qutberlet bei einer andern Gelegenheit macht, 
wo er audy wieder bad potential Unendliche für dad aktuale 
auszunugen fucht. Indem er nämlich bie von A aus über 
B, C u.f.w. in's Unendliche gehende Linie AX unendlich nennt, 
fieht er fi der Einwendung gegenüber, daß dann Unendliche 
von verfchiebener Größe angenommen werden müßten, weil BX 
und CX doch auch unendlich feyn wollten. Darauf wird er- 
widert (S. 16), „daß die Gegner viefelbe Schwierigkeit zu loͤſen 
haben, wie wir. Denn aud) fie behaupten, daß von A aus 
die Linie unendlih vermehrbar ift, und ebenfo von B, 
Cund D aus u.f.w. Denn von A aus fann ich offenbar die 
Ausdehnung um dad Stüd AB mehr vermehren ald von B aus; 
und mehr ald von C aus um dad Stüd AC u.f.w., das heißt, 
es gibt in der unendlichen Vermehrbarfeit, die doch die größt: 
mögliche il, Grade: ein Unendliches if größer ald dad andere”. 
Auf den erften Vli hat diefe Bemerkung unleugbar viel Schein, - 
bei näherm Zufehen aber erfennt man, daß fie nur unter einer 
beftimmten Borausfegung wahr ift, welche Borausfegung hier 
jedoch nicht zutrifft, vielmehr ausdruͤcklich ausgeſchloſſen if. 
Wenn naͤmlich die gedachte Linie in ihrem Wachsthum nach X 
hin irgend einmal Halt zu machen gezwungen wäre, dann allers 
dinge könnte man AX „vermehrbarer” nennen als BX, CX 
und DX (vom incorrecten Ausdrud fehen wir hier ab), aber 


150 &. Th. Iſenkrahe: 


diefer Fall widerfpricht ja der Vorausſetzung. Was ben ledi⸗ 
genannten Linien links fehlt, Tann rechts immer beigefügt 
werden, ober befier: es kann AX für bie links ihr fehlende 
nQermehrbarfeit” *) nach rechts hin ſich immer entfchäbigen; 
kurz, es läßt ſich fein Duantum angeben, welches fi nur 
einer Linie beifügen liege und nicht auch jeder andern. 

Alles in Allem fcheint und dad potential Unendliche für 
das aftuale durchaus unverwerthbar, wiewohl wir zugeben, daß 
diefer Schein entfiehen muß durch dem incorrecten Ausdruck. 

3. Um nun weiterhin zu erfennen, wie und mit weldem 
Recht die Null zur Begründung des aftual Unendlichen ver- 
wenbet wirb, muß zunaͤchſt daran erinnert werben, daß biefelbe 
als das aftual unendlich Kleine gilt. Und in ber That, es 
kann ja feine Größe gedacht werben, bie Kleiner wäre ald Null. 
fo daß alfo die „Aktualität“ diefes unendlich Kleinen anſcheinend 
außer Zweifel ſteht. „Run ſteht aber”, Heißt es dann (S.55), 
„das unendlid Große in einer folhen Beziehung zum unendlich 
Kleinen, daß daraus die Aftualität des unendlich Großen mit 


Nothwendigkeit folgt. Denn es iſt immer Zt, nicht etwa 


bloß annähernd, fondern ganz genau * = 0 wie 2 
Angeblich genauer und praͤciſer ſoll es ſeyn, wenn die Gleichungen 
ſo aufgeſtellt werden: Lim. en, Lim. 20, wo d eine 


beftändig abnehmende und @ eine über alle Grenzen hinaus 
wachfende Größe bezeichnet. Der Sinn jener Bleihungen if 


*) d.5. für Das lints vorhandene Stüd. Der Auspruf „Bermehrbarkeit" 
folte überhaupt gang vermieden werden, wenn auch nur im Jutereſſe der 
Klarheit. So fragt G. &.33: „IR die Vermehrbarkeit, welche beim poten« 
tial Unendlichen ohne Ende fortgeht, geradzahlig oder ungeradzahlig? (Gr 
bot eb bier mit der Cinwendung zu thun, daß die unendlichen Bablen ente 
weber das eine oder das andere fen müßten, beides aber unmöglich fey.) 
Natürlich iR das hingufügbare Quantum gemeint. Nebenbei aber 
wollen wir bemerken, daß dieſes Quantum einftweilen nichts weiter IR als 
ein ungedadhted Gedanfending — ed if ja mur „denkbar“ — während jede 
Babl ein Quantum angibt. 


Das Unendliche in der Ausdehnung 151 


nun: Läßt man in einem Achten Bruch den Zähler umveränbert, 
hingegen den Renner immer größer werden, fo wird ber Bruch 
immer Meiner und nähert fich fo immer mehr der 0. Es liegt 
aber auf der Hand, daß nie und nimmer rechts O heraus⸗ 
tommen Tann, wenn nicht ganz genau der Nenner links un 
endlich groß geworben if. Und weiter: Laͤßt man bei unver« 
aͤndertem Zähler den Renner immer Feiner werden, fo wird der 
Bruch immer größer, und wenn ber Renner alle angebbaren 
Grenzen in der Kleinheit uͤberſchreitet, fo bat auch ber Bruch 
alle angebbaren Grenzen in der Größe überfchritten..... WIN 
man alfo mit dem Gleichheitszeichen nicht einen argen Miß- 
braudy treiben, fo fegt ein aftual unenbliches Kleine, was body 
die Null iR, ein aftual unendlid Großes voraus." Woraus 
denn als Schluß der Erörterung hingeftellt werben kann (S. 57), 
daß es „fo gewiß ein thatſaͤchlich unendliches Große gibt, als 
ein aftual unendliches Kleine, defien Realität, naͤmlich die Rull, 
über allen Zweifel iſt“. 

Wir verweifen biergegen auf das $ 7 Gefagte und bes 
merfen bier nur, daß, wenn man ſich erlaubt, mit O zu 


dividten und zu multipliztten — wenn I 0, fo iR auf 


10.00 — dadurch nicht bloß das aftual Unendliche, fondern 
auch noch verſchiedenes Andere bewielen werben Tann, z. B. daß 
Ad. Denn 4.00 und ebenfo 5.00. Alſo if auch 
4.0 — 5.0, und dividirt man nun beiberfeitö durch O, fo 
RA—5. Derartiger „Beweiſe“, die große Aehnlichkeit mit 
Taſchenſpieler / Kunfftüden haben, giebt es in ber Mathematik 
viele, aber immer nur da, wo entweder mit Null oder mit dem 
Unendlichen operirt wird, was fehr bezeichnend für dieſe beiden 
Werthe if. Wir wollen ein paar Beifpiele biefer Art hier 
näher in Betracht nehmen, weil ©. fie zum Beweiſe für das 
aftual Unendliche beranzieht. Diefelben follen nämlich darthun, 
daß auch dad verfürzte Unendliche, wenn tie Verkürzung nur 
eine enbliche if, immer noch als unendlich behandelt werden 
darf, und fie dienen ald Antwort auf die Frage, wie es denn 


152 © TH. Iſenkrahe: 


möglich fey, daß die unendliche Linie AX nach Wegnahme der 
©tüde AB, BC, CD u. f.w., alfo nah Wegnahme beliebig 
großer endliher Stüde immer noch unendlich bleibe. Zunaͤchſt 
alfo gelten die Beweife von dem verkürzten Unendlichen, aber 
es iR Mar, daß, wenn biefes als unendlich behandelt werben 
darf, das Gleiche a fortiori von dem unverfürzten gilt, und 
weiterhin leuchtet ein, daß, wenn man eine Größe ohne zu 
fehlen als unendlib behandeln fann, fie dann auch unendlich 
feyn muß. Deshalb dürfen und müffen wir dieſen Beweifen 
wohl eine befondere Stelle unter den gegneriſchen Argumenten 
für die Realität des aftual Unendlichen einräumen. " 


s 10. Eine mathbematifhe Probe 
1. „Man fann in ber That“, fagt G. S. 19, „eine ſchoͤne 
mathematifhe Probe darüber anftellen, daß man nicht irrt, 
fondern ganz genau rechnet, wenn man auch nad Wegnahme 
vom Unendlihen dasſelbe als unendlich behandelt. Kat man 
3. B. ben unendlichen (periodiſch wiederkehrenden) Kettenbruch 
1 





I+1 
6+1 
TH 
Sp 
TH 
Sr 
TFi 
5+ uf. 


zu abdiren, fo fegt man ihn — X und ebenfo läßt man ihn 
von der zweiten ‘Periode an wieder — X feyn. So erhält man 
Kl 
TFT 
SFX. 
Daraus ergibt fih nah Einrihtung: X?+7X = 6+X; 
X+6X-6; {= —3-+V15.®) 


>) Im einer Rote wird darauf hingewleſen, daß der negative Werth 
der Burpl hier nicht im Betradit fommen Eine. 


Das Unenblide in der Ausdehnung. 153 


Statt bei ber zweiten Periode abzubrechen, fönnen wir es 
bei der dritten und auch von da aus ben Kettenbruch wieder 
unendlich feyn laſſen. Dann hat man 

Xi 
T+1 
6+T 
I+1 
SF. 


Richtet man ein, fo erhält man X — 





+ 7X 
5+3X 
+7X 5X + 8X, A848 X + 8X2; ſchlieblich 
6=6X+X2, welches ganz genau dieſelbe Gleichung ift wie 
oben und alfo audy denfelben Werth, für den ganzen Kettenbruch 
liefert. Ratürlih würde man auch denfelben Werth erhalten, 
wenn man nad) der 3., 4., alfo nach jeder beliebigen ‘Periode 
abbrähe und von da ab den Kettenbruch immer noch als uns 
endlich betrachtete und wie am Anfange — X fepte. Daraus 
folgt, daß man auch nicht den geringften Fehler begeht, fondern 
wie die Rechnung nachweiſt, ganz mathematifch genau verfährt, 
wenn man den unendlichen Kettenbruch nad) jeder vorn weg- 
gelaffenen Periode immer noch als unendlich betrachtet. Dieſe 
Veweisführung wird über allen Zweifel baburdy erhoben, daß 
man umgefehrt durdy Rechnung nachweiſen kann, daß ber Werth 
desfelben, der unter jener Auffaffung erhalten wurde, wirklich 
— —-3+y15 if. Denn verwandelt man VIE ..... in einen 
Kettenbruch, jo erhält man ..... ganz genau 3 nebſt dem oben 
fummirten Kettenbruch, oder in anderer Form: 


34 5-1 


oder 





2%. Gegen biefe Beweiöfährung müflen wir zunächft daran 
erinnern, daß das Wort „fummiren“ ein fehr incorrectes iſt, 
wenn es fi darum handelt, einem periodiſchen Kettenbruch auf 
den fürzeften Ausdruck zu bringen. Die Perioden werben ja 


154 C. Th. Iſenkrahe: 


hier nicht ſummirt, nicht durch Addition mit einander vereinigt 
wie etwa die Perioden eines endloſen Dezimalbruchs oder die 
Glieder ſonſt einer Bruchreihe, die aus getrennten Werthen 
befteht, fondern die Vereinigung gefchieht weſentlich durch Divis 
fon refp. Muftiplication. Wo immer eine wirflihe Summi- 
rung vorliegt, muß das obige Experiment mißlingen, da ber 
Theil nie gleich dem Ganzen ſeyn kann. Deshalb fehlägt man 
denn auch in allen Fälen diefer Art ein ganz anderes Ber: 
fahren ein, wie wir gleih an dem folgenden Beifpiel fehen 
werben. 

Aber wie geht e& denn eigentlich zu, daß hier für X immer 
derfelbe Werth herausfommt, mag der Bruch fo viel oder wenig 
Perioden haben als er will? Auch wenn der Fortfchritt durch 
Divifion gefdhieht, muß fi doc fein Werth von Periode zu 
Perlode immer ändern. 

Die Löfung des Raͤthſels if leicht, wenn man fidh den 
Bruch mit dem fletd angehängten X näher anfieht. Bleibt 
nämlich dieſes X einmal weg, fo hängt der Werth des Bruches 
genau von der Zahl ber Perioden ab, die er gerade hat, aber 
durch jenes Anhängfel wird die Gleichheit immer wieder hers 
geftelt. Hat der Brud nur eine Periode und fein X, fo ift 
fein Wert) — 5 bei zwei Perioden obne X — 8. alfo ein 
wenig größer (ba = dem vorigen Werthe entfprechen würde) u.f.f.; 


hängt man dagegen X an, fo mag man fo viele Perioden hin 
fchreiden als man will: immer hat man es mit dem anfängs 
lichen Werthe zu thun, der — nur in erweiterter Borm — ſtets 
wiederfehrt. BEER 
Denn Km 1 
TH 

GFX. Statt num, wie bier gefcicht, 
bloß das einfahe X anzuhängen, kann man natürlich aud den 
Werth dafür einiegen, Welches aber ift biefer Werth? Run, 
bie ganze rechte Seite, bie ja dem linföfeitigen X gleich geftellt 


Das Unendiide in der Hntdehnung. 155 


wird. Alſo kann man, ohne den Wert; des Bruches zu altes 
rien, auch ſchreiben: 


I 

r_ 

T+1 
SHX. 

Auch diefer Ausdruck fchliegt wieder mit X, und fo fann man 
aljo die Wertheinfegung wiederholen. Auf biefe Weile wird 
der Ausprud immer länger, es entfiehen immer neue Perioden, 
und der Werth des Ganzen bleibt doc; ſtets derfelbe, ber er 
Anfangs war. Was fol nun, fo fragen wir, aus biefer 
ſchönen Probe” gefolgert werden? Daß ein Werth fich felber 
gleich bleibt, iſt doch wohl Nichts, was dem Unendlicyen irgend» 
wie zu gute kommen fönnte. Hier haben wir es mit feinem 
Unendlichen zu thun, fondern nur mit einem beliebig verlängers 
baren, aber an Werth ſich ſtets gleich bleibendem Bruch. 

Aber noch mehr: bei diefem Bruch iſt die Unendlichkeit 
auch fogar direkt ausgeſchloſſen. Das ergibt fih aus 
mehrern ganz einfachen Betrachtungen. 

Für's Erfte nämlich) muß man ſich erinnern, wie die Aus⸗ 
technung eines Kettenbruchs geſchieht. In einem folhen Bruch 
Reht immer ein Divifor unter dem andern, und erft wenn ber 
unterfe Divifor befannt if, fann die Ausrechnung beginnen, 
die alfo von unten nad oben fortzufchreiten hat, nicht ums 
gefehrt. Das liegt im Begriff und Gedanken eines ſolchen 
Bruchs; ohne einen legten Divffor,. der, wenn er auch noch 
nicht befannt IR, doch wenighens als egiftirend vorausgeſeht 
wird, bat er gar feinen Sinn. Zu dem nämlihen Schluffe 
gelangt man, wenn man fid) Far macht, was da6 „Summiren® 
eines folhen Bruchs eigentlich beſagen will. Wie wir ſchon 
hörten, ändert fi der Werth des Bruchs mit jeder neuen 
Periode, die Hinzufommt. Zwei, drei, vier Perioden „ums 
miren* heißt alfo den Werth beftimmen, den der Bruch durch 
zwei, drei, vier Perioden erlangt: Immer wird der Endwerth 


156 ’ €. Xh. Iſenkrahe: 


beſtimmt, den der Brudy an dem Punkte ſeines Wachſens, wo | 
man ihn in Betracht zieht, eben gerade erlangt bat. Was 
wird es alfo heißen, „alle“ (unendlich viele) Perioden „fum; 
miren“? 8 beißt tenjenigen Werth beſtimmen, den der Bruch 
erlangt hat, wenn er am Ende feines -- endlofen! — Wachſens 
angefommen if. Sodann endlich erinnern wir daran, daß das 
ſchließliche X in der obigen Ausführung niemals fehlen darf, 
wenn ber Bruch einen ſich glei bleibenden, conftanten Werth 
haben fol. Deshalb follte man eigentlich nicht ſchreiben: 





und am wenigften folte man dem ..... ein „inf.“ beifügen, 
fondern es muß heißen: 

1 

* 
sr 
A 
6+....‘ 

Erft durch das beigefügte X, womit dann die. Reibe ab- 
fließt, kommt ja ein conftanter Werth heraus, wie man 
ihn doc haben muß, um die Reihe dem conftanten —3 + 5 
gleich fegen zu können. Wir haben es hier mit einer der Un 
genauigfeiten zu thun, wie fe auch fonft vorfommen und zu 
irrigen Gonfequenzen führen. (Bgl. 812, 1.) 


3. Roc zwei weitere Beifpiele werben angeführt, bie wir 
jet rafcher erledigen können. S. 21 heißt ed: „Roc ein 
Beifpiel. Sol 5.8. Y, in einen Dezimalbruch verwandelt 
werden, fo erhält man durch Ausführung der Divifion: 
Y, m 0,11111..... inf. Soll nun umgefehrt der Dezimalbruch 
mit fletig wieberfehrender Periode in einen gefchlofienen Aus 
drud verwandelt werden, fo fegt man ihn befanntlih — X, 
multiplizirt beiderſeits mit 10 und erhält 


Das Unendlihe in der Ausdehnung. 157 


10X == 1,1111 .... inf. 
davon X O,11111.... abgezogen 
agibt IX-1; Ku. 

Diefes Refultat wird aber nur dadurch erhalten, daß man 
die Anzahl der 1 hinter dem Komma aud dann noch gerade 
fo unendli nimmt, als vorher, wo das eine 1 noch nicht 
dur Multiplication aus den Dezimalftellen hinter dem Komma 
zu den Ganzen vor dem Komma gebracht war.“ 


Hier haben wir es mit einem Beifpiel zu thun, wo bie 
„Summirung“ eine wirkliche il, und wo deshalb auch ein ganz 
anderes Verfahren eingefchlagen wird als vorhin. Um bie 
Summe zu finden refp. fie auf einen gefchloffenen Austrud 
zu bringen, ſtellt man fie nicht zweimal, zuerſt ganz und 
dann von irgend einem Gliede an, = X; man fagt nicht 
X 0,11111 X, oder um den Sinn biefed Ausdruds klarer zu 
machen: keit tat + X; denn alddann würde 
Äh fofort ergeben, daß die angeführten 4 Glieder von pofitivem 
Werthe — 0 wären, und wir hätten alfo hier eine Beſtaͤtigung 
des Sapes, daß man nicht den Theil dem Ganzen gleich ſtellen 
darf. Wir heben dies aber durchaus nicht deshalb hervor, weil 
und etwa jener Sag noch mehr oder weniger zweifelhaft und 
der Betätigung bebürftig erfchiene, fondern umgefehrt um zu 
tigen, daß es wenig Zweck bat, philoſophiſche Wahrheiten 
durch mathematifche Beweiſe erhärten zu wollen. Wem es 
jweifelhaft ift, ob der Theil immer Heiner feyn muͤſſe ald das 
Ganze, für den iR der angeführte Beweis ganz werthlos, da 
derfelbe jenen Say zur Borausfegung hat; wer aber nicht daran 
wweifelt, für ven iſt er überfüffig. Und fo überhaupt. Die 
mathematifhen Beweife oder „Beifpiele* gelten nur foviel ale 
die Principien, auf denen fie beruhen. Diefe müffen alfo immer 
zuerſt geprüft werden, ehe man fi) auf die Beifpiele berufen 
fann, und wenn leßtere nun richtig gewählt find, fo find ihre 
begründenden Prinzipien eben gerade diejenigen, um deren Er⸗ 
Bärtung es ſich handelt, fo daß alfo die Beweife, falls fie. 





158 ©. Th. Ifenfrahe: 


fireng als ſolche gelten wollen, auf einen Cirkel hinauslaufen. 
Doc dies mur nebenher. 

Gewiß iR der Sag, daß jeder Theil notwendig fleiner 
ſeyn müffe als dad Ganze, von dem er ein Theil iR, vol. 
tommen evident und fo allgemein gültig, daß er ſchlechterdings 
feine Ausnahme geftattet, auch nicht zu Gunſten des Unend: 
lichen. Gegen diefen Sag aber verſtoͤßt das obige Beifyiel, 
indem eine verfürzte Bruchreihe der unverfürzten gleich geReht 
wird. Daß man beide als gleih behandelt, wie es in 
obigem Verfahren geſchieht, dagegen haben wir felbftredend 
nichts zu erinnern, aber ber Beweis beruht ja auf der wirt» 
fihen, d. h. correcten Gleichheit, welche auch ausdrüdlid 
hervorgehoben wird. Hiermit glauben wir dieſes Beifpiel ver- 
laffen zu fönnen. Wir werben aber noch auf dasſelbe zurüds 
kommen, da es in der That fehr bezeichnend, eine „Brobe* iR 
zur Entſcheidung der Frage, ob das Unendliche der Matbematit 
als aktuales oder potentiale® zu faflen fey. 

„Ganz genau“, heißt es weiter (S. 22), „zu bemfelben 
Ergebniffe führt die Aufgabe, die Summe der unendlichen Reihe 
Vet yap a ———— 

Vır mm 
Iryatyarur 
zu beſtimmen. Nur die Vorausfegung, daß die Reihe noch 
unendlich *) bleibt, wenn man auch beliebig viele Glieder wen: 
laͤßt, geftattet die Summirung berfelben; und wo man immer 
abbricht ober anfängt, immer fommt ganz genau dasſelbe 
Refultat heraus. Wird die Reige — X gefept, fo iR auch noch 
X=v2rX 
— 


x — 
—— 
) Barum nicht lieber ſagen: gleich? Fattiſch wird ja überall nur 


auf die Gleichheit hingewleſen und dann dem Leſer der Schluß auf die 
Unendligkeit überlaffen. 


Das Unendliche in der Ausdehnung. 189 


Bram aus erſterer Gleichung hat man u. ſ. w.“ Gdolgt bie 
Ausrehnung.) 

Hier liegt, wie man fleht, wiederum feine wirflice 
Summirung vor, und daher if denn auch wieder bad erfle 
Verfahren zuläffig. Das Beifpiel iR überhaupt mit dem erften 
fehr nahe verwandt, und es unterfcheidet ſich von demfelben 
nur dadurch, daß die Rechnung wirklich zu Ende geführt werden 
fan, weil man es nicht mit einem irrationalen Werthe zu thun 
bat. Wir befchränfen und daher auf bie Erflärung ber fleten 
Gleichheit. 

Da 2 y4 oder Y2+2, fo kann man für jedes 2 
unter dem Wurzelzeichen den gleichwerthigen Ausdrud Y2-+ 2 
binfegen. Geſchieht died, und zwar immer nur bei, dem 
weiten 2, fo erhält man die Gleichungen: 2 -Vi+y3F3 


Ve Ve 
Otyatyors > Y2+ — u. ſ. w. 


Das Gleiche gilt natürlich, wenn man für 2 den Buchſtaben X 
hinſchreibt. Geſchieht died allgemein links und rechts, fo hat 
mn: x — VX+X = VAHYI+X u. ſ. w. und geſchieht 
es nur ba, wo es noͤthig iſt, um die Uebereinſtimmung mit 
obigem Erempel berzuftellen, fo hat man XeVA+y3FX 


= Vetyatyorr u. ſ. w. Damit ift die ſtete Gleichheit 


erllart und es bedarf gar nicht erſt noch einer Controle durch 
die Ausrechnung. Sie iR aber nur dann vorhanden, wenn 
das fchließliche X Coder 2) ausdrüdlich beigefügt und nicht etwa 
dur Punkte angedeutet wird. Diefe Bunfte find ja nur für 
die Phamtafie vorhanden, auf die Rechnung haben fie feinen 
Einfluß. Was auf die Rechnung Einfluß haben fol, muß 
immer ausbrädlich hingeſchrieben werden, und dann gelangt es 
auch immer nur in ber Deutung zur Berrehnung, die fi 
aus dem Zufammenhange mit Zwang ergibt, nicht in der⸗ 
ienigen, die ihm die Phantafle des Rechners etwa geben moͤchte. 


160 © Th. Ifentrape: 


&o mag Lepterer fi) einbilden, das ſchließliche X repräfen 
tire eine unendliche Anzahl von Gliedern, die noch kommen 
müßten; thatſaͤchlich thut es das nicht, fondern in Folge der 
Gleichſtellung mit dem X auf ber linken Seite repräfentirt es 
lediglich tie dageweſenen Glieder, fich ſelbſt mit eingeichloflen. 
Ueber die Glieder, die nody fommen müßten, wirflid aber nicht 
tommen, läßt fi durch die Rechnung nichts ermitteln, eben 
weil fie nicht auf dem Papier ſtehen; fie find nur in Gedanken 
vorhanden und nur ber Gedanke kann fid) mit ihnen befcyäftigen 
— ohne das Hülfsmittel der Rechnung. 


s 11. Ob die Mathematik das aftual Unendliche 
poRuliret 

Zu ben gegnerifchen Argumenten, deren Beiprehung uns 
obliegt, kann auch der Nachweisverſuch gerechnet werben, daß 
die Mathematit das aktual Unendliche poſtulire. Denn wenn 
diefer Verſuch gelänge, fo würde damit immerhin ein gewiſſer 
Autoritaͤtsbeweis für die logiſche Möglichkeit jenes Unendlichen 
erbracht feygn — mehr nicht, da ja die Mathematik in Perſon 
nie zu Wort kommt und Jeder mit feinen „Poftulaten“ ſich zu 
tichten hat nad) den Gefegen des vernünftigen Denkens — aber 
doch ein ſolcher Autoritätöbeweiß, der bei dem hohen Anichen 
der Männer, welche die mathematiſche Wiſſenſchaft dis zu ihrer 
heutigen Entwickelung berangebildet haben, außerordentlich ſchwer 
in's Gewicht fallen müßte. Sehen wir daher zu, ob der Verſuch 
gelingt. 

1. Sehr viel Fleiß und Sorgfalt verwendet Butberlet 
auf denfelven, und er unterläßt nicht, hervorzuheben, „daß es 
fi) manche Phitofophen fehr leicht machen, wenn fie das mathe- 
matifche Unendliche vielfach als potentialed erflären, al wenn 
fi) dies von felbft verſtaͤnde“. Daß ber Sadwerhalt hier fo 
einfach nicht ſeyn könne, „beweiſen die ausführlichen Eroͤrte⸗ 
tungen, weldye über das Weſen desſelben ſchon feit Kepler 
und Leibnitz geführt worden find“. Alsdann wird, „um dab 
Leichtfertige jener Grelärungen recht ſchlagend zu zeigen“, Bezug 


Das Unendlige in ber Ausdehnung. 161 


gmommen auf eine Ausführung von Joh. Aug. Grunert, 
die aber nur beweift, daß dieſer Gelchrte für feine ‘Berfon das 
Unendliche der Mathematik als ein aktuales gefaßt wiflen will; 
denn die beigegebene Begründung kann unmöglich genügen, da 
gerade der Punkt, auf den es hauptſaͤchlich anfommt, unerörtert 
bleibt. Grunert fagt nämlid (in dem von ihm beendigten 
mathemat. Wörterbude 5. Ch. S. 515): „So lange man fi 
eine Größe ald eine Zahl”) datgeſtellt dent, iR es, wie es 
ſcheint, feinem Zweifel unterworfen, daß dieſe Größe weber 
beim Abnehmen O, noch beim Bunehmen co wirklich erreichen, 
fondern fidy diefen beiden Grenzen nur immer mehr nähern 
tann. Bei fletigen Groͤßen aber ift dies anderd..... Belannt- 
sin @ 
cp 
genommen nur für den Fall gift, wo die Linien, durch weiche 
die Tangente und Secante des Winkels ꝙ geometrifcy dargeſtellt 
werden, ſich wirklich ſchneiden. Denkt man ſich die Tangente 
von 90° durch eine Linie geometriſch dargeſtellt, ſo kann man 
fie Ach nicht anders, als unbegrenzt, ohne Ende, vorſtellen, da 
fe von der Secante nicht mehr gefchnitten wird. Wendet man 


lich iſt taug — 





‚ eine Formel, deren Beweis ſtreng 


*) Gutberlet macht hierzu eine Anmerkung, in der er das Geſagte 
enfhränend nur von ber „befimmten“ Zahl will gelten laflen. Er fagt: 
nEehr wahr iſt es, daß eine beffimmte Zahl mie wirklich unendlich feyn 
tan“ Dann heißt cd welter: „Wenn aber Grunert unter Zahl jede 
dieciete Grdße verſteht, fo iſt es unconfequent. der Retigen Größe eine Un⸗ 
adtichteit. beizulegen, Die er der Diörteten abforiät. Denn eine jede fetige 
Größe kann durch Meſſen discret werden, und es muß alfo eine aftual 
unendliche Ausdehnung durch eine aftual unendliche Menge dargeflellt werden 
Bauen.“ Cine foldhe aftual unendliche Ausdehnung wäre dann alfo, wies 
wohl gemeflen und deswegen dideret, doch micht „beftimmt“. Was heißt 
das? Dffenbar wäre es eine petitio principii oder eine vitidſe Tautologle, 
wenn darauf feine andere Antwort gegeben werden könnte, ald: fie wäre 
uiät endlich. In der That aber möchte eine andere ſchwer zu finden feyn. 
Berſuchen wir nur zu egemplifigiren. Cine Zahl „awifien 1 und 100° iM 
gewiß wnbeftimmt, aber eben fo gewiß auch endlich. „Zwiſchen I und 
1000 u.f. mw.” iſt es ebenfo. Laͤßt man jede Grenzenbeſtimmung weg, fo 
wird es Daburd) nicht andere, ed ſey denn daß man poſitiv die Unendlichkeit 
Ratwire und alſo fage: „unbefimmte” Bahlen find unendlige 

Beith@e. f. Fhliof. m. phil. arint, 06. Band. 5 1 


162 €. pH. Iſenkrahe: 


nun obige Bormel auch auf diefen Fall an und läßt man 9 
von O an immer mehr und mehr zunehmen, fo wird p immer 
größer, cos @ immer Heiner, der obige Bruch d. i. tang @ alfo 
immer größer, ganz der Natur der Sache gemäß. Denft man 
fi aber, daß  wirklih — 90° geworden if, fo gilt Areng 
genommen die obige Bormel nicht mehr, fie geht aber, da für 


biefen Fall = 1, cosp—= 0 if, in das Symbol 4 


über, woburd nun eben angedeutet wird, daß in biefem Falle 
die Tangente, ald ſtetige Größe, unbegrenzt, ohne Ende, im 
eigentlichen Sinne unendlich, vollgroß nah Buffe gedacht 
werden muß.” Hier müßte doch jedenfalls, und gerade das iR 
die Hauptfache, erörtert werden, ob die Formel für die tang 9, 


cr] in das Symbol + übergehen kann, ohne daß man ben 


Begriff der Tangente zerftört. Wenn es zum Begriff ver 
Tangente eines Winkels gehört, daß fie von deſſen beiden 
Schenkeln durchſchnitten wird, bann iſt obiged Symbol als 
Bormel für die Tangente offenbar widerfprechend; es muß dann 
dummer der Sinus unter 1 und der Coſinus über O bleiben. 
Gehört dagegen das Durchſchnittenwerden nicht zum Begriff, fo 
muß biefer eine erweiterte Faſſung erhalten, und es wäre daher, 
bevor man den gedachten Uebergang fich vollziehen ließ, zuerſt 
der erweiterte Tangentenbegriff klarzuſtellen gemefen. 

Weiter fagt Orunert: „Wer fih nur ein beflimmtes 
Stüd einer Parabel, einer Hyperbel oder einer Kegelfläche vors 
Reit, hat noch feinen vollſtaͤndigen Begriff davon. Um fih 
diefelbe, ich möchte fagen, in ihrer Ganzheit vorzuftellen, muß 
man fie fih im ihrer unendlichen Ausdehnung, immer nad) 
einem und bemfelben Gefege gekrümmt und gebildet denfen. 
Dies find andere Beifpiele, wo fletige Größen wirklich als uns 
endlich gedacht werden müffen.“ Hier müffen wir doch fragen: 
wozu ber Lurus bed „Ganzdenkens“, da das Bildungsgeſeh 
der erwähnten Größen ja doch überall eins und dasfelbe if? 
Da thut ja jedes kleinſte Stüd die nämlihen Dienſte. Biel 


Das Unendliche in der Husdefrung. 163 


beffer Liebe ſich noch die Rothwendigfeit des Ganzdenkens“ bei 
ven fog. unendlichen Reihen motiviren, deren Werth ſtets waͤchſt, 
alfo nicht einer und berfelbe bleibt; aber wir haben ſchon gehört, 
dab bier — forie überhaupt beim Unendlihen — die „Ganz⸗ 
heit” begrifflih ausgeſchloſſen iR. 

Endlidy heißt ed: „Etwas Aehnliches findet ſtatt, wenn 
man beim Kreife die ihm befchreibende gerade Linie, nachdem 
fie einen Umlauf vollendet, nicht ſtille Rehen, fondern ihre Ums 
!äufe willfürlid) oft fortiegen und wiederholen läßt. Im ber 
anafytifchen Trigomometrie gebraucht man in ber That dieſe 
Borkellung durdgängig. Auf ähnliche Art kann man ſich auch 
die Ellipfe und jede andere gefchloffene Eurve als unendlich 
denfen. Die Eycloide und Epichcloide, welche durch Umwaͤlzung 
eines Kreiſes entſtehen, find ebenfalls unendliche Größen. Wenn 
der Kreis feine Ummälzung einmal vollendet hat, muß man ihn 
nicht ſtille ſtehen laffen; man fann die Umwälzung willkürlich 
oft wiederholen.“ Allein es iſt wohl Ear, daß biefe Bes 
trachtungsweiſe hödftens zu tem „sine fine finitum“ führt, 
nit zum aftual Unendlihen. So lange der Kreis feine Um» 
waͤlzungen fortfeßt, iſt die zurüdgelegte Bahn endlih, und er 
fann doch unmöglich mehr thun, als daß er fie eben — fort⸗ 
fept. Deswegen mag Gutberlet aus den Gruner t'ſchen 
Ausführungen immerhin den Schluß ziehen, daß diefer Gelehrte 
der Meinung iſt, das aftual Unendlihe fey in der Mathematik 
entbehrlich; bie wirkliche Unentbehrlichfeit iſt nicht nach⸗ 
gewieſen. 

2. Gutberlet möchte aber gern feine Anficht über das 
Unendliche der Mathematit auf eine breitere Grundlage ſtellen 
als auf die Ausführungen eines einzelnen Mathematikers. 
Darum fährt er fort (S.53): „Betrachte man bie von allen 
Mathematifern wenigſtens der Neuzeit aufgeftellten Definitionen 
von «oo und O, als Grenzwerthen von Veraͤnderlichen und den 
Begriff der Grenze ſelbſt. Nah Schlömild (Handb. der 
math. Analyfis 1. Th. 85) iR oo nicht eine beſtimmte Größe, 
fondern eine fortwährend ſich änbernde, jedoch Aber alle angeb⸗ 

11° 


164 G. Th. Iſenkrahe: 


baren Grenzen binausliegende Bariabele." Es folgt nun eine 
Bemerkung über die Behandlung der Bariabeln, worin gelagt 
wird, daß dieje, wiewohl fie fi fortwährend ändern, doch nur 
als Eonfanten in Rechnung gezogen werden fönnen, indem 
man nämlich die fucceffiven Momente ihrer Entwidelung in's 
Auge faßt.*) Dann heißt es weiter: „Diefe Bemerkung vor 
ausgeihidt behaupten wir, daß bie von Schlömild und allen 
Mathematitern angenommene Definition des oo als einer über 
alle angebbaren Grenzen hinausgewachfenen Größe das aftual 
Unendliche einfhließt. Denn jenes ‚Wahsthum der Bariabeln 
über alle angebbaren Grenzen hinaus‘ fann nicht fo verfanden 
werden, daß man in jeder Gleichung zwiſchen den veränder- 
lichen fie als wachſend denft, fondern man poflulirt dann eine 
Sleihung, in welcher die veränderliche über alle angebbaren 
Grenzen hinaus gewachſen if, d. b. in ber fie den umver 
änderten Werth des nun wirklich Unbegrenzten, d. h. kategore⸗ 
matiſch Unemdlihen hat. Dasfelbe gilt auch für die abnehmende 
Bariabele..... Kürzer pflegt man auch zu fagen: ‚oo iſt größer 
als jede angebbare Größe‘. Aber das wäre fie nicht, wenn fie 
nicht aftual unendlid wäre. Denn wäre fie dad nicht, fo 
könnte man fie noch fo groß nehmen, fo könnte man immer 
eine größere finden. Und wenn die unendlich Heine Größe nicht 
wirfli 0 geworben wäre, fo ließe ſich ein Kleineres als fie, 
nämlih © angeben.“ 

Hier können wir Gutberlet nur zuftimmen, wenn er 
aus den angeführten Definitionen, dieſe ireng genommen, 


*) Die obige Bemerkung {ft unzweifelpaft richtig, und zwar ſchon dedr 
Halb, weil jede Zahl, jeder Buchflabe, jedes Symbol, kurz jedes Werthgelden 
in berfeiben Rechnung denfelben Werth behalten muß. Davon find 
0 und co nicht außgenommen, und wenn man daher überhaupt mit O Diele 
diren, d. 5. diefe Diviflon nicht bloß fumbolifiten, fondern aud ausführen 
wid, fo muß 3 immer =1 geſeht werden, eine Forderung, die Gut ⸗ 
berlet ausdrüfli zurüdweift, weil er dadurch mehrfad In feiner Beweis⸗ 
führung geftdrt wird. (Bgl. &.58, 80 u.fonf.) Zur Mottvirung wird dab 
nur bemerft, daß man dad Unendliche nicht nach den gemeinen algebraiſchen | 
Regeln behandeln könne. 


Das Unendliche in der Ausdehnung. 165 


ibließt, daß in der Mathematif dad aftual Unendliche poftulirt 
were. Denn was wirklich größer reſp. Heiner ſeyn fol ale 
iede angebbare emdliche Größe, kann nicht felbft wieder eine 
(angebbare) endliche Größe feyn — fie müßte ja font größer 
refp. Meiner ſeyn als fie ſelbſt. Aber diefe irenge Faſſung ift 
doch wohl nicht nothwendig. Größer (und feiner) als jede 
angebbare endliche Größe find immer auch embliche Größen 
dann möglid, wenn auf da Praͤvenire, auf die vorberige 
Befimmung verzichtet wird, weil ja nachher fih immer 
größere (Heinere) angeben laſſen. Genauer möchte es deshalb 
allerdings ſeyn, flatt „angebbar” lieber zu fagen „angegeben“, 
aber diefe Formalität macht ja nichts aus, da auch bei lepterer 
Faflung die vollfommene Freiheit des „Angebens“ Mar genug 
bervorträtt. Genug, es lafen ſich über jede angegebene und 
aud über jede angebbare endliche Größe hinaus weitere größere 
und Fleinere angeben, wenn auf die vorherige Beſtimmung vers 
üchtet wird, und fo dürfte gegen die ufuelle Zaflung für das 
Unendliche nichts Sachliches einzuwenden feyn. Man ftedt den 
Kreis der jeweiligen Betrachtung fo weit ab, ald es eben noth⸗ 
wendig erfcheint, und nennt dann die äußere — für diefe 
Betrachtung unerreihbare refp. faktiſch unerreichte — Grenze 
„unendlich“. Daß dies logiſch unzuläffig ſey, wird nicht 
asfagt werben fönnen, und wer gegen die formale Eorrectheit 
Emwas einzuwenden hat, wird eine correctere Faſſung vors 
zuſchlagen haben. Wir umfererfeit6 finden nur die, daß man 
Ratt „angebbar“ fagt „angegeben", welche Faſſung freilich auch 
ven Gebanfen nicht mit wünfchenswerther Präcifion zum Aus- 
rad bringt. Jedenfalls liegt der ſchlimmſte Fehler in dem 
Bort „unendlich“, welches aus der Mathematif ganz verbannt 
werden follte. 

Daß faktiſch nicht alle Mathematiker dad Unendliche ber 
Wathematif für ein wirklich) Unendliches halten, dafür führt 
Gutberlet felb mehrere Beifpiele an, fo beſonders Cauchy 
und Lagrange, welchem Leptern er ein „enorm großartiges 
mathematiſches Talent“ zufpricht, ſowie bezüglich des unendlich 


166 €. TH. Iſenkrahe: 


Kleinen Earnot, weldyer (Geom. d. Stellung I. 8 19) fagt: 
„Eine unendlich Meine Größe iſt nicht eine Größe gleich Null, 
fondern eine Größe, welche Null zur Grenze hat.“ ) 

3. Noch werthvoller für die Begründung der in Rebe 
ſtehenden Anfiht wäre ed, wenn fie ftatt auf die üblichen 
Theorien ſich zurüdführen ließe auf die allgemeine Praris; ale 
dann fönnte man mit Bug und Recht fagen, daß „die Mathe: 
matif* das aftual Unendliche poſtulite. Darum gibt But: 
berlet fi denn auch außerordentlich viel Mühe, Nachweiſe 
diefer Art beizubringen, aber man darf fagen, daß fie alle an 
einem Fehler leiden, nämlich an einer conftant wiederkehrenden 
unerwiefenen Borausfegung; es wird angenommen, 
daß überall da, wo das leihheitözeihen angewandt wird, 
immer aud eine correcte Gleichſtellung gemeint fey, und daß 
insbefondere dad unendlich Kleine, weldyes man == O fegt, des⸗ 
wegen auch correct O, das reine Nichts feyn müfle. Nimmt 
man dieſes an, dann freilich iR der Nachweis, daß man in der 


Mathematif mit dem potential Unendlichen nicht auskommt, fehr 


leicht; aber dann verwidelt man fi auch in Widerfprüche, die 
©utberlet zu löfen nicht vermag, und die doch fo einfach ſich 
heben, wenn man die Gleichſtellung in den Fällen gedachter Art 
nur als eine annähernde faßt. Kann dies, wie wir hoffen, 
zur Evidenz beiwiefen werden, fo wird man zu beim Gchluffe 
gelangen wmüflen, daß die Mathematif dad aftual Unendliche 
nicht poftulict, fondern vielmehr geradezu perhorrescirt. 


$ 12. Die Mathematif perhorrescirt das aftual 
Unendlide, 

1. Segt man einen periodiſchen Dezimalbruh correct 

dem endlichen Werthe gleich, den er barftellen will, z. B. 

0,33333 ..... correct — 5, fo fieht Jeder fofort ein, daß 


x *) @. fiößt fi an dieſer Aeußerung und nennt fie „durchaus un 
finnig“, da ja jede Zahl die Null zur Grenze (der Abnahme) habe. Ja 
der That iſt der Ausdrud recht ungeſchiat; ſtatt „@röße” follte es wenig: 
ſtens heißen: „Variabele“. 


Das Unendlie iu der Ausdehnung. 167 


bier die potentiale. Unendlichteit nicht genügt; bie Reihe der 
Desimalftellen mag fo groß werden wie fie will: fo lange fie 
endlich bleibt, wird der Werth z correct nicht erreicht. Dass 
felbe gilt von andern Bruchreihen, die Outberlet bei feiner 


4 1,1,1,1 
Beweisführung verwendet, 3.8. von atstatrm 


welche Reihe im Bereiche des endlichen Wachsthums den Werth 1 
nie erreicht, und von den fog. irrationalen Zahlen. Immer muß 
entweder auf die correcte Gleichſtellung verzichtet werden, ober 
man if genöthigt, das aftual Unendliche zu Hülfe zu nehmen, 
ein Drittes bleibt nicht übrig. Welches von den beiden Gliedern 
der Disjunktion fol man nun wählen? Auf den erften Blick 
möchte body einleuchten, daß von einer correcten Gleichſtellung 
in den gedachten Fällen nicht die Rebe ſeyn kann und daß alfo 
die Wahl fi ganz von felbf ergibt, ganz abgefehen von ben 
Schwierigkeiten, die mit dem Begriffe des aftual Unendlichen 
verfnüpft find. Doch gleichviel; . wer das zweite Glied wählt, 
hat die Gonfequenzen davon auf fi zu nehmen. Er muß alfo, 
um zu dem erflen der obigen Beifpiele zurüdzufehren, angeben, 
wo ber Divifionereft, den jede endlich vielmalige Divifion zurüds 
läßt, endlich bleibt? Er „verſchwindet“ — aber wie geht das 
denn zu? Bei jeder frühern Divifion ift er doch nur immer 
fleiner geworben und zwar fo, daß er ein beflimmter endlicher 
Teil des frühern war 6 desſelben), und wenn er alſo zuletzt 
verſchwindet, fo müflen die frühern mit verſchwinden, da 10x 0, 
100x0 u.f. mw. doch immer — 0 if. Ja ſelbſt der ganze 
Deyimalbrudy muß verſchwinden, da jeder Reft F der lehten 
Dezimalſtelle an Werth repräfentirt. Denn 4 — 0,3 +5 
033 —0,333 55 u ſ. w.; immer iſt der Reft 
-; der Iegten Dezimalftelle, und wenn er alfo verſchwindet, 
zu O wird, fo verfhwindet auh 9x0, 90x0 u.f.w., kurz 
der ganze Dezimalbrudh. *) 


9 Die Sqhrelbweiſe Z == 0,8383 ..... {R fo incorrect wie bie $ 10,2 
ewähnte; eb entficht der Schein, als werde der unaustilgbare Ref im 


168 €. Th. Iſenkrahe: 


Das Nämliche ergibt fih aus der Betrachtung der zweiten 
obigen Bruchreihe. Haben wir irdad oder Stit3 ... 
fo wird das, was an 1 fehlt, immer nur zur Hälfte beis 
nefügt, die andere Hälfte bleibt noch zurüd; und wenn leptere 
alfo irgend einmal = 0 wird, fo wird damit die andere und 
folgerecht alles Frühere auch — 0. 

Ueber die irrationalen Zahlen ift das Noͤthige früher ſchon 
nefagt worden. (Val. 81,4.) 

Wil man alfo an der correcten Gleichſtellung fefthalten, 
fo bat man die angeführten Eonfequenzen mit zu übernehmen. 
Doch es find nicht die einzigen. Erinnern wir und an das 
oben ($ 10, 3) erwähnte Verfahren, wonach man zum Ziwede 
der Verwandlung eines periodifchen Dezimalbruchs in einen ber 
ſtimmten endlichen Brud die verfürzte Stellenreihe der unver⸗ 
fürzten, den Theil alfo dem Ganzen gleichfegt; es ift klar: wer 
prinzipiell jedes Gleichheitszeichen im Sinne einer correcten 
Gleichſtellung glaubt nehmen zu müflen, ver darf auch bier 
feine Ausnahme machen und muß alfo der Mathematif einen 
jo ganz augenfälligen, horrenden Fehler, einen Berftoß gegen 
den elementarften Grundſatz alles Rechnens zur Laſt legen. Da 
denken wir denn doch, daß die „Mathemarit“, wenn fie in 
Berfon zu Wort käme, gegen ein ſolches Vorgehen entſchieden 
proteftiren und mit und erflären würde, daß fie dasſelbe per⸗ 
borrescire. Fehlt auch nur eine Dezimalſtelle in der frühern 
ganzen Reihe, jo iR die zur correcten Gleichſtellung erforderliche 
abfolute Identität nicht mehr vorhanden, und es iſt doch 
befannt, daß das gleiche Verfahren auch angewandt wird, wenn 
mehrere, fa beliebig viele Stellen durch Multiplication vor das 
Komma gebracht werden mürlen — bei mehrflelligen Perioden 
und wenn außerdem auch noch eine Reihe Nullen der erſten 
Periode vorhergeht. 


die Punkte aufgelöft. Um Irrthümern vorzubeugen, follte man ſchreiben 
8... 


Das Unendliche in der Ausdehnung. 169 


Ale dieſe Widerfprüche nehmen die Anhänger des aftual 
Unendlihen mit leichten Serien bin. Ebenfo Gutberlet, 
der fie als eigentliche Schwierigfeiten, die einer Loͤſung bedürften, 
gar nicht in Berracht zieht. Es gibt aber noch andere, die er 
ſelbſt fcharf betont und an deren Loͤſung er ſich verſucht. Die: 
felben ergeben fih daraus, daß man, wie S.57ff. ausführlich 
nachgewiefen wird, das unendlich Kleine bald als Null, bald 
ald Ewas behandelt, was offenbar dann — aber auch nur 
dann — unflatthaft ift, wenn man feine „annähernde“ Gleich» 
Relung zuläßt. Meber diefe Schwierigfeiten heißt es (S. 81): 
„Aber verwideln wir und damit nicht in einen unauflöslichen 
Widerſpruch? Das Differenzial fol ganz genau — 0 und 
wieber durchaus eine Eröße feyn. Und die Rull, infofern fie 
gleih Sy (ein unendlich Kleines) iR, ſoll größer ſeyn als dad» 
ſelbe Null, infofern es — dx (rin anderes unendlich Kleines) 
md zwar bier nx®-! mal größer (ein beftimmtes Produft von 
jenem). Nullen vergleicht man mit einander; mit Rullen redynet 
man, obgleidy oben gezeigt wurde, daß dies durchaus unftatt- 
haft, ja unfinnig iR; denn mit dem Nichts läßt fich nicht 
rechnen. Die Art und Weiſe, wie Klügel zwifchen das Nichts 
und ein Etwas noch ein Mittelding einfchiebt, indem er der 
„bezüglichen Größe‘, der Beziehung, die von der Größe abficht, 
diefe Stelle einräumt, kann nicht genügen, zumal jenes Ber» 
haͤlmiß wieder eine Größe if. Wie fann man zwiſchen biefer 
Soda und Eharybdis der Differenzinlrehnung und fchon der 
algebraifchen Analyfis ungefährbet hindurchlkommen?“ Man 
fieht, wie das Prinzip der correcten Gleichſtellung, dem das 
altual Unendlihe in der Mathematif feinen Urfprung ver 
dankt, auf der andern Eeite auch ſchwere Verlegenheiten im 
Gefolge hat, fo zwar, dab mirflic ein heroifcher Muth dazu 
gebört, ihre Löfung zu verfuchen. Ein Mittelding zu finden 
wilden Ewwas und Nichts, welches „ganz genau — U und 
wieder durchaus eine Größe“ if, das iſt ein ſchweres Stuͤck 
Arbeit. Sehen wir zu, was Gutberlet zur Löfung vor 
bringt, 


170 C Th. Ifeutrape: 


2. „Hier kann“, fährt er fort, „nur ein Leitſtern helfen, 
der aber meines Wiflens noch feinem Mathematiker geleuchtet 
bat, naͤmlich der Gedante, den Thomas von Aquin lo 
häufig vom unendlih Großen ausſpricht: ‚Was in einer Be: 
siehung unendlich if, kann unter einer andern endlich feyn. 
Bgl. 3.8. 3 p.9. 10 a. 3 ad 2m. Die ausführliche meta 
phyſiſche und marhematifche Begründung beöfelben haben wir 
bereit6 oben*) gegeben. Derfelbe gilt aber auch in voller 
Wahrheit vom aktual unendlih Kleinen, von der Null. Was 
unter einer Rüdfiht ein unendlich Kleines if, kann unter 
einer andern noch endlich klein ober was dasſelbe iſt, endlich 
groß feon, was unter einer Rüdfiht Null if, kann unter 
einer andern etwas ſeyn. Nur dad fchlechthin unendlich 
Kleine if (ebenfo wie das ſchlechthin unendlid Große unter 
jeder Beziehung unendlich) in jeder Beziehung Nichts. Die 
Möglichkeit einer folchen Unterfheidung, zwiſchen abfolut un 
endlich Kleinem oder abfolutem Nichts und relativ unendlich 
Kleinem oder relativem Nichts leuchtet ohne alle weitere Beweis⸗ 
führung ein und wird einigermaßen auch außer der Mathematik 
angewandt. Gewiß if es etwas anders zu fagen: Gar Ride 
und etwas anders: Nichts an Weiöheit, oder Nichts an Tugend, 
Nichts an Reihthum, was basfelde if wie: Keine Weisheit, 


*) Bo denn? Bir haben trop allem Suchen Nichts gefunden, was 
einer wirflihen Begründung ähnli fähe. Wir wollen aber eine Stelle 
mitteilen, die hierher zu rechnen ſeyn möchte. S. 16, wo ©. ed mit dem 
Cinwande zu thun hat, wie die „einfeitig begrenzte“ Linie BX unendlich 
ſeyn fönne, da fie Meiner fey als AX, wird biefer Cinwurf zunädhk den 
Gegnern zurüdgegeben, die ja auch verſchledene Abftufungen in der „Ber 
mehrbarteit“” zuließen, und dann feißt ed weiter: „Im Uebrigen if gar 
Beine Schwierigkeit in der Annahme zu entdeden, daß ein Unenblices größer 
fen als das andere; denn unendlich heißt an und für fich nicht das Größte 
unter allem Möglichen feyn, fondern nur einfach ohne Grenzen feyn. Run 
iſt doch fonnenflar und wird vom Hi. Thomas fehr Häufig wiederholt (vgl. 
unten), dei Etwas, was in einer Beziehung, nad einer Bichtung bin 
Begtengt, endlich ift, nad) der andern hin unbegrenzt gefaßt werben fann. 
Bergleiät man nun 2 Unendliche mit einander u.f.w.” Unter der einen 
Beziehung“ iſt alfo bie eine Geite der Zinte zu verfichen, und das hin- 
weifende „unten“ geht vermuthlid auf die hier in Rede fichenbe Ausführung. 





Das Unendlice in der Ausdehnung. ım 


feine Tugend, fein Reichthum. Das gar Nichts kann aller 
dings nicht größer ſeyn als ein anderes gar Nichts, beide fönnen 
gar nit mit einander verglichen, ihr Verhalten nicht berechnet 
werden, man weiß nur von ihnen, daß Nichts = Nichts iſt. 
Betrachtet man die relativen Richtfe in dem ihnen allen gemein» 
famen Nichts, fo find fie alle gleich, oder find unberechenbar. 
Wie die unendlich Großen von Seiten ihrer Unendlichkeit uns 
zugaͤnglich, unvergleihbar find, und man nur von ihnen weiß, 
daß fie hierin alle gleich find, ebenio bei den unendlich Kleinen. 
Bon ihrer unendlichen Kleinheit aus betrachtet find fie unver 
gleihbar, nur daß man weiß, daß fie hierin alle gleich find. 
Aber von Seite des Pofitiven, was das bezüglice Nichts eins 
ſchließt, find fie vergleichbar umd verfchieden. Denn id) kann 
ucht gut fchägen (mern auch bei dieſem Beilpiele nicht in 
Zahlen angeben), daß feine Tugend ſchlimmer iſt als feine 
Weioheit, und fein Reichthum nicht fo ſchlimm als feine Weiss 
keit, und daß 10 Mal, d. 5. in 10 Fällen kein Geld haben 
mad ganz anderes iR als einmal, obgleich das Endrefultat 
das nämliche if; nämlih 10.01.00, Hier haben wir 
das fo ſehnlichſt geſuchte Mittelding zwiſchen Nichts und Etwas. 
Das relative Nichte iR Etwas von feiner pofitiven, endlich 
großen Seite, if Nichts von feiner negativen, endlich (unendlich? 
Endlich) groß und endlich Klein wurden fo eben gleich geftellt.) 
Meinen Seite.“ 

Diefe Löfung wird nun auch verwerthet zur Erklärung der 
verfhiedenen Ordnungen bed unendlich Kleinen ſowie bes 
Umkandes, daß das unendlich Meine einer jeden Ordnung 
gegen das der vorhergehenden Ordnung vernacpläffigt werden 
darf und wird. Indem nämlidy eine Größe herabfinft aus der 
Endlichkeit in die verſchiedenen Gebiete des unendlich Kleinen, 
wird fie jedesmal für das Gebiet, welches fie eben verläßt, 
correct zur Null und kann alfo dort vernadhläffigt werben; 
für die folgenden Ordnungen aber bleibt fie immer noch 
Etwas und fann darum auch immer ald ein Etwas behandelt 
werden. 


172 €. Tb. Iſenkrahe: 


Wir glauben ausführlich) genug citirt zu haben, um bem 
Lefer ein Urtheil über die feltfame „Loͤſung“ zu ermöglichen. 
Vermuthlic wird er im günftigfen Falle der Meinung feyn, 
daß doch nur neue Geheimniffe an die Stelle der andern treten. 
Wie wir unfererfeit8 darüber denfen, haben wir bereits früher 
ausgerührt*) und wollen hier nur kurz bemerfen, baß bie vers 
ſchiedenen Richtie ſich nicht unterfcheiden „durch das Poſitive, 
welches das bezügliche Nichts einfchließt*, fondern durch das, 
was jedesmal ausgefchloffen wird. Einen poftiven Ein 
ſchluß enthält fein Nichts, auch nicht das Nichts der Mathes 
matif, die Null, welche das völige Verſchwundenſeyn der Größe 
anzeigt, . an deren Stelle fie tritt. Die Art, wie ©. hier über 
die Null philofophirt, hat, foviel wir wiflen, in der mathe 
matifchen Praxis ganz und gar feine Unterlage, und ſchwerlich 
würde er auch ſelbſt feinem „Leitftern“ viel Vertrauen ſchenken, 
wenn er ſich nicht eben in einer fo fehlimmen Zwangslage 
befände. 

Was Übrigen die angezogene Stelle des h. Thomas bes 
trifft, fo wird der Leſer deren Sinn ſchon errathen haben. 
Sofern nämlih das Unendliche überhaupt zugelaffen wird, 
gleichviel ob im aftualen oder potentialen Sinne, wird auch 
zugegeben werben müflen, daß die Unendlichkeit ſich befchränfen 
fann auf die eine oder andere Qualität oder Beziehung des 
betreffenden Objektes. So fann man fi ja z. B. einen „un 
endlich langen” ſchmalen Streifen denken, befien Länge unendlich, 
deffen Breite aber endlich if; und fo wäre eine „unendlich große“ 
Volksmenge unendlich in Hinficht auf die Zahl, endlich aber in 
Hinfiht auf die Ratur der Einzelmefen. Eben das find denn 
auch die Beifpiele, durch welche der h. Lehrer an der bezogenen 
Stelle feinen Gedanken veranfchaulidht. Er fagt: Ad 2i= 
dicendum, quod nihil prohibei aliquid esse infnitum uno 
modo, quod est alio modo finitum: sicut si imaginemur in 
quantitatibus superficiem, quae sit secundum longitudinem 








*) Jdeallemus oder Realismus? ©. 146 ff. 


Das Unendliche in der Ausdehnung. 173 


infinita, secundum latitudinem autem finita. Sic igitur si 
essent infiniti homines numero, haberent quidem infinitatem 
secundum aliquid, sc. secundum multitudinem, secundum 
tamen essentia rationem haberent finitatem. 

Eine andere Loͤſung verſucht Prof. Dr. Freyer in feiner 
Eingangs erwähnten Arbeit. Nachdem er zunächft die Schwierige 
feit ſelbſt formulirt hat,*) weiß er darauf hin, daß es außer 
den ertenfiven Größen (den räumlichen und zeitlichen) auch 
noch andere, die intenfiven gibt, bei denen die Theile nicht 
wie bei jenen neben, fondern in einander liegen. „Es gibt 
Größen, wie die Wärme, die Lichtftärfe, die Geſchwindigkeit, 
die Kraft, die durchaus als intenfiv aufgefaßt werden müffen. 
So if die leptere, die Geſchwindigkeit, die intenfive Größe der 
Bewegung. Denn offenbar iR in jedem ‘Bunfte des Weges bie 
Geſchwindigkeit ſchon vorhanden; denn wäre fie es nicht, fo 
fönnte fie auch in feiner endlichen Zeit ald vorhanden gedacht 
werden. Sie kann aber in jedem PBunfte der Zeit oder des 
Raumes größer oder feiner ſeyn; alfo müflen ihre Theile, ihre 
Grade, ald in einander liegend betrachtet werden, obſchon dieſes 
Ineinanderliegen der unmittelbaren Anfchaulicykeit, da es dem 
Raume und der Zeit nicht angehört, ermangelt.” (S. 25.) Die 
%fung der fraglichen Schwierigkeit wird nun in der Annahme 
gefunden, daß bei dem verſchwundenen, zu Rull gewordenen 
Inrrementen nur die Ertenfion verfhwunden fep, nicht die 
Intenfion, welde vielmehr noch zurüdbleite. „So bleiben 
+2. bei dem Dreiede, das durch Parallelverſchiebung der einen 
Seite der Extenfion nach in drei ineinanderliegende Punkte zus 


*) 6.5: „IR das verfchwindende Increment wirklich verſchwunden, 
alfo der gewollte Abfchluß erreiht, fo IR de=0, alſo iR Ilx+ dx) ganz 
dasfılbe Quantum wie I(x), alfo iR dy==0, und der Differentialquottent 
it F. Wie kann aber zwiſchen Größen, die Rul find, ein Verhaͤltalß 
Rattfinden? .... Kann man behaupten, daß eine Null in einer andern Null 
eine endliche Anzahl von Malen enthalten feyn könne? .... Wan wendet 
weiter Differenttalquotienten zweiter Ordnung an, ſpricht alfo auch von 
Differentialen der Differentiale, al ob Größen von der Duantirät Rull 
unter ſich Differenzen haben könnten. U. ſ. w.“ 


174 €. 25. Iſenkrahe: 


ſammenſchrumpft, die Rihtungen ber Seiten, mithin bie 
Winfel, mithin die Seitenverhäftnifle diefelben; die Sefante 
befommt die Richtung der Tangente, obfhon die Sehne vers 
ſchwunden; die unenplichEleine Pyramidenfpige wird der Form 
nad) eine der ganzen ähnliche feyn. (Nebenbei bemerkt: welde 
Form haben denn „drei ineinander liegende ‘Punkte? Kann 
da noch von einer „Spige“ die Rede feyn? Und wie kann es 
Richtungen der Seiten“, „Seitenverhäftnifje” geben, wenn es 
feine Seiten gibt?) „Da alfo die intenfive Größe der Theile, 
die aber felbft wieder intenfive Größen find, nicht ermangeln 
und dad Merkmal des Eontinuirlicyen an fid haben kann, fo ik 


a febr wohl als Quotient denkbar, obſchon Zähler und Renner 


ertenfiv — 0 find. Der Differentialquotient iR 
mithin der Exponent zweier intenfiven Größen.“ 
G. 26.) 

Diefer legte, von Freyer unterftrihene Sag, in dem bie 
eigentliche Loͤſung des Räthfels kurz enthalten feyn fol, ſcheint 
un den wirklichen Sachverhalt gänzlidy zu verdrehen. Ueberal 
da, wo es fih um das Verhältmiß zweier ertenfiven Bariabeln 
zu einander handelt, faßt der Differentialquotient eben auch nur 
die Extenfion in's Auge; um bie Intenfion, wenn es eine gibt, 
fümmert er ſich nicht; fie liegt fo vollfommen abſeits wie die 
Breite eined Streifens, deſſen Länge beftimmt werden fol. Wer 
den Sachverhalt laſſen will wie er if, der wird fagen müflen: 
der Differentialquotient ift der Exponent zweier extenfiven 
Nullen, und biefe extenfiven Nullen wird er auffaflen müͤſſen 
als die Elemente eines extenfiven Etwas, weldes Etwas fih 
eben aus jenen Nullen zufammenfegt. Daran ift nun einmal 
Nichte zu ändern. Gutberlet bat bier den richtigen Ausprud 
gefunden: es muß ein Mittelding geſucht werden zwifchen Etwas | 
und Nichts. Wer an biefer Aufgabe verzweifelt, dem bleibt 
Nichts übrig ald — der Rüdweg. Es muß der Fehler aufs 
geſucht und vermieden werben, der in biefe Zwangslage, in 
diefe Sadgafie geführt hat. 


Das Unendlihe in der Ausdehnung. 175 


2. Barum muß denn das unendlich Kleine zugleich Etwas 
und Nichte fen? Weil die allgemein eingeführte Rechnungs» 
weile dies erfordert. Aber ift es denn wahr, daß fie eine ſolche 
Forderung ſtellt? Wie fol das bewiefen werden? Antwort: 
Die Rechnungsweife wäre fonft unrichtig, und die Refultate 
wären es ebenfalld. Gut, aber zwiſchen richtig und richtig IR 
ein Unterfchied. Man kann bloß fagen, daß beide nur unter 
iemer Borausfegung correct richtig find. Berzichtet man auf 
dieſe correcte Nichtigkeit, fo iR eine Schwierigkeit nicht mehr 
vorkanden und man braucht dann nicht zu Loͤſungen feine Zus 
flucht zu nehmen, die den Stempel der Verzweiflung an der 
Stine tragen. Auch die Bernachläffigung des unendlich Kleinen 
jeder Ordnung gegen die vorhergehende if alsdann erflärt und 
gerechtfertigt; das Vernachlaͤſſigte iſt eben gegen das zur Rech⸗ 
nung Gebrachte jedesmal „verichwindend Hein“, d. h. fo Hein, 
daß der Fehler, den man begeht, nicht weiter beachtet zu werden 
braudt. Das Namliche gilt auch vom unendlich Großen und 
jwar von jeder Ordnung desſelben. Es iſt eitel Taͤuſchung, 
wenn man glaubt, daß das angegebene Verfahren bier uns 
zulaſſig ſey, weil man bei Vernadhläffigung eines unendlich 
Großen erfter Ordnung gegen ein ſolches der zweiten einen 
„unendlidy großen“ Fehler begehe; denn bie Größe dieſes Fehlers 
bemißt ſich doch fletö nach dem in Rechnung Gezogenen, 
nicht nach dem Endlichen, und nur gegen letzteres wäre berfelbe 
doch umendlid groß. Man ficht das ja fehr deutlich an jeber 
Reffung, die wir im Leben oder aud in der Wiſſenſchaft 
vraftifch vornehmen. Handelt ed fih z. B. darum, die Ent 
fernung zwiſchen Paris und Petersburg zu beflimmen: was 
macht da eine Ungenauigfeit von einem oder einigen Buß? Sie 
iR „verfpwindend klein“, während fie bei ganz Kleinen Diftanzen 
unerträglich groß feyn würde. Groß und Mein find ja nur 
telahoe Begriffe, und deshalb if niemals ein Fehler „an fi“ 
groß, „an fih* unendlich, „an fih” unftatıhaft, fondern immer 
bemißt ſich die Statthaftigfeit mady der Größe des zur Rechnung 
Gezogenen. Seibſt die ganze Entfernung zwiſchen Paris und 


176 C Th. Iſenkrahe: 


Petersburg und noch beliebig viel größere find „verfchwindend 
Hein“ und fönnen gänzlid außer Betracht bleiben, wenn nur 
das in Betracht Genommene groß genug if, um die betreffende 
Ungenauigfeit zu vertragen. Diefer Fall aber liegt bei den 
verichiedenen Ordnungen des Unendlichen — ded Großen wie 
des Kleinen — grundfäglich immer vor; man denft fidy dieie 
Ordnungen eben fo weit auseinander liegend, als nöthig iR, 
um die fragliche Vernachlaͤſſtgung ohne wefentliche Beeinträcti- 
gung der Richtigkeit des Refultates vornehmen zu Fönnen. 

Vieleicht aber wird man einwenden, daß dann doch immer 
Fehler gemacht würden und alfo ein ganz richtiges Refultar 
niemals fi) ergeben fönne. Freilich, aber wo haben wir denn 
bei den Rechnungen mit dem Unendlichen trog der hier üblichen 
Vernachlaͤſſigungen ein „ganz richtiges” Refultat? Einen Ball 
diefer Art, der als folder ſich klar nachweiſen ließe, möchten 
wir fehen. Es iſt und nicht im mindeflen zweifelhaft, daß der 
verfuchte Nachweis hier immer eine petitio principii involvirt: 
die cotrecte Richtigfeit, die man beweifen will, fegt man ſchon 
gleich voraus. Nehmen wir, um dies zu zeigen, eines von den 
Beifpielen, die wir früher fchon gehabt haben. 

Wil man den Dezimalbrudy 0,142857142857 .... in einen 
gewöhnlichen Brudy verwandeln, fo bringt man die ganze erfe 
Periode durch Wultiplication mit 1000000 vor dad Komma 
und zieht dann den Dezimalbrudy feloR davon ab. So erhält 
man: 999999 X — 142857. Diefes Refultat iR nur dadurch 
möglich geworden, daß man die 6 legten Stellen des abzu⸗ 
ziehenden Bruches, die biefer jegt mehr hatte ald der andere, 
weyließ. Damit begeht man alfo einen Fehler, und zwar eingn 
gan anfehnlihen, fo daß, wie wir behaupten, ein ganz richtiges 
Refultat fih nicht ergeben fann; nur annähernd fann dasſelbe 
richtig feyn, indem der Geſammtwerth der weggelaffenen Dezimal⸗ 
ftellen bei fortgefegtem Wachsthum der Reihe wohl immer Feiner 
wird, aber niemals verſchwindet. Dem gegenüber behaupten 
nun uniere Gegner, der Fehler, der zulegt „unendlich Hein“ 
wird, könne correct = 0 gefept, alfo gänzlich geleugnet werben, 


Das Unendlie in der Ausdehnung. 177 


md in jener Weglaffung liege alfo gar Fein Fehler, was fi 
beweifen laſſe aus dem correct richtigen Refultate. Denn bie 
Ausrechnung ergebe ja = correct 7, 7 aber ſey genau 
verjenige Werth, den man durch das umgefehrte Verfahren in 


ienen Dezimalbruch verwandeln könne. Aber bier liegt ja bie 


pelitio prineipi auf der Hand. IA denn + correct gleich 


dem obigen Bruh? Man wird und geftatten müffen, gerade 
umgefehrt zu fchließen: aus dem falfchen Refultat ergibt fich, 
daß vorher ein Behler gemacht worden iſt. 

Man muß alfo recht vorfichtig zu Werke gehen bei ber 
Prüfung der „correct richtigen” Refultate. Wir unfererfeits 
finden folhe nur da, wo Weglaflungen in Wirklichkeit nicht 
vorfommen, fondern nur zum Schein, wie wenn man einen 
unendlichen Kettenbruch in den betreffenden irrationalen Werth 
verwandelt (ogl. $ 10, 1u.2). Dort if deshalb die Gleiche 
Rellung eine cortecte, und die genaue Richtigkeit des Refultates 
iR alfo nicht zu verwundern. Uebrigens fagten wir ſchon, daß 
das „Refultat“ hier in nichts Weiterm beſteht, ald daß man 
eine unausführbare Aufgabe auf den kürzeften Ausdrud bringt, 

Aus allem Geſagten glauben wir den Schluß ziehen zu 
müſſen, daß die Mathematik biejenige correcte Gleichſtellung, 
die immer vorausgefegt wird bei dem Schluß auf das aftual 
Unendlihe, nicht nur nicht poflulirt, fondern durchaus pers 
horrescirt. Daraus aber folgt, daß auch das aftual Unendliche 
feloR ihr ganz und gar fremd iR. Sie fennt nur das potential 
Unendlihe — das „beliebig“ Große und Kleine — und nur 
dieſes geftattet ja auch bie verſchiedenen „Ordnungen“ als ver- 
ſchiedene Gebiete, die man eben gerade in Betracht ziehen will. 
Reine von biefen Ordnungen ift bie „legte“, die „unendliche“, 
bei der man nothwendig fliehen bleiben müßte, fondern bie 
Betrachtung kann immer weiter gehen. 

Die incorrecte Gleichftelung findet ferner ihre zwedmaͤßige 
Anwendung bei der Definition der elementaren Raumgrößen, 


wo fie dann auch wieder eine nicht unerhebliche Schwierigkeit 
Beier. 1. Bhllef. m. vbilel. aruu. 00. O2. 12 


178 ©. Th. Iſenkrahe: 


#4. Belanntlich gibt man dem Punkte gar feine, ber Linie 
nur eine und der Fläche nur zwei Ausbehnungen: wie iR dies 
au denfen? Beſonders beim Bunte iſt die Schmwierigfeit un 
verfennbar; denn wenn er gar feine Ausdehnung hat, fo if er 
ja das reine Nichts, und wie kann nun ein Nichts vom andern 
nabftehen*, wie fann es „ſich bewegen“ (um ben Begriff ber 
Linie herzufiellen)? Da bleibt doch wohl nichts Anderes übrig, 
ald daß man die Punkte fowohl wie die Linien und Flächen 
fih als Körper denkt, in der Weife, daß bei Flachen die 
dritte, bei Linien die zweite und dritte und bei Punkten alle 
drei Dimenftonen nahezu — nicht ganz — verſchwinden, und 
daß alfo, wenn man bie Breite einer Linie, die Dide einer 
Fläche = 0 fept, hiermit nur eine incorrecte Gleichſtellung, vie 
aber der correcten ſich beliebig nähern kann, gemeint iſt. Diele 
Auffaffung findet denn aud in neuerer Zeit, beſonders feit 
Gauß, immer mehr Anhänger, und es ift nur zu bedauern, 
daß diefe Anhänger doch in andern Punkten das faliche Prinzip 
noch immer aͤngſtlich umklammern in der Meinung, die Ehre 
der Mathematif als einer „eraften“ Wiſſenſchaft ſtehe Hier auf 
dem Spiele. *) 


*) Aus keinem andern erſichtlichen Grunde geſchieht es, wenn PB. Du 
Bots Reymond (Allgemeine Funktionentheorte, 1. Th. &.58 ff.) ſich ſoviel 
Müge gibt um die Alarſtellung des gefeimmißvollen „@rengbegriffs”, d. b. 
ded Ueberganges gewiſſer endlos wachfender Bariabeln (convergenter Reiben) 
in ihren zugehörigen Grenzwerth. Hier Hilft der Recurs auf die Punkt⸗ 
die nicht, da leptere ja eine ganz beliebige if, die durch fortgefetgte Ideall 
firung immer nod weiter der Null nahe gebracht werden Tann. Deshalb 
tam der Fall nie eintreten, den der „Empirift“ mit den Worten ausfpridt: 
„Bor dem Ideal ſelbſt mache id Kehrt.“ Macht er erſt Kehrt, wenn e 
muß, fo thut er es nie; andernfalls aber iſt die Befchränkung eine frri⸗ 
willige, die hier zu nichts dient, da fie den wirklichen Uebergang unerflärt 
MAßt. Die @dfung des Mäthfels Iiegt ohne jede Frage In deffen Befeltigung. 
Be man die Ausdehnung eines Punktes mit nur anndhernder Cor 
heit == 0 fegt, fo auch ftellt man die convergenten Meihen ihrem begüglicen 
Grenzwertge glei, 3.8. 0,3333 .... = F, ohne damit fagen zu wollen, 
daß fie in Diefen @renzwertg wirklich einmal übergingen, Bel Diefer Hufe 
faſſung hat man denn auch nicht nöthig, mit dem „Idealiſten“ den Glcide 
Geitäbegeiff zu erweitern md zu fagen (©.74): „Biel endliche Größen, 


Das Unentliihe in der Husbehnung. 119 


513. Die Theile des Ausgedehnten. Die möglichen 
Dinge 

Wir müflen nun übergehen zur Beſprechung derjenigen 
Scheinexiſtenzen, die man ald Stügen des Unendlichen bezeichnen 
kann, weil in ihnen das aftual Unendliche verwirklicht ſcheint. 
Hier gilt es, den Schein zu zerflören und jene Exiftenzen ents 
meer als pure Illuſionen refp. Filtionen nachzuweiſen, oder 
aber zu zeigen, daß fie nicht unendlich, find, wenigſtens nicht in 
dem Sinne unendlich, wie wir dieſen Begriff bis jegt gefaßt 
und für unmöglidy erklärt haben, d. h. daß ihnen keine unends 
lie Ausdehnung zufommt. 

1. Zu den gedachten Stügen rechnen wir zunähft bie 
Theile des Ausgedehnten. Daß mit ihnen das aftual 
Unendliche unabweisbar gegeben fcheint, leuchtet fofort ein, wenn 
man nur die Frage flellt: aus wieviel Theilen beſteht eine Linie, 
Blähe u. f. w., überhaupt ein Ausgedehntes? Die ſelbſtver⸗ 
Ränpliche Antwort fheint hier zu ſeyn: aus unendlich vielen, 
und damit haben wir ſchon glei das unendlih Große, näm- 
lid, eine unendliche Zahl. Aber auch das unendlih Kleine; 
denn wie groß find die unendlich vielen Theile des Ausgedehnten ? 
Dffenbar unendlich Flein, denn wären fie noch endlich, fo würde 
ihre Summe ein Unenpliches ergeben. 

Auf diefe Schwierigkeit indirekt zu antworten if leicht. 
Man braucht zu diefem Ende nur zu fragen: wie find denn bie 
Theile, aus denen das Ausgedehnte beftehen ſoll, befchaffen — 
auögebehnt oder nicht? Beides ift unmöglih. Sind fie noch 
ausgedehnt, fo beftchen auch fie wieder aus Theilen, fo gut 
wie dad Ganze, weil fie ja gleich diefem ausgedehnt find und 
tben in der Ausdehnung, nicht in der Größe die Theilbarfeit 
begründet liegt. Alſo kehrt die Frage wieder: aus welchen 
Theilen deſtehen die Theile? Und fie Fehrt fo oft wieder, bis 





deren Unterfted unendlich Mein iſt, ind einander glei“, oder: „ine end» 
ide Größe ändert id nicht, wenn ihr Unendlichtleines hinzugefügt oder 
Vnmeggenommen wird.“ 

12* 


180 C. Th. Iſenkrahe: 


man auf Theile gelangt, die nicht mehr ausgedehnt find. Als⸗ 
dann aber begreift es ſich nicht, wie biefe unausgebehnten Theile 
in ihrem Berein ein Ausgebehntes conftituiren können, da aus 
lauter Nullen, mag man fie auch nod fo fehr häufen, doc 
nie ein Etwas entſtehen kann. 

Schwieriger iſt bie direkte Antwort, aber fie wird durch 
das Vorſtehende doch wmefentlic erleichtert. Steht es einmal 
fe, daß das Ausgedehnte nicht aus Theilen beſteht, da dieſe 
weder ausgedehnt, noch unausgedehnt feyn fönnen, fo fragt ſich 
nur noch: wie geht es denn zu, daß man bied dennoch glaubt? 
Die Antwort fann jest kaum mehr zweifelhaft ſeyn. Dasſelbe 
iſt nämlich tHeilbar; es fann in Theile zerlegt werben, wenig 
ſtens in Gedanfen, und wenn dies nun gefchehen iR, dann 
befteht 6 aus Theilen. Diefe nothwendige Borbedingung über 
fieht man, daher die Täufhung und die ganze Schwierigkeit. 
Denn eine Schwierigkeit iſt jept ja micht mehr vorhanden. 
Nach dem Theilungsgedanfen beſteht das Ausgedehnte aller- 
dings aus Thellen, aber biefe brauchen fegt nicht mehr um 
ausgedehnt zu feyn, noch unendlich Mein, und es find ihrer 
natürlich auch immer gerade fo viele, als der Theilungsgedanke 
probuzirt hat. *) 

2. „Aber wie viele Theile find denn beim Ausgebehnten 
moͤglich?“ 

Darauf antworten wir zunächft wieder indireft mit ber 
Gegenfrage: wie find dieſe „moͤglichen“ Theile befhaffen — 
ausgedehnt oder nit? U. ſ. w. 

Und auch bier wird die birefte Antwort wieder erleichtert 
durch die indirefte. Denn da die „möglichen“ Theile weder 
ausgedehnt, noch unausgebehnt feyn fönnen, fo find fie über 
haupt nicht. Ohnehin verfteht fich Lehteres ja auch von ſelbſt, 
da die Theile ja eben nur als „möglich“ bezeichnet werben, 
nicht ald wirklich. Freilich if man vielfach der Meinung, daß 
mit dem „Wirflichfeyn“ noch nicht das Seyn überhaupt erfchöpft 


*) Des Weltern vgl. Idealismus oder Realismus? S. 142 ff. 


Das Unendtiche in der Ausdehnung. 181 


ſey, da es neben jenem, welches man auch „exiſtiren“ nennt, 
noch ein „idealed Seyn*, eben das „Moͤglichſeyn“ gebe. Wir 
unfererfeitö fönnen uns zu diefer Diftinktion durchaus nicht vers 
Reben. Wohl unterfcheiden wir das Mögliche vom Wirklichen, 
aber wir fennen nur ein Seyn, nämlid das Exiſtiren. Das 
Mögliche befaßt einen Beſtandtheil in ſich, der unzweifelhaft 
egifirt, und nur im biefem eriftirenden Beſtandtheil befigt es 
überhaupt fein Seyn. Diefer Beftandtheil iſt a) der exiſtirende 
Grund, der es verwirklichen kann, wenn er will, und b) ber 
irgendwo exiſtirende Bedanfe an daß Objekt jener Verwirklichung, 
alfo der Gedanke an bie betreffende Kraftbethätigung. Beides 
muß exiſtiren, wenn dad Mögliche nicht zum reinen Richie, zur 
Mufion werden fol. Wäre es nody nöthig, dieſes durch ein 
Beifpiel zu erläutern, fo würden wir etwa fagen: die wirklich 
ifirende Perſon A kann jept die Handlung B vornehmen. 
Beil fie das kann, fo bezeichnen wir B als „möglih“” und 
drüden died in einer Weile aus, daß der Schein wohl entfliehen 
tann, als müffe ein ideales Seyn angenommen werden; wir 
fagen naͤmlich: B „iR“ möglich. Baktifch exiſtirt B micht, aber 
es „iſt“ — möglich, und fo wird die Unterfcheibung zwiſchen 
realem und idealem oder zwifchen aftualem und potentialem 
Seyn, kurz die Annahme, daß es neben bem Eriſtiren noch ein 
anderes Seyn gebe, durch die vulgäre Ausdrucksweiſe alfo fehr 
begünfigt. Aber worin befteht denn eigentlich das fragliche 
Seyn des B? Um das zu erkennen, wollen wir es einmal 
wieder verfchwinden laffen. Wenn entweder die Perſon A nicht 
mehr egifirt, oder wenn fie die Yähigkeit, B zu ſehen, nicht 
mehr befigt, ober endlich wenn in Dem, der B für möglich 
eflärt, biefer reale Gedanke nicht mehr exiftirt: was bleibt 
dann von bem „ibealen” Seyn des B noch übrig? Ohne 
Zweifel Nichte, und doch haben wir nur Erifirendes weg⸗ 
genommen. Auf Eriſtirendes alfo befchränft ſich das vorgebliche 
Seyn, und die ganze Difinktion wird ſonach hinfaͤllig. Es 
gibt wohl reale und ideale Dinge, aber nur ein Seyn, 
nämli das Eriftiren. Auch die idealen Dinge egiftiten als 


183 & TH. Iſen tahe: 


ſolche fo gut wie die realen, und was nicht eriſtirt, das ift 
auch überhaupt wicht. Es gibt ferner Potenzen, die Etwas 
bewirken können, wenn fie wollen, aber es gibt fein potentialed 
Seyn im Gegenfag zum aftualen. Sie felbft haben ein aftualed 
Seyn, und das von ihnen Gewirfte hat dann, wenn es gewirft 
if, ebenfalls ein ſolches, vorher aber gar keines. Was dem 
aktualen Seyn des Gewirkten vorausgeht, befchränft ſich, wie 
oben gefagt, auf die betreffende Potenz und den Gedanken an 
eine beſtimmte Berhätigung berfelben. 

Wir reden bier, wie man fieht, „von dem fog. real 
Möglichen. Mit dem log iſch Möglichen oder dem „Denfbaren* 
verhält es ſich im Wefentlihen nicht ander, da auch hier bei 
vorfichtiger Betrachtung weder eine andere Seynsweiſe (ein 
Sem neben dem Eriftiren), noch das Unendliche zum Vorſchein 
kommt. Die Logik befhäftigt ſich mit eziftirenden Gedanken 
dingen, und wenn gefragt wird nad; deren Zahl oder nach der 
Zahl der logiſch möglichen Dinge, derjenigen alfo, die feinen 
Widerfpruh im Begriffe haben, fo können biefe er dann 
gezählt werden, wenn bie betreffenden Merkmale ſelbſt fowohl 
wie in ihrer Zufammenftelung exiſtiren, d. h. wenn ſie durch 
Abftraftion gebildet und dann combinirt worden find. Solcher 
Begriffe aber find immer beftimmt viele, wenn aud) fein Menſch 
fie angeben Tamm. 

3. Wem es aber, wie wir bier behaupten, nur Criſtiren⸗ 
des gibt, fo wendet man und vielleicht ein, daß aus dieſem 
Sage zwei verhängnißvolle Eonfequenzen fi ergeben: ber außer⸗ 
weltliche Schöpfer und die ereatürliche Freiheit follen damit nicht 
beftehen können. So Dr. Gloßner, ) ber deswegen räth, 


*) In einem von der Odrres⸗ Geſellſchaft veröffentlichten Auflage über 
„Me objeftive Bedeutung de& artftotelifgen Begriffs der renfen Weöglidfelt” 
beißt es (©. 8): „Die Annahme, nur das Sirkliche, Altuelle, nicht auch 
das Mögliche befipe objektive Realität, führt nun aber zu ber wenn auch 
nicht überall erfannten und gezogenen Gonfequenz der Unveraͤnderlichkeit und 
Abſolutheit alles Seyns“, und gegen F. A. Lange wird es (S. 21) als 
nehme der verhängnißvoliften Gonfequenzen des bie Realität des Morliche⸗ 


Das Unendliche in der Austehnung. 189 


zum arifotelifchen Standpunkt zurüdzufehren bezw. denſelben 
nicht zu verfaflen und zurüdzufehren auf den durch Ariſtoteles 
gluͤlich überwundenen Standpunft der eleatiſchen Philoſophie, 
die auch mur Wirkliches, Fein Mögliches gekannt habe. Aber 
vie Wahrheit dürfte doch hier, wie fo oft, in der Mitte liegen. 
Man darf das Mögliche nicht, wie die modernen Philoſophen 
dies hun, radical eliminiren, nämlih aud die Real 
porengen leugnen, in denen basfelbe feinen Grund hat: Gott 
und die creatürliche Freiheit. Die Weltennwidelung if nicht 
ein nothwendiges, rein mechanifches Sichauswirken der einmal 
gegebenen Urfachen und Kräfte, fo zwar, daß man letztere nur 
zu kennen brauchte, um aus ihnen wie aus einer mathemati» 
ſchen Formel alles Zukünftige im Voraus berechnen zu können. 
Aber andrerfeits darf man auc nicht fo weit gehen, daß man 
dem Möglichen objektive Realität zuſpricht, und vieleicht Liegt 
gerade in diefer egeeffiven Deutung des dr duvane ber Grund, 
worum bie ariRotelifche Anſicht in ihr voͤlliges Gegentheil ums 
ſchlug. Objektive Realität eignet nur den real vorhandenen 
Gründen des Möglichen, ben aktiven und paffiven Reals 
potenzen, *) die ihm feinen Urfprung geben können, ſowie dem 
tal vorhandenen Gedanken an dieſe Procreirung, nicht aber 
dem Möglichen felbR; und wenn wir trogdem fagen: dies 
oder jenes „iR“ möglich, fo Liegt darin eine gebankliche Anti» 


Ienguenden Standpunties“ Gingekeit, daß derfelbe „zu einem Fatalismus 
Führt, mit dem bie Freihelt des Willens unvereinbar iR“. Rod andere 
Betratungen werden angeflellt, um bie objeftioe Realität des Möglihen zu 
emeifen, die und aber durchaus nicht zwingend ſchelnen. So follen zB. 
de ten in der Gattung ein potentielled Geyn haben. Aber der Sach⸗ 
verpalt iR doch wohl der umgekehrte: die Gattung hat in den Arten ein 
«tuales Seyn. Der „ärmere Inhalt” ſtect in dem reichern. 

*) Unter den aktiven Realpotenzen verſtehen wir mit Gloßner dies 
ienigen, welche ſelbſtthatig dad Mögliche verwirklichen, unter den paffiven 
aber Diejenigen, welde ieldend zur Verwirklichung beitragen. Lehtert And 
wiät immer vorhanden. . V. da nicht, wo Giwad erfhaffen wird, wohl aber 
da, wo bie Verwirklichung fich reduzirt auf eine neue Form, bie dem Bor» 
handenen gegeben wird. So iſt der Marmorblock, aus dem der Bildhauer 
fein Büp formt, die paſſive, ex felbft Die aktive Potenz. 


184 © Th. Iſenkrahe: 


cipation, aͤhnlich wie wenn wir ein Continuum aus feinen 
gedanklich noch erſt zu bildenden Theilen „beftehen” laſſen. 

Wir find wieder zurüdgefommen auf die Theile des Aus⸗ 
gedehnten. Gerade hier, fo fcheint uns, zeigt ſich deutlich, daß 
das Mögliche feine objektive Realität haben fann. Denn die 
unendlich vielen Theile, in die das Ausgedehnte ſich zerlegen 
läßt, find ja alle „moöͤglich“ und müffen alfo unter ber gedachten 
Vorausfegung auch alle ein reales Seyn haben noch ehe fie 
„exiſtiren“. So fragen wir denn nun wieder wie vorhin: And 
fie noch ausgedehnt oder nicht? Im erſten Kalle find fie nicht 
alle genommen, es find noch weitere „möglich“, und im andern 
kann ihre Summe kein Ausgebehntes ergeben. Diefe Alternative 
liegt nun einmal vor, und wenn man- bie verſchiedenen Löfungs- 
verſuche undefangen betrachtet, fo bleibt fein anderer Ausweg, 
als den möglichen Dingen das reale Seyn abzuſprechen. 

Rod) ein paar weitere Inconvenienzen, weldye bie erwähnte 
Vorausſehung zur Zolge hat, feyen hier kurz angeführt. Daß 
fein Oegner des aftual Unendlichen für die objektive Realität 
des Möglichen feyn fann, bebarf faum bes Beweiſes. Der 
möglichen Dinge And unendlich viele, und mögen fie nun aftual 
oder potential feyn, für ihre Zahl if das gleichgültig. Faſſen 
wir aber fpeziell die mögliche Welt in's Auge. Sie war ſchon, 
bevor bie wirklihe wurde. Wie lange fon? Dffenbar von 
Ewigkeit. Denn wäre fie gleich der wirklichen entftanden, fo 
mußte fie gleich diefer vorher möglich feyn; der „Möglichkeit“ 
ging alfo eine „Möglichkeit der Möglichkeit“ voran, und fo 
weiter io infinitum. Beſtand aber die mögliche Welt von Ewig- 
-feit, und zwar, wie unfere Gegner dies ja wollen, als „obiektive 
Realität”, fo haben wir eine ewige Realität, die nicht Bott iR. 

Achten wir ferner auf das Verhaͤltniß der möglichen Welt 
zur wirklichen. Sind beide verfhieben? Sind fie gleih? 
Weder das Eine nody das Andere kann angenommen werden. 
Altes was die wirkliche Welt an ſich hat, mußte vorher möglich 
feyn, fonft hätte es nicht wirklich werben fönnen. Alfo z. B. 
der Gefammtumfang, die Zahl der Einzelweien, bie Qualitäten 


Das Unendliche in der Ausdehnung. 185 


dieſet Einzelweſen, kurz Alles und Jedes, was ber wirklichen 
Belt eignet, mußte zuerſt die mögliche an fih haben. Das 
ſcheint und Mar, und deshalb fehen wir nicht, wie man bie 
Art des Seyns bier ausnehmen kann. Sie ift ja der wirt 
lichen Welt gerade fo weſentlich wie fonk eine ihrer Qualitäten, 
wenn man fie auch nicht formell zu den Qualitäten rechnet. 
Und doch liegt es auf der Hand, daß auch beide Welten wieber 
nicht identifch feyn können; man unterjcheidet fie ja; der gefunde 
Sim fräubt ſich gegen die Ipentifizgirung; und um nur Eines 
anzuführen: bie wirkliche Welt ift zeitlich, die mögliche ewig. 
Diefe Inconvenienzen möchten denn body alle Beachtung ver 
dienen. Die „objektiv reale” mögliche Welt kann weder zeitlich 
noch ewig und ber wirklichen weber gleich noch ungleich feyn. 
Es iR wahr: was entflehen fol, muß zuerft „in potentia“* 
vorhanden feyn. Dielen alten Sag refpeftiren wir, aber wir 
fönmen ihm feinen andern Sinn abgewinnen, ald daß bie 
Botenz felbR vorhanden ſeyn müfle. Im ähnlicher Weife 
drädt man fi ja auch fonft aus. Hier in meinem Zimmer 
find mehrere gute Freunde von mir „in efligie‘“ vorhanden — 
was heißt das? Ihre effigies iſt vorhanden. Und wenn 
eine parlamentarifche Körperfchaft aus der Wahl des Volkes 
hervorgegangen iſt, fo iſt lehteres bort „in feinen Vertretern“ 
verfammelt, d.h. die Bertreter find verfammelt. Nicht 
ander8 fönnen wir es verfichen, daß die Wirkungen potentiell 
in der Urfache feyen. Warum muß denn jede Wirfung ſchon 
in gewiffer Weife praͤexiſtiren? Uns fcheint dieſe Auffaffung 
durchaus mechaniſtiſch und zumal mit der Erfhaffung aus Nichte 
(wer vereinbar. Außerdem fehen wir nicht, wie bie creatürs - 
lie (umd göttliche) Freiheit dabei beftchen ann. Wenn wir 
Menſchen eine freie Handlung fegen, fo verwirklichen wir immer 
nur eine von ben vielen vorhandenen Möglichkeiten, nur einer 
geben wir die Aktualität. Muß nun, fo fragen wir, bie Ber 
vorzugung, bie hier flattfindet, ſchon aliquo modo präegiftirt 
haben? Man mag fagen: es war eine gewiſſe „Neigung“ bazu 
in uns vorhanden, aber wie entſtand denn biefe Neigung? 


186 C. Th. Ifentrahe: 


Gehen wir zurüd und immer weiter zurüd, fo wird doch ſchließ 
lich gefagt werben müflen (mas übrigene troh aller Neigungen 
auch jeht ſchon zu fagen iR): bie Wahl mar frei, das etwa 
Präegiftirende war nur von zufäßiger, nebenſaͤchlicher, nicht 
au6fchlaggebender Bedeutung. 

Um der Sache noch mehr auf den Grund zu fommen, 
möffen wir den Begriff der „Wirkung“ noch klarer ſtellen. 
Man muß bier unterfcheiden zwifchen dem Gewirkten umd 
dem Aft des Wirfenden. Die materielle Welt und der Schöpfer 
aft find beide „Wirfungen“ Gottes, aber gewiß fehr verfchieden. 
Welche nun, fo fragen wir, von biefen beiben „Wirkungen“ 
mußte in der Urfadye (Bott) präezifiren? Mußte etwas Ma 
terielled in Gott feyn, damit er die Materie ſchaffen konnte? 
Das if offenbar Wibderfinn und hebt den Begriff des Erſchaffens 
aus Nichts völlig auf. Oder mußte ber Schöpferakt präͤexiſtiren? 
Dann gebt die Freiheit verloren, unb überbied gibt es bei dem 
zeitlofen Akte fein „prä“. Zeitlich if nur die Welt, aber nicht 
der Akt, dem fie ihr Dafeyn verdankt. Hier haben wir alfo 
eine zeitliche und eine zeitlofe „Wirkung“, und es zeigt ſich 
wiederum, wie nothwendig bie erwähnte Unterſcheidung iR. 
Kurz, weber die eine noch die andere der „Wirkungen“ prä 
exiſtirte in der Urfache, fondern es erifirte nur leptere ſelbſi 
mit ihrer Schöpfermadht. (Bon der göttlichen Weltidee fehen 
wir bier ab, aber audy von ihr fann nicht gefagt werden, daß 
fie dem Schöpferaft vorherging.) 

Hierdurch dürfte der von den unendlich vielen Theilen des 
Ausgedehnten hergenommene Einwurf erledigt ſeyn. Nach der 
gedanklichen Theilung find die beſtimmten, endlich vielen und 
endlich großen Theile vorhanden, die der theilende Gedanke 
geliefert, procreirt hat, vorher aber find nur bie beiden Reals 
potenzen vorhanden: der theilende Menſch und das theilbare 
Obiekt. 

Und hierdurch erlebigt ſich denn auch die oft in fo eigen⸗ 
thuͤmlicher Weife ventilirte Frage, wie ſich der göttliche Intelleft 
zu den: Thellen des Ausgebehnten verhält. Da Gott gut ſieht, 


Das Unendlige in der Ausdehnung. 17 


fo Acht er Alles was if, nicht mehr noch weniger. Und bed» 
balb fieht er rüdfichtlich des Ausgebehnten: a) die genannten 
beiden Realpotenzen und b) die wirklich vorgenommenen Their 
lungen, mögen diefe nun (für und) der Gegenwart, Vergangen⸗ 
heit oder Zukunft angehören. 


s 14. Raum und Zeit. 

Zu den feſteſten Stügen des Unendlichen gehören unzweifel- 
haft die hier genannten beiden Wefenheiten, falls fie eben Weſen⸗ 
keiten, Realitäten find. Denn dann find fie auch unendlich, 
und bie Frage nach der Möglichkeit des Unendlichen iſt alfo 
de facto gelöß. Wir unſererſeits leugnen die Realität des 
Raumes und der Zeit und flügen uns babei auf folgende 
Gründe, bei denen wir zunächkt den Raum in's Auge fafen. 

1. Unter Raum verſteht man im gewöhnlichen Leben Plat 
für Körper. Nach biefer Auffaffung, welche auch all den 
wiſſenſchaftlichen Unterſuchungen zu Grunde liegt, die über den 
Raum geführt worben find — die wiſſenſchaftlichen Erörterungen 
wurgeln eben immer in den Anfchauungen des gewöhnlichen 
Lebens — ficht der Raum auf den erfien Blid aus wie ein 
reales Etwas; dem was ben Körpern bie Exifenz ermöglicht, 
lann doch, fo ſcheint es, nicht das reine Nichts ſeyn. Bragt 
man aber weiter, was denn dazu gehoͤre, daß Körper Plat 
haben, fo tritt die Nichts⸗Natur des Raumes deutlich hervor. 
Denn ausweislich der Erfahrung haben Körper überall da Play, 
wo keine andern Körper (von gleicher Größe) find. Zum 
Pladhaben“ iſt alfo ein Nichtfeyn erforderlich, fein Seyn. 
Ber hier auch ein Seyn fordert, der thut es auf eigene Gefahr 
und nicht auf Grund der Erfahrung, vielmehr, wie wir fagen 
dürfen, im Widerſpruch mit derſelben. Diefer Widerſpruch tritt 
wohl am deutlichfien zu Tage in der vulgären Ausdruckoweiſe, 
bier oder da fey „fein Raum“, „ein Blap*. Damit wird bie 
Auffaffung von der Univerfalität und Realität des Raumes 
direft dementitt und lepterer ganz offen für Nichts erklärt. 
Denn warum iſt dort „kein Raum“? Weil Körper da find. 


188 €. Th. Iſenkrahe: 


Körper und Raum treten dadurch in Gegenfag mie Etwas 
und Nichts, nur daß das Nichts hier den Schein des Etwas 
annimmt und umgefehtt. „Rein Körper“ wird poſitiv zum 
„Raum“, „Körper“ negativ zum „Raummangel*. Je mehr 
Körper, deſto weniger Raum, und je weniger Körper, deſto 
mehr Raum. Das if die vulgare, aus der Erfahrung ger 
ſchoͤpfte Auffaffung vom Raum. Bei oberflächlicher Betrachtung 
erzeugt fie wohl den Schein, ald fey der Raum ein Etwas, 
aber bei näherm Zufehen findet man, daß fie diefen Schein 
gründlich zerftört. 

Ein weiteres, unzweifelhaft fehr gewichtiged Argument 
gegen die Realität de Raumes liegt in der Unmöglichkeit, biefe 
unförperliche Realität wahrzunehmen. Was wir wahrnehmen, 
find ja immer nur Körper und Körperqualitäten; follen uns 
körperliche Realitäten angenommen werden, fo bebürfen wir 
dazu einer höhern Offenbarung, oder aber ihr Daſeyn muß aus 
Bernunftgründen erfchloffen werben. Gewiß aber haben wir 
über bie Eriftenz bes Raumes feine Offenbarung, und was bie 
vorgeblichen Bernunftgründe angeht, fo kommen biefe erſt binters 
her; zunaͤchſt gerirt fi, wie Jeder weiß, der Raum als ein 
Objekt der finnlichen Wahrnehmung. Auch ganz ungebildete 
Menſchen haben Raumwahrnehmung, und felbft den Thieren iR 
le nicht fremd. 

Gerner flatuirt man mit dem realen Raume eine umend» 
liche, ewige, unzerſtoͤrbare und unveränberliche Realität, die 
dennoch nicht für Gott oder ein Attribut Gottes erklärt werden 
kann. Zwar if legtere® ſchon verfucht worden, aber - -- von 
allem Andern abgefehen — fo if ja ber (real gedachte) Raum 
theilbar; er fegt fih, nachdem man gedanklich ihn getheilt hat, 
zufammen aus den Hierdurch entftandenen unidentiſchen Ele⸗ 
menten, während im göttlichen Weſen feine Vielheit ans 
genommen werben kann, fondern nur eine ungetheilte und 
untheilbare Einheit. 

Endlich hat der reale, unendliche Raum al die Gründe 
gegen fi, bie wir gegen dad aftual Unenbliche vorgebracht 


Das Unendliche in der Ausdehnung. 189 


haben. Imöbefondere fey hier nur hervorgehoben, daß er weder 
conſtant ſeyn fann noch variabel. Ein variabeler Raum würde 
ia feine Enden verſchieben oder zurüdziehen, und ein conflanter 
fönnte die Goncurren; mit einer endlo6 wachfenden und doch 
Retö enblich bleibenden Raumgröße auf die Dauer nicht aus⸗ 
halten. 

Aus diefen Gründen, die ſich übrigene nod vermehren 
ließen, fchließen wir, daß der Raum feine Realität if. Er 
AR NRichts und zwar, da es allerlei Ricyfe gibt, Körper- 
abwefenheit. Das if der Raum im Allgemeinen. „Zwiſchen⸗ 
täume* inöbefondere find Körpervakuen, d.h. Koͤrperabweſen⸗ 
heit zwifchen zwei ober mehrern von einander abfiehenden Körpern. 

IR der Raum Nichts, fo verliert natürlich die Unterſcheidung 
zwilhen dem „leeren“ unb bem „erfüllten“ Raum allen Boden, 
da das Nichts nicht erfüllt werben fann. Ebenſo bie Unter 
ſcheidung zwiſchen dem ,wirklichen“ und dem „möglichen“ Raum. 
Die „Wirklichkeit“ fällt eben dahin und damit auch die „Möglich, 
keit", die noch erſt Wirflichkeit werden fol. Ueberdies würde 
ſchwer anzugeben feyn, woburdy benn ber wirkliche Raum vom 
möglichen ſich unterfcheide; bringt man in letern Körper hinein, 
fo iR er zum wirklichen geworden, ohne daß er ſelbſt fich geändert 
hat. Ueberhaupt beruht manche althergebrachte Ausdrucksweiſe 
auf der unbewußten Vorſtellung vom felbftändigen, realen Raume, 
& z. B. ſchon der Ausdrud, daß der Raum brei Dimenfionen 
babe. Um einen Träger für die Dimenfionen zu gewinnen, 
muß man ſich Körper Hindenfen, wie da6 in der mathemati- 
ſchen Raumlehre auch geſchieht oder wenigſtens früher geſchah 
und noch heute geſchehen ſollte. Ganz beſonders aber tritt 
die angegebene irrige Vorſtellung hervor in der Unterfcheidurig 
wifchen „relativer“ und „abfoluter“ Bewegung, da letztere offen- 
bar nur darin beftchen fann, baß ein Körper feinen „Ort“, 
d. h. einen Theil des felbftändig gedachten Raumes verläßt und 
in einen andern übergeht. Die Bewegung ift immer nur eine 
relative, wie denn eine andere in der finnlihen Wahrnehmung 
fih und auch niemals kundgibt. 


190 ©. Th. Ifentrape: 


Wenn wir aber den Raum für Nichts erflären, fo beines⸗ 
wegs, wie fchon angedeutet, die Ausdehnung. Auch fie iR 
zwar nichts Subftanzielles, aber doch eine wirklich vorhandene 
Eigenfhaft, die wir an den Körpern wahrnehmen *) und die 
darin beſteht, daß wir an ihnen belichig viele Theile in Vetracht 
ziehen fönnen, Die von einander „abflehen“. Was das heißt, 
laßt fi nicht weiter angeben, vielmehr muß hier Jeder auf 
feine eigene Anfhawung verwiefen werden. Die Abftände find 
daB eigentliche Element der Ausdehnung, und wenn man ge- 
woͤhnlich den „Bunft* dazu macht, fo kann dad nur in bem 
früger ſchon mehrfach erläuterten Sinne gefdiehen. Bon ben 
Abftänden, wie fie in der Anſchauung gegeben find, nimmt bie 
Speculation ihren Ausgang und fie fchreitet durch gedankliche 
Verkleinerung immer weiter fort nad) der Richtung ber Ru 
bin, aber fie fann weder noch will fie correct dieſes Ziel 
erreichen, weil fe ſich fon ja der Möglichkeit berauben würde, 
rüdwärte wieder zu Abftänden und zur Ausvehnung zu ge 
langen. Wir brauchen bier auf bie incorrecte Gleichſtellung 
nicht wieder zurädzufommen, müflen aber mit Rüdficht auf’ das 
geheimnißvolle ‘Problem, wie die Ausdehnung „fh erzeuge“, 
daranf hinweiſen, daß ber richtige Weg umgefchrt von ber Aus- 
dehnung nady dem Punkte geht; erſtere iſt gegeben, leßterer aber 
ein Objekt der Speculation. 

2. Nach diefen Ausführungen können wir über die Gegen⸗ 
argumente und kurz faflen, da fie fachlich ihre Erledigung bereits 
gefunden haben. Wie kann, fo fragt man, dasjenige Nichts 
feyn, was den Körpern ihre Exiftenz ermöglicht, alfo bewirkt, 


*) Daher muß aud; immer ein Koörver ald Träger der Ausdehnung 
gedacht werben. Bon allem Sonfligen, was der Körper an fih hat, von 
allen individuellen Befimmtheiten wird dabei abſtrahirt, aber man barf die 
Abftraftion nicht fo weit treiben, daß bie Ausdehnung, wie es fo oft geſchleht, 
ganz ſelbſt ſtandig auftritt, ohne jedes Gubjekt, dem fie inhaͤrirt. Ge iR 
daß ber naͤmliche Feblet, der den „unenblihen Entfernungen“ zu Grunde 
Uegt. Die „entfernten Objekte brauchen nicht dieſe oder jeme zu feyn, nicht 
bier oder da zu legen, nicht fo oder fo weit von einander abzuflchen, aber 
es müflen do überhaupt zwei feyn, bie entfernt find oder abſtehen. 


Das Unendliche in der Husdehnung. 191 


dab fie egiftiren können? Kann denn das Nichts Etwas ber 
wien? Wir antwertn: das Nichts kann nichts Poſitives, 
wohl aber etwas Negatives bewirken; es kann ſchuld feyn, 
daß eine poſitive Wirkung, die font eintreten würde (wenn 
nämtich das gegentheilige Etwas vorhanden wäre), ausbleibt. 
Körper können immer erifiiven, wenn nur ihre Exiſtenz nicht 
behindert wird. Zu biefer Behinderung bedarf es eines 
Ewas, wicht zur Ermoͤglichung der Körpereriftenz. 

Berner will man aus der im Univerfum herrichenden Ber 
wegung nachweiſen, daß bie Körperwelt fein wollfommenes Eon» 
tinuum bilden fönne und daß es deshalb Zwifhenräume 
geben müfle; gebe es aber ſolche, fo fey die Realität des 
Raumes erwiefen, da Zwifchenräume ja nichts Anderes feyen 
als Theile des Raumes. Gebe es „Räume”, fo gebe es auch 
einen „Raum“ als die Summe und den Inbegriff aller 
„Räume“. Allein biefer Einwurf trifft gar nicht die Sache, 
um die es ſich handelt. Daß es einen Raum gibt, leugnen 
wir ja nicht, aber wir fagen: er if feine Realität. Raum if 
Körperabwefenheit und Zmifchenräume find Körperabwefenheit 
wifgen Körpern. „Es gibt” einen Raum und Räume in ber 
Beife, wie es auch 3. ®. im manchen Kaſſen Defekte „gibt“. 
Realitkten find damit nicht gemeint, fondern umgekehrt Ab⸗ 
weienheit von Realitäten. 

Des Weitern wird geltend gemacht, daß die Zmifchenräume 
aub immer ihre beftimmte Tage, Form und Größe hätten und 
alfo feine bloßen Abweſenheiten oder „Nichtſe“ feyn Fönnten. 
Aber das behaupten wir aud) von den Zwilchenräumen keines⸗ 
wege. Nur den Raum im Allgemeinen definiren wir ale 
Körperabweienheit; die Zwiſchenraͤume enthalten noch ein Merfs 
mal mehr, nämlidy die reale Umgrenzung. Sie find ja, 
wie wir fagten, Körperabmwefenheit „zwifchen Koͤrpern“. In 
ihrem Begriffe alfe liegt es, daß fie immer nur in Berbindung 
mit Reafitäten auftreten fönnen, durch welche al&dann das 
gebildet und hergeftellt wird, was man fälfchlich dem Nichts 
als Onalität zuſchteibt: die Größe, Form und Lage. Man 


193 €. Th. Iſenkrahe: 


denfe ſich nur das einmal weg, vollftändig weg, was ben Raum 
zum Zwifdenraume macht, unb fehe bann, was übrig bleibt. 
Ueberhaupt iſt da6 dad beſte Mittel, um dem Weſen des 
Raumes auf die Spur zu fommen, daß man fi die Körper 
welt ganz vwegbenft und zuſieht, was übrig bleibt; andernfalls 
läuft man Gefahr, daß ſich bie übrig gelaffenen Körper und 
ihre Qualitäten förenb in die Betrachtung einmifchen. In dem 
abfolut leeren Raume fann weder von Lage, noch von Form, 
noch von Groͤße die Rebe ſeyn, fondern alles das eignet 
nur den Körpern, die man ſich — bewußt ober unbewußt — 
bindenft, 

Doc die Zwifchenräume liefern noch ein Argument, und 
zwar auf ben erfien Blid ein fo ſchillerndes, daß manche An- 
bhänger unferer Raumauffaflung fi) vor demſelben zurüdzichen 
und bie Zwiſchenraͤume glauben läugnen zu follen. Wem 
nämlich der Raum Nichts if, fo ſieht man nicht recht, wie 
ſolche möglich find. Diefelben entfichen ja dadurch, daß Körper 
vorhanden find und zwifchen ihnen „Nichts“. Wenn nun aber 
Nichts zwifchen ihnen if, fo müffen fie ſich ja berühren! Sie 
find dann, wie man ſich ausbrüden ann, „dur Nichte ge 
trennt“, alfo nicht getrennt unb ſonach berühren fie fi. Allein 
diefer Schluß iſt nicht gerechtfertigt. Was nicht getrennt iR, 
berührt fich deöwegen doch noch nicht. Wohl fann man fagen: 
was getrennt if, berüßrt ſich nicht, aber nicht umgefehrt. Zwei 
Körper find dann getrennt, wenn ein anderer zwiſchen ihnen 
liegt, der ihre Bereinigung hindert; aber wenn mm 
diefer mittlere Körper weggenommen wird, fo iſt doch bie Ber 
einigung noch nicht faktifeh eingetreten, fondern nur erſt moͤglich 
geworden. „Trennen“ beißt die Bereinigung hindern, und bad 
fann ber Raum gar nicht einmal, wenn er das iR, wofür 
unfere Gegner ihn ausgeben: eine unförperliche Realität, die 
mit den Körpern coexiſtirt ober doc) coexiſtiren kann. So 
wenig ein reiner Geiſt zwei Körper durch fein Dazwiſchentreten 
„teennen“ fann, fo wenig fann dad aud der Raum unter ber 
gedachten Borausfegung. Nur ven Körpern iſt dieſes eigen, 


Das Unendlide in der Ausdehnung. 193 


weil fie ſich gegenfeitig behindern, alfo nicht coeriſtiren können. 
Daraus geht fhon hervor, daß man in Wirklichkeit nicht fagen 
tan, der Raum „trenne* zwei Körper. Wenigftend hat biefe 
— allerdings viel gebräudliche — Ausdruckeweiſe auf frenge 
Richtigkeit keinen Anſpruch, oder man müßte dann die Sadır 
fo auffaffen, daß in der weiten Entfernung zweier Objefte 
— reden wir einmal von zwei Freunden — ein Hinderniß 
der Bereinigung liegt. Immer heißt „trennen“ eben nichts 
Anderes ald die Bereinigung hindern, und fo ift denn Mar, daß 
das „nicht Getrennte“ noch keineswegs fi zu berühren braucht, 
Kur das „nicht Abſtehende“ berührt fi. Der „Abſtand“ 
alfo bildet den contradiftorifchen Gegenfag zur Berührung, und 
dur diefe mähere Unterfcheidung dürfte ſich denn der erhobene 
Einwand löfen. Mit Körpern find immer Abfände gegeben, 
und ed macht nichts aus, ob zwifchen den abſtehenden Theilen 
andere in der Mitte liegen oder nicht. Fuͤr ihre „Trennung“ 
iR das allerdings von Bedeutung, aber nicht für den Abftand. 

3. Dem Raume entſpricht die Zeit. Auch fie fheint 
eine nach beiden Seiten (Bergangenbeit und Zukunft) hin in's 
Unendliche gebende Realität zu ſeyn, ift aber in Wahrheit nur 
eine Negation, nämlid die Abweenheit von Bewegung ober 
Veränderung. Wer „nichts zu thun“ hat, hat „Zeit“, und 
wer „viel zu thun“ bat, hat „wenig Zeit”. Se mehr Thätige 
keit, Bewegung, Veränderung, deſto weniger Zeit, und ums 
gefehrt. 

Der Barallelismus zwifchen Raum und Zeit geht faft bis 
in's Heinfe Detail, und fo fommt es, daß alle Argumente und 
Gegenargumente, die wir vorhin fennen lernten, bier ihre ent- 
ſptechende Anwendung ref. Wiverlegung finden. Selbſt alle 
Ausprüde fegren mutatis mutandis auf bem zeitlichen Gebiete 
wieder; bier rebet man ebenfalls von einer „leeren“ oder 
reinen“ und einer „erfüllten“, fowie von einer „wirklichen“ 
und „möglihen” Zeit. Auch gibt es „Zwiſchenzeiten“ und 
witliche „Abſtaͤnde“ von beftimmter, vergleichbarer Größe, Was 
ferner auf dem räumlichen Gebiete bie „Ausbchnung‘‘, das iR 

deuiat. f. Bhllef. m. yhlloi, Aritit, 06. Band. 


194 C Th. Ifentrape: 


hier die „Dauer“, und was dort „Punkte“, das ſind hier 
„Momente“. Auch letztere faſſen wir wiederum nicht als das 
correcte Nichts, ſondern, wenn man ſo ſagen darf, als das 
annähernde Nichts, d. h. als eine beliebig klein gedachte Dauer. 

Wir halten es nicht für nöthig, dem Barallelismus zwifchen 
Raum und Zeit in den einzelnen Argumenten und Gegenargus 
menten burdzuführen; einen Umftand aber müffen wir hervor⸗ 
heben, ber dem zeitlichen Gebiete allein angehört und aus dem 
hervorgeht, daß das Unendliche in der Zeit noch weniger eine 
Stüge finden fann ald im Raum. Während nämlich alle Theile 
des ſelbſtaͤndig gedachten Raumes zugleich exiſtiren, if bie 
Zeit in fletem Wachſen begriffen, und es muß alfo zugegeben 
werden, daß bier der Schein der Unenblichfeit bei weitem micht 
in dem Maße vorliegt wie dort, Wer würde denn einen 
mwachfenden Raum unendlich nennen? Wir wiflen nun wohl, 
daß man die Zeit in eine „reine“ (ober leere, mögliche) und 
eine „erfüllte“ (ober reale, wirkliche) unterſcheidet und daß man 
nur erflerer die altuale Unendlichfeit vindicirt, aber hier liegt 
doch wohl die Taufhung auf der Hand. Denn jene Zeit muß 
doch immer Zeit bleiben; alles, was zu ihrem Begriffe 
sehört, muß fie an ſich tragen, und dazu gehört eben das Ans 
wachen, dad fucceffive Entfichen immer neuer Zukunft, oder 
wenn man will, immer neuer ‚Gegenwart, kurz immer meuer 
Zeit, die früher nicht war; und wenn baher die „erfüllte“ Zeit 
nicht unendlich ſeyn kann, dann aud die „reine“ nicht, mit 
andern Worten diefe Unterfheidung wird hinfällig auf den erften 
Dlid. Uebrigens bemerken wir, daß nad unferer Auffaffung 
nicht die Zeit anwäͤchſt, fondern die Dauer, die Dauer der 
ereatürlichen Dinge. 

Wir haben bier feine Veranlaflung, in die ſchwierige 
Materie tiefer einzubringen, da es und nur darum zu thun if, 
dem Unendlichen feine Stügen zu rauben. Cine Stüge aber 
bat dasfelbe in Raum und Zeit dann nicht mehr, wenn beide 
keine Wefenheiten find. Deshalb fönnen wir die ſchwierige 
Brage nad) dem Weſen der „Dauer“ und nad ber Möglichfeit 


Das Unendliche tu der Husbehnung- 195 


von Abfänden innerhalb der „dauernden“, anſcheinend doch 
identiſchen Dingen bier bei Seite laflen. 


815. Das Unendliche in der Vollkommenheit. 

Die fundamentalfte Eigenfhaft des Unendlichen, welches 
wir biöher befprochen haben, ift die Ausdehnung (in allgemein. 
Rer Bedeutung) oder die Theilbarfeit. Was nicht theilbar 
iR, dem fehlt die erſte Borausfegung zum „Großſeyn“ (vgl. 
$1,1), und fo kann es denn auch nicht unendlich groß feyn. 
So iR ed mit dem Unendlichen in der Vollkommenheit. Bei 
richtiger Auffaffung bietet dasfelbe einen Anhalt dar für die 
gedanfliche Theiluna; es iſt alfo weder „groß“, noch „uns 
endlich groß“, und fo kann es dem unendlich Großen, von dem 
immer die Rede war, durchaus nicht ald Rüdhalt dienen. Bei 
unrichtiger Auffoffung aber if Leptered wohl der Ball, da es 
dann eben als theilbar gedacht wird, und fo haben wir denn 
diefe Auffaflung jetzt noch kurz zurüdzumelfen — leider iR fe, 
wenn auch meift unbewußt, nur zu fehr verbreitet. 

1. Das Wort „unendlih” hat offenbar zunaͤchſt nur einen 
negativen Sinn, da es foviel heißt als „nicht endlich“. Mit 
einem bloß negativen Merkmale aber laͤßt ſich bekanntlich nicht 
viel anfangen, und fo liegt denn die Verſuchung nahe, dasſelbe 
in ein pofltives umzuwandeln, zumal das unendliche Wefen, 
Gott, doch natürlich auch pofitive Eigenſchaften hat und man 
diefe gern begreifen möchte. Darum wird nun wieder ber 
Verſuch gemacht, von ber „endlichen“ Vollkommenheit die 
„Enden“ wegzudenken und baburd eine „unendliche“ here 
zuſtellen, gerade wie wir died auch früher hatten bei dem End⸗ 
lichen reſp. Unendlichen in der Ausdehnung, d. h. man läßt 
ine Bollfommenbeit ihrer eigentlichen Ratur nad) intakt, feigert 
und haͤuft ſich aber „in's Unendliche“ und meint nun fo zum 
Ziele zu gelangen. Zwar ift ben Philoſophen und Theologen, 
die dies thun, der alte Sag nicht unbefannt, daß das Unend- 
liche vom Endlichen „toto genere“* verſchieden fey, und fie 


wollen auch an bemfelben feſthalten, aber fie bilden ſich ein, 
. 13° 


196 €. Th. Ifentrape: 


durch die Steigerung in's Unenbliche werde eben das totum 
genus verändert. Das ift die falſche Auffaflung, die wir be» 
fämpfen. Die göttliche Ewigfeit 3. B. ift nicht eine fchranfen 
lofe Erweiterung der creatürlihen Dauer, bie göttliche Allmacht 
nicht eine in's Unendliche gehende Steigerung des creatürliden 
Könnens u.f.w. Nein, die unendlichen Vollkommenheiten find 
von den emdlichen toto genere verſchieden. Man faßt diefen 
Sag nicht tief genug auf. Nicht nur das Maß, fondern die 
ganze Art beider Vollkommenheiten ift verfchieden, und es if 
daher gar fein Größenvergleih zwifchen ihnen möglih. Zu 
jedem Größenvergleich gehört ja Gleichartigkeit der gegen ein: 
ander gehaltenen Eigenfcpaften, und daher ift es ganz zu vers 
werfen, daß man bie unendlichen Vollkommenheiten „unendlid, 
groß“ nennt. Wogegen find fie denn „groß“? Wer fie fo 
nennt, der beprimirt fie, ohne es zu merken, zu endlichen, deren 
Art fie ja num noch immer an ſich tragen; er conftruirt ſich in 
feiner Phantafie das widerſpruchsvolle Phantom eines unendlich 
großen Endlihen! Auf bdiefe Weife gelangt man nicht zum 
Ziele. Das negative Merfmal läßt ſich nicht in ein poſitives 
umwandeln. 

Wie bringt man es fertig, von einer Linie ſich die Enden 
wegzudenken? Ganz einfach: man nehme die ganze Linie weg, 
fo find aud feine Enden mehr da. Diefe radicale Art des 
Vorgehens ift in unferm Balle nothwendig. Freilich nicht in 
dem Sinne, daß überhaupt Nichte übrig gelaflen werben dürfte, 
aber der Grund des Endenhabene muß befeitigt werden, und 
das if die Theilbarkeit. Was Theile hat, hat nun einmal 
unweigerlich auch legte, alfo Enden. Und welches Recht hätte 
man denn auch, ven Begriff der Theilung in Verbindung zu 
bringen mit dem göttlichen Wefen, dieſer ungetheilten und 
untheilbaren Einheit? In Wirklichkeit geſchieht diefes aber das 
dur, daß man fi, wie es fo oft gefchieht, eine „unendliche“ 
Stufenfolge von Wefen mit immer größerer Bolltommenheit 
denkt, bei welcher ein letztes und hoͤchſtes den definitiven Ab⸗ 
ſchluß der „unendlichen“ Reihe bilde. Damit trägt man den 


Das Unendliche in der Ausdehnung. 197 


Begriff der Theilung o. w. d. i. den ber Steigerung in das 
göttliche Wefen hinein; man reduzirt die Verfchiedenheit zwiichen 
endlicher und unendlicher Bolltommenheit auf dad Maß und 
verläßt den Satz von ber Berfchiebenheit „in genere“. 

Auch der mißachtete refp. mißdeutete Sag: „infinitum per- 
transiri nequit“ gehört hierher. Derfelde wi nicht fagen, daß 
man beim Durchſchreiten nicht zu Ende fommen fönne, 
ſondern er negirt überhaupt ganz den Verſuch, die Möglichkeit 
des Durchfchreitend, d. 5. die Theilbarkeit. 

2. Die nähere Beſchreibung der göttlichen Vollkommen⸗ 
heiten und der im Einzelnen durchgeführte Nachweis, daß dies 
ielben generell, nit grabuell von ben creatürfichen vers 
ſchieden ſeyen, gehört nicht mehr in den Bereich unſeres Themas, 
und wir fönnen und daher auf ein paar furze Andeutungen 
befchränfen. 

Das göttliche Seyn ift vom creatürlichen total verſchieden. 
Jenes beruht auf eigenem Grunde und iſt daher feinem Wechfel 
unterworfen, diefe aber ift mehr ein Werden als ein Seyn. 
Bie lange find wir denn? Unfer Seyn hat feinen Beftand. 
Bir waren und wir werben feyn, die Gegenwart iR ein 
Augenblick, der verſchwunden if, ehe man fidy feiner bewußt 
wird, in eigentliches Seyn ift uns alfo nicht eigen, benn 
die Vergangenheit iſt ja nicht mehr, und die Zukunft iſt noch 
nit. Gott allein ift der „Seyende”. 

Richt anders verhält es ſich mit der göttlichen Macht im 
Vergleich zur creatürlichen. Wenn es zum Begriffe der Macht 
gehört, daß feine fremde Potenz ihr Wirken durchkreuzen und 
vereiteln lann, fo befigen bie Greaturen gar feine Macht; denn 
gegen Gottes Willen können fie Nichts erreichen. Doch faflen 
wir den Begriff etwas weiter; fagen wir, Macht fey dad Ber 
mögen, Etwas zu bewirken ohne pofitive fremde Beihülfe: 
welche Macht befigen alddann die Ereaturen? Muß nicht Gott 
ihr Dafeyn verlängern und all die Kräfte ihnen erhalten, welche 
fie beim Wirken bethätigen? Muß er nicht auch die Objekte 
ihnen ſtets darbieten, an welchen fie ihre Macht äußern? Das 


198 Iſenkrahe: Das Unendliche in der Ausbehnung. 


aber iſt ohne Frage eine pofltive (keine formale) Mitwirkung, 
da feine Greatur „vom ſelbſt“ im Dafeyn bleibt, fonbern nur 
durch die pofltive göttliche „Erhaltung“. Daher muß ber 
Begriff der Macht noch mehr erweitert werben, wenn eine folde 
für ‚die Greaturen noch übrig bleiben fol. Wir überlafien es 
dem Leſer, diefe Erweiterung zu verfuchen und zuzufehen, ob 
Etwas mehr übrig bleibt als der Wille. Aber auch biefer 
iR nicht einmal möglih, ohne daß von Seiten Gotted das 
Dafeyn, die Vernunft und die Bedingungen des aktuellen 
Bewußtſeyns pofitio erhalten werden. (Bon der eventuell noch 
weiter nöthigen Gnabenhülfe fehen wir hierbei ab.) Kurz, dad 
creatürliche Können iR ein vielfach bedingtes, das göttliche 
ein unbedingtes — ein Unterfchieb, den man gewiß nicht 
für einen bloß grabuellen erklären wird. Je mehr Be 
dingungen, defto weniger iR überhaupt der Begriff des Könnend 
realifiet. 

Berner unterſcheidet ſich das göttliche Erfennen vom 
ereatärlichen ganz weſentlich ſchon dadurch, daß lepteres, wie 
fehr man es auch ſteigern möchte nach Inhalt, Umfang und 
Sicherheit, immer ein fucceffives bleibt, es iR nicht ein 
für allemal, wie das göttliche, fondern es muß entſtehenz 
es muß zu Stande kommen durch jene geiftige Vefigergreifung, 
bie dem Wiſſen vorhergeht, während das göttliche in einem 
ewigen, unveränderlichen Beftg befteht, dem keine Vefigergreifung 
vorbergeht. Ueberhaupt if ber Bortfchritt zum Mt bei ben 
creatürlichen Potenzen ebenfo weſentlich ein» wie bei den goͤu⸗ 
lichen ausgefchlofien. 


u. Stein: Ueber den Bufammnhang Boileau's mit Descartes 199 


Beber den Zuſammeunhang Boileau's 
mit ‚Descartes. 


Bon 


Dr. Karl Hein rich von Stein, 
Privatdozent ber Phllofophle an ber Univerfität Berlin. 


l. 

Der Zuſammenhang des franzoͤſiſchen Klaſſtziomus mit der 
vhiloſophie Descartes' iſt weit öfter allgemein behauptet, als 
triiſch unterſucht worden.“) Prüft man jene allgemeine Ber 
hauptung, fo geraͤth man zunaͤchſt auf Einſchraͤnkungen. 

Der Einzige. unter den klaſſiſchen Dichtern, welcher ſich 
als Philoſophen ⸗Schuler belannte, Moliere, war nicht Carte⸗ 
ſianer, ſondern Gaſſendiſt.“) Er hatte gemeinſam mit Chapelle 
und Bernier den perſoͤnlichen Unterricht Gaſſendi's genoſſen. 
Descartes geſellt er unbedenklich in ven „femmes savantes“ 
Akt I, Sc. 2) den übrigen Gegnern ſeines Meiſters, Ariſto⸗ 
teled und den Scholaftitern bei. *) Man beutete die ſemmes 
sarantes auf die Garteflanerinnen; man fah in dem Carteſia⸗ 
niemus gewiſſer Geſellſchaftskreiſe eine Erneuerung des „Pre 


®) Osorres de Si.⸗rad. 1749. II, 168. — Terrasson, La philo- 
sophıe applicable & tous les objeis de l'esprit et de la raisan. 1754. — 
Bonillier, histeire de la philosophie e⸗ru⸗ienne I, VIII (mad I, 479 
ad: LRacine).— Hettner, Geſchichte der Kranz. Litt. im XVII. Ih. 8. 
— Lorheißen, Geſch der Franz. Sit. I. 358/4. II, 434. — Cousin, 
ds wei, du beam et du bien 208/9. Am weiteflen geht die Vorrede zu der 
voihumen XVIL, Ausg. dieſes Buches; fie nennt Descarics „is rare gönie, 
@ia en poor disciples tous les grands esprits dans le grand sidela“ (28). 
— Rewerdings behandelt den Gegenfland Kranp, Essei sur l’esıhötiqus de 
Descartes undide dans les rapporis de la doctrine cariesienne avec la lil- 
ntare elsssique frangaise au LVl. sidcle. 

Mit veranlaßte Hr. Prof. @. Dilthey au der vorllegenden Untere 
fugung; feine Auffafiung des in Rede ſtehenden Bufammenhanges habe ich 
in allen Hauptpuntten befätigt gefunden. 

) 8. Racne in der Biographie feines Vaters (dem WEB. J. Marines 
vergehruft). — Sainto-Benre, portraits littäraires II, 13. (Molidre.) 

Don Juan IL, 1 zu Ende kann als Perfiflage des casteflenifcen 

aufgefaßt werden. 


0 8. 9. v. Stein: 


söfen“,*) dem ia Molière's und fpäter Boileau's Angriffe in 
erfter Linie galten. Dennoch dürfte auf die philoſophiſche 
Partei» Stellung der Komödie fein großer Nachdruck zu legen 
feyn; der Hauptgegenfland des Spottes if ein Litterarifcher, 
nicht etwa ein philofophifcher Gegner.) — Molidre ſelbſt fol 
in fpäteren Jahren Descartes wenigſtens im Betreff feiner phyfi⸗ 
kalifchen Leiſtungen gerecht geworben feyn.**) 


2a Fontaine erwähnt Descartes allerdings in einem anderen 
Sinne, wie Moliere; mit einem rühmenden, ja überſchwaͤng⸗ 
lichen Beiſatz. 8*) Aber er thut dieß inmitten einer Polemik 
gegen den carteftanifchen Automatismus. Diefer in jener Zeit 
ganz beſonders diskutirten Doftrin, die Thiere ſeyen ſeelenlos, 
und nur als vollfommenere Mafchinen zu betrachten, konnte nicht 
entfchiedener widerfprochen werden, als durch bie ganze Auf- 
faffung und Darftellung der Thierwelt in ben Babeln La Fon: 
taine's. „I a defendu ce pauvre monde contre Descartes“, 
fagt Taine in feiner Studie Über diefe Dichtungen. +) 


Der große Proſaiker des klaſſiſchen Zeitalters, Pascal, war 
ein erflärter Feind der carteftanifchen Philofophie. tr) Descartes, 
dem Vater Pascal’8 befreundet, hatte bie erflaunliche Entwide- 
lung der mathematifchen Anlagen des jungen Blaife mit Antheil 
beachtet. +44) Er hatte mit ihm in Paris verkehrt, und war der 
Anfiht, daß Pascal den Grundgedanken feiner Berfuche über 


*) Bel. S.-Benve, portr. I, 81. (Racine.) — 2a Bruydre ſpricht von 
dem „precieix guind6 et pointu“ der Madame de Grignan, die wir als 
Gartefianerin aus dem Briefwechſel ihrer Mutter, der Frau von Gevigus 
fenmen. — Taine nennt D. binfihtli feines Stiles zufammen mit bem 
Hötel Rambouillet und Made. de Scudéry, dem Urbild der Pregidfen. 
(Bas vorrevolutionäre Frankreih. Deutſch v. Katſcher. S. 193.) 
**) Der durch Boileau's Satiren bekannte Abbs Cotin. ©. Bolaranı, 
Ausg. der BB. Bolleau’s von ©t.- Marc, Paris 1740, 
***) Bouillier I, 547, Anm. 
ee) Zuch X, 1 der Fabeln. 
+) Paris 1853. ©. 86. 
++) Bowißter 1, 413. . 
++?) Baillet, vie de Descartes. Paris 1691. 1, 392, LI, 330. 380/1. 


ueber den Bufammenfang Boileau's mit Debeartet. 201 


barometrifche Höhenmeflung ihm verbanfe.*) — Später verwarf 
dann die religidfe Ueberzeugung Pascal's alle Philofophie, auch 
diejenige Descaries'; entgegen ber Stimmung feiner Genoflen 
von Bort-Royal. 

Stellen wir zunaͤchſt feR, daß ein Einfluß Descartes’ in 
iedem Falle erft für die zweite Periode**) der Maffifchen Litteratur 
in Frage fommen Tann, alfo nicht für die Schöpfung der 
erſten klaſſiſchen Kunftwerfe der Franzoſen, nicht für Corneille. 
Der Eid, mit dem fi) Gorneille's Meifterfchaft nach mehreren 
ihm vorbergegangenen, weniger glüdlichen Berfuchen entſchied, 
begeifterte Paris in demfelben Jahre,***) in welchem Descartes 
feine erſte pbilofophifche Schrift, den discours de la methode, 
veröffentlichte (1637). ) — Diefe zweite Periode wird durch die 
far Retö verbundenen Namen Racine und Boilenu bezeichnet. 
Der geiftig Einflußreichere von Beiden ift Boileau; Racine galt 
in mandyer Beziehung für feinen Schüler. (S. d'Alember's ala 
demiſche Lobrede auf Boileau; Bolaeana; L. Racine a.a.D.) 
Nicole Boileau- Despreaug war feit dem Erſcheinen feiner 
erſten Satiren (1666) ein allgemein gefürdyteter Kritifer, feit 


®) Descartes· Werke, heraueg. von Couſin, X, 351. 
“) Bol. Sainte-Beuve, Portr. liter. I, 389/90. 
) Die erſte Aufführung Rovember 1636, 
+) Einen Zufammenhang zwiſchen Gorneille und Descartes, und zwar 
ine Beeinfluffung Dieſes dur) Ienen, önnte man verſucht feyn, In Folgen⸗ 
dem zu finden. Die Bewunderung, Nadmiration, if das Prinzip der Cor⸗ 
neefäen Kunfwirtung (vgl., u. A., Goufin, du vwrei zc. 211); fe iſt 
oh der Ausgangspunkt der Abhandlung über bie Leidenſchaften von Dede 
arte. Diefer war Dftober 1644 in Paris (Baillet a. a. D. II, 239 ff.), 
«fo zur Zeit des hoͤchſten Dichterruhmes Corneille's; er ſchrieb jene Abhand- 
bang Nufang ded Jahres 1646, (Baillet 11, 280.) Innere Gründe find der 
Annahme eines folgen Zufammenhanges ungünfig. Descartes verſteht unter 
sairation etwas weit Eiementarered — oft fa nur den Reiz des neuen 
Eindruds —, als Die Aritifer, welche ein fünftierifcies Printy Eorneiles 
mit Diefem Worte benennen. Grinnert übrigens gerade Die elementare Bes 
Vextung, die Jener dem Begriffe giebt, an das Platoniſche Sayualeır, fo iſt 
m bemerken, daß Goufin auch die Corneille ſche Bewunderung a. a. D. aus 
Bnten herleitet. — Bolleau ſelbſt erwähnt die Bedeutung der Bewunderung 
bei Gornciße in dem Berföhnungäbriefe an Perrault, vgl. S. 206, Aum. 


202 8.6. v. Stein: 


dem Grfcheinen feiner „Dichtkunft“ (1674) der bemunderte 
„Geſetgeber des Parnaſſes“. Fortan war ein neued Werk von 
Despréaur ein Ereigniß für Hof, Geſellſchaft und Publikum. 
Der Autor pflegte es in bevorzugten Kreifen zu rezitiren; hohe 
Gönner vergoffen Thränen freudiger Bewunderung bei Anhörung 
feiner Berfe. Die Veröffentlichung feiner Dichtung wurde ihm 
häufig erft durch den Vertrieb von Balfifitaten abgenöthigt, die 
unter dem Titel des neuen Werkes zahlreiche Abnehmer, Liebs 
haber und Gegner fanden. Ein Vers Boileau's war ein 
Verdilt, gegen welches Berufung einzulegen unmoͤglich war, 
weil es feine höhere Inftanz in diefen Dingen gab. Wan 
wiederholte gern die glüdlichen Antworten, in welchen der Kris 
titer eine foldye fouveräne Stellung felbf dem König gegenüber 
zu wahren wußte. Boileau fagt einmal, daß feine Verſe oft, 
kaum entflanden, zum Spridwort würden.*) : Etwas Aehn- 
liches fann man von feinem Namen in der Litterar⸗Geſchicht⸗ 
ſchreibung fagen; Sainte-Beune fpricht gelegentlih, um das 
Verdienſt Royer⸗Collard's hervorzuheben, von dem „philoſophi⸗ 
ſchen Despreaug” feines Zeitalter. **) — Boileau brachte, was 
die großen Dichter feines Jahrhunderts geſchaffen hatten, als 
klaſſiſchen Geſchmac zum allgemeinen Bewußtfeyn. 

Auch Boileau war fein eigentlicher Carteflaner, er gehörte 
nicht zur Sefte**) des Carteflanismus. Die Zeit der Be 
günftigung der Literatur durch den König ift zugleich die Zeit 
der Verfolgung der cartefianiichen Lehren. 1664 wird als das 
Jahr genannt, in welchem der König anfing, Schriftfteller durch 
Penſtonen zu belohnen. +) Kurz vorher waren die Schriften 
Descarteö’ auf den Inder geſetzt worden, und der König entſchloß 
Ah, Rom in diejer Angelegenheit gefällig zu feyn. (1663.) ++) 


®) Eptire X, 12. 
**) Port-Royal. (2.) I, 23. 
“ee, Ausbrud der Fr. v. Grignan. 
+) Bemertung Gt.» Marc’s zu Bollean I, 47. 
+4) Consio, de la perstcution du cariisianisme. Fragments philo- 
sophiques II, 297 —332. 


Ueber den Bufammenhang Boileau's mit Descartet. 208 


1671 wird der Pariſer Univerfität eine mündliche Weiſung des 
Königs zugeftelt, der Verbreitung der neuen Lehre feinen Vor⸗ 
ſchub zu leiſten; 1675 ergeht ein ausdrüdliches Berbot des 
Carteſianismus an die Univerfität von Angers. Es find dies 
felben Jahre, in denen Boileau auf den Gipfel feined Anſehens 
gelangt. Das Jahr 1678 bezeichnet die Niederlage des Car⸗ 
tefaniemus: dad oratoire, die Brüberfchaft, welcher Male 
btanche angehörte, und die biöher am eifrigfen für Descartes 
eingetreten war, fchließt ein Konkordat mit den Jeluiten, und 
befieplt ihren Mitgliedern, die Phyfit des Ariftoteled zu lehren. 
Der Oratorianer Quesnel flieht nach Brüffel, zu dem gleich» 
fals verbannten Arnauld; pourquoi m’engagerais-je à renoncer 
a la raison, à P’6vidence, à ma libert6, si je trouve les opi- 
nions de Descartes meilleures que les autres en philosophie“, 
fo ſchreibt er in feinem Abfchieböbriefe. Im demfelben Jahre 
1678 erregt dad allgemeine Auffehen die Ernennung Racine's 
md Boileau's zu Hiftoriographen des Könige: fie begleiten 
ſeitdem den König auf feinen Feldzügen und nehmen eine be 
Riumte, wenn auch nicht unangefochtene Stellung am Hofe von 
Verfailled ein. Während König und Hof den Ginfällen Boi- 
leau's Beifall ſpenden, läßt Madame de Sevigné ben ihr 
befreundeten Gartefianer Corbinelli bitten, gewifle Zirkel, in 
welchen allgemeine Themata befprochen zu werben pflegten, 
lieber gar nicht zu befuchen; der König habe überall feine Aufe 
vaffer, die jedes Wort hinterbrächten, das eiwa zu Gunften 
Descarte®’ gefagt würde. (1680.) Offenbar waren alfo folde 
Aeruferungen von Boilcau und Racine nicht zu erwarten. 

Die beiden Klaſſiler gaben hiernach Feineswege „ihren 
Sympatbien für die bedrohte Philofophie Descarte®’ lauten Aus⸗ 
drud®, wie Bouillier ) meint. Aber fie fimmten allerdings in 
ihren Gefinnungen nicht mit jener Verfolgung der Earteflaner 
überein, infofern fie eine Beeinträchtigung freierer geiftiger 
Regungen überhaupt in ihr erblidten. Die, nicht aber Jeneo, 


1,48. 


204 8. 9. v. Stein: 


beweift der im Jahre 1675 verfaßte „arret burlesque“.*) Die 
Barifer Univerfität wollte vom Parlament ein rechtsgiltiges 
Verbot der carteftanifchen Philoſophie erwirken; man hatte fih 
bereitö mit dem Praͤſidenten Lamoignon in Verbindung gefept. 
Diefer war ein Gönner und Freund Boileau's; — ihm ver- 
dankte der Dichter unter Anderem Stoff und Anregung zu feinem 
„lutrin“;®®) er ließ im Gefpräche fallen, daß das Verbot, 
wenn in aller Form verlangt, nicht zu verweigern feyn würde. 
Hierauf verfaßte Boileau, gemeinfam mit Racine und Bernier, 
ein Schriftfüd, weldyes er dem Praͤſidenten als das, auf die 
formelle Befchwerde der Univerfität hin zu erlafiende, Verbot 
zur Unterzeichnung vorlegen ließ. „In Anbetracht, daß feit 
einigen Jahren eine Unbefannte, Namens Bernunft, in bie 
Säulen einzubringen verfuche, unterftügt von einigen Seftirern, 
die ſich Gaffendiften, Eartefianer, Malebranchiſten und Pourcho⸗ 
tiſten nennen — fey vielmehr von Rechts wegen Ariftoteles in 
Beſiß und Nutznießung der erwähnten Schulen zu ſchuͤtzen, und 
die Vernunft aus ihnen für immer zu verbannen, ‚A peine 
d'etre declaree Janseniste‘." — Lamoignon erkannte den Ber 
faſſer und lachte herzlich über die Traveſtie, die fich rafch im 
Publikum verbreitete: die Univerfität Rand von ihrem Vorhaben 
ab, und das Verbot unterblieb. — Das Dofument zeugt für 
den guten Humor und auch eine gewiffe Sreifinnigfeit feiner 
Verfafler, enthält aber nichts, was deren ſpezifiſch carteflanifche 
&efinnung beweifen fönnte. Auch fennen wir den einen Mit- 
verfaffer, Bernier, bereits als Schüler Gaſſendi's; demgemäß 
ſtehen die Gaffendiften in der angeführten Aufzählung der vers 
pönten Sektirer voran. Die hier nicht näher zu diöfutirenden 
Einzelheiten find dem Gebiete der Phyſik und Medizin („Pourdo- 
tiften“) entnommen; unter den infriminirten Schriften ſteht die 
Logik von Bort-Royal und die Phyſit des Carteſianers Rohault 
neben ber Gaflendi’fhen Schrift ‚adversus Aristoteleos‘. Daß 
die Vernunft in der oben angebeuteten Weile zum eigentlichen 


*) Abgedrudt in den Werten Boileau's. 
**) Ep. VI. iſt an ihn gerichtet. 


Ueber den Zuſammenhang Boileau's mit Descartes. 205 


Gegenſtand und Mittelpunkt der Angelegenheit gemacht wird, *) 
könnte vielleicht als ein unbefimmter Refler der Denkt» und 
Sdreibweiſe Descartes’ angefehen werden. Boileau fagt bereits 
in der IX. Satire, 1667, gewifiermaaßen den „arr&t burlesque“ 
vorwegnehmend, von ber Satire überhaupt :- 

.. Et sonvent, sans rien craindre, à side d’an bon mot 

Va venger la raison des atientats d’un sol, — 
BeRimmtere Bedeutung erhält jedoch diefer bevorzugende Ges 
drauch des Begriffe und Wortö ‚raison‘ erft im Zuſammen⸗ 
ange der Boileau’ihen Schriften. 

Boileau äußert ſich gelegentlich gegen Gartefianer, zwar 
nicht weil, aber ungeachtet daß fie es find. Er will feine Ger 
finnung von den Befrebungen eines Rohault fo gut, als von 
denen eined Bernier unterſchieden wiflen,**) will fi alfo eben- 
ſowohl von dem Gartefianer als von dem Gaffendiften unter 
ſcheiden. Er dachte gering von Eorbinelli,***) einem der Apofel 
des Gartefianismus in der vornehmen Well. Der Dichter 
% Laboureur darf als ein treuer Anhänger Descartes’ angefehen 
werden; wir finden ihn bei der 2eichenfeier in Paris (1667) 
erwähnt; +) in feinem Epos „Eharlemagne“ legt er den Vortrag 
«arteflanifcher Theoreme einem Engel in den Mund, und bie 
Sartefianer waren ſtolz auf diefe Verherrlichung ihres Meifers 
und feiner Lehre. +) Aber die Dichtung erregte.das Afthetifche 
Risfallen Boileau's; er greift fie Ep. IX mit einer bei ihm 
feltenen Derbheit an: ‚Unfeliger Dichter! Conds (dem das 
Gos gewidmet war) wird nicht bis auf die zweite Seite lefen, 
er wird es wegwerfen, fein Kammerbiener mag ſich im Bor 
immer mit dem Buche unterhalten.‘ — 

In einem alle erſcheint der Kritiker fogar im Partei⸗ 
Gegenfage zu dem Cartefianismus: in dem Streite über den 





®) Ueber bie befondere Wendung dieſes Ciufalls vgl. Abſchnitt IV. 
*) Ep. V. 
) Bolarana. 

+) Bouilller 1, 54. 
tt) Baillet, v. d. D. II, 266, 


206 8.9. v. Stein: 


Vorzug der Mobernen vor den Alten. Diefe Streitfrage ber 
fhäftigte die litterariſche Welt in ben lehten Dezennien des 
Jahrhunderts.e) Der Vorzug der Modernen wurde von Gar 
tefianern, und unter Berufung auf Descartes und Wales 
btanche **) behauptet. Offenbar fegten fie fih hiermit in 
Segenfag zu der Hafflfhen Dichtung ihrer Zeit. Diefe hält, 
im Allgemeinen, ja fogar die Autorität des Ariſtoteles auf 
recht; die Gartefianer find deſſen erklärte Gegner. Corneille und 
Racine befennen fi zu ber antifen Tragödie ald zu ihrem un 
erreichten Borbilde; Racine rief einft durch die begeifterte Bor- 
leſung des Sophokleiſchen Debipus einen Eindrud hervor, den 
feine Zuhörer höher fhägen mußten, ald Alles was bie fran« 
zöfffche Bühne felbft ihnen darbot.”**) Run richteten fich aber 
die Angriffe eined Perrault in feinen Parallelen gerade auch 
gegen die Dichter des Alterthums."**) Daß ein folder Angriff 
die franzöflfchen Klaſſiker mitbetraf, bemerkt Hettner. +) ber 
es iſt nicht ganz genau, wenn er binzufügt: „daher der Gifer, 
mit welchen vor Allem Boileau ſelbſt für die Vorzüge und 
Rechte der Alten eintrat“. Boileau trat erſt nach langem Zögern 
in den Streit ein; ++) er lieb ſich bald zur Berföhnung bereit 
finden. +++) Man hatte das ‚Brutus, du fhläfft‘ auf ihn an 


*) &. die Darftellung bei Bouillier 1, 480 ff. 
**) Auf das II. Buch der recherche de la veritd. gl. Baillet, Jage- 
ments des savanıs (1725) 1. ®b. 1. Thell: „prejuges des anciens“ &.225.227. 
=) WB. Ausg. v. Mefnard (1865) I, 299. 

VVDagegen nimmt Fontenelle in feiner bezüglichen Gtreitfchrift die 
antite Tragödie als etwas Vollkommenes ausdräflih von feiner fonfigen 
Bevorzugung ber Modernen aus. Werke (Amſterdam 1754) IV, 123. Aehalich 
Beillet, jagements I, 132/83. 

+) a.a.O. 56. 
++) Zuerk nur mit den Epigrammen 22 — 28; fpäter mit den kritiſchen 
Beflesionen über Longin. 

Fr) ©. den wichiigen Brief an Perrauft vom Jahre 1700. — In dem 
Urtpeil über Cornellle zeigt Ihn zwar der Begriff der tragiſchen Leidenſchan 
abhängig von Ariftoteled; aber daß er Die Kunſtwirtung 6.6 volauf wärdigt, 
ungeadtet er fie für nicht · ariſtoteliſch erklärt, zeigt ihn ala ſelbſtändigen 


Ueber den Zuſammenhang Boileau's mit Descartes. 207 


gewandt.) Beachten wir alfo vornehmlich nur die hierin aus⸗ 
gevrüdte allgemeine Erwartung: keinenfalls fuchte man ihn in 
den Reihen der Garteftaner. 


II. 


Die äußere Geſchichte des Eartefianismus verläuft in 
ſolchen allgemein beadhteten Disfufftonen, welde ihn eben als 
Partei zeigen: der Eucarifte-Streit, welcher zur Verfolgung 
führte; der Streit über den Automatismus; der Streit über antik 
und modern. In ihnen tritt eine Berwandtfchaft mit dem Geiſte 
der klaſſiſchen Litteratur, mit den Berebungen eines Boileau, 
nicht hervor. **) Aber ebenſo liegen fie auch weit ab von ber 
etigentlichen Philoſophie Descarted. In ihnen allen if die zu 
Grunde liegende Anſicht Descartes’ von der Partei-Doktrin 
wohl zu umterfhheiden.***) Befchreiten wir diefen Weg der 
Unterfuhung. Wir gelangen dann zur Einfiht in die Prin⸗ 
zipien des Philoſophen: dieſe find das tief und dauernd Wirk⸗ 
fame feiner Bhilofophie. Sie wirken unter der Oberfläche der 
cartefianifchen Doktrinen um fo unwiderſtehlicher, als nicht fie 
zum @egenftande der Streitfragen gemacht werden. — 

Es hatte Bebenfen erregt, ob die Lehre Descarted’ von 
dem Zufammenhang ber ſinnlich wahrnehmbaren Ausdehnung 
mit der koͤrperlichen Subſtanz dem Dogma der fubftantiellen 
Gegenwart des Leibes Ehrifi im Saframent nicht wider 
ſpreche. t) Der Philoſoph verweigerte Fernerſtehenden jede Aus⸗ 


*) Ausg. St.-Marc, II, 132. 

“) Erklären wir uns fo das von den Eingangs angeführten Anfichten 
ahweiende Urtheil Gainte-Beuve's (Bort-Royal V, 373, Anm): „Le 
succhs lꝛueroire ei mondain... Descartes ne a pas en, ei co n'est que par 
üne Sclion rötrospeclive, par une pure construction de leur esprit, que d’ha- 
biles eritiques de nos jours lai ont preis une röputation auire que philo- 
sophique.“ 

=) Bol. die Warnung Descartes’ im VI. Kap. des discours de la 
möthode. 

t) ©. Me Darfielung bei Baillet, VI. Bud, 9. Kapitel; Bonillier, 
L Bew, 21. Kapitel. 


208 K. M. v. Stein: 


tunft über dieſe, wie er fagte, rein theologiſche Frage. Eine 
erfte Aeußerung hierüber gewann ihm jedoch Arnauld ab; wie 
er denn einzig beflen Einwendungen (den IV.) Zugeſtändniſſe 
machte und ihnen gemäß fogar einzelne Aenderungen vor 
nahm. Merkwürdig if, daß auch auf ein anonymes Schreiben 
Arnauld's*) Descartes ganz befonders eingehend und entgegens 
kommend antwortete, ohne doch den Berfafler au erfennen: 
offenbar fühlte er in ber bier ihm entgegentretenden Denk⸗ 
weife fi) von einem verwandten Geifte angefprodyen. Die bier 
wiederholte Frage über die Transfubftantiation **) beantwortete 
er nun zwar dem Ungenannten nicht; er hatte aber inzwifchen 
. an ®. Mesland eine müͤndlich ſich verbreitende Erklärung) 
im Betreff der Euchariftie gegeben. — Arnauld hat die Anfiht 
Descarted' hierin zu der feinigen gemacht. Sein calviniſtiſcher 
Gegner Jurieu fchrieb in feinem „Esprit d’Arnauld“, Deventer 
1688: Port-Royal zeige in biefem Punfte mehr Neigung zum 
Carteſianismus als zum Chriſtenthum. Die Gartefianer fuchten 
vergeblich, dur mühfame Subtilitäten}) und Anziehung der 
Bäter der wirklichen Autorität genugzuthun: bier war ber greil« 
bare Anlaß gegeben, die neue Philofophie in vie Verfolgung 
des Janſenismus mit zu verwideln. Aus diejem Grunde fonnte 
man bedauern, baß Descartes nicht bei feiner urfprünglichen 
Zurädhaltung verblieben il. +4) Immerhin war die Auskunft 
Descartes’ an ſich nicht Das, als was fie Auffehen und Wider 
ſpruch erregte, nämlich eine theologiſche Spipfindigkeit; fondern 
eine fi ihm aufdringende Folgerung aus dem Ganzen feiner 
Phitofophie. Ihm lagen, fhon durch feine Erziehung in 
La Flöhe, nicht allein die religiöfen Grundfragen, fondern auch 
bie wirklichen Dogmen und Inftitutionen naturgemäß nahe. 


*) BE. Dekariet, X, 137 ff. 
®*) Ebenda 143. 
“) Grmähnt BB. IX, 70.193. — Bgl. u. S. 200, Anm. 
+) Ballet II, 520/1. 
e tt) Ebenda. Bol. Kuno Fiſcher, Geſch. ber neueren Phil. 1.00, L Th., 
.A78, j 


Ueber den Zufammenhang Boileau's mit Descartes. 208 


So war ihm fiherlich die Transſubſtantion von felo und un- 
abhängig von ben fpäter geäußerten Bebenklichkeiten der Theo⸗ 
logen eingefallen, wenn er über das Berhälmiß von geiftiger 
und förperliher Subſtanz meditirte. Das dogmatiſche Problem 
bot Ach ihm dar, wie etwa uns ein naturwiſſenſchaftliches 
Broblem fich darbietet, um daran ein fpefulatives Ergebniß zu 
erproben. Es war feine vertiefte Ginfiht in den Weſens⸗ 
Unterſchied von Leib und Seele, die ſich hier zu bewähren 
hatte. Dieb und nichts Anderes enthält feine vertrautefte und 
eigenthümlichfte Aeußerung über die Euchariftie.*) ‚Die wunders 
bare Berwandlung im Saframent erklärt ſich aus ber natürlichen 
Verwandlung der Nahrung in unferm Körper. Dort vollbringen 
die Worte ber Conferration, was hier die Seele vollbringt, 
eine volltommene Umordnung und Umformung der materiellen 
Bartiten.‘ — 

Die Wechſelwirkung zwifchen Seele und Leib ſcheint in ihren 
Einzelpeiten den Inhalt desjenigen Cartefianismus gebildet zu 
haben, weldyer eine Zeit lang in der großen Welt beliebt war. 
Wenn Frau von Sevigne auf die cartefianifchen Neigungen ihrer 
Tochter anfpielt, fo handelt es ſich meiftend um die natürliche 
Erklärung feelifcher Regungen. Seine Hauptfchrift über diefen 
Gegenſtand, den trait6 de la nature des passions de l’Ame, 
hatte Descartes urfprünglid nicht für die Beröffentlihung bes 
Rimmt; er theilte ſich jedoch, als er fie ſchrieb, hierüber Ehanut 
mit, der gerade damals begann, das Intereſſe der Königin von 
Schweden für Descartes zu erweden, und verkehrte ferner in 
demfelben Jahre 1646 über den Gegenftand mit der erfien Gars 
teffanerin, der Bringeffin Etifabeth.**) — Die Gemüthöregungen 
find nad) Descartes Me Trübung des reinen ſeeliſchen Prinzips 
durd die Einwirfungen des Körpers; Träger viefer Beziehungen 
And die „thierifchen Geiſter“; fällt jenes höhere Prinzip weg, 
fo fann audy nicht mehr von Gefühlen in demſelben Sinne 


*) Brief an den Jeſuiten Mesland, zitirt nach Baillet, volfändig bei 
Beuillier 1, 442. 
**) Ballet II, 280 ff. 290, 
ama:. | Bhilef. m. vdu arim. 06 Band. 14 


210 8.6. v. Stein: 


geſprochen werben, es bleibt nur die Regfamfeit des feelenlofen 
Körpers übrig, als thierifche Natur. Dieß iR denn das bes 
rühmte Theorem bes Automatimus im Zufammenhange der 
carteffchen Gedanken. Es ift bei Descartes ein Hilfsmittel, 
um die fpezifiiche Beſchaffenheit jened höheren Prinzips im 
Menſchen genau zu beftiimmen.*) Er hatte das Thier wohl 
binfichtlich feiner aktiven Regungen mit einer Maſchine vers 
glichen, aber er ging nicht fo weit, es auch hinſichtlich der 
Empfindung der Mafchine gleichzuftellen und ihm demnach alles 
unt jedes Gefühl abzufprehen.**) Nur ſchien ihm das menſch⸗ 
liche Gemüth allerdings etwas ganz und gar Anderes in Ab 
zu enthalten: es vermag noch etwas Anderes als die Leiden 
ſchaft aus ſich fundzugeben. „Mögen immerhin Montaigne unt 
Eharron behaupten, es gäbe Unterfchiede zwifchen Menſch und 
Menſch, die größer feyen, als der Unterſchied zwiſchen Menſch 
und Thier iſt; ſo hat doch aber kein Thier jemals in ſeiner 
Vollkommenheit es dahin gebracht, anderen Thieren durch Zeichen 
etwas deutlich zu machen: was außer aller Beziehung zu feinen 
Leidenſchaften geſtanden hätte.“ ***) Das Bermögen des leiden 
fchaftötofen reinen Denkens ergiebt fih als die unterfcheidente 
Grundeigenthümfichfeit des Menfchen: hierhin zielt, bei Dee: 
carted, auch der Automatismus. Diefes Vermögen, und nichts 
Anderes, fol menſchliche Seele heißen. Einer der erften und 
teidenfchaftlichften, freilich bald abtrünnige Schüler Descartes’, 
der Utrechter Profeſſor Regius (Leroi) glaubte die anthres 
pologifchen Anfihten des Philofophen in ber Thefe wieder 


*) Ballet wid, al Garteflaner, an der Doftrin des Yutomatismus 
als folder feſtgehalten wiflen, und polemifirt gegen deren Serleitung aut 
den prinzipiell widtigeren Gpefulationen de Philofonfen (1, 51/2). hate 
fachlich führt er nur an, daß Descartes feine Anficht über Die Thlerferk 
ſchon geäußert hat, ehe er die ‚Meditationen‘ niederfährieb, und im ihnen zu 
einer genaueren Diötuffion des Berhäftniffes der beiden Subflanzen Anlap gab. 

) Descarted an Moore 1649. (WEB. X, 208.) Er fährt fort: „Ars 
mon opinion n'est pas si cruelle aux animauz qu'elle est favorable sur 
hommes“ ... 

BR. IX, 125. 


Neber den Bufammenhang Bollean’s mit Detcartet. 211 


geben: bie menſchliche Seele ſey dreifach: Denkvermoͤgen, 
vegetative Kraft, bewegende Kraft der thieriſchen Geifter. ‚Richt 
dieß Alles fann Seele heißen‘, ſchrieb ihm Descartes;*) „il 
n’y a qu’une seule äme dans l’homme, c’est & dire, la raison- 
able; car il ne faut compter pour actions humaines que 
celles qui dependent de la raison.* Hiermit find die grund⸗ 
legenden Beiradptungen der zweiten Mebitation *) zufammen- 
zuhalten. ‚Der Menſch ift weientlich nicht diefe ſichtbare Ber 
einigung von Gliedmaaßen; er iſt aud nicht etwa eim luft⸗ 
förmig in diefen Gliedern überall Vorhandenes; Alles was ich 
irgendwie bildlich mir vorftelen fann (que je puis feindre et 
m’imaginer), das iſt nicht mein eigentliches tieffte® Ich, das 
iſt nicht das weienhaft Menfchliche.‘ — 

Im jenen Streit über antif und modern führte Fontenelle 
den abfiraften einheitlichen Begriff vom Menſchen als Moment 
des Ausgleich ein. ) „Laßt und bie großen 2eiftungen ber 
antiten Menfchheit anerfennen, aber nicht ald etwas Unerreich⸗ 
bare6 anfaunen; wenn wir fie vollfommen nennen, warum 
ſollten wir ihnen nicht gleihfommen?‘ „En qualit6 d’hommes, 
vous avons toujours droit d’y prötendre.“ 4) Dieß entipricht 
befier als die Perrault ſche Verachtung der Antife den Anſichten 
Descarte®'. Diefer hatte feine Bhilofophie fogar einmal ſelbſt 
eine eigentlich ſehr alte genannt. +4) Nur freilich wäre fie feine 
Boilofophie, wenn fie auf Autorität ſich begründete. „Man 
fügrt bier die Autorität des Ariftoteles gegen mich an“, fo 


BB. VI, 312ß. 
“) BB. 1,232. 
°) Jener Streit zeigte den Gartefianiomus im Wibderſpruch mit dem 
Gifte der Maffifhen Dichtung; diefer Begriff vom Menſchen iſt Beiden 
yemchufem. Die Tragddie Racines flelt, im verfhiedener hiſtoriſcher Ger 
wendung, ben Menſchen des ‚großen Zeitalters‘ ald den Menſchen ſchlechthin 
der. Bol. Taine, das vorr. Frankreich 198/9. 202; er ſpricht von einer 
abtreten Weit“, Bouillier (Geſch. des Gart. I, 480) don dem „Menſchen 
der Metapäufit” als Gegenſtand der llaſſtſchen Dichtung. 
}) digression sur les Anciens et les Modernes, gegen Ende. uuehnlich 
um Gäluß des Urfprungs der Fabeln. 
tt) 88. IK, 289. a 
14* 


212 8. 6. 3. Stein: 


fertigt er eine ſcholaſtiſche Einwendung ab; „id verhehle nicht, 
daß ich diefem Schriftfteller weniger glaube als meiner Bers 
nunft, und fehe nicht, um welche weitere Antwort idy mich bier 
bemühen ſollte“. ) So äußerte er ſich denn auch fentifch über 
die bloße klaſſiſche Gelehrſamkeit, wenn fie ihm den Weg ver 
fyerren will, auf welchem er zu inhaltreichen Einfichten gelangte. 
„Ohne jedes Uebermaaß von Selbfivertrauen, habe ich eben nur 
die einfachen und unbeſchwerlichſten Erfenntnißmittel aufgeſucht; 
ich bin aber auf biefen aller Welt zugänglichen Wegen weiter 
gefommen, ald Andere mit all ihrem Geiſt auf verſchlungenen 
Pfaden gefommen find. Man zähle die Probleme auf, welche 
feit einer Reihe von Jahrhunderten unter der Herrfchaft anderer 
Philoſophien gelöft worden find; man wird vielleicht mit Er- 
flaunen finden, daß fie weder fo zahlreich noch fo wichtig find, 
als die in meinen Verſuchen enthaltenen.” ) Alſo nicht: ‚ih 
traue mir mehr ald allen Vorgängern, den Modernen mehr als 
den Alten‘; aber wohl: ‚ich traue meiner Vernunft mehr, als 
der bloßen Ueberlieferung und Hinnahme jedweder Autorität‘. 

So leitet die Betrachtung ber cartefianifchen Doftrinen zur 
Wahrnehmung eined Eharafterzuged der Descartes’fhen Denk: 
weife über. Verſuchen wir diefen vollſtaͤndig barzuftellen. 

Es ift eine befannte Wendung Descartes’, daß, ebenfo 
wie alle nur autoritativen Lehrfäge, auch, Alles was wir von 
den Sinnen empfangen, einmal bei Seite gelegt werden muß, 
damit wir vernehmen, was die reine und unverdüflerte Bernunft 
uns fagt‘.“*) Inſofern man dieß Prinzip im Einzelnen 
auf naturmiffenfchaftliche Forſchung anwandte,}) hat ber fran⸗ 


*) B:. VI, 28, 
*) BB. IX, 27, an den Jefuiten- Provinzial Dinet. Es handelt ſich 
um bie Abwehr der Angriffe des Jefuiten Bourdin, und diejenigen Boetiuf. 
9) Antwort auf die I. Objeltionen, unter 7. 
+) Die Polemif über Säge der Dioptrif fortfegend, welche Descartes 
ſelbſt überaus viel beidäftigt hatte, bringt Clerfeller 1658 ein Schriftaua 
gum Bortrag, in welchem er anhebt: „Je n’ai pas seulement comnn par la 
raison, mais j'ei möme reconan par diverses exp6riences“ ... (Descarte⸗ 
BB. X, 386). Dedcarteb felbft — unter deſſen Ramen Die Arnperung 





Ueber den Bufanmenhang Boileau's mit Descartet, 213 


ffche Philoſoph fehr bald, aud in Frankreich, Xode und 
Rewton weichen müffen. Wenn jene cartefianifchen Diskuffionen 
der erfien funfzig Jahre nad) dem Tode Descartes’ verhallt 
find, ſteht hauptſaͤchlich diefer Gegenfag zwifchen Descartes und 
Rewton in Frage; man verfteht im adjtzehnten Jahrhundert 
unter Phitofophie Descartes’ faft immer deffen phyſikaliſche 
Hauptfäge. So, wenn Boltaire in der Vorrede zu feinen Ele⸗ 
menten der Newton'ſchen Philoſophie (1738) fagt, im Gegenfag 
zu der Zontenelle'hen „pluralitt des mondes“ (1686), hier 
gebe es feine imaginäre Philofophie, wic in jenem Bude: 
damit kann ſchon defhalb nur Descartes’ Phyſik gemeint feyn, 
weil nur von biefer in dem Buche Fontenelle's die Rede if, 
und Fontenelle im Uebrigen Das, was den Inhalt der „Medi⸗ 
tationen” umd des erften Buches der „Prinzipien“ auemadıt, 
ſelbſt als metaphyſiſche Kuͤhnheiten verhöhnte.*) Voltaire vers 
half Newton zum Siege, d. h. die carteſtaniſche Hypotheſe ber 
Wirbel wurde fo gut wie allgemein der Annahme der Gravis 
tation aufgeopfert. Aber fhon 1765 fonnte Thomas in feiner 
von der Akademie gefrönten Lobrede auf Descartes ausführen, 
daß Diefer wenigſtens als gleichberechtigter Vorgänger Newton's 
anzuerfennen fey. Er habe den entfcheidenden Anfang gemacht, 
die Natur rationell zu begreifen. Er habe das prinzipiell 
Wichtige vollbracht, und es hebe deßhalb fein Verdienft nicht 
auf, wenn eine beflere Hypotheſe über die phufifalifche Vers 
faflung des Weltſyſtems die feinige verbränge. Descartes’ ſyſte⸗ 
matifche Erklärungen und Erflärungs+Berfuche bringen Methode 
vorgetragen wurde — würde doch wohl die Antitheſe hier nicht angewandt 
haben; dazu dachte er zu hod vom Ügveriment und der naturwiffenfhaft- 
Hden Empirie überhaupt. Dgl. die Anekdote Baillet IL, 273. 

*) Gr ſchreibt ein Geſoräch Descartes’ mit einem Dritten falſchen 
Demetrins; Diefer giebt dem Philofophen den Vorwurf zuräd, ob ihn denn 
dad Beifplel feiner entlarnten Borgänger nicht abgefchreitt habe. — Wie frei 
Bentenele in den allgemeinen Pringipien if, zeigt ein Ausfprud, der ‚plura- 
ine des mondes‘, welcher eigentlich zwiſchen Descartes und ode in ber 
Mitte Reht: „Toute Ia philosophie n'est fond6e que sur denz choses, sur ce 
qu'on a esprit curieuz et les yeux mauvais.“ Bol. über biefe Mittelſtellung 
Fontenelle'3 d’Rlembert'8 at. Lobr. auf Bollean. 


214 89H.» Stein: 


in die naturwiffenfchaftlichen Betrachtungen; fie gewöhnen an 
die fpäter überall vorausgefegte Borftellung von dem einförmig 
gefegmäßigen Wirfen der Ratur. „La penste est la rögle de 
la verit6 des choses.“*) Der Gefammtbegriff „Ratur“ ers 
ſcheint bei Descartes als Begenbild des rationellen Denkens. 
Dies iſt in einem Briefe an Merfenne**) ausgeſprochen, aus 
welchem man zugleich erfieht, was für Begriffe von ‚Natur‘ 
der Philoſoph bei feinen Zeitgenoffen vorfand. „Ihr fagt, der 
Schlag eines Hammers überrafhe die Natur, der Art, daß fie 
nicht Zeit hat, ihre Kräfte zum Widerftande zu vereinigen. Das 
iR meinen Anſichten ganz und gar entgegen. Die Ratur hat 
feine Kräfte zu vereinigen, und hat auch nicht Zeit nöthig für 
fo etwas: mais elle agit en tout mathematiquement.“ Dief 
‚mathematifdy‘ ift aber bei Descarted in einem genau befimm- 
baren Sinne fononym mit ‚rationel‘, „Die Fähigkeit des 
Begreifens (entendre) if der Bähigfeit des Vorſtellens (ima- 
giner) nicht quantitativ ſondern qualitativ überlegen.) Was 
3.8. ein Taufended ift, begreife ich fehr klar, ganz und gar, 
mit einem Schlage („tout entier et tout & la fois“ — das 
„mathönatiquement“ der eben angeführten Briefftelle); aber ih 
kann es mir nicht in bemfelben Maaße klar vorfellen.” So 
folgt denn: „Et meme toute cette science que l’on pourrait 
peut-6tre croire la plus soumise à notre imagination, parce- 
qu’elle ne considäre que les ‚grandeurs, les figures et les 
mouvements, n’est nullement fondée sur ses fantömes, mais 
seulement sur les notions claires et distinctes de notre 
esprit.“ }) — „Puisque l'auteur fait profession d’&crire metho- 


*) BB. II, 306. 
=) 11. März 1640. WW. VIIl, 206. 
) BB. II, 293/4. 
+ BB. vll, 639. — Er fährt fort: „— 00 que saveni cm qui 
Pou tant soit peu approfondie“; hier werden wir daran erinnert, daß es der 
Erfinder der analyt. Geometrie.ift, welcher jene Zeilen ſchreibt. Es bürkte 
demnach hier einer ber Punkte feyn, an bem bie Verknüpfung ber mathe 
matiſchen Leitung mit dem philoſophiſchen Suftem gu Tage liegt. Man 
vergleiche die Ableitung im IL. Kapitel des discours de ia möthode. 


Usher den Zufammenhang Boileau’s mit Descartes. 215 


äquement, clairement et distinctement ...‘“*) fagt 
cin (umbefannter) Korrefpondent in feinen Einwendungen, gewiß 
mit vollem Recht, nur jedoch mit einem Anflug von Ironie, 
der bier wohl am wenigften berechtigt iR. Denn in der That 
bezeichnet dieſes bei unferem Philofophen immer wiederkehrende 
„elairement et distinctement“ den Kern reicher und fruchtbarer 
Gedanken: die einfache methodiſche Wendung ift gleihfam eine 
Formel für den Grundcharakter feiner Philoſophie. — 

Die allgemeine Form des Gottesbeweiſes iſt bei Descartes 
die ontologifche;**) die dem Philoſophen eigenthümlicye Ab⸗ 
leitung iR eine neue Wendung des eben angedeuteten Prinzips. 
Das ‚je pense donc je suis‘ ift fein Syllogismus, und follte 
es nicht ſeyn. Ebenſo if auch der Gottesbeweis fein eigent- 
liher Beweis. Ein evidenter Sag wird dort zum feſten Stand» 
ort innerhalb der Wirklichkeit; hier wird das Prinzip feiner 
Esidenz in das Metaphyſiſche übertragen. Dort wie hier if 
die volltoramene Vorſtellung das Gegebene; aber ihre Voll 
fommenheit fam in bem erfteren Halle nur als Abweifung des 
Iweifeld zum Bewußtfeyn; dieſe wird dann durchgeführt und 
begründet ald Bevorzugung ber Vernunfterkenntniß vor der 
Sinmenerfenntniß, der reinen Abftraftion vor allen @ebilden 
ver Imagination. Die gemeinſame Grundlage der beiden Be- 
trachtungen ift das unbedingte ***) Vertrauen auf die Gewißheit 
eines ſolchen einfachſten Sages, +) auf das natürliche Licht der 
Vernunft, ++) auf die Wahrheit. Descartes fagt von einem 
Strififleller: „Il examine ce que c'est que la verit6; et pour 
moi je n’en ai jamais dout6, me semblant que c'est une 
action si transscendentalement claire qu’il est impossible de 





vu, 387. 
**) Fai prouv6 que Dien existe arant que d’examiner s'il y a un monde 
ade par la... I; 481. ö 
) Bol. die erften Geiten der II. Meditation. — Hingegen bedarf allers 
Diagb Die Evidenz einer objeftiven Erkenntniß der’ Dorausfegung eines durch ⸗ 
uns wahrbaften Gottes, um entfceidend. zu ſehn. Princ. phil. 1. Buch, 29. 30. 
?) Prise, phil. L Bud, 10. 
tH Daſelbſt 18, 20, 30, 76. 


216 8.6.» Stein: 


Pignorer.* „Ich unterfheide in uns zwei Inſtinkte; ber eine 
beherrfcht uns infofern wir thieriſche Wefen find, und ift fehl⸗ 
bar; ber andere eignet und als Menfchen‘: „il est purement 
intellectuel, c’est la lumiöre naturelle, ou intuitus mentahs, 
augael seul je tiens qu’on se doit fier.“*) 

Der Gottesbeweis vor allem gewann der Philofophie Des⸗ 
carte®’ ihre berühmteften Anhänger, die Theologen Arnauld, 
Boffuet, Zenelon. Arnauld ſchreibt an Descarted:**) „Die 
Gründe, welcher Ihr Euch hier bedient, feinen mir nicht nur 
überaus ſinnreich, wie alle Welt die zugiebt, fondern auch ein 
wirklicher, ſicherer Beweis zu feyn.” Genau fo wollte es ber 
Philoſoph verftanden wiſſen. Denn es iſt ganz undenkbar, 
daß er in diefer Grundfrage etwa nicht ganz aufrichtig verfahren 
wäre. Allenfalls mag einige abfichtlihe Zurüdhaltung, wie er 
fie in dem Falle der Abendmahlsfrage anfangs innehielt, auch 
darin zu finden feyn, daß er ausführlichere Erläuterungen bed 
Gotteöbegriffes feloft, in feinen Schriften vermied.**) — Gleich 
aufrichtig eignen ihm Neigung und Vertrauen zum methobtfchen 
Raifonnement, und die Neigung zum kirchlichen Dogma.+) Die 
fegtere erfhließt ihm die Theilnahme jener großen Theologen; 
fie fühlen fi in ihrem Glauben beftärkt, und doc zugleich bie 
ſpontane Reflegion Fräftig und ebel in fi) angeregt: fie über 
nehmen zugleich mit dem kirchlich annehmbaren Theorem jene 
Vorliebe für die Methode und das Bertrauen zur Bernunft. 
Sind die cartefianiihen Grundgedanken überall umterfcheidbar 
von den carteftanifchen Doftrinen, fo daß fie deren Diskuſſton 
und Niederlage Üüberbauern: fo vermittelt in biefem prinzipiell 
wichtigften Balle der Erfolg der Doftrin jene tiefgehende Wirkung, 
die als Achtung der Vernunft und Uebung rationeller Methoden 
fehr allgemein fi ausfpricht. 


*) Brieflih, Werke VIIL, 168. 
**) In jenem anonymen Schreiben, 1648. Descartes’ Werke, X, 141. 
++) Bol. Taine, Das vortevol. Franke. S. 178. 
+) Bgl. die 5. und 10. Ginwendung Hobbed’ und bie Antwort Des 
cartes WR. 1, 480. 


Ueber den Bufammenfung Bollean’s mit Descartes. 217 


Amauld vertheidigte einmal den Carteſianismus: ‚wie kann 
man eine Philoſophie uncpriftlih nennen, deren Prinzip der 
Beweis vom Daſeyn Gottes if‘. „Nein, das Princip Des⸗ 
carte®’ iR ganz eigentlich feine Methode”, wendet ihm Saintes 
Beuve ein.®) Derfelbe fagt furz vorher:**) „Descartes a con- 
uibus plus que personne & faire de l’esprit un instrument 
de precision, et celä möne loin.“ Gr führt hierfür den Aus⸗ 
ſpruch Fontenelle's an: „Das Haupiſaͤchlichſte in ber Philoſophie 
md was fi von ihr aus überallhin verbreitet, iſt die Art 
und Weiſe des begründenden Denkens (manidre de raisonner); 
diefe hat fich im unferem Jahrhundert außerordentlich vervoll⸗ 
tommmet.... Bor Descartes dachte man bequemer; er hat nad) 
meiner Anficht die neue Art und Weife eingeführt: dieß ift fein 
Hauptoerdienft, denn feine Philofophie ſelbſt erfinden wir zum 
guten Theile falſch oder doch unficher, nach eben den Regeln, 
welche er uns lehrte.” **) Aehnlich fchrieb fpäter Terraſſon: 
„Wir verdanfen der Philoſophie Descartes’, was feit der Zeit 
ver Begründung der brei Afademien in allen guten Schriften 
herrſcht: ‚Vexclusion des prejuges, le gott du vrai, le fl 
du raisonnement‘.“+}) Und in noch gemauerer Beziehung zu 
unferem Thema fagt hierüber Gaillard: f) „La raison et la 
methode ont penetr& dans tous les genres. C'est depuis Des- 
cartes que les ouvrages sont bien faits, que les objets son 
presentes dans l’ordre qui leur convient, dans le jour. qui 
Fembellit, que Perudition est sobre, que le bel esprit est 
decent, que le style est pröcis, que le gönie est sage, que 
le go@t est pur, que tous les arts peignent la nature et se 
rapprochent de la verit6." 


*) Bort- Royal V, 356 Anm. — Zu vgl. auch Jules Simon in der 
Berrde zu den Werken Dalchrande’s, Paris 1846. . 
“*) Bort-Boyal V, 354. 
) Digression sur les anciene et los modernes. MBerfe IV, 120/1. 
+) Philosophie applicable ete. ©. 140. 
+) Im einer Sobrede auf Debcarteh, weiße mit der oben-crmähnkn 
von Ipomas Zonkurrirte. — Bonifier 1, 490. J 


318 8.6. v. Stein: 


Boileau verfaßte einft, unzufrieden mit den ungefcidten 
Verſen eines Freundes, für fein eigenes Borträt folgende 
Unterfchrift : 
raison asservissant la rime, 
tant, tonjours original, 

Fai wa dans mes 6crils, docte, enjons, subli 

Bassembler en moi Perse, Horace et Juv > 
Die letzte Zeile zeigt, daß der Dichter ſich am liebſten mit 
einigen antifen Autoren zuſammengeſtellt wiflen wollte. Zu 
einigen feiner Satiren merkt er ſelbſt an, daß er fie Perſius 
(Sat. VIII) oder Horaz (Sat. IX) nachgeahmt habe; an anderen 
Stellen bemerken Brofiette, Boileau's Freund und Erbe feiner 
litterariſchen Hinterlaffenfchaft, und andere Herausgeber die 
zahlreichen, auch einzelnen, Reminiscenzen. Bor Allem aber 
erinnerte das Linternebmen des art postique an die ars podtica 
des Horaz; denn bie Disfuffion poetiſcher Kunſtregeln war al: 
gemein: bie eigenthümliche Aufgabe, die ſich Boileau ſtellie, 
beftand dem äußern Anfchein nad hauptfächlich in deren poeti⸗ 
cher Wiedergabe. **) Immerhin glaubte Boileau fehr entſchieden 
die Meinung zurüdweifen zu dürfen, als habe er eigentlich nur 
Horaz überfept. „Ich muß für dieſen Einfall meinen Gegnern 
dankbar feyn, denn in meinem Werk, weldyes 1100 Berfe ents 
hält, find hoͤchſtens 50 bis 60 dem Horaz nachgeahmt; bie 
übrigen können nicht befier gelobt werben, als wenn man fie 
für eine Ueberfegung dieſes großen Dichters hält.” **®). Ueber 
das innere Berhältmig beider Werke hat Voltaire ein Urtbeil 
gefält, welches wir in der Betrachtung des Verhaͤltniſſes Boi- 
leau's zu feinen Vorgängern überall beftätigt finden werben: 












*) Werke, Paris 1829. 11, 223. Bol. die Anmerkung Broffett. 
) Der Italiener Bida ſchrieb eine Poetik im Berfen, Anfang det 
XV. Ih.; Battent gab dieſe zuſammen mit benen des Ariſtoteles, Her 
und Bolleau’s heraus, Paris 1771; Bolleau hat fie nicht gelaunt (nl. 
®. 1, 50). 
**e) Borsede 1675: Werke 1, 50. 


Ueber den Zufammenkang Boileau's mit Descartes. 210 


‚Die Boetit Boileau's iR werthvoller als die des Horaz. 
Eicherlich if die Methode ein Vorzug bei einem Lehrgedichte; 
fie fehlte dem Lehteren. Dieß fol kein Borwurf gegen ihn 
fern, aber es iR ein Verdienk mehr in Boileau, und zwar ein 
Berdienft, welches der Philofoph ihm in Anrechnung bringen 
mi.) — 

Es iR jedoch im den angeführten Berfen derjenige antike 
Sdriitſteller nicht genannt, ber am engfien mit Boileau's 
Reitungen zufammengehört: 2onginus, befien Abhandlung über 
das Erhabene er überfegt und fommentirt hat. Die Meberfegung 
Bongin’s erichien in demfelben Jahre mit der ‚Dihtkunk‘, 1674, 
Es if alio anzunehmen, daß Boileau beide Arbeiten nebenein« 
ander befchäftigten; die ‚Dichttunft‘ war fchon 1672 vollendet, 
md wurde von ihrem Verfaſſer im Kreife vornehmer Freunde 
vorgelefen;*®) vor das größere Publikum brachte er beide 
Werke *) zugleich, offenbar in ber Abficht, fie gemeinfam als 
ein Ganzes wirken zu laſſen. „Man erwarte feine ängflicye 
Wiedergabe der Worte Longin’s. Ich war der Anfiht, daß es 
fd nicht einfah um eine Ueberfegung dieſes Autors, fondern 
darum handelte, dem Publifum eine Abhandlung über das 
Erhabene vorzulegen, welche zu nügen vermöchte.”}) Boileau 
Ahlt alfo die Herausgabe Longin’s feinen eigenen kunſttheore⸗ 
tiſchen Beftrebungen bei. 

Daß der berühmte Kritifer überall gerade bie falfche Er⸗ 
babenheit gleichzeitiger Autoren befämpfte, +4) ſteht gewiß im 
Zufammenhange mit feinem Studium Longin’s. ++) Diefes 
iR ging eben aus einer tieferen Uebereinftimmung beider 
Autoren hervor. Es bedurfte einer felbftändigen Schägung der 
von Longin auögeiprochenen Gedanken, um fi deren möglichk 

*) Angefährt W. Boll.’s II, 52. 

**) Briefe der Madame de Savigns. 

“) mit Ausnabme des geiſtvollen Scherzgedichtes „ie Iutrin“, bie eine 
üAgen größeren und zufammenhängenden Schtiften 8.’ überhaupt. 

+) Borrede zur Ueberfegung. Werte III, 45. 

+) Sat. 1, Eptire IX, art po. Il, m. a. 

HP) Yel. das II. Kapitel der Abhandlung über das Erhabene, 


220 8. 6. v. Stein: 


wirfungsvollen Wiedergabe fo angelegentlich zu widmen, wie 
Boileau es that. Auch die Art und Welfe, wie ber Ueber 
feger einzelne Stellen wiedergiebt, und wie er fie fpäter in 
den „feitifchen Reflexionen über Longin“ felbfändig begründet, 
zeigt die Sicherheit der eigenen Grundgedanken, die mit denen 
Longin's zum großen Theil an ſich übereinftimmten. Demnach 
kann ein genaueres Eingehen hierauf zur @inführung in die 
Denkweiſe Boileau's dienen. ®) 
Es Heißt bei Longin: *) dr: gpuoic, Goneg va molld 
dv Toig nadmrıneis xal dmpulvorg abzövouor, odrag oix 
dialbv rı wir navsög audFodor eivas giei- u.f.w. Boileau 
überfegt:*") „Quoique la nature ne se montre jamais plus 
libre que dans les discours sublimes et pathetiques, il est 
pourtant aise de reconnaftre qu’elle ne se laisse pas conduire 
au hasard, et quelle n’est pas absolument ennemie de l’art 
et des rögles.“ Und weiter: „‚J’avoue que dans toutes les 
productions il la faut toujours supposer comme la base, le 
priacipe et le premier fondement. Mais aussi il est certain 
que notre esprit a besoin d’une methode pour lui enseiguer 
& ne dire que ce qu'il faut, et & le dire en son lien; (et 
ö que cette möthode peut beaucoup contribuer à nous acquerir 
la parfaite habitude du sublime).“ Hierauf wenige Zeilen 
weiter unten: „Demosthöne dit en quelque endroit que le 
plus grand bien qui puisse nous arriver dans la vie, ces 
d'eire heureux (rd eörugeiv); mais qu'il y en a encore un 
autre qui n’sst pas moindre, et sans lequel ce premier ne 
saurait subsister, qui est de savoir se conduire avec prudence 
(#6 5 BovAsdeoda:). Nous en pourrons dire autanı & l’&gard 
du discours.“ Hier brach der Boileau vorliegende Tert ab. 
Die fpäter aufgefundene Ergänzung der Lüde lautet: ... dc j 





*) Die Bidtigteit der Ueberfegung für Bs eigne Theorien wird, 
wenn aud nur mit wenigen Worten, gewürdigt von Scheffler, dtude sur B. 
1876. (©. 30.) 

=") Ausg. von Weiske. Leipzig 1809. 

) Bere Il, 57. 


Ueber den Bufammenhang Boileau's mit Descartes. 221 


hör pooıg Tv ws eruglag rakır Indgen, 5 zegen BE Tüv Tüs 
eßoollas. Boileau hatte ergänzt: „La nature est ce qu'il ya 
de plus nöcessaire pour arriver au grand; cependant, si l’art 
ne prend soin de la conduire, c’est une aveugie qui ne sait 
od elle va“; wie man fieht im Sinne des Autors, aber doch 
eigenthümlich genug. Mit Verwiſchung des Bildes, welches 
Ne Ratur dem Glüde verglich, vergleicht der franzöflfche Schrift» 
Reller die Beiden nur hinſichtlich ihrer Blindheit. Kunſt aber, 
dieß deutet er an, beflche in einer forgfältigen Leitung ber Ratur 
auf far gefehenen Wegen. Gerade der intellektualiftifche Neben- 
zug, das „nicht wiflen, wohin fie geht“, fehlt im Original, 
Longin -fagt vom Erhabenen: Toüro yag z@ dvsı ulya, 
ob mol ur H Avadewonars.... Boileau überfegt:®) „La 
marque infaillible du sublime, c’est quand nous sentons qu’un 
diseours nous laisse beaucoup & penser ...“, und vertheibigt 
diefe Erflärung gegen Dacier, der die Stelle völlig anders ver⸗ 
feht, und meint, eine folde Definition fey denn doch viel zu 
allgemein. Nach Boileau if es vielmehr ganz in ber Ordnung, 
ald Kennzeichen des Erhabenen anzugeben, „dont la contem- 
plation est fort 6tendue, qui nous remplit d’une grande idee‘. 
— Barum fuchen die Schriftfteller da® Erhabene auf? fo fragt 
das 29. Kapitel; und es giebt die Antwort:**) „c’est que la 
ature n’a point regarde I’homme comme un animal de basse 
ei de vile condition; mais elle lui a donne la vie, et l'a fait 
venir au monde comme dans une grande assemblöe, pour 
re spectateur de toutes les choses qui 8’y passent... Aussi 
voyons-nous que le monde entier ne suflt pas & la vaste 
&endue de l’esprit de I’homme. Nos pensdes vont souvent 
plus loin que les cieux, et pénètrent au-delä de ces bornes 
qui eovironnent et qui terminent toutes choses.“ „Le sublime 
nous 6löve presque aussi haut que Dieu.“ **) Unmittelbar 
hiermit zu verbinden {ft die Stelle, welche Boileau zum Gegen» 
*) Berke II, 70. 


=) Berte 101, 145. 
=) Berte III, 147. 


Er; R.H.». Stein: 


Rande feiner zwoͤlften, kritiſchen Reflexion‘ macht: ) „Car tout 
ce qui est veritablement sublime a cela de propre, quand on 
P&coute, qu’il 6löve Fame et lui fait concevoir une plus haute 
opinion d’elle-meme, la remplissant de joie et de je ne sais 
quel noble orgueil, comme si c’&tait elle qui eAt prodait les 
choses quelle vient simplement d’entendre.“ 

Wir finden uns hier an die Descartes ſche Steigerung ber 
Evidenz zur Intuition des Intelleftuellen überhaupt, an feine 
Herleitung ber Gotteserkenntniß mit Hilfe der einfachen, Maren 
und beutlichen Einficht erinnert, und fehen demnach Boileau in 
feiner Vorliebe für Longin und in feiner Uebertragung dieſes 
Autors von einem ähnlichen Inftinfte**) geleitet, als dort den 
Berfaffer der Meditationen. — Boileau giebt eine eigene weitere 
Ausführung gerade dem, von Longin nur amgebeuteten, Ge⸗ 
danfen: daß das Einfache erhaben ſey. ‚Die Kunftrichter 
meines Zeitalters, am bie Ausfchreitungen und Webertreibungen 
der modernen Dichter gewöhnt, finden nur ſchoͤn, was fie nicht 
verfieben, und beftreiten einem Autor den hohen Plug feiner 
Gedanfen fo lange, biß fie ihn ganz und gar aus den Augen 

. verloren haben. Sie werden über das Lod lächeln, welches 
Rongin fehr erhabenen aber nichts deſto weniger fehr einfachen 
und natürlichen Stellen ertheilt. Sie werden das Erhabene im 
Erhabenen ſuchen: der erhabene Stil braucht allerdings ſtets 
große Worte, aber das Erhabene fann in einem einzigen Ge⸗ 
danten, in Einer Metapher, in Einer Wortverbindung enthalten 
ſeyn.“ ) Boileau's Hauptbeifpiel für das erhaben Einfache 
folgendes. ‚Im Horace Corneille's kommt, unglüdlider 
Weile, eine Frau, melde dem Kampfe der drei Horatier beis 
gewohnt, jedod den Plag etwas zu früh verlaffen, und den 
ſchließlichen Ausgang nicht mit angefehen hat, zu dem alten 
Horatius, und erzählt ihm, zwei feiner Söhne feyen gefallen, 


*) Berke I, 70 u. 3. 
=>) Bol. Die Ausdrucoweiſe Dekartes‘ in der ©. 216 angeführten 


“) Bere UI, 45/6. 


Ueber den Zufammenfang Boueau's mit Descartes. 223 


der dritte, außer Stande zu weiterer Gegenwehr, ſey geflohen. 
Da beffagt nun biefer alte Römer einzig die ſchimpfliche Flucht 
des Ueberlebenden, ohne ben beiden ruhmvoll Gefallenen eine 
Thraͤne nachzuweinen; und als ihre Schwefter, die den Bericht 
mit angehört hat, zu ihm fagt: 
„Que voulies weus qe’il fit contre trois?“ 
anwortet er rundiweg: 
„Qu’il monrar.“ 

Diefe Antwort iR genau in dem Maaße erhaben, als fie einfach 
md natürlich if. Denn fie würde viel von ihrer Wucht vers 
loren haben, menn es etwa hieße: „Qu’il suivit Pexemple de 
ses deux freres“; oder: „Qu’il sacrifiät sa vie à l’interet et & 
la gioire de son pays.“ Die Einfadyheit dieſes Wortes macht 
feine Groͤße aus.‘*) — Als allgemeine Regel gelte es, ben 
Anfang eines Gedichtes einfach zu geftalten. Der Anfang des 
‚Waric‘ von Scudery: ‚Ich finge ben Helden, der die Herrn 
der Erde Überwand‘,*®) fey lächerlich; Virgil hätte in biefem 
Stite anheben müflen: ‚Ich finge jenem hochberühmten Helden, 
den Gründer eines Reiches, welches zur Herrſchaft über ben 
Erdfrei® beflimmt war‘; wogegen er fi begnügt zu fagen: 
„Ich finge jenen frommen Mann, der endlich, nad vielen 
Leiden, Italien erreichte.” „Man muß einfad und ſchmucklos 
beginnen. Die gilt für Poeſie wie für Rhetorik, weil es eine 
Regel iR, die auf die überall gleiche Natur ſich gründet.” ») 

Das Erhabene follte, nad) dem zuerft angeführten Worten 
Longin’d, natürlich feyn, jedoch der Methode nicht entbehren. 
Diefes Beides verſchmilzt Boileau zu dem Begriff der Einfach. 
heit: fie iſt nach feiner Faſſung Ratur und Methode zugleich. 
& vertritt fie als Forderung der Ratürlichfeit dem preziöfen 
Stil gegenüber, ale Forderung der Methode dem burleöfen 
Stil gegenüber. Im erfteren Sinne ſchreibt er z. B. gegen 


*) Berte III, 49/80. 
=) „Je chmie le raingasur den vaingasars de la terre“ ... 
u. truiſche Mefkegion; Werke II, 387. — Bol. auch art podtigde, 
I. &efeng. (W. II, 100.) 


2240 8. G. v. Stein: 


Balzar;*) im lehzteren Sinne gegen Scarton.**) Beide Seiten 
vereinigt er in feinem lobenden Urtheil über Horaz: ‚man 
lann, gerabe vermöge eines methodiichen Verfahrens, natuͤrlich 
fen.) 

&8. wird berichtet, daß unferem Autor in einem einzelnen 
Falle eine beſonders glüdliche Anwendung biefer von ihm ald 
Theoretifer vertretenen Einfachheit gelang. Bür die Gemaͤlde, 
welche, in ‘der Gallerie von Berfailles, die Oroßthaten des 
Könige verherrlichen ſollten, hatte der Afademiter Charpentier 
volltönende, wortreiche Infchriften abgefaßt — Derfelbe, den der 
Humor Boileau's in feinen Briefen an Racine ſich oft zum 
Gegenſtande wählt; „que ne fait-on point pour avoir de quoi 
contredire M. Charpentier“, ſcherzt ber Satirifer, gegen ein 
Leiden anfämpfend, welches ihn Monate lang der Stimme be 
raubte. — Gegen jene pomphaften Infchriften verfaßte Boileau 
eine kleine Notiz, welche Louvois dem König überreichte; Diefer 
beauftragte fofort Racine und Boileau mit der Abfaflung neuer 
Infbriften, welche den allgemeinen Beifall fanden. „Um einen 
Gegenftand bewundern zu laflen, muß man ihn einfad) beim 
Namen nennen. }) ‚Le passage du Rhin‘ fagt viel mehr, ald 
‚le merveilleux passage du Rhin‘. Die Inſchrift fage: „ſeht, 
bier geht das Heer über den Rhein‘; fo wird ber Betrachter 
ſchnell bereit feyn hinzuzufügen: ‚wahrlich, eine ber wunder 
barſten Kriegeleiftungen aller Zeiten‘ — wenn dieß nämlid 
nicht bereitö vor ihm die Unterſchrift gefagt hat.” +4) — 


*) vu. trit. Ref. W. II, 431. — Bol. auch den Brief an Bivonme 
(8. IN, 181), und den an Vroffette, 1703, III, 339. 
) Art. post... I Geſang. W. II, 57 ff. 

An Broffette 1707: „Jamsis homme ne fat moios ndglig6 qu’ Horse, 
et vous arez pris pour nögligence vraisemblablement de certains Lraits oü. 
pour attrsper la naiveid de la nature, il parait de dessein form& se rabaisser, 
mais qui sont d'une 6legance qui vant mieux quelgnefois que tonte la pompe 
de Juviosl, (®. III, 395.) 

+) „Heute ziehen wir die knappe Beredſamkeit der Dinge der matten 

Eoquenz der Worte vor“, fagt Taine einmal, gegen den „klaſſiſchen Geif“: 

ben Das fagt hier Bolleau. (Bgl. Taine, das vort. Frankreich. Deutſqh. 281.) 
+ Bate ii, srojt. 


Ueber den Bufammenpang Boileau's mit Descartes. 225 


Boileau hatte zu jener Anfiht von der Ginfachheit des 
Grhabenen auch das, ſchon von Longin zitirte, bibliſche Beifpiel 
angeführt: ‚Bolt fprady: es werde Licht. Und es ward Licht.‘ 
Hieran nahmen Theologen Anftoß, und ber Kritiker hatte ſich 
darüber mit dem gelehrten Biſchof von Avranches, Huet, — dem 
berühmten Apoftaten des Garteflanismus*) —, und fodann mit 
dem Calviniſten le ler, — der den Earteflanern nahe geftanden 
m baben fheint**) —, außeinanderzufegen. Der Eifer, mit 
dem Boileau diefen Streit bis in feine legten Lebensjahre hinein 
führte, zeigt, welche Wichtigkeit er jener Anſicht aud in ein« 
winen Anwendungen beilegte. Mit befonderer Genugthuung 
empfand er ed, in der Frage, ob jene Stelle erhaben genannt 
werben dürfe oder nicht, die Theologen von Port-Royal auf 
feiner Seite zu wiflen. Diefe hatten in der Vorrede zu ihrer 
Ucberfegung der Geneſis die betreffende Aeußerung Longin’s 
ald einen Beweis der Goͤttlichteit des Buches angeführt: 
„un palen meme l’a sentie par les seules lumieres de la 
raison. ) 


Wenn wir unter den franzoͤſiſchen Vorgaͤngern Boileau's 
wer Ronfard anführen, fo nennen wir mit dieſem Ramen 
einen entſchiedenen Gegenſatz des klaſſiſchen Geſchmackes, das 
berühmtefte Opfer der klaſſiſchen Kritit. Ronſard, der Erſte der 
Rolgen Dichter -Bleiade de XVI. Jahrhunderts, die Zierbe dreier 
Königehöfe und, fo lange er lebte, der Liebling Frankreichs, 
if dann lange Zeit in Vergefienbeit begraben worden; in diefem 
Jahrhundert war ed eine Art von ‘Bartei» Unternehmen ber 
‚Romantifer‘, auf ihm wieder binzuweifen. Zur Zeit Boileau’s 
hätte man nicht gerne es Wort gehabt, einen Ronfard zu bes 
fipen, ober gar ihn gelefen zu haben; zu biefer Verachtung des 


*) Censurs philosophie cartesianae, 1689. 
**) Bel. Baillet v.d. D. 1, xxvi. 
) Werte Boileau's II, 48. — Bol. über fein Verhältniß u vort · 
Royal den IV. Apfchnitt. 
dana:. 1. Philef. m. pbilel. aruii. 00, Banz. 15 


2% 8.6. v. Stein: 


vorher Hochberähmten hatte Malherbe den Anftoß gegeben;*) 
„tes coups de massue de Despreaux P’achevirent.“ **) 
Die ihn betreffende Hauptftelle bei Boileau lautet: 
Ronsard ... par une sutre methode 
Röglast tout, bronille tont, At un art & sa mode, 
Br tontelois loagtemps out un heureux destin. 
Mais sa muso en frangais parlant grec et latin, 
Vit dans Päge suivant, par un retour grotesque, 
Tomber de ses grands mots le faste P6dantesque. 
Ce podte orgueilleux, trbuch6 de si hant, 
Readit plus reienn Desportes ot Bertant. 
Enfio Melberbe viat .... *®*) 

Um Boileau's Eingenommenheit gegen Ronfarb zu vers 
ſtehen, hat man ſich zu erinnern, daß die unmittelbaren Gegen: 
ſtaͤnde feines Unwillens, jene ſchwuͤlſtigen Heldengedichte wie 
Chapelain's Pucelle, Moife fauve von Saint⸗Amant, wie Charle⸗ 
magne und Alaric, an der Franciade Ronſard's ihr Vorbild 
hatten. +) Aber der Angriff des Kritiker gilt in erfter Linie 
nicht einer einzelnen poetifchen Leiftung, fondern der ganzen 
Kunftart jenes Dichters. Das auffallende „Röglant tout“ 
ſchreibt Diefem ein Bemußtfeyn einer ſolchen beionderen Art, 
und theoretifche Beftrebungen in dieſer Richtung zu. Nur in 
diefer Beziehung gehen wir hier näher auf das Verhältniß 
beider Schriftfteller zu einander ein. 

Ronfard hat einen , Abriß ber Poetif‘ verfaßt.tt) Hier 
handelt er, auf nur wenigen Seiten, von ber poetifchen Er- 


*) Vie de Malberbe, von deſſen Schüler Racan; Werke M.’s (1825) 
1, xxviuf. 

) Ocavres de Ronsard, berandg. v. Blandemein 1866/8. Dieſer 
beilagt wiederholt die Ungerechtigkeit B.'S gegen R.; vgl. Borrede BB. I, 
B2. VI, VI 55, ausführlich 59/62, nochmals 292. 

#**) art podt., I. Befang. — Bol. auch B. IL, 428/9. 

+) Seinte-Beure, Tableau historiqae et erilique de la podsie fraug. au 
xVI. siöcle, (1828), ©. 168 nennt faſt Die ganze Meike der gleichzeitigen 
Gegner Bolleau’s: Ehapelain, Saint» Amant, ferner Mable. de Scudery 
(Homan „Titus“ u. a.), Sa Galprendde („Rieoyatra”), «id Anhänger 
Wonfard/s. 

+t) Bat: vn, 317. 


Ueber den Bufammenhang Botleau's mit Descartes 227 


findung, der Anordnung, der Rebefunft und ber Dichtkunſt im 
Algemeinen, von den hauptfächlichften Versformen, und endlich 
von einigen ſprachlichen und orthographifchen Einzelheiten. Die 
einzelnen Kapitel enthalten aphoriftifh aneinandergereihte Vor: 
ſchriften; fo wird unter „Dichtfunft im Allgemeinen“ ausſchließ⸗ 
lich der Gebrauch der Epitheta geregelt, und von der Ausftattung 
desſelben Subſtantivs mit mehreren Beifägen abgerathen. — 
Diefe Meine Schrift if ihrer ganzen Borm nach der Gegenfag 
der befonnenen und abgemefienen Sormgebung eines Boileau 
und das Abbild feines Vorwurfs „röglant tout, hrouilla tout“; 
fe erflärt, welchen Ing in Ronſard der Kritiker treffen wollte, 
feloR wenn er nicht gerade auf dieſe Schrift felbft mit fenen 
Worten gezielt hat. 

Ronfard empfiehlt ausbrüdlih die Anwendung ber Dia- 
lette,*) welche das XVII. Jahrhundert fireng verpönt. Zur 
Bereicherung ſeines Wortſchates und Vermehrung feiner Bilders 
fülle weit ferner der Dichter der Renaiffance feinen Schüler 
auf die Beachtung des Kunfthanbwerfs hin: „tu practiqueras 
bien souvent les arlisans des tous mestiers, comme de Marine, 
Venerie, Fauconnerie, et principalement les artisans de feu, 
Orf6rres, Fondeurs, Mareschaux, Minerailliers; et de lä tireras 
maintes belles et vives comparaisons avecques les noms pro- 
pres des mestiers, pour enrichir ton oeuvre et le rendre plus 
agröable et parfait.“) Hiergegen ift ein Hauptzug bes Hlaffl- 
ſchen Geſchmackes die wählerifche Beſchraͤnkung des bichterifchen 
Auspruds. „Die immer anſtrebende und zu Ludwig's XIV. 
Zeiten zur Reife gebeihende Berftandesfultur hat ſich immerfort 
bemüht, alle Dicht» und Sprecharten genau zu fondern, und 
zwar fo, daß man nicht etwa von ber Form, fondern vom 
Stoff ausging, und gewiſſe Vorftelungen, Gedanken, Ausdruds⸗ 
weiſen, Worte aus der Tragödie, der Komödie, der Ode hinaus 
wied und andere dafür, ald beſonders geeignet, in jeden be 


*) Im dem einleitenden Abſchnitt des ‚abrög6 de l'art postigue‘, 
Batı in 319. : 
)Ebendaſelbſt. 
15* 


228 8. 9. v. Stein: 


fonderen Kreis aufnahm und für ihn beftimmte.“*) in ſolches 
waͤhleriſch anorbnendes Verfahren charafterifirt die Bildung des 
klaſſiſchen Geihmads. Er fand bei feinem Eintritt bereits eine 
Ueberfülle poetifcher Produktion, aber auch einen großen Reich: 
thum funfttheoretifcher Reflegionen *) vor, von denen wir mit 
Ronfard’s ‚Abrig‘ nur ein einzelnes Beiſpiel näher fennen 
lernen; all Dieß ward nun aber als Chaos angefehen, aus dem 
eine eigentliche Schöpfung erſt neu zu geftalten wäre. 

A Organ diefer Auswahl und Reufchöpfung gilt bei 
Boileau überall: „die Vernunft“ — 


„Aimez done la raison: que tonjonrs vos derits 
Emprontent d’elle seule et leur Instre et leur prix.“ ***) 


Auf fie beruft er fih in Lob und Tadel, in Mahnung und 
Warnung. Er fonnte ein allgemeines Regeln-wollen ald ven 
eigentlichen Fehler feines Vorgängers hervorheben, denn ihm 
gelten nur bie beflimmten Regeln der Vernunft.}) Die frte 
wiederkehrende Berufung auf dieſes intelleftuelle Prinzip giebt 
allem Kritifiren und Theoretifiren Boileau's ſchon für dem erſten 
Ueberblid eine gewiſſe Einheitlichfeit. 

Wir erfahren gelegentlich, wie anders Ronfard über die 
Zuverläffigfeit intellektueller Prinzipien date. Heinrich IN. 
pflegte gelehrte Berfammlungen abzuhalten, in benen er felbR 
ein Thema zur Beſprechung flelte; man nannte diefe Zuſammen ⸗ 
fünfte die „academie du palais“: Ronſard und Desportes 
nahmen an ihnen Theil. Hier trug einft Ronſard „über die 
intelleftuellen und die moralifhen Tugenden” ++) vor, und be 
bauptete den Vorzug der letzteren. „Zwar ift, fo argumentirt 
er, die Urſache der Wirfung überlegen, und man wird mir ein 
werfen, daß bie intelleftuellen Vorzüge, Weisheit, Klugheit, 


*) Goethe in den Anm. zu „Rameau’s Reffe“ unter „Gefhmad“. 
**) Ueber Dichttunſt ſchrieben u. A.: Sebilet, Vauquelin de la Brednak, 
Biere de Laudun; vor Allen Jules Gefar Scaliger, deſſen noch d’Aubiguer 
und Boileau mit Achtung gedenken. 
y art Pod, 1. Gef. 
+) „Mais nous, que la raison & ses rägles engage“, II. @ef. 
+r) Berte vinı, 185 ff. 


Ueber den Zuſammenhang Boileau's mit Descartes. 229 


Wiſſenſchaft und Künfte, Erkenntniß der Urfachen und Kenntniß 
ver Prinzipien, die moraliiden Tugenden hervorbringen. Wenn 
ich nur nicht ficher wüßte, daß nie ein Menich den Grund ber 
Dinge recht begriff, daß er ihm vielmehr ſtets nur wie durch 
Schatten und Rebel flieht, ja daß Gott al dieſe Wißbegier nur 
als eine peinliche Prüfung dem Sinne der Menfchen auferlegt.‘ 
Wir finden alfo hier ganz jenen Skeptizismus in Geltung, den 
Descartes von feinen Vorgängern überfam und in fi aus- 
zufämpfen hatte; die Schlußworte erinnern an die legte Inſtanz 
des methodifchen Zweifels bei Descartes, ob Gott vielleicht 
abfihtlich den Menfchen täufche. — . 

Diefer Denkweiſe entiprechend, geht denn aud in feiner 
Bortit Ronfard nicht von intellektuellen Prinzipien aus. Da» 
gegen legt er allen Nachdruck auf die Phantafie (imagination). 
mBoetifche Erfindung beruht einzig auf dem phantaftifchen 
Temperament (le bon naturel d’une imagination), welches in 
Äh faßt die Vorſtellungen und Geftalten aller überhaupt erdenk⸗ 
lien Dinge, beliebter oder unbelebter, im Himmel oder bier 
af Erden — um dann aus fi heraus zu ihrer Darftellung, 
Schilderung und Nachahmung zu gelangen.”*) ‚Reiche Er- 
findungen, Schilderungen und Bilder aber find Kraft und Leben 
der Poeſie.“ ) — Wort") und Begriff der „imagination“ 
fehlen bei Boileau. Dieß wird befonders auffallend, wenn er 
auf die, von Ronſard hier befonderd beachtete, Bielgeftaltigfeit 
der Ratur zu ſprechen kommt. Er tadelt den Dichter, ber feine 
Helden nur nad) ſich felbft formt: „die Natur ift in uns ſelbſt 
vielgealtiger, fie giebt verfchiedenen. Regungen verſchiedenen 
Ausdrud: la nature est en nous plus diverse — et plus sage.” }) 


*) Bere VI, 322. 

**) Daf., 319. 

) Wirklich iR mir auch das Wort nur in der Meberfegung Longin’s 
aufgefallen, Werke IL, 97: se prösentant & notre Imagination == ngorn/azorse 
air; alfo auch bier ganz allgemein und farblos, für ‚Vorflellung‘. — Bon 
der Poefle des ZVI. Ih. gebraucht Goufin, du vrai 2c., 219, um bes größern 
OGrgenfapes willen, das Wort „Sanisisie“ in dem und geläufigen Sinne 

P) art poet., 0. @f. — B. I, 9. 


230 8. 9. v. Stein: 


Will alfo der Dichter gerade hierin natuͤrlich ſeyn, fo bleibt es 
auch dafür bei der Empfehlung ber „Vernunft“. Gr ſtelle in 
der Komödie z. B. die verſchiedentlichſten Charaktere und bunte 
Situationen dar; aber nur das Sinnreihe in ihnen gefällt. 
Ich will auch hier einen Autor, ... „qui platt par la raison 
seule et jamais ne la choque.“ *) 

Demnach liegt jenem offenfundigen Unterfchiede eim prinzis 
vieler Gegenfag zu Grunde: die unbedingte Geltung der Phan⸗ 
tafie und geringere Schägung des Intellektuellen bei Ronfart, 
die unbedingte Geltung des Intelleftuellen und die Richtachtung 
der Phantafte bei Boileau. Grinnern wir und nun an Dei 
carted’ Bevorzugung der reinen Abſtraltion vor aller bildlichen 
Vorftellungsart (imagination), fo wird zugleich hier eine Ber 
wandtſchaft der Boileau’fchen Denfweife mit Descartes ent- 
ſchieden fenntlih. Dieſe beReht zwar auch hier nicht in der 
Uebernahme eines beſtimmten größeren Gebanfenganges bed 
Philoſophen; denn es iſt naturgemäß in den Werken des 
Dichters vom ber fpefulativen Verwerthung ber einfachen Ber- 
nunfterfenntniß, und von der auöführlihen Herleitung einer 
geringeren Schägung bes bildlichen, ſinnlichen Vorſtellens feine 
Spur anzutreffen. Aber dad Gemeinſame ift die Berufung auf 
das natürliche Licht, auf die Vernunft für alle einfachfien, 
legten Begründungen, **) alfo tie maaßgebende Geltung ber 
„raison“; und gemeinfam iſt aud ber allgemeine Zug einer 
geringeren Schägung ber „imagination“. ») 

Descartes behauptete audy Im Betreff des einzelnen, ſinnlich 
wahrnehmbaren Dinges, (3. ®. des Wachſes), fein Bernunft- 





*) art post. IH. Gef. — Berfe IL, 110. 

)Descartes warnte ausdrücklich vor den Irreführenden Berfuden, das 
Einfache noch weiter zu erläutern; priac. phil. I, 10. Dieß teägt dam 
Glerfehter gewiffermaagen ald Schulmazime vor: „il feat bien prendre garde, 
que c'est lä une de ces choses qui somt connues par elles-mämes, ei que 
nous obscurcissons tontes les fois que meus les voulons expliquer par d’entren.“ 

»* .) Val. über diefen Gegenfag: Laharpe, Lyc6e on eours de Ikidr. 
1800, Einführung — ein Sperimen klaffiſcher Geſchmacetradition. Betban 
heißt der „poste de la raison“ ©. 11. 


Ueber den Zuſammenhang Boileau's mit Descartes. 31 


Begriff enthalte eine deutlichere Erkenntniß, ald die Wahr⸗ 
nehmungöbilder ber einzelnen Sinne.) Gaffendi wandte ein: 
„alſo erſt beraubt Ihr das Wachs feiner ſaͤmmtlichen Bormen 
und Umfleidungen, und dann wißt Ihr deutlicher und volls 
Röndiger, was es iſt!“ **) Diefer Einwand iR ſchlagend, wenn 
man den empirifchen Gebraudy der Borflellung ‚Wache‘ im 
Sinne hat, — auf den Descartes eben nicht abzielt —, in 
welchem Galle denn allerdings eine recht anſchauliche Kenntniß 
der ſinnlich wahrnehmbaren Eigenſchaften des Wachſes, der 
logiſchen Einſicht, daß unſere Bernunft allen dieſen verſchiedenen 
Beziehungen einen identiſch in ihnen feſtgehaltenen Begriff zu 
runde legt, entfchieden vorzuziehen iR. Wie aber, wenn man 
in der That auch für den empirifchen Gebraudy der Einzel- 
Borfellungen den abfiraften Begriff der beflimmten ſinnlichen, 
geRalt- und farbenreihen Anfchauung vorzuziehen begann? 
Wenn man, was in einer auf das tief-Inmerliche gerichteten 
Meditation an feinem Plage war, auf bie Kunſt, auf den Aus» 
drud, die Darftelung übertrug? Und doch if der Maffifche 
Geſchmadck von dieſer Verirrung nicht frei geblieben. In dem 
Beſtreben, die Sache ſelbſt recht deutlih und unmittelbar zu 
bezeichnen, gelangt ınan dahin, die Bezeichnung ber einzelnen 
Züge, die den ſinnlichen Reichthum der Erſcheinung ausmachen, 
ald unangemeflen zu verpönen.”*) Go führte die klaſſiſche 
Tendenz der Einfachheit auch zur Kahlheit, zur Berarmung des 
voetifhen Ausdruds und ber poetiſchen Erfindung: +) Der 
Rationalismus erwies ſich in diefer Beziehung ald ein unkünft- 
leriſches Prinzip. — 


*) IL Meditation. 
=) Werke Debcarteh‘, IL, 114. 
=) „Im ‚Optimiften‘ von Colin didardille helßt e&: ‚Die Scene ſtellt 
einen Hain won wohlriedgenden Bäumen dar‘; es wäre gegen den Maffifchen 
Geh, zu fagen, was für Bäume, ob Linden, Weißdornen u, ſ. w.“ — 
Late, Das wort. Frauktr. Deutſch. 191. 
}) Bel Taine, philosophie de Yarı 1, 172: „Damit die großen ein« 
ſachen Mormen won ſelbſt aus dem Menſchengeiſte hervorgehen, dürfen die 
Büder nicht erſtict, nicht durch die Gedanten zerfept ſeyn ...“ 


22 8.9. v. Stein: 


Nichten wir jedoch ben hierin enthaftenen Vorwurf nicht 
ausfchließlich oder auch nur vorzugsweiſe gegen Boileau ielbft. 
In ihm fo gut wie in Anderen wirft die allgemeine zeitgenoͤſſiſche 
Richtung auf das formal Korrefte; aber gerade in feinen Bes 
Arebungen gewinnt diefe eine eigenthümliche, lebensvollere Gehalt, 
welche fich von gleichzeitigen oder unmittelbar vorhergehenden 
Erfcheinungen bloß afademifcher Korrektheit deutlich abhebt. 

Neuere franzöfifche Schriftfieller bemühen fich vielfach, gerade 
die, offenbar allgemein angenommene, Schranke der Boileau'ſchen 
Leiftungen zu charafterifiren. So fagt Eoufin: „il manque on 
peu d’invention et d’imagination“;*) was mit der eben ge 
gebenen Auseinanderfegung im Einklang ſteht. Sainte- Bee 
urtheilt in feiner erftien Skizze über Boileau: „il n’eait pas 
sensible*.**) Er mobifizirt jedoch fpäter***) dieß Urtheil dabin, 
Boileau's Gefühl fey ganz und gar in fein Urthellövermögen 
aufgegangen und mit feiner Bernunft wirklich Eines geworden; 
und er leiter gerade aus diefer Bereinigung die Wucht der 
Boileau’fchen Urtheile und den noch heute wirffamen Reiz ad, 
den die Art und Weife ausübt, wie er diefe Urtheile in feinen 
Berfen ausſpricht. — So fand einft Mathieu Marais an ven 
Unterhaltungen mit dem hochbetagten Kritifer ein Bergnügen, 
dem er nichts anderes zu vergleichen wußte: „er it die lebendige 
Bernunft“, fagte er. t) 

Die litterarifche Kritit war bei Boileau eine Sache des 
Gefühle, der eigenften Neigung. Ehe er ſich diefer Haupt 
neigung bewußt ward, hatte er ſich in verfchiedenen Studien 
und Beruföfreifen verſucht. Er hatte Theologie, dann Juris 
prudenz flubirt, und hatte die juriftifhe ‘Prazie begonnen. Es 
war biefelbe Zeit, in der er die Romane der Scudery lad 
und bewunderte. Endlich habe ihm die Bernunft die Augen 


*) Da Vrei etc. ©. 216. 
**) Portraits littörsires 1, 4. (Boilesu.) 1829. 
** Causeries du Landi VI, 504 ff. 1862. 
H Bel. Sainte-Bonve, Nonresuz Lundis IX, 3: „c'est In raison is- 
carade“. 





Ueber den Bufammenhang Boileau's mit Descartes. 233 


geöffnet.) Der fatirifche Geift erwachte in ihm als wirklicher 
Haß gegen ein albernes Bud. **) 

Mm diefer Sinnesart und Dem, was in feinem Auftreten 
ihr entfpradh, glich er Malherbe, Wir lernten foeben Matherbe 
md Boileau als gemeinfame Gegner Ronſard's kennen. Die 
Beiden werben jedoch auch fonft vielfach zufammen genannt; 
Boileau Habe nur Malherbe's Werk fortgefegt und zu Ende 
geführt, ſagt Sainte Beuve. **) — Inzwiſchen kann gerade in 
ter Poetik Jener nicht eigentlich als Boileau's Vorgaͤnger ans 
geſehen werben. 

Die herbe Originalität des verarmten normännifchen Edel⸗ 
mann +) ift fehr verſchieden von ber faſt ſtets bewahrten humo⸗ 
riſtiſchen Art Boileau's, durch welche er den Gegner wohl traf, 
aber nur felten verlegte, und von deſſen Schmienfamfeit im 
verföntichen Auftreten. Wenn bie Jeſuiten feine zwölfte Epiftel 
(sur Pamour de Dieu) zu verbächtigen beginnen, fo geht er zu 
tem berühmten Sefuitenpater La Ehaife, um ihm das Werk 
vorzulefen; in biefer Lage Eonnte ihm ein unbefonnenee Wort 
oder auch nur eine mißverfländlihe Accentuirung eine hoͤchſt 
gefährtiche Gegnerſchaft erwecken: dagegen gewann er in ber 
That durch feinen Bortrag den unbebingien Beifall de6 Geiſt⸗ 
lichen. — Malberbe vermochte nicht einmal dem vertrauteften 
Freunde ein Werk fo vorzulefen, daß biefer es auch nur vers 
Rand. Seine Kritifen find, gerade wenn er fie mündlich Außert, 
bitter und verlegend. ++) In feinen Dichtungen weit er oft 


) Berte IL, 310, in der foäteren Einführung zu dem Dialog: les 
Heros de Roman (1684/5), dem eigentlichen Angriffe 8.6 gegen bie 
"Preilöfen“. . 

=) Sat. IX. — 1,233. 

*®) Portraits littraires 1, 493. — DBgl. d’Alembert a. a. D. 

?) Bel. die einzelnen Züge in dem o. a. Leben Malherbe's von Racan. 
(Zu vergleihen auch die Schilderung: Lotheißen, Geld. der fr. Litt. im 
IT, 3. 1, 79/85.) . 

rt) Ein beſonders charakteriftifcher Vorfall biefer Art entfremdete ihm 
für immer den angefebenen Schuler Ronfard's, Desportes, und deſſen Reffen, 
den berühmten Satiriter Regnier. A. a. D. Werke Malherbe's I, XVII. 


a 8.9.» Stein: 


auabrüdtich auf fi als auf ben einzigen würbigen Bertueter 
der Poeſte hin, ) im Gegenfeg zu dem maaßvollen Selbſt⸗ 
bewußtfegn umd ber öfterd geübten Selöfkritif Boileaws. **) 
Malherbe dachte gering von der Bedeutung der Dichtfunf übers 
haupt: ſelbſt ein guter Dichter fey für den Staat nicht mehr 
werth, ald ein guter Kegelipieler, äußerte er.***) Auch Boilcan 
hat einmal gefagt: „c’est Ir&s pbilosophiquement et non point 
chrötiennement, que les vers me paraissent une folie‘. +) 
Aber diefer Ausfpruch enthält vor allem eine Verwahrung; «6 
eigne ihm nicht etwa jene kirchlich devote Sinnesart, die, beis 
fpielsweiie, dem alternden Racine es eingab, feine Theaterftüde 
ſich geradezu ald Sünde anzurechnen. Go liegt er auch ferne 
ab von Malherbe's gewiſſermaaßen ſtaatsmaͤnniſcher, politifcher 
Geringihägung der Dichter. Es ift vielmehr gerade für den 
Verfaſſer der Poetik bezeichnend, daß er fi bewußt war, in 
Etwas über aller Poeſie in ihren einzelnen Verſuchen zu Rechen, 
und bieß als feine Philofopkie bezeichnete. 

Boileau bat zu feiner Zufammenkelung mit Malherbe 
durch die hohe Anerkennung Beranlafiung gegeben, bie er ihm 
in feiner Dichtfunft zu Theil werden ließ. +4) Er fand für 
fein Bebürfnip mac eindeutiger Wahrheit auch in Dingen dee 
Belhmads, im den ernften Bemühungen Malherbe's für formale 
Korrektheit ein erſtes, kenntliches Vorbild, Denn Dieb iR es, 
was er in jener Stelle des ‚art postique‘ hervorhebt: 

„Morehez donc sur ses pas; aimez sa pureid 

Et de son tour heureux imitez la clartd.“ 
Dagegen erkannte er ganz wohl, daß ein eigentlich poetiſches 
Raturell Jenem gemangelt habe: +44) „la verits est pourtant, 
que la nature ne l’avait: pas fait grand podte“. Diefe Br- 


*) @erke I, 49. 72. 94. 
=) 5.8. Schluß der Poetik, und Sat. IX. 
) Werte I, XXVILf. 
+) Briellich. Werke 1, 175. 
Pr) 1. Gefong. Werke II, 62/3. 
+9) Briflih, Werte II, 201. 


Ueber den Zuſannnenhaug Boikau’s mit Descartes 285 


utheilung zeugt von Feiner eigentlichen Abhängigkeit. Auch 
finden wir nicht, daß Boilean feine eigenen BeRrebungen mit 
denen Malherbe's ausdruͤdlich verglichen hätte. Er flellte fi 
dagegen neben Regnier, der, perfönlic und ald Dichter, Jenem 
fee gehanden hatte. *) 

Malherbe's Beruf, dem er bis zur legten Stunde feines 
Lebens **) mit leidenſchaftlichem Eifer fi) widmete, war bie 
Reinigung der Sprade. Wenn er im feinem ausführkichen 
Kommentar zu den Dichtungen Desportee' ***) auf die Regeln 
ihlehnweg ſich beruft, fo find bieß immer die grammatifchen 
Regeln, nicht etwa die poetifhen. Run hat zwar auch Boileau 
die forachliche Reinheit hoch zu ſchaͤzen gewußt, und fogar hie 
und da im perfönticen Berfehr Gelegenheit gehabt, über die 
Zuläfigfeit eines Wortes oder einer Wendung fih maaßgedend 
m äußern. Wie verſchieden aber feine eigentliche Tendenz von 
der Aufgabe iR, die Malherbe ſich noch zu ſtellen hatte, zeigt 
die Bergleihung feiner Schriften eben mit jenem Kommentar. 
Hier ergeht ſich Malherbe in beißenden und oft wipigen An« 
merfungen zu ben einzelnen Worten des Dichters; mandmal 
delt er mit einem berben „excellente sottise“ auch auf den 
Imhalt des kritiſirten Berfes, meiſt aber gelten feine Ausräfe 
und Korrefturen der fprachlichen Form. — Boilcau wählte für 
kine Angriffe, wie bereitd erwähnt, einen burch den Afthetifchen 
Begriff eimheittichen Gegenfand: die falfche Grhabenheit ber 
Heldengebicyte eines Scubery, Ehapelain u. A. Er übt feine 
Kritik allerdings auch indem er ihre Worte anführt, und ſchon 

H Ep.X: Jallai d’un pas hardi, par mol-mäme guide, 

Et de men senl adnie en marchant second6, 

Stadienz amatear et de Perse et d’Horace, 

Assez prös de Rognier wasseoir sur le Parnasse. — 
Deb er Ad im der Dichttunſt“ neben Regnier (Werte II, 79) nicht er⸗ 
wähnt, nennt d’Alembert einen erhabenen Zug, wogegen heute vielmehr bie 
Rebeneinanderftellung Beider für kühn gilt: „il y a tout am monde entre 
ce versificateur (B.) ot ce podie (R.)“, Bol. Lacour In der Bortebe zu 
Regnir’d Werten (1876) ©. vn. 


=) Bisgr. Racan's. 
*=) Berte Il, 263/361. 


23% 8. 9. v. Gtein: 


dem bloßen Klang bed Reimes nad fie als lächerlich erfannt 
wiſſen will;*) zielt aber eben mit dieſem Aufweis einer for⸗ 
malen Unzulänglicteit auf die Nachweiſung der aͤſthetiſchen 
Unangemefienbeit jener Gedichte. 

Das eigentliche Organ nun der Korteftheit, die franzöflfche 
Akademie, fegt in vielen Beziehungen fort, was Malherbe be 
gonnen hat. Den Zirken, welde fih um Diefen zu ver 
fammeln pflegten, um feinen litterarifchen Urtheilöfprüchen zu 
lauſchen, “) gleicht jene Vereinigung, welcher Ridyelieu zu Ans 
fang der 3er Jahre***) das Anerbieten machte, fie zur Aka- 
demie zu erheben; ****) und die Jenem eigenthümliche Rigoros 
fität ging in dem Maaße auf diefe über, daß fchon im Jahre 
1634 ber Kardinal die Afademifer warnte, ihr Wirken nicht 
durch allzugroße Strenge unfrudhtbar zu madhen.}) Wie nahe 
ven alademiſchen Beſtrebungen Boileau einerfeitd Recht, und 
worin er ſich body andrerfeitd von ihnen unterfcheidet, zeigt am 
beften feine Stellung zu einem einzelnen berühmten Akademiker, 
dem Rechtögelehrten Patru. Diefer galt feiner Zeit für den beften 
Kemmer des Sprachlichen, und eine Rede, welche er bei feiner 
Aufnahme in die Akademie hielt, fand fo großen Beifall, daß 
man von da an bie afademifche Antrittörebe zum Geſet erhob. +4) 
Boileau war ihm nahe befreundet; wir erfahren in dieſer Be- 
siehung von einem fchönen Zuge perfönlicher Hingebung, 44) 
wie dieſe bei Boileau nicht felten begegnen. Er fürchtete feine 
Strenge, eben weil er ihn fo überaus. hoch hielt; +++) die Poetil 


) 88. Sat. ll, Ep. IX. 
**) Bol. die a. Biogr. Racan's. 
) Malberbe farb 1628; die Zufammenfünfte bei Gonrart beginnen 
um 10629. J 
seen) ©, die Geſchichte der Akademie, 1. Band, von Paliffon. — Senn 
guſammenhang vermittelt auch das H. Mambouilet, Infofern einerfeits 
Malperbe, andrerfeits Ehapelain ed befuchten. 
7) benda. 
Tr) Ebenda, Jahr. 1640. 
FH) Bol. Bolaeana, Sqhluß. — S. auch Ep.Y. « - 
+H) „Ne sis Patra mibi“ pflegte er ſpäter feinen Kritlera em 
gegenzubalten; Briefe an Broffette 1703. — Die Schilderung bed vols 


Ueber den Bufammenkang Boileau's mit Detcartet. 237 


unterwarf er feiner genauen Durchſicht. Aber berfelde Vatru 
hatte ihm von dem ganzen Unternehmen,*) die Dichtkunſt 
dichteriſch zu behandeln, abgerathen, und hatte fich erft durch 
tie Berfe Boileau's ſelbſt überzeugen laffen. 

Hier fehen wir, wie bei aller Schmiegfamfeit und mannig- 
facher Abhaͤngigkeit Boileau doch in der Hauptſache ſelbſtaͤndig 
verfuhr. Seine eigene Dichter⸗Begabung belebte in ihm bie 
kitifhen Bemühungen, fo daß aus ihnen etwas Poſitiveres als 
nur Kritik entftand.**) Durch feine Kritit hatte der Satirifer 
ih viele Feinde gemacht, gerade auch unter den Akademifern. 
Wollte er nun mit einer Voetif auftreten, fo lag bie Befurchtung 
nahe, daß jene anſehnliche Gegnerſchaft ihn erdrüden würde. 
Sein Talent zeigt ihm den Ausweg aus biefer ungänfigen 
äußeren Lage; er geftaltet feine ‘Boetit zu einer lebhaft an- 
ſprechenden Dichtung, und gewinnt für feine theoretifhen Prin⸗ 
iipien dadurd Anerkennung, daß er durch fein Beifpiel ihre 
gindliche Wirfung beweiſt.“ ) — 

Im Jahre 1640 veröffentlichte der Afademifer de la Mes 
nardiere eine Portit. Das Werk war auf drei Bände bes 
rechnet, von denen jedoch nur einer erſchien; dieſer behandelt 
die Tragödie, jedoch auch diefe nicht vollftändig. +) Das Bud 
Rand in geringem Anfehen. ++) 


tommenen Kritifer im IV. @ef. des art post. (8. II, 117) Segicht fi 
af Patru. J 
) Bsl. die Geſchichte der Akademie, II. Band, von dDlivet, unter 
Petra; er hatte auch La Fontaine von feinen Fabeln abgerathen. 
=>) „Comprendre et demontrer qu'ane chose n'est point belle, plaisir 
imödioere, idebe ingrate; mais discerner une belle chose, s’en p6ndirer, la 
mettre en orideaes et faire parlager & d’aatres son sentiment, jonissance ex- 
quise, tche gensreuse.“ Cousin, Du vrai eto. 154. B. zeigt die leptere 
Befähigung in der Anerkennung Malderbe's, Eormeille's, Moliere'd, Racine's. 
) Bol. Batteng’ Urtbeil, les quatre postiques, Borwort zu der an 
vierter Stelle abgebrudten Poetit Boileau's, auch I, 10. — Bolleau ſelbſt 
fagt Ep. VO, er. verdanke feinen Feinden am meiften. 
“ t) Los Poötigte de Jules do la Mesnardi mDiscours“, gegen Ende. 
M Seſchichte der Akademie 11. Bd., von d'ODlivet. 107. 109.— (Bellen 
ewägnt M. als Dichter abfälig a. p. IV.) . J 








38 8.89». Stein: 


Richelien hatte die Arbeit veranfaßt,*) und der Autor führte 
fein Unternehmen wit nicht geringem Rachdrud ein. Er hat ih 
forgfältig nach Borgängern umgefehen; er erwähnt Ronfart’e 
Skizze, aber eben nur als aphorikifchen Verſuch: eine eigent- 
liche franzöffche Poetit exiſtire noch nicht. „So will ich denn 
für meine Ration thun, was mehrere Italiener für bie ihrige, 
Lope für die Spanier und der große Julius Scaliger für alle 
Gelehrten Europa’s gethan hat.” **) — Trog dieſer ausdrüdlich 
‚beabfichtigten Originalität nun baut ſich die breit angelegte 
Arbeit ganz und gar auf Ariſtoteles ***) und den antifen Dichtern 
auf, ohme Berüdfichtigung ber franzöfifchen Dichtwerke. +) Die 
Eintheilung tft die des Ariſtoteles; Menardiere behandelt nach 
einigen allgemeinen Betradhtungen über Dichtkunft, Drama, 
Tragödie, die „qualitativen Theile” diefer legteren: die Fabel, 
den inmeren Gehalt (7905 = les moeurs), die Gedankenbildung 
(dıavoı = les sentiments), den ſprachlichen Ausdruck die thea⸗ 
tralifche Darftelung, die Muftf. +4) Die erften allgemeineren 
ſechs Kapitel fülen ungefähr 50, die legten ſechs ungefähr 
400 Seiten; unter biefen wiederum find die Kapitel „les 
moeurs“ und „les sentiments“ bie audführlichfen: fo wirt 
fat durchaus das Inhaltliche, Stofflihe, faſt gar nicht die 
Form abgehandelt. Auch fogar in dem Kapitel „le langage“ if 
weniger vom Ausdrud, ald von den auszubrüdenden Gemüths⸗ 
regungen bie Rebe. Der Dichter hat ſich fagen zu laffen, „que 
la colere et la fureur parlent d’un ton impstueux, foudroyant 
et pröoipit6; que la haine et la vengeance ont leur charact?re 
serre“ u.f.w. tr) So liegt hier eigentlich ganz dasſelbe 

*) Ebenda. 

) Borrebe S. 50. 

=) ©. def. ©.4/6. „Laissons done IA tons les modernes“ und ver- 
trauen wir einzig dem antiken @efehgeber. 

+) Einige Zitate aus feiner eigenen Tragödie „Altnde“ ausgenommen. 

+) Artfloteles’ Poetik, Cap. 6. — Heinsius, de tragoediae constitutione 
liber, in quo inter caetera tota de bac Arist. sententia dilucide explicatar, 
Leyden 1611, nimmt genau denfelben Gang. en. kannte das Bud, und 


erwähnt es wiederholt. 
tm 8.7. 





Ueber den Bufanmenhang Botleau's mit Descartes. 2339 


Thema zu Grunde wie in dem Kapitel über „bie Empfindungen“, 
in weichem 3. 8. ein „röglement général des pensses, tir6 de 
exemple ‘des sentiments qui eonviennent A un prince amou- 
reux“®) auf ähnliche Betrachtungen führt. Wie Menarbiere 
ausbrädlich von dem Dichter „eine egafte Kenntniß der Moral“ 
verlangt, **) fo überwiegt in ihm felbft der Moralphitofoph den 
Aeheriter: feine Beſprechung der Tragötie, oder genauer: einer 
Reihe von Tragddien und Tragoͤdienſtoffen charaftertfirt fih als 
moralifirende ritit. 

Im folgenden Einzelheiten treten giltig gebliebene Züge ber 
llaſſiſchen Gefhmadsbitdung hervor: Zunaͤchſt in der oft wieder 
fehrenden Polemik gegen Italiener und Spanier. Diefe tft für 
Boileau bereitd eine abgethane Sache; nur ganz kurz kommt er 
art poet. ch. Ill. darauf zurüd. Im Zufammenhang hiermit 
Art dei Menardidre das Verbot einer Erwähnung 'religiöfer 
Gegenſtaͤnde auf der Bühne. ***) Aehnlich will dann Bolleau 
die Dichter für das Wunderbare auf den antiten Mythos bes 
ſchraͤnken; er begründet dieß: 

„Et, fabuleux chrötiens, n’allons point dans nos songes 
Da Dien de verits faire un Dien de mensonges.“ }) 


Endlich polemifirt Jener ausführlich gegen unwahrfcheinliche Ver⸗ 
fleivungen, Verzögerung des Erkennen mohlbetannter ‘Berfonen, 
auch gegen das bei den Spaniern überhäufige „a parte‘. +4) 
Die Alles nun würde im Stile Boileau's mit einer kurzen Ber 
rufung auf das Unvernünftige ſolcher Kunſtmittel zu erledigen feyn; 
bingegen ergeht Menarbiere fich im weitläufiger Aufzählung von 
Beifpielen und in Deflamationen über den Gemüthözuftand, welchen 
ſolche Situationen in den betheiligten Perſonen vorausfegen. 
Das Räfonnement des Schriftftellers ift feinem Gegenftande 
nirgends gewachſen, und fdeint vielmehr von dieſem gleichfam 


210 8.9. ». Gtein: 


erdrüdt zu werden; *) hieraus erklärt ich hinreichend der geringe 
Erfolg des Buches. Bon allgemeinerer Bedeutung if jedoch 
jene durchgängig bemerkte Gigenfchaft feiner Darftellung: die 
moralifirende Behandlungsart. Diele it Menarbiere mit vielen 
zeitgenoͤſſiſchen Kritifern gemeinfam, und if charafteriftifh für 
die Afthetifchen Disfuffionen vor Boilcau. 

Schon Ecaliger hatte die Frage aufgeworfen: utrum poeta 
docest mores an actiones.**) r entfcheidet: docet affectus 
poeta per actiones ut bonos amplectamur; est igitur actio 
docendi modus. Die Schrifteller des XVII. Jahrhunderts 
ſtellen noch unbedingter und unmittelbarer ethifche Anforderungen 
an ben bramatifchen Dichter. Corneille nimmt das Beifpiel 
wieder auf, welches Scaliger in bem eben angeführten Kapitel 
als Problem erwähnt: den Muttermord Oreſ's, „eine Handlung 
ohne 4906“;***) er erflärt,}) „pour rectifier ce sujet & notre 
mode“, bürfe Oreft es nur auf den Aegiſth abfehen, wobei 
dann Klytaͤmneſtra, zwiſchen die Männer fi werfend, unglüd- 
licher Weife den tödlichen Streich empfinge. Diefem Beifpiel 
entiprechend, finden wir überall bei Eorneille moralifirende Kritik 
der tragifchen Stoffe; der erfte Gegenſtand feiner Abhandlungen 
it: l'utilite du po&me dramatique.+}) So war denn auch 
‚in dem Streite über den Eid eine Hauptfrage, ob Ehimene recht 
oder unrecht handle; +44) Scubery verdammte ihre Handlungs» 

*) Bol. Chapelain's Urtheil über Menardisre, Melanges de liufrsture 
tirds des letires de M. Chapelain (1726) ©. 252/3. 

®*) Scaligeri postices 1. VI, poſthume Ausg. 1617. ©. 831/2. 

+) Cbenda ©. 832. 
+) Oeurres de Corneille 1824. XI, 94. 
+) Sein erfler disconrs sur Vutilit6 ei sur los parties da poeme dra- 
matique; dann sar la tragödie ei sur les moyens de la trailer selon le 
waisemblable ou le necessaire; erft an dritter Stelle sur les trois unitds. 
HM) Les sentiments de l'academie frangaise sur Ia Iragicomedie du Cid. 
1638. ©. 16/23. 49/61. — Rebenbel fey bier Folgendes bemerkt. Die ber 
rühmten Berfe Bolleau’s über den Eid lauten: 
„En vain contre le Cid un ministre se ligne 
. Tont Paris pour Chimne a les yenz de Radrigue.“ 
Ban erwartet: „Tont Paris ponr Rodrigue (d. h. eben den „Cib“) a des yeuz 
de Chimäne‘‘; vgl. Baillet, jugements I, 3. Aber die Zeinheit des B.jchen 


cher den Zufammenhang Bollean’s mit Descartes BA 


weife und rief aus: „c’stait pour de semblables ouvrages 
que Platon n’admeltsit point dans sa R6publique toute la 
po6sie".*) Mönardiere formulirt den allgemeinen Sag: „La 
po6sie est proprement cetie science agréable, qui mele la 
gravit6 des pr&ceptes avec la douceur du langage“;**) nicht 
weniger entſchieden ſagt d’Aubignac: „la principale rögle 
du poöme dramatique est que les vertus y soient toujours 
recompensses“ u.f.w.***) Und fchließlich finden wir fogar, 
daß aud in Boileau's Kritif eine moraliſche Abſicht aufgefunden 
umd belobt wurde: „Quoi, disait-il, les maximes, qui feraient 
horreur dans le langage ordinaire, se produisent impunsment 
ds qu’elles sont mis en vers! Elles montent sur le thetre 
& la fareur de la musique, et y parlent plus hant que nes 
koix... Voilä dont il eüt voulu pouvoir faire unique objet de 
toutes ses satires.“ }) , 

Diele Auftaffung Bolle..’d num iſt gerade in der Haupt 
ſache unzutreffend. Boileau if zwar auch in feinen Epiſteln 
und Satiren gelegentlih Moralphilofoph; das Motiv feiner 
Boerit aber iR durchaus ein Afthetifches. Die Frage if nir- 
gende: wie wird am .beften die Tugend gelobt und bad Lafer 
getadelt? fondern überall: wann wirft ein Gedicht aͤſthetiſch 
erfreulich, wie muß es befchaffen ſeyn um fo zu wirken? Seine 
Darftellung der Tragödie beginnt daher Boileau nicht mit Ber 
trachtungen über die Nüglichfeit der dramatifchen Dichtung, 
fondern: ö 

mil n'est poiot de serpent ni de monstre odieux 
Qni, par Part imit6, ne puisse plaire aux yeuz, 
D’un pincean delicat l'srtifice agreable 

Du plas affrenz objet feit un objei aimable.“ }f) 


Berfeb beſteht darin, daß er auf jene Angriffe ſelbſt hindeutet, welche gerade 
den Charalier Gpimenens betrafen. 
®) Bendery, obserrations sur le Cid, 1637, abgedrudt in den WE. 
Gormeiße'd XIL, 207; ferner 201, 229. 
©) Podtique, Vorrede. 
#**) Prouigue da theatre, Bud 1, 8.1. 
}) Balincour in der Alademie 1711. Werte Bolleau's, Ausg. Gt.- Marc 
tt) art post. ch. IIL 27 
deia:.. Bhllef. m. vbu. Mritit, 6. Band. 16 


42 8.9.» Stein: 


Alfo ganz ausbrädlidh: ‚der Gegenſtand mag befcaffen fe 
wie er will; es kommt auf die Darkelung an.‘ Jene Krititer 
diöfurieen die Wahrfcheinlichkeit:*) ‚iR es nach allgemein ger 
billigten meralifchen Marimen annehmbar, daß biefe Perfon fo 
handelt, wie der Dichter fie Handeln läßt?‘ Boileau verlangt 
Wahrheit:**) ‚der Dichter fehe nur Elar, und fage deutlich was 
er ſieht‘. Dieß Prinzip iR zwar jenem nicht gänzlich unver⸗ 
wandt. Denn aud die „Wahrſcheinlichkeit“ der älteren Kritifer 
bezieht ſich nicht überall und ausfchließlih auf die innere mora- 
uiſche Möglichkeit ver Handlung; Corneille verſteht Re zwar nicht 
anders, ringt ſich aber am entſchiedenſten von ber beengten Be- 
trachtungsweife (08, indem er, ihr gegenüber, die Forderung ber 
Nothwendigkeit der Situation als bie ſpeziſiſch dramatiſche auf⸗ 
ſtellt.*) Aber Boileau s „Wahrheit“ iſt umfaſſender und be⸗ 
Rimmter gedacht; fie iſt erſichtlich nicht aus Ariſtoteles und der 
tritiſchen Diskuſſion der antiken Beiſpiele entſtanden. 

Kenntniß des klaſſtſchen Alterthums, Metrik, Rhetorik 
erſcheinen bei Scaliger ſaͤmmtlich noch mit der Poetik ver⸗ 
ſchmolzen.t) Achnlih trafen wir in Ronſard's Abriß eine 
bunte Miſchung von Sprach⸗, Vers⸗ und Dichtregeln an. tt) 
Bei Malperbe iſt die Poetit ein Nebenzug der Bemühungen 


*) Corneille, II. disc. sur la irag., Les sentiments de l'academie 
S. 30 ff, Menardiere 35/41, d’Aubignac a. a. D. Bud I, Cap. 2, dann 
wieder Dubos, röflexious critiques sur la podsie ei ls peinture (1719) 
VIl. Ausg. 1770 ©. 247-254. — bei Bollean Ein Ber; f. unten 5.245. 

*) &. unten ©. 250. 

“) WE. XI, 99 ff. — Einen, gänzlich anderägearteten, Uebergang zu 
B. mag man auch in der dei Gelegenheit des Tartuffe entftandenen Leure 
sor Yimposteur finden. Da heißt «8: ‚die Wahrheit fol fi vor allem auf 
der Bühne zeigen‘; allgemein ausgeſprochen, obwohl in Beziehung auf morn- 
liſche Wahrheiten. Bgl. Mangold, Mol. 0 Tartuffe. Dppein 181. v. Gig. 
und äfhet. Kritit. ©. 198/9. 

7) Die fleben Bücher behandeln die Geſchichte der Poefte (Mistorivns), 
die Berslehre (Hyle), die poet. Fabel (Idea), den ſprachl Auddruck (Para- 
scene); e8 folgen — Prpererii, Epinomis; dem lepliven gehört das 
Weiter oben jiifrte Rap. 

me..6®. 27. 


Ueber den Zufammenhang Boileau's mit Descartes. 43 


um fprachliche Korreftheit.*) Einer folhen grammatikaliſchen 
finden wir noch von Aubignae fobend bie gelehrte Kritit gegen. 
übergeftellt ; **) biefe lernten wir foeben an dem Beifpiele 
Meönardiere'd kennen. Im ihr war eine Mifchung von aͤſtheti⸗ 
ſchen und ethifchen Elementen nachzuweiſen: von welcher ſich, 
wenigftens in einem Hauptpunfte, endlich Boileau befreit. So 
erſcheint deſſen aͤſthetiſche Grundlegung durch Schrankenziehung 
bedingt, ***) durch eine fucceſſive Sonderung der Wiſſenſchafts⸗ 
bereiche vorbereitet. 

Bemerken wir die Verwandtſchaft mit der Grundlegung 
bes discours de la methode: +) auch dort wird der einzige, 
beftimmte Grundſatz aus einer Anzweiflung und Abweifung 
aller irgendwie gemifchten und verworrenen Grfenntnifle ges 
wonnen. Dies fcheint nur eine formale, if aber darum feine 
umwichtige Achnlichfeit. Sie betrifft die Methode; aber diefe 
iſt dort wie bier wefentlich, ein Hanptgegenftand der Betrachtung. 
So entſpricht der hier bemerkten Berwandtichaft denn eine tiefere 
Zufammengehörigfeit in der Sache, im Prinzip ſelbſt. — 

Wie befannt, hat Eorneille den tragischen Kanon feſtgeſtellt, 
nicht fowohl Durch die fpäteren Abhandlungen über die Tragödie 
und die ‚Fritifchen Prüfungen‘ feiner Stüde; als durch bie 
Stüde ſelbſt, und bie in ihnen enthaltene allmähliche An—⸗ 
paffung an die Regeln. +4) Roc der Eid war „fehr unregels 
mäßig"; +4) aber mit Cinna, Horace, Polyeucte galten bie 
Einheiten für endgiltig eingeführt. Corneille verfuhr hierin 
jedoch weder völlig neu noch völlig ſelbſtaͤndig. Ein Menfchen- 


6. 236. 


"*) Terence justißs, abgebrudt pratique da th. I. ©. 46. . 

) „Qui ae sait se boroer ne sut jamais derire.“ Boilesu, art p. I. 

?) Bonuilier’d Appergu: „L’art postique a di6,- pour ainsi dire, ie 

„disconrs de la möthode‘ de la liärature et de la podsie“ (hist. d. I. phil. 
eart. 1, 478) wird hier näher begründet. 

th) ©. die Darſtellung bei Fontenelle, vie de Comeille und Poetit; 
Seine-Beuro, Tablean de la poesie frang. ei du ih. fr. am KVI sidcle; 
Geizot, Corneille et son temps. 

tfh Eontenele. 

16* 


244 8.9. v. Stein: 


alter vor ihm hatte Garnier, vor Diefem Jodelle regelmäßige 
Dramen verfaßt; jet war es Mairet, defien Sophoniebe Guizot 
den entfcheidenden Einfluß auf Corneille zufchreibt.*) Wenn 
ferner der Dichter auch nicht unmittelbar der Kritif des Cid 
nachgab, vielmehr den maaßloſen Angriff Scudery’s mit Würde 
zuruckwies, und auch das Urtheil der Afademie ein ungerechtes 
nannte, **) fo blieb doch der ganze Borgang ſicherlich nicht 
ohne Einfluß auf feine Arbeiten. ***) Chapelain, der die 
Meinungsäußerung der Afademie redigirte, ****) wird perföntich 
im Sinne der Korreftheit auf ihn eingewirft haben: er fland 
damals in hohem Anfehen,t) und galt für den Racfolger 
Malherbe's, bis das Erfcheinen feiner „pucelle“ ihm Abbruch 
that, und er feinen Plat an Boileau überlaffen mußte. +4) 
Derjenige Schriftfteller aber, welcher fih gerabezu rühmte, 
Corneille zur firiften Regelmäßigfeit befehrt zu haben, iR 
Hedslin Abbs d'Aubignac. 4) Er galt feiner Zeit für 
den eigentlichen Bühnentuntigen, wie felbft fein Gegner Menage 
andeutel; +4) deßhalb konnte gerade er mit einem praftifdyen 
Geſetzbbuch des Theaters auftreten. Auch ihn Hatte Richelieu 
zu feinem Unternehmen veranlaßt;$) das Buch erſchien jedoch 
erſt geraume Zeit nad) dem Tode des Cardinals, 1669. Es 


*) Guizet 164. — Breitinger, les onitds arant le Cid (Genf 1879) 
weift Spuren derfelben in Italien, Spanien, England nad. 

**) 6. die Darftelung bei Peltffon, Geſch. der Mad. S. 110 ff., die 
Attenftüde in den WE. Gorneille's 1824) 196 — 336. 

“ee) „Qu’on se Agure le grand Corn affranchi des censuren de 
PAcademie, des tracasseries du Cardinal, des röglements d’Aubignsc“ ruft 
&.:Beuve aus, a.a.D. S. 242. 

were) Quigot 188. 

?) Sein Rath giebt den Ausfchlag bei der Ronftituirung der Akademie, 
Guigot 104; im den Nölsnges de litterature findet fh ©. 181—257 cin 
förmiiche® Berbift über die befannteren zeitgendſſiſchen Gchriftkeller, auf 
Colbert's Beranlaffung verfaßt. 

+) Sulot 310. 321. 326. 

+) Pratique du theätre, 1. Bud, 4. Rap. 

HH) Discours sur Terence, abgedr. im II. Bo. der prat. du ıb., ©. 14. 

5) Prat. d.h. i, 1. 





Ueber den Zuſammenhang Boileau’s mit Descartes. 245 


war überau6 verbreitet, *) fo daß man Aubignac oft ald „Ber 
faffer der p. d. th.“ eingeführt findet; Voileau nennt ihn als 
Autorität in Sachen der Boetik. **) 

Diefer ſelbſt überfam demnach den Kanon der Tragöbie 
als etwas vor ihm Abgefchloffenes. So überliefert er ihn benn 
auch nur in kurzer Zufammenfaffung : 

„Nous vonlons qu'svec art Vaction se mönage, 

Qu’en un lien, en un jonr, un seul fsit accompli 

Tienne jusgu’ä la An le theätre rampli.“ ***) 
Diefe Berfe geben den Zufammenhang ber betreffenden Kapitel 
bei d’Aubignac wieder. ****) Auch die fogleich darauf folgende 
Eorderung des Wahrfcheinlihen im Unterfchied vom Wahren 

„Le Vrai peut quolquefois n’ätre pas vraisembleble“, 
welche Boileau's fonftiger unbedingter Forderung der Wahrheit 
zwar nicht wirklich widerfpricht, }) aber ihr doch auch nicht 
gleicht, und deßhalb auf eine fremde Duelle zurücweift: dieſe 
entſpricht dem unmittelbar voraufgehenden Kapitel ber „ Bühnen» 
kunde”. Hiernach if es wohl annehmbar, daß Boilcau diefem 
Theil feined Werkes gerade im Hinblid auf die prat. d. th. feine 
nur refapitulirende Fafſung gab. 

Ganz und gar fehlen bei Voileau die techniſchen Einzel⸗ 
regeln, in deren Vortrag und Begründung Aubignac ſich er- 
gebt. ++) Diefer Autor geht nämlich, um zu feinen einzelnen 
Beftfegungen zu gelangen, mehrfach von dem Vergleich der 
dramatifhen Darftellung mit einem Gemälde aus:+t+) dieſer 

®) „A a'y a gudre de lime plus conau que la p.d.tb.“ Melangen de 
liter. tir&s des lettres de Chapelain. ©. 185, Anmerkung b. Heraudg. (1726). 

*) BB. 11, 389/90. in, 383. 

) BB. un, 85. 
rxei. d. ih. U. Bud, Ray. 3 u. ff. 

P) ©. oben ©. 242. 

tr) Das oft veprobugirte Urthell, Boileau's Poetit entpalte nur techniſche 
Cinzelpeiten (vgl. Schatler, Kritiſche Geſchichte der Aeſthetik 1, 315; aber 
auch Pictet, Da Beau dans la natare u.f.w. ©. 17; Apnikh Zimmermann, 
Geſch. d. Aeſth. ©.154) bewährt ſich gerade In diefem feinem Verhältuiß 
sur Poetit des Dramas nit. 

+ 1. Bud, 5. Rap.; U, 3; vgl. auch das über Die Gcenerie Gefagte 
WW, Du, Ray. 8. 


26 4 O. v. Stein: 


Ausgang führt aber nothwendig zu undramatiſchen, und daher 
wilfürlih und pedantiſch eriheinenden Einzelbeſtimmungen. *) 
Aubignac it eben vor Allem: Zuſchauer; Dagegen wendet ſich 
Boileau überall an den Dichter. Jener fordert ein geſchloſſenes 
Bild; Diefer verfucht, im feiner, gewiß nicht unbeengten Weiſe, 
doch vor allem dem Dichter zur Abfaflung eine® gehaltvoßen 
Wertes zu helfen. **) 

Dagegen Kimmen nun beide Schriftfteller in einigen all- 
gemeinen prinzipiellen Sägen überein. Auch Aubignac beruft 
fi auf das „natürliche Licht“, auf die Vernunft. Er fagt:***) 
„En tout ce qui depend de la raison et du sens commun, 
comme sont les rögles du ihéatre, la licence est un crime qui 
n'est jamais permis.“ in anderes Mal heißt es: ) „Tant 
il est vrai qu’en cet art, comme en Lous les autres, la con- 
naissance des rögles est nöcessaire A la raison naturelle.“ 

Diefe beiden Säge fagen jedoch feinedwegs genau Das- 
felbe. Sie verknüpfen zwar beide die Regeln mit dem natürs 
lichen Verſtande, aber der erftere leitet jene aus dieſem ber, ber 
letztere will fie ihm, als etwas Neues und auch Befleres, hinzu, 
gefügt wiffen. Die fachliche Verſchiedenheit weit auf die vers 
ſchiedene Abfaffungszeit und Veranlaffung der beiden Aeuße⸗ 
rungen zurüd. d'Aubignac hatte einen langwierigen und nicht 
ohne Bitterfeit geführten Streit mit Mönage auszufechten, über 
die Einhaltung der Regeln bei Terenz; ++) Fragen wie bie, ob 


=) Byl. die Auseinanderfegung über die Unzuläffigteit der Bühnen- 
bemerkungen: 1. Bud, 8. Ray. 

) S. zu Anfang des III. Geſ., W. II, 84; und dann derchgehende 
S. 80 - 9. 

) 1. Buch, 4. Rap. — Bol. die noch fehr unbefiimmien Berufintgen 
auf die Bernunft in ben „sentiments“ ©. 181, bei Mönatdiöre ©. 245. 
Gpäter faßt ſich Kaelne über bad Verdienſt Corneille'd, bei feierlichen 
Gelegenheit, dahin zufammen: „er habe die Bernunft auf die Bühne gebracht“ 
(8. Gorneiles Xu, 340) — darafterififh für den Veurtheiler wie für 
den Beurthellten. 

}) Schluß des Terence justißs“. 

FF) Die begüglichen Gtreitfigrifien im IL BD. der mix vorfisgenben 

poſthumen Ausg. der prat. d. th. abgedrudt. (Amflerdam 1716.) 


Ueber den Bufammenpang Boitzau’s mit Descartes. #1 


die wirkliche Zeitbaner der Handlung einer befimmten Terenzi⸗ 
ſchen Romddie auf zehn, oder auf vierzehn Stunden angefchlagen 
werden- möfle, fpielten in diefem Streite eine Role. Aubignac 
behauptete hie Korzeftheit des antifen Dichter6; er warf Monage 
vor, nicht hinreichend ezaft in diefen Dingen zu feyn: „man 
fieht eben, es reicht nit bin, mit einigem natürlichen Ber- 
Rändniß dieſe Fragen zu behandeln, man muß auch genau die 
Regeln kennen“. Dieß bie Entfichung des an zweiter Stelle 
angeführten Sahes. — Dagegen verdankt der erfie Sag feine 
Entſtehung ber emdgiltigen Rebaftion der pratique du thöätre. 
Der Autor erzählt,*) daß, abgefehen von jener Anregung 
Nichelieu's, die Herausgabe feiner Beobachtungen über das 
Theater ihm von feinen Freunden abgefordert worden fey; er 
gebe dieſe Aufzeichnungen nun, obwohl fie nody unvolllommen 
und ungleichmäßig feyen. Die allgemeinen Betrachtungen des 
erfien Buches feinen für diefe Herausgabe gefchrieben worden 
zu feoa; nur in ihm, nicht aber in den folgenden Büchern 
finden ſich ſolche begrünvenden VBerufungen, wie die oben an⸗ 
geführte, Es find alfo die Theorien Aubignaces nicht aus 
prinzipiellen Erwägungen hervorgegangen, fondern er empfand 
nur fehließlid das Beduͤrfniß nach einer Abrundung des Ganzen 
durch ſolche allgemeineren Säge; ob diefe nun eigenem philo⸗ 
fophiicgen Fortſchreiten oder einem etwa inzwifchen vermehrten 
Zeitgeihmad am philofophiihen Fragen Rechnung trugen, — 
wir würben in beiden Bällen an bie in venfelben Jahren ber 
ginnende Verbreitung ber Descartes ſchen Schriften denfen dürfen. 

Bei Boileau nun If das unorganiiche Nebeneinander von 
einzelnen Beobachtungen und allgemeinen Anfchauungen, der 
„Regeln“ und der „Bernunft*, ausgeglichen. (Erinnern wir une 
an die Behandlung des Longin'ſchen Gedankens, daß das Er- 
habene zwar in der Ratur begründet fen, body aber der Methode 
bedürfe.**) Boilcau fagte poſitiver: die methodifche Betrachtung 


®) im qweiten Rap. des 1. Buches, 
*) Del. oben ©. 2208. 


218 K. 6. v. Stein: 


deo Natuͤrlichen ergiebt dad Erhabene, als Einfaches. — Ganz 
aͤhnlich kennt er die Regeln nur als Methode; er kennt fie nicht 
als gelehrte Sagungen, fondern als Form der Vernunft, wenn 
diefe zur Darſtellung der Gegenſtaͤnde ſchreiten will; fie vers 
langen auch nicht, als Einzelfragen, Entſcheidung durch Autos 
rität oder Herbeiziehung rein techniſcher Erfahrungen, fondern 
die apodiktifche Sicherheit der Boileau'ſchen Urtheite brüdt überall 
eine gemeinfame, einheitliche Grundanſicht aus, und will diefe 
mittheilen. 

Boileau's uͤberall fergehaltene, wenn auch feltener aus⸗ 
geſprochene Grundanſicht geht dahin, daß die adäquate Dars 
Rellung des far Geſehenen die Afhetiihe Billigung erzwingt; 
oder, anders ausgedrüdt, ihm iſt die Deutlichfeit nicht nur 
formale Maxime, fondern ein Afhetiiches ‘Prinzip. 

In der leten Borrede zu feinen Werken) fucht er dieß 
auf folgende Weife zu begründen. „Der menfchlide Geiſt if 
von Natur mit einer unzähligen Menge wirrer Vorſtellungen **) 
von Wahrheiten angefüllt, die er nur unvollkommen von eins 
ander unterſcheidet. Nichts if ihm nun willfommener, ale 
wenn man irgend eine dieſer Vorftellungen ihm Far macht, das 
durch daß man fie in das rechte Licht ſezt. Welcher Einfal ***) 
ift wirklich neu, glänzend, auferordentlih? Die Ignoranten 
meinen; ein ganz unerhörter Einfall, der noch nie Jemandem 
in den Sinn Hat fommen fönnen. Rein; fondern ein Einfall, 
der eigentlich Jedem hätte kommen müflen, und den nun ein 
Einzelner fo geſchickt iR auszuſprechen.“ ) Dem Leſer ſtets 


*) 1708. Werte 1, 50. 

**) ‚idde confase‘, 

**#) ‚ponsde‘, 

+) Man vgl. Hiermit in ſpekulativer Beziehung den Ausſpruch Des- 
cartes: „Le prineipal but de ma Möisphysique a’est que d’expliguer le⸗ 
choses qu’on pent concevoir distinctement“ ( W. VIII, 354) u. viele aͤhnl.; 
anbrerfeits in litterar⸗ aͤſthetiſcher Beziehung den des Carteſianer'd Terraffon: 
„Le Trivial consiste à dire ce que tout le momde dit; et le Netarel consiste 
& dire ce que tout le monde sent“ (philosophie »ppliceble etc.). 


Ueber den Bufammenpang Boileau's mit Dedcart. 240 


ſolche wahren Gedanken, ſolche treffenden Ausbrüde darzubieten, 
dieß macht ein Werk zu einem wirklich guten, und gewinnt ihm 
bie dauernde Anerkennung. Klares Unterſcheiden und deutliches 
Hervorheben iR das eigentliche Geheimniß der kunſtleriſchen 
Wirkung: denn ſelbſt der formale Reiz des Berfes hängt uns 
mittelbar hiervon ab. „Weine Berfe gefallen“, fagt Boileau 
ein Jahr nady dem Erſcheinen der, Dichtkunſt; ) „fe gefallen 
den Fürfen und dem Volke, in Dorf und Stadt“ — wir 
möffen hinzufügen: ihr formaler Reiz überbauert die Wand» 
lungen der Zeit und des Geſchmackss, denn noch heute durch⸗ 
ziehen ihre wörtlich wiebergegebenen Wendungen die Schriften 
franzöfifcher Autoren, fo daß Boileau, wenn feine Werke jept 
verloren gingen, leichter als irgend ein andrer Schriftfteller aus 
den Zitaten wieder herzuftellen wäre. **) — „Wenn meine Berfe 
gut find, fo ift Hiervon die unmittelbare Urſache 


nı.. qu’en eux le vrai, da mensonge vaingueur, 
Partont se monire aux yenz, et va saisir le cosar.“ 


Dadurch unterfcheiden fi meine Echriften von den durch 
mich angegriffenen Werfen, „qui, parlant beaucoup, ne disent 
jamais rien“. Denn: 

.. OR coenr, toujours condnisant mon esprit, 

Ne dit rien aux lecieurs qu’a soi-möme il n’sit dit. 

Ma pensde au grand jonr partont s’offte et s’expose 

Fa mon vers, bien on mal, dit tonjonrs quelgue chase. 

C’ost par la quelquefois que ma rime surprend,.“ 


*) Ep. IX. (1076) — ®. 1, 8/0. 

**) Gaintes Beuve; er ſelbſt giebt hierzu einen Beleg, da er Botleau's 
Borte häufig, und ohne weiteres Sitat, anführt, obwohl er feine Poetik für 
gänztiä, abgeihan erflärt („Part postique de B. est väritablement abroge“, 
Portraits liter. 1, 413 u.a.) — am auffaflendfien überal im dem ‚Table 
de XV sidele‘, wo er gerade den V. ſchen Berbitten ſachſich zu wiberforndien 
Wat. — Wh) bei Barante, Tableas de la litier. frang. ©. 324, begegnet man 
plopiich, ohne jede Oervorhebung des Inats, einem: „clioquant du Tasse“, 
weldieh Ad einzig aus ®. Gat. IX, 8.176 erflärt. — Berner überall Die 
Berfe 8.6 bei Saharpe a.a. D., Bb. IV, 127. 132. 142. 144/6. 146.149 u.a. 


0 8. v. Stein: 


Nach Boileau wird alfo ein Vers auch techniſch gut, dadurch 
daß er einem wahren Gedanken Auodrud giebt. 
nAvant dont que d’scrire, apprenes & ponser. 
Selon que notre idee est plus om moins obscure, 
L’expression la snit ou moins nette ou plus pure, 
Ce que on congoit bien e’6nonce clairement, 
Et les mots pour le dire arrivent aisöment.“ *) 
Und aus diefem Zufammenhange erflärt ſich der allgemein 
formulirte Hauptiag: 
" „Rien n'est bean que le mai.“ ®®) 


Diefer Sap entfpringt zunaͤchſt der allgemeinen Bevor- 
zugung des Intelleftuellen. Diefe geht foweit, daß Boileau, 
wenn er Racine loben will, für die fünflerifhen Vorzüge feines 
Breundes gar feinen anderen Wortſchat zur Verfügung hat, ale 
nur die auf das Intellektuelle bezüglichen Ausdrüde: „tes sa- 
vantes ouvrages“ — „son trop de Jumi&re“ — und bie 
Gegner bewundern „le savoir de Pradon“.**) Sie tritt. 
fehr charafteriftifch noch in dem legten Werke des Dichter hervor, 
in der zwölften Satire, „sur l’öquivoque“, Hier macht Boileau 
die Polemik gegen den Doppelinn, die Unklarheit, }) zum Leit⸗ 
faden einer Betrachtung des gefammten Weltgefhidd. „Ein 
Wort erfhuf die Welt -- ein Doppelfinn vernichtete das Gluͤck 
bes Menfchen. Aberglaube und trügeriſche Götterfprüche leiten 
fortan fein Geſchick, und ſchaffen immer tiefere Berwirrung; 
faum verblieb eine Spur „de la raison par le vrai Dieu 
guid6e“, Der Dichter verfiel auf diefe Kompofition, alo ihn 


*) art post, I.Ges. — @. II, 63. 
**) Ep. IX, Bere 43. 
“) Ep. vo. 
+) Dieß der allgemeinere Sinn von „squisoque‘; dgl. dea Brif am 
Buoffette 1708, @. ML, 351 0., aud art post. I, 206. — Bean Gainie- 
Deuve fügt, die Sative handle vom der Gafuiftit, fo macht es ſich einiger 
manßen der Ungerechtigkeit der Jeſulten thellpaftig, welche wegen biefer doch 
kaum ganz nebenbei von D. heabfidtigten Begichung die Berdffentlihung 
der Set. verhinderten. Im Uebrigen bin id weit entfernt, dem ungünfigen 
Urteil &.-Beune's über den Werth der Dichtung zu wiberforehen. (Bel 
Nonvesux Londis IX, 10/12.) 


Ueber den Zuſammenhaug Boiteau's mit Descartes. 351 


bei der Ausarbeitung einer Satire über den Berfall bes kriti⸗ 
fhen Geſchmacks eine ſprachliche Schwierigkeit (6quivoque de 
la langue) aufhielt; er wenbet fi, fein urfpränglides Theme 
veraligemeinernd, gutgelaunt gegen dieſen Uebelſtand, das &qui- 
voque, felöft, und findet nun fchnell Bere über Vers.“) Gr 
hatte eine große Vorliebe für dieſes Werk: es war ihm von 
Herzen gefommen. Deßhalb war es hier zu erwähnen. Bol 
leau's Rationatiomus it — fein zu feinen metaphyſiſchen Kon⸗ 
fequenzen verfolgtes philofophifches Theorem *%) — aber ein 
theils bewußt theild unbewußt ihm überall beffimmender Grund⸗ 
zug feiner Begabung und Neigung. — 

Der Sa if ferner nach zwei Richtungen hin zu verfolgen. 
Die Cine if bie, von Boileau ſelbſt faſt ausfchließlich aus⸗ 
geführte, fubjektive Beziehung. Im diefer Beziehung iſt „rien 
n’est beau que le vrai“ eine Grundregel ber fünftleriichen 
Darflellung. ‚Das klar Gedachte if, wenn du es ſchlicht und 
einfach wiedergiebft, fchön.‘ Boileau's eigene Dichtungen find 
in ihren gelungenften Theilen Anwendungen dieſes Prinzips. 
Greifen wir ein zu allernaͤchſt ſich darbietendes Beifpiel heraus: 
das Widmungsgedicht an den König. — Der Dichter will den 
Bielgepriefenen preifen; es wird ſchwer feyn, die Vorgänger zu 
überbieten; wie dagegen wird er etwas fagen koͤnnen, was 
wirklich geſaͤllt? Er obieftivirt das Berhältniß, im welches er 
bier gerathen iR, das Verhaͤltniß des Lobers zu feinem Begen- 
Rand; er fieht ein, das Verhaͤlmiß iſt ungleich, die Lober find 
ihre® Gegenſtandes insgefammt nicht würdig, ich werde alfo 
nicht mitloben; dieß fagt er rund heraus, und hat dem 
König deffer als alle Andern geſchmeichelt. — Aehnlich ift die 
Introduftion der Poetif aufzufaflen. Die Grundlage für alle 
weiteren Borfchriften iſt: ich ſtelle dem jungen Dichter mir vor 
die Augen, und vergleiche bad, was er ift, mit dem, was er 


981,29. — 11, 875[. 
=*) Zu dem halb ironifch gemeinten Sqhluß der IV. Satire iR doch die 
Wendung gegen die „röveurs“ zu beachten. 


23523 8. 9. v. Stein: 


will, mit feinem poetifchen Borhaben.*) — Eine gewiffe gedanf- 
liche Ueberlegenheit if alfo in ber That der Schlüffel zu ein⸗ 
zelnen glüdlichen Einfällen und Wenbungen, wie er bieß in 
den oben angeführten Stellen ausfagt. Auch jener Ausſpruch 
mals Philoſoph fehe ich auf alles Verſemachen berab*,**) if 
bier herbeizuziehen: dieſes philofophifche Herabfehen auf alles 
Stoffliche des Gedichts führt zur @ewähltheit der ſchließlich 
erzielten Zeitung. Halten wir feſt, daß die Boileau ſchen An⸗ 
ſchauungen in dieſer Richtung hinreichend begründet und aud 
von vollgiltigem Werthe find: infofern alfo, wie fie die rein 
fubjeftiven VBorbedingungen der gelungenen, dichteriſchen Dar- 
ſtellung betreffen. Boileau geht über das allgemeine Erforderniß 
einer Beherrfhung der Formen entfchieden hinaus; er formulirt 
den befimmten Sag: die gedankliche Beherrſchung des Stoffes 
iſt felber auch form » bildend. ***) 

Aber jener Sap enthält aud eine objektive Beziehung. 
„Nur das Wahre ift fchön” ſagt nicht nur über dad geiftige 
Verhalten des Darftellenden, fondern auch über den möglichen 
Gegenftand der Darfielung etwas aus. Es foll eine elemen- 
tare Anleitung zur poetifchen Grfindung darin enthalten feyn. 
Hier liegt die Schwäche der Boileau'ſchen Denkweife; und zu« 
gleich find feine Ausführungen in diefer Richtung lüdenhaft. — 
Die Natur ſelbſt Heißt als Gegenſtand der dichterifhen Dar 
Rellung wahr, +) fie heißt verftändig. ++) „Das Wahre” if 
alfo allerdings fynonym „dem Natürlichen“. Aber deßhalb 
geht doch Boileau's Meinung feineswegs auf einen weitherzigen 
Realismus. Denn das Natürliche fieht er nicht als uns 
beftimmtes, unendliche Element der Begebenheiten; als ſolches 
heißt es: „la grossiöre nature“, und „die Vernunft“ hat diefer 


*) Bol. Gefang I, und dann befonders nachdrücklich wieder Gef. II. 
*) S. o. 8.23. 
**#) Rien n'est bean ... que par la verit6, Ep. IX, gegen Ende, gieht 
de fubj. Berichung des Sapes noch deutlicher wieder. 
PD Ep. IX. (B. Uu, 10.) 
FM) arı post. 1. (®. 11, 92.) 


Ueber den Bufammenhang Bolleau's mit Descartes. 253 


„Ratur* ordnend gegemüberzutreten.*) Das Ratürliche aber 
als poetiſcher Gegenſtand wirb in deutlich unterſcheldbaren Ge: 
gebenheiten, ald Gegenbild des Bernünftigen gedadt; **) und 
Boileau's Anſchauungsweiſe iſt alfo genau im gleichen Maaße 
rationaliſtiſch und realiftifch.***) — Ich befchränfe mich hier 
auf diefe Andeutungen, weil Boileau felbft in diefer Beziehung 
nur andeutet; Batteur ift hierin ausführlicher, und wir fommen 
alfo fogleidy auf die Frage zurüd.}) — Der Ratur» Begriff iR 
bei Boileau feine volbewußte Grunbanfiht. Er hat trotzdem 
eine Eigenthümlichfeit, die ebenfo unverfennbar als wichtig if. 
Diefe igenthämfichfeit . weit auf Descartes’ rationatiftifchen 
NRarurs Begriff zurüd, der bei Diefem aus einer !Brojeftion des 
mathematiſch⸗ rationellen Denfens in das Objektive ſich kenntlich 
ergab. tt) 

Tritt nun bier die Berwandtfchaft mit Descartes wie ein 
unficherer Reflex ein, fo iſt fie dagegen vol ausgeprägt in jener 
von Boileau durchgeführten, fubjeftiven Beziehung feiner Afthetir 
ſchen Grundanfiht. Jene befonnene Deutlichfeit, als Urſache 
der dichteriſchen Wirkung aufgefaßt: dieß zeigt dad carteſianiſche 
Prinzip der Evidenz in feiner Anwendung auf das Litterar⸗ 
Aeſthetiſche. Ein folcher Zufammenhang betrifft alfo einerfeite 
in Boileau die einzige einigermaaßen durchgeführte Grund» 
anſchauung, welche ihn zugleich von feinen Vorgängern unter 


*) art po6t. IV. (®. II, 120.) 
=) Bgl. das cariefianiſche „naturel et raisonnable“ hei Andre, ensai 
sar le Besu, ©. 21; „Is nature et la raison“ überall bei Terraſſon, a. a. O. 
“r*) Her iſt ein wichtiger Angrifföpunft der Diderot ſchen Beaktion 
gegen ben Klaffisiömus: Diefer if ganz erfüllt von der Gonveränität des 
unbeflimmten reihen und bunten Ratürlichen. Aber es IR beachtenswerth, 
wie auch ihm ein klaſſiſch- rationaliſtiſcher Rüdftand in feinem Ratur- 
Begriffe .nachzumelfen war; vgl. Goethe in feinen Bemerkungen zu Diderot's 
Berſuch über bie Malerei: „Die Ratur macht nichts Incorrectes“, d. h. fe 
kennt Eure Regeln nicht, Ihr müßt alfo den ihrigen folgen. — ‚Die Ratur 
hat überhaupt Beine Regeln, in dem inne, In weldem der Künfler ideelle 
Gefege hat‘; fo unterſcheldet Goethe. 
Y) ©. die Anmerkung über Batteuz. 
td ©. 210. 


34 RB». Stein 


ſcheidet; anbrerfeit® aber auch in Descartes ein Prinzip, welches 
wir ald tiefwirkfam in ben wichtigſten Theilen feiner Philoſophie 
nachgewieſen haben. 


I. 


Was das XVIM. Jahrhundert vom XVII. überfam, nennt 
Binet, litterat. frang. au dixhuititme s., p. 5: „eine Art litter 
tarifcher Religion, nicht frei von Aberglauben, aber body fein 
Aberglaube an fi ſelbſt; denn fie begründete fih auf wahre 
Prinzipien". Wir verſuchten nachzuweiſen, daß infofern von 
‚wahren Prinzipien‘ in den Gefegen des klaſſtſchen Geſchmacks 
in der That geredet werden kann, diefe mit den philofophifchen 
Prinzipien Descarte®’ nahe verwandt find. Wir fügen hinzu, 
daß was biefe ‚wahren Prinzipien‘ zu ‚einer Art litterariſchen 
Religion‘ machte, ebenfalls mit Descartes’ Philofophie in Zur 
fammenhang flieht. Dem wie lüdenhaft erfcheinen bie kunſt⸗ 
theoretifchen Bemühungen des klaſſtſchen Zeitalters an fid. 
Die Leiftung Boileau's war allerdingd wenigftend nach einer 
Richtung bin deutlich ausgeführt und begründet. Aber daß die 
„Dichttkunſt“ zum Geſetzbuch des Gefchmades wurde, dazu wirkte 
doch auch ein Außerer Einfluß mit. Es beftand, und zwar in 
Folge der originellen, und auf mehreren Gebieten erſichtlich 
glüdtichen Initiative Descartes’, ein allgemeines Bebürfniß nad 
rationel begründeten, einheitlichen und entgiftigen Sapungen. *) 
Das geiftige Mebium ift, vergleichsweiſe zu fprechen, mit Ratio» 
nalismus gefättigt;**) Boileau's Schriften fpielen die Role 
einer Auslöfung: es entfteht die allgemeine Strömung, welche 
man fehr bald „den Geſchmack“ fchlechthin nannte. 

„Le gott rapide, le ton juste, l’expression nette et simple, 
tout ce que le XVIlle siecle avait conserv& de plus direct du 
XVlle“ ... fagt Sainte-®euve, portraits liter. II, 209. Hier 


*) „Rereill6 par de si grandes iddes et par un si grand exemple, 
chacan s’interroge ei juge ses pensses, chacun Jiscale ses opinione.“ 
Thomas, a.a.D. 

**) Bol. beſ. Die am Schluß des IL. Abſchaitis angeführten Gießen. 


Ueber den Bufammenhang Boilean's mit Descartet. 255 


durch wird die Schöpfung des ſiebzehnten Jahrhunderts charakte⸗ 
tifirt, wenn man folgende andere Stelle hinzufügt: „Le bon 
goüt dans les choses litteraires, et la methode, cet autre bon 
goüt qui est particulier aux sciences, le XVie siöcle n’en sut 
point le prix ni usage.“ ®) 

Taine ſpricht von einem „Haffiichen GeiRe*.**) Er ver 
Reht darumter die Form ber Intelligenz, ***) welche das 
XVIII. Jahrhundert an feine neuen und größeren Aufgaben, als 
eine Erbſchaft des XVII, heranbtachte. Die Denkweiſe Des 
caries' und den klaſſiſchen Geſchmack fieht er als bie gemeinfam 
wirfenden beiden Duellen jenes Geiſtes an. Er feitet bie Ber 
dingtheit und Beengtheit der „Aufklärung“ aus dieſem Geiſte 
ber: der fahle „bon sens“, der Armliche „honnete homme“ 
des Descartes beherrſche zum Theil noch die Regungen des 
wirklichen Foriſchritts. Hierbei rechnet er jedoch offenbar Des⸗ 
cartes felbft zu, was ) nur dem Mittelmaaß feiner zeitgenoͤſſi⸗ 
ſchen Umgebung, und den unproduktiven, doktrinaͤren Elementen 
der carteftanifchen @efolgichaft zugefchrieben werden darf. Des⸗ 
carted’ Vhiloſopheme ſind nicht nur als gedanklich tiefere, fondern 
als fruchtbarere aufzufaflen: fie Aberliefern der Forſchung das 
am ſich gefunde, wenn auch vielleicht einfeitig bevorzugte Prinzip 
ver Deduftion. Im ähnlicher Weiſe vermochten wir auch in 
der klaſſiſchen Geſchmacksbildung ein poftises, produktives 
Element zu unterfheiden: das Afthetifche ‘Prinzip der Befonnen- 
beit und ver aus biefer ſich ergebenden Deutlichkeit. — Die 
Beachtung der genauen Analogie fol gerade, auf Descartes 


*) Portraits ltreires Il, 471. Gr fügt mit deqht hingu: Gelilse senl 
At exception eomme saranı. . 
**) Das vorrevolutionäre Frantreich. 187. om feht in der ge 
fammten Auffeffung Rrang’ o. a. Monographie nahe. 
wer) Z. vergleicht Die Forſcher des XV. Ip. mit Leuten, melde von 
einer Warte aus freien Umblick haben: „die Franzoſen des XVIN. Ih. 
nehmen cine fehle Form der Intelligenz unbewußt und unwiltückh auf 
ihrem newen Thurm mit hinüber“. 
?) ellerdinge im Zufammenhange mit feinen Gedauten; ugl. 0. S. 211 
(aud) 248, Anm.). 


26 B R. H. v. Stein: 


angewandt, das methodiſch Wirtſame feiner pbilofophifdyen 
Imitiattoe noch befimmter erfennen laſſen. — 

Wie wir hier die Wirkungen des klaſſiſchen Geihmads in 
einen weiten Umfreid gelegt fehen, fo geidieht Dasfelbe fehr 
oft auch in Betreff feiner Bildung.) PBür unfer Thema er 
währt hieraus bie Frage: erflärt ſich vielleicht die gedanfliche 
Verwandtſchaft zwiſchen Boilcau und Descartes hinreichend aus 
ſolchen, auf Beide einwirfenden allgemeineren Ginflüffen und 
Umfänden? Dann biiebe immer noch ihre Zufammengehörig- 
feit in der Sache felbt wichtig zu beachten; jene gemeinfame 
dritte Urfache zu ermitteln würde jedoch der Begenftand einer 
befonderen Unterfuchung feyn müflen. Oper läßt ſich der Ratio: 
nalismus des klaſſiſchen Befhhmade, nicht nur als Berwandts 
ſchaft, fondern als Abhängigkeit aus Descartes herleiten? IR 
Boileau abhängig von Descartes? 

Boileau fönnte direft aus den Schriften des Philoſophen 
geſchoͤpft haben, ohne darum als Partei» Earteflaner aufe 
zutreten. **) Seine Erwähnung Descartes’ in dem Briefe an 
Berrault fpricht nicht Hiergegen***) — denn wenn er auch nur 
feine Verdienſte in der Vhyſik hervorhebt, Fönnte er ihn trotzdem 
fehr wohl audy als Philoſophen gewürdigt haben —, aber auch 
nicht dafür; und daß dieß die einzige Stelle iR, an der Des⸗ 
cartes erwähnt wird, fpricht allerdings cher dagegen. 


*) 8.8. in bef. Gar. Wendungen: Villemsin, liter. frag. da 
XVIlL.s., ®b.1, 2f. Seinte-Beure; portraits liter. II, 6. (Noliäre), 
Teine, philosophie de art, 3. Ausg., 1, 24. (Bol. hierzu Hettner, bie 
altfranzöflfhe Tragddie in den M. Schriften 1884, def. ©. 401) u. 1, 102/3. 
— Bemertenswerth IR Die Auffaffung, daß der Rame des großen litterarie 
ſchen Beitalters eigentlich der Zeit der Fronde, und nicht derjenigen Lonie' XIV. 
gebühre, bei Barante, tablesu de la litter. frang. pendant le XVII. sidcle 
(1624) S. 47 ff., vgl. and 106; ihm folgt Bude, Geld. der Civlliſation, 
Deutf von Muge, II, 83. 168 ff. 

NVDaß er dieß nicht war, erweit Abſchnitt 1. 

“e) @. III, 224: „on ne ssursit pas Ironver parmi les Latins um seul 
pbilosophe qu’on pnisse meltre, pour la physique, en paraliäie avec D., mi 
möme srec Gassendi“, 218: „M. Descartes, M. Arnauld, |. Nicole 
et anti d’sutres philosophes et Ihsologiens ...“ 


Ueber den Zuſammenhang Boileau's mit Descartet. 357 


Giebt es Stellen in Descartes, welche unmittelbar aͤſthe⸗ 
tiſche Betrachtungen anregen konnten? 

Daß der Philofoph die Dichtfunft liebte,“) einige all» 
gemeine Aeußerungen in dieſer Beziehung,**) und ber Zus 
fal,***) daß fein letztes Werk ein Gedicht Cauf ten Weſt⸗ 
phälifchen Brieden) war, fey nur im Vorbeigehen erwähnt. 
Wichtiger iſt eine Stele aus feiner Erſtlingoſchrift, der Abhand⸗ 
tung über die Mufit (1618 vollendet), welche eine allgemeine 
aͤſthetiſche Betrachtung anſtellt. „Cet objet pour plaire doit 
etre de telle fagon qu’il ne paraisse pas confus au sens, qui 
ne doit pas travailler pour le connaltre et le distinguer. De 
la vient qu’une Ägure, si reguliere soit-elle, n’est pas agréable 
à la vue lorsqu-elle est embarassde de plusieurs traits“; eine 
Figur, „dont les parties sont plus 6gales et observent plus 
de symötrie, gene moins l’oeil qui le regarde; dont la raison 
est que le sens se salisfait bien davantage en cel objet qu’en 
un autre, oü il y a un amas de parties qu’il ne peut aper- 
cevoir assez distinciement.“}) Dieje Stelle fonftatirt, daß 
bereits die finnlichen Wahrnehmungsorgane in ihrer Vorliebe 
und Abneigung rationell verfahren. Sie begründet, zunaͤchſt 
in Beziehung auf das Auge, warum Deutlichkeit gefaͤlt. Wie 
willtommen hätte eine folhe Begründung einem Boileau ſeyn 
müffen! Über gerade dieſe Begründung findet fi nicht bei 
ihm, denn die o. a. ) Herleitung feiner Afthetifchen Haupt 


=) Baillet, vie de Descartes, 1, 19. 

“) Ede. 1, 84. — An bie Prinz. Cliſabeth 1649: „.. je crois que 
esite humenr de faire des vors vient d’ane forte agilation des espriis ani- 
meoz qui pourrait enlidrement tronbler jagination de ceux qui n’ont pas 
Ja cervesu bien rassis; mais qui ne fait qu’schauffer un pen les plus fermes 
et les disposer a la poösie. EI je prens cei emporiement pour une margue 
d’en esprit plus fort et ples relev6 que le commun.“ Merfe X, 207/8. 

*) Ballet II, 395. 

}) Berte V, 446/7. Weiter unten, IV, heißt es: „cet objet est 
plus aisement appergu par les sens dont les parties sont moins diflärentes 
entre elle“. . » 

th 6.248. j 

Beitfär. f. Phlief. m. Yhllof. æxuu. ae. Bo. 17 





238 8.9. v. Stein: 


forderung aus ber allgemeinen Befchaffenheit des menfchlichen 
Geiſtes ift fehr wohl hiervon zu unterfcheiden. Eher erinnert 
art poet.1 (W. I, 63) hieran: ‚Wenn man ben Sinn ber 
Berfe erraten muß, fo geht der Geiſt des Leſers fehr bald 
feinen eigenen Weg; es fällt ihm micht ein, einem Autor nach⸗ 
zulaufen, der fich immer wieder vor ihm verftedt.‘ Aber auch 
diefe Worte enthalten die Eigenthümlichkeit jener Descarteö'fchen 
Begründung nicht. Denm bort wird der an ſich ganz Boileau'ſche 
Gevante, daß nicht die Regelmäßigfeit an fi, fondern nur eine 
gewiſſe Regelmäßigkeit gefale, auf die natürliche Reigung ber 
Sinne zurüdgeführt; bier nur ganz allgemein das Begehren 
nad Deutfichfeit motivirt. Alſo tritt zwar eine große Ver⸗ 
wandtſchaft der beiderfeitigen Denkweiſe auch hier hervor; daß 
jedoch Boileau fih in feiner Begründung unmittelbar und be: 
wußt an Descartes angelehnt habe, wird fogar unwahrſchein⸗ 
lich; 0b er ihn gekannt habe, bfeibt dahingeſtellt. — Descartes 
Hat fermer Cbrieflich) *) bie Briefe Balzacd ausführlich bes 
fprochen. Dem Inhalte nach unterjcheidet ſich diefe Befprechung 
einigermaaßen von Boileau. Denn obwohl Diefer nicht ohne 
Anerkennung von Balzac fpricht,**) fo hat er doch, wie er 
wähnt,***) das Preziöfe in ihm angegriffen, und audy gerade 
in Deſſen Briefen getadelt. +) Alſo nicht, daß Descartes gerade 
Balzac lobt, verbindet die beiden Autoren hier; aber wohl gleicht 
die Art und Weife, wie er lobt, mannigfach und charakteriſtiſch 
der kritiſchen Stellungnahme Boileau's. Der Philoſoph ergeht 
ſich nämlich in einer weitläufigen Kritik verfchiedener Stilarten ; 
was er da angreift, griff fpäter auch ber klaſſiſche Geſchmack 
an: „ia feinte majeste de quelques termes abolis“ — „les 
&quivoques ridicules“ — „les ficlions poetiques* u.a. Was 
ihm dagegen gefällt, bezeichnet er mit folgenden Worten: „On 
y voit des pens6es trös relev6es, et qui sont hors de la poriée 


vi, 180-197. 
=) Werte II, 430. 
) 6.32. 

?) See u, 431. — 11, 339. 


Ueber den Bufanmenfang Boileau's mit Descartes. MEI 


du vulgaire, fort nettesent exprim&es par des termes qui sont 
toajours dans la bouche des hommes.“ — Genau fo unter- 
ſcheidet Boileau das wirklich Erhabene vom erhabmen Stil.*) 
— „De cette heureuse alliance des choses avec le discours» 
il en rösulte des gräces si faciles et si naturelles, qu’elles sont 
trös differentes de ces beautes trompeuses et contrefaites, dont 
le peuple a coutume de se laisser charmer... La pureté de 
Folocution y rögne, comme fait la sants dans le corps, qui 
n'est jamais plus parfaite que lorsqu’elle se fait le moins 
sentir.“ — 

Andererfeitö iſt zu fragen: giebt es Stellm in Boileau, 
welche unmittelbar auf die Schriften Descartes' zurüdweilen? 
Binden ſich, gleichoiel welchen Inhalts, eigentliche Descartes⸗ 
Reminiscenzen bei ihm? In dem angeführten Briefe Des, 
carte®’ heißt eb: „Einft hat es in großen Menſchen eine gleichſam 
göttliche Kraft der Worte gegeben, die fi aus ber Weberfälle 
an gefunden Sinn und dem eiftigen Begehren nach Wahrheit 
ergab. Diefe hat die Halbwilden aus den Wäldern gerufen, 
hat · ihnen Geſetze auferlegt, und fie zum Städtebau angetrieben: 
da war dieß nicht ſowohl die Babe der Rebe, fondern auch die 
Gabe der Hertſchaft.“ Hieran erinnert: 

nArant que la raison, s’expliquant par la veiz, 

Et8 instruit les humains, eüt enseigns des lois, 

Tous les hommes suiraiont la grossiöre nature .... 

Mais du discours enfin ’harmonieuse adresse 

De ces saurages mocurs adeucit la rudesse, 

Bassombla les humains dans les fordis &pars, 

Eoferma les cits de murs et de remparts .... 

Cet ordre fut, dit-on, le frait des premiers vers.“ 
(art post. IV, Werte IL, 120.) 


Aber das gemeinfame Original beider Stellen if Horaz, ars 
po@tien 394/401; bie Baflung Boileaw's erinnert fogar näher 
an Horaz, ald an Descarted. Denn Diefer faßt ben Gedanken 
ſehr eigenthumlich; bei ihm erklärt der Raturzuftand nicht nur 
die Wildheit der Menge, fondern aud jene Wahrhaftigfeit, 


. 6 6.39. 
) bel. fen 


260 8. 9. v. Stein: 


welcher die orbnende Kraft der Worte in Einzelnen entſtammt.) 
Sollte alfo dennoch audy die Aeußerung Descartes’ Boileau 
vorgefchwebt haben, **) fo hätte er fein Vorbild abgeblaßt. — 
Die Wendung des arret burlesque,***) als zu Berbannende 
nicht die Lehre der Neuerer, fondern die Vernunft einzuführen, 
findet ſich annähernd auch bei Descartes. 1647, als die Kura⸗ 
toren der Univerfität Leyden feinem Schüler Leroi Schwierig- 
feiten zu madyen begannen, ſchrieb er an fie: „comme je ne 
m’ttudie qu’& avoir des opinions trös-vraies, et que je compte 
meme entre mes opinions toute sorte de vérités connues, je 
n’estime pas qu’on les puisse bannir d’aucun lieu, si l’on ne 
veut en meme temps que la verit6 en soit bannie.“}) Jedoch 
iſt nicht zu leugnen, daß durch den Charakter nicht nur der 
Descartes’ihen, fondern aud der übrigen anti / ariſtoteliſchen 
Leiſtungen, welcher fi der arret burlesque annimmt, eine 
folche Wendung nahe gelegt war. - Befllmmter erinnert der 
Anfang der IV. Satire an den Anfang des discours de la 
möthode; ++) beſonders der zweite Abſatz: 


„Un p6dant enivrs de ss rsine science, 

Tout herisss de grec, tout boufü d’arrogance, 

Ei qui, de mille auteurs retenns mot pour mot, 
Dans sa töle entassös, n’a souvent fail qu'un sol, 
Croit qu’an lime fait tout, el-que, sans Aristote, 
La reison ne voit goutte, ei le bon sens radote.“ 


Im Zufaniinenhang wit biefer Schilderung au bie erften 
Zeiten: „Jeder glaubt mit Weisheit gefegnet zu ſeyn, — worin 
er irrt, wenn er nur eitle Gelehrſamkeit unter Weisheit ver- 
Acht.” ‚Jeder glaubt hierin gut verfehen zu feyn, — worin 
er Recht hat, infofern er die eigentliche gefunde Vernunft damit 
*) Bol. die vöraufgehenden Zeilen VI, 192. 
**) Die Briefe erflenen zum größten Theile 1657—1668; Solleau 
tonnte alfo fie gelefen haben. 
*).6. 0. 6.205. 
+) Original latelniſch. — Berke X, 34. 
+H) au an den Anfang der „rögles pour la direction de l’esprit". 
Diefe wurden allerdings erſt 1701 (Iat.) veröffentlicht; aber Arnauld kannte 
fle Gaillet U, 404), und mochte fie wohl auch Freunden mikthellen. 





Ueber den Bufammenhang Boileau’6 mit Descartes. 31 


meint‘: fo Descartes. — Sehr nahe fichen ſich die morals 
vphiloſophiſchen Betrachtungen beider Autoren. Hier if ber 
gemeinfame Grundgedanfe Beider überall: die Ueberlegenheit 
des eigenen Innern über das wandelbare Außen, und dem ent: 
ſprechend, im eigenen Innern, der Primat der Vernunft. „I 
faut avouer que la plus grande felicite de l’homme dépend 
du droit usage de la raison“ (IX, 210) — „je ne suis point 
d’opinion qu’on doive s’exempter d’avoir des passions, il sufft 
qu’on les rende sujettes & la raison“ (IX, 229) — und ähn- 
lidy,*) heißt es bei Descartes. „Ainsi donc, philosophe & la 
raison soumis“, ... „je songe ä me eonnaftre et 'me cherche 
& moi-möme“ .... 

„Je songe & me pourroir d’esquif et d’arirons, 

A rögler mes disirs, & prörenir l’orage, 

Et saurer, s’ıl se peut, ma raison du naufrage, 

Free plains toi de mon humeur lägäre, 

Si jamais, entreins d’une ardeur ötrangäre 

Ou d’an vil intördt reconnsissant la loi 

Je cherche mon bonhenr autre part que cher moi.“ 


— fo heißt «8 bei Boilcau. **) 


Diefe ganze Zufammenftellung liefert nicht ben Nachweis, 
dag Boiltau fi in Descartes’ eigene Schriften vertieft hätte; 
es verbleibt bei der Einficht in ihre allgemeine gedankliche Zur 
fammengehörigfeit. Run traten aber aud die Prinzipien Des⸗ 
carte’ in Boileau fo fpontan und eigenthümlic hervor (ogl. 
dei. 8.351); fie bewährten fi, in ihm, fo felbftändig auf einem 
neuen @ebiete; daß wir ſchon hierdurch mehr auf eine mittel» 
bare, als auf eine unmittelbare Abhängigfeit hingewieſen werden. 
Es müßte die gleiche Denkweife in dem Kritiker mehr durch 
mittelbare Uebertragung eniftanden ſeyn; fie müßte durch Lebens 


*) Befonders in den Briefen an die Pringeffin Eliſabeth, und dem an 
die Königin überfandten Traktat Über das höchſte But. Gerade hier ſcheint 
«fo ein Theil feiner weiteren, populäreren Wirkfamteit begründet zu Hegen: 
Bel. o. ©. 209. 

) Ep. V; auch diefe Säge erinnern jedoch zugleich an Horaz. (Benecke, 
B. imitst. d’ Hor. et de Jov. Progr. Reuhaldensleben 1679.) 


p 1 8. 9. v. Stein: 


eindräde und perfönliche Beziehungen genährt und mannigfach 
angeregt worden feyn. Gerade ſolche Beziehungen nun, aus 
denen ſich eine mittelbare Abhängigfeit von Dedcartes ſehr wohl 
erklärt, zeigt dad Verhaͤlmiß Boileau's zu Arnauid und Bort- 
Royalı*) 

Bir haben oben erwähnt, wie verwandt gerade die Sinnes⸗ 
art Arnauld's Descartes felbR anmuthete, und wie Arnauld's 
Gartefianismus die prinzipiell wichtigſten Lehren des Philofophen 
betraf. Er vor allem hürgerte die cartefianiiche Denkweiſe im 
DBort-Royal ein, fo daß fie ſich hier in allgemein zugänglichen 
Leiſtungen verkörperte. Was Bort-Royal feinen großen Einfiuß, 
über die Schranfen der theologifchen Partei hinweg, verfchaffte, 
waren feine erzieherifche Thaͤtigkeit und feine methodiſch⸗wiſſen⸗ 
ſchaftlichen Leiftungen. Die ‚Methoden‘ von Port-Royal waren 
die angefehenften Lehrbücher der Zeit. Den griechiſchen und 
lateinifchen Lehrcurfen, hatte Arnauld eine Grammatik und eine 
Logik oder Kunft des Denkens folgen lafen.**) Sainte-Beuve 
nennt die legtere Schrift, in ihrem von Arnauld herrührenden 
Kern, geradezu eine Ausführung und Anwendung bed Des⸗ 
cartes ſchen discours de la methode, Als Descartes diefen zu 
veröffentlichen ſich anfdidte, 1636, dachte er feine Veroͤffent⸗ 
lichung einzuführen al® „das Projekt einer allgemeinen Wiſſen⸗ 
ſchaſt, welche unfere Natur zu ihrer hoͤchſten Volllommenheit zu 
Reigern vermoͤchte“, und die Dioptrif, die Abhandlung über die 
Meteore und die Geometrie als Mufterbeifpiele dieſer Wiſſenſchaft 
zu geben, ‚ber Art dargeſtellt, daß die vorgetragenen Materien 


Bainte⸗ Beuve, Port- Royal V, 484 ff., ſtellt die verfünlicien Beziehe 
ungen Bolleau's zu P.-®. dar. Gr nmnt ald zweiten „ansocis libre de 
P.-R.“ den Zuriften Domat. Schon Broffette hatte Bolleau mit Domat 
zuſammengeſtellt, und zwar hatte er, wie aus der befchelden abwehrenden 
Erwiderung Bolleau's hervorgeht, Diefen wie Jentn „resteursteur de la 
raison‘“‘ auf feinem Gebiete genannt. (. Boileau's IN, 364.) Gr vergliä 
die Beiden alfo in Dem, was wir ben ſachlichen Zufammenfang Boileau's 
mit Dedcarted nennen; ©.-®. vergleicht fie in Dem, woraus wir die mittels 
bare Wohängigfeit Boileau's von Descartes herleiten 

) Bort« Royal, 11, 535 ff. 


Uster den Bufanmenfang Voileau's mit Descartet. 263 


auch von Laien vollfommen aufgefaßt werben fönnten‘.*) Sein 
Plan erfuhr dann durch die Umftände manche Abänderungen. 
Die Methoden von Port⸗Royal aber nahmen den bier von 
Descartes auögefprochenen Lehrzwech wieder auf und führten 
ihn in feinem Sinne aus. Gerade alfo die urfprünglicyen 
Beſtrebungen des Philoſophen erfuhren in Port-Royal und 
durch Arnauld eine lebendige Fortführung. **) 

Die berühmteßen Mitarbeiter Arnauld's find Ricole und 
Lamcelot.***) Diefe Beiden geben gemeinfam einen ebenfalls 
zunaͤchſt zu Lehrzweden beftimmten „delectus epigrammatum * 
heraus, eine Sammlung von Epigrammen und Sprihwörtern; 
dem Texte gebt eine Abhandlung vorher „de vera pulchri- 
tadine et adambrata, in qua ex certis principüis, rejectionis ac 
selectioais Epigrammatum causae redduntur“: ber Berfafler if 
Nicole. ) Er bewährt ſich hier als Carteſtaner durch bie autos 
ritatoloſe, rationell⸗ konſtrultive Behandlung feines Gegenſtandes; 
es findet ſich feine Berufung auf Ariſtoteles, auch nicht, was 
für Bort- Royal nahe läge, auf Auguſtin, den fpäter Andre als 
aſthetiſche Autoritaͤt einführt. ++) Im Ginzefnen dürfte vielleicht 
die mehrfache prinzipielle Anziehung der Muft 44) auf eine 
Beachtung des o. a. trait& de la musique von Descarted zuräd- 
weifen. — Im diefer Abhandlung heißt ed: „In. ber Beurtheis 
lung von Schriftſtellern weichen auch gelehrte Rente deßhalb 
fo ſehr von einander ab, weil far Niemand die Bernumft bes 
fragt und diefe Begenftände nach wahren und beftimmten Brin 
zipien erwägt, Jeder vielmehr eine fchmell gefaßte Meinung feſt⸗ 


* Bett Debearte⸗ VI, non. 
**) neber bie Bedeutung Port · Royala außer ©.-Benve: Laharve, 
IV, 72, Villemain 1, 55, und in Beziehung auf Boileau d'Alembert a. a. D. 
—8 Ueber Sancelot und feine Lehrbücher: Baillet, jugements II, 3, 
©. 1/2, 10%/4, 232. Die gemeinfame Arbeit Arnaulds und 23 fepildert 
Die Vorrede dig „grammaire gönsrale et raisonnse“, zuerft 1664. 
+) nad} Melanges de littärature tirds des 1. d. np. ©. 
tt) & u 6.273. 
+tP) del. epiyramm. 11. 12. (Einfeitung.) 


264 8. 9. v. Stein: 


hätt und bem finnlichen Eindrud folgt.” „Ad rationis*) 
lumen quod unum certum et simplex est accedendum est. 
Ea porro rectä nos ad naturam*) deducet et id generatim 
pulcrum esse decernet, quod tum ipsius rei naturae, tum 
nostrae eliam conveniat.*“ „Unde discas“, heißt ed weiter 
unten (©. 15), „pulchritadinis fontem in veritate ) esse.“ 
Und ferner (S.7): „Poscit quidem omne genus orationis 
simplicitatem:***) sed ita simplicitas sublimitatem 
non refugit.* — Diefe Säge ftimmen mit den theoretiſchen 
Hauptfägen Boileau’d überein. Das Buch it 1659 erſchienen, 
fo daß «8 auf die Bildung des damals Dreiundzwanzigiährigen 
noch fehr wohl eingewirkt haben kann. — 

Arnauld war nad) Boileau's eignen Worten ber Gegen⸗ 
and feiner befonderen Berehrung, „derienige berühmte Mann 
in Frankreich, den er am meiften bewunderte.”+) Andrerſeits 
ſchtieb Arnauld: „Unter den Weltleuten haben wir feine beſſeren 
Fremde, ald Despreaug und feinen Genoſſen Racine.” +) Als 
Perrault die X. Satire Boileau's, gegen die rauen, angegriffen 
hatte, erhob fih Arnauld in einem ausführlichen, ernſt und 
nachdruͤcklich abgefaßten Schreiben zur Bertheidigung des Sati⸗ 
tifers. Fx) „Das fegt mir auf mein Grab“, ruft Boileau aus, 
„ſchreibt es mit goldenen Lettern auf den koſtbarſten Edelſtein: 
Arnauld, le grand Arnauld fit mon apologie.“ +}t}) 

Auf Keinen fonft beziehen fi bei Bolleau Ausbrüde einer 
fo Hingebenden Verehrung. Diefe Anhänglichfeit machte den im 
Uebrigen, wie man oft genug gefagt hat, alzu Schmiegſamen, 

*) Bel. oben ©. 228. 

**) Bol. 252. 

**) Del. 250. 
val. 223. 
6. BB. Bolleau⸗ II, 230. Bol. auch Ep. IN, an Amen; 
den Brief an Amauld 1694, WB. I, 194-8; Gpigr. 5 u. 8, 
+r) Rendlin, Bort-Royal II, 448. 
+tt) 1694, furz vor feinem Tode; der Brief iſt abgedt. WW. B.e, 
Ausg. St.-Marc II, 401—431. — Boileau hatte in der angegriffenen 
Satire der Erziehung in Port» Royal rühmend Erwähnung gethan. 
ttth) Ep. X, gegen Ende, ' 


Ueber den Zufammenfang Boileau's mit Descarted. 205 


auch felbRändig und fühn. Als man fidy bei Hofe erzählte, 
daß der verbannte Arnauld fi in Paris verberge, und bie 
Haͤſcher des Königs ihn fuchten, fagte Boileau: „der König hat 
zu viel Gläd; man wird Arnaufd nicht finden“.*) Diefe viel 
wiederhoften Worte, welche nach Einigen Boileau fogar an ben 
König felbft richtete, waren iniofern wirklich kühn, als Ludwig 
die Selbfändigfeit der Genoſſen von Port-Royal fehr entichieden 
haßte, und es ihm demnad mit feiner Berfolgung Arnauld's 
völliger Ernſt war; fie befunden eine fchöne innerliche Erregtheit 
zu Gunften des Berfolgten. 

Racine, deſſen Lebensſchickſal im litterarifchen Auftreten wie 
in der fpäteren Hofftellung eng mit demjenigen Boileau's ſich 
verband, war Zögling von Bort-Royal.**) Er wurde 1655—58 
in den Schulen von PBort-Royal unterrichtet. ”**) Jedoch if 
aud in diefer Beziehung fein Einfluß Racines auf Boileau, 
fondern ein Einfluß Diefes auf Ienen anzunehmen. Denn es 
war eine erhebliche Gntfrembung des Tragifer6 von feinen 
früheren Lehrern eingetreten, und er hatte fogar gegen Port» 
Royal gefhrieben; +) Boileau führte ihn, durch eine feſtere und 
feloRändigere Freundſchaft zu Arnauld und Nicole, wieder zur 
Bietät gegen Jene zurüd. Schon hieraus ergiebt fih, daß in 
dem Verkehre der Beiden das Berhältnig zu Port-Royal, und 
demnad mittelbar auch daB zu Descartes, viel befprocen, 
und fo in dem Ginen wie in dem Andern weiter angeregt 
worben iſt. tt) — ö 

Man if geneigt zu vermuthen, daß Malebrandye, den 
Boileau fannte, ihn noch unmittelbarer mit Descartes verknüpft 

*) Yillembert a. a. D. 

**) . Racine. Bol. Reuchlin a. a. O. I, 586/8. 

) alfo wenige Jahre nach Descartes' Tode, fo daß er gewiß aud auf 
die Perſonlichteit des verehrten Todten hingemwiefen und hierdurch beeinflußt 
worden iR. 

) Reuälin 11, 734 ff. 

+#) „Les prineipes du bon goßt, que Rscine avait pris dans la leciare 
des anciens et dans les legons de Port-Roysl, ne l'empächaient pas, dans 
Io fen de sa premiöre jeunesse, de s’scarter de la nature. Boileen sut 
!'y rameoer.“ L. Rscine, 


266 8. 9. v. Stein: 


babe. Der fleine Zug jedoch, durch welchen wir von biefer 
Bekanniſchaft erfahren, zeigt den Satirifer dem Philoſophen 
gegenüber in fehr ffeptifcher Haltung. „Wer in aller Welt fol 
Euch denn verftehen“, fo wendet ſich Boileau ab, als Male 
branche ihm Hagt, Arnauld habe ihn nicht verflanden. Der 
große ©egenfag" alfo zwiſchen dieſen beiden berühmten Carte» 
fianern®) zeigt Boileau auf der Seite des legteren ; auch fachlich 
mußte ihm offenbar die fpefulative Kortführung Descartes' in 
Matebrandye ferner liegen, als die Rrikte Annahme und lebens» 
volle Anwendung der logiſchen Prinzipien bei Arnauld. Boileau 
Rimmt daher wohl in einigen, von Descartes ſich herleitenden, 
Orundanfichten, wie @eringfchägung ber ‚imagination‘,**) mora- 
liſche Bedeutung des Irrthums, ***) auch mit Malebranche über 
ein, aber es fpricht ſich bierin fein näherer, charalteriſtiſcher 
Zufammenhang aus. — Ein naher zeitlicher Barallelismus ver- 
bindet Leben und Auftreten beider Autoren: Boileau lebt 1636 
bis 1711, Malebranche 1638— 1715; Beider Hauptwerfe er⸗ 
fheinen 1674 (art po6tique — recherche de la verite); Beide 
fchreiben „de l’amour de Dieu“, Boileau feine XII. Gpifel 
1695, Malebranche eine Abhandlung 1697. Nur das legte 
Datum bezeichnet zugleich eine innere Zufammengehörigfeit. Hier 
iſt ihnen derſelbe Gegner gemeinfam: der Jefuitenorden und fein 
Drgan, das journal de Trövoux. Gegen diefe Zeitichrift, be⸗ 
rühmt durch ihre Gegnerſchaft gegen die freifinnigen Beftrebungen 
des achtzehnten Jahrhunderts, +) haben ſich zuerft, bafd nach ihrem 
Entſtehen, fowohl Malebranche als Boileau zu wehren. +) 

Der Begriff des „amor dei“ hat eine wichtige Stelle im 
der Geſchichte der Philofophie Descartes. Er zeigt uns die 
Gartefianer in mannigfacher Entzweiung. Nicht nur ſteht auch 

®) Gegenfand einer ganzen Reihe von Streitfäriften, vgl. Gaintes 
Beuve, BortsBoyal, V. Bb. 

) 0.6.2290 ff. 

) val. o. &.250, auch Ep. 5. (©. 261.) 
+) Heiner, Franz. Citteraturg. S. 138. 


TH) Bel. für M. die Einführung der Ausg. 1846; für B. den Schluß 
der XII. Gat., pigr. 35. 36. 37, auch W. Il, 339 u. a. 


Ueber den Bufammenhang Boileau's mit Descartes. 267 


bier Amauld gegen Malebranche; hier behauptet ber Benebiktiner 
Lami*) die reine Vernunft ⸗Liebe Gottes; Fenelon eine Liebe zu 
Gott, welche fogar gegen die eigene Seligkeit gleichgiltig mache; 
Boffuet, erfchredt durch dieſes unkirchliche Paradoron, ſchreibt 
gegen Diefen, der Wunſch nah Glück ſey denn doch, in noch 
fo fubtilen Formen, das eigentlih Maͤchtige in dem natürlichen 
Menſchen. — Wir weifen hierauf hin, um an die mannigfadye 
Verzweigung der Descartes ſchen Wirkungen zu erinnern, die es 
denn auch begreiflih macht, wenn Boileau, fcheinbarer Anti» 
Gartefianer in einem Punkte, ) im Grunde doch von Des⸗ 
carte abhängig erfcheint. 

Denn der gemeinfame Kern jener bivergirenden Anſichten 
über die Gottesliebe iR allerdings der Carteſianismus, wie ber 
gemeinfame Gegner biefer ganzen Bewegung ber Jeſuitismus 
if. Wir finden dieſen gemeinfamen Kern bei Descartes felbf 
erwa in dem Schluß der MI. Meditation, **) Hier unterbricht 
der PBhilofoph das Raifonnement, nachdem er feinen Gottee⸗ 
beweis zu Ende geführt hat, und preift dad Glüd biefer Er- 
tenntniß; das Jenſeits verheiße als Seligkeit die Anfchauung 
Gottes; fo ſey denn biefe, da fie dem Philoſophen auf Erden 
Ah erfchließt, gewiß das hoͤchſte menfchlihe Gluck. Offenbar 
wei biefe Auffaffung ſchon fehr bekimmt auf Spinoza's amor 
dei intellectualis bin. Daher fonnte denn au, was als 
Spinoza's Lehre allgemein erfchredte, dem ſcharfblickenden jeſui⸗ 
tiſchen Theologen, ber feinerlei fpontane Erhebung, fondern mur 
die unbedingte Zerfnicfhung +) als Weg zur Geligkeit gelten 
läßt, im Keime bereit6 bei Descartes wahrnehmbar werden. 
&o hatte denn auch Descartes bereit6 bei Lebzeiten Anfeindung 


*) „grand cartösien, mais & la maniöre libre da P. Malebrauche de 
Yoratoire“, Andre, essai sur le been ©. 402. 
**) vgl. 0. ©. 206. 
) ſ. auch den Brief an Chanut, WW. X, Sf. 
+) 2a Chaiſe ſucht Solleau über die Bedeutung der „attritio“ zu bes 
lehren; vgl. defien Brief an Marine Il, 293. — Die Sefutten bedienen ſich, 
mach Bonilier, 3, 217, der Wendungen Gaffendi’s, um gerade das fpiritualift. 
Element in D. zu verfpotten. 


38 R. O. v. Stein: 


von Seiten einzelner Jeſuiten, und Abweifung, Gleichgiltig⸗ 
feit von Seiten der Jeſuiten ⸗-Obern zu erfahren. Er fuchte, 
als pietätsvoller Jeſuitenſchuͤler, der Erklärung einer wirklichen 
Gegnerfchaft vorzubeugen ; er mochte ahnen, wie bedrohlich feinen 
Anhängern dieſe Gegnerſchaft nachmals werben würde. — Keiner 
iR von ihr ſchwerer betroffen worden, als der einzige cartefianifche 
Jeſuit, Andre.*) Gerade Diefer nun zeichnet ſich durch eine 
bedeutſame Durchbildung jenes Begriffes der Gottesliebe aus. 
Er unterſcheidet nämlich die verſchiedenen Reigungen danach, 
ob „ia vue claire et distincte des perfections de l’objet* der 
Neigung vorhergehe, fie begleite oder ihr nachfolge; dem ents 
foredjend, ob in ihnen das Gefallen (plaire) oder das Ber- 
gnügen (faire plaisir) vorwalte. Der erfle, wuͤrdigſte Fall eines 
vormaltenden Gefallens, eines Ueberwiegens der Maren Einſicht 
in die Bolltommenheit bed Gegenftandes habe. flatt in ber Liebe 
zu ©ott, und in der Anſchauung des Schönen.**) (Essai sur 
le Beau, 429 ff.) . 

Boileau hat diefe Verbindung des Begriffs der Gottesliebe 
mit einem ſpekulativ⸗aͤſthetiſchen Grundbegriffe nicht gefunden. 
Sein Eintreten für den „amour de Dieu“ ift abermals feine 
philoſophiſch ⸗ doftrinäre Parteinahme. Aber wohl ift ed eine 
Barteinahme für Arnauld und Port-Royal; und zwar die aus⸗ 
vrädlichfte infofern, als hier der Gegenftand ein theologiſcher, 
die Tendenz eine entſchieden anti-jejuitifhe iR.**) Zwar fagt 
Boileau einmal, er mebditire nie über die Lehre von der Gnade, 
ohne endlich auezurufen: wie weile iſt Gott, und wie unweife 
die Menſchen, wenn fie Streitfragen aus diefen Lehren machen; +) 
aber außer der ffeptifchen Verwahrung befagt diefe Aeußerung 


*) Bel. Cousin, Fregm. philoseph. Od. IV, 

*) ©. Anmerkung über Andro ufm 

Cbenſo ausdrüdiich If die Stelle Sat. XI (1698): La veru .. ne 
s’eppellait pas alors un janssnisme. Doch pflegte B. zwar „jansönisme“ 
zu rezlttren, tm Drud aber erfepte er das Wort durch Sternchen. 

+) Brief an Broffette WB. LI, 359. Broſſette wil dann WW. 11, 299 
irrthũmlich B.s völlige Zurũchaltung in diefen Fragen buch die Stelle 
beweiſen. 


Ueber den Zufammenfang Boileau's mit Descartes. DO 


doch auch, daß ber Dichter fehr ernſtlich mit fidh ſelbſt über 
ſolche Dinge zu Rathe ging. Erinnern wir und, daß er feine 
Studien mit Theologie begonnen hatte;*) jept ließ er ſich 
wiederholt darauf ein, gegen jefuitifche Theologen perfönlic den 
‚amor dei‘ mit 2ebhaftigkeit zu verfechten.**) Dem entipricht 
der dichteriſche Schwung feiner Epiftel über die Liebe zu Bott. 
Wir fehen Boileau mit Herz und Gefinnung an biefer Frage 
betheiligt: eben wie aud font Herz und Gefinnung ihn mit 
Bort:Royal verbanden. 

Diefe Beichaffenheit ver Beziehungen Boileau's zu ben 
Gelehrten von Port-Royal beweiſt theild die in Bolleau vors 
handene Reigung zu fraftvollen geiftigen Beftrebungen; theils 
haben jene Beziehungen diefe Anlage beflimmter "ausgebildet. 
So erwuchs denn diejenige Sinnedart in ihm, bie es ihm 
moͤglich machte, feine fritiihen Erfahrungen zu einer theoretis 
ſchen Gelammtleiftung zu verdichten. Das Element des Ratios 
nalismus bedingte demnach in Boileau felbft das Zuſtande⸗ 
tommen feiner „Geſehgebung“ in ähnlicher Weiſe, wie deren 
Annahme und Geltung bei den Zeitgenofien (vgl. o. ©. 254); 
als ein ſolches Element wurde es ihm, von Descartes her, 
durch Port Royal vermitielt. Hierfür wiederum iR zu beachten, 
wie dad Grundelement rationeler ‘Prinzipien gleichfam unter 
dem Deckmantel des rationalifiifhen Dogmatismus von Des⸗ 
cartes auf feine Anhänger überging; was wir im IL, Abſchnitt 
darzuftellen verfuchten. 


Anmerkung über Batteur. 
(&. 253.) 


Batteur' „Nachahmung der Ratur“ führt die objektive 
Beziehung der Boileau'ſchen Grundanfiht weiter aus.) 


*) Bel. 0. ©. 232. 
) Briefe der Mme. de Sevigne, und 8.’ BB. II, 37. 
--) Dubos ſteht Bollenu ferner und iR phlloſophiſchen Prinzipien in 
der Kunfthearie ausprüdlich abgencigt; rel. crit, VI. Ausg, AL, 516/7, —8 
auch 180 ff. mn 


rl) R. 9.» Stein: 


Batteug iR durchaus abhängig von Boileau. Er empfindet 

das Bedürfnig, wie es auch Jener ſchon empfand, von den 
Regeln zu ihrer Duelle aufzufteigen, („Les beaux arts redwits 
>& un möme principe.“ 1746. ©. II/IIl.), ein einfaches Prinzip 
zu finden, welches aus ſich felbft überzeugend if und jene ein⸗ 
zelnen Regeln abforbirt. Er geht zu tiefem Zmede von ber 
Poetik aus; „pour commencer par une idee claire et distinete, 
je me demandai, ce que c’est que la po&sie et en quoi elle 
differe de la prose.“ (S. IV.) Gr befragt hierüber vergeblich 
die Dacier und d'Aubignac. Er verdankt einen erfien Lichtblick 
dem Arifioteles, in dem Worte ‚Rahahmung‘. Erf Horaz 
und Boileau aber lehren ihn, die Nachahmung der Natur richtig 
aufzufaffen und als Prinzip zu begreifen. (VI/VHL) Sein Ber 
reden geht dahin, dieſes Prinzip von der Poetik aus, die fein 
Hauptgegenftand bleibt (Theil II, Abſchn. 1; fpäter dad Ganze 
al6 „principes de litterature*) — auch auf die anderen Künſte 
zu uͤbertragen. 

Sein Prinzip ſelbſt entſpringt hamilch dem klaſſiſchen Bes 
ſchmacke: als Prinzip der waͤhleriſchen Auffaſſung und Wieder⸗ 
gabe des Natürlichen.*) — Der Künftler kann nicht über bie 
Natur hinausgehen. Seine Thätigfeit hat alfo einzig darin zu 
betehen, eine Auswahl der Theile zu treffen, und ein erleſenes 
Ganze neu zufammenzufegen: dieß iſt dann vollfommener als 
die Natur, ohne darum doch aufzuhören, natürlich zu ſeyn. 
(©. 8/9. 70/1.) Demnach befteht eine gute Nachahmung ber 
Natur in einer Movififation, durd) Auswahl der nachzuahmen⸗ 
den Theile. Die fhöne Natur werde nachgeahmt; nicht das 
Wahre, wie es wirklich ift, fondern wie es ſeyn fönnte: „le 
beau vrai, qui est repr&sent6 comme s’il existait r6ellement, 
et avec toutes les perfections qu’il peut recevoir.“ (©. 27.) 

Dieß ift offenbar ſchon weit unbeflimmter als das Boi- 
leau ſche, fubjektiv begründete: rien n'est beau que par la verite. 
Denn man fragt nach dem Organ einer ſolchen Auswahl, einer 


*) Den umerſqhied des Diberotfihen, eigentlichen Raturaliäunus hierson 
bemerkt Bifcher, Hefpeiit Bo. in, ©. 86. 


Ueber den Zuſammenhang Bolleau’s mit Descartes. 271 


ſolchen Modififation. Bei Boileau genügte das deutliche Sehen, 
die Bernunft zur Herleitung feiner Geſchmacksurtheile. Bei 
Batteug wird der Geſchmack dagegen fehr ausdrüdlich von der 
Vernunft unterſchieden. (56 ff. 97.) Er ift Gefühlsorgan, feine 
Bunftion das Genießen. (45.) Was wird denmach aus dem 
verlangten „Bollfommenheiten“ der Rahahmung der Ratur? 
Anfangs (S. 237) hieß e8 noch: „la qualit6 de Fobjet n’y fait 
rien. Que ce soit une hydre, un avare, un faux devot, un 
Neron, des qu’on les a pr&sentes avec tous les traits qui peu- 
vent leur convenir, on a peint la belle nature“ — ein ums 
mittelbarer Refleg der klaſſiſchen Poeſie und der Boileau'ſchen 
Boetif.*) Ganz anders aber Hingt es &.167: „Es handelt 
Ah in der Kunft nicht allein darum, die Ratur wiederzugeben, 
fondern darum, fie mit allen ihr erreichbaren Annehmlichkeiten 
und Reizen wiederzugeben.” Hier und öfters fommt eine un: 
befimmte Tendenz Batteur zum Ausdruck, Gefühl und Phan⸗ 
tafie im ihre Rechte einzufegen ; durch diefe werden feine Auss 
führungen in demſelben Maaße prinziplos, ale fie ſich von 
der einfeitigen, aber beflimmten Grundanſchauung Boileau's 
entfernen. — ‚ 

Loge fagt in feiner Geſchichte der Aefthetit in Deutſchland 
G. 470): „Ganz eng mit der Objektivität verknüpft iſt bie 
andere häufig am die Kunft gerichtete Forderung der Ideali⸗ 
firung. Ihr erfier Urfprung wird wohl unauffindbar fen; 
geftritten iſt in der deutfchen Aeſthetik über ihren Sinn und ihre 
Berechtigung ſeit Windelmann und Leffing...” Man darf die 
Brage aufwerfen: ob nicht eine der Wurzeln biefer in ber 
deurfchen Aeſthetik dislutirten Idealiſtrung in jenem Prinzip der 
wählerifhhen Raturnahahmung zu Tage liege. Loge ſelbſt er- 
läutert den Begriff durch eine Betradtung wie: „Alle Auf- 
faflung der Natur, nicht die Afthetifche allein, beruht auf Abs 
Araftion von vielen Beftandtheilen des Gegebenen und auf neuer 
Berbindung ber beibehaltenen Reſte.“ — Das Wort „idealis 

) ui. @ef. zu Anfang (übrigend auch an Ariſtoteles' Poet., Gay. 4, 
siianernb). 


272 J 8. 9. v. Stein: 


firen” führt allerdings die Borkelung vollfommenerer Kunſt ⸗ 
prinzipien inſoweit mit fi, als wir höhere Borftellungen von 
Idee und Ideal mit einmifchen. Aber der Begriff wird in feiner 
engen Abgränzung fihtbar, wenn man den Begriff des ſchoͤpfe⸗ 
riſchen Geſtaltens aus der Idee ihm gegenüberfielt.*) Dann 
wird abjehbar, daß ber fpäter höher gefaßte Begriff von Ipea- 
liſirung mit der rationalifirenden Korrektheit, mit den rationali- 
Rifhen Prinzipien des llaſſiſchen franzoͤſiſchen Beihmades, am 
unmittelbarften mit dem Theorem eines Batteur Verwandt⸗ 
ſchaft habe. 

Eine foldye Verwandtſchaft tritt, abgefehen von der hiſtori⸗ 
ſchen Herleitung, aud darin hervor: daß in der neueren fran- 
zoͤſiſchen Aeſthetik Rüdfände der klaſſiſchen Prinzipien neben 
einer volleren Würdigung des Phantaſtiſchen, Intuitiven, Ideellen 
ihren ‘Blag behaupten. Taine geht urfprünglich noch geradezu 
von dem Sape aus: „la rögle est d’imiter la nature“. *®) 
Aber, fept er Hinzu, „le métier de podte n’est pas de voir et 
de copier, mais d’interpröter ce qu'il voit et de choisir ce 
qu’il copie“. In ihren reihen Ausführungen zeigt die „philo- 
sophie de l’art“ einen biefen Andeutungen entfprechenden Bes 
danfengang. „Der Künftler ahmt das Wahrgenommene nach 
— er ahmt es verftändig nad, d. b. er giebt die Verhaͤltniſſe 
wieder *) — je mehr er nun die Elemente trennt und in ihrer 
Wirkung wiedervereinigt, je befler gelingt es ihm, einen Haupt» 
zug zu charalteriſtiſcher Darftelung zu bringen t) —: das Kunſt ⸗ 
werf bat zum Zwed, einen folden wefenhaften Hauptzug zur 
Darftellung zu bringen, klarer und volffändiger, ald die realen 
Dbjekte es thun.“ +4) Hier iſt bie rationaliftiihe Grundlage, 
und die realiftifche Tendenz der klaſſiſchen Aeſthetil nirgends 


) Bol. Hettner, a. a. O. und: Gegen die fperulative Aeſthetik, Meine 
Säriften 1884, bef. S. 189 u. 191. 
) Essai sur les fables de Lafontaine. 1853. 8.30. 
*e*) philos, de Fart,«1ll, Kusg., 1, ©. 46. 
+) Ebenda II, &. 377. 
44) Esende 1,46. — Wie äpulich, auf audtet Grundlage, die ſchlich· 
He Zormulirung bei Bifder, $ 518, 2. (Bd. U, 84.) 


Ueber den Bufammenhang Boileau’6 mit Descartes. 273 


verläugnet, und doch ein fehr hoher Begriff von „Idealiſirung“ 
überzeugend entwidelt. — 
Anmerkung über Andre, Lamy, Leboffu. 
(6. 268.) 

Andre if zugleich Garteflaner,*) und eigentliche, fpefulas 
tiver Aeſthetiler; aber er if nicht ald Aefthetifer abhängig von 
Descartes. Durch das im Text angeführte Theorem giebt er 
war einer cartefianifchen Lehre eine Beziehung auf das Aeſthe⸗ 
tiſche; aber feine Aftherifchen Prinzipien entnimmt er Platon, 
und Auguſtin. Wenigftens leitet er ſelbſt feine überall durch⸗ 
geführte Forderung der Einheitlichfeit aud Auguftin her (essai 
sur le Besu, 1770. ©. 70); wenn er ferner das Schöne unter⸗ 
ſcheidet in ein beau essentiel, naturel und artificiel, von benen 
das erflere „independant de toute institution, m&me divine* 
(8.6 u.8., z. 8. 159: fo iſt diefe Wendung gewiß eher platos 
niſch als cartefianiih. Gerade aber diefe Eintheilung kehrt 
überall bei Andre wieder, und wird von ihm auf die Theorie 
der einzelnen Künfte angewendet. Dagegen nur nebenbei er- 
ſcheint (S. 6) die Unterfheidung eines fenfiblen und intelligiblen 
Schönen, welde eher an die gleichzeitigen philofophifchen Die: 
kuſſionen (Descarte6 und Locke) erinnert, 

Boileau hat auf Andre eingewirft. Andre glirt die Dicht: 
funkt wiederholt als Meifterwerk; eine „Lebenokunſt“, in A Ge⸗ 
fängen, ſcheint auf Boileau's Wert als auf ihr formales Vorbild 
zurückzuweiſen. ) Im „essai sur le Beau“ find die Stellen 
über ‘Boetit eine erafte Reproduktion Boileau's: das Schöne 
iR im diefem Gebiete ‚die lichtvolle Wiedergabe des ſelbſtaͤndig 
Gedachten‘, und verwerflich ift das Myfteriöfe, das Preziöſe. 
(©. 10/1.) 

Aundrs iſt der einzige jeſuitiſche Garteflaner und Malebranchiſt, zur 
Zelt, wo Die Gegenfäpe ſich bereits gefchärft Hatten; dagegen hatte Debcarteh 
au Lebzeiten nod mehrere Zreunde unter den Jefuiten gefunden, vor allem 
den B. Meband, welchen man deßhalb ala Miffionar verſchicte. Brief D.’s 
bei Boniter 1, 473, aud 435. 

S. die Zufammenfelung über Andre bei Couſin, Fragments philo- 
sophiques, Bd. IV. ©. 202. 

Heitker. 1. Bellef. w. vbuol. Kritit. 00. Band. 18 


274 v. Stein: Ueber den guſammenhang Boileau's mit Descartes. 


Bon einem Einfluß auf die Ferftellung des klaſſiſchen Se— 
ſchmads ift der pere Andre ſchon der Zeit nach ausgeſchloſſen, 
wobei feine Riederhaltung und Jfolirung durch feine geiftlichen 
Oberen mit zu beachten ift: er hielt feine Afthetifchen Vorträge, 
in vorgerüdtem Alter, in Caen 1736; ſie erſchienen theilweiſe 
1741; vollftändig zuerſt nad) feinem Tode 1770. Aber auch 
dein Inhalte nad) verbinden ihn wichtige Züge bereits mit bem 
Geiſte ded XVIII. Jahrhunderts; fo die Ausführungen über 
Yumanität, &.52/3 und 56/71 und die Berufung auf die Natur⸗ 
ſchoͤnheit, S.25 ff. — Daneben finden fid) ſpezifiſch cartefianifche 
Wendungen, 3.8. 5.48.96. — 

IR nun aber in Andre nicht die ihm eigenthümliche Aeſthetit 
das Eartefianifche: fo mag man immerhin fagen, daß der Ratio 
nalismus nicht unmittelbar eine ipefulative Aeſthetik hervorgebracht 
habe. Die Philofopbie welche dem bildlichen Borftellen überall 
ſich abhold zeigt, führt naturgemäß nur für dieienige Kunſt zu 
einer theoretifchen Grundlegung, deren Material unförperlic, 
begrifflich iR; d. b. die von Descartes abhängige Aeſthetik ift in 
erfter Linie und faft*) ausſchließlich Poetik. Als folhe if fie 
jedoch nicht nur im ihrem eigenen Gebiete von weithin verfolg- 
barem Einfluß; fondern es laflen ſich mittelbar audy in den 
fpefulativ-äfhetifchen Verſuchen ihre Einwirkungen nahweifen. 

Aus der Zeit Boileau's find hier vor alem noch anzuführen: 
Bernard Lamy, La rhetorique ou l’art de parler, zuerft 1670; 
und le Bossu, traitt du po&me &pique, zuerft 1675. Lay, 
Prieſter des oratoire, iR erflärter Garteftaner; le Boſſu hat ich 
wenigftens eingehend mit Descartes befchäftigt und eine Parallele 
der Prinzipien der ariftotelifhen und der carteftanifchen Phyſik 
(1674) gefchrieben. Samy lehrt die Wahrheit als einzige Regel 
bes Redners; er erklärt fich gegen die bloße Wahrſcheinlichkeit, 
den täufchenden Schimmer der Wahrheit. Das Kennzeichen der 
Wahrheit aber if die Deutlichfeit: „la clarte est le caractäre 


*) Immerhin finden fi verwandte Züge aud In Freart de Chambray, 
iäse de la perfeclion de la perature, Parid 1673, und du Fresnoy, l'art de 
peinture, zuerſt veröffentlicht Paris 1684. 





Br. Sattig: Der protagoreiſche Senſualismus x. 275 


de la verite“. Samy fügte 1678 feiner Rhetorit Bemerkungen 
über die Poetik Hinzu, welche jedoch weniger Kunftregeln, als 
Angriffe auf die Unmwahrhaftigfeit der Poeſte enthalten. — Le 
Boflu geht davon aus, daß die Künfte wie die Wiffenfchaften 
auf die Vernunft gegründet feyen. Wenn er von ber Bers 
wendung des Wunderbaren im Epos ſpricht, fo will er diefer 
Grängen gefegt wiſſen durch: „la raison“, „la verit6“. 


Der protagoreifche Seuſualismus und feine 
Um: und Fortbildung durch Die fofratifche 
Begriffepbilofophie. 


Bon Dr. Frig Sattig. 


Einleitung. 

Es if eine neuerdings viel und oft discutierte Frage, was 
wir von ber im platonifchen Theätet dem Sophiften Protagoras 
beigelegten Erfenntnißtheorie für wirklich protagoreifhes Eigen» 
thum, was für platonifhe Zuthat anzufehen haben. — Die 
frühere Zeit — man fann fagen: bis zum Erfcheinen der 
Groteſchen history of Greece — wagte kaum ben leifeften Zweifel 
an der fireng hiftorifhen Treue der platonifchen Berichte zu er⸗ 
heben; niemand jah die Sophiftit anderd als mit den Augen 
PBlatos an. Aber die Kritik verlangte ihr Recht, und fie fand 
in Grote einen bienfibereiten Anwalt, wie des demokratiſchen 
Athens mit allen feinen Fehlern und Schwächen überhaupt, fo 
aud der Sophiſtik, die man bisher immer mit zu jenen gezählt 
hatte; auch tiefe gewann hier ein ganz anderes Ausſehen, 
und die große Kluft, die einen Protagoras von Sofrates nad 
den Anfhauungen der Brüheren trennte, verſchwand. 

Die Refultate des engliſchen Forſchers Eonnten nicht ver- 
fehlen, auch -in Deutſchland nad vielen Seiten hin anregend 
und belebend zu wirken. Laas iR in Sachen der Sophiſtik 
— umd nicht bloß hierin — entſchiedener Parteigänger Grotes. 


Protagorae vor allem gewinnt in feinen Augen eine ganz 
18* 


216 Frig Sattig: 


befondere Bedeutung; fieht er body in ihm den Mann, ber bie 
erften Grundfäge einer pofitiviftifhen Philofophie aufftellte. — 
Was die platonifhe Darſtellung feiner Lehre betrifft, fo trägt 
Laas fein Bedenken über die Antwort im runde durchaus 
feinen Zweifel übriglaflende Fragen aufzuwerfen wie folgende: 
„Wem follen wir nun aber ein ſolches Qui pro quo der Konfuflon 
oder Sophiſtik anrechnen? dem Platon, der nadyweisbar ders 
aleichen auch ſonſt verſchuldet oder dem Protagoras, der von 
Platon und feinen Nachfolgern fo dargeflellt wird, daß man 
ihm alle fophiftifhen und erififhen Kunftftüde müßte zutrauen 
dürfen?" ...... „dem Protagoras, den abgefhmadte Ueber⸗ 
treibungen dieſer Art auf das Schlimmſte compromittieren 
mußten, oder beim Platon, der obwohl fein Gegner fi fo in's 
Unfinnige vergangen hatte, ihm doch ausführlichfter Ruͤckſicht⸗ 
nahme noch werth hielt, und der in feiner Polemif den Sag 
von ber Wahrheit jedes „Scheins“ und jeder „Meinung“ jo 
vortrefflih für fi ausbeuten Fonnte?“*) Das iR überhaupt 
nach der Anficht des Straßburger Philofophen das von Plato 
bei dem Referat über des Protagoras Theorie vor allem an: 
gewandte Mittel, daß er bie zur Zeit des Sophiſten verhält 
nißmäßig nod in den Kinderſchuhen ſteckende philoſophiſche 
Terminologie in der Art ausnupte, daß er dad, was er wohl 
mit Ausdrüden wie ämiosnun, döka, dAndEs elvas, Ava u. ſ. w. 
verband, auch dem Gebraud) derfelben bei dem Sophiften unters 
ſchob und fo jenen Adgefchmadtheiten und Abjurbitäten behaupten 
ließ; *) dabei iſt aber Laas feiner eignen jüngfen Berfiherung 
zu Bolge weit davon entfernt, dem Plato Gehäffigfeit zutrauen 
zu wollen. *%*) 

Die umfaffendfte Ehrenrettung des Protagorad aber unter- 
nahm Halbfaß.t) Plato allerdings fährt dabei ziemlich übel; 

*) &. Laas, Yealismus u. Pofitiviemue 1. p. 227. 

®*) Raab, Reue Unterfuhungen über Protagoras in d. „Bierteljahrd- 
ſchrift für wilenfgaftl. Bpilofophle.” 1884. 

y Laas am eben angegebenen Orte p. 484. 

+) Bilgelm Halbfaß, die Berichte des Platon und Ariſtoteles über Protas 
woras mit befonderer Berüdfichtigung feiner GExfenntuißtheorie Leipzig 1882. 


Der protagoreifhe Senfualismus x. 277 


er gewinnt, wenn man bie einzelnen in ber H.'ſchen Arbeit 
zerfireuten Züge fammeln will, etwa das Ausfehen eines ziems 
lich kecken Seribenten, ber es mit der Wahrheit nicht allzu 
genau nimmt, ber, im Befig einer überlegenen Dialektik hefinds 
lich, zu feinem Mittelhen zu greifen ſich fcheut, um ben ver» 
haften Gegner lächerlich zu machen, ihn vor ben Augen ber 
Zeitgenoffen zu compromittieren. Natürlich if es, daß ein 
Mann, der von vornherein mit einem derartig gefärbten Bilde 
eined Autors an die Schriften desſelben herantritt, überall 
gehäffige Entftelungen und unmahre Uebertreibungen wittern 
muß. Die Hauptſache in der Erfenntnißtheorie des Protagoras 
— ich meine: feinen grenzenlofen Relativismus, daß für jeden 
einzelnen ein jedes fo iſt, wie es ihm augenblicklich erſcheint —, 
fidert fo dem genannten Forſcher gleichſam durch die Hände; 
nicht der individuelle Menſch, fondern der Menſch überhaupt 
ſei es, den Protagoras ald dad Map von allem bezeichne. 
Daß der Menfch der Mittelpunkt des Univerfums fei, nicht 
aber, daß der willfürliche Einfall des einzelnen Menfchen unbes 
dingt einen allgemein giltigen Werth befäße*) — eine Behauptung, 
die, wie wir ausführlich und überzeugend darzulegen hoffen, 
Plato den Protagoras nie und nirgends aufftellen läßt, — 
das iR ihm die Quinteffenz der protagoreifchen Lehre. 

Eine fharfe, aber wie mir fcheinen will, in ihrer Schärfe 
fehr berechtigte Beurtheilung fanden dieſe Aufftellungen bei 
Natorp.*%) — Weit entfernt, etwa in das entgegengefeßte 
Erttem zu verfallen und alles im Theaͤtet Vorgebrachte ohne 
weitered als protagoreiſch anzuerkennen, betritt berfelbe den 
ficheren Weg feharffinniger philologifcher Kritif, um aus ben 
platoniſchen Worten ſelbſt Kriterien ausfindig zu machen, bie 
eine annähernd ſichere Entfcheidung ber flrittigen Frage ermoͤg ⸗ 
lichten. Das Endrefultat, das wir hier nur furz ſtkizzieren 
tönnen, if im Großen und Ganzen folgendes: „Der Theätet 


*) Halbfoß a. a. D. p. 15. 
=) Baul Ratorp, Forſchungen zur Geſchichte des Erkenntnißbroblems 
im Altertbum. Protagoras, Demokrit, Cyitur und die Skepfis Berlin 1884. 


2378 Trig Gattig: 


enthält Plato's Auseinanderfegung nicht mit Protagorad allein, 
ſondern mit einer ſenſualiſtiſchen Faſſung des Erfenntnißbegriffs 
überhaupt ;*) doch ift für den Einfichtigen leicht erfennbar, was 
als des Protagoras eigne Lehre bezeichnet werde, was als die 
feiner Rachfolger, der von Plato fogenannten xouworeper. 
Was vor allem unanfechtbar ald dem Sophiften gehörig dafteht, 
IR dab uerpov Avdgwnog im Sinne eines unbedingten Indi⸗ 
vidualismus; ; nicht jein, fondern erft feiner Nachfolger (Ariſtippo) 
Wert if die ausführliche umd direfte Baſierung dieſes Grund⸗ 
gedankens auf die metaphufifchen Principien der Serafliteer, 
wenn gleich gegen die Hypothefe, vor allem der hoöchſt unwahr⸗ 
feintichen Annahme von Halbfaß gegenüber, der einen Ein— 
Muß des Anaragoras auf Protagoras — denn beide verfchrten 
ia im Haufe des Perikles — allerdings vergebens darzuthun 
fich bemüht, **) kein irgendwie gewichtiger Grund in's Feld wird 
geführt werden fönnen, daß in dem bamals wogenden Kampfe 
zwiſchen ven 105 öAow oracıwra, und den Glorses Protagoras 
„bie heraktiteifbe Annahme einer continuierlichen Beränderung, 
die ein identifh Beharrendes überhaupt ausfchließt, im alls 
gemeinen getheilt, die eleatifhe ode/a, bie fein Gap in ber 
Konfequenz offenbar verrirft, wohl auch ausdrücklich geleugnet 
baben wird.“ *) Endlich weift Ratorp noch auf den für eine 
endgiltige Feſtſtellung des echt Protagoreiſchen fehr bedeutungs⸗ 
vollen Umſtand hin, daß der durchaus den Stempel der Echt⸗ 
heit und Treue an der Stirn tragende Bericht bei Saxtus Em- 
piricus adv. log. I, 60—64 (adv. math. VII, 60— 64), al6 
deſſen Gewährsmann der bezeichnete Gelehrte Wenefidem, alſo 
einen Mann, der weit entfernt davon if, ein Geiſtesverwandier 
Plato's zu fein, wahrſcheinlich macht, durchaus dasſelbe ale 
protagoreifche Lehre barbietet wie der Theätet.}) — 

Endlich find bier noch die zwar unfern Gegenſtand zunächkt 





*) Ratorp a. a. D. p. 14. 
Halbfaß a. a. ©. p. 13f. 
) Matory a. a. D. p. 26. 
+) Natorp a. a. D. p. 56f. 


Der protagoreiſche Senſualismus x. 2 


nur indirekt berührenden Ausführungen Dümmler’6*) zu erwähnen. 
Diefelben find jedoch infofern für das Verſtaͤndniß des Theätet 
von nicht zu unterihägender Wichtigkeit, ald Duͤmmler eine 
umfaffende, allerdings ziemlich verhüllte Bezugnahme auf Antis 
ſthenes in demfelben nachweiſt. Er „ift es, der im Theaͤtet 
ſchon anfänglich bei der Einführung der Lehre der Protagoräer 
ferngehalsen wird ald der PBrofane, der rohe Materialift, ber 
für deren Feinheiten zu handfeſt, dem jene ald die Anftändigeren 
weit vorzuziehen fein; '’**) er auch, im befien Sinn bie ziemlich 
toben, wenn gleih, wie mir ſcheinen will, nicht durchaus 
falſchen Einwuͤrfe gegen den protagoreiihen Seſualismus von 
Sofrates vorgebradht werden, denen gegenüber derſelbe Sokrates 
zu Gunſten des angenriffenen Sophiften das Wort ergreift, um 
mit Nachdruck auf die Grundbebingungen einer ordnungsmäßig 
geführten wiſſenſchaftlichen Debatte binzuweifen und die Lehre 
jenes vor ungerechten Berkegerungen zu bewahren. — 

Soweit die Forſchungen jüngflen Datums. — Wenn fih 
gleich in der nachfolgenden Unterfuchung bier und da Gelegen⸗ 
heit bieten wird, auf fpeciellere Refultate derſelben fie theild 
beRätigenn theils ablehnend im Vorübergehen hinzuweiſen, fo 
iſt doch eine Reubearbeitung dieſes in Rede ſtehenden hiſtoriſchen 
Problems nicht der Zwed derſelben. Was fie will, iR nichts 
andered als den Senſualismus überhaupt, wie er und im 
Sheätet vorgeführt wird und wie er nad den unfter Unficht 
nad) fat abfdjließenden Maren und befonnenen Aufftellungen 
Natorp's theild auf ‘Protagoras felbft theils auf Schüler ober 
Nachfolger desſelben als feine Urheber zurüdweift, darzuftellen 
und zu fritifieren, zugleich aber die von Sokrates gegebene neue 
Ertlaͤrung des Erfenntnißbegriffs damit zu vergleichen. — Aber 
bier gilt von und das Didterwort: incidit in Scyllam, qui 
valt vitare Charybdin. Denn au hier die Frage: was ift 
ſokratiſch ? was platonishe Zuthat? Auch die Unterfuhung 

*) Gerdinandus Duemmler, Antiöthenica Hallenſer Doctor« Differs 


tation 1882. 
*) Reiorp a. a. D. p 12. 


2 grig Sattig: 


dieſes Problems liegt nicht in dem Plane diefer Arbeit, zumal 
man basfelbe im wefentlicen wohl als gelöft anfehen darf. — 

Es iſt eine durch die unanfechtbarſten Zeugniffe der Alten 
eonftatierte Thaiſache, daß Sokrates dem Senfualiomus des 
Vrotagoras eine Begriffsphilofophie gegenüberflellte, indem er 
die von jenem als bie einzige dem Menfchen zu Gebote ſtehende 
Ertenntnißform behauptete finnliche Einzelvorftelung, die aleInaus, 
in die logiihe Allgemeinvorkellung oder den Begriff um, und 
weirerbildete. Durch dieſes Beginnen ſchuf der große Grieche 
ſich die theoretifche Unterlage, über der er bie von ihm geplamte 
Reform der Ethik und des forialen Kebens in das Werk zu 
jenen hoffte. — Auch ift es feinem Zweifel unterlegen, daß bie 
fofratifche Begriffsphilofophie dem protagoreifchen Senſualismus 
gegenüber einen bedeutenden Bortfchritt in der Entwidlung ber 
Erfenntnißtheorie bezeichnet. Ja noch mehr als da6! Indem 
Sokrates in ver fophiftifchen Auffaflung unferer Vorſtellungen 
als bloßer aioIyosız dad Berechtigte anerkannte, dad Unwahre 
derfelben aber abwehrte, beſonders dadurch, daß er mit Hilfe 
feines induetiven Verfahrens die Behauptung, als ob alle® Er⸗ 
fennen lediglich in den finnlichen Einzelvorftelungen beſtehe, ale 
eine verfehlte darthat, dagegen thatſaͤchlich zeigte, wie aus 
jenen eine andere, höhere Erfennmißform, der logifche Begriff, 
fih entwidele und wie in diefem dasjenige Element gegeben 
ſei, mit deflen Hilfe man die Erfaflung der objectiven Wahr- 
beit zu gewinnen hoffen koͤnne —, indem Sokrates, fage ih, 
diefe Leitungen im Reiche des Gedankens vollbradyte, wurde 
er der Schöpfer einer Erfennmißtheorie, welche auf die Ent⸗ 
wicklung der Wiffenihaft Iahrtaufende hindurch befimmend ein» 
gewirkt hat und deren, fei es fegensreicher ſei es nachtheiliger, 
Einfluß in den litterarifchen Kämpfen ber Gegenwart mit unge⸗ 
ſchwaͤchter Kraft ſich ebenfalls noch zur Geltung bringt. 

Der Darftellung und Beurtheilung diefer fophifiich -fo- 
fratifchen Erfenntmißtheorie if die nachfolgende Abhandlung 
geroidmet. Diefelbe hat feinen andern Zweck, als die Frage 
zu beantworten, welchen Beitrag die helleniſche Forſchung zur 


Der protagoreiſche Genfualismus x. 21 


Zeit des Protageras und Sokrates zur Loͤfung des Erfenntniß- 
problems oder zur Herſtellung einer vollſtaͤndigen und begrümbeten 
Ertenntnißtheorie beigefteuert Hat. Die Beantwortung berfelben 
iR, fo meinen wir, von genügend großem Interefle, um ihr 
eine befondere Unterfuhung zu wibmen. Diefelbe trägt daher 
ihre Berechtigung in ſich ſelbſt. — 


I. Darftelung der protagoreifchen Erkenntnißtheorie 
insbefondere an der Hand des platonifchen Cheätet. 
A. Die grundlegenden Vorausfegungen derfelben. 

Der platonifche Theätet iR befanntlic der Frage nad) dem 
Weſen der Erkenntniß gewidmet. Der jugendlihe Mitunter» 
redner des Sofrates, nad weldyem der Dialog feinen Namen 
führt, fucht dasfelde in der alogmwıs; dieſe und Zmuorzun find 
ihm identiſch. Diefe Gleichfegung, meint der große Maͤeutiker, 
befage im Grunde dasfelbe wie das protagoreifhe Wort vom 
Menfhen als dem Maß aller Dinge. Hierauf folgen einige 
den Einn biefes Dictums beleuchtende Bemerkungen. Sodann 
fpinnt der Baden des Dialogs in folgender Weife fi fort: „War 
nun wohl, bei den Ehariten!” fragt Sofrates, „Protagoras ein 
Hodweifer, und ftelte und, bem großen Haufen, das nur 
als Räthfel hin, theilte aber die Wahrheit insgeheim feinen 
Schuͤlern mit?" Was denn diefe Worte zu bedeuten hätten, if 
die verwunderte Frage des Theätet. Ihr wird Sofrated gerecht, 
indem er auf die Speculation Heraflits ald dad Fundament hinweiſt, 
auf dem Protagoras feine Geheimlehre begründet habe.*) 

Was der Philofoph von Ephefus vorgetragen, ift befannt. 


) Was das wirklich SHitorifäe diefer Beziehung betrifft, verweilen 
wir auf das in ber Cinleitung gegebene Referat über die diesbezüglichen 
Borſchungen Natorv's p. 21 ff. 47 ff; ebendaſelbſt find auch die unwahr ⸗ 
ſcheinlichen Aufftellungen von W. Halbfaß erwähnt. Andre Forſcher ſuchten 
eine Beeinflufſung durch Demokrit zu erwelſen. Windelband ſcheint dieſelbe 
als fattiſch amzufehen. „So hat,“ bemertt er in f. Geſch. der meneren 
Bhiloſophie 1. p.369, „im Alierthum der Atomlomus Demokrit's den Senſu 
altömus der protagoreifcen Sophiſten hervorgerufen.“ Auch Pr. A. Lange, 
Gele. d. Diaterlalismus 1° p. 131 Anm. 31, neigt fid) diefer Hypotßefe gu. 


282 Erig Saitig: 


&, ben man mit Recht als den genialſten aller vorſokratiſchen 
Denker bezeichnen darf, wandte zuerft, eben dadurch feine geiſtige 
Größe documentierend, fid) ab von dem Forſchen nach der Sub⸗ 
Banz, der 5A der Dinge und richtete fein Augenmerk auf die 
das Leben ber Welt im Großen wie im Kleinen, im Ganzen 
wie im Einzelnen bedingenden Rormen und Gefege. Und in- 
dem er fi unter diefem Gefichtöpunft in eine finnende Bes 
trachtung der Außenwelt vertieft, findet er dad Charalteriſtikum 
berfelben in dem feten Wechſel von Sein und Nichtſein, Ent 
ſtehen und Bergehen. Das Werden wird ihm bie Signatur 
von allem; die Lehre von dem Fluſſe aller Dinge, die Lehre, 
daß es überall fein feſtes Sein, fondern allein nur Werben 
gebe, mit einem Worte: dad navıa gei wird Central⸗ und 
Mittelpunft aller feiner philoſophiſchen Anfichten. 

So kommt der tieffinnige Denker zu Behauptungen wie 
folgenden: In denfelben Fluß fann man nicht zweimal hinein: 
fleigen; denn immer anderes Wafler fließt zu, während wir 
hineinfteigen und ſchon nicht mehr bineinfteigen, drinnen find 
und ſchon nicht mehr drinnen find. Denn es ift nicht möglich, 
Sterbliched zweimal zu berühren, fondern es zerfireut fi und 
fammelt fid) wieder; es geht zufammen und läßt wieder los, 
es firömt zu und firöme ab;*) — er ſtellte nad Plato den 
Sap auf, daß das Seiende feinem ganzen Umfange nad in 
Bewegung ſich befinde und nichts verharre;**) und Ariſtoteles 
berichtet, daß nach ihm nicht diefed oder jenes ſich bewege, ans 


Gegen diefelbe mit gewichtigen Gründen Zeller, Philof. d. Griechen 1° p. 866 
Anm. 1. 

*) Cleanth. Stoic. ap. Eus praep. er. XV, 20, 2: orale, weis 
adroiaw dußaivova Iragu za) Irıga ädara dmgöte. Hersel. Ir, 72 
ap. Berachides Allg. Hom. p. 443 Gale: Horanoiss rolcır adreicır 
dußaivousv va zul odx Außaivouer, elutv ve xal odx aluer. Plut. de 
ed ap. Delph. c. 18: noraug ydp odx Zarıv Außivas die TO adıy xu9" 
"Hodzisrov oddd Iraris ovcias dis Ayaadas zard Kr, AU’ dferyre 
zu) räyu ueraßokjs oxidryas za ndlır owräyeı, ned, za) dnnen, 

**) Plat. Kraiyl. 401 D: va dvra lvas Te ndvra xal niver ander. 
402 A: nävsa yugei zul eddiv wäre zul. Thekt. 160 D: oder desware 
vrolo ꝰa⸗ rd Ravıa, 


Der protagoreiſche Seafualiemus x. 8 


dere aber nicht, fondern alles bewege fidh und immer, was 
unfeer Wahrnehmung jedoch verborgen bleibe.*) — Ganz ähbn- 
lich die &v anodenrp verfündete Aida des Protagoras: Es 
giebt nichts mit ſich ſelbſt identiſch Verharrendes; nichts darf 
man mit Zug als etwas oder irgendwie befchaffen bezeichnen, 
fondern nennt man etwaß groß, fo wird es auch Flein erfcheinen, 
ſchwer, fo aud leicht und fo weiter fort; denn eben nichts iR 
eind oder etwas oder irgendivie befchaffen. Alles wird bahins 
getragen und bewegt, alles iR in Yoga und x/rnaıs begriffen, 
und aus biefer Bewegung und gegenfeitigen Miſchung der Ber 
wegungen entfleht allein dad, wovon wir, und eines falfchen 
Ausdruds bedienend, fagen: es fei, während dody in Wahrheit 
niemals etwas ift, fondern alles nur wird. **) 

Doch was haben wir hier unter dem Begriff der „Bes 
wegung" zu verfichen? 

Keineswegs ifk die Sache fo, wie Sieber fie darſtellt, als 
ob es überhaupt fein Seiendes, feine Dinge im Sinne obiels 
tiver Realitäten gäbe, fondern nur verſchiedene Arten von Bers 
änderungen innerhalb der ohne Subftrat gedachten Bewegung; ***) 
keineswegs faßte er fie, wie Frei behauptet, als eine reine Bes 
wegung, eine Bewegung ohne ein Bewegtes, eine xirnaıc ohne 
eine erouueror;t) auch if D. Weber, der in der Sache ſelbſt 


®) Arist, Phys, VII. 3, 253, b. 9: mevalages rev ävray od ra ur, 

1a d' 08, dlld mavra xai dei, dild davdaveı roöro rjv suerdgar 
elo9ysew; vergl. auch Plnt. Plac. phil. 1, 23: "Hodxissros Hosuiav ıd 
za) ordesv dx sav dla dvjge. dass ya rodro zo» vexger. Darum 
nennt Plato die Herafliteer Theaei. 181 A im Gegenfag zu den Cleaten, ben 
108 dio» sracsiras, bie Ödorres. 

=>) Plot. Theaet. 152 D: Js Aga Iv uiv adıd xaß" adrd oddtv darıv, 
dd" Av vo ngoceinon dgdds od" innovodrrı, dA, ddv ds uiya mgooa- 
Yepeöns, mai quszgär yarııras, zal ddr Bupv,zoöger, Eöumavai re oress, 
ds undavds ävves Ärds unra ruvdg uire dnesevonr" dx dd Ei pogds re zal 
zrjesug nal zgdasus ıgds Allnda yiyvera ndvra, di Yan alven, 
od dosais mgosayogusovres dors udv yag oddtner oddir, da) dd 
yiyvesas; vergleiche auch das gleich näher zu beſprechende: rd mar xivnass 
dr nel dilo napd todre odddv Theät. 156 A. 
. Vfochologie I p- 167, 
. Protagorese p. 79. 







3 Frit Sattig: 


Zwar mit unferen Anſichten zufammenteifft, durchaus im Irr⸗ 
thum, wenn er an der Sand der feiner Anficht nach mit dem 
Berichte Plato's fireitenden Auslagen des Sextus Empiricus 
jenen falfcher Unterftellungen beſchuldigt, al habe derfelbe, nicht 
in Uebereinflimmung mit der Wahrheit, tem Protagorad eine 
ſolche reine, ſubſtratloſe Bewegung beigelegt. *) — Dem ift in ber 
That nicht fo. Denn mit einer derartigen Annahme ſtehen eine 
nicht geringe Anzahl vollkommen Hlarer Stellen in Widerſpruch. 

Wie iR es z. B. möglich, die Worte „es ift überall nichts, 
immer aber wird es“ *) oder das in mannigfachen Wendungen 
wieberfehrende „mdvra zıveiza"***) fm Sinne jener von Siebed 
und rei angenommenen jubflratlofen Bewegung zu erflären? 
Denn wenn etwas wird, fo muß dies doch auch wohl etwas 
von ber Art und Weile des Werdens, etwas von dem, durch 
das es wird, d. i. von der Bewegung verfchiedenes, unab- 
haͤngiges, etwas anderes als jene, kann alfo nicht jene felbft 
fein; und ebenfo zeigt das „aled wird bewegt”, dab das 
navsa dasjenige ift, das bewegt wird, das Subftrat der Bes 
wegung, das Leidende, dem die Bewegung widerfährt. — Auch 
die Formulierung des bekannten Saped: navswr xenudzen 
ulspov &vdpwnor elvar, züy öyıwv, g Bor, zür d2 uf Or 
zwv, os odx Eorırt) ſcheint mir durch die Ausdräde „zeigen“ 
und „zöv dvzav” — nicht „roö dyroc“ — die reale Erfiftenz 
und Piuralität der Einzefvinge durchaus zu involvieren. — 
Endlidy dürfen wir wohl aud mit Recht annehmen, daß, wenn 
Protagoras wirklic die Bervegung als eine reine oder fubftrat- 
lofe bezeichnet hätte, Plato nicht unterlafien haben würde, dies 


*) D. Weber. qusest. Protagorene p. 23 ff. 

**) Plei. Theaet. 152 D. ders udr ydg eddäner'ondiv, de) dd yiyre- 
rar, 157 A. odddy elvas dv adıd xa9’ adıo, dlls zum del yiyveadar, (Ber: 
aleiche aud das „ray Bin» devargv eva" bei Sext. Emp. Pyrrb. Hypo. 
1,217, 

***) Pla, Theset. 156 C: navre uiv, danap Adyausy, zorelres; 
180 D: nävıa zweite, 181 C: rd navra aıvelcdes 182 C: zınelıan zei 
det, ds yarsd, navra; 182 E: navıwy ya navıws zivouuivon. 

H Pat, Theaet, 1524 u. a. y. a. Si. 





Der protagoreiſche Senſualismus x. 25 


ſcharf zu betonen und zur Kritit der fophiſtiſchen Theorie in 
auögiebiger Weife zu benugen. 

Welches ift denn nun aber der Punkt, an den die von 
und befämpfte Anficht ihre Berechtigung fmüpfen zu Eönnen 
glaubt? Vor allem waren es die Worte „zo när aiımaug Av 
xal dAAo napa rodro ovd&r“,*) die ein Hauptargument für die 
Annahme einer fubfratlofen Bewegung darzubieten ſchienen. — 
Von vornherein ift Wohlrab’5**) durchaus grundlofe Behauptung 
abzuweifen, als ob die bezeichneten Worte — und das foll der 
einleitende Bafjus, das „uNm 00 za uvorngea Adyeın“ feiney 
Anfiht nach deutlich beweifen — etwas anderes befagten als 
die fonft die Bewegungstheorie ausſprechenden Säge. Denn 
auch die ſchon oben behandelten Worte 152 D gehören zur 
„Geheimlehre.“ Beide Ausführungen weifen auf herafliteifcye 
Grundgedanfen zurüd; fie fönnen demnach weder mit jenen 
— und dad wäre bei der Annahme ber mera motio Frei's 
offenbar der Fall — noch unter fi in Widerftreit ſtehen. Im 
Bolge deſſen werden wir fehr geneigt, jal faft genöthigt fein, 
in dem 1 näv xivnoic Av xal &Ao nagd zouro oddlr nidte 
anderes als eine neue — allerdings etwas ftarfe — Wendung 
für das fonft gebräuchliche navsa xıweiras oder das herafliteifche 
xciyre ger zu ſehen. — Bor allem machte den Interpreten 
unfrer Stelle die Bedeutung des 7» nicht geringe Schwierigkeit, 
Zeller") und Campbell ) faflen es mit Berufung auf das 
ariſtoteliſche „ro z/ F» edvar” in dem Sinne von dos, Bitringa +) 
und Wohlrab+tt) als wirkliches Imperfectum wie in dem anaxa⸗ 
goreifhen öpos nayra xonmasa Fr „ed war urfprünglidy nur 
Bewegung.“ H. Schmidt, Hit) deſſen Argumentation der bereits 


*) Plat. Theaet. 156 A. 
**) Bohlrab, Jahrbücher f. Maff. Philol. 1868. 
er) Zeller, Bhil. d. Griechen 1° p. 896 Ann. 1. 
+) Campbell, in feiner Ausgabe des Lpeitet, Oxford? 1883 p. 57,3. 
+4) Vitringa de Protsgorae vita ei pbilosophia p. 83. 
+rt) Bohtrab a. a. O 
rttth) 9. Schuidt, Beiträge zur Erklärung platoniſcher Dialoge p. 218 
2. 


2386 Brig Sattig: 


erwähnte engliſche Theätetausleger mit Recht ald not convincing 
bezeichnet, tritt derfelben Anficht bei, glaubt aber tropdem nicht 
dazu gezwungen zu fein, am eine reine Bewegung zu benfen, 
fondern iR vielmehr der Ueberzeugung, an der Hand ber 
richtigen Erflärung- von „zo na» nicht als der leere, vielmehr 
als der mit einem Stoffe und zwar jet nrit einem geordneten 
Stoffe angefülte Raum, fowie von &AAo ddr, nicht, wie es 
gewoͤhnlich gefhieht, als Subjelt, fondern als Präbifat „das 
AU war Bewegung und nichts anderes ald Bewegung“ zu 
einer Interpretation der Stelle zu gelangen, bei der wir |r 
in feiner Imperfeftbeveutung beibehalten können und doch nicht 
xlvnoıs von der reinen Bervegung zu verfichen brauchen. „Dann 
erhalten wir”, fährt Schmidt fort, „die Möglichkeit, unter 
alvnoıs die Bervegung von etwas Beregtem zu verſtehen: 
denn wenn das jet als ein gegliederter und georbneter Stoff 
vor und liegende AN urfpränglic nichts ald Bewegung war, 
fo kann damit auch gefagt fein, daß das urfprünglihe Au 
mit dem jepigen nur die Bewegung theilte, übrigens aber ein 
noch formlofer Stoff, noch feine geordnete Welt, nod fein 
söonog war“ (p. 223 f.). Aber es ift ficherlich Died bei 
Plato nicht gefagt; ebenfomwenig vermögen wir den ferneren Auf- 
ſtellungen des Commentatord beizuftimmen. Wir find vielmehr 
nad) allfeitiger reiflicher Erwägung der in Rebe ſtehenden Worte 
geneigt, in A» mit Stallbaum und Schanz*) ein didaktiſches 
Imperfectum zu fehen. Denn offenbar wird hier früher Ge— 
ſagtes recapituliert und im Gedaͤchtniß des Leſers aufgefrifcht. 
Peipers**) zwar hält die Unmoͤglichteit diefer Auslegung für 
erwiefen. „Denn von dem Priucip felbft if zum erften Mal 
die Rede”. Wir glauben dem gegenüber auf die Ausführungen 
152 D verweifen zu dürfen. — Endlich noch eins: 156 C im Ein- 


*) Matt. Schanz, Beiträge zur vorſokratiſchen Philofophie aus Plate. 
Urſtes Heft: Die Sophifen p- 70. 

®*) Pelpers, die Erfenntnißtgeorie Plato's p. 280. Uebrigens adaptiert 
®. die Zelierſche Erklärung des jr, neigt ſich aber mehr der Annahme 
elner reinen Bewegung zu cl. p. 281. 283 - 285. 


Der protagereifhe Senfuolismus x. 287 


gang ber unten ausführlicher zu behandelnden Wahrnehmungss 
theorie heißt es mit deutlicher Beziehung auf „zd när xinax 
Mr xl lo map zoöro odölw" „navsa ner, Goneg Alyoner, 
zıveizan," eine Phrafe, die offenbar dem heraffitelihen narsa det 
durchaus analog iR; und daß Heraflit eine fubftratlofe Bewegung 
lehre, hat man bis jegt wenigſtens, foweit mir die Sache 
befannt iſt, noch nicht behauptet. In der Darftellung des 
Wahrnehmungsproceſſes ſelbſt aber if fortwährend von Trägern 
der aftiven und paffiven Bewegung die Rede. Oder ift enwa 
der 5p9algös auch nur eine Summe von Einzelbeiwegungen ? — 
Wir können uns zu dieſer Anſicht nicht erheben. Für une 
bedeuten die behandelten Worte nichts als: alles, wie wir 
ſchon oben bemerften, if Bewegung und nichts als Bewegung 
d. i. in ewigem nimmer ablaffenden Fluß iR alles im Weltall 
begriffen. Alles alſo iR in befändiger Bewegung; aber biefe 
Bewegung kann nicht bloß eine, nach einer Richtung hin ver 
faufende fein, fondern es find, fol anders irgend ein Refultat 
fi ergeben, offenbar zwei Bewegungen erforderlich, die, beide 
in Richtung und Beſchaffenheit verfchieden, ein drittes, wiederum 
von beiden verfchiebenes, aber beiden, wenn auch in eigenthüm⸗ 
Ticher Weiſe, zufommendes Refultat ergeben. Und fo ift es 
aud in der That; berichtet ums doch Plato Folgendes in 
tireftem Anfchluß am die eben beiprodene Stelle: Der Bes 
wegung giebt e8 zwei Arten, beide der Zahl nach gleich unend⸗ 
lich; mit Rüdfihtnahme aber auf ihre Wirkungen muß man 
fie in agierende und reagierende, in altive und paffive, in 
wirfende und leidende eintheilen.*) 

Alfo, fo werden wir fagen, doch wenigfiens ein Anhalts⸗ 
punkt in dem nie ruhenden Meer von Bewegungen; fann man 
doch fie alle nach zwei Klafien rubricieren, indem fie fich theils 
als aftive oder agierende, theils als paſſive ober reagierende 
ihrer Wirkung nad) ausweilen. Aber dem ift in der That 


®) Plat, Thenet 156 A. 10 mäv zivnans dv xal Alle napü todo 
odötv, 1äg Si mıynanms duo eldn, niyder udv Ansıgor Indregov, diva- 
mer db vo udr moiiv Eyor, rd di ndozew. 


288 Trip Sattig: 


nicht fo; denn ſelbſt dieſe Unterſcheidung if feine feſtſtehende, 
für jedes und zu jeder Zeit und unter allen Umſtänden giltige, 
abfolute, fondern nur eine relative, fließende, beländigen Aen⸗ 
derungen und Berfchiebungen unterworfene Berhätmißbeftimmung. 
Darf man doch, wie weiter auögeführt wird, fein Ding mit 
Beſtimmtheit als den Träger einer wirfenden oder leidenden 
Bewegung bezeichnen; denn weder ift etwas ein Wirfendes, 
bevor es mit einem Leidenden zufammentrifft, ein Objekt feiner 
Wirkfamkeit findet, nody umgekehrt eines vor feinem Zufammen- 
Ro mit einem Wirkenden ein Leidendes. a! ebendasfelbe, 
das, wenn es mit dem einen zufammengetroffen if, ein Wirken ⸗ 
bes ift, erfcheint im anderen Galle als ein Leidendes.*) 

Iſt dem in der That fo, find die Bewegungen fo wenig 
trennbar, daß dasjenige, das ich eben noch mit Beſtimmtheit 
als den Träger einer leidenden Bewegung bezeichnen zu können 
glaubte, ſich ſchon im naͤchſten Augenblid als den einer wirtenden 
ausweit und umgefehrt, fo muß daraus die Gonfequenz gezogen 
werden, daß es überhaupt Feine abfolute Verhaͤltnißbeſtimmung 
giebt, Daß nichts eines if an und für fi, fondern daß es 
immer nur durch irgend etwas wird. Das Sein muß man 
von überaliher wegnehmen; — denn „Sein“ bezeichnet ein im 
beſtimmter Qualität und beftimmten Beziehungen Beharrendes; — 
ja! man darf fi diefed Wortes nie und nimmer bedienen, und 
wo wir es dennoch thun, iR dies nur auf Rechnung der @e- 
wöhnung oder des Mangeld an richtiger Erkenntniß zu feßen. 
Man darf naturgemäß bei diefem ewigen Fluß der Dinge, bei 
diefem Sid) : Ster8 - In: Bervegung + Befinden derfelben und dem 
fortwährenden Umſchlagen der wirkenden oder agierenden Bes 
wegung in bie leidende oder teagierende, und umgefehrt, von 
feinem Dinge etwas audfagen, 8 zı &» jorjj, was eine bleibende 
Eigenfchaft bezeichnete, fondern je nady den Umftänden darf 


*) Pl. These. 157 A: zal rd noodv alvainxal 1d ndeyer arredv 
din) ivös vojsas, dc Yasır, oix elvas maylus. oöra ydg messer dari 
Tu, nebv äv ı@ ndayovr, ordläy, ora ndoyo», nglv &r zu naedrın 
10 v6 nos Euvalddr mal mosr Ellp ad mgoomıcov ndoyor dragydry. 


Der protagoreiſche Senſualismus x. 29 


man nur reden von Werbendem und Gewirktem, von Vergehen: 
dem und Berändertem. Legt aber jemand dennoch den Dingen 
bleibende Dualitäten bei, fo if es ein Leichtes, den Betreffenden 
ſeines Fehlers zu überführen. *) 

Aber nicht bloß bei den Einzelvorftellungen, ſetzt Plato 
noch hinzu, if diefe Regel in Kraft, fondern ebenfo bei den 
Sammel» und Allgemeinvorftellungen, denn aud jenes Zu. 
faınmengefegte, das wir mit vem Namen Menſch, Stein, Thier 
oder jeder Gattung bezeichnen, ift ebenfowenig reines Sein, 
fondern auch nur die Refultante von Bemegungsvorgängen.**) 
Auch bei foldhen Begriffen (mie Menſch, Stein, Thier u. ſ. w.), 
bemerft Müller, folen wir an fein Beftehendes denken, fondern 
an ein Werdendes, jollen Wahrnehmendes und Wahrgenommenee 
in unferer Borflelung nicht trennen, follen den Gattungs- 
ebenfo wie den Eingelbegriff al6 den Zufammenflus von Wahrs 
nehmung und Wahrgenommenem uns vorftellen.***) 


®) Pla, Theset. 157 A. B. dire ZE dndvrev vodrur, Ing dE de- 
xis dibyouer, oddiv elvar Fv adıd xa8' ade, dia rım de) yiyrıc- 
as, rö # elvas naysaydsay Ffasgarkov, ody Ir nueis molld zai ders 
wrayzdouda ind ovndtias xal dvemammuoosrns zejedes adrg“ 
1ö d’ od del, eis 3 rev oegedv ädyos, obrs ri Euygugeiv odra 100 odr 
Anos ers öde odı’ dxeivo odra &. o oddiv örona dv» &v lorj, die 
zerd gia qlyyıadan yıyrduıva zal meine xal dnoilliuere 
za) dllmoswuva' eis düv ri m orjan zy) Aöyp, eüileyxros d roöre 
noscr. Daß wir und bier noch in der Darftellung ber Geheimlehre des 
Brotagoras befinden, beweiß der Plural in 6 rev co ds Adyos bi8 zur 
Coldenz. Was wir vor uns haben, if aller Wahrfheinfichfeit nach die aus 
Berquidung des protagotelſchen Erfenntnißprincips mit dem Heratliteiömus 
(oder Gratylismus) entRandene cyrenalfche Genfationstheorie. Vergl. Campbell 
a. a D. introduction XXX M. NRatorp a. a. D. p. 25 nebſt der Anmerkung. 

°*) Plat. Theaet. 157 B. C: dei dd zai zard uägos obrw Adyam zul 
negl molldv dSgacdirımv, dd d9geiouarı Ardgunov 1a 1lderıa, 
za) Aldor zul Innerer Leidv 1a xal alder. 

“+, Blato’s ©. B. über. v. H. Müller, mit Einl. begl. von 8. Stein- 
art ®». Ill. p.217. Anm. 21 zu Theaei. 157 B.C. Anders frelid, erflärt 
Eichel a. a. D. p. 275.unfre Stelle, in der nicht von Begriffen, fondern, 
wie das Ixaorer zeige, von Ginzeldingen die Rede fei, und von dieſen eben 
gelte, daß fie ein Aöyesaua von Qinzelbewegungen feien, eine (rklärung, 
die mit der von une, wie wir glauben, wiberlegten ar! Bewegungs 

Beitfäe. |. BhlIof. m. philof. Mritit. 86. Bd. 





20 rip Sattig: 


Haben wir im Vorigen ben Verſuch gemacht, die Ber 
wegungen als ſolche ihrem allgemeinen Charakter nad) zu zeich ⸗ 
nen und zugleich die Folgerungen darzuſtellen, die id) aus ber 
Beſchaffenheit derfelben für die der Dinge von ſelbſt ergeben, 
fo legen wir und nunmehr, weiter in ber Entwidelung fort- 
ſchreitend, die Frage vor: Welches if die Folge des Zufammen- 
treffend der Bewegungen? Plato berichtet und darüber folgen: 
des: Aus dem Zuiammentreffen der Bewegungen und ihrer 
gegenfeitigen Reibung wird erzeugt der Anzahl nach Unendliches, 
fe zwei aber immer Zufammengehörigeö, wovon das eine, das 
Wahrnehmbare, das aioInzör, dad andere, die Wahrnehmung, 
die aednaıs, ift, welche legtere aber immer zufammentrifft und 
erzeugt wird mit dem Wahrnehmbaren. *) 

Alſo it das Zufammentreffen, die Reibung und Miſchung 
der Bewegungen, die Geburtsftätte fowohl der alsdmaıs, der 
Wahrnehmung, als auch ded alaInror, des Wahrnehmbaren. 
Kein Ding hat demnad eine beftimmte Qualität; fol es zu 
einer foldyen fommen oder beſſer und mehr im @eifte dieſer 
Theorie: fol es für einen Moment fo oder fo qualificiert, fo 
oder jo beſchaffen ericeinen, fo ift der Gegenfampf der Be- 
wegungen dabei Grund: und Hauptbedingung. Zugleid aber 
ergiebt Ach aus Plato's Worten aud dad, daß, da die dloIn- 
sig offenbar nur dem Menſchen (refp. ihm ähnlich organifierren 
Raturindividuen) zukommen kann, der Gegenfampf der Ber 
wegungen nur im Subjeft und Obieft, nur im Menfben und 
dem außer dem Menfchen Tiegenden, der Außenwelt, zu fuchen if. 

Wie if jedoch, das ift die Frage, die fi und zunächſt 
aufprängt, das Verhältmiß der agierenden, wirkenden oder afs 
tiven Bewegung einerfeit und der reagierenden, leidenden ober 


theorie hinfällig geworden If. Die gleiche Erklärung wie Giebel gieht 
Beipers a. a. D. p. 283. 

*) Pleto Thenet. 156 A B: dx dd rs rodrer dulias re zab TEINıEeg 
(152 D: gopi ai xivneıs xal wpdoıs 153 A: goge mal rel 158 E: 
ngesßelj) neds Aliyla yiyvara dxyova nifde uiv Ange, diduue 
46, 18 uiv als9yror, 16 da aledyex, de) oevexninreven za) yarma- 
miry werd vo6 alasnrod. 





Der protagoreiſche Senfualismus x. 2 


paffiven andrerfeit® zu der vom Objekt refp. Subieft ausgehen⸗ 
den näher zu beftimmen? In der That ſcheint es in der Ratur 
der, Sache zu liegen, daß auf die Seite des Objekts das 
Agierende, auf die des Subjefts das Reagierende tritt. Denn 
wollte man auf dem Boden biefer Anfchanungen ſtehend einmal 
annehmen, es gebe Dinge ohne einen fie anfchauenden Menfchen, 
fo feuchtet ein, daß fich diefe auch fo ihrer eigenen Ratur gemäß, 
weil alles in beftändigem Fluß dahinftrömt, in -fleter Bewegung, 
in nie ruhendem Dahingetragen /Werden befinden würden. Und 
doc koͤnnten fie nicht aioIns« werben, zu feiner beftimmten 
Qualität gelangen. Und warum nit? Warum würden dieſe 
Bewegungen rein gleichgiltig und effektlos ſeyn? Es fehlt der 
teagierende Menſch, dad Subjekt, das die vom Objekt aus» 
gehenden Beregungen auf fih einwirken laͤßt und feinerfeits 
eine Dagegen reagierende Beregung erzeugt. So heißt bei 
Blato dasjenige, auf defien Seite bie yAuxuzng tritt, das Ob» 
jeft, dad nor, da, dem die osoInoıs zufällt, das Subjekt, 
das aoxer.*) . 

Es will daher faft fcheinen, als ob im Verlaufe ber Unters 
fuhung die aftive Bewegung mit der vom Objekt auögehenden, 
die paffive mit der vom Subjeft getragenen völlig gleich geſetzt 
worden wäre. Allerdings würde dann ein Wibderfpruch mit ber 
Behauptung, daß felbft die Unterfcheidung in agierende und 
reagierende Bewegungsvorgänge feine abfolute, fondern nur eine 
telarive Verhaͤltnißbeſtimmung fey, conftatiert werden müͤſſen. 
Doch läßt ſich diefe Discrepanz leicht in der Weife löfen, daß 
audy der Menſch ald Träger einer agierenden Bewegung gedacht 
werten fann, infofern er mit einem anderen Menfchen in Wechſel⸗ 
wirfung tritt, ebenfo wie ein Ding reagierend, leidenb oder 


®) Plat. Thezet. 159 D: dydvsnos yüg di 2x Tivmgowueloynuivur 
16 1a mov wa) 1ö ndoyov ylozdıyra ve xol alsdnew, äua papd 
uva Aupdrıga, za) ı udv alodnaıs npdc Tod ndagorros odan alodavo- 
udegv viv ylalscay dmepyäsaro, ı di yluadıns ngds Tod olvon zug) 
@drdv qegouäry yluzdv ıdv olvor 1} öysavodan ylasan imeiyss za 
dra zei yalrıcdım. 
19* 


[7] Frig Gattig: 


paſſw ſich erweilen wird, wenn bie agierende, wirkende ober 
aktive Bewegung ebenfalls von einem andern Dinge ausgeht. 

Mag dem jedody ſeyn wie ihm wolle, dad ſteht jedenfalls 
fet, daß immer, wenn ein Ding zu einer befimmten Qualität 
gelangen, ein alodnzdv werden fol, der Menſch dabei ein 
unerläßlicher Zaftor if; er ift die condicio sine qua non; denn 
es giebt feinen &egenfampf der Bewegungen, bei dem er nicht 
rüdwirtend mitwirkte. — 

Nur zwei beflimmte Bewegungen find im Stande, ein 
beftimmted ‘Produkt zu fegen. Kommt vasjenige, dad auf mid 
wirfte, mit einem anderen zufammen, fo wird auch das Produft 
des Gegenkampfes ein anderes ieyn.*) — Beide Bewegungen, 
aftive und paffive, find unzertrennlich mit einander verbunden. 
Ih muß, beißt es bei ‘Blato, zum Wahrnehmer von etwas 
werben, wenn ich zum Wahrnehmenden werde; denn ein Wahr- 
nehmender und zugleich nichts wahrnehmend zu werden, if ein 
Ding der Unmöglidfei. Das Ding aber muß jemandem 
werden, wenn es jüß, bitter oder fonft wie qualificiert wird. 
Denn zum Süßen, niemandem aber Süßen werben if eben: 
falls unmöglid. Beide, alo9noıs und aiadnzör, find mit 
einander verbunden, an einander gefeffelt. Die Dinge fine 
nicht, noch werden fie, außer infofern fie von irgend einem 
wahrgenommen werden. Daraus folgt aber, daß, wenn irgend 
einer fagt, etwas jei, er hinzufügen müfle, daß es für irgend 
einen ſey oder irgend eines oder in Beziehung auf etwas; unt 
ebenfo ift es mit dem Werden. Denn daß irgend etwas für 
ſich ſey oder werde, darf man weder jagen, nod dulden, das 
ein anderer es fagt.**) Die Dinge find alfo, wie fie einem 





®) Plat. Thenei. 160 A: our’ Zuelvo rd modr Zud iner Elle 
anveide» radrövy yarıjaar Tourer yiryran dns ydg üllor Eile 
yivvjsay dilolov yarıjarım. 

**) Plat. Theaet, 160 A. B. 
rar elodavdusves yizvana 
Savöutvor ddivarov yi 
— Ara roedTor 





dvayan di ya Aus 18 ms yiyraoden. 
losavönvor yüg, under N ale- 
: tıwi yiyvaadaı, dray Yard 

" ylozö ydo, undır) dd ylozs 












Der protagoreiſche Genfualismus x. 293 


feben erfcheinen, d. i. verſchiedenen verſchieden. Unabhängig 
von dem reagierenden Subjefte fommt ihnen überall feine Quali⸗ 
tät zu, denn weder ein Warmes noch ein Kaltes noch ein 
Süßes noch überhaupt ein Wahrnehmbares iR nad Protagoras 
etwas, wofern man es nicht wahrnimmt. *) 

So wird denn Protagoras zum Wortführer eines Subiel- 
tivismus, wie er fehroffer und confequenter durchgeführt wohl 
nicht gedacht werden fann; denn alles iſt oder richtiger: wirb 
nur für den Menfchen und durch den Menfchen d. i. unter 
feiner Miwirkung, unter der Beteiligung der von ihm aus 
gehenden reagierenden Bewegung fo oder fo beſchaffen. Ohne 
den Menfcyen giebt es überall fein aloInzov; die Welt ift 
nur, wenn der Menſch fie anſchaut. Er ift fo in gemiflem 
Sinne der Schöpfer der Welt, werigftens feiner Welt; denn 
jedes aloInzov entfteht nicht bloß durch ihn, fondern es ent⸗ 
ſteht auch fo für ihn, wie es entfteht. If er doch nicht der 
Urheber einer Bewegung überhaupt, fondern einer fo ober fo 
beſchaffenen Bewegung, die ald der Hauptfaftor bei dem Gegen» 
kampf der Bewegungen ber alosmaıs wie dem aladnzdv ben 
Stempel aufprüdt. Wenn dad Kind zum erfien Mal bei er: 
wachendem Interefle die Gegenftände der Außenwelt anfchaut, 
fieht es fie nicht, fondern bewirft, daß es fie fieht, daß es fie 
fo fiebt, wie es fie ſieht. Die Welt, die der Menſch um ſich 
fieht, iR fo nur ein Echo feiner felbft; die Welt fchaut in ihn 
hinein, wie er in fie hinausſchaut.**) 


dva, eirı yyröpida, yiyvasdan, insineg Aucv # dydyan ray odeia 
srrdi uiv, ovrder di odderi rev did, oud’ ad Nulv adrois. 
alliloi da Asinera, auvdediodas, ste elrı vo elvai ru dvoudden, 
torb elvan 5 Tovds A mpöc 16 Onrdov air, else ziyraodın" adıd dä 
ig’ aöreo ro 5 öv N yoyyduevor odre adıı daxrsov odr' Allov Adyov- 
10$ dnodexräov, ds 6 Adyos dv dusinkidausv onuaiven. 

*) Arist. Met. IX. 3. 1047 0. 5: odre ydp ıezodv oöre Fegudv 
odre ylead odre Sloıs alo9yröy older dor un alodavouirur. (So 
Doniß in feinem Gommentar für das handfſchriftliche alosavöuevor.) 

**) Die bereditigte Idee übrigens, die diefer Auffaflung zu Grunde 
Hegt, werden wir {m zweiten Theile unfrer Arbeit ſcharf hervorzuheben und 
im kennzeichnen verfügen. 


2 Brig Sattig: 


Daher hat Plato volltommen recht, im Sinne diefer Theorie 
das alodnzöv, daS der Empfindung Eorrefpondierende, al ihr 
volltommen gleichartig, ihr blutöwerwandt zu bezeichnen, fo die 
mannigfaltigen Farben den mannigfaltigen Geſichtsempfindungen, 
denen des Gehörs die Töne, überhaupt den andern Wahrneh ⸗ 
mungen dad andere Wahrnehmbare, die anderen aleInzd, die 
zugleich mit jenen entfiehen.*) Beide find eng mit einander ver» 
bunden; ändert ſich das empfindende Subjeft, fo modificiert ſich 
hiernach aud das aloInr6v, dad ja nur ein Refultat des Gegen 
tampfes der Bewegungen if, die vom Subieft und Objeft 
ausgehen. „Ieder objektive Wahrnehmungsinpalt if für ein 
wahrnehmendes Subieft,* bemerft Laas richtig, „iedes Subjelt 
fegt wahrgenomimene Inhalte ſich gegenüber voraus; Subjekt 
und Objekt find unzertrennliche Zwillinge, Reben und fallen mit 
einander. Oder ... wahrnehmendes (alfo auch, da „denken“ 
dem Senfualiften nur als „transformierted* Wahrnehmen gilt: 
denfendes) Subjeft zu ſeyn, ohne etwas wahrzunehmen (refp. 
wahrgenommen zu haben) if unmoͤglich; oder: Bewußtfenn, 
Seele, Ich abs und jenfeit der finnlichen Wahrnehmung iſt — 
Nichts.“ Drum will auch Laas**) für diefe Erfenntnißtheorie nicht 
mehr die Bezeichnung „Subjectivismus“ dulden, „fondern — 
wenn für etwas fo Einfaches und Natürlicyes ein fo complicier- 
tes Wort nicht zu barod Klingt — Subject - Objectivismus; fie 
iR genau genommen nicht Relativiemus, ſondern Correlas 
tiviomus. 

Intereſſant und den conſequenten Senſualismus unſeres 
Philoſophen recht Deutlich bezelchnend iſt es auch, daß Prota⸗ 
goras zu den aloſjoec nicht bloß die Empfindungen, ſondern 
auch Gemütsaffectionen rechnete; werben doch neben den Geſichte⸗ 
Gehoͤr⸗ und Geruchsempfindungen, neben benen ber Kälte und 


*) Plat, Tbeaet. 156 B. C.: rò & ad aladysdr yävos vodrwr Imde- 
Tas dusyever, due, uiv Yocuara navsodenek navredand, desmk 
di drudrug yavai, za) rals Allaıs aledjsrcı rad Alle alsdyrd Euy- 
year) yıyrduve, 

**) Band, -ld. u. Pos. I. p. 181 f. 





Der protagereiſche Senfualisunus x. 2908 


Wärme auch die der Luft und Trauer, fowie die Begierden ges 
nannt, mögen biefelben nun Befürchtungen oder fonft wie 
befchaffene ſeyn.) Daher bemerft auch Diogenes Laertius 
durchaus richtig: Zreyd ze undlv eva zYv wurip napd zäg 
alsꝰ qjouczee) denn nicht bloß die Erfcheinungen unfres fubjels 
tiven Lebens, die wir mit dem Ramen „Empfindungen, Wahrs 
nebmungen® u. f. w. bezeichnen, find hier unter dem Worte 
„eloImous* zu verfiehen, fondern alle Affette, Wollens- und 
Demfafte, furz der ganze reiche Inhalt unfres pfychiich =geiftigen 
Lebens iſt unter diefem Ramen zufammengefaßt; in feinem ganzen 
Umfang verdankt derſelbe demnach feine Entftehung lediglich dem 
Gegenkampf zweier collivierenden Bewegungen. — Es genügt, 
dies bier lurz erwähnt zu haben; wir wenden uns nunmehr einer 
widhteren Ausführung zu. 


B. Der Wahrnehmungsproceh. 

Wir wollen nunmehr verſuchen, und ein möglich genaues 
Bild von dem Zuftandefommen der Wahrnehmung im Geifte ver 
eben in ihren Grundzügen dargeflellten Theorie zu entwerfen. 
Ein foldyes dürfte fi, wenn wir zunächft die Empfindungen 
oder Wahrnehmungen des Geſichts in den Kreis unferer Betrach⸗ 
tung aieben, etwa fo geftalten: 

„Das, was man weiße Farbe nennt, ift nichts außerhalb 
der Augen und nichts in den Augen, fondern weiße ſowohl wie 
ſchwarze oder welche es auch immer fei, entfieht nur aus dem 
Zufammentreffen der Augen mit der ihnen entfprecyenden Bes 
wegung; und dad, was wir nur immer weiße Farbe nennen, 
iR weder bie aftive noch die paffive Bewegung, weder das 
Agierende noch das Reagierende, fondern etwas in der Mitte 





*, Pla. Theset. 156 B: al udv odr alesjens rad radde Hulv 
Igovaı dvduasa, Byas va za) dxoml zal daygjans xai wülns Ta zul 
xadans za) Adeval ya dj zul Aüna za) dmisaulas zal yößer zexin- 
nivas za) dlles, ändgaysos udv al dvavvuen, naunindeis dd al eivo- 
nasuivas. 

=) Diog. Laert. IX, Bl. 


296 ’ Fri Sattig: 


Legende, das jedem von beiden im eigentümlicher Weiſe zus 
fommt.**®) J 

Die Farbe iR nichts für ſich Beſtehendes oder eine beſtimmte 
Eigenfchaft Bezeichnendes, nichts den Dingen an und für fi 
Inhärierended und fie Kennzeichnendes, fie ift weder eine Eigen» 
(haft des Dinges, dem wir fie aufprehen, an bem wir fie 
wahrzunehmen glauben, noch eine Eigenſchaft des Auges, dad 
die Farbenempfindung hat, das das Ding als Farbiges ficht. 
Sondern was if fie? 

Sie iR ein in der Mitte Liegendes, nämlich ein Refultat 
zweier Kräfte, welches von dem Vunkte des Zuſammenſtoßens 
diefer beiden Kräfte aus nach beiden Seiten feines Urfprungs 
hin mobificierend zurücwirkt; fie it ein Refultat zweier Beiwe- 
gungen, welches dadurch zu Stande fommt, daß beide mit ein- 
ander collibieren, in Wechſelwirkung treten. — Mit vollem Recht 
beißt es auch, daß dieſes in der Mitte Liegende jedem von beiten 
Faktoren in eigentümlicher Weife zufomme; denn fie beide, beide 
Bewegungen, ſowohl die vom Menichen wie die von dem als farbig 
angefchauten Gegenftand ausgehende, tragen in ber jebem zu: 
kommenden und feiner Eigentuͤmlichkeit entfprechenden Weiſe zur 
Gewinnung des Reiultates bei, und für beide wird das Refultat 
ein in verſchiedener Weile fi ausprägendes, und zwar nad 
der Seite des DObjefts hin als die Dualität des Empfundenen, 
nad) der des Subjeftd ald der Akt des Empfindens. 

Die Sache verhätt ſich alfo fo: eine gewifle Bewegung des 
Obiekts trifft mit der des Subjeftö zufammen, wodurch beide, 
Subjeft und Objekt, eine befimmte Qualität erlangen, nämlich 
das Objeft roth, blau, violett u. f. w. wird, im Auge eine 


*) Plat. Theaetet 153 D. E. 164 A: zard vd Auuara mgerer, & di 
xalalg zoeina Aevxör, un elva, aörd Fragor 1ı Ku rev oar duuarer 
und’ dv Tols Bunan...... indjuede 7 dor» Adyp, undiv adrd zu)" 
adrö iv öv ru9ivres‘ xal Aulv oirw udley re zal Asoxöv wel drsedr 
&lo yodua dx Täs moosßolis rev dumdrev nods 159 moposjxoueer 
yogdv gavelıas yeyıyqudvor, zal 8 di Ixaorer alvai paner yodne, 
0013 8 moosßäddor oöre To mgosßalläuser Hera, dila uerats 1 
Ixdarp Idıov yeyords. 


Der protagoreifhe Senfualismus xc. 297 


rothe, blaue, violette u. ſ. w. Barbenempfindumg entfteht. Ober 
genauer gefagt: Wenn dad Auge und ein Gegenſtand, ber 
auf daffelbe zu wirfen geeignet if, einander nahend weiße 
Farbe und Empfindung davon erzeugen, was ein Ding ber 
Unmöglidjkeit wäre, wenn jedes von beiden zu einem anderen 
gefommen wäre, — dann, indem bie Bähigfeit zu fehen, bie 
Sys, von den Augen her, die Bähigfeit, eine weiße Fatben⸗ 
empfindung zu vermitteln, weiß zu erfcheinen, bie Asuxdrng, 
von dem Gegenflande her, der die Farbe miterzeugt, ſich eins 
ſtellt, — dann, fage ich, wird das Auge des Sehens voll und ſieht, 
wird aber nicht Swss, abfoluted Sehen, Sehen überhaupt, fondern 
nur ein momentan ſehendes Auge; ebenfo ſteht es mit dem bie 
Barbe miterzeugenden Gegenftande. Er wurde in dem Momente, 
als die beiden Bewegungen, die vom Auge und vom Gegen» 
fland ausgehende, collidierten, ber weißen Barbe voll, er wurde 
weiß, aber nicht weiße Farbe überhaupt, fey es nun daß ein 
Stüd Holz oder ein Stein oder was es aud immer fey, mit 
diefer Farbe gefärbt wurbe.*) 

- Hier haben wir deutlih dad nur für einen Augenblick 
fräftige Ergebniß des Gegenfampfes der Bewegungen ausge 
ſprochen. Das Auge, mit Schfähigfeit begabt, — fo werden 
wir dad Wort dyıs an der erften Stelle auffaffen müflen -- 
urfprüngli nur ein potentia oder durane ſehendes, wird in 
dem Gegenfampfe der Bewegungen ein wirklich fehendes, ein 
actu ober Övegyeig fehendes Auge; aber es wird nicht Geſicht 
überhaupt, denn dies Zvepyeig fehende Auge wird mit dem Aufs 


*) Plat, Theset. 156 D. E.: dneddv od» Zuna xal Aldo zu rev ode 
ve Eounirguv nÄndıdoav yaryılen vv Aevxöryrd ve zu) aladnaıy ad- 
rg Eöugvior, & odx dv more dydvaso Äxarigov dxsivan ngds Alle 
däsövroc, rörs di marakd Qegoudrar tüs iv Bırens mgöc Tor dp9ad- 
war, vis dd Asuxörgtog meds Ti ausanorixrovros rd zedun, d 
ndv öydeiuös Age Eyerıs Iunlaug dyivero xal dog di vöre zai dyk- 
were ob re dir, dild dpdaluds ddr, 1ö dd koyyarıjoay 1 yodna 
Anwnörnrog negienijadn wal Ayirano ou Auuxdrng ad didd Asuxin, el 
ra böier, el re Aldos el va drsodv Eoräßg zowodhrm 19 rn 
xednars. 


298 Brig Sattig: 


bören ber Gollifion der Bewegungen wieder ein nur durane fehen- 
des. Ebenſo wird ber Gegenſtand, bem bie Aevxörns potentia 
innewohnt, im Gegenkampfe ein Aeuxöv, ein actu weißer, finft 
aber wiederum mit dem Auseinandergehen ber Bewegungen in 
den Zuſtand der potentiellen Weiße zurüd. — 

Die Sache fcheint demnach Mar au liegen: das Objekt hat 
Aeuxösng d. 1. die Bähigfeit, bei der Eolliion der von ihm auß- 
gehenden Bervenung mit ber des reagierenden Auges weiße Far⸗ 
benempfindung au vermitteln; das Subjekt befigt öyıc d. i. bie 
Fähtgfeit, gegen die agierende Bewegung des Objeft6 zu reagie⸗ 
ren. Der Träger biefer reanierenden Bewegung iR das Auge, 
welches durch die Gollifion der Bermegungen zum Sehen beftimmt 
wird, ſehendes Auge wirb, welches nun das Obieft als mit 
einer beſtimmten Farbe behaftet erfchaut. Sich felbft beträgend 
iſt der. Menſch zu der Annahme geneigt, dies für eine bleibende, 
von unfrer alodmeıs unabhängige Eigenſchaft der Dinge zu 
halten. Wir glauben fälfchlich, der Gegenſtand, ben wir weiß 
fehen, der weiß iſt, wenn wir ihn anſchauen, fei auch unab ⸗ 
bängig von unferem Anfchauen weiß. Dem ift aber in Wahr 
heit nicht fo. Daß ich aber mun dennoch biefe Empfindung habe 
und zu ber Ausſage mich berechtigt glaube: dieſer Gegenſtand 
iſt weiß — iſt einzig und allein das Ergebniß des Gegenkampfes 
der agierenden Bewegung eined Gegenſtandes mit der reagieren- 
den tes Auges. — 

Doch die Farbe fteht in dieſer Beziehung nicht allein ba; 
wie mit ihr, fo verhält es fich auch mit allem anderen, was 
wir Menfchen als Eigenſchaften von den Dingen präbicieren. 
Rauhes, Warmes ſowie alles andere muß man ganz in berfels 
ben Weiſe auffaffen, daß es an und für fich nichts if als das 
nach der obfeftiven und fubiektiven Seite hin reflectierte Refultat 
der Eollifion der Bervegungen.*) 


*) Plat. Thezet, 156 E. 157 A.: za) rdlla di edrw, oxingdr mad 
Segudv nal mävıa, vdy adrdr rodnev dmeinnrior, adrd mir nad" 
abro undiv ılvas, 5 dı} xal rora dlbyouer, dv dd ra nodc Alinle dun 
Mg närsa yiyraodas xai navrola dnd Tijs zıyjaaws. 





Der protagoreifge Genfualismus x. 29 


Da biefe legtere Bemerkung befonderd bie Empfindungen des 
Taſiſinns anbelangt, fo werden wir und aud bier im Geiſte 
diefer Theorie zu denfen haben, daß das betreffende aladnzör, 
das Harte, Warme u. ſ. w. einerfeit6 und die dazu gehörige, 
ihm blutsverwandte alodyaıg, die Empfindumg des Harten, 
Barmen u. f.w. andererfeit6 nur ein ®Broduft des Gegenkampfes 
der Bewegungen fey, von denen bie eine, die agierende, ausgeht 
vom Gegenſtaude felbft, der und hart, warn u. f. w. erfcheinen 
fol, die andere, die reagierende, von bem Subjekt ober für 
unferen ipeciellen Fall genauer: von dem Sig des Taftfinne im 
Subjekt, d.i. der Haut. 

Nicht anders wie mit den Empfindungen des Geſichts und 
Getaſts verhält es fich mit denen des Geihhmade. Wir haben 
den Gegenſtand, das Objeftt — fagen wir: den Wein — und 
das Subjekt oder genauer: den Träger der Geichmadsempfins 
dung im Subjefte, die Zunge. Der Wein befipt yAuxdunc 
d. i. nicht: er ih an und für fih füß, fondern er befipt die 
Faͤhigkeit, in Bolge des Gegenfampfes der Bewegungen füßer 
Wein zu werden, füßen Geſchmack zu vermitteln; die Zunge 
binwieberum befigt alasmaıg d. i. die ihr immanente Potenz, 
kraft desſelben Proceſſes empfinden zu werben, den Wein ale 
fügen zu ſchmeden, die aloInaıg des Süßen zu erzeugen und 
fo fi ſelbſt den Schein vorzufpiegeln, der Wein fey an und für 
fich füß, ob eine Zunge ihn ſchmecke oder nicht. Aber erſt durch 
den Gegenlampf der Bewegungen, der agierenden vom Wein 
ausgehenden und ber reagierenden vom Subjekt auögehenden und 
genauer von ber Zunge getragenen, wird der Wein für das 
empfindende Subjekt und nur für dieſes eine momentan füßer 
Wein, während er unter veränderten Umftänden d. i. beim Wechſel 
des Subjelts oder bei veränderter Dispofition desfelben, faurer 
Wein feyn fönnte.*) 

Diefe drei Beifpiele werden, hoffe ich, die in Discuffion 
ſtehende Wahrnehmungstheorie nach ihren weſentlichſten Bezie⸗ 


©) Beraleiche die ſchon oben p. 17 Aum. angeführte Stelle aus 
Plato's Thesetet 159D. 


300 rip Sattig: 


hungen in das helle Licht eines richtigen, Haren Berfländniffes 
gelegt haben. Verſuchen wir es nunmehr die Sache noch einmal, 
abftraft, ohne ein Beifpiel zur Berdeutlihung zu Hilfe zu nehmen, 
darzuftellen, fo fönnen wir mit Plato fo fagen: Das Leidente 
wird ein Wahrnehmendes, aber nicht überhaupt Wahrnehmung: 
das Wirfende, das Objeft, wird ein fo oder fo Beſchaffenee, 
ein aoroͤ⸗, nicht aber die Eigenfchaft an und für ſich, nicht eine 
beſtimmte Beſchaffenheit, dieſe nosoıns. Denn nichts iR eines 
an und fuͤr ſich, weder das Wirkende noch das Leidende, weder 
das Agierende noch das Reagierende, ſondern auf Beranlaffung 
beider, indem ſie an einander geraten und das Wahrnehmende 
und das Wahrgenommene erzeugen, wird das eine ein irgend 
wie Beſchaffenes, das andere ein Wahrnehmendes.“) — 

Es liegt am Tage, daß hier unſer Gewaͤhrsmann für bie 
mehr conereten Ausdrüde nur die Abſtrakta mov und zosang 
eingeführt hat; denn verſuchen wir es, für das allgemeinere 
mob» daß fpeciellere Aeuxdv reſp. oxAypor, Fegöv oder yAuxs 
einzufegen, beögleihen für nordeng die Subftantiva Asuxirng 
tefp. oxAnpözng, Fegmöreg oder yAuxuzng, fo wird deutlich, daß 
diefelbe Theorie, nur in abftraft gehaltener Terminologie, und 
vorliegt. 

Demnach iſt nichts eined an und für ſich, nicht hat eine 
beſtimmte Eigenfchaft, fondern jedes Ting erhält fie erſt, wird 
erſt beſchaffen, ift es nicht, unter dem Einfluß des Gegenfampfes 
der agierenden und reagierenden Bewegung. Nur diefe Eollifion 

*) Plat, Theaet. 182 A. B.: Zxime den nos röde adrdr Tic Ip 
ubrnzos jAeuxdrnrog f Örovoov Yaramıvody odru mn Udyouer güras 
adross, pigsodar Ixasrov army Au alodjaeı uerabd Tod naoNvrs 
re xal ndoyorıos, zul To uiv ndayor aladgräv dAl' odx alasıcır 
I yiyvaosar, 10 dd moi» mov 1 dl’ od mosına; Taws oUv # 
nodrns Aua dildxorev re yaiverın Övaum xai od marddvans dIgdor 
Aayduevov' xard uegn olv dxove. To yap nooür odre Jeguäıns odre 
Aauxdıns, Stouov di za) Asuxöv yiyvırar, xol sdlle oßrw" uäurnam 
Yag neo za) dv vols ngdasev Bıs ofrus däbyouev, Ir undiv ars zus" 
drd alvar, und’ adrd nowdr q miayov, aM’ IE dugoriger meds 
Binde soyyıyrouiver is alasjasıs xal ra alosyrd dnorixrome« 1a 
uiv nord Aria yiyraodar, ra dd alodavausva. 





Der protagoreiſche Genfualismus x. 301 


läßt den Gegenftand in biefem einen Momente für dad dabei 
reagierende Subielt mit einer beflimmten Eigenſchaft behafte 
erfcheinen, während die Qualification des Gegenflandes, die Art, 
wie er erfcheint, im nächften Momente je nad) der Veränderung 
des Subiekis eine veränderte feyn kann. — -- 

Hier if zugleich der Punkt, wo ich es nicht unterlaffen 
möchte, auf die (ſchon oben im Borbeigehen angebeutete) Aehnlich⸗ 
feit und zugleich Verfchiedenheit der von un jo eben bargelegten 
Anfihten des Protagoras und der des Heraflit ınit wenigen 
Worten einzugehen. — 

Heraflit, dem alles fid) im Fluſſe befindet, nüpft diefen 
Gedanken der abioluten Beränderlichfeit alles Seyns von Anfang 
an an eine beftimmte phyſikaliſche Anſchauung, indem er die 
Behauptung aufſtellt: alles fey feinem Wefen nad) Beuer. Dem: 
nad, bei dem nie aufhörenden Metamorphoflerungsprocefie, bei 
der nie auch nur einen Augenblid unterbrohenen Wiederholung 
der ödds ävw und xarw d.i. der Ummandlung des Feuers in 
Bafler und der des legteren in Erde und umgefehrt, fann 
ſchlechterdings nichts auch nur einen Augenblid ſich ſelbſt gleich 
bleiben, ſondern jedes Ding hat in jedem Augenblicke verſchie⸗ 
dene, entgegengefegte Zuftände, Beftimmungen, Kräfte und Eigen⸗ 
ſchaften an fih; darum kann man auch fagen: jedes Ding if 
alles; und der Honig bitter und füß zugleich”) Die Aehnlich⸗ 
feit dieſer Gedanken mit denen des Protagoras liegt auf der 
Hand; die Verſchiedenheit aber, die bei’ aller anſcheinenden 
Gleichheit dennoch zwiſchen ihnen trennend waltet, "legt in 
Folgenden: 

Dem Heratlit fommt es auf dad Subjekt, dad bei Protas 
gorad rad Hauptmoment bei dem So-oder-So-Qualificert- 
Werden der Gegenftände ift, gar nicht an; ihm find die Dinge 


*) Sat. ı Eop. Prrrb, Hypot. II. 69, 63: ärdga wir der f Fogyiov 
dıdreim, xaß' fr gncr undiv elvas, Ärdga dd ı "Hgaxdsirou, xad’ jr 
ya navıa alvas (jeded jel alleh). — dx 105 16 äls roiade udv nıxgör, 
voiede di yexd galvandın E nir .Inudugsros Ign wire ydvad aird 
edvas une nırgor, 6 JE "Hodzkesıos duyörega, 


308 Trip Gattig: 


fo, wie fie find, ob ein Subjeft da ift, das fie anfchaut oder 
nit — gleihviel. Mag für den Philoſophen von Epheſus 
der Honig fowohl bitter wie füß feyn, fo liegt das bei ihm 
nicht an dem Subjefte, dad ihn fchmedt, fondern der Honig 
hat thatfächlich beide Eigenfchaften in Folge des ſteten Metamor- 
phofierungsprocefies des Stoffes, des Feuers, das ſelbſt zu allem 
fid) wandelt. Der Boden alfo, auf dem fie fiehen, ift bei beiden 
ein ganz verfchiedener; Heraklit fennt wirklich objektive, allers 
dings ſtets wechſelnde Eigenfchaften der Dinge, deren Vorhan⸗ 
denfein Protagoras beftreitet. Der tiefere Grund aber dieſer 
Verfcbiedenheit bei aller anſcheinenden Gleichheit iR die als der 
fennzeichnende Unterſchied zwifchen der ſophiſtiſchen und vor 
ſophiſtiſchen Philofophie heroortretende Thatſache, daß die grier 
chiſche Forſchung vor dem Auftreten der Sophiſtik weſentlich in 
der Anfbauung des Objeftd befangen war, ohne die fubjeftiven 
Beringungen diefer Anfhauungen zu unterfuchen, die Sophiſtil 
dagegen mit aller Macht auf das Subjekt allein ſich warf und 
nad ihm die erfcheinenden Objekte ſich richten ließ. Und in 
diefem Sinne hat Ft. A. Lange vollfommen Recht, wenn er im 
Anſchluß an eine ähnliche Erwägung, wie die vorhergehende den 
Sag ausſpicht: Protagoras if darin unverkennbar ein Borläufer 
des Sofrates, ja er fleht im gewiflen Sinne an der Spige der 
ganzen antimaterialiftiihen Reihe, die man gewoͤhnlich mit 
Sofrate® beginnen läßt. Mit nicht geringerem Rechte fügt er 
aber noch hinzu: Gleichwohl behält Protagoras noch die engſten 
Beziehungen zum Materialisnus, eben dadurch, daß er vom 
der Einpfindung ausging, wie Demofrit vom Stoff; zu Plato 
und Ariftoteles aber tritt er dadurch in fehroffen Gegenfag, daß 
ihm — und audy diefer Zug iſt dem Materialismus verwandt 
— das Einzelne und Individuelle dad Weſentliche it, während 
jenen das Allgemeine.*) — 

&he wir diefen Abſchniit verlaffen und den Verſuch machen, 
die Folgerungen, die fid) aus der dargeſtellten Wahrnehmungs ⸗ 


*) Br. A. Range a. &. D. p. 28. 2. 


Der protagoreiſche Genfunlismus x. 33 


theorie ergeben, zu charafterifieren, ift es umfere Pflicht, noch 
auf eine Stelle des platonifhen Theaetet (156 C. D.) näher 
einzugehen, die, nicht ganz leicht verſtaͤndlich, die mannigfaltig« 
Ren Erklärungen gefunden bat; wir meinen bie Worte: rasıe 
nörsa ulv, Öcnep Alyoner, zwei, söyog 82 zul Beuduric 
Bu ıf xıngası adrür. boov udv obv Boadi, iv 75 arg xal 
ag05 Ta nAnoıalovsa zyv xionow layaı xai obıw di yarıd, 
ra d2 yerauma obıw di Iarım dort. — rap xal dv 
Popz adrör fh xirmoıg nlgunıv. — 

Diefen Wortlaut bieten uns alle Handfchriften; dennoch 
glaubte man die nicht unverderbt ſcheinende Stelle durch Eon- 
jeftur emendieren zu müffen; da6 door uev od» Agadu forbere, 
fo meinte man, befonder8 nach dem voraufgehenden raͤxoc de 
xal Beadvsn; ein nachfolgende door» de zaxd; auch bleibe das 
1a d2 yerrauera Jarıw karl nad) dem door ger oliv Apadu 
vollfonmen unverftändlich. Aus diefen Gründen fchrieb Eornarius 
mit Annahme einer nicht unbebeutenden Lüde Folgendes: doo⸗ 
niv obv Bgadd xrl. zul, va dd yarruuva obsw dh Bgadizepu 
low‘ 3oor di ad Taxi, npds z& nödewder ziv zinaw Toy 
xel odrw yarva, ra dd yerımuera ebrw di Yarıw doriv, ein 
Borfchlag, der fowohl von Henricus Stephanus wie von faR 
allen anderen Herausgebern Platos acceptiert, fi im Text far 
vollſtaͤndig eingebürgert hat. Nur Stalbaum bradte, um den 
Einſchub dieſes längeren Zufapes, defien Ausfall übrigens aus 
einem Abirren des Auges von dem erflen züsd? yerrsuera obrw 
4 auf dad zweite ohne größere Schwierigkeit ſich erklären 
laffen würde, unnötig zu maden, eine andere Konjeftur vor, 
indem er unter Beibehaltung der handfchriftlichen Ueberlieferung 
nur vor yermdueva „‚Yärzov“ einfügte, eine Lesart, die, an 
Sinn der des Gomarius glei, allerdings eine bei weitem nicht 
fo elegante, concinne und leichte Periode ergiebt. — Erft 
Martin Wohlrab*) brachte einerfeitd einige nicht unbedeutende 
Verdachisgrunde gegen die Conjeltur des Eornarius als folde 


*) Iaprbüder f. Najj. Philologie 1868, p- 27 fi. 





304 Irig Gattig: 


vor, andererfeitö ſcheint er mir den Beweis wenigftend nad) der 
negativen Seite mit unwiderleglicher Schärfe geführt zu haben, 
daß die bisher übliche Lesart das Verſtaäͤndniß ter ganzen 
Theorie in nicht unerheblicher Weife ſtoͤre und mit dem Nach-⸗ 
folgenden in gar feinem Zuſammenhang ftände. Er fchlug daher 
vor, die urfprünglihe, von den Handſchriften dargebotene Les⸗ 
art wiederum zum Bundamente der Erflärung zu machen. 

Die meiften anderen Interpreten diefer Stelle hatten durch 

tihre Auslegung derfelben eine vermeinte Rüde in der protagor 
teifhen Erfenntnißtheorie ausfüllen zu fönnen geglaubt. Denn 
in der Meinung, einem fo Iharffinnigen Manne wie Protagoras 
hätte die große Verſchiedenheit in dem Zunftionieren der einzelnen 
Sinnedorgane nicht entgehen Snnen, glaubten ſie dieſe Stele 
in folgender Weife erflären zu müflen: 

Manche Organe des Subjeftö, z. B. der Taf: oder Ge 
ſchmacksſinnn, find trägerer Ratur, haben nur die Bähigfeit lang: 
famerer Bewegung ; fie fönnen daher nur dann gegen Bervegungen 
reagieren, nur bann mit ihnen collidieren, wenn dad Objekt in 
ihre nächfte Nähe fommt. Anders ſteht es dagegen mit dem Seb⸗ 
oder Hörvermögen; fie haben eine ſchnellere Bewegung unt 
können darum auch entfernteren Bewegungen, in ihrem Wirkungs 
kreis nicht an einen und benfelben Ort gebunten, gleichſam 
entgegenfommen, um fo mit ihnen in Wechſelwirkung zu treten, 
gegen fie zu reagieren. — In dieſem Sinne behandelten 
Vüringa*), Zeller?*) und Scanz***) unfere Stelle, währent 
Breit) über die Beziehung derfelben zum Ganzen der protago- 
reifchen Theorie fo gut wie gar nicht ſich ausſpricht. 

Einen Schritt weiter über jene hinaus that ſchon D. Weber tt) 
der, obwol ſchließlich zu demfelben Refultat gelangend wie jene, 
doch in den Worten „doo⸗ per odr Apadv xrA.“ nicht eine 





®) Bitringa 0. a. O. p. 9. 

**) Seller a. a. D. p. 898 Anm. 1. 
“) Shan a. a. O. p 73. 74. 

+) Beet a. a. D. p. Bl. 82. 
tr) O. Weber a. a. D. p. 29— 32. 








Der protagoreifche Genfualismus x. 305 


Beziehung auf die Sinne allein fah, fondern fie de rebus motis 
universe verftand. Zugleich brachte er jnah Stallbaums Bor 
gang den Gegenfag von Apado und zaxd mit dem von AAdolo- 
os und zegıpops, wie er von Plato*) als der zwiſchen 
Aenderung bei Beharren an demſelben Ort und Ortöveränderung 
aufgeftellt wird, zufammen. — 

Ale diefe eben vorgeführten Erflärungsverfuche gingen von 
der Lesart des Cornarius ald genügend beglaubigtem Fundamente 
aus. Anders der ſchon oben erwähnte Martin Wohlrab und 
Herrmann Eiebed. — Allerdings begehen beide den Fehler, den 
Brotagoras fubftratlofe Bewegung lehren zu laflen; beide meinen 
erſt fo d. i. bei der von ihnen angenommenen Erflärung ber 
gedachten Stelle „gründlich von der Inkonfequenz loszukommen, 
den Sophiften als extremſten Vertreter der Bewegungstheorie 
binzußellen und ihn trogdem noch Dinge in bem Sinne von 
Subftanzen annehmen zu laffen, von denen dann die Bewegung 
ſelbſt noch begrifflich und thatſächlich zu unterfceiden wäre.“ 
„Dinge als Subſtrate der Bewegung,“ behauptet Siebed, „giebt 
es für Protagoras nicht, fondern nur Dinge (Erfcheinungen) als 
befondere Arten der Bewegung; alles ohne Ausnahmg ift bei 
ihm in Bewegung autgeloͤſt.“ *) 

Demnad erflärt er diefe Stelle fo, daß er in ben lang- 
famen Bewegungen, „melde im Weſentlichen an bemfelden Ort 
vorgeben und fi) nur gegen das, was ihnen nahe fommt, gel- 
tend madyen,” „die im Raum gegebenen ühtbaren und greif⸗ 


®) Plat. The⸗ei. 181 C. D.: don zıvelades zalsic, Bray 1ı yulgar 
dx yeigus urapallg 5 xai dv TO arg rein; — rodte udv 
reivor iv Hero eldos. Irav di} wir dv ro adıg, ynedaen di, # 
usiay dx levæoo 5 oxingdv dx ualaxod yiyvaras, F rıva dllnv di- 
ietwery dilondren, don odz äfsov Eragov aldos yarcı muvjasus; — 
dio di Adym rovrm aldy zıvgasus, dAloiuae, av dE magsgogdv. 
Bas die von Seller a. a. D. p. 896 Anm. 1 und Sichel a. a. D. p. 275 
gegen Wohlrab p. 29 aufgeworfene Frage betrifft, ob dieſe Ausdräde wirt 
lich vrotagoreifd ſelen oder nicht vielmehr nur platonifhen Urfprungs, fo 
fühlen wir und mehr bewogen, mit Zeller und Giebel daB Icptere anzus 
nehmen; WBohltab neigt der erfleren Anſicht zu. 

**) Sichel a. a. D. p- 274. . 

Beitfepe. f. Wpllof. m. pbileſ.æritit. Be. Bo. 20 


36 Erig Gattig: 


baren Dinge ſelbſi“ ſieht; die aus der „Wechfehvirfung des 
Dinges d. h. einer ſolchen langfamen und ohne wirkliche Orte 
veränderung vor fi gehenden Bewegung mit dem, was fid, 
derfelben gleichfalls (als Bewegung) genähert hat,“ entſtehenden 
beſtimmten Refultate bezeichnet er als „Ichnellere Bewegungen, 
denn ihre Eigentümlichfeit if im Unterichiede von jenen weſent⸗ 
lid) räumliche Ort6veränderung.**) Zugleich bemerkt derſelbe 
Gelehrte mit vollem Rechte, daß Plato öfter die aus dem 
Gegenfloß von xoiv und naaxor fid) ergebenden beiben Mo: 
mente von jenen veranlaffenden „Bewegungen“ dadurd unter 
ſcheide, daß er fie ald „Yepöueva” („d. h. nicht als langiame 
und dv 75 adrg") bezeichne.**) — Soweit Siebed. In äbns 
licher Weile erklärt audy Campbell unfre Stelle; er merkt zu 
derfelben in feiner bereits citierten Ausgabe des Theaetet Fol- 
gendes an: The slower motions are the nowöy and maager, 
wbich, when in contact, produce (without changing place) tbe 
alodnzd and ulosNaeız (i.e. qualities and sensations), which 
are the quicker mutions, and pass to and fro between the 
nooiv and ndoxov. Qualities and sensations are in locomotion, 
because existing merely in (he act of flowing from subject to 
object and from object to subject, perhaps also because they 
are realized now here, now there. — Richt anders auch 
BPeiperö®**), der ſich außerdem noch bemüht, die Bedeutung 
der gewählten Ausprüde ausführlich zu erflären. Da bei dem 
einen Vorgang, fagt er,t) beim yarrär, dad Wirffame nach 
feiner (Protagoras) Vorſtellung in der Berührung liegt, alio 
eine Bewegung aus naͤchſter Nähe gefchieht und einen unendlich 
Heinen Raum durchmißt, bei den andern dagegen eine größere 
Strecke durceilt werden muß, indem die yervaduera z.B. bie 
Qualität der Farbe an den Gegenftand, der Einprud in bie 


*) Eiche a. a. D. p. 158. 189. 
**) Stebet a. a D. p. 215. Bur Saqe vergieide die oben p 17 
Anm. angeführte Gtelle Plat. Theät. 159 D; 159 E. heit ed: mugi de 
kör elvoy yıyroudvnv zei Gagaudemy mıngerme. 
oo) Beiyerb © 0. O. p. 297. +) a. « OD. p. 305. 


Der protagoreiſche Senſualismus x. 307 


Borkellung des Menſchen verfegt werben oder auch fi, wie etwa 
der Geſchmack, hier als Kigenihaft dem Gegenſtand in feiner 
ganzen Ausdehnung, dort ale Empfindung dem Organ mitteis 
ten, ſo ergiebt fi bei dem legteren Vorgang eine größere 
Raumdurchſchreitung, während in derfelben Zeit ver erſtere aus 
unmittelbarer Nähe auf das Benachbarte bingeht; dort alfo eine 
ichnelle, bier eine langfame Bewegung. - 

Was nun unfere Anficht beteifft, fo glauben wir oben“) 
dargetban zu haben, daß an eine reine fubfratlofe Bewegung 
als im Sinne diefer Theorie liegend nicht zu denfen fei; baher 
tönnen wir der Orundvorausfegung Siebed’8, die einzelnen Dinge 
feien nur eine Summe von Bewegungen — jedes Ding „ein 
ãs oo⸗ona von Einzelbervegungen ***), — bie fi) nur als lang» 
fame, weil ohne Ortöveränderung vor ſich gehende, von den 
aus dem Gegenfampfe der Bewegungen refultierenden Momen- 
ten unterichieben, nicht beiftimmen. Allerdings haben die Dinge 
eine xiomoıg dv zo ads@ in Folge des allgemein gültigen Ger 
ſedes der fletigen Bewegung, aber eben die Dinge find es, 
denen dieſe xirnars, die Plato im Unterfdiede non der negpogd 
als allolwers bezeichnet, widerfährt, nicht find die mit dAAolo- 
sic bezeichneten Bewegungen die Dinge feld, dieſe vielmehr nur 
Das Subftrat jener. 

Die Sache fcheint demnach jo zu liegen. "Wir haben Dinge 
der Außenwelt und den anſchauenden Menſchen; beider Signa- 
tur iR Alrolmeıs, Veränderung des Subſtrats ohne Veränderung 
des Ortes. Beide fönnen daher nur, wenn fie fid einander 
näbern ,***) eine beftimmte Wirkung erzeugen. Diefe Wirkung 
felbR aber, die fich auf der fubjeftiven Seite ald aloIyaıs, auf 
der obieftiven ald ulodnzov erweift, ift ein @epöueror. Wie 
ift die zu verfichen? 

Die befte Erklärung giebt und der Text des Theätet ſelbſt 
in den unmittelbar folgenden ſchon oben eingehend beſprochenen 


®) Bergleige p. 10 ff. 
) Ebel u a. D. p 275. 
=.) Bergleige Pin. Theset. 156 D: duua nal Alle 10 mineıdenn.. 
20 


308 Brig Gattig: 


Worten.*) Daß diefe den Zweck haben, eine foldhe Interpreta: 
tion des voraufgehenden Satzes zu liefern, zeigt une ſchon bie 
Anfnüpfung mit dneıdar odv. — Auge und Gegenftand müflen 
ſich nähern, um in Wechſelwirkung treien zu fönnen; denn 
beider Bewegung ift nur @AAolwasg, nicht megıpopd. Haben fc 
ſich aber genähert, fo entfteht das fehende Auge und der weiße 
Gegenſtand neraku gepoulvar Tüs ur Oyeng npög Ur 
öpduluuv. zäg de Asunösnzog npöG Tod Oovranozixzorsog zu 
xooua d.i. indem beide, Auge und Gegenſtand, von ſich Sch 
fäbigfeit und votentielled Weiß ausienden, die zufammentreffend 
aloInaıg und aloInzöv, die Empfindung des Weißen im Sub. 
ieft und die Qualität ver weißen Farbe am Objekt, erzeugen, 
ein Vorgang, der ohne Bewegung durd) den Raum, ohne Orte 
veränderung oder repepopa nicht möglich iſt. Oder wie Beipers**) 
ſich ausdrüdt: Die Farde ift, faum entftanden, fie iſt aud am 
Gegenftand und umzieht ihn im Nu (Aeuxözyzog negueninodn 
to Eukov, 6 AlFog p. 156 E.) und das Auge wird erfüllt vom &in- 
drud des Weißen. .... Ebenfo beim Schmeden. Sobald durd 
Berührung der Zunge mit der Speife der Geſchmack z. B. bir 
Süße, und die Empfindung bdeöfelben entftanden if, wird die 
Empfindung der Zunge mitgeteilt und gleichzeitig der Geſchmack als 
eine Dualität auf die Speife übertragen (üua Pepönera dups- 
Tepu p. 159 D.), und zwar umzieht jene Dualität die Speife unt 
bervegt fi um fie herum (mei zöv olvov Yepoudm). 

In diefer Weiſe allein ſcheint dieje allerdings ehr ſchwierige 
Stelle allfeitig befriedigend ohne Aenderung der handfcriftlichen 
Ueberlieferung erklärt werden zu müflen. 

C. Die Konfequengen der protogoreiſchen Erkenntniptheorie. 

Wir haben im Vorhergehenten das als protagoreifche Lehre 
erwielen, daß nichts iſt oder wird an und für fih, fondern 

‚ Immer nur für das empfindende oder wahrnehmende Subjekt ;***) 





*) Bergleie p. 21 ff. 

=*) Beiperd a. a. D. p. 306. 

***) Bergleihe die oben angeführten und beſprochenen Gtelen: Pia. 
These. 187 4. B.; 1604. B. C.; Arist. Met. IX. 3. 1047. 0. 5. 








Der protagoreiſche Senſualiemus x. 39 


oder wie Sextus Empirius*) es ausdrüdt: Protagoras führte 
das npög zu ein. J 

Jede Wahrnehmung hat durchaus nur Gültigkeit für dieſes 
eine wahrnehmende Eubjeft, und auch für dieſes eine nicht für 
immer, fondern nur im Augenblide des Wahrnehmungsaktes. 
Ein Gegenfand erſcheint mir jetzt fo ober fo gefärbt; darum 
auch dem Hunde und jedem Thiere? Darum auch jedem Mens 
ſchen? Darf’ man dies mit Gewißheit behaupten? Ober fann 
man nicht vielmehr mit weit größerem Rechte annehmen, daß 
er nicht einmal mir felbft immer als derfelbe erfcheinen wird, da 
mein eigner Zuftand nie derfelbe ift?**) 


*) ef. Sext Emp. Pyrrb. Hyp. I, 216. Die weiteren Auseinander ⸗- 
fegungen, die der feptifhe Autor daſelbſt bringt, und zwar mit der aus- 
gefprocenen Abficht, zu zeigen, vivı dıagdges 1ijs Hgwrayopslov dyayıs 
5 axipıc, find, wie ich mid durch Ratorp a. a. D. 57 f. babe belehren 
laffen, für eine Reconſtruction der Theorie unfres Eophiften werthlod. Ser⸗ 
tus will dem Protagoras den Borwurf des doyuarileıy anhängen, drum 
referiert ex den Kern feiner Lehre in eigenthüwlich verdichteter Form, mit 
Mar? peripatetiſchem Anfrih. Das Objekt, die din, tritt hoͤchſt ſelbſtſtaͤndig 
Geroor; im ihm fol Die gleichmäßige TMöglichfeit der verfchiedenfen Gre 
ſcheinungen gegeben fein. Es wird unterfchleden zwifchen der Art und Weiſe, 
wie den zard pda Iyovos das Stoffliche fi darbietet und den zupd 
yeocı dyovos, alles unfrer Auffafjung nad Behauptungen, die durchaus 
dem Grundgedanken der protagorelfhen Lehre widerſprechen, denn fie invol⸗ 
vieren eine vom Subjekt unabhängige qualitatin beftimmte Criſtenz ded Ob⸗ 
ijefte. Rad dem fonft glaubhaft Ueberliefertem iR das Erſcheinende allen 
vom der rt meiner Dispofition abhängig. — ir haben in den Ohpotheſen 
alfo, wie Ratorp a. a. D. p 58 bemerkt, einen Bericht vor und, „welcher 
Protagoras in einer Weiſe an Heraklit annäbert, wie es aud der Dar» 
Rellung Blaton's entfchleden nicht entfpricht.” Die vpyrrhoniſche Skepſis 
foßte al mit feiner andern Philofopbie fi deckend bewiefen werden; darum 
mußte auch die Lehre des Protagoras ald „echter und rechter Dogmatismus“ 
erfägeinen. Der tlefgreifende Unterfchled wiſchen Heraffit und Protagoras, 
dem wir bei aller abfeheinenden Aehnlichkeit oben zu conflatieren Gelegenheit 
genommen haben, wird möglichft verwiſcht. 

**) Plat.Theset. 154 A: 4 os duTayuglamso &v ak, oley cos gaivaran 
Ixasrey yodua, roiodrer xal zurl xal örpodr LIpip; — dilp dr- 
Hgainp de’ Buero» xal co) yalvıraz drieöv; dyeıs Todro layopac, F 
meid mälder, rs oddd co) air radıdv dia To umdinore dueins 
adıöv starıd dyur; 


310 Irig Sattig: 


„Briert nicht auch,” fo fragt Plato, „wenn derſelbe Wind 
weht, den einen, den anderen aber nicht? Den einen wenig, 
den andern aber fehr? Werden wir denn nicht unter dieſen 
Umftänden mit Protagoras den Wind an fi) weder warm noch 
falt nennen, fondern vielmehr fagen: für ven Prierenden fei er 
kalt, für den, ber nicht friert, niht?*) — Darum fann fein 
Menſch behaupten, daß das, was ihm wahr ſcheine, auch für 
die anderen wahr fei; einem jeden if das allein wahr, was er 
wahrnimmt; wie einem jeden etwas erfheint, fo iR es auch für 
den, dem es fo ſcheint.*) 

Durchaus demſelben Individualismus giebt der bei Sextus 
Empiricus adv. Math. VII, 60 M. ſich findende Bericht Ausdrud. 
Dort heißt «8 im Eingang: Auch den Abberiten Protagoras 
zählten einige zu der Zahl der Philofophen, die jedes Krite⸗ 
rium aufheben. Denn feiner Lehre nach find alle Vorſtellungen 
und Meinungen wahr, und zwar ift die Wahrheit eine beziehent- 
liche, deöwegen weil fo, wie von jedem etwas vorgefellt wird 
oder ihm erfcheint, es in Beziehung auf ihn aud iſt. ) Une 

*) Plat. Theset, 152 B: dg’ odx dviore muiorros dräuov zos ar- 
too dulv jucv dıyor, 8 E06; zul 8 mir Heiun, d dd apdden; — 
möragov odv vöra adrö dy’ kavıö 1ö mveiue vuygdv 5 od yezodr 

3 jueda 15 Hpwrayspg ro udv dıyoarıs yezgdr, 








p 
LOW” 

**) Plai. These. 152 A: ola uiv Ixaora duol yalvıra, tewör« 
udv Forıy dus, ola da vol, tomadra dd ad cool dvdgunos di eu ıe 
adye. 152 C: ola yag alodaveras Ixasros, romdra Ixkorp zus zuw- 
duvesn alvas. Plaı, Crayl. 386 A: ola udv & duol yalryras va mpay- 
uara alyas, rosasıa uiy derıv duoi, ola d’ &r aol, rosadra & ad ei. 
386 C: ola äv dexj Ixdorp raadıa xal alvas. Arist. Mei, XL 6. 
1062 b. 14f.: v0 dexeöv Ixdarp rosro xal elva nayiag. 

***) Sest. Emp. adr. math. VII. 60: za) Mowrayega» dd vor Mpdngi- 
av dynardlefiv twag 10 2090 vürv dvasgouvres 15 xgrjgror gel 
sdpu». Änei gncı naoas ıds Yarraclas za) zäs dofas diydeis duae- 
zur, xal say gas vo alvas ı5v dindmar, dıd vd may rd gardv q der 
kav riyl edsdus noös Ixelvor Önapzer. — 64: 8 dd npossenuires 
ding oöre xa9’ auro u Öndezyor odre usddor dmelklone. zosedre 
SU yayorivas Akyavıas za) ol eg) vor Ed9ednuor xal Aervadduger. 
vv yap figos 11 zal odtes 1d ra öv zal 1d dindis dnoldlonen,. Bat 
tonnte wohl Hafbfaß gegen die Wichtigkeit diefes von Plato doch Aiperlih 
unabhängigen Berichtes f. Ratorp a. a. D. p.54ff. mit Grund einwenden? — 














Der protagoreiſche Senſualismus x. 311 


etwas nachher: Wahred an fid oder Falſches giebt es nad 
Vrotagotas nicht; fondern ebenfo wie Enthydem und Dionyfodor, 
ließ er „wahr fein“ und „fein“ nur übrig bei dem, was auf 
etwas bezogen wird. 

Die für jeden einzelnen gültige Wahrheit ifl alfo allein in 
den Empfindungen, Wahrnehmungen u. ſ. w. des einzelnen 
Subjeft8 gegeben; Zmiorfun und aloInoıs find identiſch, find 
nichts als zwei nur ſprachlich verſchiedene Ausprudöweifen für 
denfelben Begriff.*) — 

IR dem in der That fo, trägt die fo durchaus fubjeltive 
aloInoıs für den wahrnehmenden Menihen durchaus Erfennis 
nißcharafter an fi, ja, giebt es außer ihr feine andere, höhere, 
ſich über fie erhebende Erfenntnißform im Menſchen, dann wird 
und fann es auch feine allgemein anerkannte, für alle gültige 
Wahrheit geben, dann wird der Menſch — und zwar jeder 
einzelne Menſch — das Ma aller Dinge fein.**) Und fo ift 
es denn dad „narzwv xomuazwv ulsgov ävdgwnog, Tüv ur 


=) Plat, Theser, 151 E: doxer of» nor d dmsosduenk 16 alo- 
siracdas tere 8 inioraras, xal ds ya vor) yalvıras, odx dide rl 
dorıy dmargum A alodnaıs. 152 C: alesnaıs dpa tod ävrog dei dor. 
ai dyaudis, ds dmorium odca. 180.C: dAnsns deu duol A dum ale- 
9706. cl. I60D, 

=*) Anders freilid faßt Halbfaß das uörgor Avsgmnos. Et ficht in 
der individualiſtiſchen Deutung Platos nur eine boßhafte Verkeherung. Ber 
Terminus „Arsgwnog“ ift vielmehr in genere zu faflen (p. 12), aber aud 
dieſer (generell) anthropometriſche Standyuntt muß dem Berkündiger ber 
Pernichre ohne jede wiffenfcaftliche Bedeutung (p. 17), ja fogar in einer 
BWeife verhaft fein, daß berfelbe „unter der Hand und auf eigene Fauf 
(P- 29) gu wahrheitäwidrigen Unterflellungen zu greifen ſich nicht ſcheute. 
Auf p. 15 zählt der Anwalt des Protagoras eine Anzahl von Momenten 
auf, die alle nach der Einficht Hin comvergierten, daß der Menſch der Mitiel- 
puntt des Univerfund fei (Menſch generefl gefaßt), nicht aber nad einem 
extremen Individuallamus. — Das heißt und die Thatſachen meiftern, nicht 
fle erklären. Und iR denn biefer ploßliche Umſchwung zum übertriebenen 
Servortchsen des fubjeltivikifhen Standpunkis etwas fo durchaus unerklaͤr⸗ 
bares, daß wir, phildiogiſch zu reden, den Text für verborben halten müßten 
und mit Eonjefturen unfer Sell zu verſuchen gegwungen wären, wie Halb⸗ 
faß that? Mir fcheint es eine in der Entwidiungägefhichte der Menfchheit 
Öfter hervorttetende Erfheinung zu fein, das lange zurüdgehaltene Ideen in 


312 Brig Sattig: 


dvzwr, we For, s@v d2 ug dvzwe, wc odx kasıw,“*) daß und 
fort und fort als der immer und immer mieber durchklingende 
Grundaccord aus der Lehre unieres Philoiophen entgegentönt; 
fo lefen wir es an einer nicht geringen Anzahl von Stellen, 
theild ohne theila mit dem leteren Zufag, fo daß wir daß wir 
wohl mit Rect darin ein Dictum aus des Protagorao eigenem 
Wunde, vielleicht aus feiner AA7Iaa**) betitelten Schrift, erken⸗ 
nen dürfen. — 

Der Menſch iR das Mob aller Dinge; — ein herrliches 
Wort für den, der es recht verfteht; ein Wort fo vieldeutig wie 
fein andereg, das die höchfte Menſchenwürde ausprüdt und das 


egtremfter dumm auftreten, um fich erſt allmällı um abgefärter Reinbeit zu 
lãutern. ndlich — IR die Halbiaß’fche Anſicht richtig — wozu noch ein 
Sofraten? % bletbt für mich wenigſtens dann ein ungelöfe® und unlöte 
bares Rätbfel, wenn man nicht mehr im ihm denjenigen erbliden darf, ber 
den InDiofduell_anthropometrifden Standpuntt de Protagoras zum generel 
anthropometrifchen abflärte. — 
®) Dergleihe Pla. Theset. 152 A. 160C: zul dyw weurhe 
Tlgwraydgar ıay te Örzwr ol, ws Zora, zul ıdy un öyıwr, ds eux de 
tr. 160. 166 b. 1700. 178 B. 183B. Crayl. 386C. 391 C. Diog. 
Laert. 9, 51. Arist. Met. X1. 6. 1062 b. 13. Sest Emp. adv. maıh. VI, 
60. Pyrrh. Hyp. 1, 216. — Halbiaß alerdings leugnet Die Authentichät 
deö begleitenden Zufaßeh „zor ziv örıur dis Karı, 1ur dr un örter ur ein 
Tor“, weil wir ihn mit denfelben Worten weder bei Blaton nod bei 
Arifoteled wiederträfen, fondern nur bei fpäteren Gchriftflelern, bei Gegtus 
Empiricus, Diogened Paerttus und Ariftoteled (p. 11). Da aber Halbfaf 
felbft einrdumt, daß die Weglaffung diefes zweiten Abfapes bei Artiiotele 
nicht viel zu bedeuten babe, die Korm desfelben aber ganz zur protagoreifden 
Ditton walk, die von Halbiag ‚siemlih von oben herab ten fpäteren 
Schriftſteller "endlich, Indbefondere Seztus Empiricus, doch neben Plato noch 
Anloen_ Anfpruh auf felbRfändige Berbfäihung au erheben berechtigi 
fo ſebe ich mid bis auf weitere nit gendtbigt, vor der Bes 
antun H'%. meine Baffen zu reden. 
38 Sb der Titel ber —* des Prota, ln deren Anfang das in 
Rebe flehende Wort bildete, wie platoniſche en 3. ©. Thesstet 161 C: 
InYelas, 162 A: ei alndns 7 dln9esa Algwroydeou, 170 BE: 
Tanınr ziv dAidenen, Hr dueivog Iyeaver u. v.a. fehr nahe legen, "Aly0rıs 
geheißen habe, eine Vermuthung, die auch Die Rote der holder zu 8 
18 roö Mgwrayögou ouyygauna, iv & ralıa doldie, Alysrıa dwalsiro und 
—— m sale Ian Rd ya een — 
or- 






















gegen die eleatifche Adeinheits 
x 55 Fe —— br In FH A da. Pl — 
wie die dvzsdoyuxd In ngal Irifogeno® (bej. Phavoriams) 
Fr Diog. Laerı. III, 37, 57 fteben, IR eine oft und viel 
ir verweifen auf die diedbezüglichen Ausführungen bei @.a.D. p. 176, 
D. Beber a. a. D. p. 43, Ditringa a. a. D. p. 115; befonders tft Bernays 
Rb. Mus VII p. 464 zu vergleichen, der in den zaraßdäderıes , 
der dirdeıa des platonifLen Theätet und Kratylus (f. 386. C. 391 C.) und 
den drrsloyias deB Diogenes ein und diefelbe vermutßet. 
Berätigung bat dieſe Ani har gefunden bei Ratorp a. a. D. p. 58 ff. 








— — — — — — 


Der protagoreifge Senfualtemus xc. 313 


Vrantl nicht mit Unrecht „die magna charta des Anthropologie- 
mus” genannt hat,“) ein Wort endlih, dad man ald den 
Gentrals und Snotenpunft bezeichnen darf, um den ſich die 
ganze Entmidelung der neueren Pbilofophie feit Carteſius ges 
ſchlungen. Richtig verftanden drüdt es im Prinzip nichts anderes 
aus ais die Berechtigung der freien Forſchung; die große Idee 
der Denk» und Gewifiendfreiheit ift in ihm enthalten. Eſs giebt 
dem Geifte des Menfchen dad Recht der Kritik, es giebt ihm 
das Recht, nur dasjenige ald wahr anzuerfennen, was ſich 
vor ihm al& freiem Denfgeifte auch als wahr ausgewieſen hat. 

Protagoras aber nicht war der Mann, dieſes noAAaxug Asyö- 
‚uevov nad) der richtigen Seite hin zu mobificieren und es befties 
digend zu erflären. War ihm doch nicht dad Denken, fondern 
das Empfinden oder Wahrnehmen das Maß aller Dinge; 
Empfintungen oder Wahrnehmungen aber au producieren ift nichts 
ſpecifiſch Menichliches; die Bähigfeit dazu theilt der Menſch 
vielmehr mit der unter ihm ſtehenden Thierwelt. Darum fcheint 
un® die bittere Ironie eines Sokrates, fei ed nun daß Dümmler,**) 
der hier in Sokrates nur einen masfierten Antiſthenes ſieht und 
den allerdings zi iemlich rohen Einwand aus befien negen des 
Protagoras — gerichteten gleichnamigen Schrift entlehnt 
fein laͤßt, mit dieſen ziemlich probabeln Aufftellungen Recht hat 
oder nicht wohl begründet, wenn er im Theaetet farfaftifch 
bemerkt, „er habe fi immer gewundert, warum Protagoras 
nicht lieber fage, dad Schwein oder der ‘Bavian oder ein 
anderes noch felrfameres Geſchoͤpf von denen, die Wahrnehmun; 
befigen, fey dad Maß aller Dinge; denn dann hätte er aul 
eine glänzende und fehr gerinafhäsige Weile angefangen zu 
zeigen, daß man ihn awar wegen feiner Weisheit wie einen 
Gott bewundere, er aber in Wahrheit, was feine Einfiht bes 
treffe, nichts vor einer Kaulquappe, geſchweige denn vor irgend 
einem anderen Menfchen, voraushabe.****) 

Eine ſich unmittelbar ergebende und nothwendige Folge 
diefer zwar nicht von Protagoras feldft außgefprochenen, aber doch 
in der Gonfequenz feiner Anfchauungen liegenden Gleichſetzung 
der adadnoıg und Znorgun iſt die Reugnung der Möglichkeit 


*) Vergleiche Brantl, über die Gntwidelung der ariftotelifchen Logit 
us Bi »latonlfgen Boilofophle in den Verh. d. Mündener Alademie 

p. 134. 

Dümmler Antisthenica P 58 f. 

Pla, t. 161 C: au Soapyir Tod Adyov 1s9aunaxa, Iru in 
der önevos * — —— 
. — 1ör dyorıwr alodnar, fra neyalonge- 
mb: wel ndru zurapgorpuunüs jefuro Auir Adyeır, brduunsunevos Trs jneis 
mir witör Im) ooplg, 5 d' äga duöggaver dv 
tie yedrnas oddhr Arlir Bargdyov yuelvau, u} Sır dllou Tau drSguinwr. 











314 Brig Sattig: 


bes Irrthums überhaupt, denn es fehlt ja jedes höhere Erkennt ⸗ 
nißvermögen, das über Richtigkeit oder Unrichtigkeit der einzelnen 
Wahrnehmungen zu Gericht figen fönnte. Jede Wahrnehmung 
ift für den Einzelnen, der fie hat, unbezweifelbar richtig; über 
die eines anderen darf feiner fi zum Richter aufwwerfen. — 

Eonfequentermaßen müflen alfo die Phantasmagorien 
Wahnfinniger oder Träumender, wenn bie einen Götter au fein 
glauben, Die anderen beflügelt oder im Schlafe ſich fliegent 
denfen, ganz denfelben Anfprub auf Wahrheit machen fönnen 
wie die anderer — wachender und norwal denfender — Men- 
fchen.*) — Hält man, fagt Ariftoteles im Sinne diefer Theorie, 
einen Menfchen für einen Dreiruderer, nun gut! fo iR er eben 
für diefen einer; wenn nicht, dann nidht.*) — 

So hebt fi im Grunde, wie Plato richtig erfanmt hat, der 
protagoreifche Sag, „das uergov ardewnog, felbft auf. Denn 
da der Sophiſt diefen Grundiag offenbar nicht bloß, wie die 
Steprifer dies fpäter zu thun pflegten, für den Ausorud feiner 
fubjeftioen Meinung angefeben wien wollte, fondern ihn als 
allgemeingültige Behauptung, ja ald die area ſchlechtweg 
proclamierte, fo folgt mit Rothwendigfeit, daß, wenn irgend 
einer fagt, ihm ſcheine der Menfch nicht dad Maß aller Dinge 
zu fein, audy für ihn dies fich fo verhält, eben weil es aAdIaa 
iſt, daß der Menſch das Maß aller Tinge iſt. ) 

Mit dem Wechſel der Wahrnehmungen if naturgemäß 
auch ein Wechfel der Ausſagen über die eriheinenden Dinge 
verbunden, und bier gilt, vollfommen in Uebereinftimmung mit 
den anderen Anfchauungen unfered Sophiften, daß über jete 
Sache entgegengefegte Ausfagen möglich feien. Beide find gleich 
wahr; der Wiederfpruc iſt als ein Ding abfoluter Unmöglichkeit 
volltommen ausgeſchloſſen; alles if zugleich wahr und falfch.}) 


*) Pla. Theaet. 158 A. B.: ZS2. 14 dj odr, W nei, Ast; 
18 tiv elodmow dinoriumr toeulrp xal zu geziene ie 
zal alvas tovıy & galveımı; BHAI, iya ulr, d Zungares, durö aineir 





Erı oüx Iyw ıl Adyw, dıdzs vos vor ar 
aInſO- ya odx Er dvvaluny dugaßnräoar, us ol uawduero A ol draugar- 
Torıag eu weudf dokalover, Stor ol ir Hol adıür olurım ala, oil 
& nıprof 10 wol. ds neröueros Ir 10 Unnp dtarodrias. 

) Aris. Met. II, 4, 1007 b 18 M.: Ar ei dAndı 





ot drrupdan 
Ir. Tora yae 16 
nerıds u 5 zare- 
drso dr. toi Tor Hewreyögov —— 
m van resiene & ärdgwrer, Anlor dru 
. elneg h drrigaoss dAmdie. 
+) Plat. Theaster 170A — 171D. Derfelben negıreonn d. I. Ume 
fehrung des Spießes“ genannten Widerlegung bedient ſich aud Demotrit 
beiSezths Empiricusadv. math. VIL, 389. Bergl. bier zu Ratorp a.a.D. p.28 ff. 55. 
H Diog. Leri IX, 5: ngüroc Ipn dvo Aöyows elras zug) marıöc 
‚agdynuros drrimesubioug dlnlos. 53: zal 107 ArıoHrous Aöyor, es 







Eu 
* 






e 

— 7 dnopiva, driye 
yovas Äöyor. el yuo ıw 
one Harı Teujeng Ste zal Fe 


Der protagoreifche Senſnalismus x. 315 


— Ratürlih iſt ea, daß ed damit „’Brotagorae nicht einfiel, die 
die nämliche Behauptung im Munde des nämlichen Individuums 
fürmahr und falſch zugleich zu erflären; wohl aber lehrt er, 
daß au jedem Sage, den jemand behauptet, mit gleichem Rechte 
das Gegentheil behauptet werben fann, infofern fi jemand 
findet, dem es fo fcheint.“*) Derfelde Menſch, der jetzt fagt: 
„Der Wein ift füß” und über ganz denfelben Wein nad) furzer 
Zeit das entgegengefeßte Urtheil fällt, fommt nicht mit fi in 
Widerſpruch — Aus dem Ausgeführten geht flar und deutlich die 
Grundioſigkeit der Halbfaß'ſchen Anfiht hervor, als ob nach ver 
protagoreifihen Doftrin „der willfürlihe Einfall des einzelnen 
Menfchen unbedingt einen allgemein gültigen Werth befäße.***) 
Bon einer folhen Behauptung iſt der dargeſtellte Senfualismus 
fo weit entfernt, daß vielmehr der Vorwurf mit dem beflen 
Rechte gegen ihn erhoben werden kann, das Defructiofte in ihm 
fei eben die Aufhebung und Leugnung jeder allgemein gültigen 
Wahrheit, jeder zu allen Zeiten und alle bindenden Norm. Es 
fann ja gar nicht fchärfer hervorgehoben werden als unfer Sophift 
es gerade nach den am meiften den Stempel hiftorifcher Treue und 
vorurteilöfofer Berichterfattung an der Stirn tragenden Abfchnitten 
des Theätet thut,***) daß ola dv Exaosa duol Yalveraı, Torauıa 
nlv Korır dnol, ola d8 ool, romiza dd ab wol- Av9pwnog BR ov 
te xayd, (152 A.) daß las alagnasız Endory jumv ylyrovzaı. 
(166 C.) Wie ſcharf wird viefer individualiſtiſche Stantpunft 
Rers von unferm Referenten betont; man beachte dad immer 
von neuem wiederholte pronomen der erſten Perſon in Stellen wie: 
àanꝰ)α ga duo) H du aloInaıs zäs yap kung obelag del darı, 
zal iyi xgıräg ward vov Igorrayboov zür ze Bvzwr duol, de 
Zorı, xal zur un dvzwr, wc obx Bor. Die Interpretation, 
die Halbfagr) diefen Worten — Ts yap Iufs ovolas äs 
Zorı — angedeihen läßt, if ein Mufter von unmethodifcher 
Boreingenommenheit. Jeder aufmerffame Theätetlefer erkennt, 
daß hier fein Gedanke daran fein kann, dieſe ovola „im pla⸗ 


ein torur dvullyew, obtos neWtog dellenrar, zadd yyc IMdrwr dr 
EsSvönpp. Arist. Met. II. 5. 1009. a 5: elre yao Ta doxoürza ndrre 
dorr dindH xal weud elı 
Tolloi yög ravarıla inolaußdrovar dllflos za) toi un 1adra do 
ie Aumvedden vonlovon‘ der dvdyay 10 adro elvat 
xal ei 1007 Horır, dvayun *& doxoüra alvas ndrı' dl 
‚eva yap Aofafovon dilnlos of dumpevoutro wel dä 
uhr Eye nu örıa obtws, dAnsevooua — 
VM, 60: mdoas .... rar ddkas dAndeis Üreeyer. 
. A. ange a. a. DO. 1. p 30. 










316 Brig Sattig: 


tonifchen Sinne“ zu faflen, fondern die Worte nur befagen: 
Bahr ift für mid) meine jedesmalige aloInaug; denn fie gehört 
zu meinen augenblidlihen individuellen Zuftante, if ein Produft 
— und zwar ein notwendiged Produkt — meiner augenblidlicyen Dis⸗ 
pofition. — Wan lefe doch nur, um dies als zweifellofe Lehre 
unfered Eophiften zu erfennen, den treuen Bericht bei Sertus.*) 
— Der Wahnfinnige, Schlafende, Unmündige und @eaiterte 
find glaubwürtige xgrzad für dad, was einem im Wahnfinn, 
im Sclafe, in ber Kinpheit, im Greifenalter erſcheint. Richt 
iR es erlaubt, von jeinen in normalem Zuflande gehabten 
Wahrnehmungen aus die in dem des Wahnfinns u. ſ. w. gehab⸗ 
ten für ungültig zu erflären. Und warum nit? Sie alle 
haben ihren Yreibrief an der momentanen Diöpofition des empfins 
denden oder wahrnehmenden Subjeft6. Keiner darf fih zum 
Richter über die Wahrnehmungen des andern aufwerfen. Denn 
da man nichts unabhängig von einer beftimmten Diopoſition 
percipiert, fo muß man auch jedem Glauben fchenfen in dem, was 
er in der feinigen percipiert bat. — Bir fehen: Hier wie bei Plato das 
fortwährende Recurrieren auf den momentanen Zuftand, in Bezug 
auf den — und nur in Bezug hierauf — die in demfelben gebabten 
Wahrnehmungen nicht etwa — wie Halbfaß fabell — einen 
allgemeingiltigen, fontern nur einen durchaus individuellen 
Werth befigen; Werth aber immer hin für mich, denn fie find 
zäg dung ovolag. Ja noch mehr! Wie um es deutlich zu zeigen, 
daß 7 un oval, ald zu der gehörig meine jedesmalige dloInaıg 
bezeichnet wird, entfernt nichtö, aber auch garnichts gemein hat 
mit jener Starrheit und Unveränderlihfeit, die der geniale 
Schüler des Sofrated mit diefem Begriff verbindet, wird wenig 
vorher die Jpentität der Perjönlichkeit offen in Abrede geftellt. 
Ein ganz anderer ift der franfe, ein ganz anderer ber geiunde 
Sofrates; ein anderer der fchlafende, ein anderer berfelbe im 
wachen Zuftande; machen daher beide verfchiedene Wahrneh⸗ 
mungen und in Folge deſſen auch verſchiedene Ausfagen, fo 


*) Best. Emp. adv. math. VIL, 61 @.: 89ev mal 5 meumus dr dv 
marig ↄ ⸗ 





—⏑⏑—— 
— zöv dy vnniörmie” wol ö yeymeamic zur Lv yigu ngoonen- 
Törtwr. oux Hors Ah olmsior dnö zur dapepovonr megmidaser täg dia- 
Yögous nagwidong di Tovisarıy dnö wer tür sv 1 awpgoreir une- 
Mınzovimy 1a dr 1 neuniva gawöuea' dns 3 rar Unap, ıd zars 
Tods Unrous‘ dnö BR zur dv yaga, za Er vnnwun. ds yüg adıa Inelrog 
od galyaıas, olıw xol dyanalıy ıd tour pawdnera duelrox od ngoo- 
nänzes. Adnng ai Its 6 neunmuc Iemgai- 
ar, odw Fors Blßasos tur yarraulray abıp gie, frel wal 6 oumgorer 
al 6 Aygnyogux iv nouf matarnze hiaaeı, malır aux loras nustog ‚eds 
tiv Aayrmoı ıdr brormıovıms auıp. umderös odr ywels nagınrdarec 
leußavontvov dndarp nwwıeurtor 1dr mora Tuv olxalar nagloracır lan- 
Bavonkvor. 











Der protagoreiſche Genfualismus x. 317 


fann man nicht fagen, daß berielbe verſchiedenes behaupte, 
Denn anders ift die Wahrnehmung eined andern Subjefte, und 
macht den Wahrnehmenden zu einem anders Beicaffenen und 
Anderen.*) Der einzelne Menſch ift, fo parador +6 flingen mag, 
nicht einer, ſondern viele, ja unzählige, eine Xehre, die, wie 
Rarorp**) ſcharfen Blickes bemerft hat, Plato unjerm Sophiften 
nicht ohne Weiteres zufchiebt, fondern 'nur als eine mögliche 
Conſequenz giebt, welche die Anhänger des Protagoras nad) 
157 A sqq. gewiß wirtklich gezogen und der er felbft zum wenige 
ten nicht vorgebeugt hatte, nach Platons Anfiht wohl auch 
nicht harte vorbeugen wollen. Und wie nahe diefe Confequenz 
für den auf der ſchiefen Ebene des Senfualismus Hingleitenden 
liegt, zeigt in der Geſchichte der neueren Philoſophie das Bei— 
ſpiel Hume s deutlich genug.**) — 

In Wahrheit mul auf diefem Boden jeder Unterichied der 


geitigen Befähigung und Bildung vollfommen aufhören; bier 
fannı es getroft der fchalfte Kopf und jeichtefte Halbwiſſer mit 
dem Mlarften Denfer und gründlichften Gelehrten aufnehmen. 
IM die oloInoıs die einzige Denk» u. Erfenntnigiorm des 
Menſchen, ift es dann nicht ganz unbegreiflih, warum man ſich 
in Kranfheitöfällen an den Arzt wendet, Staatömännern die 







Zungdrei; Zu. xdllıoror intlaßes‘ ar) 1Odro Akyw. 
Tev. Zw. nal Fuogor dga ourw: Ecnsg dvonoer; 





vu p. 
obrwc apoliyno. Zw. örar evoörıa, dllo 1u ngaror adv 15 
dinsela ov Tor avıor Maßer; aronolp yap dj ngasjlder. Bear. var. 
Zw. Frega di au dyarınoaıny 5 18 1owürog Zwmpdins zal y 100 olvov 
möoss, Tel wir amp ylahırar oladnoır nıxgörnios, negl Ad 109 eolver 
yırropirme wol gegonirmr mimgömıe, al Tor mir ol nengdryra, alle 
mıngor, dur db orx alodnoer, all’ aiodarayı Gras. nomdh ger our. 
Zw. oünevr yw 18 oßdir dllo nork yarjoouas olzws alofaräuerog tod 
yüe ällov dlln alodnı, za) dloior xal Aldor nei 15 elodarouevor. 
166 B: 5 al dnoxryosır öuoloyeiv (sc. doneis) oldr 1’ elra idtraı wel un 
udtvaı 109 abrov 16 auro; A däyneg zoüze deian, deiasır merk zör ai- 
tor eva Tor dreumoinerer 19 ner dremmiade: örtı; näller dh 
Tör hat are, dl Tovs, xal Touzeug yıyroudrous dnetgous, dar- 
mug drenelmas yiyrnıaı; 

**) Ratorp a. a. D. p. 37. 

a. Saas, ld. u. Pos. 1 p. 211 ff. und Ratorp a. a. D. p. 37 

ing. 

















318 Srig Gattig: 


Leitung des Gemeinweſens anvertraut, warum man im Felde 
und zur See auf tüchtige Feldherren und geübte Steuerleute fein 
Vertrauen fept oder endlich feine Söhne zu anderen in die 
Schule (didt?*) 

Zwar ftatuiert Protagoras einen Werthunterſchied zwiſchen 
den einzelnen Wabrnehinungen, indem er fie zwar nicht in wahre 
und falſche, aber in gute und ſchlechte theilt. Diefelden find 
den gefunden und franfhaften Zufänden des Körperd analog; 
und ebenfo wie man einen Kranken nicht deswegen unwiſſend 
nennen barf, weil ihm der füße Wein bitter ſchmeckt, ben 
Geſunden aber, dem er wirklich füß fchmedt, ebendeswegen 
weife, darf man auch feinen wegen feiner Wahrnehmungen 
tadein. Es gebe wohl, beiyauptet ‘Protagoras bei Plato, Weis⸗ 
beit und weile Männer, aber nicht der fei weile, der einen 
Balfches Meinenden dahin bringt, Richtiges zu meinen — denn 
das Fönne fein Menfch bewirken —, ſondern derjenige allein 
verdiene dieſes Praͤdikat, welcher, wie der Arzt durch Heilmittel, 
fo durd Reden bei einem, dem etwas ſchlecht fcheint und iR, 
ihn ummandelnd bewirkt, daß es ihm gut erfcheine und fei.**) 


in zupd- 
awrägee 
xal 1arıa 





Yaguanoıs neraßalleı, 5 Et oogıarjc Adyow. inal rc ya yardi der 
Edlorıd zte tra Boragor dind dnoiyas dofdlew. oite yög 1a an dria 
duvarör dofdsas, odre älla nag & är naoyn‘ zevse da dei dindi. 
dR elymı, norneäs wuyis Ike dofalortes auyyarj dausis zeyarı ine 








Der protagorriſche Senfualismus x. 319 


In Uebereinfkimmung hiermit beſteht auch die ganze Staats: 
weißheit, die ganze Kunft eines Weiſen und guten Redners 
darin, zu bewirken, daß den Staaten dad Gute, Brauchbare 
— dad xenor« — ſtati des Schlechten als gerecht erfcheine und 
darum auch fei; „denn was nur immer einem jeglichen Staate 
gerecht und ſchön erfcheint, das ift es auch für denfelben, fo 
lange er es dafür anfieht.“*) Recht und Geſetz find demnach fein 
Ausfluß eines ewig gültigen, höheren Gefeged, einer für alle 
und immer bindenden Norm, ſondern nur eine Cobification 
defien, was momentan der Wajorität der Stantöbürger gut 
icheint.**) 

Es liegt audy hierin fein Moment, dad die Halbfaß’ice 
Auffaflung des sFrgor äyIgwnog irgend wie zu flügen vermöchte, 
„Blaton wenigftens,“ bemerkt Ratorp***) mit Recht, „hat darin 
feinen Widerſpruch gefunden, daß der Menſch als Einzelner 
Rorm fei für das, was dem Ginzelnen, als Bürger für das, 
was dem Bürger zu gelten hat: Fo doxoör ixdorw Toüro zal 
draus idıwın ze xal möltı, wie er es dem Protagoras felbft 
außfprechen läßt, nur grade vom Menſchen als Menſchen iR 
nirgend die Rede. Es lag aud nich fern, das xown dögas 
hervorgehen zu laflen aus ben ſich fo zu fagen ins Gleichgewicht 
fegenven Intereſſen und Anfichten der Individuen, wo dann dies 
jenige Anſicht, welche ſich im Gefeg den übermächtigen Ausdruck 
zu — gewußt, für die Geſammtheit der durch gewiſſe ge⸗ 
meinſame Interefien Verbundenen fo lange geltend, maßgebend fein 
wird, als fie in dieſem Uebergewict fi zu erhalten verſteht.“ 

In diefem Sinne wollte audy Protagoras Weisheit. und 
Tugenpfehrer fein, infofern er die Jugend unterwiefe, ihr Haus- 
weſen aufs befle zu verwalten und im öffentlichen Leben zum 
Reden und Handeln möglichft gefchidt zu werden.}) 


nos dotaoaı Fısga ronadra, & dj Tırag 1a yarıdanara Ind dnuglar d1n9R 
zeloücır, iyw dr Bella uiv 1& Ireoa ıüv Irigwv, dinIbaraga Ih ordtr. 
*) PlaL Theset. 167 B. —8 toüs (de ya) 0opous za nel 
dyases Önrogas zais nole: ra yenota drsl zur novneur Alnasa doneiv 
za) elvas noir. ine) ola y' dr dxacın nole draus za) zald doxj, tavıa 
el olvas avi, las Ar ara voufin‘ AA’ 6 uepas drzl novyngar ürzwr 
eitoig duaoıwr yenoru Anoinoev alvas nal doxsiv. 
lat. Thesel, 172 B: _ dust ol Adyw, dv zois 
za} droafoy, 49Hlovorr doyupiisoder us evx Iarı pi 
Kar davrev Iyor, dild 16 zorf Adler Toüi vom 
Tore Frey Bskn mal Boor är doxf yadror. — Wie wenig felbk 
im Gtande war, dieſes — ſche Moralprinciy zu überwinden, if 
befannt; denn aud ihm war in Folge des eudaimonikiichen Charakters feiner 
Tihit das Sirtlih-@ute und das Rüpliche oder Zwedmäßige identiſch. Für 
viele ein Beleg aus Xen. Mem. IV, 6, 8: ro dpa wprlsuor dyasor dorır 
Ip är — . maler darı ngös 8 är J yerosuor. 
w. 


jatorp a. a. D. p. 50. 
P) Plat. Theset. 167 U: wura db Tor adıör Auyor (Bortfegung der 




























318 


&eitung des Gemeinweſi 
und zur See auf tüchti 
Vertrauen fegt oder «€ 
Schuie fhidı?*) 

Zar ftatuiert Pre 
den einzelnen Wahrnehı 
und falihe, aber in 
den gefunden und fraı 
und ebenfo wie man € 
nennen barf, weil ib 
Geſunden aber, bein 
weife, darf man auc 
tadeln. Es gebe wohl 
heit und weile Männ: 
ðalſches Meinenden da 
das fönne fein Meni 
verdiene dieſes Praͤdike 
fo durch Reden bei e 
ihn ummandelnd bewir 


*) Sofrated maht ı 
wurf gegen Protagora® g 
myeiodas rür üller oop 
neyloreu mrdiren, dte 
gerıe, üsnae nes 98 
opür meusdozurtas, olx 
70V mars Tärdeanıre 
18 xel 10r dller Zawr 
Uddexur, ixayür di &ı 





oder übel töne — meei 
den „Githerfpieler, fondern 
Sauptungen des Protagora 

**) Plat, Thesel. 166 
Um 16 un yaras ala, 
jmür, B_getam zai } 
va xal alva. vor di 16 
oapforegor wege 1! My 
Eu ıp pr Pre 
vers räversla lorı wai 
dei nejen ed yüg du 
mes, dt ramüre dor 
Ainzder 8° in) Sarage d, 
deia 







de ze 1a Dorego: 
durardr dofiem, odıe 
AU due, nerpeäs yız- 








Seitfehrift 


hie und philofophifdie Kritik, 
Verein mit mehreren Gelehrten 
gegründet 
von 
Dr. 3. $. Fihte un Dr. H. Ulrici 
tedigirt 
von 


Ang. Krohn um Dr. Rich. Falkenberg 


r PBfilofoppie zu Mel Privatdozent der Philoſophie in Ina. 


Nene Solge 


Siebenundachtzigſter Band. 


Halle « /d. 5. 
€. © M. Pfeffer (M. Stride). 
1885. 


30 - Brig Gattig: 


Offenbar treten bie zulegt gefennzeichneten Anfichten des 
Sophiſten ſchon ziemlich bedenflidh aus dem Rahmen feiner 
Extenntnißtheorie heraus und tragen mehr den Stempel einer 
Konceifion an die allgemeine Volkdanfhauung an fih, als daß 
fie ftreng logiſche Folgerungen auß jener wären. Denn um 
gute und ſchlechte Wahrnehmungen zu unterfheiden d. i. um 
über ihre Rüglichfeit und Zwedmäßigkeit oder ihre Unzwedmäßig- 
keit und Nuglofigfeit zu urtheilen, dazu gehört offenbar eine 
lange Erfahrung, die nicht ein einfaches Product der finnlichen 
Wahrnehmung ft, jondern bei deren Erzeugung eine nicht geringe 
Anzahl anderer Seelenvermögen mit hineinfpielen, 3. $ bie 
Fähigkeit, einmal gehabte Borftellungen zu reproducieren, Die repro⸗ 
ducierten mit den eben percipierten zu vergleichen und jo ſich ein 
Urtheit zu bilden, von dem allen aber fann bei ‘Brotagoras im 
Grunde feine Rede fein.*) 

Das aber waren Erwägungen, deren Konfequenzen ben 
Sophiften am fehwerften reihen mußten. Denn „auf ziel 
bewußte Boraugfiht, auf empirifhe Berechnung des Zufünftigen 
nad Analogie des Bergangenen, bat Protagoras die von ihm 
angepriefene Staats⸗ und Erziehungsfunft gründen wollen, darauf 
deuten die aufs bireftefte an feine Adreſſe gerichteten Säge 
178 C, 179 A.) 

Indem wir hiermit dieſen Abfchnitt und zugleid die Dar- 
ſtellung der protagoreifhen Erkennmißtheorie überhaupt für 
beendet anfehen, wenden wir ung nunmehr zu einer objektiven 
Würdigung und allfeitigen Beurteilung derfelben. — 


p. 47*) citierten Stelle) zul 6 wogarns tous masdevoutvon odıw dure- 
nero: nadaywyeir 0opös Te xal dl Tollür yenuatwr zo neıder 
9eioı. Plat. Protsg, 318 E: ro dB wn9nua darır eußoulle megl 18 tar 
oixslur, önw; &r dQıwıa Thy avrov olxiur dsosei, mal neel z@r ric 
mölewe, Snws 1& tie moltws durarararog fv ein wel ngdrrewr xal Atyeır. 

>) Bergleihe beſonders die {dom (p. 45°”) am (Ende) 
Beifpiele, wo Sokrates befonders an der Thatſache, daß man vom Geſch- 
geber — 178. A. 179 A. — und vom Arzte — 178C. — ein Borhermiflen 
und Beurteilen des Zufünftigen verlange, infofern als er wiffen muß, ob 
ein Gefep erfprießlich fein reip. der Kranke das Aieber bekommen werde oder 
mit, a6 nothwendige Vorhandenfeln noch andrer Zrelenvermögen außer 
der finnlihen Wahrnehmung erweift. — 

**) Satorp a. a. D. p. 43. 


Drut der Heynemann fen Bußörndere in Halle 
(0. Frioke & F. Bayer.) - 


a 


— 


Zeitſchrift 


Philoſophie und philoſophiſche Kritik. 


Im Verein mit mehreren Gelehrten 


gegellnbet 


von 
Dr. 3. 9. Sihte ua Dr. $. Ulrici 
tedigirt 
von 


Dr. Ang. Krohn um Dr. Rich. Falkenberg 


Vrofefſor der Pfilofoppie zu Kiel Privatdozent der Philoſophie in Iena. 


Neue Folge 


Siebenundachtzigker Band. 





Sale « / d. 5. 
C. EM. Pfeffer (R. Strider). 
1885. 








Antündigung. 


Die Zeitſchrift für Philoſophie und philoſophiſche Kritif, 
die von verdienſtvollen Männern gegründet Jahrzehnte hindurch 
von ber Gunſt verwandt denlender Leſer getragen worden war, 
bedurfte längft einer Umbildung. Ohne ein beftimmtes Programm 
an die Spige ftellen zu wollen, defien Verwirklichung von ber 
Mitwirkung ähnlich bevorzugter Kräfte bedingt würde, wie fie in 
den erfien Stabien ihres Erſcheinens thatſächlich vorhanden geweſen 
ift, haben ſich Herausgeber und Verleger über einige Gefichtöpunfte 
geeinigt, nad) denen fie das alte Werk fortzufegen geſonnen find. 

Die Zeitſchrift wird dieſelbe Grundrichtung innehalten, die 
it immer eigen geweſen ift. Grleichtert wird ihr dieſelbe duch 
bie Situation unferes Geifteslebens, das nicht minder durch praf- 
tiſche als durch wiſſenſchaftliche Motive zu einer Erneuerung ber 
idealiſtiſchen Weltanſicht ſich Hingetrieben fühlt. In einer folden 
Lage hat das Princip methodiſchen Ankämpfens, das lange Zeit 
den Charakter biefes Journals beftimmt hat, feine Wichtigkeit 
verloren. 

Der Inhalt der Beftrebungen, die wir unter biefem Aſpekt zu 
vertreten und zu fürdern wünſchten, gliedert ſich in drei Aufgaben. 

Nachdem die Naturwiſſenſchaft ihre Ausbildung gewonnen, 
liegt das nächſte der Philofophie geftedte Ziel in der Lehre von 
der Begründung der Geiſteswiſſenſchaften. Cs ift in Deutichland 
faft herfömmlich geworben, dieſen Theil der philofophifchen Arbeit 
auf die Pflege der Erfenntnißtheorie und der Pſychologie zu redu⸗ 
ciren, bedeutende Leiftungen, welche die bezüglichen Problementreife 
in wichtigen Stüden neu gebildet, in anderen wahrhaft bereichert 
haben, waren die greifbaren Erfolge diefer Einſchränkung. Indeß 
haben bie hervorragendſten Vertreter diefer Richtung felbft an- 


D- 


erfannt, daß über den Geſichtspunkten jener Disciplinen noch ein 
höher liegendes Beobachtungsfeld vernadhläffigt, von Dielen gar 
nit gefannt, noch weniger gewürdigt liege, wie wir es nennen 
wollen: die Theorie der gefchichtlichen Phänomene An der Be 
arbeitung berfelben haben fich deutſche Denker bereinft ruhmvoll 
betheiligt; ihre‘ Fortfeger aber find Ausländer geweſen, die ein 
ergiebiges Material mit wenigen und wie wir meinen unzureichen: 
den Principien, zwar energiſch, aber doch bis zur Fehlerhaftigkeit 
einfeitig, zu beherrfchen verfuchten. Erſt in der jüngften Zeit find 
kurz auf einander folgend verfchiedene Publikationen an das Licht 
getreten, die dem offenbaren Mangel abzubelfen und die Dinge 
nad unfern heimiſchen Gebantengewöhnungen anzugreifen be— 
gonnen haben. Weber den Umkreis ber hierher gehörenden Fragen 
wünſchten wir Hiftorifh zu berichten und zum Verftänbniß ihrer 
Tragweite beizutragen. 

Mit diefem Intereſſe verknüpft ſich ein anderes, das mit ihm 
gleichen Urfprungs ift. Von jeher haben wir an einem Webermaß 
von Kritit gekrankt. Den literarifchen Veröffentlihungen pflegt 
fich ohne viel Zeitverluft die Recenſion anzufchließen. Manche 
Arbeit mag die fchnellfertige Beurtheilung geftatten, ja vielleicht 
herausfordern. Aber das Werthvollſte kommt bei foldem Ver: 
fahren zu Schaden. Wir haben die fhägbarften Hervorbringungen 
der deutfchen Philofophie erlebt, ohne daß von ihnen die gebührende 
Rechenſchaft zu geben die erforberlide Sammlung ober Anftrengung 
vorhanden geweſen wäre. Deshalb wünſchten wir, fei es in frag: 
mentarifchen Skizzen, fei es in zufammenfaffenden Weberfichten, über 
die gegenwärtigen Gebantenbewegungen zu orientiren, sine ira et 
studio, und hoffen mit diefem Vorgehen mandem Bebürfniß ent- 
gegenzufommen, das fi) bei ber fortichreitenden Specialifirung 
aller Disciplinen den Philofophen vieleicht noch mehr als andern 
Forſchern bemerklich machen wird. 

Endlich hat das geiftige Leben der anderen Nationen von jeher 
die Theilnahme der Deutſchen in Anfprud) genommen. Die Auf: 
merffamfeit, die fie uns widmen, wünfchten wir ganz zurüdzugeben, 
ſowohl um der Wahrheit willen, der wir gemeinfam dienen, als 





mu 


mit Nüdfiht auf unfere legte Allgemeintendenz, das gejchichtliche 
Leben der zeitgenöffifhen Philofophie zur Veranſchaulichung ihrer 
vielformigen und achtunggebietenden Regſamkeit zu bringen. Sn: 
wieweit unfere Abfit, den Gehalt ihrer Beftrebungen in regel 
mäßigen Semeftral-Revuen zu &harakterifiren, gelingen wird, hängt 
in erfler Linie von dem freundlichen Antheil der frembländifchen 
Herren Verleger ab. 


Redaction und Verlag der Zeitihrift für Philofopbie 
und philoſophiſche Reitit. 





Google 





Inpalt. 


Über die Jdealität von Raum und Zeit. Ein Beitrag zum 
Kapitel der „transfcendentalen Äfthetit* von 9. Bender . . 
Ertenntnißtheoretifhe Streifzüge mit Sefonderer Rüd- 

ſicht auf Günther. Won Dr. Anton Rod . 

Der ſchwediſche Foltefons Samuel Srusse Bon Eugen 

Böller ..... vn 

Recenfionen. 

Rinnovamento e Filosofia internazionale, disoorso 
di Pietro Sioiliani. Bologna, Nicolo Zenichelli. 1884. 
Bon Brof. &. Hermann. . . . . 

L’uomo ed il bruto panagonati sotto Trospotto psi- 
eologico metafisıco del Professore Angelo simon- 
celli. Verona, Libreria alla Minerva. 1881. Bon Demfelben 

L’aristotelismo della Scolastica nella storia della 
Filosofia, studi critici del Prof. Salvatore Talamo. 
Siena, 8. Bernadino. 1881. Bon Demfelbn . . . - 

Storia e dottrina del Criticismo, cenni del Dott. 
Giovanni Cesea. Verona, Libreria alla Minerva. 1884. 
Vom Demfelden . . . . ve nen 

Il Teismo filosofioo eristiano teoricamente e stori- 
.cameäte considerato con ispeciale riguardo a. 8. 
Tommaso al Teismo italiana delsecolo XIX per Pas- 
quale d’Ercole, Professore etc. Torino, Ermanno Loescher. 
1884. Bon Demjelben . rn 

6. Vadalo Papale. Darwinismo naturale o Darwinis- 
mosociale. Torino, Ermanno Loescher. 1883. Bon Demfelben 

Emanuele Kant per Carlo Cantoni, Professore. Volume 
2. 3. Milano, Ulrico Hoepli. 1884. Bon Demfelben . . - 

Le Ecclesiapose di Aristofane e la Repubblica die 
Platone, polemica litteraria nel IV. secolo avanti 
Cristo. Studio di Alessandro Chiapelli, Dottore. 
Torino, Ermanno Loescher. 1882. Bon demfelben.. . 

Bayreuther Tafhen- Kalender 1885. Winden, Alfred 
Schmid. Bon Dr. Fr. v. Hausegger.. . . 

Dr. Guſtav Knauer. Die Reflerionsbegriffe. Keipsig, 
Kofäuy. 1881. Bon Dr. J. Mainzer - 

€. Laft, Die realiftifhe und die idealiftifge Beltan- 
ihauung entwidelt an Kant’3 Jdealität von Raum 
und Seit. Leipzig, 1884. Bon Dr. Hans Heußler . . . 


- 


4 


74 


& 


111 


IV Inhalt. 





Morig Müller, Die Fortfegung unferes Lebens im 
Jenſeits. Halle, C. E. M. Fiefier {R. Sriden), 1884. Bon 
Brof. H. Jacoby . 2. 2: 2 2 2 nn 

Delff, Über den Beg zum Biffen und jur Gewißheit zu 
gelangen. — dr en Grunow. 1882. Bon Dr. Neu⸗ 
beder B 

8. Hüllmenn, Beofeffor. Der Raum und feine Erfditung 
Berlin, Weidmann. 1884. Bon Dr. Adolf Bil. 

G. Maaß, Pfarrer. Ehriftlihe Bhilofophie u German 
Wohle. 1883. Bon Prof. $- Jacoby - - 2 22.2. - 

Friedrich Robert: das Problem der höchſten wifſenſcaft. 
Löbau, Skrzerzed. 1884. Bon Dr. Hans Heußler. B 

Vhiloſophiſche Borträge. 7. Heft: Eugen Dreher, Über 
den Bufammenhang der Naturkräfte. Halle, €. E. M. 
Pfeffer (R. Strider). 1884. Bon Demfelben . 

Ferdinand Laban. Dialogiſche Deluftigungen. sun 
Stampfel. 1883. Bon Demfelben . 5 

Moriz Berger: Der Materialimus im Kampfe mit dem 
Spiritualismus und Idealismus gemeinfaßlich dar⸗ 
geſtellt. Trieſt. 1883. Bon Demfelben . 

3 Frohſchammer: Die Philoſophie als Zbeaimiffen- 
fhaft und Syftem Münden, N. Adermanns Rasfelger. 
1884. on Prof. Dr. Rabus . j 

La Dottrina Kantiana dell’ A Priori, "stndio eritioo al 
Dott, G. Cesea. Verona, Libreris alla Minerva. 1885. Bon 
Brof. C. Hermann 

Terenzio Mammiani, La Filosofia delle Beuole Ita. 
liene. Roma. Salviucci 1884. Bon Demfelben. . 

Dr. 8. Uphues, Die Grundlehren der Logik. Brest, 
W. Köbner. 1883. Bon Prof. Rabus . .. 2.2... 

€. 3. Schindler: Über den Begriff des Guten und Nüd— 
lihen bei Spinoza. Jena, 1885. Bon Dr. C. Lülmann 

Dr. 3. Landsberg: Volksthümliche ꝓbiloſophie Berlin, 
®. Ihleib. 1883. Von Dr. Aug. Kind . . 

©. ®. &yng: Grundtankernes System. Christ. 0. Knobe- 
lauch. 1883. Bon ®rof. I. Borelius . . . 

Dr. ©. Haftinsty: Über bie Bedeutung der prattifgen 
Ideen Herbart’3 für die Allgemeine Aeſthetit. Prag. 
1883. Bon Prof. J. Walter . 

Mbolf Harpf: Die Ethik des Brotagoras und deren 
zweifache Moratbegrünbung. „Beibelberg. G. » Bil. 1884. 
Bon Dr. 9. v. Mleift . . 


147 


147 


153 


156 


Inhalt. 





Seite 
Die Philofophie des Thomas von Aquind und bie@ultur n 


der Neuzeit. Bon Rudolf Euden . 

Köftlin’s AeftHetil. Bon Eduard von Hartmann 
Streifzüge durd die Philoſophie der Gegenwart . 
Ueber die Bedeutung der Philoſophiegeſchihte und den 

Charakter der neueren Philoſophie. Bon Richard 

Saldenberg . 

Ueber Reformverfuge ber ẽthir, ſpeeieli Bitte 8 Sud 

über bie $reiheit des Willens. Bon Dr. J. Walter. . 

Recenfionen: 

Alois Emanuel Biedermann: Chriftlide Dogmatil. 
Zweite, erweiterte Auflage. Erfter Band: Der principielle Theil. 
XVI. 3326. Berlin 1884. G. Reimer. Bon P. Bünjer. . - 

BHilofophie und Chriftentgum. Eine Charafteriftit der 
Hartmannſchen BWeltanfhauungen für jeden Gebildeten. In fünf 
Briefen an Ed. v. Hartmann von Alfred Schüz. Stuttgart, 
I. B. Mepler, 188%. X und 158 ©. 8. Bon Laffon . 

BHyjiologie und Kantianismus, Xortrag von Johannes 
Nehme. Eiſenach 1883. 24 Seiten. Von Dr. 3. Mainzer 

9. Cohen: Das Brincip der Infiniteffimal-Methode 
und feine Geſchichte. Berlin, Dümmler 1883. 162 Seiten. 
Bon Prof. Frege . . 

Bräliminarien zum Berfude einer BHitofoppie des 
Gemüths. Ein Beitrag zur Erkenntnißtheorie von Ferd. 
Maad. Leipzig bei Mupe 1885. gr. 8. 110 ©. Von J. Bitte 

3. I. Rouffeau’s Religionsphilofophie. Unter VBenupung 
bisher nicht veröffentlichter Quellen von Charles Borgeaud, 
Dr. phil Genöve 9. Georgs Berlag. — Gufta Jod 1888. 
168 ©. Bon Prof. 9. Jacoby . B 

€. Lülmann: Ueber ben Begriff amor "dei intelleo- 
tualis bei Spinoza. Jena. 1884. 8. 46 ©. Bon 
Dr. Hans Heußler. " 

Heintih Listo: Die Gefchichtsphiloſophie Schellingð 
1792—1809. Inaugural⸗ Diſſertation. Jena, 1884. 63 ©. 8. 
Bon Dr. Hans Heußler. .. 222... 

Baul von Gizydi: Einteitende Bemerkungen au einer 
Uuterfugung über den Werth der Raturphilofophie 
des Epitur. Berlin, 1884. R. Gaertners Berlag. 86 4 
Bon Dr. v. Kleiſt. B B 

Neu eingegangene Schriften. Pa Er 
Bibliographie. .....- .. 





. 215 


272 


Ess 





„Google 





Heber die Idealitäf von Raum und Zeit. 


Ein Beitrag zum Kapitel der „transftendentalen 
Arfihetih“ 


von B. Bender. 


Einleitung. 

Die Stunde, in der Kant fih zum erften Mal die Frage 
nad der Natur des Raumes und ber Zeit vorlegte, war Epoche 
machend und für die Gefammt Richtung des modernen philofophi- 
ſchen Denkens von enticeidender Bedeutung. Denn nachdem biefe 
Frage einmal geftellt war, drängte ſich die Erfenntniß von ber 
eminenten Wichtigkeit und bie Ueberzeugung von der Nothwenbig- 
feit einer befriedigenden Beantwortung derſelben ganz von jelbft 
jedem benfenden Geifte auf. Um fie aber überhaupt zu ftellen, 
um fi der Widerfprüde, die in den Ianbläufigen Raum: und 
Zeit - Borftellungen enthalten find und die durch fie in verfchiebene, 
bisher für unlösbar gehaltene Probleme bineingetragen werben, 
kurz um ſich der Schwierigkeiten, die gerade an diefer Stelle 
verborgen liegen, allererfi bewußt zu werden: bazu war 
eine Kraft der Intuition nöthig, wie fie nur ſehr wenigen Aus- 
erwählten zu Theil geworben tft, dazu bedurfte es bes philofophi- 
ſchen Scharfblids eines mahrhaft genialen Geiſtes. Von kaum 
geringerer Genialität wie die Erfaffung und präcife Formulirung 
des Problems aber zeugt auch der Verfuch einer Löfung besfelben, 
wie er in der trandfcendentalen Aeſthetik vorliegt, und wenn bie 
Nefultate feines Nachdenkens, die Kant in biefem Theil feiner 
Vernunftkritit niedergelegt hat, fi) trogdem noch keineswegs all- 
gemeiner Anerkennung und Zuftimmung erfreuen, fo liegt ber 
Grund dafür meines Erachtens lediglich. darin, daß die Lehre von 
der Idealität des Raumes und der Zeit in ihrer ihr von Kant 

Btlepeft. f. Bhllef. u. Hhilof. Meitil. 87. Bo. 1 


2 8. Bender: 





gegebenen Faffung an mannigfaden Unklarheiten und Jerthümern 
leidet und daß fie in Folge deifen den ihr zu Grunde liegenden 
Wahrheitsfern nicht rein zum Ausdrud bringt, jondern durch Bei: 
miſchung widerſpruchsvoller Behauptungen die Wirkung bes licht: 
vollen Hauptgedantens beeinträchtigt, ja geradezu verbunfelt und 
entftellt. — Neue Wahrheiten enttauchen eben auch dem Kopf des 
genialften Denker? nicht mit einem Schlage in vollendeter Geftalt. 
Sie kommen vielmehr ihm jelbft nur gradatim zum Bemwußtjeyn, 
nehmen in feinem Geifte wechjelnde, dem jemeiligen Bewußtſeyns⸗ 
grad entfprechende, proviforifhe Formen an und gewinnen, gleich 
der einem Kunftwerf zu Grunde liegenden dee, erft durch bie 
Ausführung, d.h: in diefem Fall erſt im Durchgang durch ben 
kritiſchen Denkproceß die ihnen adäquate, ihre Bebeutung rein zum 
Ausdrud dringende Geftalt. Weil aber diefer Denkproceß ein jehr 
umſtändlicher und Iangmwieriger ift, indem er eine überreiche Fülle 
von Material zu fichten und kritiſch zu verarbeiten hat, fo ift es 
nur natürlich, wenn Derjenige, dem durch eine glüdliche Eingebung 
feines Genius die erfte Ahnung bes wahren Sachverhalts aufging, 
diefe Ahnung noch nicht nad) allen Seiten hin zur vollen Klarheit 
des philofophifchen Bewußtſeyns zu fteigern vermag, wenn er viel: 
mehr bas betreffende Problem nod im Zuftande proviſoriſcher 
Geftaltung zurüdlafen und es ber Nachwelt anheim geben muß, 
feine Gedanken, wo dies nöthig ſeyn follte „zu Ende zu denken“ 
und das in ihnen enthaltene Wahrheitsgold mehr und mehr von 
dem ihm anhaftenden Schladen, von den Irrthümern und Wider: 
ſprüchen, die in folden Fällen unvermeidlich mit unterlaufen und 
die meift nur ſehr langfam und allmählich überwunden werben 
tönnen, zu befreien. 

Was ich als den Grundgebanken der transfcendentalen Aefthetit 
anfehe, ift bald gejagt. Ich erblide ihn in der immer aufs Neue 
mit der größten Energie betonten Behauptung, daß Raum und 
Zeit bloße BVorftellungsformen feyen, bie als folde 
feine felbftändige „an ſich“ reale Eriftenz befigen, fonbern nur in 
der Wahrnehmung und nur für diefe ala gegebene Realitäten er- 
einen. Diefen Grundgedanken nun aus der Verbindung mit 


Ueber die Jdealität von Raum und Zeit. 3 





jenen widerſpruchsvollen Elementen, in der er bei Kant auftritt, 
zu befreien und hierdurch ſowie durch entichiebene Zurückweiſung 
bes ertremen Idealismus ben Werth und die wiſſenſchaftliche Be— 
deutung eines gemäßigten Idealismus möglichft nad) allen Seiten 
hin in helles Licht zu fielen: das ift die Aufgabe, deren Löfung 
fi die vorliegende Arbeit geftelt. Sie wird zu diefem Zwedk 
1) unter Anlehnung an die Argumentation der transfcendentalen 
Aefthetit Sinn und Bebeutung der Lehre von ber Idealität des 
Raumes und der Zeit der gewöhnlichen realiftiihen Auffafjungs- 
weife gegenüber zu entwideln und die Berechtigung derfelben an 
der Hand ber gegebenen Erfahrungs: und Bewußtſeynsthatſachen 
zunächſt direkt zu demonftriren fi) bemühen; fie wird ſodann 
2) den Unterſchied, der zwiſchen der gemäßigt-ibealiftiihen An- 
ſchauungsweiſe und dem Transfcendental-Jdealismus der Vernunft- 
fritit in dieſem Punkte befteht, hervorheben und kritiſch beleuchten; 
und fie wird endlich drittens bie direkte Beweisführung ber 
beiden erften Abjchnitte durch eine indirelte ergänzen, indem fie 
mit Bezug auf die Antinomieenlehre Kant's barzuthun verfuchen 
wird, daß nicht nur der ertreme, fonbern’aud der ge= 
mäßigte Idealismus uns einen Schlüffel zur Löfung gewiſſer 
Probleme bietet, die vom Standpunkt des unkritiſchen Realismus 
als durchaus unlösbare angejehen werben müſſen. — 


1 Abſchnitt 
Aeber die Hatur des Haumes und der Zeit. 

Die Frage nach der Natur des Raumes und ber Zeit zu 
beantworten erfcheint auf den erften Blick nicht ſchwer. Denn 
Jedermann ift fi bewußt, daß er ganz genau weiß, was er 
meint, wen er vom Raume ſpricht, und Niemand fcheint im Un— 
Haren über das, was er fi unter Raum und Zeit vorzuftellen 
hat und was er, wie jeder Menſch von gefundem Sinne unter 
beiden Ausbrüden verfteht. Dennoch ftellen fich einer genauen 
Begriffs: Erflärung beider fehr große Schwierigkeiten entgegen, 
wovon ſich Jeder leicht überzeugen kann, der eine ſolche in Karen, 


beftimmten Worten zu geben fich bemüht. 
ır 


4 B. Bender: 





Auch Kant wußte feinem Problem, wie es fcheint, nicht bireft 
beizufommen;; er näherte fi vielmehr, wie die Ausführungen der 
transfcenbentalen Aefthetit beweifen, inbireft und auf Umwegen 
feinem Ziel. So Iegte er fich zunächſt die Frage vor, welder 
Klaſſe unferer Borftellungen die Raum :Vorftellung beizuzählen 
ſey? ob den Einzel-Vorftellungen von wirklichen, uns durch 
finnlide Wahrnehmung gegebenen Dingen, oder den eine Bielheit 
jener zu einer bloß gedachten Einheit zufammenfaffenden erft 
durch Abftraktion aus der Erfahrung gewonnenen allgemeinen 
Begriffen? Die Antwort auf den zweiten Theil biefer Frage 
ſchien nicht zweifelhaft zu jeyn, denn die Raumvorftelung, die wir 
ung unwillkürlich bilden, ift, wie Jeder ſich bei dem geringfien 
Nachdenken leicht überzeugt, ſicherlich alles andre eher als ein all⸗ 
gemeiner aus ber Erfahrung, d. i aus ber Wahrnehmung einer 
Vielheit gegebener Einzel: Räume erft nachträglich abgezogener 
Begriff. Dies erhellt, wie Kant ſehr richtig bemerkt, ſchon daraus, 
daß wir den Raum als ein objektiv und faktiih außer uns Ge 
gebenes vorftellen, als eine konkrete reale Einheit, die alle einzelnen 
begrenzten Räume nicht etwa bloß (mie ber Gattungabegrifi die 
Individuen) unter fi enthält, fondern fie ſammt allen aus: 
gebehnten Dingen faktiſch in fich faßt und umfchließt: denn alle 
einzelnen Räume find für uns nur umgrenzte Theile des einigen, 
grenzenlofen Raumes, die nur in ihm möglich find, und wir 
denken fie ſämmtlich realiter in ihm enthalten. Dies wird 
noch einleuchtender, wern wir uns Mar machen, daß die räumliche 
Anſchauung die Vorftellung eines von unferm eignen Selbft zu 
unterſcheidenden außer uns Befindlihen und damit alle äußere 
Erfahrung überhaupt erft möglich macht, mithin Diefer 
bereits zu Grunde liegt und nicht erft nachträglich durch 
Abftraktion aus ihr gewonnen feyn kann. Es ſchien ſonach mır 
übrig zu bleiben die Raum-Vorſtellung unter die anſchaulichen 
Einzel: Vorftellungen einzureihen, d. h. unter die Vorſtellungen von 
Ionfreten „Dingen“ oder, was basfelbe ift, von realiter gegebenen 
Größen. Sobald man dies aber verfucht, ergiebt ſich eine neue 
Schwierigkeit. Die Raum-Anſchauung ift nämlich von den übrigen 


Ueber die dealität von Raum und Zeit. 5 


anſchaulichen Vorſtellungen toto genere verſchieden und läßt ſich 
mit feiner derſelben vergleichen. Denn bie letzteren find ſämmt⸗ 
ich ihrer Totalität nach gegebene und folglih begrenzte 
Größen, der Raum aber wird ala eine unendlide in feiner 
Wahrnehmung jemals ihrer Totalität nah zu gebende Größe 
gedacht. Außerdem erjcheint er als die conditio sine qua non 
aller übrigen, als dasjenige, welches fie für die Wahrnehmung 
ſãmmtlich begrenzt und umſchließt, und dabei doch zugleich als ein 
Etwas, das im Vergleich zu jenen eine bloß negative Rea— 
lität befigt, das nur um ihretwillen da zu feyn fheint 
und, wenn man fie fortbenft, fogleich alle Bedeutung verliert. 
Als was fol man nun den Gegenftand diefer widerſpruchsvollen 
Vorftellung denken, als mas dieſes Etwas, das die realen, aus— 
gebehnten Dinge allererft möglich macht, und das doch, wenn mar 
von ihnen abftrahirt, als, bloßes Nichts erſcheint, betrachten? 

Für Kant Löften fi alle diefe Schwierigkeiten und Vedenken 
mit einem Schlage durch die Erkenntniß, daß der Raum eine 
bloße Vorftellungsform ſey, nämlich die Form der finn- 
lichen Kollektiv: Vorftellungen, die man mit ihm ganz allgemein 
Anſchauungen nenneu kann und deren charakteriftiices Merkmal 
es ift, daß wir mit ihrer Hülfe eine Vielheit beharrlicher Reali— 
täten alö zugleich eriftirende und infofern troß ihrer Bes 
harrlichkeit ihrem Dafeyn nah begrenzte, d.i. nur beichränft 
reale erkennen. Man kann aus biefem Grunde den Raum, ber 
die Form diefer Vorftelungen ift, au als Forw ber Wahr: 
nehmung des begrenzten beharrligen Seyns oder auch 
des Zuſammendaſeyns, (dev Koeriftenz) einer Vielheit 
beharrlicher Realitäten bezeichnen. Zweierlei ift hierdurch 
ausgeiproden: 1) daß ein unabhängig von der Anſchauung, in der 
er vorgeftellt wirb, eriftirender, die einzelnen realen Dinge als 
ebenfo reale Einheit äußerlich umſchließender Raum eine bloße 
Fiktion ift; fobann aber 2) daß, wenn begrenztes, beharrliches 
Seyn als foldes von uns überhaupt vorgeftellt werben fol, dies 
ftets nur mit Hülfe der Raum-Anfhauung, d.h. nur dadurch, 
daß wir den Raum mit vorftellen oder, was dasſelbe ift, die 





6 8. Bender: 





einzelnen beharrlien Realen in den Raum verfegen, ge= 
ſchehen Tann. 

Das hierdurch angebeutete Verhältnig des Raumes zu den 
für die Anfhauung „in ihm befindlichen“ Dingen erſcheint auf 
den erften Blid als ein ſehr eigenthümliches, ja widerſpruchsvolles 
und allerhand Bedenken und Zweifel an ber Richtigkeit der von 
Kant behaupteten Idealität des Raumes brängen fi angefichts 
der Erfahrungsthatſachen unwillkürlich dem denkenden Geiſte auf. 
„Wie?“ fragt man ſich erſtaunt und ungläubig, „die einzelnen 
ausgedehnten Dinge ſollten objektive Realität beſitzen, der Raum, 
in dem fie doch allein möglich find, aber ſollte eine bloße Vor— 
ftellungseinheit und alſo in Wahrheit, nämlich objektiv genommen, 
ein bloßes Nichts ſeyn? Wenn dem fo mwäre, woher follte es 
dann fommen, daß wir die betreffenden Dinge gar nicht ohne ihn 
vorftellen können und daß er in eben der Vorftellung, in der er 
angeblich allein eriftirt, als ein außer uns Eriftirenbes, felbftändig 
Neales erſcheint?“ Die eriten diefer Fragen erledigen ſich Leicht 
durch den Hinweis, daß bie einzelnen Dinge eben auch nur in 
der Vorftellung als ausgedehnte erfcheinen, daß fie Daher 
als ſolche wirklich nur „im Raume“ möglich find, weil fie eben 
als ausgedehnte gleich ihm ſelbſt lebiglich für die Anſchauung 
und nur in dieſer eriftiren, daß aber enblih, weil wir fie 
unter allen Umftänden ausgedehnt vorftellen müffen, 
fie aud) ftets im Raume befindlich vorgeftellt werden müffen, und 
wir fie niemals ohne Raum vorftellen fönnen. Hier tritt uns 
aber jogleih die meue Frage entgegen, worin es denn feinen 
Grund haben möge, daß wir die beharrlichen Realitäten, die, mit 
Kant zu reden „an fi“, d. h. wenn wir von ihrem ibealen Da- 
ſeyn in der anſchaulichen Vorftellung abfehen, nicht ausgedehnt 
ſeyn follen, dennoch jederzeit ausgedehnt vorftellen müffen? — eine 
Frage, die nur in Verbindung mit jener andern, „warum wir den 
Raum als ein außer ung Befinbliches vorftellen?“ befriedigend 
beantwortet werben Tann. 

Kant jelbft ſcheint ſich diefen Fragen gegenüber bei oem all: 
gemeinen Gedanken beruhigt zu haben, daß beide Thatſachen im 


Ueber die Jdealität von Raum und Zeit. 7 





der eigenthümlichen Natur oder Drganifation unferes Vorftelungs- 
vermögens begründet ſeyen und baß beshalb eine genauere Er— 
Härung berjelben weder gegeben zu werben brauche noch gegeben 
werben könne. In Folge defien gelangte er denn auch nicht dazu, 
die eigenthumliche Zmwitternatur des Raumes, das Faktum, daß er 
in der Anſchauung trog feiner Spealität als ein realiter außer 
uns Gegebenes erſcheint, ſich felbit und Andern begreiflih zu 
machen; fo lange dies aber nicht geſchieht, wird auch bie Lehre 
von ber Idealität des Raumes nie allgemeinen Eingang finden, 
nie wirklich einleuchtend und. plaufibel erſcheinen, weil man ſich jo 
lange nichts Klares bei derjelben denken, ſich nichts 
Beftimmtes unter dem „bloß idealen” Raum vor» 
ftellen kann. Es ift aber meines Erachtens ſehr wohl möglich, 
ſich Mar zu machen, daß und warum mit Nothwendigkeit das 
Phänomen der räumlichen Ausdehnung und mit ihm zugleich die 
Zorftellung eines realiter außer uns eriftirenden Raumes entfteht, 
fobald eine Vielheit zugleich gegebener, beharrlicher Realitäten als 
ſolche und alfo zufammen vorgeftellt werben fol. 

Denn es leuchtet ein, daß, weil jede Vorftellung als ſolche 
ein Einheitliches ift, ein gegebenes Mannigfaltige nur dann 
als ſolches erfannt, d. h. ala Vielheit in die Einheit einer Vor- 
ftellung aufgenommen werben kann, wenn ed zugleich einerjeits 
als Vielheit, andererjeits als Einheit erſcheint bezw. wenn alle 
einzelnen Wahrnehmungen fi zu dem Bilde einer zugleich 
mannigfaltigen und einheitliden, d.i. zu dem Bilde 
einer zufammengefesten Erſcheinung verbinden. Nun ift 
aber objektiv fein äußerlich Verbundenes gegeben, ſondern bloß 
eine Vielheit von Realitäten, allerdings zugleich und in einer 
ganz beftimmten Ordnung, die, wenn jie wahrgenommen 
wird, auf objeftiv-reale Beziehungen ber betreffenden einzelnen 
Realitäten ſchließen läßt und damit indireft auf eine fie gemeinfam 
befafjende, objeftiv-renle, höhere Einheit deutet. Damit aber 
das Zugleihfeyn und die ganz beffimmte Ordnung 
der betreffenden einzelnen Realitäten überhaupt 
wahrgenommen werden kann, müffen legtere auch äußer- 


8 5. Bender: 





lich zur Einheit verbunden werden und dieſes Geſchäft 
beforgt das Anſchauungavermögen, indem es durch den Alt der 
Anfauung ein den betreffenden einzelnen Realitäten 
Gemeinjames ſchafft, an dem fie ſämmtlich unbefchabet ihrer 
indivibuellen Verſchiedenartigkeit participiven. Dieſes Gemeinfame 
muß, wie an fi klar ift, ein durchaus Gleichartiges, Homogenes 
ſeyn, weil es fonft nidt den für die Zwede der Anſchauung noth: 
wendigen Eindruck der Einbeitlicheit hervorbringen könnte; es lann 
aber eben veshalb fein Dualitatives, d. h. fein burh Empfin⸗ 
dung Wahrgenommenes und aljo überhaupt fein in gleicher 
Weife wie die einzelnen Realitäten oder Dinge pofitiv Wahr: 
genommenes ſeyn; denn qualitativ müſſen die einzelnen „Theile“ 
diefes Gemeinfamen fi ja verjchieden darftellen, wenn fie 
überhaupt als einzelne erfcheinen, d. h. geſondert vorgeftellt und 
von einander unterſchieden werben follen.*) Was für eine Art 
von Realität aber bleibt biernad für das ben einzelnen, pofitio 
wahrgenommenen Realitäten Gemeinfame allein noch übrig? Als 
was muß e8 in ber Anſchauung fich darftellen? Offenbar ala ein 
lediglich Formales, das als foldes nur an den einzelnen Reali- 
täten und nur mit diefen zugleich, nicht aber von ihnen 
gefondert ſich vorftellen läßt, als ein bloßes Scheinding, das 
tein pofitiv reales Daſeyn hat und das objektiv genommen 


*) Dualitativ gleihartige Dinge Können in der Anſchauung nur 
dann als einzelne von einander gefonbert vorgefiellt werben, wenn fie duch 
qualitativ ander geartete getrennt erfheinen; auch bie von uns nur 
negativ (als Füden zwiſchen den poſitiv wahrgenommenen Dingen) vorgeftellten, 
Kuftförnigen Körper find als folge „qualitativ anders genttete Meolitäten“ zu 
betrachten. Sierbei fommt 8, wie an ſich Mar if, gar nicht in Betracht, ob 
man die qualitative Verfchiedenartigfeit der einzelnen Anfdauungsrenlitäten ob: 
jeftio genommen lediglich als eine Verfchiebenartigkeit in der Bufammenfegung an 
fich gleichartiger Urefemente denten oder ob man aud) dieſe Urelemente al8 qualis 
tativ verfehiebenartige annchmen umd auf ihre weſentliche Berfäriebenantigkeit die 
Berfcjiedenartigkeit in ihrer Zufammenfegung zurüdfügren will: dem in der 
Anfhauung, die es lediglich mit ſchon zufammengefehten Nealitäten zu 
tum Hat, iſt die qualitative Verſchiedenartigleit ſo ober fo in jevem Falle dor⸗ 
handen. 





Ueber die Jdealität von Raum und Zeit. 9 





nichts ift — und als ein ſolches erſcheint es, wie wir fahen, je 
auch in der That. 

Die Sache ftellt fi demnach mie folgt: Das Anſchauungs⸗ 
vermögen erzeugt, indem es anſchaut, eine Form, in bie es 
alle einzelnen wahrgenommenen Realitäten in entſprechender, d. i. 
der objektiv realen Ordnung gemäßer Gruppirung einfügt, an der 
es jeber einzelnen ben ihm im Verhältniß zu den übrigen ge: 
bührenden Antheil giebt und vermöge deren es fie in der einfach: 
Ren Weile zu der gewünfchten äußeren Einheit oder, was Dasfelbe 
if, zu dem Bilde eines zufammengefegten Ganzen ver— 
bindet. Die Erfüllung diefer allen gemeinfamen Form 
nun, ſowohl bie totale wie die partielle, bezeichnen wir ala Aus⸗ 
dehnung, den beftimmten Antheil jedes Einzelnen 
aber, wenn wir nur auf das Mehr oder Minder desfelben Rüd- 
ficht nehmen, als Größe, wenn wir dagegen auf die Art und 
Weiſe, wie es am Ganzen Antheil hat, achten, im Speciellen 
wieber ala Form oder Geſtalt; bie allen einzelnen beharrlichen 
Ausgedehnten gemeinfame Form als ein objektiv Gegebenes 
gedacht aber nennen wir Raum, Weil aber jede Anſchauung 
neben ben pofitiven aud) negative Wahrnehmungselemente, nämlich 
ſcheinbare Lüden neben den pofitiv wahrgenommenen Dingen ent 
hält, und weil die Anſchauung auch biefen ſcheinbaren Lüden in 
gleicher Weife wie den pofitio mwahrgenommenen Dingen Antheil 
an ber gemeinjamen Form Aller ertheilt, fo gewinnt vermöge 
biefer Lüden, die leerer Raum, d.i. bloße Form zu jeyn 
feinen, dieſe Form jelbft für die Anſchauung eine gemifje ſelb⸗ 
Rändige, freilich im Wergleih zu den pofitiv mwahrgenommenen 
Dingen nur negative Realität: fie erſcheint ale ein auch außer: 
halb diefer Dinge und alfo neben und mit ihnen zugleich realiter 
Eriftirendes, das fie ſämmtlich begrenzt und umſchließt. So 
kommt es, daß wir ben Raum zugleich als Realität und als 
Nichts denken: als Realität mit Rückſicht auf die einzelnen aus— 
gedehnten Dinge, die in der Anfhauung in ihm enthalten und 
deshalb nur in ihm möglich erſcheinen — als Nichts aber an 
und für ſich jelbft, weil die bloße Form der Wahrnehmung des 


10 5. Bender: 





Zuſammenſeyns einer Vielheit von Realitäten nur an diefer 
und mit ihnen zugleich vorgeftellt werben kann, nicht aber an 
und für ſich felbfl *) 

Die Behauptung, daß die Dinge, die wir als ausgebehnte 
vorftellen, „an fi“, d. h. objektiv genommen, nicht im Raume 
befindlich und folglich auch nit ausgedehnt jeyen, jondern nur 
durch die Anfchauung in den Raum verfegt würden und nur, 
wenn angefhaut, ausgedehnt erfheinen, hat demnach 
zunächſt den Zweck zu konſtatiren, daß die Realität ber betreffenden 
Dinge, wenn fie als bie, die fie ift, nämlich als eine bloß be= 
dingte erfannt und nicht lediglich ala ſolche gedacht werben 
fol, nur in der finnlihden Wahrnehmung, b.i. nur mit 
Hülfe der Anfhauungsform des Naumes vorgeftellt werben kann, 
daß demnach das Ausgebehntjeyn Fein qualitatives, fondern ein 
lediglih formales Moment ift, und daß die Ausbehnung einzig 
und allein als finnlide Dajeynsform, d.i. ala die Form, 
unter der wir das beharrlide Dafeyn als foldes 
finnlid vorftellen, angefehen werben kann. Es folgt hier: 
aus, daß die Ausdehnung mit der qualitativen Beichaffenheit (der 
eigenthümlicden Art der Verbindung und Zufammenfegung ihrer 
Theile x.) und folglih aud mit dem Weſen ber Dinge nichts 
zu thun bat — außer ſofern man die Thatjache der Goeriftenz 
einer Vielheit beharrliher Realitäten ala ein mit zum Wejen einer 
fie gemeinfam befaſſenden Einheit gehöriges Moment betradtet: 
denn dieſes Verhältniß der Goeriftenz ift es allein, das, objeltiv 
genommen, bem jubjeftiven Moment der Ausbehnung entipridt. 
Auf die Frage: „Bie die ausgedehnten Dinge denn nun „an ih” 
beihaffen gedacht werben müßten, bezw. welcher Art man fich 
die. Dualität vorquftellen habe, bie ihrer Ausdehnung objektiv ge- 
nommen entſpreche?“ ift demnach überhaupt Feine Antwort möglich, 
indem die Frage: an fich widerfinnig ift, da der Ausdehnung, wie 
wir fahen, überhaupt Feine objektiv reale Qualität 

*) Kant irrte, wenn er meinte, daß man alle Dinge aus dem Raum. 


fortdenken Töne, niemals aber den Raum felbft; in Wahrheit verſchwindet, wenn 
man alle Dinge fortventt, auch der Raum. 


Ueber die Jdealität von Raum und Zeit. 11 





entſpricht. Fragt man dagegen, was bie Dinge objektiv ge 
nommen benn feyen, wenn nicht ausgedehnte, Körperliche Reali— 
täten, fo ift Darauf zu antworten: objektiv genommen finb fie eben, 
dasfelbe als was fie in der Anfchauung erfcheinen, nämlich be= 
dingte, fih mit andern zugleich feyende in das Dafeyn theilende 
Realitäten von ganz beftimmter Befchaffenheit. Als bedingte Rea- 
litãten ſchlechthin aber können fie nit vorgeftellt, d.h. nicht 
zugleich ihrer qualitativen Beichaffenheit nah erkannt, fondern 
nur gedacht werben; denn von ihrer qualitativen Beichaffenheit 
(d. 5. von der Art ber Verbindung der fie conftituirenben Theile) 
giebt ung flets nur die Sinnes- Empfindung eine jederzeit ſubjektiv 
gefärbte Kunde (meshalb wie fie „an ſich“ find Niemand je er= 
gründen wird noch ann), ſobald fie aber finnlich vorgeftellt werben, 
müffen fie mit Andern zufammen in ber Anſchauung vor: 
geftellt werben und dann erfcheint ihre bedingte Realität als 
begrenzte Ausdehnung im Raum. 

Zur Erläuterung bezw. Ergänzung der hier gegebenen Aus- 
einanderfegung über die Natur des Raumes diene noch ein kurzer 
Seitenblid auf die Lehre von der Idealität der Zeit. Ein folder 
ift um fo nüglicer, als hierbei der für gewöhnlich nicht genug 
beachtete Unterfchieb zwifchen Raum und Zeit zur Sprade fommen 
und noch weſentlich zur Rlarftellung ber.ganzen Sachlage beitragen 
muß. Daß ein Parallelismus zwiſchen Raum und Zeit befteht, 
iſt in die Augen fallend und mußte Jedermann klar werben, feit 
Kant in der transfcendentalen Aefthetit durch Nebeneinanderftellung 
ber beiden Lehren von ber Idealität bes Raumes und der Zeit fo 
nachdrücklich auf dieſen Parallelismus hingewieſen hat. In ber 
That iſt denn auch die Zeit ſo gut wie der Raum eine bloße 
Vorftelungsform und zwar gleich jenem die Form einer gemiflen 
Klaſſe von Gollektiv-Vorftellungen, in denen, wie in ‚veg An— 
ſchauungen eine Bielheit von Einzel: Wahrnehmungen zufammen, 
d.i. zur Einheit Einer Vorftellung verbunden vorgeftellt 
wird. Wie in den Anſchauungen entfteht daher aud in den 
Solektiv-Vorftellungen, deren Form. die Zeit ift, und die man 
vielleiht am treffendften Veranſchaulichungen oder au 


12 8. Bender: 





Neflerions- Anfhauungen nennen Tönnte,*) das Phänomen ber 
Ausdehnung, d. h. der Erfüllung einer ihnen allen gemeinfamen 
Form feitens ber einzelnen Wahrnehmungsrealitäten und dieſe 
Erfüllung der allen gemeinfamen Form (ſowohl die totale ala auch 
die partielle) nennen wir Dauer. Neben biefen. auffallenben 
Analogieen zwifhen Raum und Zeit beftehen aber auch fehr be 
merfenswerthe Verſchiedenheiten zwiſchen beiden, bie nicht außer 
Acht gelaffen werben können. Die Zeit ift nämlich 1) nicht wie 
der Raum die Form einer finnlichen Collektivvorſtellung, ſondern, 
wie wir ſchon fahen, die einer das betreffende Mannigfaltige 
erft nachträglich zufammenfafienden, rüdbezügliden oder 
tefleftiven; fie hat 2) nur eine Dimenfion, während die räum: 
liche Ausdehnung in der Anſchauung als eine drei-dimenflonale 
erſcheint; und fie verbindet endlich 3) zur Einheit einer Vorftellung 
ein unmittelbar wahrgenommenes Mannigfaltige, während uns 
die Realitäten, die wir räumlich ausgebehnt vorftellen, jtets nur 
durch mittelbare Wahrnehmung gegeben werben können. 

Alle drei Punkte find von Wichtigkeit und müflen deshalb 
noch einzeln auf ihre Bedeutung hin geprüft und eingehend er: 
örtert werben. 

Ad 1) muß daran erinnert werben, daß das Manrigfaltige 
der zeitlichen Gollektiv- Vorftellung nit wie das Mannigfaltige 
der räumlichen Anfhauung zugleich gegeben ift, mithin auch 
nicht glei} bei ber erften, finnlicden Wahrnehmung auf einmal, 
d.i. zufammen wahrgenommen und demzufolge auch überhaupt 
nicht in irgend welder ſinnlichen Borftellung zufammen 
vorgeftellt und als zeitlich begrenztes erfannt werden kann. Rur 
durch nachträgl iche Zufammenfaflung in der Reflerion vielmehr 
vermögen wir dem objektiv nicht zugleich gegebenen Mannig: 
faltigen eine gewifle fubjeltive Simultaneität des Da— 
feyns in einer die betreffenden, einzelnen Realitäten zufammen 
befaſſenden Vorftellung zu verichaffen (daher Veranſchaulichung 

*) Der von Kant gebrauchte Ausdrud „innere Anfhauung“ oder „An- 


ſchauung des Inneren Sinnes“ giebt leicht zu Mißverſtändnifſen Veranlaffung 
und iſt deshalb wohl befier zu vermeiden. 


Ueber die dealität von Raum und Zeit. 13 


im Gegenfag zur Anfhauung) und erft mit Hülfe biefer reflektiven 
Collektiv-Vorftellung, deren Form die Zeit ift, werben wir uns 
des Wechſels unferer Wahrnehmungen und Empfindungen ſowie 
auch ber Aufeinanberfolge äußerer Ereigniffe, kurz überhaupt der 
Succeffion als folder bewußt. Hierauf beruht es denn auch, 
daß bie Zeit, weil fie erft in der Reflerion als ein mannig- 
fache Einzel: Erjeinungen gemeinfam Befafjendes erfcheint, für 
una nit die gleiche ſinnliche Realität befigt wie ber 
Raum, weshalb wir fie denn auch weit leichter als dieſen für 
daB erkennen, was fie wirklich ift, nämlich für eine bloße Vor: 
ftellungseinheit, der feinerlei „an fih“ gegebene äußere Einheit, 
ſondern lediglich ein gewiſſes, objektiv reales Verhältniß, das wir 
ung mit ihrer Hülfe zum Bewußtſeyn bringen, entipridt. Ebenfo 
gerathen wir, weil wir bie betreffenden Einzel» Erfcheinungen nicht 
während wir fie ſinnlich vorftellen, fondern erft naher in 
die Zeit verjegen, auch nicht fo leicht in Gefahr, die zeitliche 
Ausdehnung oder, was basfelbe ift, die Dafeynsdauer ber 
ſelben als eine Dualität, ja wohl gar ala objektiv reale Dualität 
der Dinge zu betrachten, was mit der räumlichen Ausdehnung 
der Dinge (ihrem Dafeynsumfang), weil wir dieſe gleich ben 
Sinnes-Dualitäten und mit ihnen zugleich finnlich vorftellen, nur 
allzu leicht geſchieht — 

Wir fommen nunmehr auf den zweiten der oben angebeuteten 
Unterſchiede zwiſchen Raum und Zeit, auf die Thatjache nämlich, 
daß der Raum drei Dimenfionen, die Zeit dagegen nur eine 
Dimenfion befigt, zurüd. Bedenkt man, da Raum und Zeit, den 
bisherigen Auseinanderfegungen gemäß, zwar als fubjektive Formen 
der Wahrnehmung, aber doch als Formen der Wahrnehmung ob: 
jettiv realer Verhältniſſe gedacht werden müſſen, fo er: 
ſcheint es am naturgemäßeften, die betreffenden Unterſchiede eben- 
falls einfach als objektiv reale zu faſſen bezw. fie als realiter 
in entſprechenden, objektiv gegebenen Verhältniſſen begrünbete zu 
betrachten. Indeſſen bleibt doch zu unterfuchen, ob nicht vieleicht 
der lauſale Antheil, den das vorftellende Subjeft an ber 
Entftehung der betreffenden Vorftellungsformen bat, mit gleichem 





14 B. Bender: 


Recht zur Erklärung dieies Umfiandes herangezogen und dem: 
zufolge die Dreibimeniionalität des Raumes jo gut wie die Ein: 
dimenfionalität der Zeit auf Rechnung der eigenthümlichen 
Drganiiation des betreiienden Vorſtellungs-Appa— 
rates geiest werden fann — in weldem Fall wir mit Hülfe 
jener Boritellungsformen zwar immer noch objeftiv-reale Verhält: 
nifle, aber dieje nit adäquat, ſondern in jubjeftin- 
bedingter Weile percipiren wirden Die Vorausſetung eine 
derartigen Berhäftnities, auf welche ſich bie Spekulationen über 
die Moglichteit eines vier- ober mehr-bimenfionalen Raumes 
ftügen, ift aber um jo weniger furzer Hand als eine unbenkbare 
und wiberfinnige zurüdzumeiien — als der Raum thatſächlich für 
unfer Auge von jedem gegebenen Standpunfte aus 
nur zwei Dimenfionen beiigt, ein Faktum, das auf den erften 
Bid ſtark zu Gunften ber eben erwähnten Annahme ſpricht 
Denn — fo argumentirt man angefihts desſelben mit gutem 
Grund — wenn eben biejelben objektiv-renlen Verhältniſſe ſich 
uns einerfeits durch Vermittelung bes Gefihtsfinnes unter ber 
Form ber zwei-bimenfionalen, andererſeits durch Vermittelung des 
Taftfinnes aber unter der Form der brei-Dimenfionalen Aus: 
dehnung darftellen, warum follte es nicht denkbar ſeyn, daß fie 
ganz anders organifirten Wefen unter noch andern Formen, etwa 
unter ber einer vier= ober mehr-bimenfionalen Ausdehnung er: 
ſcheinen? Diefe Argumentation hat jehr viel Beftechendes; fie 
überfieht aber oder vielmehr fie läßt unbeachtet bie Thatſache, 
daß wir Alle der ganz beftimmten und gewiſſen Ueber: 
zeugung find, daß die Vorftellung bes dreisbimenfionalen Raumes 
als die allein richtige, dem objektiven Thatbeftand entſprechende, 
die bes zwei=bimenfionalen Raumes aber als eine unvoll: 
tommene und einjeitige Auffafjung ber betreffenden objektiv: 
realen Verhältnifje angefehen werden muß. Dieſes Faktum if 
aber von großer Wichtigkeit, weil eine befriedigende Erklärung 
besfelben auch über die Frage nach der Möglichkeit eines vier: 
oder mehr=dimenfionalen Raumes die gewunſchte Klarheit zu ver: 
breiten verfpricht. Wir fragen deshalb zunächſt: Worauf gründet 





Ueber die Jdealität von Raum und Zeit. 15 





ſich unfere Ueberzeugung, daß, populär geſprochen, der Raum in 
Wirklichkeit drei Dimenfionen hat, daß bie Vorftellung eines zwei⸗ 
dimenfionalen Raumes dagegen lediglich auf einer unvolltommenen 
Erkenntniß des objektiv gegebenen Thatbeitandes beruht? 

Die Sache erläutert fih am beften, wenn man fi) eines 
Umftanbes erinnert, der angefichts der endloſen Streitigfeiten über 
die Möglichkeit oder Unmöglichkeit eines vier- oder mehr-dimenfio- 
nalen Raumes gewiß auffallend ift und zum Nachdenken Ber- 
anlaffung geben muß, des Umftandes nämlich, daß meines Wiffens, 
noch Niemand auf den Gedanken an die Möglichkeit einer 
zwei- oder mehr=dimenfionalen Zeit verfallen ift 
bezw. einen berartigen Gebanfen ernfthaft in Erwägung gezogen 
bat. Die Erklärung dieſes Umftandes ift aber nicht ſchwer. Denn 
er hat feinen Grund in dem dritten der oben erwähnten 
Unterſchiede zwiſchen Raum und Zeit, in ber Thatſache nämlich, 
daß wir mittelft der Zeit-Worftellung jederzeit ein unmittelbar 
wahrgenommenes Mannigfaltige (nämlich eine Vielheit auf ein: 
ander folgender Vorftellungen) zur Einheit einer Collektiv⸗ 
Vorſtellung verbinden, weshalb wir auch die Aufeinanderfolge 
der betreffenden Erſcheinungen unmittelbar wahrnehmen *) und 
aus biefem Grunde völlig gewiß find, daß wir die Ver: 
hältniſſe der Zeitfolge vollftändig und durchaus adäquat 
ertennen und daß bie aus biefer Erfenntniß entipringende Bor- 
ftellung einer ein=dimenfionalen Ausdehnung den betreffenden, ob: 
jeftiv-realen Verhältnifien in der denkbar volllommenften Weiſe 
entfpricht. 

Diefer Punkt ift von der höchften Bedeutung auch für bie 
Frage nad) der Möglichkeit oder Unmöglichkeit eines vier-dimenfios 
nalen Raumes, weil er uns die relative Berechtigung einer 
derartigen Annahme begreiflih macht und den Grund feiner Ent: 
ſtehung enthält. Denn gerade weil in biefem Punkt ein wefent- 
licher Unterſchied zwiſchen der räumlichen Anſchauung und 


*) Daß wir und dieſe Aufeinanderfolge als ſolche erſt nachträglich zum 
Bewußtſeyn bringen, ändert daran nichts. 


16 5. Bender: 


ber zeitlichen Veranſchaulichung befteht, gerade weil wir bie Zeit- 
folge unferer Vorftellungen unmittelbar wahrnehmen, während 
bie in der Außenwelt gegebenen Verhältnifie des Zugleichſeyns, 
die wir mit Hülfe der Raum-Anſchauung vorftellen, flets nur 
mittelbar zu unſerer Wahrnehmung gelangen, gerade bes: 
halb ift ber Zweifel natürlich und auf ben erften Blick wohl 
berechtigt, ob wir auch letztere gleich erfteren fo aufzufaflen ver- 
mögen, wie fie wirflid find, ober’ ob fie nicht etwa beim 
Webergang ins Subjektive in ähnlicher Weile eine Mobi- 
fifation erleiden wie etwa bie qualitative Beſchaffenheit der Dinge 
(die Art der Verbindung ihrer Theile), die durch die Sinnes- 
Qualitäten ftets nur in fubjektiv gefärbter Weiſe percipirt werden 
tann.*) Indeſſen ſpricht gegen eine berartige Anſchauungsweiſe 





*) in derartiger Gedanke lag für alle diejenigen fer naße, die, zu tief 
durchdrungen von der Ueberzeugung der objeltiven Realität der und umgebenben 
räumlichen Welt, fih nicht entfliehen tonnten, mit Kant alles räumliche Reben- 
einander für ein bloß ſubjektives Phänomen, dem keinerlei objettiv-reale Verhält⸗ 
aiffe entfprächen, zu betrachten. Diefe rangen nad; einer Anfhauungsweife, die 
ihnen geftattete, bie Behauptung Kant's: „mir erfenmen mit Hülfe ber Raum 
Anſchauung auch nicht einmal Dinge an fih in ihrem Verbältnig auf 
einander“ mit ihrer Weberzeugung von der Realität der körperlichen Welt und 
igrer räumlichen Berhäftnifie in Uebereinſtimmung zu Bringen und verfielen zu 
biefem Bwed auf die erwähnte Idee einer fubjeltiven Modifikation der 
betreffenben objeltin- realen Verhältniſſe mit Hülfe einer uns eigenthümlichen 
Art der Raum⸗ Anſchauung. Auf Rechnung diefer fubjeltiven Mobifilation ſehten 
fie dann die Dreivimenftonafität unfered Raumes und verbanden damit im allers 
ding ſehr unflaver Weiſe den Gebanten, daß moglicherweiſe eben Diefelben Dinge, 
bie wir breisbimenfional ausgedehnt vorftellen, von anders organifiten Wejen 
vier» oder mehrbimenfional ausgedehnt vorgeftellt werden Könnten. Hierbei wirkte 
noch mit, daß man nad; dem Vorgange Descartes’ und Lode's immer mod 
bewußt oder unbewußt das Anögebehntfegn als eine Qualität der Dinge nad 
Art der Sınmes- Qualitäten dadjte, und fid) demgemäß einrebete, es fen mr kon⸗ 
fequent geiwefen, wenn Kant, in die Fußſtapfen Jener tretend, nod einen Schriu 
weiter gegangen fey und angenommen habe, daß auch bie primären Qualitäten 
Lode's nicht den Dingen felbft angehörten, ſondern allererft durch unfre eigen- 
thümliche Axt, fie vorzuftellen, entftilnden. Daß dieſe Auffaffungsweife aber mid 
die Kant's war, erhellt, abgeſchen von allem andern, fon aus dem Faktum. 
daß er felbft niemals ber Moglichteit eine vier- oder mehrdimenfionalen Raumes 
auch nur andeutungsweiſe gedachte. — Andre gingen nod; weiter und verftiegen 
ſich ſogar dazu, für die Möglichfeit eines objektid genommen vier= ober 


Ueber die dealität von Raum und Zeit. 17 





von vorn herein fchon der Umftand, daß den Verhältnifien ber 
Zeitfolge, die wir durch die Succeffion unferer Vorftellungen un= 
mittelbar wahrnehmen, doch auch unter Umfländen in der 
Außenwelt ftattfindende, nur mittelbar wahrnehm- 
bare Suceeffionsverhältnifie, die wir gleichwohl (ala ſolche) er- 
kennen wie fie wirklich find, entſprechen. Wenn wir aber dieſe 
abäquat aufzufailen im Stande find, weshalb follten wir aladann 
die räumlichen Verhältniffe des Nebeneinander nicht adäquat auf: 
faffen können? Dies wird noch einleuchtender, wenn man fi) 
erinnert, daß es fi in beibeu Fällen gleicherweiſe lediglich 
um formale Verhältniffe (dev Folge oder des Zugleichſeyns) einer 
Vielheit von Realitäten handelt, und daß alſo nur die Frage feyn 
tan, ob wir mit Hülfe unfrer Raum-Anfchauung die zugleich 
eriftirenden Realitäten jo geordnet vorftellen, wie fie objektiv 
tealiter geordnet find, oder ob wir ihrer objektiv-realen Drbnung 
eine fubjeltive, objektiv nit gegebene fubftituiren? Einer fo 
präcis geftellten Frage gegenüber aber wird das Wiberfinnige 
einer derartigen Annahme fogleih Mar. Denn es ift offenbar, 
daß es nur die objeftiv-reale Ordnung des Mannigfaltigen ſeyn 
kann, die die Reihenfolge der Wahrnehmung berjelben und 
damit die fubjektive Ordnung ber BVorftellungselemente beftimmt. 
Wie follte alſo irgend ein Sinnes-Organ oder Anfchauungs: 
vermögen, es ſey, welches es fey, dazu kommen, dieſe objektiv 
bedingte Reihenfolge ber Wahrnehmung umzuftoßen unb unter 
Nichtachtung der objektiv-realen Ordnung eine neue, lediglich fub: 
jektiv bedingte zu ftatuiren? Das könnte nur durch einen Aft ber 
Willkur gefchehen, der mit der in ber ganzen Welt herrfchenden 
Gefegmäßigkeit in ſchroffftem Widerſpruch fände Denn wenn 
wir auch bei der Anfchauung die einzelnen Realitäten an eine 
andere Stelle verjegten, fo müßten doch, wenn biefe Verfegung 


meßrbimenfionalen Raumes zu plaibiren — eine Mnfhauungsmeife, bie aber 
offenbar erſt recht ganz und gar „nicht kantiſch“ if, weil fie ja bie objektive 
Nealitat des Raumes (ſey es auch eines vier- ober mehrbimenfionalen) zur 
Borausfegung hat und mithin der von Kant behaupteten Idealität ber Raum- 
Anſchauung diametral widerſpricht. 

Zuſcen vhiloſ. m. philof. æritit. 87. Br. 2 


18 B. Bender: 





nah ganz beftimmten Geſetzen erfolgte, unter gleiden 
Wahrnehmungsbebingungen ſämmtliche Realitäten 
in gleider Weife verfegt werden, im welchem Falle die 
Ordnung derfelben, ihre Stellung gegen einanber von einer 
derartigen Manipulation doch nicht betroffen werben könnte, ſondern 
unverändert biefelbe bleiben müßte. *) 

Dem ſcheint nun freilich die ſchon erwähnte Thatſache zu 
widerſprechen, daß uns eben diefelben Dinge, bie wir durch Ber: 
mittelung bes Taftfinnes breisdimenfional ausgedehnt vorftellen, 
mittelft bes Gefichtöfinnes zwei bimenfional ausgedehnt erſcheinen 
Denn fie liefert den Beweis, daß bie objektiv-reale Orbnung eines 
gegebenen Mannigfaltigen verſchieden aufgefaßt, bezw. durch bie 
Art der Auffaffung in eigenthümlicher Weife mobificirt werden 
kann. Wie follen wir ung nun biefe eigenthümliche Mobifilation 
erflären? Das Räthfel Löft fih, wenn man bebenkt, daß alle 
dur) Wermittelung des Auges von einem gegebenen Standpunkt 
aus gewonnenen Collektiv⸗Vorſtellungen einfeitig und darum 
unvollftändig find, und daß ber damit in Zufammenhang 
ftehende Umftand, daß das vorftellende Subjekt den verſchiedenen, 
zugleich wahrgenommenen Realitäten gegenüber nicht die gleiche 
Stellung einnimmt, eine Ungleiheit der Wahrnehmungs: 
bedingungen in Bezug auf bie einzelnen theils näheren, theils 
entfernteren Realitäten erzeugt, die, jo lange ſie nicht als 


*) Bergl. Johannes Müller, Handbuch ber Phufiologie: Ueber daS Auftecht- 
ober Verlehrtſehen: „Meine Anfiht der Sache ....... ift bie, daß, wenn wir 
aud verkehrt fehen, wir niemals anders als durch optiſche Unterfuchungen 
zu dem Bewußtfegn fommen konnen, baß mir verehrt fehen, und daß, wenn 
alles verlehrt geſehen wird, die Ordnung der @egenftände in keiner Weiſe geftört 
wird. Es ift wie mit ber täglichen Umfehrung der Gegenſtände mit ber ganzen 
Erde, die man nur erfennt, wenn man ben Stand ver Geftime beobachtet, und 
doch ift es gewiß, daß innerhalb 24 Stunden etwas im Berhältniß zu ben 
Geftirnen oben ift, was früher unten war. Daher finbet beim Gehen auch feine 
Diearmonie zwiſchen Berkehrtfehen und Geradefühlen flatt; denn es 
wirb eben alles, aud die Theile unfere® Körpers, verkehrt gefehen 
und alles behält feine relative Lage Auch das Bild unferer 
taftenden Hand kehrt fih um. Wir nennen daher bie Gegenftände auf- 
reiht, wie wir fie eben fehen.“ 





Ueber die Jdealität von Raum und Zeit. 19 





ſolche erfannt wird, über den wahren Thatbeitand täuſchen 
und demzufolge eine ſcheinbare Verſchiebung in ber Stel: 
lung ber einzelnen Realitäten gegen einander für bie 
Anſchauung zur Folge haben muß. Denn die Durchſichtigkeit 
bezw. Nicht Wahrnehmbarkeit der Luft in Verbindung mit dem 
Umftande, daß bie undurchſichtigen Körper die Hinter ihnen in 
gleicher Geſichtslinie liegenden für uns ganz oder theilmeife ver- 
deden und dadurch ebenfalls unferer Wahrnehmung entziehen, 
bringt naturgemäß das Phänomen des ſcheinbaren Aneinander: 
rüdens und Nebeneinandertretens oft weit von einander entfernter 
Gegenftände hervor, und dieſes Phänomen bewirkt, daß für bie 
Anſchauung mittelft des Auges die Tiefen- Dimenfion verſchwindet 
und bemgemäß die täufchende Illuſion der zweisdimenfionalen 
Ausdehnung des in Wahrheit dreisdimenfional Ausgebehnten oder 
richtiger dreisdimenfional Geordneten entfteht.*) Diefe der An: 
ſchauung im engeren Sinne eigenthümliche Umgeftaltung bes ob- 
jeftiv- realen Verhältnifies ift aber eben deshalb kein Akt der Willkür, 
fondern fie erfolgt, wie wir jahen, auf durchaus gefegmäßigem Wege, 
ein Umftand, der übrigens auch darin feine Beftätigung findet, daß 
die Regeln, nad} denen fie fih vollzieht, den Inhalt einer beſonderen 
Wiſſenſchaft bilden, nämlich den Inhalt der Wiſſenſchaft der Peripektive. 

Aus diefer Darlegung des wirklichen Thatbeftandes nun ergiebt 
fi) eine für die Frage nad) der Möglichkeit eines vier- ober mehr: 
dimenfionalen Raumes entſcheidende Konfequenz. Denn da alle die 
Umftänbe, durch die die beſprochene, eigenthümliche Mobifitation der 


*) Bern fi} der unbefangene Beobachter auch nicht in ber Weiſe, wie es 
Gier geſchehen, Rechenſchaft giebt von ben Gründen, die feine Ueberzeugung, daß 
ver Raum in Wirklichkeit nicht zwei, fondern drei Dimenfionen habe, beftimmen, 
fo drängt fich ihm die Ertenntniß des objeltiven Thatbeftandes doc unwillkürlich 
durch die fich ſtets wiederholende Erfahrung auf, daß jede Beränderung feiner 
Stellung zur Außenwelt auch unmittelbar eine Beränderung bezw. 
eine neue Berſchiebung in der Stellung ber einzelnen Erſchei— 
nungen gegen einander zur Folge Hat, eine Erfahrung, ber die Erkennt» 
niß, daß die Gruppirung des Mannigfaltigen, bie und das Auge von einem 
gegebenen Standpunkt aus fiefert, micht bie objektiv- reale feyn kann, ganz von 
FeioR entfpringt. g* 


20 8. Bender: 





betreffenden, objeftiv-realen Verhältniffe bei der Anjhauung im 
engeren Sinne herbeigeführt wird, bei der Anſchauung im 
weiteren Sinne, nämlich bei der durch den Taftfinn ver: 
mittelten Gollettiv-Borftellung fortfalen, indem uns 
die Bewegung des taftenden Organs eine Wahrnehmung ber be 
treffenden, einzelnen Realitäten von allen Seiten und unter 
völlig gleihen Wahrnehmungsbedingungen (nämlih 
überall durch direkte Berührung) geftattet, — fo muß hieraus 
geſchloſſen werben, daß die Vorſtellung bes brei=bimenfionalen 
Raumes die betreffenden, objektiv realen Verhältniffe abäquat 
wiberjpiegelt und fie eben fo rein und richtig zum Ausbrud bringt 
wie die Vorftellung der ein=dimenfionalen Ausbehnung bie Folge 
ber Erſcheinungen „in der Beit”. 


IL Abſchnitt. 
Weder den Anterſchied zwiſchen dem extremen und dem gemähigien 
Sdealis mus in Beng auf Raum und Zeit. 

Es kann dem aufmerkſamen Lefer nicht entgangen ſeyn, daß 
die von mir im vorigen Abſchnitt gegebene Auseinanderfegung 
über den Sinn der Lehre von der Yealität des Raumes und ber 
Zeit mit ber in der transfcendentalen Aefthetif niedergelegten An: 
ſchauungsweiſe Kant's keineswegs durchweg in Uebereinftimmung 
fteht, fondern daß fie ihr vielmehr in einem wefentlichen Punkte 
ganz direkt widerſpricht. Denn nach meiner Weberzeugung find 
ja Raum und Zeit zwar allerdings, wie Kant’s genialer Scharf: 
blid erfannte, als bloße Vorftellungsformen, aber doch als Formen 
der Vorftellung objeftivsrealer Verhältniffe, nämlich als 
Formen, mit deren Hülfe wir eine Vielheit von Erſcheinungen zu 
äußerer Einheit verbinden, um uns foldhergeftalt die Coexiſtenz 
und das Naheinanderfeyn derfelben zu veranfhau: 
lichen, zu betrachten. Kant dagegen giebt zu verftehen, daß die 
betreffenden Verhältniffe felbft nur in unferer Vorftellung 
und nur für diefe eriftiren, ba fie ja feiner Meinung nad 
„mit Raum und Zeit verfhwinden würden“, wenn wir „unfer 
Subjekt ober auch nur die jubjektive Beichaffenheit der Sinne 


Ueber die Jdealität von Raum und Zeit. 21 





überhaupt aufheben fönnten“,*) ja er verfichert geradezu, daß wir 
mit Hülfe der Raum=BVorftellung auch nicht einmal objeftiv-reale 
Dinge „in ihrem Verhältniß auf einander“ vorftellen, 
„no irgend welde Beftimmung berfelben ........... die bliebe, 
wern man au von allen fubjektiven Bedingungen der Anſchauung 
abftrahirte”.*) Um aber jedes Mißverftändniß in diefer Beziehung 
unmöglich zu machen, erflärt er bei Beſprechung der Idealität der 
Zeit ſchließlich noch ganz ausdrücklich die Zeitfolge für eine bloße, 
allerdings aus der eigenthümlichen Organifation unferer Sinnlich- 
keit ſich mit Nothwendigkeit ergebende Fiktion. **) Endlich hat au 
das ganze Kapitel vom „Schematismus der reinen Verftandes- 
begriffe“, demzufolge die räumlichen und zeitlichen Verhältniſſe der 
Einwirkung des Verftandes auf die Sinnlichkeit ent 
fpringen, fowie die merkwürdige Annahme eines „von aller Er: 
fahrung unabhängigen“ reinen Anſchauens und Denkens, ſowie 
die Behauptung Kant’s, daß nur durch diefen Umftand ſich die 
Algemeingültigkeit und apodiktiſche Gewißheit der mathematifchen 
Säge erklären laffe, nur unter diefer Vorausſetzung einen Sinn. 
Diefe ganze Anſchauungsweiſe ift aber meiner Weberzeugung nad 
aus drei Gründen unbaltbar: 1) weil ein von aller Erfahrung 
unabhängiges reines Anſchauen ein Unbing ift, wovon fi) Jeder 
duch einiges Nachdenken leicht überzeugt; 2) weil, wenn eine 
Vielheit von Realitäten objektiv gegeben ift, fie nothwendig in 
irgend welcher Ordnung gegeben jeyn muß, welche objektiv-reale 
Ordnung, wie ich oben ausgeführt habe, die Reihenfolge ber 
Wahrnehmung und bamit die fubjeltive Ordnung der Vor: 
ftellungselemente in ber jene Realitäten zujammen befaflenden 
Gollektiv-Vorftellung beftimmt; 3) weil mit der objektiven Realität 
der von uns räumlich und zeitlich vorgeftellten Verhältniffe, auch 


*) Bergl. 8r.d.r. B. R.48 bezw. 30. 

**) Berl. Rr.d.r.®. R.45: „Wenn aber ich felbft oder ein ander Weſen 
mich ohne biefe Bedingung ber Sinnlichkeit anſchauen konnte, fo wärben 
eben biefelben Beftimmungen, bie wir ung jet als Beränderungen vorflellen, eine 
Ertenntniß geben, in welcher die Borftellung ber Zeit, mithin auch der Weränbes 

mung gar nicht vorläme.“ 


22 8. Bender: 


bie objettive Gültigfeit der reinen Verftanbesbegriffe, die ſich alle 
direft auf jene Verhältniffe beziehen, fteht und fällt. 

Was den erften diefer drei Punkte betrifft, fo braucht hier nur 
noch einmal kurz auf die an anderer Stelle bereits ausführlich be 
leuchtete Thatſache hingewieſen zu werben, daß wir zur Kenntniß 
der räumlichen und zeitlichen Verhältniffe eben auch nur durch 
Erfahrung, nämlih nur durch Anfhauung und Wahrnehmung 
wirlicher, objeftiv=vealer Dinge und Vorgänge gelangen, und daß 
wir unabhängig von aller Erfahrung, d. h. wenn wir niemals wirk⸗ 
liche Dinge und Vorgänge wahrgenommen hätten, nun und nimmer 
Kenntniß von den einfachiten geometriihen und arithmetifchen 
Wahrheiten erlangen fönnten. Daß die betreffenden Verhältniſſe, 
weil fie rein formale find, mit dem Weſen der wahrgenommenen 
Dinge und Vorgänge nichts zu ſchaffen haben, daß fie eben des⸗ 
halb für alle ohne Unterfchieb gelten und ohne Rüdficht auf die 
qualitative Beſchaffenheit derjelben mit Hülfe der einfachften An: 
ſchauungsmittel gefondert vorgeftellt und adäquat erkannt werben 
können: dies alles ſchließt die Nichtigkeit der obigen Behauptung 
nit aus. Im Gegenteil, das Faltum, daß wir zu ihrer Er- 
tenntniß überhaupt ber Anjchauungsmittel (jeyen es auch bloße 
Linien und Punkte) bedürfen, ift an fich ſchon der befte Beweis 
dafür, daß jene Verhältniffe nicht rein, d.h. nit ohne alle 
Erfahrung, nicht ohne wirkliche Anſchauung oder Veranſchaulichung 
erfannt und eingefehen werben fünnen: denn auch Punkte und 
Linien find wirkliche Dinge, objektiv gegebene Realitäten und ihre 
Wahrnehmung ift wie jede Wahrnehmung unbezweifelbare, pofitive 
d. i. wirkliche Erfahrung. *) 





*) Wie unmöglich es if, das rein Formale der Anfhauung und Ber- 
anſchaulichung (bie räumlichen und zeitlichen Berhältnifie) von dem Stofflichen, 
daS immer zugleich ein qualitative Moment bei fi führt, völlig Loßzuldfen und 
als etwas unabhängig von jenem in einer fogenannten „veinen“ Anſchauung 
wealiter Gegebenes zu betrachten: das erhellt üßrigend am augenfälligften aus 
dem Umftand, daß Kant ſelbſt bie Bewegung, die doc auch mır „im Raume“ 
möglich ift, fowie bie Veränderung, ohne welche der Beitbegriff feinen Ginn Bat, 
nicht unter die „Data a priori“ aufnehmen zu tönnen glaubte, weil, wie er 
fogt, „daS Bewegliche etwas fen, was im Raume nur durch Erfahrung gefunden 


Ueber die Jdealität von Raum und Zeit. 23 





AU dies erfannte num freilich Kant felbft vecht gut. Denn 
er ertlärt ja (R. 695) ausbrüdlich: „daß alle unſere Erfenntniß 
mit der Erfahrung anfange, daran ift gar fein Zweifel“; 
er ift aber trogdem der Meinung, „daß fie darum doch nicht eben 
alle aus der Erfahrung entfpringe”. Forſchen wir aber nad _ 
einer Erklärung diefes Wiberfpruchs, jo finden wir, daß er in 
Wahrheit unter feinen „Erkenntniſſen a priori“ nit von aller 
Erfahrung unabhängige, fondern vielmehr bloß ſolche ver= 
fteht, die feiner Meinung nad lediglich in der Natur unferes Er: 
tenntnißvermögens, d. i. lediglich jubjeltiv begründet find, bie dem, 
was ber denkende und vorftellende Geift als folder zur Erfah— 
tung hinzubringt, entipringen — unter Erfenntnifien a poste- 
riori dagegen ſolche, die im Weſen des objektiv Realen als joldem 


werbe” umb weil auch zur Borftellung der Veränderung „die Wahrnefmung von 
irgend einem Dafeyn und ber Gucceffion feiner Beftimmungen, mithin Erfahrung 
gefordert“ werde, (Bergl. R.48.) 18 ob dieſes Argumem nicht für alle räm- 
lichen und zeitlichen Werhältniffe Geltung hätte! AS ob Kugeln, Triangel, Kegel, 
Überhaupt alle regelmäßig oder unregelmäßig geftafteten Körper oder Figuren nicht 
auch lauter Dinge wären, die im Raum „nur durch Erfahrung“ gefunden 
werben, und als ob zur Vorſtellung der zeitlichen Succeffion micht auch in jedem 
Falle die Wahrnehmung „von irgend einem Dafeyn und ber Succeffion 
feiner Befimmungen“, ja die Wahrnehmung wirklicher Veränderungen 
und mitfin Erfahrung geforbert werde! Da wir uns Kugeln, Dreiede, ja ſogar 
Körper und Figuren, die und vielleiht noch nie in ber Erfahrung vorgelommen 
find, ſelbſt fonfruiren und und mit Hülfe der Zahlenreihe zeitliche Berhältnifie 
der mannigfahften Art in der Reflerion veranfhaulichen Können, ändert an biefem 
Fattum ebenfowenig als der Umftand, daß mir bei folder Konſtruktion vom 
qualitativen Moment ganz abfehen und uns lediglich um die formalen Vers 
‚hältniffe ber betreffenden Realitäten befümmern, benn auch Bewegungen, bie 
uns vielleicht noch niemals vorgelommen find, Können wir fo gut wie Dreiede ıc. 
entweber in ver Phantafie oder auf dem Papier „tonftruiren“ und das quali> 
tative Moment iſt auch in allen oben angeführten Fällen fo gut wie in allen 
überhaupt möglichen, jeberzeit vorhanden. (Bei ben anf Papier konftruirten 
Figuren repräfentiven Bleifift oder Tinte das qualitative Moment, jede Zahl 
aber repräfentirt fhon dur ihre individualität einen von jedem andern vers 
ſchiedenen, qualitativ beſtimmten Borflelungsaft.) Uebrigens mag Hier noch 
daranf aufmerffam gemacht werden, daß Kant mit obiger Behauptung, „bah die 
Veränderung nicht unter bie Data a priori gezählt werben könne“, feiner eignen 
wenige Geiten vorher gegebenen Verſicherung, daß die Veränderung zur Er— 
ſcheinung gehöre und daß mit dem Begriff ver Zeit auch der der Veränderung 
fortfalle (R. 45), biametral widerſpricht 


24 8. Bender: 





wenigftens mitbegründet gedacht werden müflen (hierher rechnet er 
alles, was duch Empfindung zu unferer Wahrnehmung gelangt, 
d. h. alles Qualitative). Dies hat nun an fi} feinen guten und 
durchaus verftändlihen Sinn; es ift aber eine Ungenauigfeit der 
Ausdrucksweiſe, dergleihen in diefem Sinne aprioriſtiſche Er- 
tenntniffe, wie Kant thut, als von aller Erfahrung unabhängige 
Erkenntniſſe (R. 696) zu bezeichnen, weil fie doch eben als Er: 
tenntniffe auf ale Fälle erft aus ber Erfahrung entipringen. 
Diefen legten Punkt ausdrüdlich zu betonen, erſcheint aber um jo 
nothwendiger, weil jene Ungenauigkeit der Ausbrudsweile gar zu 
leicht zu allerhand bedenklichen Jrrthümern und Mißverftänbniflen 
Veranlaſſung giebt, wie fie denn ganz offenbar Kant jelbit zu ber 
Idee eines von aller Erfahrung unabhängigen, wirklichen Er- 
tennens, nämlich zu der Idee eines angeblich von aller Empfindung 
gänzlich freien, „reinen“ Anſchauens und Denkens verführte — 
eine Idee, die freilich mit der richtigen Erfenntniß, daß alles Er— 
kennen mit der Erfahrung. anfängt, in unlösbarem Widerſpruche 
fteht. Ob die rein formalen mathematifhen Wahrheiten nun als 
aprioriftiihe Erkenntniffe in diefem Sinne, d.h. als folde, die 
ihren zureihenden Grund Iediglih in unſerm Erfenntnißvermögen 
haben, von objektiv realen Verhältniffen aber ganz unabhängig 
find, angefehen werben fünnen, das ift freilich eine andre Frage, 
zu deren Entfcheibung die Thatfache, daß die Erfenntniß biefer 
Wahrheiten nicht von aller Erfahrung unabhängig ift, jondern wie 
jebe andere Erfenntniß nur dur Erfahrung erlangt werben kann, 
in feiner Weile ausreicht. Zur Erledigung derjelben verweiſe ich 
daher auf den zweiten und britten der oben erwähnten Gründe, 
die meine Ueberzeugung in biefer Beziehung beftimmen. 

Zu Punkt 2 muß bier betont werden, daß, wenn man das 
Vorhandenſeyn einer objetiv-realen Ordnung bezw. Reihenfolge 
bes zugleich ober nad) einander wahrgenommenen Mannigfaltigen 
leugnen ober bezweifeln will, man nothwenbig auch das objektiv reale 
Dafeyn einer aus zugleich oder nach einander eriftirenden Reali- 
täten ſich zufammenfegenden Vielheit beftreiten und in Zweifel 
ziehen muß, weil jede gegebene Vieldeit, wie an fi} Mar ift, noth- 


Ueber die Jdealität von Raum und Zeit. 25 





wendig irgend welche Anordnung ber einzelnen fie fonftituirenden 
Realitäten aufweifen muß. Es bleibt fomit nur nod zu unters 
fuchen, ob es denkbar ift, daß Kant überhaupt gar nicht an bie 
objektiv reale Eriftenz einer Vielheit von Einzel: 
Dingen geglaubt habe, ſondern vielmehr der Meinung geweſen 
fei, daß alle Vielheit als folche nur im vorftellenden Geift 
und nur für diefen eriftive. Für diefe Annahme fcheint zunächſt 
ion der. Umftand zu ſprechen, daß ſich ber Begriff der Vielheit 
auf feiner Tafel der Kategorieen findet, welch letztere ja feiner 
ausbrüdlichen Verſicherung zufolge lediglich für die Erſcheinungs⸗ 
welt Sinn und Bedeutung befigen. Indeſſen läßt ſich dieſer 
Umftand auch durch die Annahme erflären, daß er lediglich die 
zuſammenfaſſende Vorftellung, die das Wort Bielheit 
bezeichnet, und die ja feiner Anficht nad) erit durch einen be= 
fonderen Denkakt zu Stande kommt, als eine nur im benfenden 
Geift vorhandene betrachtete, an ber objektiven Realität eines außer 
uns eriftirenden Mannigfaltigen dagegen nicht zweifelte. Kiermit 
ſtimmt denn aud die realiftifhe Grund-Anſchauung der trans⸗ 
feendentalen Aefthetif, in ber fortgefegt von Gegenftänden, die 
uns afficiren (R. 37), von Gegenftänden an ſich felbft (R. 46, 
49—50 x.), von transfcendentalen Objekten (R. 52) x. die Rebe 
ift, ſowie die ausbrüdliche Verfiherung der unzweifelhaften Rea- 
litãt einer vom Subjekt dem Dafeyn nach verſchiedenen Außenwelt, 
die Kant in feiner Widerlegung bes Berkeley’ihen Idealismus 
gegeben bat, durchaus überein. Dagegen ift nicht zu verfennen, 
daß andererjeits auch ein ftarfer Zug von ertremem, bie objektive 
Nealität der Außenwelt bedenklich in Frage ftellendem Idealismus 
durch die Kritik d. r. V. geht und daß beſonders in ber Kategorien: 
lehre eine Anſchauungsweiſe zu Tage tritt, derzufolge konſequenter⸗ 
weife auch die Mannigfaltigkeit der „empiriſchen“ Anfchauung als 
eine lediglich im vorftellenden Geift und nur für dieſen vorhandene, 
d. 5. als eine Mannigfaltigkeit, der Feinerlei objektiv-renle Vielheit 
zu Grunde liegt, angejehen werden müßte.*) Indeſſen, au vom 

*) Bemertenswerth find in dieſer Beziehung ganz beſonders verfhiebene 
Wendungen in dem Abſchnitt Über die urfprüngfid;=fynthetifche Einheit der Apper⸗ 


26 B. Bender: 





noch wenigftens eine ielbeit von dentenden Eingelmeien an: 
genommen werben, die doc auch entweder zugleich ober nad: 
einander da feyn müilen, ein objeftin-reales Verhältniß, 
das nur mit Hülfe der Raum: und Zeit-Borftellung 
veranihauliht werden kann Legteres ſcheint Kant ganz 
überiehen zu haben. Denn weldes aud) ieine wahren Gedanken 
in Betreit der Realität der Außenwelt gemweien ſeyn mögen — eine 
Frage, die bei den sid) vieliach wibderiprecdhenden Ausführungen 
der Bernunftfritit über dieſen Punkt ſchwerlich jemals endgültig 
entidjieden werben fann — das Eine fteht auf alle Fälle feft: daß 
er nämlid) das Nacheinander und das Rebeneinander der Er: 
ſcheinungen und damit zugleich alle räumlichen und zeitlichen Ber: 
hältniffe als Lediglich der Vorftellungswelt angehörige Phänomene, 
denen feinerlei objeftiv-veale Verhältniſſe entiprädhen, betrachtete. 
Will man alfo nicht annehmen, dab er überhaupt alle objeltin- 
reale Vielheit geleugnet habe, was doch, wie ſchon bemerkt, 
wenigftens binfichtli der denlenden Einzelweſen nicht der Fall 
geweien jeyn kan, jo bleibt nur übrig, ihm die Meinung 
zuzufhreiben, daß objektiv genommen zwar eine 
Vielheit vorhanden jey, daß dieſe Bielheit aber 
weder als eine zugleid eriftirende (b.i. für die An— 
ſchauung räumlide) noch als eine zeitlich auf einander 
folgende angefehen werben fünne. So wunderlich dieſe 
Auffaffung auch ift, jo fcheint es mir doch im höchſten Grabe 
wehrigeinugh, daß wir dieſelbe bei ihm vorauszuſetzen haben, 


ception, fowie bie Ausführungen dieſes Abſchnittes überhaupt, denen zufolge es 
durchaus notwendig ift, daß uns irgendwie ein Mannigfaltiges in der Vor⸗ 
ſtellung gegeben wird, wenn wir überhaupt zum Selb ſt bewußtſehn, b. 5. zum 
Bewußtſeyn eines im Wedfel „empirifher“ Zuftände beharenden, weientlich 
einigen, denlenden Ich gelangen follen — Ausführungen, ans denen man fchliehen 
Bunte, daß nach Kant's Meinung auch das Mannigfeltige als ſolches für die 
Zwede des Selbſtbewußtſeyns vom denkenden Geiſt allererft geſchaffen werde 
und dah Iegterer fomit nicht bloß ein ihm von außen gebotenes Mamnig- 
faltige mit Hülfe der Anſchauungsformen und Kategorien zur Einheit des 
Selbſtbewußtſeyns verbinde. Berg. den betreffenden Abſchnitt R. 731 ff. 


Ueber die Jdealität von Raum und Zeit. 27 





wobei im Auge zu behalten ift, daß er vermuthlich überfah, daß 
alles Zugleichſeyn ſich nicht bloß in unferer, ſondern überhaupt 
in jeder möglichen Anſchauung als ein räumliches Neben: 
einander darftellen muß. Er war fi) eben offenbar über dieſen 
Punkt ſowie überhaupt über die Unvereinbarfeit bes extremen 
Idealismus mit einem vernünftigen Realismus nicht ganz Har. 
Veranlaffung zu der eben erwähnten wunderlichen Auffaflung aber 
mag ihm vielleicht die Thatfache gegeben haben, daß wir auch das 
räumlich zugleich gegebene Mannigfaltige in der Re— 
flerion nur nad einander vorftellen können, ein Umftand, 
aus bem er gefchloffen zu haben ſcheint, daß alles Nacheinander 
als ſolches nur durch unfere Art, die Dinge vorzuftellen, entftehe, 
und daß demgemäß auch alle von uns vorgeftellten zeitlichen Ber: 
hältniſſe und in analoger Weife auch die des räumlichen Neben- 
einander (meil dieſes als Zugleichſeyn einen biveften Bezug auf 
das Nadeinander verräth) durchaus nur in unferer, bie objektiv⸗ 
realen Verhältniſſe nit fo, wie fie wirklich find, percipirenden 
Borftellung eriftirten. Daß dies aber nicht der Fall ift, daß bie 
Folge unferer Vorftellungen ſelbſt vielmehr ebenfalls ein objektiv» 
reales Verhältniß it und daß nur auf diefem Umftand die That 
ſache, daß das objektiv zugleich Gegebene (das wir übrigens jehr 
gut von dem objektiv einander Folgenden zu unterſcheiden wiſſen) 
in ber Reflerion nad einander vorgeftellt wird, beruht: dies 
alles erhellt von jelbft. 

Wie dem aber auch ſeyn mag, Faktum ift, daß Kant ſelbſt 
fi durch die vorausgefegte Idealität aller räumlichen und zeit: 
lichen Verhältniſſe thatfächlih zu der Konſequenz gedrängt ſah, 
auch bie objektive Gültigkeit der Kategorieen zu beftreiten und 
gerabezu zu behaupten, daß fie lediglich der Ausbrud fubjeltiver 
Bewußtſeynseinheiten jeyen und uns feinerlei Gewähr für das 
thatſãchliche Vorhandenſeyn der in ihmen gedachten Relationen 
geben bezw. nicht ala der Ausbrud objeltiv-realer Beziehungen 
angefehen werden fönnten. Daß aus einer ſolchen Anſchauungs- 
weiſe aber Widerfinnigfeiten und Widerſprüche der mannigfachiten 
Art entftehen, daß beijpielsweife mit der objektiven Gültigkeit des 


28 J H. Bender: 





Raufalitätsgefeges auch die Realität der Außenwelt geradezu in 
Zweifel gezogen oder doch menigftens für unbemeisbar erklärt 
werden muß, ja daß mit ber Realität der zeitlichen Succeffion 
fogar die Realität unfres eignen Geifteslebens, befien wir doch 
unmittelbar duch eine Reihe aufeinander folgender 
Empfindungen und Borftellungen gemiß find, fteht und 
fält: das alles ift an andrer Stelle (vergl. meine Abhandlung: 
Die Subftanz als Ding an fi) bereits ausführlich dargethan 
worden, weshalb Hier nicht noch einmal des Näheren darauf ein- 
gegangen werben fol. Eind doch ohnehin Neußerungen, wie die 
auf Seite 45 (R) der Vernunftkeitit fi findende: daß unter dem 
Gefihtspunft der Idealität des Naumes, die objektive Realität 
„gänzlich wegfalle, außer fofern fie bloß empiriſch ſey, d.h. ben 
Gegenftand jelbft bloß als Erſcheinung anfehe“, fowie die auf 
Seite 209 aufgeworfene Frage, ob bei Abftraftion von der Sinn- 
lichkeit „überhaupt nod ein Objeft übrig bleibe”, für fih allein 
ſchon harakteriftiich genug, um zu beweilen, daß Kant durch den 
extremen Idealismus, der ihn die objektive Realität aller räum⸗ 
lichen und zeitlichen Verhältniffe leugnen ließ, thatfählih zum 
Zweifel an ber, objektiven Realität der Außenwelt jelbft (oder doch 
zum minbeften an der Erfennbarkeit und Beweisbarkeit dieſer 
Realität) gedrängt wurde, jo fehr er ſich auch an anderer Stelle, 
beifpielsweife bei Gelegenheit der Wiberlegung des Berkeley’ichen 
Idealismus, gegen derartige Konjequenzen feiner Anſchauungsweiſe 
verwahrte. 

Alle diefe Widerſprüche aber verſchwinden, wenn man erfennt, 
daß Raum und Zeit zwar wirklich lediglich gedachte Einheiten, 
bloße Vorftellungsformen find, daß fie aber als Formen ber Bor: 
ftelung objeftin=realer Verhältniſſe angeſehen werben 
mülffen. *) 


*) &8 erſcheint, um Mißverſtändniſſen vorzubeugen, nothwendig, an diefer 
Stelle noch beſonders zu betonen, daß meine Behauptung, wir fiellten mit Hüffe 
von Raum und Beit objektiv reale Verhältniſſe vor, nicht fo zu verſtehen ift, als 
follte damit gefagt ſeyn, daß geometriſche Figuren und Zahlen als folde irgend 
welche objeltive Realität beſiben beziv. daß fie irgend wo anders erifliren als in 





Ueber die Jdealität von Raum und Zeit. 29 





IIL Abſchnitt 
Aeber den Werth der Lehre von der Zbealität des Maumes und 
der Zeit. 

Das Refultat, das ſich bei der in den vorigen Abfchnitten 
vorgenommenen Unterfuhung über die Natur des Raumes. und 
der Zeit ergeben hat, wird für Viele gewiß ein überrafchendes 
ſeyn, ja e8 wird aller Wahrſcheinlichkeit nach ſowohl Anhänger 
wie Gegner Kant’s durch feine relative Negativität befremden. 
Denn Mander wird ohne Zweifel der Meinung zuneigen, daß 
bei folder Einſchränkung vom Idealismus der transfcendentalen 
Aeſthetik nicht mehr viel übrig bleibe und daß dasjenige, was 
übrig bleibe, feinen großen Werth befige, indem die Xehre von 
der Idealität des Raumes und der Zeit jo aufgefaßt, wie ich fie 
auffaffe, nicht nur ihre urfprüngliche Bedeutung verliere, fondern 
überhaupt zu nahezu vollftändiger philofophifcher Bedeutungsloſig⸗ 
keit herabſinke. Solchem Sfepticismus gegenüber muß aber aufs 
Nahdrüdlichfte betont werden, daß dieſe Lehre, auch in der Be: 
ſchrãnkung, bie id ihr im Obigen gegeben habe, noch eine große, 


der Anſchauung und im vefleftirenben Geiſte des vorftellenden Subjeltes. Denn 
objeftiv genommen ift meiner Meinung nach nur eine Bielheit, theils zugleich 
(im gang beftimmter Gruppirung), teils nacheinander (fm gang beftimmter 
Neibenfolge) gegebener, unter einander birelt oder indirelt in Kauſalzuſammenhang 
fiegenber, äußerlich aber gefonderter Realitäten vorkanden, weiche Vielheit lediglich 
wir mit Hülfe der räumlichen und zeifiggen Anfchauumg, zu jenen Außeren Ein- 
‚heiten, die wir im der Zahl oder geometrifhen Figur vorftellen, verbinden. Hier⸗ 
aus folgt aber ganz von ſelbſt, daß bie mathematifchen Lehrſätze, die es nur mit 
den Berhältniffen der Zahlen und geometrifchen Figuren als folgen, d. h. nur 
mit den laufalen Beziehungen der in der betreffenden Zahl oder Figur ver- 
bundenen Zormelemente (Einfeiten oder Linien, Winkel 2c.) als folden zu 
thun Haben, fi auch jederzeit nur auf Erfheinungen in Kant's Ginme, d.h. nur 
auf (amfeauli; oder durch Veranſchaulichung) vorgeftellte Realıtäten beziehen 
Binnen, nicht aber auf objektiv reale Dinge, die als ſolche weder Kugeln, 
noch Kegel, noch Breien, noch Behnen find, fonbern jeberzeit nur in unferer, eine 
Bielheit von Realitäten zu Auferer Einheit verbindenden Borftellung als folde 
erſcheinen. Hiermit erledigen ſich denn auch alle Einwände, die man etwa (nach 
dern Vorgang Kant’8) auf Grund der Mpodikticität ber Mathematit 
gegen meine Auffaffung der Idealitat von Raum und Zeit geltend machen könnte, 
von ſelbſt. 


30 5. Bender: 





ja eine geradezu eminente Bedeutung befigt, indem fie uns bie 
Möglichkeit giebt, gewiſſe Schwierigkeiten, die die Philofophie 
von Alters her beunruhigt haben und bie bisher unüberwindlid 
fchienen, zu überwinden. Man geftatte mir zur Begründung biefer 
meiner Behauptung auf die betreffenden, hier in Betracht fommen: 
den Probleme, die von der Endlichkeit oder Unendlichkeit der Welt, 
von ber begrenzten ober unbegrenzten Theilbarkeit des Stoffes 
und von ber Natur des zwifchen Kraft und Stoff beftehenden 
Verhältniffes Handeln, hier etwas näher einzugehen. 

Bleiben wir zunädft bei dem legten ber eben berührten 
Punkte ftehen Die Frage nad ber Natur des Verhältniſſes 
zwiſchen Kraft und Stoff ift eines der Grundprobleme, ja man 
könnte faft jagen, das Grundproblem aller Philofophie. Denn 
der in dem Gegenſatz von Kraft und Stoff (und in dem ver: 
wandten von Gott und Welt, Seele und Körper, Denken und 
Ausdehnung bei Spinoza) zum Ausbrud kommende Dualismus, 
der auf zwei toto genere verſchiedene Grunbprincipien alles 
Seyende hinzudeuten jcheint, wiberftreitet dem fundamentalften 
Bebürfniß des denkenden Geiftes, bezw. er fteht in diametralem 
Gegenfag zu dem Einheitsftreben unferer Vernunft. Es kann 
daher auch nicht verwundern, daß dieſer Umftand von jeher ben 
Scharffinn denkender Köpfe herausgeforbert und fie zu Verſuchen 
angereist hat, diefen ber Vernunft unerträglichen Dualismus zu 
überwinden. Dieſe Verfude, die jämmtlih darauf hinausliefen, 
daß man bald das Eine, bald das Andre ber beiven Principien 
zum herrſchenden erhob und ihm das Andre mehr oder minder 
geſchickt unterorbnete, führten aber bisher noch zu feinem befini- 
tivem Refultat, und die Kämpfe zwiſchen ben Anhängern und 
Gegnern beider Principien bilden wie in ben älteften Zeiten jo 
auch Heute noch (jet allerdings neben den erfenntnißtheoretifchen 
Streitfragen) den Hauptinhalt der Philofophie. Ja diefe Kämpfe 
wurden wo möglich noch bigiger, die Gegenfäge noch fchroffer, feit 
mit der zunehmenden Erftartung der Naturwiſſenſchaft mehr und 
mehr die Erfenntniß durchdrang, daß die übrigen Geftalten, in 
denen ber Dualismus ber Erfcheinungswelt feinen Ausdrud findet, 





Ueber die Jdealität von Raum und Zeit. 3 





die Gegenfäge von Gott und Welt, Körper und Seele, Ratur und 
Geift x. ſämmtlich direkt oder indireft auf den zwiſchen Kraft und 
Stoff beftehenden zurückzuführen find und nur in ihm unb mit 
ihm zugleich ihre Löfung finden fünnen. Der letzterwähnte aber 
ſchien nur immer unbegreifliher und myfteriöfer, die Thatfache, 
daß Kraft und Stoff im ganzen Bereich der Wirklichkeit unzer- 
trennli aneinander gelettet zu feyn fcheinen und daß wir fo 
wenig eine Kraft ohne Stoff wie einen Stoff ohne Kraft vor- 
zuftellen im Stande find, nur immer unfaßbarer zu werden, je 
mehr man das hier verborgene Geheimniß zu enträthjeln und ihm 
auf die Spur zu kommen, je eifriger man das betreffende Ver- 
hältniß zu ergründen und klar zu legen fich bemühte. Dazu kam 
noch, daß fi mehr und mehr herausftellte, daß für die Natur- 
wiſſenſchaft im Grunde nur die Kräfte in Betracht kommen, die 
Materie dagegen, wie Lange bemerkt, bei Licht betrachtet, in der 
modernen Naturwifienfchaft „eine fehr überflüffige Rolle ſpielt“ 
— eben biefelbe Materie, die doch zugleich als „Trägerin der 
Kräfte” ſcheinbar nicht entbehrt werden kann. Intereſſant find in 
diefer Beziehung ganz befonders die mannigfachen Verſuche ernfter 
Forſcher, die Kraft, auf die es ihnen allein ankommt, vom Stoff 
zu emancipiven, bie verjchiebenartigen Beftrebungen, Kraft ohne 
Stoff zu denken, jene Beftrebungen, bie in der Annahme punk⸗ 
tueller Atome (ausbehnungslofer Körperpunkte oder auch bloßer 
Kraftmittelpunkte) einen jo charakteriſtiſchen Ausbrud gefunden 
haben und auf welche auch die Behauptung Weber’, „daß man 
zu einem Begriff von Maffe gelangen könne, an welchem bie Bor: 
ftellung von räumlicher Ausdehnung gar nicht nothwendig hafte“, 
zurüdgeführt werben muß. Denn wenn aus derartigen An: 
ichauungen und Tendenzen ernfter Forſcher einerjeits bie Ueber: 
Hlüffigfeit des Stoffes fr die Naturerflärung in evidenter Weife 
hervorgeht, wenn mit Helmholg*) zu reden „eine reine Materie 
für die übrige Natur ganz gleichgültig wäre, weil fie nie eine 
Veränderung in biefer oder in unfern Ginnesorganen bedingen 


*) Berg. feine Abhandlung über die Erhaltung ber Kraft. 


32 B. Bender: 





tönnte“ und wenn troß alledem doch anbererjeits die Annahme 
bloßer Kraftmittelpuntte als letter Elemente aller Dinge nicht 
allgemein durchzudringen vermochte, weil wir uns von der Bor: 
ftellung, daß ein beſonderer materieller Träger der Kraft in jedem 
Falle nothwendig fey, nicht frei zu machen im Stande find, bezw. 
weil die Vorausfegung körperlofer Kräfte unferm Denken wider: 
ftrebt — fo ift es nur natürlich, daß diefe auffallende Thatjache 
immer aufs Neue zu Erklärungsverſuchen herausfordern und zu 
den mannigfachſten Kommentaren Veranlafjung geben mußte. 
Gleichwohl hat Feine dieſer Hypotheſen ſich bisher allgemeine An: 
erfennung zu verfchaffen gewußt. Helmholtz felbft hat zwar ſchon 
auf den wahren Sadverhalt hingebeutet, indem er unmittelbar 
nad den citirten Worten fortfuhr: „eine reine Kraft wäre etwas, 
was daſeyn jollte — und doch wieder nicht daſeyn, weil wir 
das Dafeyende Materie nennen”. Indeſſen ift diefe Wendung 
doch zu unbeftimmt, um als Erklärung gelten zu können; denn fie 
forbert unmittelbar zu der neuen Frage heraus: „aber warum 
nennen wir das Dafeyende Materie?” Lange fam der Sache 
nod näher; er hat bei Beſprechung dieſer Helmholtz ſchen Wendung 
auf die Frage, warum wir feine „reine“ Kraft annehmen können, 
die Antwort gegeben, daß der Grund hierfür in ber „pfychiichen 
Nothwendigkeit, welche uns unfre Beobachtungen unter der Kate 
gorie der Subftanz erſcheinen läßt”, gejucht werden müſſe. „Wir 
nehmen”, fo führt er aus — „nur Kräfte wahr, aber wir be 
dürfen einer beharrlihen Trägerin diefer wechjelnden Erſcheinungen, 
einer Subftanz.” Hiergegen ift aber darauf aufmerfjam zu machen, 
daß der Begriff der Beharrlichkeit (der ſich übrigens mit bem 
Subftangbegriff keineswegs dedt, weil er ihn nicht erſchöpft) ſich 
recht wohl mit dem Kraftbegriff vereinigen läßt, und daß in dem 
Begriff einer beharrlihen Kraft fein Widerſpruch liegt, wie Lange 
vorauszufegen ſcheint. Im Gegentheil müffen wir die Kräfte 
ſogar beharrlih denken und aud in dem Falle, daß wir fie ala 
bloße „Qualitäten der Materie” faflen, do immer ala beharr- 
lie Qualitäten derfelben betrachten. Wechſelnde Erſcheinungen 
find nur die Wirkungen der Kräfte, nit die Kräfte ſelbſt, 


Ueber die Jdealität von Baum und Zeit. 83 





und jene nehmen wir au allein wahr: bie Kräfte werden 
immer nur eus ihren Wirkungen erſchloſſen. Für letztere 
ala wechſelnde und verfchiedenartige Erſcheinungen bedürfen wir 
allerdings eines beharrlihen und qualitativ einheitlichen Trägers, 
aber als jolden können wir ebenfo gut eine Kraft denken wie 
einen Stoff. Nur dürfen wir allerdings in diefem Falle nicht 
für jede qualitativ beftimmte Wirkung eine befondere Kraft vor: 
ausfegen, die nur unter geeigneten Umftänden wirkt, in der 
Zwiſchenzeit aber, obwohl vorhanden, dennoch in Unthätigfeit ver- 
harrt; gegen die wiberfinnige Annahme eines ſolchen bloßen „Ber- 
mögens” zu wirken, das zwar immer „Vermögen“ wäre, aber 
gleichwohl nicht immer zu wirken „vermöchte“, weiſt Lange mit 
Recht auf den Ausſpruch Büchner's: eine Kraft, die ſich nicht 
äußert, Ann nicht eriftiren”, als auf einen von „gefunder” An- 
ihauung zeugenden hin. Aber jener Wiberfinn verſchwindet auch 
fofort, wenn wir beifpielsweife jedes einzelne Reale ala eine 
qualitativ beftimmte aber weſentlich einheitlihe und unausgeſetzt 
thätige, (meil unausgejegt mit andern in Wechſelwirkung ftehende) 
Kraft fafien, die verſchiedenartigen Wirkungen berfelben Kraft aber 
als Reſultate ihres Zufammenwirtens mit andern Kräften befi- 
niren. An einer folden Kraft hätten wir ohne Frage das von 
Zange verlangte „behartliche Subjekt“. Woher kommt es nun, 
daß wir uns trogdem mit diefem Subjeft nicht begnügen, fondern 
der Kraft unwillkürlich immer ein ftoffliches Element beigeben und 
dieſes als Träger einer Bielheit jener widerſpruchsvollen, nur 
vorübergehend wirkſamen Kräfte hypoſtaſiren? woher kommt es, 
mit Helmholg zu reden, daß wir das Daſeyende Materie nennen? 

Die Antwort auf diefe Frage nun ergiebt fi für den auf 
meinem Standpunkt Stehenden aus meiner Auseinanderjegung 
über bie Jdealität des Raumes und die Entftehung des Phäno- 
mens der Ausdehnung von felbft; darum nämlich; müfjen wir das 
Dafeyende als Materie denken, weil wir das einzelne Beharrliche 
gar nicht anfchauen, d. h. mit andern Seyenden zugleich erifticend 
und zu ihnen in Beziehungen ftehend vorftellen fönnen, ohne es 

Sticheft. f- Bhilof. u. philef. Kritit. 87. Ir. 3 


34 B. Bender: 





in den Raum zu verfegen ober, was basfelbe ift, ohne es als 
ein an dem allem Seyenden gemeinfamen Raum Participirendes, 
d.i. Ausgebehntes zu betrachten. Sonach findet der Streit über 
die Natur der vorausgefegten Urelemente alles Seyenden durch 
. diefe Anſchauungsweiſe feine einfachfte und natürlichfte Löfung: 
denn es erhellt aus berfelben, daß er im Grunde gegenftandslos 
ift und lediglich einem Mißverſtändniß fiber das Weſen der Aus- 
dehnung und damit der Materialität der Dinge entipringt. Co 
gewiß es nämlich ift, daß fein Reales objektiv genommen aus: 
gedehnt ift, ebenfo gewiß ift es auch, daß jede beharrliche Realität 
in der Anfhauung als ein Ausgedehntes vorgeftelt werden muß 
und daß demnach auch die Atome, wenn wir fie nah Maafgabe 
der uns in der Anſchauung gegebenen Dinge in der Phantafte 
vorftellen bezw. uns ihr Zugleichſeyn und ihre gegenfeitigen Be— 
ziehungen veranfhaulihen wollen, nicht anders als im Raume 
befindlih und folglich ausgedehnt vorgeftellt werben können. 
Verzichten wir aber darauf, eine anfhauliche Vorſtellung von 
ihnen und ihren wechlelfeitigen Beziehungen zu gewinnen, denten 
wir fie nur mit dem Verftande als zugleich feyende und unter 
einander in Beziehungen ftehende Realitäten, fo fünnen wir fie 
ebenſo gut ſchlechtweg ala Kräfte, ober als Wirkende, oder mit 
einem ähnlichen, ihr Weſen in analoger Weife definivenden Aus- 
drud bezeichnen. " Für die Natur- Erklärung ift es daher auch ganz 
gleihgültig, ob wir von förperlihen, mit Kräften begabten Atomen 
oder von bloßen „Rörperpunften” oder Kraftmittelpunften reben: 
denn für fie leiften alle drei Begriffe, vorausgejegt daß man auch 
die korperlichen Atome untheilbar denft, genau das Gleiche; nur 
iſt e8 eine Ungenauigfeit des Denkens, überhaupt von ausdehnungs- 
Iofen Kraftcentren oder Körperpunkten als von pofitiven im Raume 
befindlichen Realitäten zu reden und zwar deshalb, weil wir alles 
im Raume befindliche Reale nothwendig ausgedehnt voritellen 
müſſen — und meil ein ausbehnungslofer aber pofitiv realer 
Körperpunft eben deshalb ein Widerſpruch in ſich felbft if. 

Zange hatte demnach volltommen Recht, wenn er den Grund 
für die Thatjache, daß wir feine „reine Kraft” annehmen können, 


Ueber die Jdealität von Raum und Zeit. F 35 





in einer „pſychiſchen Nothwendigkeit“ ſuchte. Nur irrte er über 
die Natur diefer „pſychiſchen Nothwendigkeit“, weil der Subſtanz⸗ 
begriff, auf den er biefe Thatſache zurüdführte, in Wahrheit 
dabei gar nicht in Frage fommen kann.“) Dagegen ift es, aller- 
dings ebenfalls eine „piydifche Nothwendigkeit“, nämlich die Noth- 
wenbigfeit, mit Hülfe der Raum-Vorftellung anzuſchauen, die ung 
zwingt, alle beharrlichen Realitäten ausgedehnt vorzuftellen, während 
wir doch zugleih in Folge einer andern in ber Natur unſeres 
Denkvermögens begründeten pſychiſchen Nothwendigkeit eben die— 
ſelben Realitäten ala mit andern in Wechſelwirkung ftehende, d. h. 
ala Wirkende oder, was basfelbe jagen will, ald „Kräfte“ denken 
müflen.**) Somit verbreitet die hier gegebene Auseinanderfegung 
über die Entftehung beider Begriffe, wenn fie uns auch nicht über 
das Weſen des ihnen zu Grunde Liegenden unterrichtet, doch wenig- 
tens Klarheit über das von jedem andern Standpunkt betrachtet 
räthjelhaft und widerſpruchsvoll erjcheinende Verhältniß der Kraft 


Letzteres auch ſchon deshalb nicht, weil wir die einzelnen anſchaulich 
vorgeftellten Mealitäten zu andern in Wechſelwirkung fiebend, mithin in gewiſſer 
Weile durch fie bedingt denfen müflen, während der Gubftanzbegriff nicht Bloß 
abfolute Beharrlichkeit, fondern ganz allgemein Unbebingtheit be 
Daſeyns und Weſens ftatuirt. 

**) Hiermit ift zugleich gefagt Daß auch der Kraftbegriff, fo gut wie ber Begriff 
der Materie leinen höheren als einen bloß formalen Werth beanfpruchen laun. Denu 
daß wir alle Dinge entweder mit Kräften begabt ober felbft als Kräfte benten 
mäüffen, Bat feinen Grund eben lediglich darin, daß unfer Verſtand Kaufal- 
begiehungen zwiſchen allen Dingen vorausſetzen und bemgemäß alle einzelnen 
Realitäten ais Wirkende, d.i. Wirkungen Erzeugende, vorftellen muß. Daß wir 
aber ftatt des allgemeinen Ausbruds: das Wirkende den ſubjektiv gefärbten Aus- 
drud „Kraft“ gebrauchen, rührt lediglich von dem fon von bu Bois-Reymond 
hervorgehobenen Gang zur Perfonifitation Ber, der uns glauben läßt, daß wir 
ein Belanntes an Stelle eines Unbelannten fegen, wenn wir als, Urſache ber 
Bewegung“ dasjenige hypoſtaſiren, wag wir als Urſache unfrer eignen Körper- 

ganz genau zu fennen glauben: die Kraft. Daß durch biefen Aus- 


bewegungen 
drud aber in Wahrheit für das Verſtändniß der Natur der Dinge nichts 


gewonnen ift, baß letztere und darum nicht minder räthſelhaft und umbegreiflich 
erf&einen, und daß du Bois durchaus im Rechte tft, wenn er fagt; „bie Be 
bauptung, es fen bie gegenfeitige Anziehungskraft, wodurch zwei Stofftheilchen 
fich einander nähern, gebe auch nicht den Schatten einer Einſicht in das Weſen 
des Borgangs“, daS alles erhellt aus dem chen Geſagten von ſelbſt. 

3° 





36 8. Bender: 





zum Stoff. Denn fie macht uns begreiflih, daß beibe Abſtraktionen 
nicht auf zwei toto genere verſchiedene Grunbprincipien alles 
Seyenden deuten, fonbern lediglich auf zwei verſchiedenartige Er- 
tenntnißvermögen des vorftellenden Subjektes zurüdzuführen find: 
nämlich der Stoffbegriff auf das Anjchauungsvermögen, der Kraft: 
begriff aber auf ben Kauſalbeziehungen vorausfegenden Verſtand. 
Hieraus folgt aber ganz von felbit, daß Kraft und Stoff völlig 
gleichberechtigte, einander durchaus coordinirte Begriffe find, und 
daß alle Verſuche, entweder bie Kraft dem Stoff oder umgefehrt 
den Stoff der Kraft unterzuorbnen a priori als durchaus ver- 
kehrte bezeichnet werben müffen, daß fie aber auch überdies durch— 
aus überflüffige find, weil ber Dualismus, der durch fie 
überwunden werben foll, gar nit vorhanden ift bezw. nur 
die Welt der Vorftellung trifft, die objektiv reale Welt aber in 
feiner Weife berührt (demn es ift ja eben dasſelbe, was wir 
einerjeits als Kraft denken, andererjeits ſinnlich 
vorftellen als Stoff). 

Mit dem eben erörterten Problem im engften Zufammenhang 
fteht die zweite der oben erwähnten Streitfragen: bie Frage nad 
der begrenzten oder unbegrenzten Theilbarkeit des 
Stoffes. Die Beantwortung derfelben ift von dem von mir ein: 
genommenen Standpunkte aus fehr leicht. Denn alle Schwierig: 
feiten in diefer Beziehung entftehen ja lediglich daraus, daß man 
den Raum für eine gegebene, objeftivreale Einheit hält und 
demgemäß aus der Natur des Raumes, aus der Thatſache, daß 
fein Theil desfelben als der Hleinfte gedacht werden fann, auf eine 
entſprechende Qualität des den Raum Erfüllenden, nämlich auf 
die unendlihe Theilbarfeit desfelben ſchließt. Vom Standpuntt 
des naiven Realismus, der einen realiter eriftirenden Raum an- 
nimmt und demgemäß auch die Ausdehnung als objektiv -reale 
‚Qualität der Dinge betrachtet, ift diefer Schluß auch durchaus 
unanfehtbar und in Folge defjen auch der Konflikt mit der Natur: 
forfhung, die fi) mehr und mehr zur Annahme einfacher, nict 
mehr theilbarer Urelemente alles Seyenden gedrängt fieht, un: 
vermeiblih. Diefe ganze Schwierigkeit aber fällt auf meinem 


Ueber die Jdealität von Raum und Zeit. 37 





Standpunkt fort. Denn da ih den Raum als bloße Vorftellungs- 
form und demgemäß aud die Ausdehnung als ein Phänomen, 
das nur durch die Anſchauung entfteht und nur für fie vorhanden 
ift, betrachte, fo folgt für mich von felbft, daß nicht aus der Natur 
des Raumes auf irgend welche Qualität objeftiver Realitäten, 
die „an ſich“ gar nicht im Raume find, geihloffen werben kann, 
weil der bloß formale Raum, wie an fi Elar ift, in feiner Weiſe 
das Weien jener unabhängig von ihm eriftirenden Realitäten 
beeinflußt oder beftimmt. Das Einzige, was aus ber Natur des 
Raumes, fo wie ich fie verftehe, Hinfichtlich jener mit Grund 
gefolgert werben kann, ift vielmehr dieſes, daß eine Vielheit zu 
gleich eriftirender Realitäten objektiv gegeben ſeyn muß und daß 
die Verhältniſſe ihrer Coeriftenz derartige ſeyn müffen, daß fie mit 
Hülfe ‘der Raum-Anſchauung adäquat vorgeftellt werben können, 
Dies ift aber nur bei der Annahme begrenzter Theilbarkeit möglich, 
weil eine objektiv gegebene, unendliche Vielheit ohne Wider 
ſpruch nicht gedacht werden fann. 

Zu einem ganz andern Ergebniß gelangte freilich, wie befannt 
ift, Kant. Es war das von feinem Standpunkt aus aud nur 
natürlih. Denn er hielt ja Naum und Zeit nicht gleih mir 
für Formen der Wahrnehmung objektiv realer Verhält: 
niffe, fondern er war vielmehr der Meinung, daß alle jene 
Verhältniffe des Zugleichſeyns und des Nacheinanderſeyns, die wir 
vorftelen, durchaus nur in der Anſchauung und nur für dieſe 
eriftiren, und er mußte demgemäß auch leugnen, daß den in den 
räumlichen Beziehungen der Erfeheinungen eintretenden Verände: 
rungen (und folglih auch den Zertheilungen der Körper) irgend 
welche objektiv reale Veränderungen entſprächen. Bei einer ſolchen 
Anſchauungsweiſe aber war es nur konſequent, wenn er (R. 398) 
erflärte, daß aud die Menge der Theile in einer gegebenen Er— 
ſcheinung gar nicht „an ſich“ weber als endlihe noch als unend⸗ 
liche Menge eriftire, weil ja die Theile ſelbſt „allererft durch den 
Regreffus der decomponirenden Synthefis und in demſelben ge— 
geben würden” und, wenn er ſich demgemäß, weil jener Regreſſus 
„niemals ſchlechthin ganz“ gegeben jey, für die unendliche Theil- 


38 5. Bender: 


barkeit entichied.*) Hiermit fieht denn auch feine Vertheibigung 
der fontinuirlihen Raum: Erfüllung im Zufammenhang ſowie jeine 
zur Stüge derſelben aufgeftellte Behauptung, daß die bei gleihem 





=) Hierbei darf aber nicht außer Acht gelafien werben, daß der Begriff der 
Theilbarleit nad; im eben durchaus nur für die Erfheinungsmwelt Sinn 
und Bebeutung befaß, und daß alles „@etbeiltiwerden“ und „aus Theilen beftehen“ 
feiner Meinung nach mur in der Borflellung, d. h. mir ſofern es vorgefiellt wird, 
eriſtirt. weshalb die Unendlichkeit der Theilbarkeit bei ihm nur bedeutet, daß 
uns in ber Wahrnehmung niemals ein Korper, ber micht noch weiter 
teilbar gebadjt werben mühte, gegeben werben Tan: denn objeftin genommen 
gab es für ihm weder ein aus einfachen Realitäten Zufammengefeite noch emen 
in8 Unenbfiche teilbaren Stoff. an vergleiche Hierzu bejonderß bie offenbar 
abfichtlich gewäßlte zweibeutige und unbeftimmte Wendung, daß Die Theile „aller: 
erſt durch den Megreffuß der decomponirenden Syntheſis und in bemfelben gegeben 
wärden“ — eine Wendung, die bei ihm gewiß nicht bloß befagen will, daß die 
Theile als ſolche erft durch bie faftifch oder in Gedanken vorgenommene Teilung 
entftehen, ſondern die zugleich zu verſtehen geben foll, daß die Theile auch 
nad vollzogener Theilung (fo gut wie das vor der Teilung vorhandene 
Ganze) nur fofern fie vorgeftellt werden, nicht aber objeftiv als ein—⸗ 
zelne realiter eriftiren. Ehen deshalb war meines Erachtens Kant auch durchaus 
Im Recht, wenn er (was Schopenhauer monirt) behauptete, daß er fi weder 
auf Die Geite der Theſe noch auf die der Antitheſe ftelle, weil beide den Begriff 
der Theildarkeit in objeftiverealem Sinne faflen, während er die Frage nach 
der endlichen oder unendlichen Theilbarfeit des „am fi)“ Realen als eine an fid 
wiberfinmige, überhaupt gar nicht zu beantwortenbe betrachtet. In gleichem Sinne 
find denn auch bie von Kant gebrauchten Wendungen: „daß die Menge der Theile 
in einer gegebenen Erſcheinung am ſich weder endlich noch umendlih feg“ und 
mbaß ber Wegreffuß ber „decomponirenden Syntheſis niemals ſchlechthin ganz, 
weber als enblid noch als unendlich gegeben fep“ zu verfichen. Indefſen find 
beide unklar, weil inkorrelt. Denn wenn der Regrefius niemals ſchlechthin ganz 
gegeben feyn Tann, fo folgt daraus eben, daß er unendlich und nicht endlich 
iſt, während er, wenn er ganz gegeben wäre, nur endli feyn und 
gar nicht unendlich gedacht werden Tünnte — weshalb es unrichtig ift, auch 
nur bie Möglicteit, daß er als unendlicher ganz gegeben feyn könnte, 
vorandzufegen. — Ebenſo, wenn bie Menge der Theile im einer gegebenen Er⸗ 
ſcheinung gar nicht „an ſich“ exiſtirt, fo folgt daraus freilich von ſelbſt, daß fie 
auch nicht „am ſich“ endlich ſeyn Tarın. Bei allevem aber ift eine realiter exi⸗ 
ſtirende endlihe Menge am ſich doch fehr gut denkbar, mährenb eine tealiter 
gegebene unendliche Menge ein Widerſpruch in ſich felbft if. Es muß deshalb 
auch als ein durchaus inkorrektes Verfahren "bezeichnet werben, wenn Kant von 
der reolen Cpifleng einer gegebenen unendlichen Denge old von einem 
immerhin möglichen Fall fpricht, wie er durch obige @egenäberftellung thait 


Ueber die Jdealität von Raum und Zeit. 39 





Volumen vorhandene Gewichtsverſchiedenheit verſchiedener Maſſen 
auch anders als durch die Annahme leerer Räume, nämlich 
recht wohl auch durch bie Vorausſetzung einer intenſiv, d.h. 
dem Grabe nad verfchievenen Raumerfüllung erklärt werben 
Tonne. Diefer Argumentation gegenüber aber braucht heutzutage 
wohl kaum daran erinnert zu werben, baß es fi nicht bloß um 
Erklärung der Gewichtsverichiebenheiten qualitativ verjchiedener 
Mofjen Handelt (in welchem Falle Kant's Erklärungsmeife ala eine 
zureichende anerkannt werden könnte), fondern daß mü Hülfe ber 
Atomiftit noch eine Fülle anderer Erſcheinungen, die jonft un= 
begreiflich ſeyn würden, erklärt, d. h. anfchaulih und damit bes 
greiflih gemacht werben können. (Vergl. Anhang.) Dieſes für die 
moberne Naturforſchung fo unentbehrliche atomiftiihe Princip der 
Naturerklärung aber jet die von mir vertretene Anſchauungsweiſe 
voll und ganz in die ihr von Kant und nad) feinem Vorgang 
auch vielfah von andern Philofophen ftreitig gemachten Rechte 
wieber ein, während fie doch zugleich die dem Verſtande fo an- 
ftößige Fiktion objektiv vealer leerer Räume von Grund aus und 
vollftändiger als das irgend eine andere Vorſtellungsweiſe kann, 
zerftört: benn die leeren Räume eriftiren ja als ſolche lediglich in 
der anſchaulichen Vorftellung, haben nur in diefer Realität und 
mithin aud nur für diefe Bedeutung, für die objektiv gegebenen, 
im eigentlihen Sinne wirklihen Realitäten und für den bieje 
Realitäten in ihrem inmern, weſentlichen Zufammenhange denfen- 
den Berftand dagegen find fie völlig bedeutungslos, ober, mas 
dasjelbe ift, objektiv genommen find fie nichts. Man hat deshalb 
aud gar nicht nöthig, fi mit der widerſpruchsvollen Fiktion einer 
tontinuirlichen Raumerfülung herumzuquälen, um mit ihrer Hülfe 
zwiſchen den ſcheinbar zufammenhanglofen Realitäten jenen Zus 
ſammenhang herzuftellen, deſſen unfer Veritand, dem eine zufammen- 
hangloſe Bielheit anftößig ift, dringend bedarf. Denn jener Zus 
fammenhang ift ein innerer, wejentlicher und er wird ala folder 
durch jene für die Realitäten bedeutungsloſen Lüden zwiſchen ben- 
selben in keiner Weiſe aufgehoben oder geftört; es bedarf deshalb 
aud feines äußeren Kittes, um die Welt zufammenzuhalten, bie 


40 8. Bender: 





auch ohne kontinuirliche Raumerfüllung kraft ihrer inneren Einheit 
unzerſtörbar als Ganzes befteht. 

Faßt man die Sache aber ſo, ſo ergiebt ſich auch die Beant⸗ 
wortung der letzten der drei oben erwähnten Streitfragen, die 
Beantwortung der Frage nach der räumlichen Endlichkeit oder 
Unendlichkeit der Welt im Grunde ſchon von ſelbſt. Denn das 
Dilemma, in das wir und dieſer Frage gegenüber verjegt fühlen, 
entipringt doch lediglih aus dem unüberwindlichen Widerftreben, 
mit dem uns die Vorftellung einer vom unendlichen leeren Raum 
realiter umfchloffenen endlichen Welt erfült — ein Wiberftreben, 
dem bie wunberliche Idee einer objektiv gegebenen, gleichwohl aber 
dem Raume nad unendlichen Welt einzig und allein ihre Ent 
ftehung verdankt. Dieſe Idee aber ift eine logiſch unmögliche; 
denn ein im Raume Befindlihes, das feinen beftimmten 
Raum einnehmen, eine Größe, die doch feine beftimmte Größe 
ſeyn fol, ift ein" Widerſpruch in ſich ſelbſt. Trotz alledem und fo 
ſehr dies auf der Hand zu Liegen ſcheint, wurde man aber doch 
durch das eben erwähnte Widerftreben zur Annahme dieſes wider: 
ſpruchsvollen Undings, das die einzig mögliche Zuflucht vor einer 
noch unerträglieren Vorftellung zu bieten fchien, gedrängt. Denn 

‚ ber Gebanfe an das unembliche Leere, das man, wenn bie Welt 
„on fih” im Raume aber niht räumlich unendlich if, 
“ jenfeit der Welt, fie von allen Seiten begrenzend und umfchließend, 
nothwendig borausfegen muß, der Gedanke an das unenblice 
Nichts, dem gegenüber, wie Schopenhauer treffend bemerkt, vie 
Welt, jo groß man -fie auch denken mag, immer unendlid 
klein erjcheint, erregt dem Menſchen Bangen und Unbehagen, 
und die BVorftelung, daß jemals irgend ein Menſchen ähnliches 
Weien, etwa ein Bewohner eines „äußerften” Himmelskörpers 
am jenes vorausgeſetzte „Ende der Welt“, jenes Ende, hinter 
dem das Nichts beginnt, gelangen Könnte, erfült ihn unwill 
kurlich mit Schreden. Diejes unwillkürliche Widerftreben, dieier 
horror vacui aber hat feinen ſehr guten, logiſch durchaus be: 
. tehtigten Grund — denn ein realiter eriftirendes Nichts, ein 
Nichts, das noch dazu zu dem Inbegriff alles Seyenden, zu 





Ueber die dealität von Raum und Zeit. 4 





ber Welt in einem ganz beftimmten Berhältniß fliehen, ja fie 
in gewiffer Weife bedingen und beſchränken foll, ift (jo gut wie 
eine an fi dem Raume nad unendliche Welt) ein Widerſpruch 
in fich ſelbſt. 

Was aber follen wir denn nun denten? Giebt es feinen 
Ausweg aus dieſem Cirkel ſich entgegenftehender, gleich wider⸗ 
fpruchsvoller Vorausfegungen? Vom Standpunkt des unkritiſchen 
Realismus nicht. Bon unferm Standpunft dagegen verſchwindet 
die ganze Schwierigkeit von ſelbſt. Denn für uns ift die Welt, 
objektiv genommen, ja überhaupt nicht im Raum, und wir können 
fie deshalb auch recht gut „an ſich“ der Zahl der fie componiren- 
den Realitäten nach endlih, d.h. von ganz beftimmter Größe 
denken, ohne zu der widerſpruchsvollen Fiktion eines fie begrenzen- 
den und umichließenden, realiter eriftirenden Nichts unfere Zuflucht 
nehmen zu müffen. Freilich ift e8 gewiß, daß wenn wir fie uns 
nad Analogie des anſchaulich Gegebenen in der Phantafie vor- 
ftellen wollen, wir fie nothwendig von einem unendlichen leeren 
Raum umgeben vorftellen müffen; aber dieſer unendliche Ieere 
Raum eriftirt dann doch eben nur in unferer Phantajie 
und wir find völlig gewiß, daß er objektiv genommen feine Realität 
befigt und deshalb aud niemals irgend- welche Bedeutung für bas , 
objektiv Reale als ein. dasfelbe Bedingenbes oder irgenbwie Bes 
ftimmendes beanfprucdden Tann, ja daß er nicht einmal in irgend 
welcher Anſchauung gegeben jeyn kann, weil die Welt ihrer 
Totalität nach überhaupt nicht von irgend Jemand, er ſey wer 
ex fey, angeſchaut, d.h. ſinnlich vorgeftellt und folglich auch von 
Niemand ausgedehnt und im Naume befindlich vorgeftellt werben 
tann.*) Der Gedanke, daß jemals ein Menjchen ähnliches Wejen 
an das Ende ber Welt gelangen könnte, aber verliert von ſelbſt 


) Lehleres erhellt daraus, daß der Betreffende, um fie anſchauen zu 
können, außer und neben der Welt da feyn, d. 5. populär geſprochen 
felbR ausgedehnt und im Raume feyn und folglich, weil alles, was im 
Raume ift, zur „Welt“ gehört, felbft mit zur Welt gehören, und alfo 
zugleih in der Welt und außer der Welt feyn müßte, was miber: - 
Fimmig if. 


42 8. Bender: 





alle Bebeutung, fobald wir uns klar machen, daß una niemals in 
irgend welcher Wahrnehmung eine Grenze der Welt ala ſolche 
ertennbar gegeben feyn fann, weil, wie Kant treffend hervor- 
gehoben hat, nicht allein das abfolute Nichts niemals pofitiv 
wahrgenommen, fondern weil aud niemals aus den ſchein⸗ 
baren Züden in der Anſchauung auf einen objektiv vorhandenen 
Mangel alles Realen an den betreffenden Stellen, d. 5. populär 
zu reden, auf ein abjolutes Nichts geſchloſſen werden ann, 
da wir ja auf feine Weile das bloß relative Leere, bas jede 
Anſchauung neben den pofitiv wahrgenommenen Dingen enthält, 
vom abfolut leeren Raum zu unterfcheiden vermögen. Denn 
in Folge diefes Umftandes ift überall, wo Menfchen ähnliche Weſen 
find, d.h. für dieſe ringsum grenzenlofe, ſich nach allen Seiten 
„ins Unendliche“ außbehnende „Welt”. Diejer Fortgang der An- 
ſchauung, ins Unendliche“ ift aber, wie Kant fehr richtig erkannte, 
nur ein Fortgang ins Unbeftimmte, für ung Grenzenlofe, ein 
Fortgang in indefinitum; aus ihm aber hat man irrthüm— 
licherweiſe den Fortgang in infinitum, den realiter unendlichen 
gemadit. 

Wenn nun aber aud in diefem Punkt die Refultate, zu 
denen wir in Vorftehendem gelangt find, mit denen, zu denen 
Kant gelangte, übereinftimmen, fo weichen fie body in anderer Be- 
ziehung in ſehr entfchievener Weife von jenen ab. Cs folgt das 
aber aus der Verfchieveuheit des Standpunktes von felbft. Denn 
da für Kant nicht nur Raum und Zeit, fondern auch alle räumlich 
und zeitlich vorgeftellten Werhältniffe und Beziehungen durchaus 
nur in der Vorftellung und nur für dieſe eriftirten, jo verftand 
es fi für ihn von felbft, daß auch die gefammte räumlihe, aus 
zugleich eriftirenden Dingen und ihren mannigfachen Beziehungen 
zufammengefegte, für uns fo reale „Welt“ nur im „empirifchen 
Regreffus der Wahrnehmungen” eriftive, in welchem Regreflus fie 
niemals ganz gegeben ſey und in Folge defien unendlich erſcheine 
— daß dieſe ganze fogenannte Welt aber objektiv betrachtet über: 
Haupt nicht vorhanden jey und deshalb auch überhaupt nicht. ala 
Ganzes, „weder als Ganzes von endlicher nod als Ganzes von 


Ueber die dealität von Raum und Zeit. 48 


unendlicher Größe“ eriftire. — Für diejenigen dagegen, die ſich 
auf den von mir eingenommenen Standpunkt ftellen und dem⸗ 
gemäß an die objektiv reale Eriftenz jener von uns ausgebehnt 
vorgeftellten, unter einander in mannigfachen Kaufalbeziehungen 
ftehenden Einzeldinge glauben, muß aud die aus dieſen Einzel: 
Dingen fih zufammenjegende Welt objektive Realität befigen, und 
wenn fie ſich auch bewußt find, diefe Welt niemals ihrer Totalität 
nad anſchaulich vorftellen zu können, jo müſſen fie fie doch gleich- 
wohl als ein objektiv feiner Totalität nad gegebenes, 
d.i nicht unendlihes Ganze betrachten. Der Widerfinn, der 
in der Vorftelung einer dem Raume nad) endlichen, vom unend⸗ 
lichen Leeren umfchlofjenen Welt liegt, aber verſchwindet für fie 
daburd von jelbft, daß das „Ende der Welt“ und mit ihm ber 
unendliche leere Raum ſowohl ſubjektiv (meil jie uns niemals in 
der Wahrnehmung vorlommen können) ala aud objektiv (nämlich 
für das an fi Reale) allen Werth und alle Bedeutung verlieren, 
weil bie ganze wiberfpruchavolle Fiktion nur dadurch entfteht, daß 
wir dasjenige, was an ſich gar nicht „im Raume“ ift und was 
aud niemals jeiner Totalität nad räumlich angeſchaut werben 
kann, gleihwohl nach Analogie des und in der Anſchauung Ge: 
gebenen vorftellen und dadurd im Geift in den Raum verfegen.*) 


*) Allerdings vermögen wir uns, von einem folden, auf fi beruhenden, 
durch eigne Kraft, ohne äußere, pofitive Umgrenzung ſich felbft begrenzenden Welt: 
ganzen feine pofitive Borftellung zu maden. Denn wenn auch feit Newton bie 
Sravitation ihren triumphirenden Einzug in bie Naturforſchung gehalten, jene 
Gravitation, die ſich unmittelbar ald dasjenige anzukündigen fdeint, das die 
Bet in allen ihren Theilen „im Innerſten zufammenhätt“ — fo ift doch einer⸗ 
ſeits dieſe Gravitation jelbft filr und durchaus unbegreiflich, andererſeits ſehen 
wir fie überall in der Welt mit einer andern, ihr entgegenwirkenden Kraft, bie 
Das durd) jene Bufarmmengehaltene von einander zu entfernen frebt, In unaus- 
gefegtem Kampfe, und wir find mit im Stande uns vorzuftellen, wie dieſe 
Kraft, einmal entfefielt, anders als durch em vom außen entgegenwirlendes 
Hemmuiß in ihrem Fortſchreiten ind Unendliche follte aufgehalten werden Fünnen. 
ben bierans ſchbpfen dem auch ohne Zweifel Biele ihre Ueberzeugung von ber 
räumlichen Unenblichteit der Welt. (Auch die befannte Argumentation des Lubrez: 
„Man denke fid vom der voramdgefeßten „äußerfien Grenze“ der Welt einen 
Wurffpieh mit fräftiger Hand geſchleubert. Wird ibm etwas hemmen oder wird 
er ins Unendliche fortfliegen? In beiden Fällen zeigt ſich, daß ein Ende ber 





44 H. Bender: 





Ein analoger Unterſchied in der Auffaffung ergiebt fih aus der 
Verſchiedenheit beider Standpunkte auch für die Frage nad ber 
zeitlichen Endlichkeit oder Unendlichkeit ber Welt. Denn nad) 
Kant ift auch die Zeitfolge als ſolche nur in der Vorftellung des reflek⸗ 
tirenden Geiftes und nur für biefen vorhanden — daher er auch 
konſequenterweiſe unter der zeitlichen Unendlichkeit oder Ewigkeit 
der Welt nur die in unferer Organijation begründete Nothwendig- 
keit, vor jebem gegebenen oder in Gedanken vorausgefegten Zuftand 
immer nod einen andern, ihm der Zeit nach vorhergehenden zu 
benfen, verfteht. (Vergl. Kr.d.r.®. R.398.) Alle diejenigen da= 
gegen, denen die Aufeinanderfolge der Zuftände als ſolche objektive 
Realität befigt, werben auch die Unendlichkeit diefer Folge als ein 
objektiv reales Faktum anfehen müſſen; fobald fie dies aber thun, 
ſchwindet für jie jede Möglichkeit eines zeitlichen An- 
fanges oder Endes der Welt. Ein Widerſpruch, wie Kant meinte, 
ift aber in der Annahme einer ſolchen unendlichen Reihe keines: 
wegs vorhanden; denn es ift auch bei einer folden Anſchauungs- 
weije recht wohl möglich, die Zahl der zu jeder beliebigen vor= 
übergehenden Erſcheinung nothwendigen Bedingungen, (b. h. die 
Buftände, die ihr vorhergegangen ſeyn müffen) als eine beim Ein- 
treten des betreffenden Zuftandes ihrer Totalität nad) gegebene 
zu betrachten, jobald man den Weltproceß als einen in ſich ab- 
geſchloſſenen, in fi zurüdlaufenden dent. Denn an dieſem 
in fih zurüdlaufenden Weltproceß haben wir alsdann jenes 
Unbedingte, das ein Geſetz unſeres Denkens uns, fo oft wir 
Bebingtes wahrnehmen, nothwendig vorauszufegen zwingt, jenes 
Unbedingte, das die ganze Neihe aller in ihm möglichen, im Laufe 
der unendlichen Zeit wirklich werdenden Zuftände jo gut wie bie 


Weit undenkbar ift“ bewegt ſich im Weſentlichen auf gleichem Boden.) Es if 
aber Har, daß aus folder fubjeltiven Unmöglichkeit, von einem aus eigner 
Kraft fich erhaltenden Weltganzen eine pofitive Worftellung zu gewinmen (eine 
Unmbgficfeit, die doch Tediglich unferer mangelhaften Einfiht in die Ratur bes 
an fih Nealen und der zwiſchen feinen Gliedern herrſchenden Raufalbeziehtngen 
entfpringt) nicht auf die objektive Unmdglichteit eine® ſolchen gefchloffen 
werben Tann. 


Ueber die Jdealität von Raum und Zeit. 45 


Reihenfolge berfelben a priori für alle Ewigkeit bedingt und 
beftimmt. . 

Und jo führt uns benn aud die Kritif unferes Anſchauungs⸗ 
vermögens fo gut wie die an anderer Stelle vorgenommene Unter: 
ſuchung über die Natur und Bedeutung unferer reinen Ver— 
ftandegbegriffe auf jene Vorftellung eines einheitlichen, in ſich felbft 
rubenden, alle wechjelnden Erſcheinungen aus feinem Schooße er: 
zeugenden, felbft aber bei allem Wechſel unveränderlich beharrenden 
Weltganzen zurüd, die in den erften Theilen von Spinoza's Ethik 
einen jo charakteriſtiſchen Ausbrud gefunden hat und auf ber bie 
Weltanfhauung eines großen Theiles unferer bedeutendften Denter 
berußt. 





Anhang zu Seite 39. 
Weder räumlie und zeitlide Atomifik. 

Es jey mir geftattet, die Unzulänglichkeit der Kant'ſchen Hypo⸗ 
theſe einer intenfiv, d.h. dem Grade nad) verfchiedenen, ertenfiv 
aber kontinuirlichen Raumerfüllung bier noch an einem beſonders 
frappanten Beifpiel etwas eingehender zu beleuchten. Man bedient 
fich befanntlich des atomiſtiſchen Princips auch zur Erklärung der 
Aggregat-Zuftände, einer Erſcheinung, angefichts deren es darauf 
onfommt, den Webergang eines Körpers aus einem gegebenen 
Zuftand in einen Zuftand größerer ober geringerer Dichtigkeit 
begreiflich zu machen und dadurch zugleich die Thatſache, daß die- 
jelben Körper mit gleicher Maſſe bald größere bald Heinere Räume 
erfüllen, zu erklären. Hierzu ift aber offenbar die Kant'ſche Hypo- 
thefe nicht im Stande. Denn wenn man aud annehmen wollte, 
daß die Intenſität der Raum-Erfüllung in demfelben Grade 
geringer würbe, in dem der betreffende Körper an Volumen ge: 
wönne, fo wäre doch gar nicht abzufehen, wie die Abnahme der 
Intenfität an einem beflimmten Punkte ber erten: 
fiven Ausdehnung an einem andern Punkt zu Gute 
kommen fönnte, weil doch zu diefem Zwecd bie intenfine Größe ſich als 
extenfine geriven, nämlich ſich theilen und der ſich lostrennende Theil 
ih an einen andern Punkt im Raume begeben, b. h. ſich bewegen 


46 8. Bender: 





müßte, was der Natur der intenfiven Größe als foldher wiberfpricht. 
Aus alledem aber geht hervor, dafs es fich bei ber ganzen Sache ledig: 
lich um formale Verhältnifie, nämlich um die von uns räumlich vorge» 
ſtellte Verteilung einer Vielheit von Realitäten handelt, und daß, 
wenn von größerer oder geringerer Dichtigkeit der Maffen oder auch 
von größerer oder geringerer Intenfität ber Raum-Erfüllung die Rede 
ift, Darunter jederzeit nur die Vereinigung einer größeren ober 
geringeren Anzahl von Realitäten in einem fleineren oder größeren 
Raum (bezw. auf einem Heineren ober größeren Theil der An- 
ſchauungsform), nicht aber irgend welche, den einzelnen Elementen 
zufommende, mehr oder minder intenfive Qualität verftanden 
werben kann — und zwar deshalb, weil eine Abnahme oder Zu- 
nahme ber Intenfität in legterem Sinne fih nur als ein völlig 
unbegreifliches Erſcheinen oder Verſchwinden von Kraft kundgeben, 
bezw. ſich nur durch ein Zunehmen oder Abnehmen des Gewichts des 
betreffenden Körpers direkt verrathen würde, niemals aber 
mit einer Volum⸗-⸗Veränderung desfelben verbunden auftreten 
tönnte. Eben deshalb muß alle Raum: Erfüllung als ſolche, jofern 
fie kontinuirlich gedacht wird bezw. da wo fie fontinuiclich ift, auch 
durchaus gleichartig gedacht werben (vergl. Helmholtz: Abhdlg über 
bie Erhaltung ber Kraft: „Dualitative Unterfdiede dürfen wir ber 
Materie an ſich nicht zufchreiben, denn wenn wir von verjchieden- 
artiger Materie ſprechen, fo ſetzen wir ihre Verſchiedenheit immer 
nur in die Verſchiedenheit der Wirkungen, d. h. in ihre Kräfte. 
Die Materie an ji kann deshalb auch feine andere Veränderung 
eingehen ala eine räumliche, d. h. Bewegung.) — indem das ton: 
tinuirlie Reale, welcher Art es auch fey und welden Grab von 
Intenfität es auch befige, immer nur einen Theil unferer An- 
ſchauungsform ſchlechthin erfüllen, d. h. einnehmen, nicht aber diefen 
Theil mehr oder weniger einnehmen kann. Daher können 
wir uns, populär zu reden, jeden Raum wohl in einigen Theilen 
erfüllt, und in andern leer denfen, aber wir können ihn nicht, ba 
wo er fontinuirlid erfüllt ift, mehr ober weniger erfüllt 
denken, weil es ein Mittelding zwiſchen Etwas und Nichts nicht 
giebt und weil jener allmählihe Uebergang von der 


Ueber die dealität von Raum und Zeit, 47 





Realität zur Negation, von dem Kant fpricht (vergl. R. 148), 
nichts ift ala eine Jlufion. — 

In entſprechender Weife, nämlich unter Zugrundelegung der 
Borausfegung, daß auch alles, was wir Zeit-Erfüllung nennen, 
d.i alle Veränderung und Bewegung, nit kontinuirlich, 
fondern aus bisfreten, durch leere Zeiträume getrennten Be— 
megungsmomenten zufammengefegt ey, laſſen fich meines Erachtens 
auch allein die Differenzen in der Bewegungsgeſchwindigkeit er: 
Hören. So lange man nämlich annimmt, daß alle Bewegung 
kontinuirlich ſey und daß die langjame Bewegung die Zeit ebenjo 
gut Fontinuirlich erfüllen Tönne wie die jhnelle, fo Lange er: 
ſcheinen die Unterſchiede in der Bewegungsgeſchwindigkeit völlig 
unbegreiflid. Denn die Annahme einer größeren oder geringeren 
Intenſität der Zeiterfüllung (nad) Analogie der von Kant ftatuirten 
größeren oder geringeren Intenfität der Raumerfüllung) reicht 
ſchon aus den wider legtere angeführten Gründen zur Erklärung 
diefer Erſcheinung nicht aus. Dies läßt ſich aber im vorliegenden 
Falle noch unmittelbarer einleuchtend machen. Denn Bewegung, 
d.i das Durdlaufen eines Raumes, ift Zeiterfülung, und folglich 
wird, weun mehr Raum durchlaufen wird, auch fattiih mehr 
Zeit kontinuirlich erfüllt. Wird nun, wie an fi Mar ift, bei 
ſchnellerer Bewegung in demfelben Zeitabſchnitt ein größerer Raum 
durchlaufen als bei langfamerer, jo wird im erfteren Falle im 
felben Zeitraume fattiih mehr Zeit erfüllt, d.h. derſelbe 
gegebene Zeitabſchnitt wird in mehr Theilen ausgefüllt, nicht 
aber in allen feinen Theilen intenfiver erfüllt, weil ja der mehr 
durdhlaufene Raum einen Zuwachs an erfüllter Zeit im Gegen- 
fag zur leeren, nicht aber einen Zuwachs an Intenfität für 
die ſchon vorher erfüllten Zeittheile bedeutet. Dies kann 
aber nur erklärt werden, wenn man annimmt, baß jeder von 
Bewegung erfüllte Zeitabſchnitt aus einzelnen, durch Ruhepauſen 
in ber Bewegung von einander getrennten Beregungsmomenten 
zufammengefegt ift, und daß dieſe Paufen bei ſchnellerer Be— 
wegung von fürzerer Dauer find als bei langſamerer. Man 
geftatte mir, diefe meine Meinung an dem bekannten Argument 


48 6. Bender: Ueber die Jeralität von Hazm und Zeit. 


des eleatiſchen Zeno noch etwas eingehender zu erläutern. Achilles 
tann, io behauptet Zeno, die Schildkröte niemals einholen, weil 
diejelbe immer, jobald er an den bisher von ihr eingenommenen 
Plag gelangt, dieſen ſchon wieder verlafien baben muß. Das 
Argument ruht, wie eridtli, durchaus auf den beiden Grund: 
pfeilern der unendlichen Theilbarfeit der Zeit und der Continuirlich— 
feit der die Zeit erfüllenden Bewegung, und es iſt aud in ber 
That, wenn man ji auf dieſen Standpunft ftellt, durchaus un- 
überwindlid. Denn es ift Mar, dab Achilles Zeit gebraucht, um 
den Raum, der ihn bei Beginn des Wettlaufs von der Schildkröte 
trennt, zu durdmeilen; in dieſer Zeit aber muß die Schildkröte, 
wenn jie in kontinuirlicher Bewegung ift, ebenfalls im Raume 
fortrüden und folglich aufs Reue einen Vorſprung vor Achilles 
gewinnen, den zu überwinden legterer wieber Zeit gebraucht, welche 
Zeit die Schildfröte ihrerjeits wieder zum Weiterkriechen benugt, 
und fo ins Unendliche fort. — Der hieraus refulticende Widerfinn 
verfchwindet aber fofort, wenn man ſich jede Bewegung aus dis⸗ 
treten, durch leere Zeiträume von einander getrennten Bewegungs- 
momenten zufammengefegt denkt und fi demgemäß bie größere 
ober geringere Schnelligkeit der Bewegung aus der geringeren ober 
größeren Ausdehnung der zwiſchen den einzelnen Bewegungs- 
momenten liegenden Bewegungspaufen erflärt. Tenn wenn man 
bie Sache fo auffaßt, dann wird es begreiflich, ja ſelbſtverſtaͤndlich, 
daß Achilles die Schildfröte einholen muß, fobald der Bor: 
fprung, den fie vor ihm voraus hatte, fo weit ver: 
ringert ift, daß er den noch vorhandenen in einer 
jener vorerwähnten Paufen, die zwifden den Be: 
wegungsmomenten der Schildkröte vorhanden gedacht 
werben müffen und die feine Bewegungspaunien an 
Ausdehnung übertreffen, zu überwinden vermag — 
Hiernach widerlegen fih aud alle verwandten Argumente des 
eleatif hen Zeno von ſelbſt. Uebrigens erſcheint die Annahme 
folder „Heinfter Bewegungen” ſchon von felbft geboten, wenn 
man nicht einen allmählichen Webergang von der Ruhe zur 
Bewegung annehmen will (mas widerfinnig ift). 





Anton Kod: Erfenntmißtheoretifche Streifzüge xc. 4 





Erkenntnißtheoretifche Streifzüge mit befonderer 
Rückſicht auf Günther. 
Don 
Dr. Anton Rod. 


Auf dem Wege heutiger philofophifcher Beftrebungen liegt 
eigentlich nicht das mindefte Bebürfniß auf Günther zurüdzubliden. 
Günther’: Schickſal, von den Theologen verftoßen und von ben 
Philoſophen nicht aufgenommen zu werben, mag in Anbetracht 
feiner mwohlgemeinten Beſſerungsverſuche mitleiverregend genannt 
werden; aber es mußte fommen, daß der hriftliche Vermittler in 
Theologie und Philofophie felbft zu einer mittleren Role herab⸗ 
ſank und in Folge deffen von der philofophifchen Bildfläche mit 
der Zeit verſchwand. Nur eine Eleine, aber andächtige Schaar 
Güntherianer zehrt jeßt noch von der Begeifterung früherer Tage, 
ſchlägt hie und da noch die Werbetrommel und hält, wie es 
ſcheint, gefhloffen zufammen, vermöge einer in ihren Publicationen 
ftarf heroortretenden mutuelle assurance d’admiration. So hoch 
wir ®Pietät zu achten haben, jo wenig darf fie in ber Willen: 
ſchaft mitfprehen. Und wir fürchten, daß die Philojophie der 
Zukunft wie der Gegenwart gleich ſpröde gegen ©. bleiben und 
nit fi wird überzeugen können, daß ©. berufen geweſen jey, 
feinen und den kommenden Genoflen in ber Wiſſenſchaft das rechte 
Licht aufzuzünden, möge uns nun Mel zer den G. als Autobibacten 
des XIX. Jahrhunderts Hinftellen, oder Anauer das Syftem feines 
Meifters in ungebührlicäfter Breite behandeln und dasfelhe als an 
„Gedanken-Originalität, Umfang und Tiefe“ ſeit Plato und Ari: 
ftoteles einzig baftehendes preifen, oder Knoodt und Weber Ges 
„unſterbliche Verbienfte“ der Gegenwart nod fo zubringlih ans _ 
Herz legen und endlich felbft Ulrici jüngft noch &., zwar nicht als 
Modephiloſophen, aber doch als einen „Philoſophen außer Mode” 
uns empfehlen. Merkwürdig, wie bodbeinig und undankbar wir 
Heutigen feyn können! Nicht einmal angeſichts der ebenfo kurz 
als tabelnd über ©. hinweggehenden Beurtheilung Zeller’s, und noch 
viel weniger gegenüber den vielfahen Neprobationen, welde der 

Zticheft. |. Bhilof. u. philof. Kritit. 87. Bo. 4 


50 Anton Kod: 





jeberzeit feberbereite, und unter der Maske ſcholaſtiſch-philoſophi⸗ 
ſcher Formeln gewandt hantierende Theologifierer Stöckl dem ©. 
angebeihen ließ: haben wir ein Wort der Ehrenrettung und Ber: 
theidigung! Bezeichnen wir gleich jegt die ratio sufficiens dieſes 
Verhaltens. Man wird zugeben müfjen, daß ©. allzu überwiegend 
theologiſch, ja myſtiſch beeinflußt, *) und doch wieder biß zur Leiden⸗ 
Schaft anti=pofitin=theologifch angelegt war, daf er den Hegel’ichen 
Pantheismus mit Hegel’jher Methode zu überwinden verfuchte und 
endlich, daß feine ganze Tendenz gar nicht fonderlich auf Ehre und 
Glanz der Philofophie gerichtet war, als vielmehr auf die „Ehre 
Gottes und der Kirche Chrifti” — und die heutige Philoſophie hat 
Grund genug, feinen befonderen Grund zur Dankbarkeit zu haben. 
Wenn wir aber gleichwohl im folgenden erkenntnißtheoretiſchen 
Verſuche öfters auf Günther und |. Schule zurüdbliden, fo hat ung 
hiezu ein Güntherianer fpecielle Veranlaffung gegeben, und zwar 
Knoodt in feinem mit großem Anhang herausgegebenen „Anti= 
Savarefe”, eine Streitihrift G's gegen Savarefe in Neapel 
und opus posthumum des Meifters, worin er mehrfach auf unſere 
Pſychologie Descartes’ ſich bezieht und unfere Reflerionen über 
bes Letzteren Dualisınus mit G.s verbeflerter analogen Xehre in 
Vergleich zieht, und worin er namentlich äußerſt umſtändlich und 
gar nicht einmal zutreffend den Carteſianiſchen Ichgedanken und 
unfere bezüglicden Andeutungen unter G.ſche Geſichtspunkte ſtellt. 
Selbftverftändlich interefjiert uns hiebei lediglich der alles theologi- 
ſchen Schmudes entkleidete und nur philofophierende G., und von 
all den Punkten, welche G. philofophiih behandeln zu können 
meinte, wieder nur jene, welche allein das Philoſophiſche in feiner 
Philoſophie ausmachen, u. d. i.: Die Selbftbewußtieynslehre 
. Tropdem daß Ulrici Knoodt's obiges Buch in diefen Blättern 
Ihrg. 1882, S. 100 ff. gerade auch im felben Punkte anfaßte 
und bejprochen hat, jo erſcheint ein Verſuch in bezeichneter Ab- 
grenzung nicht überflüffig, fofern derfelbe mehr als vorübergehende 
Streifzüge ausführen will. 
*) Man Iefe doch einmal den Schluß der I. Beilage der fpec. Vorſchule T, 
214 (2) über Zeit und Raum! Der. ganze Günther in einem Gate! — 


Etkenntnißtheoretiſche Streifzüge mit befonderer Rüdfibt auf Günther. 5] 





Wenn wir uns eigentlich nur ber Selbſtbewußtſeynslehre zu- 
wenden, fo haben wir das Gute, daß mir uns zugleich mit der 
Grundlage der G.ſchen Philofophie berühren, folglih um fo 
leichter ihren nervus vitalis erfafien können. Bemerke hier neben- 
bei, daß die Güntherianer nicht ganz im Klaren find, welches 
denn eigentlidh die philofophiiche Grundlage ihres Meifters geweien; 
Knoodt fieht diefelbe mit ung in der Selbſtbewußtſeynslehre, 
Weber dagegen jest an erfter Stelle ben G. eigenthümlichen 
Beiens-Dualismus, deſſen Entwidlung die ©. abermals 
eigenthümlide Erkenntnißtheorie ergab; und dieſe mit jenem zu= 
ſammen gebe erſt den Stüg- und Haltpunkt des G.fchen Lehr- 
gebäubes (Erſch S. II. 8b. 97. S. 322). Für unferen näheren 
Zwed ift bieß von feinerlei Belang, da wir G.s abenteuerlichen 
Subſtanzen⸗ Dualismus, man könnte auch Pluralismus fagen, für 
ein ebenfo unphiloſophiſches Ding halten, als wie feine Auffaffung 
und Belämpfung des Pantheismus, von G. Theopantismus be= 
nannt, folglich ganz ruhig bei der Bewußtſeynslehre, als dem 
einzigen philofophiichen Heft der G.ſchen Philofophie, e8 bewenden 
Lafien können. 

Das Selbftbemußtiegn galt und gilt vielen Philofophen, 
namentlich jeit Gartefius davon den Ausgang feines Speculierens 
genommen hat, als unanfechtbare Thatfache. Aber mit diefer 
nadten Thatjache kann man nicht beginnen. Vorher muß, wie 
Ulrici mit Recht gegen Günther: Knoobt bemerft hat, unterfucht 
jegn: Was ift Thatfahe? und warum ift das Selbftbewußtjeyn 
eine unbeftreitbare Thatfahe? — fonft verfällt man unvermeidlich 
einem empirifchen Dogmatismus, ber fein wiſſenſchaftliches Ver: 
trauen befigt. 

Wenn man au zur Entihuldigung für ©. und Schüler im 
Auge behält, daß ja der Meifter überhaupt bis zu feinen Jufte- 
Milieus (1838) an eine ſyſtematiſche Behandlung feiner Gedanken 
nie ging, fondern diejelben nur ‚epitomiftifch” hinausgab und dabei 
mande Vorfragen beifeits liegen ließ, jo muß doch die erfenntniß- 
theoretiſche Philofophie, namentlich ſeit Kant's tiefgehender An- 
regung, jelbft für die ſcheinbar kleinſten Einzelfragen ein zartes 

4 


52 Anton Kod: 


Gewiſſen fi bewahren, und die Frage nad) der Möglichkeit und 
Thatſächlichkeit des Wiſſens überhaupt und bes Selbftbewußt- 
ſeyns inäbefondere zu ihren unerläßlihen Präliminarien zu zählen 
haben. Was ift Thatfahe? Und ift das Selbftbewußtieyn 
eine Thatfahe? — Dieje Fragen haben bie Güntherianer nicht 
angefaßt, geſchweige erledigt, daher wir berechtigt find, eine philo- 
ſophiſche Unterlaffungsjünde zu notieren. Auf eingehende Löſung 
unferfeits fann es hier nicht abgejehen jeyn, aber ebenfowenig 
tönnen wir uns Andeutungen hierüber erlafien. Wir fragen: 
Was ift in einer Vorftellung das Thatfählihe? Daß wir eine 
Vorftellung haben, oder zu haben meinen? Ober liegt es in dem 
Objectiven, alfo in dem Vorgeftellten ala joldem? In der Em— 
pfindung ‚voth‘ iſt es thatſächlich ſowohl, daß ich mit einer be- 
ftimmten Qualität der Empfindung afficiert bin; aber auch, daß 
meinem Empfindungsobjecte eine ebenjo beftimmte Lagerung und 
Verbindung von Atomen entſpricht. Liegt die Thatfahe ber 
Empfindung fomit im Subjectiven allein, oder aud im Ob— 
jectiven, oder in Beiden? Gilt das Thatfähliche bloß im 
Neiche der Naturvorgänge? oder auch ber Gedanken? Giebt es 
eine Thatſache ohne deren Gonftatierung durch ein percipierendes 
Subject? u. ſ. w. u. ſ. w. 

Zur Löfung darf man nun nicht allzuweit, wie Knoodt es 
mit Virtuofität in feiner Kategorienlehre beliebt, in das Revier 
der Etymologie feine Zuflucht nehmen, da findet das Denken 
feinen Schug. Der Begriff ‚That‘ ift eine Kategorie, aljo ein 
objectiver Verftandesbegriff und fteht mit den Kategorien Abſicht 
und Erfolg in der Mitte, und werben ſämmtliche drei von ben 
übergeorbneten Kategorien Mittel und Zwed umfaßt. Es ift Mar, 
daß bei Entftehung all dieſer Kategorien das Denken in ein Ber: 
hältniß zu Objectivem, Aeußeren getreten ift, und bieß im Handeln, 
gegenfäglich zur Function des Erfennens, zum Ausdrud gelangt. 
Da fragt es ſich fofort: Kann das Selbftbewußtfeygn dann noch 
eine That genannt werden, da es ein rein innerer Vorgang üt, 
von Thatjache gar nicht mehr zu reden? — Eine Menge von 
friſchen Fragen thun ſich hier auf und warten auf Löfungen. Wir 





Erfenntnißtheoretifce Streifzüge mit befonderer Rückſicht auf Günther. 53 





für unfere Perfon vermögen in einer Thatſache (mrußeßnxde) 
immer nur das Bufammengehen einer That des Denkens und 
einer Sache der Wahrnehmung, fubjective Thätigfeit fomit und 
objective Wirkſamkeit ald Elemente der Thatſache zu erkennen. 

Gehört nun das menſchliche Wiffen im Allgemeinen auch zur 
Glaffe des Thatſächlichen? Wir fagen unbedenklich: unanfehtbar 
nad jeder Seite hin. Zuvörderſt fcheint das noch mehrbeutig. 
Iſt hiebei das menschliche Wiffen als mögliches ober wirkliches, 
vollzogenes gemeint? Allein, da alles Forihen nad dem Wiſſen 
ſchon vom Anfange an auf der Vorausjegung eines mwenigftens 
möglichen Wiſſens beruht, und das mögliche Wiffen im thatjäch- 
lichen Forſchen jelbft zur Thatſache wird: fo ſcheint die Thatſache 
des menſchlichen Wiffens unabweisbar. Setzt man hinzu, daß im 
Zweifel wie im Läugnen in Bezug auf das Willen gleichmäßig 
dieſes immer zur Thatlächlichkeit fich erhebt: fo ſcheint jeder Ein- 
wand gegen das Willen behoben. Und doch muß hiebei zwiſchen 
Wiſſen und Wiſſen forgfältig unterfchieden werden. Das Wiſſen 
am Anfange jeden menſchlichen Forſchens ift noch das unreine, 
vom ‚barbarifchen Schlamme‘ noch nicht befreite, empirifche Wiſſen. 
Mag indeß diefer Grad des Wiffens noch fo tief ftehen, es ift 
doch ein wahres Wiffen, und deutet auf ein urfprüngliches, reines 
Wiſſen bin. Und diefes reine Vernunftwiffen ift die Grundlage 
alles menſchlichen Wiflens, mit der Vernunft felbft gegeben und 
Ziel alles menſchlichen Forſchens. Erſt wenn der Punkt und bie 
Tuelle des Wiſſens entdedt ift, kann die Wiflenihaft daraus 
principiel ſchöpfen und ein Syftem der Wiſſenſchaft ableiten. 

Alfo das Wiſſen eines jeden Menſchen it der leibhaftige 
Beweis von deſſen Thatiächlichkeit und daß fein Menſch im reinen 
Potenzzuftand verbleiben kann, dafür ift durch die Wirklichkeit des 
Ganzen gejorgt, wozu der Menſch weſentlich gehört. 

Iſt aber der thatfächliche Menfch der lebte und tieffte Grund 
der Thatſache des menſchlichen Wiffens: fo ift ein Trug weiterhin 
nicht mehr möglich. 

Von diefem feiten Punkte aus hat die philoſophiſche Unter: 
fuchung ihren Anfang zu nehmen, nicht als wäre derſelbe ihr 


54 Anton Koch: 





prineipium ober letzter Grund des Willens; und dieſen feſten 
Punkt hat fie analytifh bis zu feiner legten Borausfegung zu 
zergliedern: damit gelangt fie von der Thatſache des Willens 
zum Grunde des Wiſſens. — 

Das Nächſte, mas die Analytit ins Auge zu faflen hat, ift 
die Zerlegung des allgemeinen Inhalts des dem Menſchen ge: 
gebenen Willens; der allgemeinfte Inhalt aber des Wiſſens ift 
das Wiſſen ſelbſt. Denn nicht kann es fih am Anfange 
der Forſchung ſchon um ein befonderes Wiſſen handeln; dieſes 
kann erft bei der Ableitung vom allgemeinen und aus bem 
legten Grunde des Wiſſens fließenden Wiſſen erkennbar gemacht 
werben. 

Iſt das erfte Ergebniß, die Elemente des Wiſſens felbft auf: 
zufinden, fo kann das weitere Forſchen nur wieder auf die Vor: 
ausfegungen dieſer Elemente ausgehen und fo fort, bis man auf 
den legten, allgemeinen und vorausfegungslofen Grund des Willens 
gelangt ift. 

Aber ſchon die auf dem Wege zum legten Grunde des Willens 
begriffene Vernunft vermag aus den aufgefundenen Elementen des 
Wiflens den allgemeinen Vorgang bes Wiſſens begreiflih zu 
maden; ob nun der einzelne Wiffensact ji auf das Wiſſende 
ſelbſt (innere Anfhauung) oder auf ein Gemußtes außerhalb des 
Subjects bezieht, ift vorderhand noch gleichgiltig; der Vorgang 
des Willens kann nur aus feinen Elementen erklärt werden. Auch 
muß fi) diefer Vorgang einftellen, gleichviel ob das Wiſſen ſich 
auf ein unmittelbar Gegebenes bezieht (Anihauung), oder ob das- 
felbe aus Anſchauungen im Denten abgeleitet ift. 

Sind nun das Wiffen im Allgemeinen und deſſen Elemente 
klargeſtellt, fo fann man an die Erklärung der verfchiedenen Arten 
des Wiffens gehen. Das Nächitliegende wird jeyn, das Wiſſen in 
der äußeren Anfchauung Kar zu maden. Und bier greifen die 
intereffanteften, theils fpeculativen, theils phyſiologiſchen Unter- 
fuchungen Plag, und hier auch der Punkt, wo Philojophie und 
Naturwiſſenſchaft ihre verdienftlichiten Xeiftungen verwerthen können. 
Denn ift die äußere Anſchauung erklärt, ift e& auch die Empfindung 





Erkenntnißtheoretiſche Streifzüge mit befonderer Rückſicht auf Günther. 55 


und ift damit ein ungemeflenes piychifches Gebiet der menfchlichen 
Erkenntniß aufgefchloffen. — 

Es entipricht gang dem Gang der menſchlichen Entwidlung 
und dem Verlaufe feines Vorftellungsinhaltes, mit der äußeren 
Anfhauung zu beginnen und mit der inneren Anſchauung bie 
Unterfuhung des menſchlichen Wiffens mweiterzuführen. In diefem 
neuen Gebiete ergeben ſich fofort zwei Glaflen, die eigene Be 
Handlungen erfordern. Zur eriten gehört Selbftbewußtfeyn, zur 
zweiten bie Lehre von dem Entftehen und Wiffen der Gedanken— 
welt, diefes reihen Inhaltes, ber fi) um das eigene Seyn peris 
pheriſch anlagert und eines unendlichen Wachſens, ſowie reichſter 
Mammigfaltigkeit fähig ift. 

Mit beftimmter Abfiht haben wir den Gang gezeichnet, 
welchen eine gründlie Bewußtfeynstheorie zu machen hat, bis 
fie zur Selbftbewußtfeynstheorie fommen fann; nämlich um bar= 
zuthun, wie verkehrt und oberflächlich es ſeitens Günther’s war, 
mit der Selbftbewußtfeynslehre zu beginnen. Das Selbitbewußt- 
ſeyn ift ein Specialfall des Bewußtſeyns überhaupt und Tann 
ohne Erledigung des Lepteren nie mit Glüd angefaßt werden. 

Das wifjende Subject ift bei allen Acten des Willens das— 
ſelbe, wie beim Selbſtbewußtſeyn. Alſo kann ich das Subject im 
Letzteren gar nicht genügend beftimmen, wenn ich nicht vorher in 
eigener Unterfudung die Elemente des Wiflens und die Elemente 
(Zorausfegungen) dieſer Elemente erforicht habe. Ohne Kenntniß 
diefer Elemente kann ich ja gar fein Willen conftruieren, alfo auch 
nit das Willen von ſich felbft. Günther aber betont Savarefe 
gegenüber ausdrüdlih das Selbſtbewußtſeyn als Ausgangss 
punft, „Weil dieſes allein dem Geifte ala ſolchem eignet, der im 
Denten feiner jelbft ji als Seyenden findet“. Darin ift aber 
ein Doppeltes gänzlich überfehen. 1) Wie dem Geifte als ſolchem 
das Wiffen überhaupt eigne, und 2) daß wie, wen auch der Geiſt 
ſich zuerft zum Seyenden zu erheben hat, es doch noch ein weiter 
Weg ift, bis er zur Ertenntniß und zum Willen biefes eigenen 
Seyns gelangt. Der wirkliche Verlauf des menſchlichen Willens 
beginnt erfahrungsgemäß immer mit dem Wiffen eines äußeren, 


56 Anton Kod: 





fremden Seyns. — Bei diefen Mängeln im Erforſchen des An- 
fangs und des naturgemäßen Verlaufes des Wiffens konnte es gar 
nicht ausbleiben, daß Günther in ber Gonftruction des Selbit- 
bewußtfeyns verunglüden mußte. Knoodt betont es fehr ftark, daß 
fein Lehrmeifter in der Analyje des Ichgedankens den Gartefius 
übertroffen und verbefjert habe. Den Vortheil jedoch fönnen wir 
Günthern nicht zufprehen. So ungenügend auch das Ergebniß 
des Gartefius Hinfichtlih der Beftimmung des Inhaltes des Ich 
war, fo bat berfelbe doch mittelit Stepfis und Kritif wenigitens 
ben Verfuch gemacht, zuerft die Möglichkeit und Wirklichkeit Des 
Wiſſens überhaupt, für ſich wenigftens, zu entſcheiden. Wenn 
Gartefius ferner das auf negativem Wege gefundene eigene Seyn 
ala ein dentendes, alſo als Denkvermögen beftimmt, aus dem fort- 
während (mens semper cogitat) das Denken entfteigt, fo hat er 
zwar feine Forfhung auf halbem Wege ſtehen gelafien, da er nicht 
auf Unterfuhung der Elemente des fubjectiven Seyns ſich einließ, 
aber er hat damit auch noch nichts verdorben, während Günther 
in feiner Theorie entſchieden Ungenügendes und Unrichtiges zu 
Tage gefördert hat, was jicher nicht ala Verbefierung des Carteſius 
angejehen werben kann. 

Günther nimmt als Erftes und Urſprungliches vom Ih ein 
ganz unbeftimmtes, bemußtlojes potenzielles Seyn, weldes er ge- 
ſchaffen ſeyn — ohne uns je angeben zu können wie? — und 
durch äußeren Anftoß theils feitens Gottes, teils durch fremdes 
geihaffenes Seyn zur Differenzierung und Entwidlung gelangen 
läßt. Die Differenzierung felbft ift ihm bedingt durch zwei dem 
unbeftimmten Seyn immanente Kräfte: Neceptivität und Sponta- 
neität (Reactivität). Dadurch gelangt das potentielle Seyn zur 
Actualität, zu beftimmtem Seyn, zur Affirmation feiner Selbftheit 
und damit zum eigenen Seyn im Dafeyn. In der Rückwärts— 
conftruction oder Analyje des Selbitbewußtfegns nimmt er nun 
folgenden Gang. Obgleich das Object des Selbftbewußtieygns das 
Ich ift, fo ift dieſes doch nicht unmittelbares Object dieſes Wiſſens; 
denn als unmittelbar gegeben finden ſich in ber inneren Wahr- 
nehmung nur die Zuftände, Erſcheinungen bes Ich. Diefe find 


Erkenntnißtheoretiſche Streifzüge mit beionderer Rückficht auf Günther. 57 





aber Ergebniß eines doppelten Verhaltens desfelben, nämlich eines 
receptiven (paffiven) und eines fpontanen “factiven). Alfo find 
Neceptivität und Activität Kräfte und zugleich unmittelbares Object 
des Ich in der Selbftwahrnehmung. Das Ich ift deren gemein: 
james Princip, und in der Beziehung diefer beiden Kräfte bes 
IH auf das Ich als deren gemeinfames Princip vollzieht ſich der 
Ichgedanke. Alto ift das Ich vor diefem Wiſſensacte noch fein 
Ich, fondern ein bemwußtlofes, potentiellee, weder recipierendes 
noch reagierendes Seyn. — Dadurd glaubten Günther und feine 
Anhänger eine ganz einzigartige Entdedung in der Metaphyſik 
gemacht und das cartejianifche Cogito ergo sum erft unerjchütter- 
lich fundamentiert zu haben. — Weiterhin will dann Günther 
gegenüber Gartefius noch dadurd im Vortheile jeyn, daß er bas 
Selbſtbewußtſeyn auf einen metalogiichen (ideellen) Schluß gebaut 
habe, während der große Vorgänger das eigene Seyn in einer 
unmittelbaren Anſchauung zu bejigen vermeinte. Knoodt giebt bie 
Analyfe des Ichgedankens bündig gefaßt in folgender Form: Daß 
id) von mir weiß ... ift eine innere Thatſache; weiß id) von mir, 
fo beziehe ich Beftimmtes, nämlich ein uumittelbares Object meiner 
Wahrnehmung, auf mid; dadurch wird das mwahrnehmende Ich 
zum Subject, die wahrgenommenen Zuftände desjelben zum Object 
besfelben, und Beide find aufeinander bezogen. Das Subject 
erſcheint als reales Seyn, als Subftanz .und caufales Princip 
jeiner Zuftände, und Xebtere als Accidenzien, als formale Object. 
Das Selbſtbewußtſeyn itellt fi fomit heraus als Affirmation des 
eigenen Seyns im Daſeyn. — 

Da bei diejer Knoodt'ſchen Formulierung der Günther'ſchen 
Selbſtbewußtſeynslehre Ulrici mit einer Neihe von Einwänden 
einfällt, erfordert es ſchon bie diefem bewährten Denker ſchuldige 
Rüchſicht, auch davon Notiz zu nehmen, noch abgejehen davon, 
daß und ob wir daraus für unfere eigenen Ausftellungen einigen 
Nugen ziehen können. Knoodt fagt: Im Selbitbeiwußtfegns «Act 
unterſcheide ih an mir Denkfubject, Dentobject und Beider Be 
ziehung auf einander. Quod non! ruft Ulrici. Nicht mit dem 
Wiffen von mir ift diefe Unterſcheidung ſchon gegeben, ſondern 


58 Anton Kod: _ | 





umgefehrt, „mittelft dieſer Unterſcheidung gelange ih erft zum 
Wiffen von mir“ (l.c. S.102). Kein Anlaß wohl zu einer 
Gegenrede konnte Ulrici willlommener feyn, als der ihm bier 
gebotene, da ja befanntlih Ulrici mit befonderer Vorliebe jeine 
Definition vom Denken als einer unterjcheidenden, Unterſchiede 
erfennenden und jegenden Thätigfeit zur Geltung brachte und ale 
philoſophiſchen Publicationen gerade an dieſem Punkte ängſtlich 
prüfte, fo daß man Ulrici in feine Begrifisentdedung faſt wie 
verliebt anjehen durfte. Wir wiſſen, daß ber Ulrici'ſche Dent: 
begriff Vielen ftarf imponirt hat; uns fcheint diefer Begriff gleich⸗ 
wohl zu eng gefaßt; denn jedes Unterſchiedſetzen ſetzt immer ſchon 
etwas voraus, woran Unterſchiede gejeßt werden; Unterfchiede 
ferner werben durch jede Handlung ipso facto geſetzt, ohne daß 
dieſe ſchon eine Denk handlung jeyn müßte; denn jede Action 
hat eine Berfchiebung bisheriger Verhältniſſe und Beltimmung 
neuer zur Folge, welche ung hernach zur Anfhauung, Empfindung 
gebracht werben fünnen. In dieſer Beziehung erſcheint Ulrici's 
Definition wieder zu weit. Und beidenfalls hat ei das Denken 
nur nad feinen Wirkungen bejtummt, und was das Denfen an 
ſich ſeyn foll, uns viel zu wenig hervorgehoben. Wer aber das 
Denken beffer, ala in der formalen Logik und Pſychologie, er: 
kläten will, der muß darthun, nicht nur wie der Geift feine 
Erzeugniſſe hervorbringt, fondern auch, welche Mittel er befist, 
um fi ihrer bewußt zu werben. Und das hat Ulrici fo wenig 
darzulegen vermocht, als ber von ihm abgelehnte Knoodt. Wir 
geben aber Ulrici contra Knoodt vollfommen Recht darin, daß 
wir nur mittelft Unterſcheidung eines Subjectiven und Objectiven 
in der Wahrnehmung innerer eigener Zuftände zum Wiflen vom 
eigenen Ich gelangen fünnen — wozu freilich noch vieles Andere 
binzuzufommen hat. — Aber diejen Unterſcheidungsact hätte Knoodt 
in der Bezugſetzung Beider auf einander jelbft finden jollen, 
da nur Getrenntes eine Beziehung zu einander ermöglicht und in 
der Bezugiegung jelbit die Affirmation des Gegenfäglicen Liegt. 
Ein wichtiger Punkt, der Knoodt in einer auffallenden Unklarheit 
des Denkens betrifft. 


Ertenntniftheoretifdie Streifzüse mit befonderer Rückficht auf Günther. 59 





Benden wir uns vom eigenen Punkte weg zu einer Beurthei⸗ 
lung der fogar berühmten Günther'ſchen Bewußtiegnstheorie. An 
der Schwelle noch möchten wir ben gewiß beſcheidenen Wunſch 
ausfprechen, es möchten die Schüler eines Meifters in Darlegung 
von deſſen Gedanfen ſtets genauer und gewiſſenhafter verfahren, 
ala dieß der Güntherianer Weber vermocht hat. In feinem 
Günther Artikel (in Erſch Encycl. 1.c. S. 821) belehrt uns Weber 
zuerſt: Der Geift verhalte fi in feiner Bethätigung zuerft und 
uriprünglich receptiv (paſſiv); aber das reale Princip trete zu⸗ 
gleich gegen die aufgenommene Einwirkung in Reaction; und 
22 Zeilen unterhalb belehrt uns derfelbe Autor des Gegentheils, 
nämlih: „Das Princip (der beiden Kräfte) ift die in und an ſich 
jelber jeyende Einheit, welche durch die in und an ihr ſeyende 
Zweiheit der Kräfte bald recipierend, bald reagierend ſich er⸗ 
weit.” Offenbar eine gedanfenlofe Gedankenreproduction Weber's, 
welche nichts von dem Scharflinn verräth, den ihm jein Schul 
genoffe Melzer in jüngfter Schrift gegen Dubois Reymond zus 
traut! — 

Unfere eigenen Ausftellungen gegen die Güntherihe Selbit: 
bemußtfeynalehre find mehrfacher Art. 

1) Günther unterftellt zuerft alle inneren, empiriſch fich ein- 
findenden Zuftände des Ich der Kategorie der Dualität, unter: 
icheidet fie dann nad den Kategorien von Thun und Leiden, ganz 
wie Gartefius, woraus dann Neceptivität und Activität fich er: 
geben. Beide Kategorien mit Kräften ausgerüftet und fie fofort 
für real und wirfli ausgegeben zu haben, ift eine von der Er: 
fahrung eingegebene Zuthat, die der Philofoph nicht gerechtfertigt 
hat, die aber doch den Vortheil gewähren foll, daß logiſche Ver: 
hältniffe in objective wirkliche umgeſetzt erſcheinen. Allein das 
kann nicht über das begangene Unrecht hinweghelfen.. Wer mit 
bloß logiſchen Begriffen in eine Sache hineingeht, der fommt mit 
feinem realen Beſitze heraus, der hat die Wirklichkeit bloß geftreift. 
Die Kräfte find in das bloß logiſche Verhältniß von Activität und 
Paffivität rein eingefhmuggelt, und jie bleiben e& jo lange als ber 
Nachweis erbracht ift, wie diefe Kräfte aus gemeinjamer Kraftquelle 


60 Anton Hoc: 





entiprungen ſeyen. Daß aber ein Güntherianer die fraglichen 
zwei Kräfte aus anderen Kräften abzuleiten vermocht babe, kann 
nie behauptet werden. Ohne diefen Nachweis jind und bleiben 
biefelben leere Schemen! 

2) Neceptivität und Activität werden uns als die beiden 
Urkräfte und Urvermögen des Ich bingeftellt. (Eurifth. und 
Heracl.) Allein das können diefelben unmöglich ſeyn, da ihre 
gemeinfame Einheit ja jenes erfte, potentielle Seyn, folglich deren 
gemeinſchaftliches Vermögen ausmacht. Das aus einem er: 
mögen Gntftammende darf aber doch nicht mehr Lrvermögen 
genannt werben! — 

3) Was die Function der beiden Geifteöfräfte betrifft, io 
muß die Bethätigung derjelben, vermöge der Correlation von 
Thun und Leiden, ftets gleichzeitig feyn und Fönnen nur mehr 
ratione ordinis al& erfte und zweite Kraft unterſchieden werben: 
wie unrichtig in diefem Punkte Weber referierte, haben wir oben 
gejehen! — Allein wenn wir genauer in die Wirfungsweile der 
beiden angenommenen Kräfte uns hineindenten, fo können wir uns 
der Weberzeugung nicht verichliehen, daß Günther mit der An: 
nahme zweier Kräfte (Thätigfeiten wollen wir beſſer fagen) zu 
wenig und zu viel angenommen, folglih für die Sache fih 
eigentlich ganz vergeblich bemüht habe. — 

Bliden wir zuerft auf das Zuviel. Die Aufgabe, welche 
Günther ben beiden Thätigfeiten des Geiftes zuweiſt, und bie 
Art ihrer angegebenen Bethätigung kann und muß genau 
aud von einer einzigen Kraft geleiftet werden. Alles, was 
paffives Verhalten befundet, muß ebenfowohl und zugleich ein 
actives beobachten; das in Beidem Verſchiedene ift lediglich 
die Beziehung des Wirken Tarüber hätte Günther bei 
Gartefius (Pass. anim. I, 1) ausreichende Belehrung erholen 
können. Alle Erſcheinungen in den Nerventhätigfeiten thieriicher 
Organismen beweiſen, daß die Förperlichen. Organe den äußeren 
Einwirkungen gegenüber ebenfowohl activ wie paffiv ih 
verhalten; ebenjo die GErideinungen der Mechanik, der Ela: 
ftigität ac. 


Ertenntißtheoreti ſche Streifsüge mit beſonderer Rüdficht auf Günther. 61 





Wir vermögen auch nicht einzufehen, warum das potenzielle 
Seyn (Geift im Urftande) bloß wegen der Empfänglichkeit für 
äußere Eindrüde mit einer eigenen, ſog. receptiven, pajfiven 
Kraft ausgeftattet werden ſoll. Receptiv und paffiv ift ja das 
Vermögen felbft ſchon, vor aller Activität gedacht, und bedarf zur 
Aufnahme von fremden Beitimmungen gar feiner neuen Kraft; 
denn fonft bedürfte bie paſſive, veceptive Kraft wieder einer 
weiteren receptiven Kraft u.f.f. Was foll unter paffiver Kraft 
gedacht werden? Wohl nur eine nicht=active; aber dann ift ber 
Kraftbegriff völlig aufgehoben; kurz mit ſolch' leeren ſchematiſchen 
Beftimmungen fommen wir von einem Widerſpruch in einen 
‚anderen. 

Auch die reagierende Kraft ift bei Günther ganz empiriſch 
gefaßt, ihr Unterſchied von ber receptiven lange nicht genügend 
hervorgehoben, und von ihr fo wenig als von ber anderen bie 
Möglichkeit und Weife des Enthaltenfeyns im gemeinfamen Grunde, 
und weiter das Wie bes Hetvortretens aus biefem Grunde dar: 
gethan. Das ift unfere erfte Bemerkung über das Zumenig in 
der Günther’igen Annahme zweier Urkräfte. Diejelbe erſcheint 
gerechtfertigt dur die Erwägung, daß doch auch die receptive, 
paffive Kraft eine Activität entfalten muß um überhaupt nod 
Kraft zu ſeyn; eine Kraft aber, die bloß fich eine Beftimmung 
von Außen gefallen lafjeu muß, ift negativ gedacht, d. h. als Kraft 
negiert; denn infoweit die receptive Kraft beſtimmt, beeinflußt ift, 
wäre fie unwirkſam gemacht, und als Straft aufgehoben; um bieß 
eben zu vermeiden, muß die ſelbe Kraft, die im erften Momente 
paſſives Verhalten bewahrte, fofort, in einem zmeiten Moment, 
gegen den erhaltenen Einbrud reagieren und ihre Kräftigkeit, ihr 
Daſeyn ermeifen. Neceptivität und Neactivität wird aljo von 
einer einzigen Kraft bejorgt, und erſcheint eine zweite hiebei gänz⸗ 
lich überflüffig. Dieſer Mangel ift aber im Gunther'ſchen Syitem 
nicht gehoben. 

Wenn weiter aus dem realen, urſprünglich unbeftimmten 
Princip zwei Kräfte entipringen follen, fo müßte deren Enthalten: 
ſeyn in ihrem gemeinfamen Grunde doch irgendwie nachgewieſen 


62 . Anton Kod: 





werden; das vermochte Günther wieber nicht, weil er dieſes 
Princip einfah ex abrupto vor lauter Haß gegen alles Pan: 
theiſtiſche geſchaffen ſeyn läßt. In der Schöpfung aber gelangt, 
nad Günther's wunderbar hegelartiger Ausbrudsweile, ein for: 
maler Gedanke mit negativem Inhalte zur realen Bofition! — 
ober „die Creatur ift der verkehrte, contraponierte Gott“! (Vgl 
11. Brief d. ſpec. Vorſchule.) Es ift ganz ficher, daß fih Schopen: 
hauer an dieſer Stelle feines beliebten Ausbrudes: Hegelei! nicht 
hätte erwehren können. 

Das Zuwenig leuchtet aber aus folgender Betrachtung noch 
deutlicher ein. Um den unerfhöpflichen Reichthum, der im Grunde 
des Geiftes ruht, zur Hebung und Offenbarung zu bringen, wird 
der Geift in Verkehr mit fremden Agentien gedacht und dieſer 
Verkehr durch die bekannten zwei Kräfte vermittelt. — 

Nun behaupten wir, daß bie angenommenen Vermittler un- 
möglich ihrer zugebadhten Rolle gewachſen feyn können. So wenig 
der große Kant mit jeinen zwei Grundkräften (Attraction und 
Repulfion) eine vollftändige Conftruction der Materie zu erzielen 
vermochte, fo wenig kann Günther mit feinen zwei geiftigen Ele: 
menten auch nur eine einzige Vorftellung oder einen Gebanten 
begreiflih machen. Mit Günther’s Mitteln gelangt man höchſtens 
zu einer Neihe von Grenzpunkten, durch welche fi) der Geilt 
gegen die Außenwelt abſchließt. Weiter reicht das Vermögen nicht 
und traut man dieſem mehr zu, fo ift e8 Phantafie. Nehmen 
wir an, Günther hätte feine zwei geiftigen Kräfte gerechtfertigt 
und fihergeftellt -— was wir oben mit Grund anftritten — was 
läßt fih daraus mit Sicherheit machen? Jede derfelben muß un: 
enblih und frei ſeyn, in der Richtung ihres Wirkens verſchieden 
und durch gegenfeitige Bindung zur Ruhe, d. 5. zu einem be: 
flimmten Producte gebracht werden. Beide Kräfte, befler Thätig- 
feiten, müſſen aus ihrem Grunbe entfteigen und trotz ihres 
gegenfäglihen Verhaltens — wie beftimmbar zu beftimmend — 
zuſammenwirken. Denn würde die fog. receptive, ftets nad; Außen 
gerichtete Thätigkeit, zwar eine fremde Beltimmung aufnehmen, 
diefe aber von der jog. renctiven nicht jofort aufgehoben werden, 


Exfenntniftheoretifche Streifzüge mit befonderer Rückficht auf Günther. 63 





fo bliebe die freie receptive Tätigkeit beftimmt, und ihre Freiheit 
wäre quoad hoc verwirft. Dagegen wirft nun die teaftive und 
ſetzt die fremde Beftimmung gerade durch ihren Aufhebungsact 
als eigene in das eigene Seyn. Damit wäre die Freiheit 
gerettet und das Wirken der zwei Thätigfeiten zu Ende. Das 
Alles ſcheint conftruierbar. Aber felbft foweit reicht die Macht 
diefer zwei Elemente nicht. Denn fo erfichtlih die Nothwendigkeit 
des Zufammenmwirtens der beiden Thätigfeiten jeyn mag, man 
leitet diefelbe nur vom Effecte ab; anftatt daß man fie aus 
ihrem tieferen Grunde erklärt. Die zwei Thätigkeiten des Geiftes 
ſind zu einander gegenfäglih. Gegenſätze jchließen fich überall 
aus; in unferem Falle follen fie ſich zufammenfchließen, weil 
zufammenmwirken. Diefes Zufammengehen derſelben ift nun aus 
ihmen allein nicht begreiflich; aljo muß weiterhin ein Grund geſucht 
werben, um die Thatfache ihres Zufammenwirkens zu erflären. 
Diefen Grund findet Günther in einem Dritten; gut! — aber 
diefes Dritte ift ihm die beiden Kräften gemeinfame Einheit, 
der Grund felbft, indem er wohl dachte, was urjprünglic und im 
Grunde eins war, kann in ber Folge auch wieder eins werben 
und einheitlich wirken. — Aber dieſe Annahmen find falſch. Denn 
Günther vergaß, daß ihm bie Einigung der beiden Kräfte in ihrem 
differenzlofen Urzuftande ein Werk der Gottheit ift, ebenfo wie der 
erfte Anftoß der Differenzierung des potentiellen, geiftigen Seyne. 
Wenn aber dieſer geiftige Grund feine eigenen Differenzzuftände 
urſprimglich weder felbft vereinigen, noch jelbft auseinanderjegen 
tonnte, fo fann er auch aus fich ſelbſt die herbeigeführte Diffe- 
tenzierung nicht aufheben, alſo die beiden Kräfte zum Zuſammen⸗ 
wirken nicht beftimmen! Die Uebertragung biefes Vermittleramtes 
auf den urzuftändlicden Geift hat fomit Günther nicht gerecht 
fertigt. Er hat aud einen weiteren Umſtand nicht beachtet, der 
diefe Unmöglichkeit von noch anderer Seite darlegt. Sobald ber 
Gegenjag der zwei Urkräfte durch ihren gemeinfamen Grund (das 
bemwußtloje Nochnicht⸗Ich) vermittelt gedacht wird, wird auch diefes 
$rundvermögen — eigentlich Ururvermögen! — jelbft zum Rang 
einer den beiden anderen völlig gleichgeitellten, vermittelnben, 


64 Anton Hod: 





fgnthetiihen Thätigfeit erniedrigt, jeine Einbeit und Grundker: 
lichteit auigelöit — et ecce quasi una ex vobis facta sum! — 
Denn 85 iſt ſchlechterdings unbegreitlih, warum eine verbindende 
Toätigteit mehr als eine Thätigfeit jeyn foll; fie it, was jede 
der beiden anbern ift, nämlich Thätigfeit eines Zhätigen (Sub: 
jectes). Auf dieſe Dritte Thätigfeit als eine jelbjtändige, wie die 
beiden anderen, alio wird ©. hingedrängt; aber er hat jie über: 
fehen, wie jehr viele Andere aud. In dieiem Punkte der Specu⸗ 
lation iſt wirklich eine ſehr fühlbare Lücke zu fonftatieren, auf 
welche bis Schelling herab eigentlich fein Philoſoph mit Beſtimmi- 
heit hingewieſen Hat. Ein drittes, ſynthetiſches Clement bedari 
die Natur zu ihren Productionen ebenfo nothwendig, als der Geilt 
zur Production feines Seyns und jeiner Gedanten. Aus bloß 
zwei, überall längjt angenommenen Grundkräften läßt ſich fein 
Gebilde, Product hervorbringen; denn angenommen, daß fie ju: 
ſammenwirken, jo wäre die nächſte Folge, daß jie ſich in ihrem 
Wirfen gegenfeitig vernichten, denn beide Kräfte treten ja mit 
Aequipollenz einander gegenüber und der Effect ift offenbar Null! 
Alſo muß zur Entftehung eines beitimmten Productes (materiellen 
wie geiftigen), noch ein weiterer Factor eingeführt werden. Und 
diefem fann nur die Rolle der Vermittlung des Gegenjages ſowohl 
im Allgemeinen, als im Einzelnen zufallen. Damit ift eine Ab: 
ftufung von Gegenfägen ermöglicht und auf die Vielheit von Ver: 
bindungen der Gegenfäge ift die Vielheit und Verſchiedenheit der 
Dinge felbft gebaut. Und erft mit drei freien Tätigkeiten er: 
zeugt und beherrſcht das Subject fein ganzes Gebiet, der Geift fein 
unendlich mannigfaches Leben und vermag fich feine Gedankenwelt 
aud zum Bewußtſeyn zu bringen. 

Günther’s Principien vermögen dagegen weder überhaupt 
etwas, noch viel weniger eine Verſchiedenheit pſychiſcher Zuftände 
hervorzubringen. Ja, daß Günther die Vermittlung feiner Gegen: 
fäge ihrem gemeinfamem Principe überträgt, führt ihm zu einer 
endlofen Reihe von Wiberjprüchen, darum zum regressus in in- 
finitum. Soll das potentielle Seyn (Ur:3c) ſelbſt vermitteln 
zwiſchen jeinen beiden sträften, jo müßte es zur Aufnahme dieſes 


Erfenntnißtheoretifche Streifzüge mit befonderer Rüdfiht auf Günther. 65 





Gegenfages ſowohl receptiv als reactiv ſich verhalten, folglich 
ſchon differenziert feyn, was ſich nad Günther widerſpricht, und 
die Kraft des Widerſpruches wirkt auf das tiefer liegende Seyn 
nicht minder anregend, als jebweder äußere Einfluß; der neue 
Widerſpruch ruft aber fofort einen weiteren hervor e. a. i. inf. 
Wohl aus dem Grund ferner, weil Günther die Schöpfung 
der geiftigen Subftanz in feiner Weife erflären, alfo auch nicht 
darlegen konnte, wie feine zwei Kräfte in die Subftanz hinein- 
tamen und fi in ihr verhielten, konnte er uns auch nicht jagen, 
wie fie aus berfelben herausfommen. Wenn wir aud ben Be 
ſcheid erhalten, daß fie zum Theil als nothwendige Vorausfegung 
(nämlich Empfänglicfeit) für, zum Theil als nothwendige Folge 
von äußeren, fremden Einwirkungen hervortreten follen, wenn 
wir aud in dem Wirfen der Doppelkräfte eine Erſcheinung bes 
ihnen zu Grunde liegenden Seyns erbliden, und fie ala Acci— 
denzien des Ichs als ihrer Subftanz bezeichnet finden: fo ift dieß 
Alles noch feine zureichende wiſſenſchaftliche Antwort, wie wir fie 
verlangen müfen. Wir find weit entfernt, den Güntherianern es 
zu verargen, wenn fie in den mit Hegel'ſcher Virtuofität zufammen- 
geftellten, in treibenden Gegenſatz und zu verjöhnender Syn⸗ 
theſe gebrachten Begriffen und Gedanfenläufen einige überzeugende 
Beweiskraft erblidt haben. Aber heute find wir zu nahe mit der 
Wirklichkeit zufammengeführt worden, zu ſehr Realiften geworben, 
als daß wir die laute Sprache der berechnenden und meſſenden 
Beobachtungen überhören könnten. Und von biefem Standpuntte 
aus und auf Grund vertiefter Speculation müffen wir erklären, daß 
uns Günther über das wahre Verhältnig der Urkräfte des Geiftes 
zum Geifte nur nad logiſchen Schemen belehrt hat, und es uns 
noch nicht genügt, wenn er das Gaufalverhältniß auf fie anwendet; 
denn auch damit ift nur eine logifche Beftimmung gegeben, und 
was mit Begriffen angedeutet ift, hat fih, wie oben gezeigt, ala 
Unmöglichkeit herausgeftellt, da eine Subftanz mit ungenügender 
Kraft ausgerüftet nichts wirken kann. Knoodt bemüht fich eifrig, 
in dieſes Verhältniß befriedigende Klarheit zu bringen, da er in 
jeinem Commentar zu Günther’s Anti-Savareſe (S. 102) aus: 
Städeft. . Philoſ. u. philoſ. Kritit. 87. Do. 5 


66 Anton Kod: 





führt: „Das Subject ift das Denkende“, — mas beiläufig ebenfo 
nichtserflärend ift, wie die Ulrici'ſche Definition von Materie: 
„Das Erſcheinende in den Erſcheinungen“; oder eine andere, dad 
Gemüth jey das „Menſchliche im Menden“, — „welches ſich ſelbſt 
mit dem Worte Jh auszeichnet“ — wie? und warum? — „der 
Zahl nad) Eins, der Zeit nad beharrlich, ber Befchaffenheit 
nad) immer dasſelbe Identiſche, semper idem“. inwiefern das 
Subject, Ich, qualitativ semper idem fey, wäre noch befonders 
darzuthun geweſen, da doch eine beftändige Bereicherung des Ich⸗ 
Inhaltes in dem Ergebniß der Entwidlung liegen muß und 
Knoodt ficher fein Ich nicht jo todt und leer denken will, wie bie 
Kategorien, nad; welchen er es beftimmt, es zu machen fcheinen. 
Weber weiteres fich Widerfprechende, welches in dieſen kategoriſchen 
Beitimmungen gelegen ift, hat Ulrici in feiner Beſprechung des 
Anti: Savarefe (l.c. S.103) Genügendes gefagt. 

Endlich die Hauptfrage der Selbſtbewußtſeynslehre: wie kommt 
aus oben dargelegten Elementen das Selbftbewußtfegn zuftande? 
Wie entfteht daraus ein Bewußtfeyn? — Mit Recht wird da 
betont, daß im Selbftbewußtiegn das Subject und Object nicht 
identiſch ſeyn Tonnen und namentlich, daß das Ich nicht unmittel- 
bar fich .objectivieren, d. h. Object ſeyn kann,“) da es dadurch 
unvermeidlich zu einer Duplicität des Ich — Selbitzeugung — 
kommen müßte. Unmittelbares Object ift in diefem Acte vielmehr 
die Gejammtheit der inneren Zuftände, und das Ich ift und bleibt 
anſchauendes Subject, und vollzieht zugleich den Schluß von den 
Buftänden des Ich (als Wirkungen) auf das Ich (als Urſache) 
Dadurch wird Eines auf das Andere bezogen und die Infepara: 
bilität von Ich und Denken verbürgt. Wie entipringt bas 
Wiſſen von fih? Knoodt erklärt uns das aljo: In der Rüd: 
wirkung gegen empfangene Einwirkung liege das Selbftbewußtiegn. 
„Denn nur dadurch, daß ber Geift aus Veranlafjung der em: 


*) Bas übrigens ſchon die Scholaftiter wußten: Mens nostra non potest 

“ seipsam intelligero ita, quod seipsam immediate apprehendat. Ex hoc 

quod apprehendit alia, devonit in suam engnitionem. (Thom. Quaest. diep. 
d. verit. X, a. 8.) 


Erkenntnißtheoretiſche Streifzüge mit befonderer Rüdfiht auf Günther. 67 





pfangenen Einwirkung feine Selbftheit affirmiert, aljo ſpontan 
rückwirkt, ift er befähigt, fi aus dem Momente feiner Bethäti— 
gung ala felbitftändiges Seyn zurüdzunehmen und, das heißt, 
feiner felbft bewußt zu werden. Diefe ſchwerfällige Aus: 
legung wäre mohl nicht nöthig gewefen, wenn in ber Günther: 
ſchen Schäle eine gründliche Unterfuhung über das Wiſſen über- 
haupt, deflen Elemente insbefondere wäre gepflogen worden. Der 
Vorgang bes Selbſtbewußtſeyns, einfach wie er ift, läßt ſich auch 
in viel einfaderer Form darlegen und damit auch viel klarer. 
Aus Knoodt's obiger Verdeutlidung kann fein Menſch über das 
Bewußtſeyn klar werden; es ſpricht darin noch viel zu viel Hegel, 
der Meifter im Stile der Unverſtändlichkeit. 

Die menſchliche Vernunft ift bei allen ihren Bethätigungen 
im Wiſſen und Handeln das unveräußerlihe Subject; aljo liegt 
alles, was biefem objectiv werben fol, außer demſelben. Diejes 
Aeußere ift entweder ein Selbfthervorgebradhtes, oder ein non 
Außen Gegebenes. Daß das Object im Selbftbemußtiegn ein 
ſelbſthervorgebrachtes ſeyn muß, ift ſelbſtoerſtändlich; alfo muß 
dieſes Object aus den fubjectiven Elementen — welde ihrer nur 
drei ſeyn Zönnen — aus geiltigen Thätigfeiten, welde unauf: 
horlich dem giftigen Grunde und Vermögen entfteigen, gebildet 
jegn. Das erfte Gebilbe biefer Art, ein Product aus freien 
Thätigkeiten, ift das erfte Actuelle oder eigene Seyn bes Sub: 
jeets, welches vor dieſem Acte jein Seyn in einem Anderen hatte, 
alſo ein Accidenz war; jest wird es zur Subſtanz. Diefes Seyn 
nun ift das Object im Selbftbewußtfegn. Dasfelbe ift alfo eine 
aus eigenem Vermögen genommene, daraus verwirklichte Größe 
und als Subftanz unendlicher accidenteller Beftimmungen fähig. 
Daraus folgt, daß der Inhalt des Selbſtbewußtſeyns je nad 
Individuen bezw. deren Erfahrungen ein ſtets verſchiedener und 
ftets dem Wachsthum und der Veränderung unterworfen ſeyn muß. 
Aber damit, daß das eigene Seyn, ber fefte Punkt und Boden 
des Individuums, hergeftellt ift, ift es noch nicht als eigenes 
Seyn erfannt. Dazu bedarf es noch eines weiteren Actes ber 
Unterſcheidung vom fremden Seyn; und dieß ift nur möglich, 

5* 


68 Anton Kod: 





indem die Beftimmung des eigenen Seyns von Außen auf ihre 
Urſache zurüdgeführt — denn die Selbſtverwirklichung des menid: 
lichen Grundvermögens erfolgt ja ftet3 nur auf fremde Anregung, 
ala ihre Bedingung, aber nicht als ihre Urfahe, hin — und die 
vom Subjecte jelbft gefeßte (Gegen:) Beftimmung als eigene 
erfannt wird. Diefe Anfhauung kann aber nur in einem fpäteren 
Momente, durch die ftets nadfließende, anſchauende Thätigfeit, 
vollzogen werden. Die Einheit der fubjectiven Thätigkeiten ift 
hienach ftets Subject, deren Product ftets Object; und die 
unaufhörlih vom Subject (Vermögen) zum Object (Seyn) ftrömen: 
den Thätigfeiten vermitteln die Gegenfäge und bringen das Pro: 
duct dem Subject zur Anſchauung. Subject und Object find im 
Selbſtbewußtſeyn aljo ſtets von einander verfchieben. 

Daß im Selbftbewußtfeygn ein Subftanzielles und ein Acci- 
dentelles auftritt, kann feine Pſychologie verkennen; aber die Aus: 
ſcheidung deffen, mas hier dag Bleibende und was das Ver: 
änderliche ſey, ift felten gelungen und getroffen. Wird das 
Ih ala das im Vorftellungen, Empfindungen und Strebungen 
Begriffene und darin Wachſende gefaßt, fo ift in dieſer Auffaſſung 
Gutes und Schlechtes durdheinander geworfen. Manche Pfycho- 
logen finden das Ich lediglich in der Concentrierung und Ber: 
dichtung aller pſychiſchen Zuſtände, folglich nicht als freien Grund, 
fondern als nothwendiges Ergebniß; ein andermal finden wir das 
Selbſtbewußtſeyn aus einer, fein eigenes Dafeyn erfennenden und 
dieſes von allen anderen Dingen und Zuſtändlichkeiten unter 
ſcheidenden Thätigkeit erklärt. Ulrici ſucht zur Erflärung des 
in fteter Entwicklung begriffenen Wiffens incl. Selbftbewußtfegns 
nad einer den gefammten Inhalt unferes Willens bebingenden 
„eſſentiellen Grundkraft der Seele”, will alfo, wie er gerne 
gethan hat, ein noch Unbefanntes durch ein noch Unbefannteres 
befannt machen. — 

Die Selbftberußtfeynsfrage liegt ohne Zweifel noch im Argen 
und gegen mande vage Erklärungen können wir Günther wegen 
feiner Zerlegung der verſchiedenen Factoren, die er hierin verſucht, 
wenn aud; verfehlt hat, noch gerne in Schug nehmen. Eingehen: 


Erkenntnißtheoretiſche Streifzüge mit befonderer Rückſicht auf Günther. 69 





dere Behandlung unferer Frage müffen wir uns bier verjagen, 
nur eine abſchließende Andeutung gegenüber Günther jey noch am 
Plage. Schon daß man den Begriff des Ich bald auf eine ftarre 
Subftanz, bald auf eine ftets bewegliche Welt von pſychiſchen Vor: 
gängen bezog, beweiſt daß man nicht das Richtige getroffen. Auch 
bei Günther und Knoodt hat das Ich fortwährend ſchwankende 
Bedeutung, bald wird es für das Nochnicht-Ich, bald für das 
entwidelte, beftimmte Seyn gebraudt. In der That aber muß 
das volle, ganze Jh für Beides gelten. Ich ift nämlih das 
Kennzeihen der Perjonalität; darin liegt Subject: Object als 
Einheit, alfo Fürfichfegn. Von diefem Ich darf Beharrendes und 
Wechſelndes, Einheit und Vieleit, Identität und Verſchiedenheit, 
natürlich Jedes in anderer Beziehung, prädiciert werden. Ber- 
mögen und befjen theilweife Verwirklichungen (Seyn) paflen gleich 
zeitig auf das Ich, weil dieß Beides, umfaßt und das Weſen 
des menſchlichen Individuums ausmadht. 

Engftens mit der Selbſtbewußtſeynslehre Gunther's hängt 
feine Kategorienlehre zufammen. Denn das Selbftbemußt- 
ſeyn ift ihm die , Geburtsſtätte“ der Kategorien (Vorſch. 226). Die 
gegen Kant gerichtete fundamentale Unterſcheidung von begrifflichem 
Denken und ideellem (Begriff und dee) erweiſt ſich durch alle 
jeine Conſtructionen wirkſam. Er will durchweg ein auf den 
Seynsgrund, auf das Unbebingte hingehendes Denken, welches ſich 
von dem bloß Logifchen, ſchematiſchen himmelweit unterſcheidet, und 
daher dem formaliftifchen gegenüber als durchaus realiftifhes 
ſich geltend madt. Das ibeelle Denken ift nur dem Geifte vor: 
behalten, während die Natur in ihren höchſten Individuen nur zu 
ſchematiſchem Denken fi) erheben kann; in der Syntheſe beider 
Subftangen, im Menfchen find beide Denfweifen einander zus 
georpnet. Das philofophiihe Denken ift ſelbſtverſtändlich das 
ideelle; daher ift es auch ganz natürlich, daß Günther in feiner 
Speculation über das Selbftbewußtjegn der feiten Weberzeugung 
it, lauter ſachliche Beſtimmungen und Unterſchiede zu Tage ge: 
fördert zu haben, fo zwar, daß die hiebei auftretenden kategoriſchen 
Beſtimmungen, Kategorien, als „conftitutive Momente der Ich— 


70 Anton Kod: 





Fee” erſcheinen. Die Kategorieen werden hier auf einmal mit 
der Würde der Ideen befleidet, Kategorienlehre und Ideenlehre 
fallen hier zufammen. Mit diefer Neuerung hängt es ‘denn auch 
zufammen, daß der Kategorienlehre Günther's die Stelle dicht 
neben dem Selbftbewußtiegn angewieſen ift, und daß ſich Günther 
und Knoodt gegen jede Verſchiebung dieſes Verhältnifies heftig 
wehren. Wenn wir oben gleichwohl den Gunther'ſchen Tategori- 
ſchen Beftimmungen nur die Geltung leerer Schemen zuipraden 
— natürlich; ganz im flagranten Widerſpruch zu Günther —, fo 
ift hier der Ort für eigene Rechtfertigung. 

Unter Kategorien hat man denn doch bie ganze Philofophie 
herab etwas ganz anderes als unter den Ideen gedacht, und daher 
auch die Lehre Beider ftreng von einander gefondert. Günther 
verfchiebt die Lage der Anſchauung fo fehr, daß wir erklären 
möüffen: entweder haben die übrigen Philofophen außer Günther 
und Schülern nie eine Rategorienlehte bejeffen, oder er mit An- 
hang nie eine Ideenlehre. Sind wir ohne Kategorien, fo ift er ohne 
een. Die Stellung der Gunther'ſchen Philofophie kann darnach 
auch fo beftimmt werben: Iſt Günther u. |. w. alleiniger Pächter 
der Kategorien- und Ideenlehre, To haben alle anderen Philo- 
fophen überhaupt nie eine Metaphyſik gehabt;*) Günther ift der 
erfte und letzte Philoſoph. 

Gegen dieſes Urtheil müfjen wir denn doch ernfte Verwahrung 
einlegen, und begründen diejelbe wie folgt. 

Die Kraft und Weite des menſchlichen Denkens ift noch lange 
nit ausgemefien, wenn man dasfelbe auf Abftraction und auf 
concretes Denken einſchränkt. Es giebt noch ein Denfen in den 
een, welches offenbar feiner der beiden anderen Arten angehört. 
Zum biscurfiven, abftractiven Denken gefellt ſich das ibeelle, als 
abfchließendes und vollendendes. Das Ddiscurfive Denten bleibt 
bei der Wirklichfeit und fchreitet nach den logifchen Geiegen ab 
ober aufwärts auf der Leiter der Gaufalität, verfnüpft und trennt 
je nach gegebenen Gründen; das abftractive Denken erhebt ſich 





*) @üntherianer theilen underhohlen diefe Meinung mit ihrem Meiſter 





Extenntnißtheoretifche Streifzüge mit befonderer Rückſicht auf Günther. 71 





über das comeret Einzelne zu fchematifchen, allgemeinen Bor= 
ſtellungen und Formen; das ibeelle Denken endlich bringt bie 
Neihen bes discurfiven (empirifchen) und abftractiven Denkens 
unter ihre zufammenfaffende Einheit des legten, unbebingten 
Grundes. Diefe legte Aufgabe Tann aber dem Denken nur ge 
lingen, wenn es imftande ift, auf fpeculativem Wege zu ben Ele: 
menten ber Dinge und der Gedanken zu gelangen, das Verhältniß 
derfelben (fubjectiven und objectiven Elemente) aud) einheitlich zu 
beftimmen und ihre gemeinfame Einheit als den feiten Punkt aller 
Wirklichkeit aufzuzeigen und diefen Punkt als das unbedingte Seyn 
au beftimmen, fowie als Duelle alles bedingten Seyns erfennbar 
zu maden. 

Nun ſpricht Günther mit Betonung auch von einem ibeellen 
Denken, dem allein nur das ſchematiſche, begrifflihe Denken gegen: 
überfteht. Aber Günther’s ibeelles Denken ift in Wahrheit gar kein 
folhes, und kann ein ſolches ſchon deshalb nicht ſeyn, weil ſich 
Günther theils durch dogmatiſche Griffe, theils durch Mangel von 
auch nur halbwegs genügender Analytit den Weg: zum Unbebingten 
verjperrt hat. Bliden wir auf den enticheidenden Punkt, auf ben 
Webergang vom Bebingten zum Unbedingten. Das biesfeitige 
Sprungbrett ift ihm das Jh, von dieſem ab ſchwingt er fi mit 
den zwei Flügeln des Raufalitätsihluffes und der Kategorien über 
den befannten breiten Abgrund, das Grab vieler Denker, und 
freut fi} glüclicher Ankunft im Jenſeits, d. h. bei Gott. Günther 
und Schüler halten freilih biebei jede Täufhung für aus— 
geihloffen; denn die Realität des eigenen Ich ftehe doch im 
Selbſtbewußtſeyn feit und an dieſer Realität finden fi a) ala po⸗ 
ſitiv reale, kategoriſche Beitimmungen: Anſichſeyn, Anundfürfich- 
ſeyn und Füranderesjeyn; lauter Ergebnifje der Ich Analyfe, wie 
man ſich tröftet, folglich jo feft wie das Ich; — b) ala nega= 
tive, ebenſo kategoriſche Beftimmungen: Nichtabfolutheit (Bedingt- 
beit), apriorifhe Unbeftimmtheit und Beichränktheit. Die legteren, 
negativen Prädicate find nun Günther fpeciell die goldene Brüde 
zu Gott Hinüber. Won der Bedingtheit des eigenen Seyns x. 
wird zu feiner ſchlechthinnigen Bedingung zurüdgegangen und diefe 


72 Anton Kod: 


als Gott beftimmt. Er ift als allgemeinfte und oberfte Bedingung 
alles bedingten Seyns der Gott bes Geiftes und der Natur, Gott 
des Univerjums. In den weiteren Beitimmungen des Gottes: 
begriffes wirb Gott als perſönliches, weltſchöpferiſches Weſen auf: 
gefaßt und zur Gaufalität eines Nict-Abfoluten, zum Greater ge- 
macht. Es erhellt hier jofort, wie Günther Rechtes und Schlechtes 
aus alten Rüftlammern bervorgeholt hat. Ziehen wir aus ber 
Güntherfchen Vorftellungsreihe (Ideenreihe), melde Geift und 
Gott zufammenleiten, die Kategorien: Negation, Urſache, Subftanz 
— wozu natürlich aud die Gorrelate gehören — heraus, fo fält 
die ganze Verbindungsbrüde in Trümmern in den Abgrund. „Bei 
weſentlicher, d. 5. qualitativer Verſchiedenheit zwiichen den Sub: 
ſtanzen Geift und. Gott, jagt Günther Vorſch. Br. 12, ift die Vor: 
ſtellung des Abfoluten immer bedingt von der Selbfterfafiung bes 
Geiftes als einer Caufalität und Subftanz“ x. Aber wie ver: 
ſchafft fi denn Günther diefe Kategorien (Feen!) und: wie reiht: 
fertigt er fie? Er nimmt fie aus innerer Anſchauung gerade 
fo ohne Weiteres, wie er fie ganz empiriſch hineinträgt, wieder 
heraus. Bon einer principiellen Ableitung der Kategorien ift gar 
feine Rede — und Knoodt wird das in feinem Anti-Savareſe⸗ 
Commentar S. 125 in Tert und Note Geſchriebene doch nicht als 
Rechtfertigung anjehen wollen! ja es wird jeder Schein vom 
Begriffe der Kategorien vermißt; von dem Nachweiſe des Rechtes 
der Anwendung der Kategorien auf die Natur ift trog gegen- 
theiliger Verfiherung gar feine Rebe, denn das hierüber Hervor- 
gebrachte bejagt nur, daß man fo etwas wünſchte und brauchte, 
aber nicht, daß es über den mächtigen Riß des fatalen Subftangen- 
Dualismus und die doppelte Scheidewand der „qualitativen Ver: 
ſchiedenheit“ zwiſchen Geift — Gott und Geift — Natur hin— 
überreichte. 

Aus der Geſchichte der Kategorienlehre könnte man aber wiflen, 
daß Kategorien fein Spielzeug find, fondern ftrenge Formen, in 
welden fi die Elemente des reinen Denkens ſowie die Elemente 
der Natur bewegen müfjen, um Gedanken bezw. Dinge hervor: 
zubringen. Diefe Bewegungsformen find jomit offenbar ein Mitt: 











Erfenntnißtheoretifche Streifzüge mit befonderer Rückſicht auf Günther. 73 





leres zwiſchen dem Anfang von beiden Reihen und dem Ende 
ihres Wirkens in ihren Producten. Da nur im Werden und 
Hervorbringen die Bewegung ber Elemente ftatthat, fo ift 
klar, daß weber das Seyn, noch eines ihrer Producte zu ben 
Kategorien gehört, alſo auch nicht kategoriſch beftimmt werben 
darf. Eine nothwendige Forderung zu dieſem Nachweiſe ift aber 
eine durch gründliche Analyie geficherte Aufzeigung ber Elemente 
des Geiftes wie der Natur; die Anwendung der Kategorien vom 
Geifte auf die Natur iſt aber nur dann berechtigt und möglich, 
wenn weiterhin nachgewiefen ift die Identität der beiderfeitigen 
Elemente, da nur dann eingefehen werben kann, daß aud bie 
Formen und Gejege des Denkens und der Natur diejelben feyn 
müffen. Der Punkt, von dem aus „ber Urfprung ber Begriffe 
und bie Entftehung der Dinge mit einander fortſchreiten“, ift nad 
Trendelenburg der Ausgangspunkt der Rategorienlehre, und ſicher 
mit Recht. Doc von alledem findet ſich bei Günther ſoviel wie 
nichts; daher die Unordnung und Willtür in den abgeleiteten, 
d.h. aus dem Vorrath empiriſcher Begriffe herausgeholten Kate 
gorien — man vergleiche nur einmal das von Knoodt 1.c. S. 159 
gebotene Schema (Rategorientafel). — Halten aber Gunther's 
Kategorien nit ftand, jo fällt mit diefen alles Andere zufammen, 
wie ein menſchlicher Organismus, dem das Knochengerüſt aus: 
gelöft wurbe. Gunther's poftuliertes ibeelles Denken war eben in 
Wahrheit fein ſolches, weil, nicht bis zum legten Grund empor: 
reichendes. Dieſes Denken ruft nur: Herr, Herr! will aber den 
Willen feines Herrn nicht vollziehen; darum bleibt e8 auch ftehen, 
wo es ift und kann feine wirkliche Bereinigung mit dem An 
gerufenen finden. Indem dann Günther das Fehlende durch theo- 
logiſche Refultate ergänzen will, hat er den Boden der Philofophie 
nun völlig verlaffen und ift einem Flüchtlinge gleich geworben, der 
in Verzweiflung an feiner eigenen Philofophie feine Rettung nur 
noch in der Theologie, d.h. im Glauben fucht. Daher dieſes 
ſichtliche Naceilen und Nackonftruieren nad den dogmatiſchen 
Linien in Pantheismusbeftreitung, Incarnation und Trinität zc.; 
daher die Unficherheit in eigener Sache, bie fo groß ift, daß er 


74 Egon Zöller: 





vor lauter „qualitativ verfchiedenen Subftanzen“ gar nicht mehr 
weiß, wieviel er bereits beifammen hat; fonft würde er uns nicht 
Gott als dritte Subftanz (Vorſch. I, 116) infinuieren können, 
nachdem (x +1) Subftanzen bereits vorhanden, d.h. zugelafien 
find; würde Günther ernfthaft und konſequent philojophiert haben, 
dürfte er nicht die Frage, wie die verfchiedenen Subftanzen und 
deren qualitativen Unterfchiede entftanden feyen, philofophii um: 
gangen und mit dem „Willen Gottes“ vorlieb genommen haben, da 
ihm das „Wie” diefes Vorgangs „abermals nicht zu begreifen ift“ 
Gib. ©. 222). — Da Günther, fowie er über das Selbftbewuht: 
ſeyn aud nur einen Schritt hinausgeht, mit feinem Philofophieren 
ſchon auch zu Ende ift, fo wollen und können wir ihm auf feinen 
Wegen zur Natur, zum Menfchen, zum Göttlichen nicht mehr 
folgen, und das Wort Darwin neben das Wort Günther gar 
nicht mehr Binftellen. 

Günther, der feinen Zeitgenoffen ein völlig neues Licht an: 
zuzünden ſich berufen fühlte, ftand ſelbſt nicht auf der fpeculativen 
Höhe feiner Zeit. Unfere auf Wirklichkeitswiſſenſchaft ausgehende 
Zeitphilojophie wird die Ehrenrettungen der Güntherianer un: 
angetaftet lafjen, — aber auch von Günther felbft unberührt 
bleiben. 


Der ſchwediſche Philofoph Samuel Brubbe. 
Don . 
Egon Söller. 

Wenn jede Wiffenfchaft vom Leben ausgehen und dem Leben 
wieder zu gut kommen foll, fo gilt biefes in höchſtem Maße von 
der Philofophie. Das Weben und Schaffen in der unendlich 
weiten Natur, das Leben des Heinften Organisınus bie zur Thätig: 
keit des menschlichen Verftandes, jie joll alles umfaflen, alles ver: 
einen zu einem großen, fyftematiihen Gebäude. Indem fie in 
allem den Urgrund, die ewige Duelle ſucht, giebt fie diefem Ge: 
bäude erft das ewig-fihere Fundament. Nur in dieſer Auffaffung 
ift die Philofophie eine Lebendige Wiſſenſchaft, die Wiſſenſchaft, 





Der ſchwediſche Philofoph Samuel Grubbe. 75 


ohne welche all unſer Wiffen fih in taufende Stüde zerfplittern 
und unfer Leben fi) auflöfen würde. Erfüllt aber die Philo: 
fophie ihre Aufgabe, jo ift fie die gewaltige zufammenfaflende 
Kraft alles Lebens, der treibende Faktor in aller menſchlichen 
Kultur. Aber um diejes zu ſeyn, muß die PHilofophie ftetig ihre 
Wurzeln im friſch pulfirenden Leben treiben; ohme das Leben ver- 
teodnet fie zu einem abftraften, boftrinären Lehrgebäube, dem 
jeder Einfluß benommen ift umb daher auch aller innerer Werth 
fehlt. Nicht die Philoſophie an fi, ſondern das Leben lehrt uns 
den Werth jeder Philofopbie. 

Werfen wir einen Blid auf die Gedichte, fo fehen wir jeden 
Schritt, den die Kultur macht, bedingt und geleitet von ber je- 
weiligen Entwidelung ber Philofophie, ohne deren feften Halt fi 
Das Geiftesleben verirrt und das Sittenleben lodert. Gewiß kann 
die Philofophie als ftrenge Wiſſenſchaft nur einem Heinen Bruch 
theil der Menſchen verftändlich jeygn. Aber in ihren Ergebnifien, 
in ihrer praftifchen Anwendung foll fie ein Gemeingut aller denten- 
den Menſchen ſeyn. Nur dann übt fie jenen gewaltigen Einfluß 
auf Geiftes: und Sittenleben, wie es ihr als der höchſten aller 
Biffenihaften zukommt. 

Unter den verſchiedenen Nationen haben es vor allen bie 
Schweden verftanden, die Philofophie in dieſer praftifchen Be— 
deutung zu faflen. Anftatt die Philofophie als ein nur wenigen 
Eingeweihten verftändliches Geheimniß zu hüten, haben die Schweden 
dahin geftrebt, nit nur das gefammte Leben in die Philofophie 
aufzunehmen, jondern auch die Philojophie in ihren Ergebniffen 
den weiteften Kreifen zugänglich zu maden. . 

Es find vor allem drei große Geifter: Grubbe, Geijer und 
Boftröm, die die Philofophie in Schweden zu biefer Bedeutung 
emporhoben. Während Boftröm das Gebäude vollendete und auf 
feften Boden gründete, war es Grubbe, der das Heiligthum der 
Philoſophie den gebildeten Kreifen bes Volkes öffnete. Wenige 
Philoſophen haben wie Grubbe ebenjo das große Gebiet der 
Bhilofophie beherrſcht, wie es meifterhaft verftanden, die Ergebniffe 
der philoſophiſchen Forſchung in einer jo muftergültigen, ſchönen 





76 Egon Böller: 





und wohlthuenden Form wiederzugeben. Alle Schriften Grubbe's 
fpiegeln neben dem umfafjenden Denker einen ber ebelften und 
harmoniſchſten Charaktere wieder. 

Leider war es Grubbe nicht vergönnt, felbft die beften feiner 
philoſophiſchen Schriften herauszugeben. Man kann daher dem 
Profeſſor der Philofophie Arel Nybläus in Lund nur Dank 
wiflen, wenn er dieſe Arbeit übernommen hat und die eblen 
Lehren diefes Denker: zum Gemeingut des gebildeten Theiles 
feines Volles macht. Mit der kürzlich erſchienenen Zeñ hent hat 
Nybläus diefe mühſame Arbeit vollendet. — 

Wir Lönnen die Bedeutung diejer Werfe*) nicht Beier dar: 
legen als durch Wiedergabe eines Auffages, den Nybläus über 
Grubbe in einer Realencyclopädie veröffentlicht Hat. 

Samuel Grubbe, Univerfitätslehrer, Philoſoph und Minifter 
wurde am 19. Februar 1786 auf dem Eigenthum Segloraberg, 
in der Gemeinde Seglora, Elfsborgs-Län geboren und, da er 
feine Eltern früh verlor, von feinem Großvater, dem Kaufmann 
Joh. Schüg in Göteborg erzogen. Schon ala Kind zeichnete ſich 
Grubbe ſowohl duch eine ungewöhnliche geiftige Lebendigfeit wie 
aud durch jeinen Lerneifer und feine Auffaffungsgabe aus. In 
einem Alter von 13 Jahren trat er in das Göteborger Gymna- 
fium ein, welches er in weniger als drei Jahren abfolvirte. Im 
September 1802 ließ er ſich -ald Student auf der Univerfität 
upſala einſchreiben, wo er in gründlicher Weile die klaſſiſche Litte— 
ratur, Mathematif und Phyſik und vor allem Philoſophie ftudirte. 
Zugleih erwarb er ſich umfafjende Kenntnifje in der beutichen, 
franzöſiſchen und englifcher Wiſſenſchaft. 1806 wurde er als erfter 
zum Magifter der Philofophie und fpäter zum Docenten in theo- 
retiſcher Philofophie ernannt. (Man erzählt, daß ala Grubbe 

*) Samuel Grabbes Filosofiska skrifter i urval. Utgifna af Axel 
Nyblacus (och Reinhold Geijer). (Lund. Philip Lindstedts förlag): 

1) Praktieka Filosofiens historia I & II. Trenne delar. 10,25 kr. 
2) Filosofisk Sodelära. II & IV. Tränne delar. 9,00 kr. 
3) Fenomenologie eller om den sinliga orfarenheten. V. 4,50 kr. 


4) Untologie eller om det absoluta urräsendet. VI. 3,50 kr. 
"5) Det skönas och den aköna skonstens filosofi. VII. 5,25 kr. 





Der ſchwediſche Philofopk Samuel Grube. 77 





Abends fpät vom Feitballe nach Haufe zurüdtehrte, er noch längere 
Zeit in Plato las) Nah Höijer's Hinſcheiden (1812) wurde 
Grubbe Profeffor für Logit und Metaphyfit an der Univerfität 
Upfala. 1827 erhielt er nad) Biberg’3 Tod die Profeſſur in Ethik 
und Politik. Diefen Lehrftuhl befleidete er bis zum 10. Septbr. 
1840, an weldem Tage er in den föniglichen Staatsrath nad 
Stodholm einberufen wurde, in welchem er das Amt eines Chefs 
des Departements für geiftliche Angelegenheiten bis zum 29. Dez. 
1842 verwaltete. Im Jahre 1844 erhielt er feinen Abſchied mit 
Penſion, worauf er nach Upfala zurückkehrte. Dort verbrachte er 
in ber Ruhe des Privatlebens feine Tage bis zu feinem Tode 
am 6. Nov. 1853. — 

1824 und 1826 war Grubbe Mitglied der Komitees zur 
Revifion der Unterriätsanftalten. Bon 1834 bis 1835 vertrat er 
die Univerfität Upfala im Reichstage. 1829, 1830 und 1887 
wurde Grubbe Mitglied der verſchiedenen ſchwediſchen wiſſenſchaft⸗ 
lichen Afademieen. 

Grubbe zählt zu Schwedens ausgezeichnetften Denkern und 
nimmt feine Stelle an der Seite eines Höijer, Biherg, Geijer 
und Boftröm ein. Wohl kann Grubbe in Bezug auf wiſſenſchaft⸗ 
liche Originalität nicht mit Höijer und Boftröm verglichen werben. 
Doch hat man ihm fehr Unrecht gethan, wenn man behauptet hat, 
daß er ein Eklektiker wäre und 'jeine wiſſenſchaflliche Thätigkeit . 
nur in dem Bemühen beftände, die Meinungen Anderer mit ein 
ander auszugleihen. Auch hat Israel Hwaſſer, ein in biefer 
Hinſicht competenter Beurtheiler, in fginer beim Eintritt in bie 
ſchwediſche Akademie gehaltenen Rede, Grubbe vollftändig von einem 
folhen Eklektizismus freigeiprohen und geäußert, daß Grubbe 
unabhängig von den Parteien, welche ſich namentlid während 
Grubbe's Jugendzeit innerhalb der Wiſſenſchaft heftig befehdeten, 
feinen eigenen graben Weg ging. In der That beſaß Grubbe ein 
ganz bebeutendes Maß wiſſenſchaftlicher Driginalität. 

Nachdem Grubbe fih urſprunglich zu Schelling's Anſichten 
befannt hatte, firebte er, von feinem tiefen, ethiſch-religidſen 
Intereſſe ſowie von den Anregungen Jacobi's veranlaft, dahin · 


78 Egon Zöller: 





durch eine vollfommnere Ausbildung des ibenliftiichen Kerns bei 
Schelling, deſſen Pantheismus zu überwinden und den Idealismus 
zu einem ipelulativen Theisuus zu erheben. Wenn ihm dieſes 
auch nicht vollftändig glüdte, fo vorbereitete er body in den meiſten 
Punkten diejenige Weltanſchauung, welche fpäter von Boftröm auf: 
geftellt wurde. 

Mit einer Selbftändigfeit als philofophiicher Denker ver: 
einigte Grubbe eine umfaflende Gelehrjamfeit und eine reiche 
menſchliche Bildung, welde fih in allen feinen Schriften offen: 
bart, namentlich in feiner Bearbeitung ber Geſchichte der prafti- 
ſchen Philofophie und der Ethik ſowie in denjenigen Schriften, 
welche die NAefthetit behandeln Auch haben wenige Philofophen 
fol) ein ausgezeichnetes Darftellungsvermögen beſeſſen wie Grubbe. 
Dieſes zeigt ſich micht mur in ber meifterhaften Art und Weile, 
mit welder er jeden Gegenftand für feine Unterſuchung orbnet, 
ſondern aud in ber Einfachheit, Klarheit und Anmuth des Stiles, 
die mit wiſſenſchaftlicher Gedankenſchärfe und Gediegenheit innig 
gepaart find. Mit Recht äußerte daher Leopold über Grubbe: 
„Denn ih von gemillen Arbeiten, die man in heutiger Zeit 
Philoſophie zu nennen beliebt, zu irgend einer der Schriften 
Grubbe’3 übergehe, fo kommt es mir vor, ala ob ich von einer 
von Nebel und Jrrlichtern umgebenen Gegend zu einer Höhe 
gelangt jey, auf der ich frei athme und die Gegenftände klar 
ſehe.“ Jedoch darf nicht geläugnet werden, daß Grubbe's Stil 
bei allen Borzügen oft an einer überflüffigen Breite leidet; doch 
ift diefe Breite gewöhnlich nicht größer, ala daß man mit der: 
jelben bei der vollfommenen Deutlichleit, womit Grubbe feine 
Gedanken darzulegen verfteht, gern fürlieb nimmt. Was den 
Grubbe'ſchen Schriften jene’ große Anziehungskraft verleiht, find 
die tiefe Liebe zur Wahrheit, die aus allen Arbeiten bervor- 
leuchtet, der reine ungetrübte Blid für das Weſentliche in allen 
von ihm behandelten Gegenftänden, der edle, milde, anſpruchs 
lofe perſönliche Charakter, welcher ſich in ihnen abipiegelt, ſowie 
die innerlie von aller Leidenſchaft ungetrübte Ruhe, die ſich über 
alle lagert, 


Der ſchwediſche Philofoph Samuel Grubbe. 9 





Diefelben Eigenſchaften charakterifirten auch feine Vorlefungen. 
Obgleich er biefelben vollftändig ausarbeitete, jo ließ er ſich doch 
bei feinem Vortrag nicht duch das gefchriebene Wort binden. 
Seine Borlefungen übten einen großen Einfluß aus, der jedoch 
während ber legten Jahre feiner Lehrthätigfeit nachließ. 

Bedenkt man die Unermüblichfeit, womit Grubbe in feinem 
Berufe als Lehrer arbeitete, die Art und den Reichtum der 
Schriften, welche er hinterließ, fowie den Eifer, mit welchem er 
die ihm ertheilten öffentlichen Aufträge erfüllte, fo kann man 
nur dem Urtheile Hwaſſer's beipflichten, daß Grubbe einer ber 
treueften Arbeiter im Dienfte der Kultur war, den Schweden 
jemals bejefien hat. Trotzdem gab Grubbe nur einen geringen 
Theil feiner Schriften felbit heraus. Wären bie beften feiner 
Arbeiten ſchon zu Lebzeiten Grubbe’s erſchienen, jo würben die- 
jelben einen großen Einfluß auf die philofophifhe und die ge 
ſammte höhere Bildung Schwedens geübt haben. Dieſe Arbeiten 
würden gute Waffen zur Belämpfung vieler theild von außen 
eingeführten, theild aus dem eigenen Lande ſtammenden Irrlehren 
geliefert haben. 

Daß Grubbe zuerft ein entſchiedener Anhänger Schelling’s 
war, zeigt fi) deutlich in feinen zeitigeren Arbeiten: „Ueber 
die RNeflerion” und „Ueber die entgegengefegten Tendenzen im 
Menſchenleben“. In den fpäteren Schriften nimmt er bemjelben 
philoſophiſchen Standpunkt ein, wie Schelling in feinem jogenannten 
Identitäts ſyſtem. Doch fühlte ſich Grubbe bald mit diefem ftrengen 
Pantheismus unbefriedigt, und verfuchte, fi) zum Begriff eines 
perfönlichen Gottes zu erheben. Weber den Erfolg dieſes Ver— 
fudes und über den Werth und Gehalt bes jelbftändigen philo- 
ſophiſchen Syftems, welches Grubbe ſowohl in theoretifcher und 
praftifcher wie im äfthetiicher Hinficht ausbildete, legen eine Menge 
binterlaffener Schriften Zeugniß ab. Die wichtigſten derſelben 
find: 1) Phänomenologie, 2) Ontologie oder Unterfuhung über 
das abfolute Weſen, 3) Vorlefungen über die Naturphiloſophie 
und die Philofophie des Geiltes, 4) Vorleſungen über bie empi- 
riſche Piychologie, 5) Lehre über das Schöne und die Kunft, 


80 Egon Zöller: 





6) Geſchichte der praktiſchen Philofophie, 7) Ethik, 8) Philo- 
ſophiſche Rechts- und Geſellſchaftslehre. Erſter Theil 1839. und 
9) Ueber den Grund und das Weſen der bürgerlihen Strafmadt. 

Wie bemerkt, wurde Grubbe's Streben, den Pantheismus zu 
überwinden, von feinem tiefen praftifchen Intereffe veranlaßt. Die 
Beratung der Heiligkeit der moralifchen Verpflichtung führte 
ihn zu der Ueberzeugung, daß die Idee des „Sittli- Guten” 
ihre höchfte Bedeutung mur daburd erhält, daß fie zum göttlichen 
Weſen Hingeführt und als ein Ausdrud des heiligen Willens der 
Gottheit im menſchlichen Bewußtſeyn erfannt wird. Soll aber 
das göttlihe Weſen als Grund der Idee des Sittlich-Guten 
gedacht werben können, fo muß dieſes Weſen nothwendig den 
Charakter einer unendlichen moraliſchen Intelligenz haben, felbft 
ein lebender, perfönlicher Gott ſeyn. Es war fomit Grubbe's 
Aufgabe zu beweifen, daß die von der praktiſchen Vernunft geftellte 
Forderung der Perjönlicfeit Gottes mit ethiſchen Attributen nicht 
in Widerſpruch mit ber von ber theoretifhen Vernunft geftellten 
Forderung der Unenblichkeit Gottes fteht, oder mit anderen Worten, 
daß die Perfönlichkeit abfolut oder von den Einſchränkungen der 
menſchlichen Natur frei gedacht werden kann. Dieſe Aufgabe fucht 
Grubbe in feiner Ontologie zu löfen. Er zeigt nämlich in ber: 
derjelben, daß das Selbſtbewußtſeyn die Subftanz bes göttlichen 
Weſens ausmahen muß und die Annahme der Entwidelung diejes 
Selbſtbewußtſeyns durch eine Folge von Beitmomenten eine irrige 
ſey. Diefes Selbftbewußtjeyn muß ſowohl über die Einfchrän- 
tungen der Zeit wie auch des Raumes erhaben ſeyn. Einen 
pofitiven Beweis der Denkbarkeit einer ſolchen zeitlofen Intelligenz, 
deren ganzer Inhalt für diefelbe auf einmal gleihfam als ein 
einziger Akt des Selbſtbewußtſeyns und der Selbftbeftimmung 
gegeben ift, findet Grubbe in dem Begriff des reinen Selbft: 
bewußtſeyns. Aber gleichwie das reine Selbftbewußtfegn für 
Grubbe den Beweis der Denkharkeit von Gottes Erhabenheit über 
die Zeit liefert, fo giebt ihm auch derſelbe Begriff den Beweis 
der Denkbarkeit von Gottes Erhabenheit über den Gegenfat 
zwiſchen dem Objektiven und Subjeltiven, zwiſchen dem Reellen 


Der ſchwediſche Philofoph Samnel Brubbe. 81 





und Sbeellen, welcher für die endliche Intelligenz charakteriſtiſch 
ft. In dem reinen Selbftbewußtfeyn fallen nämlich das Ideelle 
und Reelle, das Willen und das Seyn, das Vernehmende (das 
Subjektive) und das, mas vernommen wirb (das Objektive) voll- 
ftänbig zufammen. Es liegt deßhalb fein Widerſpruch darin, fi 
ein Bewußtſeyn zu denken, mweldes feinen Inhalt volllommen 
durchdringt oder für welches alles Objektive zugleich ſubjektiv und 
alles Subjektive zugleich objektiv ift. 

Von der Ewigkeit, welche in des Wortes ftrenger und voller 
Bedeutung dem göttlichen Weſen zufommt, leitet Grubbe richtige 
Schlußfäge Hinfichtlih der Frage des Verhältniffes Gottes zum 
Menſchen und zum ganzen finnlihen Univerfum ab. Da nämlich 
das göttliche Weſen fich nicht durch eine Folge von Zeitmomenten 
entwidelt, jo kann die endliche Intelligenz nicht von Gott durch 
eine Schöpfung oder eine in die Zeit fallende Handlung erzeugt 
worden jeyn. Im Gegentheil muß man im Einklang mit ber 
platonifchen Vorftellungsweife annehmen, daß die endlihe Antelli- 
genz ihrem wahren Weſen nach betrachtet eine uriprüngliche ober 
ewige Idee bei Gott, ein Gedanken Gottes ift, welcher als ſolcher 
unmittelbar Realität befigt. Wenn man das Bilblihe in der 
Leibnitziſchen Ausdrudsweiſe abfondert, fo ift auch diefe Annahme 
— wie Grubbe hinzufügt — daſſelbe wie die Leibnigifhe Lehre, 
daß die endliche Intelligenz oder das, was er Monade nennt, eine 
FZulguration aus der unendlichen Monade oder Gott iſt. Daß bie 
endliche Intelligenz ſich felbft als ein zeitliches Weſen auffaßt, 
deſſen Eriftenz und Bewußtſeyn einen Anfang, einen Punkt bat, 
von welchem deſſen ganze Entwidelung ausgeht (ber allgemeine 
Menfchenverftand nennt diefen Punkt den Anfang unferes Lebens), 
diefes muß ein auf der Enblichfeit (dev Beſchränktheit) der end: 
lichen Intelligenz beruhende Vorftellungsweife, ein nothwendiges 
Gefeg für deren Bewußtſeyn ſeyn. Dieſes kann auch nur bie 
"Meinung des Kant'ſchen Sapes feyn, daß die Zeit die nothwendige 
Form des inneren Sinnes ausmacht. Dieſer Sag will nur aus: 
drüden, daß die endliche Intelligenz durch ihre Natur oder ihre 
Endlichkeit an das Geſetz gebunden ift, ihr eignes Benuätiegn als 

Ztfgeft. f. Philof. u. pbilof. Kritit. 87, Bd. 


82 Egon Bäller: 





ſich fucceffiv oder in einer Aufeinanderfolge von Zeitmomenten 
entwidelnd aufzufaffen. Aber ebenfo wie bie Zeit jomit eine 
Form oder eine Art und Weife für unfer menſchliches Vernehmen 
ift, welche mit unferer menſchlichen Beſchränktheit zuſammenhängt 
ober uns als ſinnliche Wefen angehört, ebenfo ift auch der Raum 
eine ſolche Form. 

Aus diefer idealiftiihen Anfiht von Zeit und Raum, deren 
Richtigkeit Grubbe duch die forgfältigften Unterfugungen bemeift, 
sieht er den Schlußfag, daß die ganze finnfiche ober die in Zeit 
und Raum befindliche Welt eine Zulammenfafjung gewifier für 
uns nothwendigen Erſcheinungen darſtellt. Dieſen legteren eine 
von uns unabhängige Eriftenz beizulegen, jo daß deren Dafeyn 
auch ohne die menſchliche Intelligenz und deren finnlihe Auf- 
faffungsformen gedacht werden Tönnten, haben wir fein Recht. 
Grubbe nimmt fomit eine doppelte Wirklichfeit an, nämlich eine 
überfinnliche, welde das eigentliche Weien ausmacht, und eine 
finnliche, welche eine auf der Endlichkeit des Menſchen beruhende 
Erſcheinumg des Ueberſinnlichen ift. Die überfinnfiche Wirklichkeit 
iſt dem Menſchen in feiner Vernunft und durch diefelbe, bie finn- 
liche dagegen durch jeine Sinmlileit gegeben. In der Beweis- 
führung über den nur phänomenellen Chavakter ber ſumlichen 
"Wirklichkeit geht Grubbe mit einer großen Genauigkeit und Sorg: 
falt zu Wege. Dieſer Beweisführung hat er eine feiner beften 
Arbeiten, feine „Bhänomenologie“ gemibmet. 

Grubbe's Unterfuchungen über den Begriff der überfinnlichen 
Wirklichkeit befigen bei Weitem nicht denjelben Umfang und die 
felbe Genauigkeit. Obgleich er gewiß nicht die überfinmlide Wirt: 
lichkeit als ein leeres Abſtraktum auffaßt, fondern als eine göft: 
liche Verfönlichkeit, welche urſprünglich oder ewig die Ideen ber 
endlichen Intelligenzen in fi enthält, fo hat er doch dieſe Ideen-⸗ 
lehre nicht näher ausgeführt. So viel erfieht man jedoch aus 
feinen, diefen Gegenftand betreffenden Yeußerungen, daß er jih 
diefe Ideen als individuell beftimmt und nicht als generelle 
Formen denkt, welche dur die Sinnlichkeit Individualität er: 
fangen. Grubbe behauptet nämlih, daß bie menſchliche Indivi- 





Der ſchwediſche Philofopk Samuel Grubbe. 83 


bualität nit aus phyſiſchen Urſachen und Verhältniſſen, ſondern 
nur aus dem göktlihen Weien und der bee erklärt werden 
tann, welche jedem Individuum von Gmwigfeit her in Gott zu 
Grunde liegt. 

Mit diefer rationell idealiſtiſchen Richtung der theoretifchen 
Philoſophie Grubbe's ftimmt jeine Ethik überein, in welder er 
einen bedeutenden Schritt über Kant hinaus macht. Obgleich 
Kant duch feine Widerlegung des Eubämonismus und die damit 
vereinigte Forderung ber Selbftändigleit des fittlichen Handelns 
im Verhältniß zu allem finnlihen, auf fein ganzes Zeitalter um⸗ 
geftaltend, bahnbrechend und neuſchaffend einwirkte, fo litt doch 
feine Ethil an weſentlichen Mängeln, welche ſich nit nur in 
der Beitimmung bes Verhältniffes der Sittlichkeit zur Neligion, 
ſondern aud in dem ganzen formaliftiien und negativen Cha- 
rakter zeigten, der feine Auffafjung des fittlihen Lebens kenn⸗ 
zeichnet. Dadurch daß Kant nicht urfprünglich die fittlihe Norm 
wit dem göttlichen Wejen verband, jegte er fi außer Stand, für 
die fittlihe Thätigkeit einen abfoluten Inhalt zu gewinnen und 
eine zufriebenftellende Erklärung des Charakters der Heiligkeit zu 
geben, mit welcher das Sittengejeg und bie moraliſche Verpflich- 
tung in unferem Bewußtſeyn auftreten. Weil Kant fich feinen 
tontveten (individuell beftimmten) Inhalt im Sittengejeg dachte, 
ſondern dieſes Gejeg nur ala die allen menſchlichen Individuen 
gemeinjame Form des vernünftigen Willens faßte, melde dem 
Menſchen gebietet, auf eine allgemeingültige Weife zu handeln 
ober fein Handeln dem Prinzip der Allgemeingültigfeit unter: 
zuordnen, fonnte er nicht vermeiben, bei einem ethiſchen Formalis- 
mus fiehen zu bleiben, mit welchem die negative Richtung in feiner 
Sittenlehre auf das Engfte zufommenhängt. Tu nämlid dem fitt- 
lichen ober vernünftigen Willen ein konkreter Inhalt fehlte, welcher 
durch des Willens Thätigfeit in die Sinnenwelt eingeführt und 
verwirklicht wurde, jo blieb für den Willen feine andre Aufgabe 
übrig, als alle finnliche Beftimmungsgründe von fi auszuſcheiden 
ober ſich von denſelben unberuhend zu halten. Diefe Mängel 
juchte Grubbe vor allem zu überwinden um dadurch den Grund 

6 





84° Egon Söller: 





zu einer pofitiv rationellen Eittenlehre zu legen. Es kann 
nicht geläugnet werden, daß Grubbe diefe Aufgabe wenn auch 
nicht volltommen, fo doch zu einem bedeutenden Theile löſte. Um 
für die fittliche Thätigfeit einen abfoluten Inhalt zu gewinnen 
und um den Charakter der Heiligkeit erflären zu können, mit dem 
das Sittengefep in unferem Bewußtſeyn auftritt, faßt Grubbe 
dieſes Geſetz als ein in uns gegebener Ausdrud des göttlichen 
Willens. Doch dachte er ſich diefen göttlichen Willen für des 
Menſchen eigenes Weſen nicht ala etwas Aeußeres oder Fremdes 
Vielmehr offenbart fi) grade in des Menſchen eigener, in. ber 
göttlicden Vernunft liegenden Idee und durch dieſe Idee die gött- 
liche Vernunft. Dadurch daß der Menſch den Forderungen feiner 
eigenen bee Folge leiftet, macht er fi zu einem Organ der Ver: 
wirflihung des göttlichen Willens in der Well. Da nun bes 
Menſchen Idee, nad Grubbe, nit nur ein leeres Ahftraftum, 
auch nit nur generell, fondern individuell beftimmt ift, fo muß 
das Sittengefeß, welches nichts anderes als des Menſchen eigene 
Idee und als ſolche das leitende Prinzip für feine freie Thätigfeit 
ift, einen konkreten Inhalt haben. Diefer konkrete Inhalt kann 
gewiß nicht vollftändig vom Begriff durchdrungen oder vollftändig 
durch irgend einen allgemeinen Grundfag dargeftellt werden (der 
Begriff erichöpft niemals das Individuelle feines Gegenftanbee). 
Aber diefem Mangel im Begriff wird durch das moralifhe Gefühl 
abgeholfen, in welchem die individuelle Seite der Idee zum Aus: 
drud gelangt. Gleichwie die fittliche Idee oder’ das Sittengejeg 
einen konkreten Inhalt hat, mit welchem bie Idee das Sinnliche 
durchdringen kann, fo ift andererſeits das Sinnliche jo beichaffen, 
daß dasſelbe von der Vernunft oder der Idee durchdrungen werben 
tann. Das Sinnliche ift nämlich kein fremdes Element für den 
Menſchen; dasfelbe ift nicht von außen gegeben, fondern hat jeinen 
Grund im Menſchen jelbft, weil dasfelbe eine von des Menichen 
Enblichfeit bedingte Erſcheinung der überſinnlichen Wirklichkeit it. 
Die fittliche Aufgabe befteht jomit, wie Grubbe äußert, nicht 
darin, die niedere oder jinnliche Natur zu unterbrüden — wie die 
Stoiter, Kant und Fichte lehrten — jondern in deren Veredlung 


Der ſchwediſche Philojoph Samuel Grubbe. 85 





und Umbildung zu einer freiwilligen Webereinftimmung mit ber 
Vernunft, foweit eine folhe möglich iſt. Alle Aeußerungen der 
niederen Natur müfjen zu Organen ber höheren, vernünftigen 
Natur umgebildet werden, jo daß diefelben ein harmoniſches, vom 
vernünftigen Willen belebtes, georbnetes und beherrſchies Ganze 
ausmachen. — 

Obgleich Grubbe durch dieje ethiſchen Grundgedanken deutlich 
über Kant und Fichte hinausgeht fowie einen pofitiv rationellen 
Standpunkt einnimmt, jo zeigt fih do, wenn man näher die 
Art und Weife unterfucht, wie Grubbe dieſe Grundgedanken ent 
widelt und auf ihnen ein ethifches Syſtem aufbaut, daß ver: 
ſchiedene wiſſenſchaftliche Schwierigkeiten auch für ihm ungelöft 
bleiben. So zeigt Grubbe unzweifelhaft in Folge feines Bes 
mühens den Zufammenhang zwiſchen Religion und Sittlichfeit 
geltend zu machen, eine gewiſſe Neigung, beide zu vermijchen. 
Auch vermochte er nicht mit hinreichender Klarheit den Unterſchied 
darzulegen, der zwiſchen Religion und Sittlichleit dem Begriffe 
nach befteht, obgleich diefelben in Wirklichkeit immer mit einander 
vereint ſeyn müſſen, ſodaß der fittlihe Menſch zugleich religiös 
und ber religiöfe fttlich feyn muß. Es war unvermeidlich, daß 
diefe Unklarheit auf Grubbe's ethiſche Anſchauungen einwirkte. 
Einen unvortheilhaften Einfluß übte auch Grubbe's unvollkommene 
Auffaffung des Verhältniſſes der Sittlickeit zum juridifchen Recht. 
Obgleich Grubbe behauptet, daß die fittliche Idee nicht ein for: 
melles und abftraftes Prinzip, fondern individuell beftimmt ift, 
und daß deren individuelle Seite im moraliſchen Gefühle eines 
jeden Menſchen zum Ausdrud gelangt, jo muß man doch zugeben, 
daß er in Folge der fehlenden metaphyſiſchen Entwidelung des 
Indivibualitätsbegriffes ſich nicht vollfommen von ber Neigung 
frei zu machen vermochte, bie fittliche Idee als etwas mehr oder 
weniger Allgemeines zu fafjen. . Hierzu kommt, daß er nicht mit 
hinreichender Schärfe, Klarheit und Vollftändigkeit die verſchiedenen 
Gefihtspunfte unterjcheidet, von welchen das fittlihe Leben be— 
trachtet werden muß, weßwegen auch Grubbe nicht dahin gelangte, 
eine volgültige wiſſenſchaftliche Organifation der Ethik zu geben. 


8 Egon Zdller: 





Weniger zufriedenftellenb wie Grubbe's Ethik ift feine Rechts: 
und Geſellſchaftslehre, in der Grubbe gewiß dahin firebte, 
fich über die herrſchende, niebere und unorganifhe Auffaffung 
des Weſens des Staates zu erheben; jedoch glädte ihm dieſer 
Verſuch nur unvolllommen. In feiner Rechts: und Geſellſchafts⸗ 
lehre ift der Anlap zu dem Grubbe gemachten Vorwurf einer 
„vermittelnden Tendenz“ zu ſuchen, den man mit Unrecht auf 
feine ganze Philofophie ausgedehnt hat. Befonders zeigt ſich dieſe 
Tendenz in feiner Straftheorie. 

Der allgemeine Charakter der Rechts: und Geſellſchaftslehre 
Grubbe's liegt in der Reaktion gegen gewiſſe Einfeitigleiten in der 
Fichte ſchen Staatslehre, auf deren Boden Grubbe mit der Mehr: 
zahl feiner philofophirenden Beitgenoffen ftand. Fichte Hatte die 
Beſtimmung des Staates darin gefunden, den Bürgern Rechte 
ficherheit oder Schu an Leben, Gliebern und Eigenthum zu ver: 
leihen, und in Webereinftimmung hiermit behauptet, daß der Staat 
fi nicht mit den höheren Intereſſen ober der geiftigen Kultur 
der Menſchen zu befaflen habe. In biefer Anſicht Fichte's findet 
Grubbe eine einfeitige juridiſche Auffaffung bes Weſens des 
Staates, welche er dadurch zu berichtigen fucht, daß er dem Staate 
gleichzeitig einen juridiſchen und einen ethifchen Zwed beilegt. 
Die Rechtsficherheit oder die Einführung und Aufrechthaltung 
eines gefiherten Rechtszuſtandes ift, wie Grubbe fagt, nur das 
negative Moment in der Idee des Staates; das poſitive (ethifche) 
Moment befteht in der Förderung der gefammten geiftigen Kultur 
und des materiellen Wohlftandes des Volkes. Wie zufrieden- 
ftellend auch diefe Auffaffung des Staatszwedes auf ben erflen 
Blick erſcheinen mag, fo Hält dieſelbe doch bei einer näheren 
Unterfuhung nit Stand. Bei einer folden zeigt ſich nämlich, 
daß ber Staat nit mehr als einen einzigen Zwed haben kann, 
der für ihm fpezififch eigen ift und welcher im Recht Liegt, ſoweit 
diefes von einem hinreichend weiten Geſichtspunkte aus gefakt 
wird.*) Der Staat darf gewiß nicht gleichgültig für irgend ein 

*) &8 muß bemerkt werben, daß Nybläuß die Auffafjung Grubbe's vom 
Stanbpunkte der Philoſophie Boſtrom's aus beurtheilt, welcher zuerſt bie prinaten 


Der ſchwediſche Philojohh Samuel Grubbe. 87 


vernünftiges, menſchliches Intereſſe ſeyn, ſondern muß vielmehr 
für die geiſtige und materielle Kultur, oder für die ſittlichen 
Interefien in deren ganzem Umſange wirken; aber biejes kann 
doch nit unmittelbar oder direkt, fondern nur indirekt durch bie 
Rechtsthätigkeit des Staates geichehen, mittelft welcher er alle dieſe 
Intereſſen zu fchügen und diefelben im fich zu einem harmonifchen 
Ganzen zu vereinen hat. Ebenſo wie Grubbe's Auffafjung des 
Staatögwedes ift auch feine Herleitung des Rechtsgeſetzes ober 
des Grundes der menſchlichen Rechte in dieſes Wortes juridifcher 
Bedeutung nicht zufriedenftelend, nach der man darunter die Ger 
währung einer gewifjen freien Thätigfeit verfteht, in welche nicht 
einzugreifen alle Mitmenſchen verpflichtet find. In Weberein- - 
ftimmung mit Fichte behauptet Grubbe, daß das Rechtsgeſetz nicht 
aus dem Gittengejeg hergeleitet werben kann — weil ber Kreis 
der Rechte ausgedehnter als ber der ethiſchen Pflichten ift —, 
fondern aus dem formellen Charakter ber praftijchen Thätigkeit 
ober aus dem Bewußtiegn des menſchlichen Individuums als 
eines freien, ſich felbft bejtimmenden und in Folge diefer Selbft- 
beitimmung hanbelnden Weſens erklärt werden muß. Doch kommt . 
Grubbe in Wirflicleit wieder zu der verworfenen Anficht, das 
Sittengefeb auch ala Grund ber juridiſchen Rechte bes Menſchen 
zu faflen, zurüd. Gr nimmt nämlich an, daß der Charakter ber 
Heiligkeit und Unverlegbarkeit, der allem Rechte zukommt, darauf 
beruht, daß das Recht eine Bedingung zur Erreihung der fitt- 
lichen Beltimmung des Menſchen ift. Im Grunde brüdt dieſes 
nichts anderes aus, ala daß mur diejenigen menſchlichen Gand- 
Lungen berechtigt find, welde mit des Menſchen ethiichen Pflichten 
zufammenfallen oder die zur Erreichung fittlicher Zwecke noth- 
wendig find. Aber menn dieſes der Fall ift, wie kann dann der 





Wufgaben des Volles von den publiten des Staates geſchieden Hat und ben 
Bioed des Staates — ben Boftrdm als eine Iebende Perfönlichteit auffaht — 
in der Wermirffichung des Rechtes oder Im der Erzielung einer vernünftigen 
Form fir die Thätigkeit der zum Staate gehbrenden privaten Berfönfichteiten 
findet. Seider If die Hochbebeutende Gtantölehre Boftrim’s in Deutjchland noch 
volrändig fremd. 


** Berericern 





Nreis der menichichen Redite aröker a!s der Umfang der eihiſchen 
Pñichten tem? 

Zu den vortreitlihiten Arbeiten Srubbe's gebört feine 1817 
und 1318 in der Handichriit verrakte Aeitbetif oder „Bor: 
leiungen über die TFhileiorbie des Schönen und ber ſchönen 
Künite*. Ter Wertb dieier Arbeit liegt nich nur in ber Ein: 
fachbeit und Klarheit der Taritellung, worin diefe Arbeit umüber: 
troñen daiteht, iondern vor allem in den feinen, jiheren und 
reifen Unteriuchungen der äitbetiihen Grundbegrüte, welche die: 
selbe enthält Durch dieie analutiibe Metbode, welche Grubbe 
anwendet, hat er es verfianden, ich frei von fonftruftiven Ber: 
irrungen zu halten, welche ji in io ausgezeichneten Darftellungen 
des älthetichen Syftems wie die Hegel’s und Vicher's zum Nach- 
theil derielben vorñnden. Durch ieine Arbeit hat Grubbe den 
Weg zu einer vollitändigen Erkenntniß der Wahrheit gebahnt, 
welche ipäter von Boitröm geltend gemacht wurbe, der Wahrheit 
nãmlich, daß die (abiofute) Periönlichkeit das äußerte Prinzip 
aller Schönheit ift. — 

Wir fönnen diefe kurze Wiedergabe der Charalteriſtik der 
philojophiichen Arbeiten Grubbe's nur mit dem Wunſche ſchließen, 
daß es dem Herauögeber dieſer Arbeiten, dem Profeſſor Aybläus 
gelingen möge, jein großes, in Bezug auf Formvollendung, Ge: 
diegenheit des Inhalts, Xebendigfeit und Treue der Wiedergabe 
einzig baftehendes nationales Werk über bie philoſophiſchen For: 
ſchungen in Schweden, beflen letzterſchienener Band Geijer be: 
handelt, durch Bearbeitung der philoſophiſchen Syfteme Biberg’s, 
Grubbe’s und vor allem Boftröm’s zu beenden. — 





Recenfionen. 
Nenere italieniihe Literatur. 

Rinnovamento e Filosofia internazionale, discorso di Pietro 
Sieiliani letto nella grando aula della R. Universitä di Bologna per l’inau- 
gurazione solenne degli studii il giorno V Novembre MDOCCLXXXMI. 
Seconda impressione. Bologna, Nicolo Zanichelli. 1884. 

Die Möglichfeit einer allgemeinen oder internationalen Art 


der Philofophie ift zur Zeit wohl ein mit den thatſächlichen Ver: 


Pietro Siciliani: Rinnovamento e Filosofia internasionale etc. 89 





hältniffen berjelben im europäiſchen Leben kaum volltommen zu 
vereinigendes Ideal. 

Eine Wiſſenſchaft von rein internationalem Charakter ift 3.8. 
die Mathematik. Die Philofophie aber hat bisher bei jedem ein- 
zelnen Volle, den Deutſchen, Engländern, Franzojen und Ita— 
lienern, doch immer einen beftimmten eigenthümlichen Typus ober 
Charakter gehabt. Auch die Italiener werben, wenn fie gleich jegt 
der übrigen europäifchen Philofophie in anerfennenswerthem Grabe 
Eingang bei fi) verftattet haben, doch ſchwerlich ſich ihres eigenen 
nationalen Charakters hierbei volltommen entkleiden können. Diefer 
Charakter ift immer ein ſpecifiſch ibealifirender geweſen, der fi 
auch in ber gegenwärtigen Schrift und ihrer Stellung zu jenem 
Ziele oder Probleme ausſpricht Dan möchte in Stalien gern 
wieder in der Philofophie ebenſo wie in der Politif fi den Ein: 
tritt in das übrige europäiiche Leben eröffnen und eine geadhtete 
Stellung in demfelben einzunehmen verſuchen. Diejes wird aber 
immer mur zugleih unter Bewahrung und Pflege der befonberen 
nationalen Eigenart gelingen fönnen. Wir halten den Begriff 
einer ſolchen internationalen Philofophie immerhin für eine Art 
von Traumbild, da das Denken der einzelnen Völker auf Grund 
ihrer befonderen Eigenart, Sprache und Cultur, bei aller wechſel⸗ 
feitigen Annäherung doch wie früher jo auch jegt noch ein charak⸗ 
teriftijch verſchiedenes iſt. Wie in der Poefie und Kunft, jo trägt 
auch hier in der Philofophie jedes Volk das Seinige zur Voll: 
ſtändigkeit bes allgemeinen geiftigen Gejammtbilbes ber Zeit bei. 
Es giebt auch bei uns wohl eine Art ober Richtung der Philofophie, 
welche an ber Forderung einer einzigen allgemein gültigen und 
erclufiv wiſſenſchaftlichen Methode und Form des philofophifchen 
Denkens fefthalten zu milffen glaubt. Wir fürdten jehr, daß ber 
Begriff diefer Methode dann bald mit bloßer literarhiſtoriſcher 
Kritit und beobachtender naturwiſſenſchaftlicher Phyfiologie zus 
jammenfallen mödjte. Die Bemerkungen des Verfaſſers über bie 
ganzen, jest überhaupt und zunädft in Stalien herrſchenden 
Richtungen der Philoſophie find im Ganzen wohl anzuerkennen 
und begründet. Der ganze frühere und bis jegt wenigftens unter 


90 Recenſionen. 


uns beſtehende Vegriff ber Philofophie if gegenwärtig wie cs 
ſcheint in einer Art von Auflöfung ober Zerjegung begriffen und 
man kann zur Zeit wohl kaum mehr von eigentlichen Syfkemen 
als vielmehr nur von verfcjiedenen allgemeinen Richtungen und 
mannichfaltigen Veſtrebungaverſuchen auf dem Gebiete der Phile- 
fophie reden. GEs giebt Hierfür ganz ebenjo wie bei unferen 
politiihen Parteien eine Anzahl von Benennungen ober allge: 
meinen Programmen, bie aber für ſich allein nod feinen feften 
und beftimmten Begriff oder Inhalt des philofophifchen Erienmens 
umfcließen. Der Verfafier entſcheidet fi für einen „kritiſchen 
Poſitivismus“ als Ausdrud des wahren Charakters der inter: 
nationalen Philofophie. Seine Darftellung der Entwidelung der 
neueren italieniſchen Philojophie aber läßt ihn, wie es fcheint, 
vergeffen ober doch überjehen, daß auch die allgemeine europäiſche 
Philoſophie einem beftimmten inneren Gefege ober Fortichritte ber 
Entwidelung unterliegt, indem er in ihr mehr nur einen bloßeu 
Compler und Kampf verfchiebener neben einander beſtehender 
Richtungen oder Arten des Beftrebens zu erbliden geneigt ift. 





L’uomo ed il bruto paragonati sotto l’ospetto psicologico 
metafisioo del Professore Angelo simoncelli. Drucker e 
Tedeschi. Verona, Libreria alla Minerva. Padova, Läbreris all Uni- 
versita. 1881. 


Die ganze Tendenz dieſes Buches ift gegen die neuere bar: 
winiftifch = moniftifche Lehre von ber Entwidelung bes Menſchen 
aus der niederen organifchen Form ober Stufe bes Xhierlebens 
gerichtet. Diefe ganze Theorie durch die einfache Hinweiſung auf 
die ſpecifiſchen Unterſchiede unſeres Serlenlebens vom thieriihen 
entkräften zu wollen wird wohl ſchwerlich als’ ein echt wiffenicheft- 
liches und vollkommen ausreichendes Verfahren arigejehen werden 
"Tonnen, Auch die Pfychologie wird doch immer gewiſſe Analogieen 
und Berührungspuncte mit den Seelenerfcheinungen des Thiereo 
anzuerfennen gemöthigt ſeyn. Die Beweile für jene Lehre find 
allerdings auch nit von einer durchaus unwiberleglichen und 
zwingenden Art. Bei uns in Deutſchland ift glücklicherweiſe das 


Simoncelli: L’uomoed il’bruto paragonati sotto ’ospetto psioologico metafisico. 9] 





zelotiſche Eifern gegen allen Darwinismus und feine Gonfequenzen 
allmählich verftummt. Cs wird hiermit auch in ber That nichts 
erreiht und es ift überhaupt vollfommen falfh, den ganzen 
Idealiamus ber menſchlichen Lebenzauffaffung und felbft die Mög- 
lichkeit einer eigentlicden Pfychologie von jener Frage irgendwie 


abhängig machen zu wollen. In dem vorliegenden Bude aber " 


wirb entſchieden über das ganze hierbei feftzuhaltende Ziel hinaus⸗ 
geiheflen. Man kann die Raturwiſſenſchaft ruhig gewähren laſſen 
ohne ſich durch ihre etwaigen Nefultate in der Fefthaltung bes 
höheren idealen Werthes des Menihen und ber Vorausfegungen 
einer jelbftfländigen Auffaſſung feines Seelenlebens beirren zu 
laſſen. Der Gedanke oder die Forderung der allgemeinen Menſchen⸗ 
liebe 3. B. ift ja vollftändig unabhängig von der ganzen Frage 
des realen Urfprunges und der Einheit oder Bielheit ber Ab- 
ftammung bes Menſchengeſchlechtes. Unſer Staliener fteht durch⸗ 
aus noch auf der Seite der rein geiftigen oder ſchlechthin idealen 
Anfiht vom Leben des Menſchen und kann von bier aus nicht 
ben Webergang zur Anerkennung ober Würdigung ber anderen 
realiſtiſchen Auffaffung deſſelben finden. Man kann unmöglich 
auch jegt noch an der Catteſianiſchen oder einer anderen ähnlichen 
Anficht von den Thieren als bloßen, des Vorftellungsvermögens 
entbehrenden rein phyſiſchen Eriftenzen fefthalten mollen. Das 
ganze Denken des Verfaſſers fteht noch unter dem Einfluffe der 
älteren ibealiftif—hen Tradition der italieniſchen Philofophie und 
ift bezeichnet durch das Streben mittelft gewiſſer, nicht vollfommen 
ausreichender Begriffe den ſpecifiſchen Unterſchied des Menſchen 
von allem anderen Natüurlichen feſtſtellen zu wollen. Außerdem 
if das Buch auch in einer weitſchichtigen und ſich über dieſe 
beftimmte Streitfrage hinaus in die allgemeine Metaphyſik er⸗ 
fixedenden Weile angelegt. Das Ganze zerfällt. in fünf Bücher, 
die aber durch feine befonderen Weberfchrikten harakterifirt find 
und fich aud ihrem Inhalte nad; nicht ſchorf und deutlich begrengen 
Es ſchimmert überall noch die Autorität des Thomas von A. ale 
Höchfter Quelle ber philoſophiſchen Weisheit hindurch. 


92 Recenfionen. 





L’Aristotelismo della Scolastica nella storia della Filo- 
sofia, studi eritici pel Prof. Salvatore Talamo. Terza edi- 
zione notevolmente accreseiuta. Siena. Typografia edit. 8. Bernardino. 
1881. - 


Diefes Werk ift bei aller feiner Gelehrſamkeit doch nicht frei 
von einer beftimmten, fi gern wieder an das Mittelalter und bie 
Scholaſtik anſchließenden Tendenz. Auch bei uns hat bie Scholaftif 
noch mindeftens auf katholiſcher Seite ihre Liebhaber und Ber: 
treter, 3. B. in Tilmanns Peſch in feinem Werke über die großen 
Welträthſel. Es wird in allem dem überall nur eine Art von 
pbilofophifch = reactionärer Liebhaberei erblidt werden bürfen. Es 
machen fi in der Philofophie wie auch fonft im Leben immer 
gewifle Strömungen geltend, welde auf irgend eine frühere Zeit 
oder Stufe zurüdzugreifen und diefe von Neuem für uns frudht: 
bar oder lebendig zu machen verſuchen. Auch ſelbſt das neuerliche 
Zurüdftreben auf Kant kann als eine ſolche reactionäre Richtung 
oder Strömung in Rüdfiht auf das, was weiter auf ihn gefolgt 
ift, angejehen werden. Diefe Neaclionen haben ihren Grund in 
den ſchwankenden Verhältniſſen und in ber ganzen Unficherheit 
und Unflarheit ‘des gegenwärtigen Zuftandes oder Charalters ber 
Philoſophie. Aus allem dem aber geht leicht immer eine beichräntte 
und irgendwie tendenziös gefärbte Auffaffung ſolcher früheren Stufen 
oder Formen der Philofophie hervor. Vom Standpunct unſerer 
Neulantianer wird faft Alles, was auf Kant weiter gefolgt ift, 
einfach ignorirt oder als nicht vorhanden angefehen. Etwas Aehn- 
liches ift auch der Fall bei jenen neueren Freunden, Verehrern 
ober Anhängern der Scholaftil. Die Scholaftit bildete gleichſam 
wohl eine eigene Welt des Vorftellens für fi}, die aber doch nur 
eine Einleitung und Durchgangeſtufe für ben weiteren Fortſchritt 
des neueren philofophifchen Denkens ſeyn fonnte. Wenn der Ver: 
faffer dieſes Buches insbefondere gern die Selbftitändigfeit Des 
Denkens der Gelehrten dieſer Zeit gegenüber der fonft ange 
nommenen ſtlaviſchen Abhängigkeit berjelben von der Tradition 
der antiken Philofophie betont, fo liegt dem doch wohl auch eine 
gewifle Weberfchägung und eingebilvete Verklärung des ganzen 
Werthes der Beftrebungen jener Zeit zum Grunde Cs fand 


S. Talamo: L’Aristotelismo della Scolaftica nella storia della Filosofia, 93 





freilich immer ein ernftes und tiefes Ringen mit den aufge 
nommenen Elementen des Denkens und ber geiftigen Weltbe— 
trachtung ſtatt, aber es bewegte ſich alles dieſes bod innerhalb 
einer Grenze oder in feftitehenden Formen und Kategorien, die 
der Geift der Zeit einmal nicht zu überfchreiten vermochte. Der 
fpätere, namentli vom Proteftantismus ausgehende Anfturm gegen 
die Scholaftit richtete fi naturgemäß aud mit gegen den von 
derfelben damals vorgehaltenen Schild des Namens und ber 

Autorität des NAriftoteles. Die Verzweigungen ber Lehre bes 

Ariftoteles mit der Scholaſtik nachzuweiſen ift ber eigentliche Zweck 

und das Ziel des gegenwärtigen Buches. Daß der Ariftoteles der 

Scholaftit nit durchaus der echte, wahre, eigentliche und volle 

Ariftoteles felbft war und daß die Webereinftimmung des ganzen 

gelehrten und fünftlihen Dogmatismus der Scholaftit jowohl mit 

dem Geifte des Ariftoteles als auch mit dem bes Chriftenthums 
doch eine ſehr beftimmte Schrante hatte, auf dieſes Alles wird 
bier jedenfalls zu wenig Nüdficht genommen und es tritt uns bie 

Scholaſtik hier doch überhaupt in einem Lichte entgegen, bas nicht 

vollfommen ihrem wahren Charakter ala einer an beftimmte 

gegebene Zeitverhältniffe gebundenen hiftoriihen Erſcheinung ent- 
spricht. 

Storia o dottrina del Criticismo, cenni del Dott. Giovanni 
Vesea. (N critieismo e la distruziono della filosofia trascendente e la 
boae della filosofia positiva. Riehl) Drucker e Tedeschi. Verona, libre- 
ria alla Minerva. Padova. libreria all’ Universitä. 1884. 

Der Begriff des Kriticismus oder der kritiſchen Art und 
Richtung der Philofophie wird hier in einem etwas ausgebehnteren 
Sinne gebraucht als diejes früher und namentlich bei Kant jelbft, 
ber benfelben gleichſam ausfchließend als eine techniſche Bezeichnung 
jeines eigenen Syftemes oder feiner eigenen Stellung zur Philo- 
Sophie für fich in Anſpruch nahm, gewöhnlich war. Es ift wahr, 
daß Stant fowohl Vorgänger als auch Nachfolger in dem ganzen 
Beitreben einer kritiſchen Unterfudung der ganzen Grundlagen 
und Bedingungen aller vernünftigen ober philoſophiſchen Erkennt: 
niß ber Welt gehabt hat. In diefem Sinne fällt aber allerdings 


94 i Becenfionen. 

der Husbrud bes Kriticismus weſentlich mit dem jegt gebräuchlichen 
Ausdrude der Erfenntmißtheorie unter Ausſchluß aller eigentlich 
idealiſtiſch⸗ dogmatiſchen Lehren zufammen. ebenfalls aber gilt 
Kant immer als der Hauptvertreter biefer ganzen Seite ober 
Richtung der Philoſophie. Die Annahme ober Feitftellung eines 
beftimmten a priori der Vernunft war tiberall das euticheibende 
Moment und Reſultat der ganzen Eritiich = philofophifchen - Unter: 
fuhung Kants. Wir können es nicht gerabe für einen Gewinn 
und Vortheil zur Aufllärung der ganzen hifterifchen Verhältniſſe 
der Philoſophie anfehen, wenn namentlich bie beiden Begriffe bes 
Stepticismus und bes Kritiismus in dem Sinne, wie fie von 
Nant feitgeitellt worden waren, einfadh zu verſchmelzen und an 
einander abgufchleifen verjucht werden. Das Hervorragende und 
Eigenthiunliche gevade der Kantiſchen Lehre ala des echten und 
seinen ober durchſchlagenden und eine ganze neue Epoche in ber 
Bhilofophie begründenden Kriticisinus wird hierdurch in einer nicht 
durchaus zu vehtfertigenden Weife verbunfelt. Auch der Verfaſſer 
biefes Werkes gelangt zulegt zu einer Lehre, bie wir richtiger als 
einen Skepticismus wie als einen Kriticisimus bezeichnen möchten, 
indem biefelbe doch weſentlich nur in einer befämpfenden Zerftörung 
des Scheine und ber Vorausfegungen aller metaphufiichen Er: 
kenntniß befteht. Der hiſtoriſche Theil bezieht ſich insbejondere 
auf die Lehren von Lode, Hume, Kant, jo wie auf die wichtigften 
Vertreter bes deutſchen Neufantieismms und bie neueren Lehren 
der Engländer. Wir erkennen bereitwillig die gründliche Analyie 
amd Beurteilung aller dieſer Lehren an, die gegenwärtig ja im 
Algemeinen die herrſchende Art und Richtung ber'neueren Philo- 
jophie bilden ohne dod in diefem ganzen Begriff des Kriticiamus 
ben ber Verfaffer immerhin in einer felbftitändigen Weiſe aufzu- 
fafjen verfucht, etwas Anderes als einen zur Zeit nur ungureiden: 
ben Erjag für weitere höhere und inhaltreich pofitive Ziele des 
philoſophiſchen Exkennens erbliden zu können. 





Tl Teismo filosofico cristiano teoricamente e storicamente 
considerato con ispeciale riguardo a 8. Tommaso e al Teis- 
mo italiana del secolo XIX per Pasquale d’Eroole. Pro- 


Pasquale d’Ercole: I Teimno filosofia cristiano etc. 9 





fessore ordinario di filosofia nell’ Universitä di Torina 
Parte prima, le oontraddizioni e le infondate dimostrazioni del Teismo. « 
Torino, Ermanno Loescher, Firenze via Tornabeoni, 20. Roma via del 
Corso, 307. 1884. 


Der Gotteabegriff im Sinne des Chriftentbums hat von An- 
fang an das höchſte Ziel oder den Hauptgegenſtand aller philo⸗ 
ſophiſchen Speculation der neueren Zeit gebildet. Den Sa vom 
Dafein Gottes zu beweiſen erſchien eine Zeit lang überall als die 
erfte und wichtigfte Aufgabe der Philofophie. Die ganze Stellung 
aur Gottesfrage ift jedenfalls eine der bebeutungsvollftien Seiten 
in der Geſchichte der meueren Philojephie. Die eigene Stellung 
des Verfafiers bes gegenwärtigen Werkes zu dieſer Frage ericheint 
ſchon im Voraus in einer beftimmten Weife dadurch bedingt, daß 
er fi jelöft zu den Anhängern und Bertretern ber Hegel'ſchen 
Philoſophie in Italien zählt. Nach den formalen Vorausfegungen 
der Hegel’fchen Schule mußten an fich die Gegenjäge von Theis: 
mus und Pantheismus in eine höhere Einheit aufzuheben verfucht 
werben. Der reine Theismus als folder galt hiernach überhaupt 
als ein wiſſenſchaftlich falfcher und unhaltharer Standpunct. Diefer 
ganze Stanbpunct unterliegt daher auch Hier einer verwerfenben 
Kritit ſowohl rüdfichtlig feiner Begründung ale auch feiner 
weiteren Berzweigungen und Gonfequenzen. Dieje Kritik gipfelt 
zulegt in ven Sägen, daß der philoſophiſche Theismus aller Be- 
weife für das Prinzip feiner Lehre entbehre und daß biejes Prinzip 
ſowohl mit fi} felbft als auch mit der ganzen übrigen Wirklichkeit 
in einem unvereinbaren Widerſpruch ſtehe. Der Weg ben ber 
Verfaſſer bis zu diefem Abſchluſſe des erſten Bandes feines Werkes 
geht, führt durch eine längere Reihe einzelner Fragen und Unter 
ſuchungen hindurch. Es darf aber hier überhaupt als eine Eigen- 
thumlichleit der neueren philoſophiſchen Literatur Italiens bezeichnet 
werben, daß, abgejehen von einer gewiſſen mehr als nothwendigen 
Ausführlichleit der Darftellung, auch in ber Fülle des gebotenen 
und behandelten wiſſenſchaftlichen Stoffes oft eine gewiſſe feite und 
ſichere Selbftbeichräntung vermißt werben möchte. Es fol uns 
überall ſogleich ein umfaflendes Geſammtbild der ganzen wiflen- 
ſchaftlichen Weltanſchauung des Verfaflers gegeben merben oder es 


96 Aecenfionen. 





ſcheint fo ala ob jeder Autor in feinem Buche mit einem Wale 
die ganzen Fragen der Philofophie behandeln und erledigen wollte. 
Das vorliegende Werk enthält namentlich nächſt einer Ueberjicht 
über die philoſophiſchen Prinzipien des Theismus jpeciellere Be: 
trachtungen über die Metaphyſik, Logik, Kosmologie, Pſychologie 
und Ethik im Sinne oder vom Standpuncte des Theismus. Ein 
ftreng gefchictliher Faden in der Darlegung und Kritik aller 
einzelnen hierauf bezüglicden Lehren ift nicht fefigehalten. Wir 
Deutſchen find in der Regel gewohnt, das hiſtoriſch-kritiſche und 
das ſyſtematiſch⸗ dogmatiſche Element in allen folhen Unter: 
fuchungen beftimmter auseinandertreten zu laffen ala es bier für 
gewöhnlich geſchieht. Die beiden Standpuncte der Philoſophie 
und der Religion in biefer Frage aber werden von dem Verfaſſer 
beftimmt von einander unterſchieden. Wir halten dieſes an ih 
auch namentlid) gegenüber den neueren Verſuchen den chriſtlichen 
Theismus durch bubdhaifirende Neligionsphilofophie zu einem jo- 
genannten konkreten Monismus u. dgl. fortbilden zu wollen für 
das allein Richtige, wenn aud die ganze Frage nach dem wirt: 
lien und wahren Verhältniß der Philofophie zur Religion hier: 
mit noch nicht endgültig erledigt feyn möchte. Jedenfalls kann dem 
Fleiß und der Sorgfalt des Verfaſſers in der Verfolgung jeines 
weit ausgedehnten Stoffes die verdiente Anerkennung nicht verfagt 
werben. 


G. Vadalo Papale Darwinismo naturale o Darwinismo soci- 
ale. Schizzi di seienzia sociale. (Hoc eratin votis) Roma. Torino. 
Firenze. Ermanno Loescher. 1883. 

Wenn es ein Vorzug eines Buches ift von einem einzigen 
alles ihm Verwandte in fich hereinziehenden und alles Abweichende 
oder Fremde nieberreißenden Grundgedanken beherricht zu werden, 
fo kann diefer Vorzug der vorliegenden begeifterten Durchführung 
ber Darwin'ſchen Lehre gewiß nicht beftritten werden. Es giebt 
feine andere Wahrheit außer Darwin und Darwin ift der größte 
Prophet aller Jahrhunderte, mit welchem eine vollftänbig neue 
Epoche der Philofophie und der wiſſenſchaftlichen Weltanfchauung 
ihren Anfang nimmt. Das Naturleben jegt fich einfach fort in 





Carlo Cantoni: Emanuele Kant. 97 


der Geſchichte ober in der menſchlichen Geſellſchaft und es find 
die bier wirkenden Urſachen und Kräfte nicht von fpecifiich anderer 
Art ald dort. Es ift diefes diejenige allgemeine Weltanficht, die 
fonft wohl auch der Monismus genannt wird und welde von 
Darwin nicht ſowohl begründet als nur mit gewifjen neuen Me: 
thoden und wiſſenſchaftlichen Hilfsmitteln ausgeftattet worden iſt. 
Alle Philofophie fällt dem Verfaſſer einfach mit der Erlenntniß 
der unmittelbar wirkenden Naturgefege zufammen. Es herrſcht 
anſcheinend in biefer ganzen Weltauffaffung eine ftrenge und conſe⸗ 
quente, alle Borausfegungen der Freiheit und bes fittlichen Spealiss 
mus aufhebende Logik. Der Berfafler ift ein Fanatiker des von 
ihm erfaßten Gedankens der abjoluten alles Weitere zugleich ale 
Gonfequenz mit in fi einfhließenden und durch ihre Analogie 
bebingenden Naturwiſſenſchaft. Wenn Gonfequenz die einzige Tugend 
der Wiſſenſchaft wäre, jo würde an der Vollkommenheit diefer Anficht 
nichts auszufegen feyn. Auch der Monismus Spinoyas aber und der⸗ 
jenige Hegels war an fi in gleihem Grade in ſich geſchloſſen und 
confequent. Die Welt aber hat überall noch andere Seiten der 
moglichen und berechtigten Auffafjung ihres Inhaltes an fi als 
wie fie in dem Gedanken biefer flarren und einfeitigen moniſtiſchen 
Auffaſſungsweiſe liegen. Der beredte Scharffinn bes Berfaffers 
in ber Webertragung feiner Anfichten auf den Drganismus des 
focialen Lebens kann daher auch nicht über das Unvolltommene 
feines Standpunctes im Ganzen täuſchen oder nicht den Mangel 
einer echten, wahren und unbefangenen philoſophiſchen Betrachtung 
der Geſchichte und ihrer Erſcheinungen erjegen. 

Emannele Kant per Carlo Cantoni, Professore die Filosofia all’ 
Universitä di Pavia. Volume secondo. La Filosofia pratica (Morale, 
Diritto. Politica). Milano, ditta Gaetano Brigola di G. Ottino E. C. 
1883. Volume terzo. La Filosofia religiosa, la Critica del Giudicio e 
le Dottrine Minor. Ulrico Hoepli; librajo-editore, Milano, Napoli, 
Pisa. 1884. 

Dos in biefen beiden Bänden zum Abſchluß gelangte Wert 
des Verfaffers wird weſentlich dazu beitragen einer gründlichen 
Durchforſchung und eingehenden Prüfung der Kantiſchen Philo: 
ſophie in Ztalien die Bahn zu öffnen. Daß die Lehre Kants nicht 

Ziſqrſt. f- Boilof. m. philoſ. Kritit. 87. Bd. 7 





98 Recenfionen. 





frei ift von inneren Widerfprüchen und infofern auch von ihrem 
eigenen Stanbpunct aus, fortwährend kritiſch aufgefaßt und be 
urtheilt werben kann ift eine Anficht und Ueberzeugung, die auch 
unter uns mehr und mehr allgemeine Geltung gewonnen bat. 
Die Lehre Kants ift aber nicht eine fo einfache Formel, die ent: 
weber angenommen ober verworfen und die auch ebenjo wenig 
unter irgend eine fonftige allgemeine Art und Richtung ber Philo- 
ſophie fubfumirt und eingejählofien werden kann. Kant ringt in 
feinen Schriften wejentli immer mit einem beftimmten Ziel des 
Erkennens, weldes er in der fohmerfälligen Sprade und Ter— 
minologie feiner Zeit feftzuftellen verſucht ohne hierbei fortwähren- 
den Mißverftändniffen und Widerſprüchen wirklih aus dem Wege 
gehen zu fönnen. Die Vieldeutigfeit feiner Lehren giebt fih auch 
in den manmnichfaltigen Weiterbildungen und Fortjegungen ber: 
jelben zu erfennen, indem ſich um ihn ähnlich wie um Sokrates 
im Altertfum ein ganzer Kranz weiterer hieraus abgeleiteter 
Richtungen der Philofophie gruppirt. Die Lehre Kants muß 
überall aufgefaßt werden im Lichte einer großen hiſtoriſchen That, 
deren Werth nicht ſowohl in dem was fie unmittelbar ift als viel: 
mehr in den ganzen weiteren aus ihr entftandenen Anregungen 
und Wirkungen befteht. Wir find jegt in das Zeitalter der unbe: 
fangenen und objectiven Würdigung Kants, in den fein Denken 
einfehließenden und begrenzenden Vorausfegungen und Verhält- 
niffen des Entftehens feiner Lehre eingetreten. Diele biftorifch: 
kritiſche Richtung in Bezug auf die Würdigung Kants findet in 
anertennenswerther Welfe in dem gegenwärtigen Werk ihre Ver- 
teetung und es kann daſſelbe überall nur als eine forgfame und 
ſelbſtſtändige Durcharbeitung der ganzen Kantiſchen Gedankenwelt 
angejehen werben. 

Le Ecolesiazuse di Aristofane e la Repubblica die Platone. 
polemioa letteraria nel IV. secolo avanti Cristo. Studio di 
Alessandro Chiappelli, Dottore in lettere. Torino, Ermanno Loescher. 
1882. Roma e Firenze presso la stessa Casa. 

Diefe Monographie ift ein interefjanter Beitrag zu der neueren 

Kiteratur über Plato. Der Verfaſſer gelangt zu dem Nefultat, 


Bayrenther Tafchen Kalender 1885. 99 


daß minbeftens ein Theil ber Bücher von der Republik jener 
Komödie des Ariftophanes vorausgegangen fein müfle Derfelbe 
fließt fich hierbei theils anerfennend theils kritiſch an die An- 
fihten der neueren deutſchen Forſcher, Zeller, Teihmüller, Krohn 
u. A. an und verfteht es mit anfchaulicher Lebendigkeit aus dem 
Weſen der Sache und ber Zeitverhältniffe heraus feinen Aufz 
faffungen eine im Hauptwerke wohl ausreichende Unterſtützung zu 
geben. Eonrad Bermann. 





Bayreuther Tafhen-Kalender 1885. Herausgegeben vom Allgemeinen 
Nichard Wagner- Berein. Münden, Alfred Schmid. FL. 8°, 160 Seiten. 
Die Herausgabe diejes Kalenders beruht auf einer glüdlichen 
Idee des rührigen „Allgemeinen Richard Wagner Vereines” und 
wird gewiß bie Abſicht deſſelben, das Intereſſe für die Sache 
Wagner's in weitere Kreife zu tragen und beren Aufmerkjamteit 
nicht nur auf fein Kunftfchaffen, fondern auch auf bie von ihm 
vertretenen Anſchauungen zu Ienten, förderlich feyn. Eine ein 
leitende Hinweiſung auf den zweihundertſten Geburtstag J. ©. 
Bach's deutet in zwedmäßiger Weile an, daß Wagner nicht als 
eine Spezialität, ſondern als eine Entwidlungsphafe bes deutichen 
Kunſtſchaffens betrachtet werden wolle. Gut gewählte Eitate aus 
Bagners Dichtungen begleiten die einzelnen Monate im Kalendarium, 
in welchem aud wichtige Vorkommniſſe in Wagner’s Leben marlirt 
find; es folgt in gedrängter Kürze R. Wagner’s Lebensgang aus 
der Feber feines bekannten Biografen C. F. Glafenapp, woran ſich 
eine nhaltsüberficht der „gejammelten Schriften und Dichtungen” 
R. Wagners, eine Turzgefaßte Angabe des Inhaltes von R. Wag- 
ner's Schriften, ebenfalls vedigirt von Glafenapp, und Ausiprüche 
Wagners über feine Dichtungen fehließen. Daten über bie Bühnen- 
feftjpiele, Aufjäge über das Bühnenfeftipielhaus (von A. 9. in 
Wien), den Bayreuther Styl (von H. Porges), den Stipendien 
fond (von F. Sch.), eine Ueberſicht der Drganifation des Allge— 
meinen Wagnervereines mit Erörterung darauf bezüglicher Fragen, 
ein Aufiag „Iſt Bayreuth nur für die Reihen“ (von W. Hengfter), 
7° 


100 Recenfionen. 


eine Bibliographie u. a. bilden den übrigen Inhalt des handſamen 
Buchleins, deffen billiger Preis 1 Mark beträgt. 

Belondere Anerkennung verbient der Gedanke, durch kurze 
Inhaltsangaben auf bie Bedeutung der Schriften R. Wagner’s 
hingewieſen und damit in befjerer Art, als durch doch meift von 
Vorurtheilen getrübte Beſprechungen eine eingehendere Beichäftigung 
mit ihnen angeregt zu haben. Aeſthetiker fowohl, als Philoſophen 
werben ihnen ein lebhaftes mehr als bloß theoretiiches Intereſſe 
ſchon der eigenthümlichen Ausgangspunfte wegen nicht verfagen 
fönnen, von welden aus Wagner ihre Gebiete in die Sphäre 
feiner Bethätigung gezogen hat. Um fo fruchtbarer wirb dieſes 
Intereſſe ſich zeigen, je lebendiger fi) aus der Beidhäftigung mit 
Wagner's Anfhauungen im Bufammenhalte mit feinem Schaffen 
die Weberzeugung aufbrängen wird, daß ſich Wagners äfthetifche ° 
und philofophiicde Ueberzeugungen nicht aus der Aneignung von 
Doltrinen und Syftemen gebilbet haben; daß fie auch nicht dem 
Ehrgeize entiprungen find, mit neuen Auffaflungen und über- 
raſchenden Paradorien hervorzutreten, um damit feinem Namen 
und feiner Bethätigung Geltung zu verſchaffen; ſondern, daß fie 
in ber That einem in ihm durch den Wiberftreit feiner Fünft- 
leriſchen Anlage mit der Außenwelt und die drängende Madht, 
mit welcher jene nad Geftaltung und Wirffamfeit rang, laut 
gewordenen, tief in feiner Natur begründeten Bebürfnifie ent: 
fprungen find und diefem gemäß ſich entwidelt haben. 

Die erften künſtleriſchen Produkte Wagners, „die Feen“, 
„das Liebesverbot“ und „Rienzi“ hatten feinem Gedantenleben 
feinen beftimmenben Anftoß gegeben. Sie bewegten ſich im gewohn- 
ten Geleife und ließen Feine Widerfprüche des fünftlerifhen Wollens 
mit dem künſtleriſchen Wirken hervortreten. Solche Widerſprüche 
begannen aber fich in dem Augenblide zu zeigen, da er in feinem 
Schaffen fi felbft gefunden zu haben glaubte und fteigerten ſich 
in dem Maße, als ſich fein ihm innegewordenes künſtleriſches 
Weſen entfaltet. Seinem „Holländer“ wurde „Rienzi“ ver: 
gezogen, fein „Tannhäufer ” fand fein entiprechendes Verſtändniß, 
fein „X